Zahkgang 1958 Montag, den 20. Juni Nummer 47 mürbe, oria[. Heils- >e|on= n bei argen argen chast- Mellt ungs. rnben ! non San leibet unb, ■ einig die nenbe l und m als msge- Hiebe- Jludjt- auf traben erliche jligeln Bur- ßanb- in bet buch lieber- r Unis zur Welp lanb t Erich für Hs im gegen .Ich' biefem Mn- >n im. >aftung uieltr O Belfer' onbem ( mfech., inmüit' 1 , -wenn * Burgen j ürevem I hl«1 en W| Will»! Nl feite* I nW| jätetet I baute”' nieder sich i”! Öl* Mi tfrf w11 >oei eie ff «ep jho *"! W an?' C fi ■inerl $ Lady Reffet Stanhope EINE FRAU OHNE FURCHT Von Maria Josepha Krück von poturzyn Copyright by Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart 7. Sortierung. Vor Jerusalem tag ein Dorf zwischen Weingärten unb Oliven- läumen, bas alte Arimathia. Es war ber Sitz bes Scheichs Abu Gosch, ier bie Schlüssel von Jerusalem verwaltete unb bies in freier Willkür urch Zoll unb Steuern jebem Pilger verstänblich machte. Er hatte ein Mk von vierzigtausend organisierten Räubern. Jebem trotzte er, ob gläubig ober ungläubig, unb bie Pilger atmeten erst, wenn sie ohne Lörperschaden, an seiner börslichen Residenz vorbei, in bie Stabt gedrungen waren. ! „Nun, Michael, habe ich recht behalten?" | Bruce kann nicht wibersprechen, aber er fragt Meryon im Vertrauen, I Schicht bie ärztliche Wissenschaft gewisse Sonderbarkeiten nach Schiff- I "tuchen festgestellt habe, insbefonbere in Frauengemütern? ! Meryon ist in seiner Ehre getroffen. Die Gesundheit von Mylaby V sein spezielles Ressort, unb er versichert, baß sie nichts zu wünschen j ‘Ifig lasse, er selbst kümmere sich barum! Bruce seufzt unb schweigt, f*er seine Sorge wächst, als sie weiterziehen. — | Wieber muß er sich in Jerusalem mit einem Kloster begnügen, ge° I “innt von ber Freunbin mit Meryon schlafen, besten pebantische Art ii ?n .°uf bie Nerven fällt; währenb er bann, am hellichten Tag, bie ver- || [Midjen Blicke reifender Lanbsleute ernten barf, bie barüber spotten, II M Pitts Richte in türkischen Kleibern, mit ihrem Liebhaber an ber jäte, lächelnb burch Jerusalem reitet. Er ist frof), als bie Stabt hinter 9” en liegt. Durch steiniges Laub, in brütenber Hitze, über Flüsse mit römischen «men, burch Stäbte barbarischer Herkunft' unb Burgen aus Kreuz- ilrerzeit führt Hefter mit glücklichem Antlitz, unermüdlich wie ber Reiter «res Pferbes, bas nach bem heimatlichen Hofe strebt. Es^kümmert sie fsck, wenn unter ihrem Kopfkissen ein Skorpion übernachtet hat, sie >!>sttigt sich über Meryon, ber vor giftigen Würmern warnt. Rur ein- < — in Nazareth — strauchelt ihr Pferd, so unwahrscheinlich es ist: sollt unb verstaucht sich ben Fuß. Doch als zwei Wochen vergangen, E^Zt sie mit bem Pascha von Akkon, besten Finanzminister Mylaby ’Ve Nase, einäugig unb mit einem Ohr empfängt — weil ber Herr, er schlechter Laune ist, sich solcherart betätigt. In ber geheimen 'Ulwihek einer Moschee wühlt sie in Büchern, bie sonst keinem un- wubigen Auge sichtbar werben. Denn plötzlich ist sie von Leidenschaft W alte Manuskripte erfaßt — wo sie doch bisher verachtete, Bücher £ esen. Schon kann sie Türkisch unb Arabisch unterscheiben unb versteht, •w-oor ihr her, von Stabt zu Stabt, von Munb zu Munb, gerufen ij,1?