GieheimZamilienbliitter Unterhaltungsbeilage znm Gießener Anzeiger Jahrgang 1938 Hreitag, den 21. Januar Nummer 6 Oer Landvogt von Greifmsee Novelle von Gottfried Keller 1. Fortsetzung. Es versteht sich von selbst, daß von der ungewissen Lage des jungen Mannes hinsichtlich einer etwaigen Verheiratung mehr die Rede und jede Seite der Angelegenheit gründlicher erwogen war, als er ahnte; wie die Bauern den Jahresanfang, je unbekannter ihnen die Zukunft ist, mit desto zahlreicheren Bauernregeln begleiten und befchreien, so besprachen und beschrien die Mütter vorhandener Töchter Salomons harmlosen Lebensmorgen. Die anmutige Salome entnahm daraus soviel, daß an sichere Aussichten und Heiratspläne nicht gedacht werden könne, hinwieder aber ein angenehmer, selbst traulicher Verkehr wohl um so eher erlaubt sei. *• Arglos gab sich Salomon einer Neigung hin, die sich in seinem offenen Herzen bald aufgetan, ohne sich jedoch aufdringlich oder unbescheiden zu benehmen. So kam es, daß wem, das eine der beiden auf dem stets wirtlichen Schloßgute einkehrte, das andere auch nicht lange ausblieb und die Wirkung dieser Vorgänge bloß das unterhaltende Ratespiel der Leute war: Sie nehmen sich! Sie nehmen sich nicht! Eines schönen Tages jedoch schien eine Entscheidung aus dem Boden zu wachsen. Salomon, der sich schon in frühen Tagen allerhand landwirtschaftliche Kenntnisse erworben und dieselben auf seinen Reisen eifrig erweitert hatte, bewog den Gutsherrn, eine Wiese, die an einem sonnigen Hange lag, mit Kirschbäumen bepflanzen zu lassen. Er schaffte die jungen, schlanken Bäumlein selbst herbei und machte sich daran, sie eigenhändig in den Boden zu setzen. Es war eine neue Art weißer Kirschen darunter, welche er abwechselnd mit den roten in Reihen pflanzen wollte, und da es gegen die fünfzig Stück waren, so handelte es sich um eine Arbeit, die wähl einen ganzen kurzen Frühlingstag erforderte. Salome aber wollte sich's nicht nehmen lassen, dabei zu sein und wo möglich zu helfen, da sie, wie sie lachend sagte, vielleicht einst einen Gutsherrn heiraten werde und darum solche Dinge beizeiten lernen müsse. Mil einem breiten Schattenhute bekleidet, ging sie in der Tat mit aus die etwas entlegene Wiese hinaus und wohnte der Arbeit mit aller beflissenen Handreichung bei. Salomon maß die geraden Linien für die Baumreihen und die Entfernungen zwischen den einzelnen Bäumen ab, wobei ihm Salome die Schnüre ausspannen und die Pflöcke einschlagen hals. Er grub die Löcher in die weiche Erde, wie er sie haben wollte, und Salome hielt die zarten Stämmchen aufrecht, während er die Grube wieder zuwarf und das Erdreich in gehöriger Art festmachte. Dann holte Salome aus einer Kufe, die ein Knecht ab- und zugehend mit Wasser füllte, das belebende Element mit der Gießkanne und begoß die Bäumchen so reichlich, als Salomon gebot. Um die Mittagszeit, als der Schatten der Sonne sich um die neu« gepflanzten Bäumchen drehte, schickte die Herrschaft dem fleißigen Paare scherzhafterweise ein ländliches Essen hinaus, wie Feldarbeitern geziemt; es schmeckte ihnen auch vortrefflich, als sie es auf dem grünen Rasen sitzend genossen, und Salome behauptete, sie dürfe jetzt so gut wie eine Bauerntochter einige Gläser Wein trinken, da sie so heftig arbeite. Hiervon und von der fortgesetzten Bewegung, die bis gegen Abend dauerte, geriet ihr Blut in wärmere Wallung; es trat vor das Licht ihrer Lebensklugheit, und diese verfinsterte sich vorübergehend, rote die Sonne bei einem Monddurchgang. Salomon verhielt sich bei seiner Arbeit so ernsthaft und unverdrossen, er führte das Geschäft so geschickt und gewissenhaft durch, dabei war er wieder so gleichmäßig heiter, zutraulich und kurzweilig und schien so glücklich, ohne sich doch einen Augenblick während des ganzen Tages mit einem unbescheidenen Blick oder Worte zu vergesse.n, daß eine holde Ueberzeugung sie durchdrang, es ließe sich wohl, rote dieser Tag, so das ganze Leben mit dem Gefährten verbringen. Eine warme Neigung gewann die Oberhand in ihr, und als das letzte Kirschbäumlein fest in öer Erde stand und nichts mehr zu tun war, sagte sie mit einem leichten Seufzer: „So nimmt alles ein Ende!" Salomon Landolt, von dem bewegten Tone dieser Worte hingerissen, sah sie beglückt an; er konnte aber wegen des Glanzes der Abendsonne, der auf ihrem schönen Gesichte lag, nicht erkennen, ob es von dem scheine oder von Zärtlichkeit gerötet sei; nur leuchteten ihre Augen o»irly allen Glanz hindurch, und sie reichten sich unwillkürlich alle vier Hande Weiteres begab sich jedoch nicht, da der Knecht eben Harke, schaufel und Gießkanne und das übrige Geräte zu holen kam. unter veränderten Gestirnen kehrten sie durch die zierliche Kirschenallee zurück, die sie gepflanzt hatten. Da sie sich nur noch mit verliebten Augen anzusehen vermochten, so verkehrten sie im Hause weniger und behutsamer miteinander, und es wurde hierdurch und noch mehr durch eine gewisse Zufriedenheit, die sie zu beleben und zugleich zu beruhigen schien, deutlich genug sichtbar, daß etwas Neues sich ereignet habe. Jedoch ließ es Salomon nicht manchen Tag anstehen; er flüsterte ihr wenige andeutende Worte zu, die sie wohl aufnahm, und ritt in rascher Gangart nach Zürich, um die Möglichkeit einer Verlobung in beiden Familien herbeizufllhren. Vorerst aber drängte es ihn, der (Beliebten in einem Briefe sein Herz darzulegen, und wie er kaum im Zuge war und das Dringlichste angebracht hatte, stach ihn der Vorwitz, die Festigkeit ihrer Neigung auf die Probe zu stellen durch eine mysteriös bedenkliche Schilderung seiner Abkunft und Aussichten. Die erstere war allerdings, was die mütterliche Seite betraf, von eigentümlicher Art. Seine Mutter, Anna Margaretha, war eine Tochter des holländischen Generals der Infanterie Salomon Hirzel, Herrn zu Wülflingen, der mit feinen drei Söhnen große niederländische Pensionsgelder bezog und damit die bekannte wunderliche Wirtschaft auf der genannten Gerichtsherrschaft in der Nähe von Winterthur führte. Ein am Hoftor statt eines Kettenhundes angebundener Wolf, der wachfam heulte und boll, konnte gleich als Wahrzeichen des absonderlichen Wesens gelten. Nach frühem Tode der Hausfrau und bei der häufigen''Abwesenheit des Vaters tat jeder, was er wollte, und die Söhne, sowie drei Töchter erzogen sich selbst, und zwar so wild als möglich. Nur wenn der alte General da war, kehrte eine gewisse Ordnung insofern ein, als am Morgen auf der Trommel Tagwache und Abends der Zapfenstreich geschlagen wurde. Im übrigen lieh jeder den Herrgott einen guten Mann fein. Die älteste Tochter, Landolts Mutter, führte den Haushalt und die ihr auferlegte Pflicht bewirkte, daß sie die beste unb gesetzteste Person der Familie war. Dennoch ritt auch sie mit den Männern auf die Jagd, führte die Hetzpeitsche und pfiff durch die Finger, daß es gellte. Die Herren übten den Brauch, ihre Gewohnheiten und Taten in humoristischer Weise auf die Wände ihrer Gebäulichkeiten malen zu lassen. So gab es denn in einem Pavillon auch ein Bild, auf welchem der alte General mit den drei Söhnen und der ältesten Tochter, die schon verheiratet war, über Stein und Stoppeln dahinjagt und der kleine Salomon Landolt an der Seite der stattlichen Mutter reitet, eine förmliche Centaurenfamilie. Solche Reiterzüge pflegten zuweilen einen zahmen Hirsch zu verfolgen, der abgerichtet war, vor Jägern und Hunden her zu fliehen und sich zuletzt einfangen zu lassen; das war indessen eine bloße Reitübung; bas wirkliche Jagen wurde unablässig betrieben und wechselte nur mit Gastereien und der Aufführung zahlloser Schwänke ab, die sich selbst auf die Ausübung der Gerichtsbarkeiten erstreckten. lieber all diesem wilden Wesen erhielt sich, wie gesagt, Landolts» Mutter mit Hellem Verstände und heiterer Laune bei guten Sitten, und sie war ihren eigenen Kindern später eine zuverlässige und treue Freundin, während jenes Vaterhaus unterging. Nachdem der alte General im Jahr 1755 gestorben unb die Anna Margaretha ihrem eigenen Hausstand gefolgt war, ergaben sich die Söhne einem täglich wüster werdenden Leben. Ihre Jagden arteten in Raufereien mit benachbarten Gutsherren aus wegen Bannstreitigkeiten, in Mißhandlungen der Untergebenen. Einen Pfarrer, der sie auf der Kanzel angepredigt hatte, überfielen sie, als er durch ihren Forst ritt, unb hetzten ihn, mit Peitschen hinter ihm drein jagend, in den Tößfluß hinein, hindurch, über das Feld, bis er mit feiner Mähre zetfammenbrach und auf den Knien liegend zitternd um Verzeihung bat. Gerichtsboten aber, welche eine ihnen für diese Tat auferlegte beträchtliche Geldbuße abholten, ließen sie auf dem Rückwege durch Vermummte niederwerfen und des Geldes wieder entledigen. Zu der sinnlosen Verschwendung, welche sie trieben, gesellte sich eine Spielfucht, der sie wochenlang ununterbrochen frönten. Herbeigelockten Verführten nahmen sie Hab und Gut ab, gewährten dann aber so lange Revanche, bis sie das Doppelte wieder an die Verunglückten verloren hatten, um ihre Kavaliersehre zu behalten. Zuletzt aber nahm alles ein trauriges Ende. Einer nach dem andern mußte vom Schlosse weichen und der letzte die Herrschaft^rechte und Gefälle, Wälder und Felder, Haus und Hof in eilender Folge dahingeben unb entfliehen. Einer der Brüder geriet so ins Elend, daß er in einem ausländischen Arbeitshaufe versorgt wurde; der zweite lebte eine Zeitlang einsam in einer Wald- hütte, mußte aber, von Schulden geplagt und von Krankheit verwüstet, diesen kümmerlichen Zufluchtsort verlassen und im Dunkel der Ferne verschwinden; der dritte flüchtete sich wieder in den fremden Kriegsdienst, wo ei; auch verdarb. Freilich verließ der wilde Humor die Herren bis zum letzten Auaen- blick nicht. Ehe sie das Schloß Preisgaben, ließen sie von ihrem rufttfen Hofmaler alle dl« Untergangsszenen und Untaten, bis auf das letzte Herrschaftsgericht, das sie abhielten, an die Wände malen; hinter dem Ofen prangten die Titel aller veräußerten Lehenbriefe und Privilegien, und auf einer vom Mond« beschienenen Waldlichtung spielten Füchse, Hasen und Dachse mit den Insignien der verlorenen Herrschaft, lieber der Tür aber ließen sie sich selbst von der Rückseite darstellen, rote sie zuguterletzt, die Hüte unter dem Arm, würdevoll bei einem Markstein über die Grenze der Herrschaft schreiten. Mt verkehrter Schrift stand darunter das Wort „Amen"! Indem Salomon Landolt nun diese bedenklichen Geschichten in seinem Briese an Salome entwickelte, ging er auf die melancholische Befürchtung über, daß das unglückselige Blut und Schicksal der drei Oheim« auch in ihm wieder aufleben und nur dank einem günstigen Sterne seine edle Mutter übersprungen haben könnte. Um so eher dürfte aber, folgerte er, der Unstern fast naturgemäß bei ihm abermals aufsteigen. Dagegen nach bestem Wissen und Gewissen anzukämpfen sei zwar sein inbrünstiger Vorsatz. Allein schon habe er zu bekennen, daß aus seinen Reisen bedeutend« Summen verspielt und nur durch die geheime Beihilfe der Mutter gedeckt worden seien. Bereits habe er auch, mit fremden Mitteln und ohne Wissen des Setters, über sein Vermögen Pferde gehalten, und was bares Geld betreffe, so sei es wohl so gut wie gewiß, daß er dasselbe kaum jemals werde so zu Rate halten lernen, wie es sich für das Haupt einer geordneten Haushaltung gebühre. Selbst die mehr heiteren