- »Die Prinzessin tommtl So ist schön wie ber Monbl Unb ihr Jti>f)tum hat keine Grenzen ..." inb schlief nicht ben Schlaf ber Gerechten. Aber wenn er heimlich aus Ifmem Zelt äugte, saß Abu Gosch bei bem großen Lagerfeuer, unbeweg- dh, rauchenb, burch bie ganze länge, neblige Nacht. Kein Härchen fehlte m Morgen. Hefter ließ Geschenke zum Abschieb verteilen mit einer Sicherheit, als habe sie nie anberes benn Bernsteinpfeifen unb türkische Men verschenkt. Unter ben Orangenbäumen von Saiba, im blauen Glanz bes Libanon Zeichen Boten von Emir Beschir bie Kawalkabe. Emir Beschir ist, obwohl selbst ein Turke, Prinz ber Drusen, nennt sich Christ unb trinkt 7" den Christen gewissenhaft Wein; ist mit bem Propheten verwandt unb Mit sich -inen Harem Er ist ber Mann, ber seinen eigenen Ressen bte Augen ausstechen ließ, bamit sie nie an seine Herrschaft rühren. Im Herzen bes Libanon hat er sich einen Palast erbaut, ber große Saat eme«nZ)e?ek,DOn Acher Herrlichkeit, baß sie bem Künstler nach voll- nf bie, re7.‘e Hand gekostet hat — bamit niemanb sich eines »lachen Kunstwerks rühmen könne. Emir Beschir läßt Mylaby bitten sein .Gast zu fein, unb fenbet Sotoaten, Kamele, Maultiere unb Pferbe zu ihrer Eskorte. - „Wir gehen natürlich!" sagt Hefter. ™mUhb^r^lfeÄn9e stürzeübe Waster, schmalen Graten entlang, geht ber Weg. Im fteigenben Morgen bes zweiten Tages steht vor ihnen aus brei nabelspitzen Felsen erbapt, ber „Palast bes Mondes" Gewun- bene Reitwege fuhren hinauf, künstliche Wasserfälle entspringen ben r”2n Zypressenwalbern gesäumt. Aus schimmernd grünen Terrassen erhebt sich weißes Gemäuer in horizontalen Linien, halb persisch, halb türkisch, halb maurisch ist ber Stil; bas Abendland wird burch einen Blik- ab Leiter vertreten. ° Einen ganzen Tag lang schweigt ber Mann mit dem Adlerkopf und den unheimlich hellen Raubtieraugen. Schweigend bietet er Eis Pfeifen unb erlesenes Essen. Neben seinem Thron steht ein hagerer Minister: Hamaady, mit dem Amte bes Henkers. Am Zweiten Tag erlaubt Seine Herrlichkeit, baß Mylaby, aber nur fte allein! — durch ben märchenhaften Luxus seines Harems geht. „Wenn wir dabei sein könnten!" seufzt Meryon zu Bruce. Dessen Laune wird schlechter von Tag zu Tag. Er streitet mit Meryon über Probleme klassischer Kunst, arabische Pferde — schließlich über das Wetter; unb geht mit zorniger Miene durch die hängenden Gärten. Wenn er nach dem Abendessen mit Hefter das Schauspiel der Sonne bewundert, bte hinter Zypern ins Meer taucht, bleiben seine Worte nicht sanft. Ah! In einem Märchenschloß auf bem Libanon fein, mit einer yrau, die er liebt, wie er nie wieder lieben wird, die feine Hand verschmäht unb von der er nicht lassen kann — obwohl er für sie zum Reisebegleiter herabgesunken ist! Bei Mohammed oder allen Heiligen! Das soll ein anderer aushalten. „Hefter! Mit bem türkischen Bonzen sprichst du stundenlang — unb mit mir — „Spricht keine von seinen Frauen! Armer Michael! Äber wenn sie sehen wurden, wie hübsch du bist ..." „Als ob ich die albernen Puppen.meinte!" Hefter legt den Finger an ben Mund unb nickt geheimnisvoll: „Wenn du eine Ahnung hättest, wie die Puppen aussehen .. So weiche Haut und herrliche Parfums ... Ich schwöre dir, Bruce!" Meryon mit seinem schwarzen Bart und türkischen Kostüm wird zwischen den Lauben sichtbar, Hefter beeilt sich, ihn zu rufen: „Doktor! Habe ich nicht recht, sind die Türkinnen nicht schön?" Meryon hüstelt und meint gewichtig: „Ich hatte natürlich nur durch meine Praxis in Konstantinopel Gelegenheit — in diesen Fällen allerdings, Mylady — soweit ich sehen konnte — haben Sie recht." „Mr. Bruce glaubt mir nämlich nicht, Meryon." Und Hefter schritt davon mit ihrem unschuldigen