Charakterzüge der Oheime, di« Lust am Reiten und Jagen, an Schwank und Spatz, seien in ihm vorhanden bis auf den Hang, die Wände zu beklecksen, da er di« Mauern des Schlosses Vellenberg, wo sein Vater Vogt gewesen, schon als Knabe in Kohle' und Rotstein mit hundert Kriegerfiguren illustriert habe. Solches schwere Bedenken glaubt« er als ehrlicher Mensch seiner vielgeliebten Mademoiselle Salome nicht verhehlen zu dürfen, vielmehr ihr Gelegenheit geben zu sollen, den wichtigen Schritt über die Schwelle einer verschleierten Zukunft reiflich zu erwägen, sei es, datz sie dann mit der zu erflehenden Hilfe einer göttlichen Fürsehung es mit ihm wagen, sei es, daß sie mit gerechter und löblicher Vorsicht handeln und mit vollkommener Freiheit ihrer werten Person sich vor einem dunklen Schicksale bewahren wolle. Kaum war der Brief abgesandt, so bereute Salomon Landolt, ihn geschrieben zu haben; denn der Inhalt war im Verlause des Schreibens ernster und sozusagen möglicher geworden, als er erst gedacht hatte, und im Grunde verhielt sich ja alles so, wie er schrieb, obgleich er guten Mutes in die Zukunft schaute. Aber jetzt war es zu spät, die Sache zu ändern, und schließlich empfand er doch wieder das Bedürfnis, Salomes wirkliche Zuneigung durch den Erfolg ermessen zu können. Dieser blieb denn auch nicht aus. Sie hatte sofort, was sich zwischen ihr und Salomon ereignet, der Mutter gestanden; die Neuigkeit wurde mit dem Herrn Vater beraten und die Heirat bei den ungewissen Aussichten des allbeliebten, aber auch ebenso unverstandenen jungen Mannes als nicht wünschenswert, ja gefährlich erklärt; und als nun der Brief kam, riefen die Eltern: „Er hat recht, mehr als rechtl Er sei gelobt für feine biedere Aufrichtigkeit!" Die gute Salome, welcher ein sorgenvolles oder gar unglückliches Leben undenkbar war, weinte einen Tag lang bittere Tränen und schrieb dann dem unbesonnenen Prüfer Ujres Herzens in einem kleinen Brieflein: es könne nicht fein! es könne aus verschiedenen gewichtigen Gründen nicht fein! Er solle der Angelegenheit keine weitere Folge geben und ihr aber seine Freundschaft bewahren, wie sie auch die ihrige ihm allezeit getreulich zudienen lassen werde in allerherzlichster Bereitwilligkeit. In wenigen Wochen verlobt« sie sich mit einem reichen Manne, dessen Verhältnisse und Temperamente über die Sicherheit einer wohl- begründeten Zukunft keinen Zweifel aufkommen ließen. Da war Landolt einen halben Tag lang etwas bekümmert; dann schüttelte er den Verdruß von sich und hielt heiteren Angesichts dafür, er fei einer Gefahr entronnen. Hanswurstel. Der Name derjenigen Liebschaft, welche er Hanswurstel nannte, darf unverkürzt angeführt werden, da das Geschlecht ausgestorben ist. Sie führte den altertümlichen Taufnamen Figura und war eine Nicht« des geistreichen Rats- und Reformationsherrn Leu, hieß also Figura Leu. Es war ein elementares Wesen, dessen goldblondes Kraushaar sich nur mit äußerster Anstrengung den Modefrisuren anbequemen ließ und dem Perruquier des Hauses täglich den Krieg machte. Figura Leu lebte fast nur vom Tanzen und Springen und von einer Unzahl Späße, die sie mit und ohne Zuschauer zum besten gab. Nur um die Zeit des Neumondes war sie etwas stiller; ihre Augen, in denen die Witze auf dem Grunde lagen, glichen bann einem bläulichen Wasser, in welchem die Silberfischchen unsichtbar sich unten halten und höchstens einmal emporschnellen, wenn etwa eine Mücke zu nahe an den Spiegel streift. Sonst aber begann ihr Vergnügen schon mit der Sonntags frühe. Als Mitglieder der Reformationskammer, das heißt der Behörde, welche über die Religions- und Sittenverbesserung zu wachen hatte, lag ihrem Onkel ob, denjenigen Einwohnern, die an einem Sonntage aus den Toren gehen wollten, die Erlaubnis mittelst einer Marke zu erteilen, welche sie den Torwachen abgeben mußten. Denn allen andern war das Verlassen der Stadt an Tagen des Gottesdienstes durch geschärfte Sittenmandate verboten. Ueber diese Funktimr machte sich der aufgeklärte Herr heimlich sehr lustig, wenn sie ihn nicht allzusehr belästigte; denn an manchen Sonntagen erschienen an di« hundert Personen, die unter den verschiedensten Vorwänden ins Freie zu gelangen suchten Noch mehr aber belustigte sich daran die Jungsrau Figura, welche die Bittsteller auf der geräumigen Hausflur vorläufig einteilte und aufftellte je nach der Art ihrer Begründung und sie bann klaffenweife in das Kabinett des Reformationsherrn führte. Dees« Klaffen waren jedoch nicht nach den vorgegebenen, sondern nach den wirklichen Gründen gebildet, die sie den Leuten am Gesicht absah. So stellte sie untrüglich die Lehrburfchen, Handwerksgesellen und Dienstmägd« zusammen, die einen entfernten Kirchweih- und Erntetanz aufsuchen wollten unter dem Vorwande, sie müßten für die kranken Meisterleute ju einem auswärtigen Doktor gehen. Diese trugen alle zum Wahrzeichen ein leeres Arzneiglas, einen Salben« topf, eine Pillenschachtel oder gar ein Fläschlein mit Wasser bei sich und hielten alle solche Gegenstände auf Geheiß des luftigen Jungfräuleins sorgfältig in der Hand, wenn sie oorgelassen wurden. Dann kam di« Schar von bescheidenen Männchen, welche ihre bürgerlichen Privilegien genießend an stillen Wasserplätzen zu fischen wünschten und schon die Schachteln voll Regenwürmer in der Tasche führten. Diese wandten hundert Geschäft« vor, wie Kindstaufen. Erhebung von Erbschaften, Besichtigung eines Häuptleins Viehs und dergleichen. Hierauf folgten bedenklichere Gesellen, bekannte Debauchierer, die in abgelegenen Landwinkeln einer Spielerbande, im besten Falle einem Kegelschieben oder einer Zechgesellschaft zusteuerten; endlich tarnen noch die Verliebten, di« in Ehren aus den Mauern strebten, um Blümlein zu pflücken und die Rinden der Waldbäume mit ihren Taschenmessern zu beschädigen. Alle diese Klassen ordnete sie mit Sachkenntnis, und der Oheim sand sie so gut eingeteilt, daß er ohne langen Zeitverlust diejenige Anzahl, die er nach humaner Raison für einmal tjinauslaffen wollte, absondern und die übrigen zurückweisen konnte, damit nicht ein zu großer Haufen aus den Toren laufe. Salomon Landolt hörte von der luftigen Musterung, welche Figura Leu jeden Sonntag Morgen abhalte. Es gelüftete ihn, das Abenteuer selbst zu bestehen; daher begab er sich, obgleich er als Offizier auch sonst an den Toren überall aus- und eingehen konnte, einstmals zu Pferde vor das Leusche Haus und trat gestiefelt und gespornt auf die Hausflur, roo die wunderliche Aufstellung der Wanderlusttgen in der Tat eben beendigt worden. Figura stand auf der Haustreppe, zum. Kirchgänge schon mandat- mäßig gerüstet, in schwarzer Tracht und mit dem vorgeschriebenen nennen« gütigen Kopftuch, das weiße Marmorhälschen mit dem erlaubten güldenen Kettlein umspannt. Ueberrascht von der feinen leichten Erscheinung, säumte er einen Augenblick zu grüßen, bat dann aber höflich mit kaum unterdrücktem Lächeln um Anweisung eines Platzes, wo er sich aufzustellen habe. • Sie machte einen anmutigen Knicks, und da sie an feiner Frage die schattige Absicht erkannte, fragte sie hinwieder: „3n welchen Geschäften verreiset der Herr?" ,Zch möchte meiner Mutter einen Hasen schießen, da sie am Abend Gesellschaft und keinen Braten hat!" erwiderte Landolt so unbefangen als möglich. „Dann belieben der Herr sich dorthin zu placieren", sagte sie eben so ernsthaft und wies chn zu dem Häuflein der Verliebten, die er an ihrem schüchternen und zärtlichen Aussehen erkannte, wie sie ihm beschrieben worden. Figura verneigte sich abermals vor ihm, als er doch etwas verblüfft zu der Gruppe trat, und eilte dann so leicht wie ein Geist, alles im Stiche lastend, aus dem Haufe und in die Kirche. Als sie verschwuirden war, drückte sich Landolt sachte wieder aus dem Vestibül hinaus, bestieg fein Pferd und trabte nachdenklich dem nächsten Tore zu, das ihm dienstfertig geöffnet wurde. Wenigstens war nun die Bekanntschaft mit dem eigenartigen Mädchen gemacht, was auch dieses gelten zu lasten schien; denn wenn er der Figura begegnete, so nahm sie freundlichst seinen Gruß ab, ja sie grüßte ihn manchmal zuerst mit heiterem Nicken, da sie sich an keine Etikett« band. Einmal trat sie sogar, wie von der Lust getragen, auf der Straß« unoersthens vor ihn und sagte: „Ich weiß jetzt, wer der Hafenfänger ist! Ad:eu, Herr Landolt!" Seinem graben, offenen Wesen tat diese Art und Weise außerordentlich wohl, und sie erfüllt« fein vom Distelfink bereits angepicktes Herz mit einer zärtlichen Sympathie. Um ihr näher zu kommen, sucht« er den Umgang ihres Bruders zu gewinnen, der, gleich ihr, bei dem Oheim wohnte, weil sie von Kindheit an verwaist waren. Salomon hatte erfahren, daß Martin Leu an einer Vereinigung jüngerer Männer und Jünglinge teilnahm, welche sich Gesellschaft für vaterländische Geschichte nannte und in einem Gefellschastshause am Neumarkt ihre Zusammenkünfte hielt. > Es waren die Strebsamen und Feuerköpfe aus der Jugend der herrfchenden Klassen, die unter diesem Titel eine bessere Zukunft und aus dem dunklen Kerkerhaufe der f»genannten beiden Stände das heißt des geistlichen und weltlichen Regiments zu entrinnen suchten. Die Gegenstände der Ausklärung, der Bildung, Erziehung und Menschenwürde, vorzüglich aber das gesährliche Thema der bürgerlichen Freiheit wurden in Vorträgen und zwanglosen Unterhaltungen um so überschwenglicher behandelt, als ja die- Herren Väter schon über eine ausschreitende Verwirklichung wachten und die Souveränität der alten Stadt über das Land außer Diskussion stand; waren ja doch Land und Leute im Lause der Jahrhunderte mit gutem Gelde erworben und di« Pergament« des Staates um kein Haar breit anderen Rechtes als die Kaufbriefe des Privatmannes. Hingegen war die Untersuchung, ob das Recht der Gesetzgebung, das Recht, die Verfassung zu ändern, bei der gesamten Bürgerschaft oder bei der Obrigkeit stehe, ein um so beliebteres Vergnügen, als es nur im geheimen genossen werden mutzte, weil der Scharfrichter mit seiner geschliffenen Korrekturfeder dicht bei der Hand war. Wenn die Bürgerschaft, welche von den Herren als eine der schwierigsten bezeichnet wurde, einmal aufbrauste, so wurde jener schnell zurückgezogen, bis das Wetter vorüber war; nachher stand er wieder da gleich dem Barometermännchen, und die Obrigkeit war wieder das nämliche mystisch-abstrakte Ge- roaltstier wie vorher, das allein von Gott eingesetzt worden. (Fortsetzung folgt.) Pappel im Aauhreif. Von Hans Pflug-Franken. Zerbrechliches Gebild, gehaucht aus Glas, So steht der Pappel weihes Filigran. Doch rührte diesen Baum nur Nebel an, Mit milder Hand, die Zauberkraft besah. Er stand schon Jahr um Jahr im Ufergras, Wie eine Lanze, aufgereckt und steil, Wie Wehr und Wacht und wie ein Sonnenpfeil; Doch nie wie ein Gebild aus hellem Glas. Nur als der Nebelmorgen blau begann Das Land zu hüllen.und den letzten Traum, Geschah es, und es legte sich ein Bann Um alle Dinge und um Zeit und Raum. Und alle Schöpfung hielt den Atem an — Und einsam stand im Tag der weihe Baum. Winter im Benn. Von Heinrich Capellmann. Seit Wochen hat es schon bleischwer und grau über der welkenden Heide gehangen: Treibende Wolkenballen, zerfetzte Nebelschleier, und dazwischen feiner, rieselnder Regen. Aber immer wieder ging es noch einmal vorüber, immer wieder hat es noch einmal gewartet