Lächeln, während Bruce bie entsetzlichsten Flüche über alle Paschas, Harems und afia> tischen Burgen sprach. Aber bald erlebt Bruce seinen ersten Triumph. Emir Beschir nämlich läßt „Ihre Herrlichkeit Mylady" wissen, man erwarte Geschenke in ber Höhe sämtlicher Unkosten für bie europäischen Gäste ... Hefter gibt zweimal soviel unb bestehlt Ausbruch beim nächsten Morgengrauen. Der Drusenprinz verbeugt sich tief und mißtrauisch. Ahnt er, daß diese Frau noch einmal seinen Weg durchkreuzen wird? — Durch die Dörfer bes Libanon ziehen sie, das Gebiet der geheimnisvollen Drusen. Düster ist die Landschaft, ernst sind die Menschen. Cs heißt, sie stammen von einem Grafen Dreux ab, ber mit Gottfried von Bouillon ins Land gekommen unb eine Mohammedanerin geheiratet hat; andere behaupten, Lots Töchter seien ihre Urmütter. Sie glauben an eine Wanderung ber Seelen von Körper zu Körper, sie teilen sich in zwei Kasten: Wissende und Unwissende. Die Bibel, ber Koran unb ihr eigenes Geheimbuch sind ihnen heilig. Geheimnisvoll ist der uralte Kult, kein Andersgläubiger wird je erfahren, was in den nächtlichen Diensten Wort und Antlitz ihres Gottes ist. Starke, braune, helläugige Männer sind es in schwarzer und weißer Tracht, die Frauen in blauem Gewand, verhüllt bis auf Augen unb Brust, mit riesigem Silberkegel auf dem Haupt, der auch im Schlaf so wenig abzulegen ist wie ber Kopf. 2lbu Gosch sprach ben Wunsch aus, jene englische Frau zu sehen, ton ber er gehört, sie sei anders', als bie armseligen Frauen christlicher Pilger. Hefter bestand darauf, ihn allein zu besuchen, nur in Begleitung des mohammedanischen Dolmetsch. Bruce runzelte bie hübschen Brauen: Wie- örr eine von ihren Launen! Wenn die Sache unmöglich wurde, konnte urg in * er einstehen dafür! Baffer- L Eine geschlagene Stunde bauerte der Besuch. Endlich durften auch id mit |«uce und Meryon vor dem Räuberhauptmann erscheinen. Abu Gosch ymauchte In sichtlich glänzender Laune seine Pfeife und ließ sagen, Nylady übersteige alles, was er bisher von Europa gesehen. Seine »er Frauen wetteiferten, die Künste ihrer Küche zu zeigen — sie be- präntten sich allerdings auf ein gebratenes Lamm. Die Nacht brach herein. Der mameluckische Führer warnte in beweg- Hjen Worten: Abu Gosch würde sich schadlos halten für alle Freundllch- kiit — man müsse Wachen von ihm fordern. Hefter tat es mit dein- (tlben Lächeln, mit dem sie einst in England den Herrn des Hauses um e 'en Wagen gebeten. Abu Gosch rief fünf seiner Leute und fügte hinzu: „Der sechste Wächter werde ich selbst sein!" „Sonst haben mir nichts gewünscht", murrte Bruce, bewaffnete sich int> schlief nicht den Schlaf der Gerechten. Aber wenn er heimlich aus Ifmem Zelt äugte, saß Abu Gosch bei bem großen Lagerfeuer, unbeweg- dh, rauchend, durch die ganze länge, neblige Nacht. Kein Härchen fehlte ®iefper$amilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger Nickis interessiert mich so sehr wie die DrusenI" verkündet Hefter I mit" glühendem Blick. ,Zch werde mich in ihre Geheimnisse emwechen la|^arf; den Türken also die Drusen, denkt Bruce; wie viele von den verdammten Völkern es wohl geben mag? In einem dieser Dörfer war es. Hefter sitzt beim Mittagsmahl mit Bruce und Meryon. Geschrei tönt vom Dorsplatz herein, ein Missetäter roirjjörftl bu, Mylady, was er ruft?" fragt der Dolmetsch. »Er sieht um Gnade durch die Gunst der ,6itt‘ — seiner Hernnl Das bist du, JJi°!8ruce ist zerstreut und Meryon wundert