und gewarnt: Seht euch vorl Denn mit dem sinkenden Lichte geht nun auch bald der Herbst zur GnadenI — Das ist dann die Zeit, wo der gemächliche Vennhofer endlich in die Hände fpuckt und den schon längst gestochenen und geschichteten Torf in der schützenden Scheune in Sicherheit bringt und die Dorfbewohner Abend für Abend die Kühe heimholen, weil man nicht weiß, ob am andern Morgen noch ein Hälmchen zu sehen ist. Die Tiere in der Heide aber prüfen dann blinzelnd und mißtrauisch den aschgrauen Himmel: Eija, nun wird's wirklich bald hohe Zeit, die Sommerwohnungen zwischen Ginster und Heidekraut und Wacholder zu verlassen. Und also halten alle ihren Auszug: Die Hasen und Kaninchen und Fasanen und Moor- und Birk- und Haselhühner. Selbst Marder, Wiesel und Mäuse meinen, besser sei besser, und ziehen mit aus in das Dickicht der Fichtenwälder, wo die alte Sau schon längst ihre Frischlinge gesammelt hat. Aber sie alle machen kein frohes Gesicht, denn jetzt kommt bald die Zeit, da es über ihnen in den Kiefern heult und kracht und ächzt und stöhnt, daß man es bis unten im Dickicht und Dunkel des schützenden Unterholzes spürt — und wo man froh ist, etwas Fett auf dem Leibe zu haben. Nur der Fuchs lacht, steckt die spitze Schnauze durch den Spalt eines Wacholderstrauches und schaut dem Auszug mit pfiffigen Augen nach: Wie schön, daß er sie jetzt alle beieinander hat! Da lohnt es sich wirklich, in der Fichtenschonung zuweilen zur Visite zu erscheinen. Und er nimmt sich jetzt schon vor, als erstes der alten hinkenden Hasenmutter da vorne recht bald zu ihrem seligen Mümmelmann im Hasenhimmel zu verhelfen. Die alten Maulwürfe aber steigen besorgt in ihre Gänge herunter und prüfen lange und bedächtig, ob sie auch tief genug sind: denn so ein Vennwinter ist lang und streng und krallt sich oft tief in den Boden. Auch den langbeinigen Fröschen und den behäbigen Kröten deucht es nicht mehr geheuer: tiefsinnig und schweigend sitzen die Grünkittel um die schwarzen Moortümpel herum; der alte, dicke auf dem blanken Randstein gibt den Aufgesang zu einem letzten Quakkonzert, aber sein unfroher Baß findet keinen Widerhall; nein, die Stimmung fehlt; die köstliche Zeit der Fliegen, Mücken und Wasserflöhe ist mit dem Sommer endgültig dahin. Und überhaupt hat es gar keinen Zweck mehr, noch länger zu warten. Ein letzter Hupfer, bis nächstes Jahr! — Und einer nach dem andern verschwindet im aufbrodelnden Schlamm des Tümpels. Aber gefallen tut es ihnen auch nicht da unten; denn schon steigt aus der Tiefe ihr letzter quirlender Seufzer! Da ist der Hamster schon besser dran, der macht kurzerhand Schluß, stopft einen Wasen in die Tür zur Oberwelt und macht es sich neben seinen Hafer- und Weizenvorräten, die er nachts dem Vennhofer mit vollen Backen gestohlen hat, bequem. Mag es jetzt da oben toben und heulen und pfeifen, daß die ohnehin windschiefen Föhren sich noch tiefer zur Erde neigen, ihm tuts nichts, und fein Vorrat reicht bis zum nächsten Frühjahr vollauf. Es ist ein Glück, daß sie sich alle auf die Beine gemacht haben: denn schon kommt es jetzt von oben herunter in tänzelnden, schwebenden Flocken — leise, unhörbar. Aber noch ist auf der Heide nichts davon zu sehen; durstig trinkt sie das feine weiße Gerinnsel ein, es fällt zwischen die Heidekrautbüsche und verdorrten Wollgräser bis hinunter auf die quellenden Moorpolster. Doch gemach, es ist ja auch erst der Anfang. Jetzt hebt sich sachte ein Westwind, wird stärker und stärker, und zuletzt bläst er mit vollen Backen in die prall gefüllten Wolkensäcke. Hei, wie's da herunter stiebt, dichter und immer dichter. Cs tanzt und wirbelt und jagt sich um die Wette, um nur gar recht bald unten zu sein. Und allmählich wird die herbstlich braunrote Heide grau und dann weiß und immer weißer, und die fürwitzigsten unter den Sträuchern und Sträuchlein tragen schon eine weiße, weiche Wintermütze, und die hohen Birkenbüsche einen großen, weißen Hut. und sie alle, alle werden ganz kleinlaut und verbeugen sich demütig und tief vor dem gestrengen Herrn, der jetzt seinen Einzug hält — und es schneit und schneit! Tot wird es jetzt auf dem Venn, still und tot und einsam, hoch und weiß und weit liegt der Schnee wie ein leuchtendes Bahrtuch, und doch wieder gütig letztes Leben behutsam schützend. Nur zuweilen steuert noch ein verspätetes Krähenpaar mit eiligem, taumelnden Flügelschlag darüber hin Ihr heiseres Gekrächze hängt einsam und verloren in der dunstigen Luft. Mit leisem Flimmern ziehen sich die Farben des Abends durch das Venn: Blaue und graue, weiße und rötliche und laiche, für die es keine Namen gibt. Sie schmiegen sich in di« dunklen Wellen des Bodens und ziehen dann weiter wie weiche, schwebende Schatten oder bunte Schleier. Am fernen Himmelsrand aber lagern langgestreckte, dunkle Winterwolken wie Trauerflore an fernen Toren. Feiner weißer Nebel steigt jetzt in der Ferne auf, und den kleinen Bachläufen folgend, kommt er langsam näher, quillt über die Heide und hüllt alles ein wie ein ahnungsvoller Traum. Langsam erscheinen am Himmel die Sterne, und das große Schweigen der Nacht senkt sich auf das schlummernde Venn. Einsam liegt es jetzt und tot; bis zum fernen Fichtenhochwald ohne Weg und Pfad — schweigend, voll lastender Stille. Und die jetzt nächtens darüber müssen, schlagen ein Kreuz und spähen scheu um sich, wenn neben ihnen, vom Ginsterstrauch, eine Eisperse raschelnd zu Boden fällt. Wenn aber irgendwo in der Ferne ein Hund heiser in die Nacht hinaus bellt, so klingt es dem einsamen Wanderer wie liebliche Musik; denn jegliche Schönheit der Natur wächst zum Schauer, wenn die Spuren der Menschen erlöschen. Aber am Morgen, wenn die klare Wintersonne über den fernen Wäldern aufblitzt, dann feiert auch das Venn seine Auferstehung; dann leuchtet und funkelt und glitzert es in den köstlichsten Farben, dann glühen seine Höhen in herrlichem Rot, während es noch in den Tälern der kleinen Flußläufe schlummert wie blauer Opal. Und mit der wandernden Sonne wandern und wandeln sich die Farben, und sie vermischen sich und fließen ineinander und leuchten und glühen, bis sie allmählich erblassen und langsam ersterben: Sieghaft steht die Sonne über dem strahlendweihen Venn. Auch für das Venndors ist der Winter gekommen. Die schwere Arbeit draußen ruht, denn Felder und Weiden und Wiesen sind verschneit, und das große und kleine Vieh steht wohlgeborgen in den seuchtwarmen Ställen. Dann sitzen die Vennbauern, Knechte und Mägde, länger hinter dem großen Küchentisch als sonst. Wenn aber der Abend kommt, und die Stube schummerig wird, dann rücken sie sachte näher beieinander, besonders das junge Volk, und sie erzählen alte Geschichten von Teufeln und Geistern, und der alte Huppert schwört auch jetzt noch darauf, daß es falsch und gefährlich sei, eine verunglückte Torfkarre am selben Tage aus dem Graben herausziehen zu wollen. Und dann sprechen sie von schaurigen Unglücksfällen, von Mord und Brand und Kriegen in früherer Zeit, und vom Vieh, und wie es besprochen werden muß, wenn es krank ist. Ja, und den Schmuggel vergessen sie auch nicht, und wie man es machen muß, um nicht erwischt zu werden. Potztausend, wie sich da oft die Balken biegen! Mittlerweile ist es aber dunkel geworden. Die alte Matthesjoseftrine schlurft zur Stubenecke und hebt die kleine Oellampe vom Eckbrett. Der zinnerne Teller wird in die Tischmitte gerückt und von irgend einem Schrank aus fliegt klatschend eine abgegriffene Spielkarte auf den Tisch. Ei, wie die Alten da munter werden; sie räuspern sich, stopsen die Pfei- fen neu und rücken umständlich näher. Die behäbige, breite Frau Satte« mand aber setzt eine mächtige Tasse Kaffee neben sich und mischt schon, damit keine Zeit verloren geht, denn sie spielt sündhaft gern mit den Karten, wenn sie auch sonst eine kreuzbrave Frau ist. Nebenan in der guten Stube aber ist der dickbauchige Tonnenofen ordentlich mit Torf gespickt, dort sitzen die Burschen und Mädchen, das junge Volk. Und einer nimmt die silberbeschlagene Ziehharmonika, setzt sich behäbig in den Großvaterstuhl, schlägt das rechte Bein über das linke, als wenn er Recht suchen müßte, und beginnt zu spielen. Hei, wie sie da alle munter werden: Rasch den Tisch in die Ecke und die Stühle. So, nun kann der Felix beginnen. Und sie spielen und tanzen gut, der blasse Neid muß es ihnen lassen, und die Mädchen versichern, daß es Überhaupt keine bessere Tanzmusik geben könne. Und nachher wird bann geschäkert und gelacht. Es macht ihnen gar nichts aus, daß die Türe zur Küche sperrangelweit geöffnet ist, denn die muntern Alten find jetzt scharf beim Spiel und haben keine Zeit mehr, einen*' abwegigen Blick zu tun. Draußen aber pfeift der Wind um die hohen Buchenhecken, und an den kleinen Stubenfenstern vorbei rieselt der Schnee — Winter im Vennl Höflichkeit. Von Sigismund von Radecki. Bekannt ist die Geschichte von den frierenden Igeln. Die Igel wollten es wärmer haben und rückten näher zusammen, daß ihre Stacheln sich durcheinandermischten, bis die Stacheln des einen fast die Haut des anderen Igels berührten. Da hatten sie es warm. Wollten sie es aber noch wärmer haben und rückten noch näher zusammen, so stachen sie sich und fuhren auseinander. Da sahen sie wieder in der Kälte. Dieses, sagte man, ist ein Bild der menschlichen Höflichkeit: Entspringend dem Bedürfnis nach warmer Nähe, hat sie sich gerade noch unter der Stachelgrenze zu halten. So gut dieses Bild nun zeigt, daß individuelle Stacheln bei Behutsamkeit einen warmen Gemeinschaftspelz abgeben befriedigt es dennoch nicht ganz. Denn erstens gibt es eine Höflichkeit, bei der Stacheln und Kälte gar nicht mitspielen, sondern allein nur noch die Menge, z. B. auf der Untergrundbahn: „Tritt mir nicht auf den Fuß, so tret' ich dir nicht auf den Fuß" Alle Herden sind friedlich. Das heißt, wenn man will, höflich. Und zweitens gibt es tiefere Ursprünge der Höflichkeit. Zur Liebeszeit läßt der Löwe der Löwin bei der Fütterung den Bortritt. Das ist bei seinem Löwenhunger hochanständig. Dieses hat einen sentimentalen und zugleich einen natur- wirtschaftlichen Grund; denn die Löwin ist auch objektiv wertvoller und schutzbedürftiger geworden: sie trägt die Löwen der Zukunft. Don nun an gehi's auch ohne den Löwen, doch ohne Löwin stirbt die Sippe aus. * Höflichkeit ist eine befreiende Fesfel: sie gibt einem die Möglichkeit, alles zu sagen (was die Grobheit nie zustande brächte). Das hat mit dem Geheimnis der Form zu tun, und also mit der Kunst. Die vollendete Wut ist die höfliche Wut. Zum Beispiel: Alte Dame (fragt denselben Gepäckträger zum siebzehnten Mal«): „Ach, bitte, ist dies wirklich der Zug nach Liverpool?" Der Gepäckträger! „Madam — das Kursbuch sagt es, der Schaffner sagt es, die Aufschrift sagt cs. und auch ich tage es . mehr kann ich Ihnen nicht sagen." 1745 gab es zwischen Franzosen und Engländern die blutige Schlacht bei Fontenoy. Als die gepuderten Bataillone aufeinander lasmarfchierten und bereits in Schußnähe kamen, salutierten die Offiziere beider Fronten mit dem Degen und boten, jede Seite der anderen, den Vorrang der ersten Pelotonsalve an! Irgend jemand gewann die Schlacht, irgend jemand verlor sie: um was es dort ging, ist längst unwichtig geworden. Geblieben ist nur eines —: dieser Degensalut-mit dem eleganten „Nach Ihnen!" im Augenblick von Leben und Tod. Es war ein grandioser europäischer Sieg, der bei Fontenoy. Ein Sieg der Höflichkeit. Die Höflichkeit eines ganzen Volkes macht auf mich stets den Eindruck eines großen sozialen Kunstwerkes — zur Vermehrung von Glück. Es ist die lächelnde Uebereinkunft, so zu tun, als ob wir bereits Engel, als ob wir alle bereits selig seien. Eine Lüge? Dann ist auch jede Kunst eine Lüge, jedes Spielen der Kinder, oder etwa der Spruch „Es geht mir von Tag zu Tag besser und besser!" Doch es geht ihm eben deshalb wirklich besser, und siehe, der Höfliche wird wirklich höflich! Höflichkeit ist die kühne Vorwegnahme eines noch nicht realisierten Ideals, eine genial gebaute Zentralröhrenleitung für Herzenswärme, ein unmerklich veredelndes „Als Ob". Sie wirkt auf den Menfchen wie die Politur auf das Holz, die erst dessen herrliche Maserung sichtbar macht. Das Problem der deutschen Höflichkeit wird im „Faust" gestreift: „Du weißt wohl nicht, mein Freund, wie grob du bist?" — „Im Deutschen lügt man, wenn man höflich ist." Das ist es: wir halten Höflichkeit für Falschheit, verwechseln Höflichkeit mit Herzlichkeit und „fallen dann herein." Aber man hat uns gar nicht hetrllgen wollen, sondern wir haben nicht begriffen! Herzlichkeit ist etwas Individuelles, Höflichkeit dagegen eine Gemeinfchaftsform: wenn ein Perser uns sein ganzes Haus zu Füßen legt, wäre es verfrüht, die Transaktion notariell eintragen zu lassen. Anderseits verwechselt man Höflichkeit mit Manieren, wiewohl „Gestatten Sie den Mostrich" weniger Höflichkeit als falsches Deutsch ist. Es -gibt gewisse Ideale, die an und für sich groß sind, deren Verzerrung uns jedoch zu keiner wahren Höflichkeit kommen läßt. Wir sind das Volk der Sachlichkeit, und „auf deutsch" gesagt heißt „geradeheraus" gesagt. Doch von da ist es nur noch ein Schritt, Grobheit als Tugend zu betrachten. Dazu kommt ein gewisser antihöflicher Menschentyp, der feit Jahrzehnten in der europäischen und amerikanischen Literatur umgeht. Das ist nämlich der herbe, wortkarge Mann, der seine Gefühle schamhaft hinter einer, unsäglichen Grobheit verbirgt. Grobheit wurde zum Gradmesser der Gefllhlsstärke. „Polternder Alter" hieß einst ein Bühnenfach: diesen könnte man mit „polternder Junger" bezeichnen. Der Typus entstand in England, sprang auf den Kontinent über und breitet sich jetzt über die ganze Welt in der Person des Herrn Clark Gable aus. Aus Sachlichkeit Haffen wir den üleberfchwung. Aber nichts Großes geschieht ohne dieses „Genug ist nicht genug!" — Kein Opfer im Gedicht, kein Opfer in der Tat. Und zu den größten dieser großen Dinge gehört das Verhältnis zum Weibe. Wir fürchten unsachlich zu werden, allein die Leidenschaft sagt „Man kann eine Frau nicht hoch genug überschätzen". Höflichkeit ist die Kunst, einen gewissen Grad verehrbarer Verliebtheit als gebräuchliche Form aufzuprägen. Oer Schnelläufer. Von Josef Winckler. Wir wohnten damals .noch in der alten Thomasstahl Kempen, wo mein Vater Bürgermeister war. Dem Rathaus mit feinen gelallten Bogen am lindenbepflanzten Marktplatz schräg gegenüber lag unsere Wohnung mit einem Vorgärtchen. Jeden Morgen mußte ich von diesem Marktplatz an der Pfarrkirche vorbei über die Hülser- und Burgstrahe zum gewaltigen finstern Backsteingebäude, einer alten Bischofsburg, wo der Gymnasialdirektor Pohle herrschte, so daß ich jeden Giebel und jedes Fenster des Weges kannte. Es war für mich keine schöne Zeit, weil ich soeben mal wieder sitzen geblieben war. Also kann es nur um Ostern gewesen sein, als die folgende denkwürdige Geschichte geschah. Meine jüngste Schwester — wir waren drei Geschwister — litt an Kinderlähmung, mußte in einem Stühlchen gefahren werden und saß diesen Tag gerade im Vorgarten wie ein Vogel in seinem Bauer. Plötzlich: „Bum, bum ... bittä Vorsicht, gleich gommt der Schnelläufer!" „Bum, bum ... bittä Vorsicht, gleich gommk der Schnelläufer!" „Bum, bum ... bittä Vorsicht, gleich gommt der Schnelläufer!" Durch die verschlafene sonnige Stille des niederrheinischen Städtchens schallte von der Apotheke her um die Ecke immer lauter dies dumpfe Pochen und dazu die krähende Stimme. Meine Schwester in ihrem Wägelchen guckte zuerst ungläubig über das Vorgärtchengeländer und lachte, ob wir Jungen am Ende wieder einen neuen Streich spielen und den ganzen Markt in Aufregung bringen wollten. Aber schon gewahrte sie eineübernatürlich dicke Frau, weil diese große bunte Bilder auf Brust und Rücken trug, nein, es mußten riesige Hampelmänner sein, und mit einem Holzhammer an die Haustüren pochte: „Bum, bum —I" Da krähte sie schon näher mit lauter Stimme wieder dreimal: „Bittä Vorsicht, gleich gommt der Schnelläufer —!" Jetzt hatten auch wir den aufwühlenden Lärm hinten in der Küche vernommen, wo wir Kastanien schmorten und stürzten offenen Mauls ins Freie. Der Apotheker Hucklenbroich schob im weißen Kittel die Blend- läibeii seines Schaufensters auseinander, der Tuchhändler Gierkes stand mit der Brille in der Hand, Fina Lohschekders erschien im. Unterrock, die beiden Tanten Kobbens liefen unter den Lindenbäumen mit Kaffeemühle und Strirfftrumpf: „Gütiger Gott, was postiert nicht alles in der Welt?" „Bum, bum ... bittä Vorsicht, gleich gommt_..." schallte der Hammer bei Bockenhüskes, unfern Nachbar, aber der Schluß ging im Kreischen der Haustüren schon unter, die fremde Frau schlug an unsre Holzblenden der Fenster, um nicht ins Vorgärtchen zu müssen: „Bittä Vorsicht ..." indessen wir die Bilder auf ihrem Leib anftarrten, die in rotgewürfeltem engen Zeug einen ungeheuerlich laufenden Mann mit grünem Spitzhut zeigten. Dicke Unterschriften verkündeten: „Signore Allegri, Weltfchnell- läufer! Gelaufen vor seiner Majestät dem Kaiser von China, dem Großmogul, dem Pascha, dem Papst, dem König von Spanien, mit dem Löwenorden dekoriert von Seiner Hoheit, dem Fürsten von Salvana. Läuft schneller als der Vogel Strauß!" „Donnerwetter", sagte mein Bruder, „der kann was." „Ob er die Erlaubnis vom Vater hat?" fragte ich. „Wenn es nicht gefährlich ist, möchte ich wohl auf die Straße geschoben werden", rief das Schwesterchen. Die Frau aber verstand nicht, ihr Holzhammer pochte die Leute hervor, ihr Krähen schreckte alle Seelen wach, Dutzende Menschen besprachen neugierig ringsum das Ereignis. Da trug ein fremder Knabe an einer Stange ein Schild mit der Aufschrift: „Es wird siebenmal gelaufen: Marktplatz — Pfarrkirche — Hlllfer Straße — Burgstraße — Gymnasium und zurück Paterskirche — Hörsteler Straße — Marktplatz. Jeder zahlt nach Gefallen an der Kunst!" Da kam der Professor Grote vorüber, der gelehrteste Mann der Stadt, er blieb beim Vater Bockenhüskes stehen und sagte: „Allegri ist echt Italienisch und bedeutet „schnell" — der Mann muß also in der Tat sehr schnell sein —, vielleicht liegt’s in der Familie, daß er so heißt." Dies Wort ging sofort in der Runde, und wir hörten bereits: „Professor Grote hat ihn in Italien gesehen — er ist wahnsinnig schnell ..." Der Buchbinder Garringer stellte zwei Stühle vor die Treppe, für seine Frag und sich. „Stehenbleiben, stehenbleiben!" riefen ein paar Kinderstimmen einer Bauernkarre zu, die aus einer Gaste biegen wollte, und verdutzt anistelt. Jetzt öffnete Herr Gonfers über dem Bogen des Rathauies sein Fenster und hielt sonderbarerweise nicht das Gesicht, sondern mit der Hand um die Muschel ein Ohr hinaus — wahrscheinlich schrieb er dabei mit der andern Hand weiter. „Jeder erzählt dem andern, was er sah" rief Anton Bockenhüskes und eilte Richtung Burgftraße, wo er an der Ecke sich aufpflanzte, um Hülser Straße und Burgftraße von ihrer Winklung beide im Gesichtsfeld zu behalten. Ich selber überlegte, ob ich flink den Kirchturm hinauf sollte, vom Brandfenster jeden Schritt zu sehen, aber der Schnelläufer konnte im Schatten der Häuser laufen, und so stob ich noch weiter Es konnte losgehen. „Bum, bum — bittä Vorsicht, gleich kommt der Schnelläufer", klopfte die Frau gerade am großen Haus von Herrenfeld, daß sofort auch alle vom Laden auf dem Geländer faßen. Pohle Heinrich, der nachher Uni- oerfitätsprofeffor wurde und damals schon in Mathematik „Sehr gut" hatte, stieß mit seinem Notizbuch zu mir: „Bei einem Kreis durch die Stadt von 1700 Meter und Sprung 3,50 Meter, die er glatt nimmt, kann er in drei Minuten ..." „Er soll eher herum sein, als ein Karussell sich einmal dreht, hat mein Vater gesagt", tat ich geheimnisvoll unterrichtet. „Ich werde ihn noch schneller ausrechnen." Es gab damals noch wenig Sport, und. zwei fremde Herren, die zum Bahnhof gingen, es schienen Musterreifende, unterhielten sich: „Armhaltung ist besonders wichtig ..." „Man muß Ablauf aus Kauerstellung nehmen (Tiefstart), kurz und scharf bei erst niedrigbleibendem und sich dann langsam zur Laufhaltung aufrichtendem Körper und den Sprungfuß ..." Mehr verstanden wir nicht. Auf einmal ein saufend funkelndes, mit hundert silbernen Schellen bimmelndes, klingendes, klirrendes, läutendes Luftspiel, sogar vorn auf gebogenen Sch nabel spitz en der roten Schuhe tanzten Glöckchen die Spitzen der Ellbogen stießen Glöckchen, rund um die Hüften hüpften Kränze von Glöckchen, der grüne Spitzhut schüttelte Glöckchen, in beiden Händen schwangen rasselnde Kastagnetten und grell schrie es wie ein wieherndes Pferd: „Allegro! Allegro!" Der Schnelläufer warf den Kopf in den Nacken, die Brust vor, und dabei gingen und hingen die Beine waagrecht hinten und vorn hoch über dem Boden, so ritt er verzaubert in der Luft — eine sausende Spinne — eine laufende Schere — immer ein Schrei: „Allegro! Allegro! Allegro!" Da drüben erschienen atemlos rennend mein Bruder, Anton Bockenhüskes, Paul Kobbens, ein ganzes rasendes Rudel von dreißig Jungen, und wie eine Uhrfeder fdjneilte ich selber durch ein Ouergäßchen zum Markt voraus, wo der Kreis sich schließen und der Wundermensch im Nu erscheinen mußte. Wir alle hätten ja am Fleck verharren können, es war sinnlos, ihm nachzulaufen, und dennoch immer weiter ihn aus den Augen zu verlieren, ihm gar den Weg zu sperren, wenn er abermals austauchen würde. Aber/t riß alles blindlings hinter sich her. Schon sah ich meine Schwester im Wägelchen an der Ecke der Apotheke, Herr Hucklenbroich stand im weißen Kittel daneben — das Bimmeln, das Klingeln, das Zimbeln, das Klirren und Läuten und Klappern nahte herein, Gejohl und Geschnaufe der nachhetzenden Meute orgelte wie eine dunkle Sturzwoge, und hinter dem Rudel der Jungen und hindurch und voraus und auf den Fersen des Schnelläufers die drei großen Metzgerhunde von Schlünkens, weiß (Bott, woher sie's gerochen, wie sie an der Kelte sich losgezerrt, jetzt waren sie da, und der Schnelläufer sah sie nicht, und fielen ihn rücklings an, mir gingen vor Entsetzen die Zähne selber mit los, er schlug fopfoorn aufs Pflaster. Niemand kann heute mach Näheres über das Unglück sagen, als daß sie den Blutenden in die Apotheke trugen. Er murmelte immer noch: „Allegro ..." und fei ein ganz dürres Männchen gewesen, das sich den grauen Bart schwarz gefärbt halte: vielleicht ein entlassener Zirkuskünstler, der Letzte, den wir gesehen, fein Gewerbe ist ausgeftorben. Vor der Apotheke aber stand gaffend jenen ganzen sonnigen Nachmittag noch der dunkle Hausen aller Jungen aus der Stadt. Derantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Derlag: Drühlsche Universitätsdruckerei R. Lange, Gießen.