sich längst nicht mehr, daß Mylady überall Herrscherin ist. Sie sehen nicht, dah Hefter bis in die Lippen erbleicht .. Tags zuvor war ihr gelungen den geheimen blutigen Kult der Peziden mit eigenen Augen zu schauen, aber bte Sinne hatten sie verlassen, ehe die Zeremonie nut ihren Verzuckungen den Höhepunkt erreichte. Als ein drusischer Priester sie mühsam wieder zum Leben erweckte, war sie wohl jedem Drusen mehr als irgendein anderer Weitzer — doch sie selbst hatte eine Grenze erlebt. Nie hat sie Genaueres davon erzählt; Verrat bedeutete Tod. Erst nach Jahrzehnten überlieferte ein alter Druse das Geheimnis von Lady Hefter Stanhopes Macht in Syrien. Wenn sie selbst gelegentlich nach England schrieb-. ,^ch bin in einige der tieferen Mysterien eingeweiht worden , so lachte man in den Salons. Hatte Pitts Nichte nicht auch ein Schaf fchlachten lassen, dessen Schweif allein elf Pfund wog, um festzustellen, daß die Drusen es in einer halben Stunde,, roh, samt Haut und Knochen, vertilgten? Und war sie nicht hauptsächlich bei den braunen Wilden berühmt, weil man nicht feststellen konnte, womit sie sich bemalte — da doch die Haut eines Menschen unmöglich von Natur so weih sein konnte? Bruce hat" es satt. Immer nur Sitten und Scheichs erjorschen, als ob es nichts anderes gäbe in dieser WeltI Als er eines Nachts vor dem Kulthain der Drusen — an den er sich herangeschlichen hat, um schlietzlich auch etwas zu entdecken — aufgegriffen und ums Haar maffatriert wirb, erklärt er: fein nächstes Ziel fei Aleppo. „Gut, meines ist Damaskus", erwidert Hefter. Er protestiert, er bringt in sie. Aber er fühlt, daß alle Worte Zeit- verfchwenbung finb. Guter Gottl Wenn eine Frau zum Eigensinn ihres Geschlechtes auch noch den Mut eines Mannes besitzt ... „Lassen Sie, Mr. Bruce", beschwichtigt Meryon, „Mylaby fürchtet ohne Zweifel bie Krankheit von Aleppo, es sind Pusteln, die entstellen und denen kaum einer entgeht." Bruce nickt. Ihm soll es recht fein. Doch er glaubt nicht daran. PustelnI Pahl Hefter bekommt auch keine Pusteln, wenn sie nicht will! Allerdings — es wäre jammerschade um den strahlenden Teint ... Irgendwo hat sich ein Syrier zur Kavalkade gesellt, Pierre mit Namen. Pierre ist verrückt, fagen die Drusen, aber Hefter lacht über sein Gehabe. Er ist groß, hager, mit tiefen Augen, und nicht mehr jung. Wenn Pierre spricht, fliegen die Hände in der Luft. „Als was bietest bu dich an?" fragt Hefter. „Als Diener, Koch, Führer, Dolmetsch und Begleiter. Ich bin fraw zostscher Abstammung und habe unter Napoleon gedient. Ich glaube an die Auferstehung der Araber, MyladyI Und wünsche deshalb, Ihnen zu dienen." , Hefter sieht an ihm herab, mit zufammengeknifsenen Augen: „Was hat das mit mir zu tun?" „MyladyI Ich war in General Bonapartes Mameluckenheer. In | einer Nacht, am Rand der ägyptischen Wüste, hörte ich eine Hyäne heulen, so seltsam, daß unsere Kamele erschraken. Der Himmel war bedeckt. Ein Murmeln erhob sich, und ich verstand: .Pierre, die Araber werden einen König und eine Königin haben!" Ich kehrte in meine Heimat zurück, und habe geheiratet, aber niemals konnte ich zweifeln, datz ein Prophet zu mir gesprochen hat. Jetzt, als ich hörte, eine große Prinzessin ist aus Europa gekommen, wußte ich: Nur sie kann die Königin sein ... Ich verlieh mein Weib und komme zu dirj" Er wurde Koch und ritt im Gefolge von Mylady. „Arabien" — sagte sie — „wo werde ich das Volk der Araber finden, Pierre?" „3n der Wüste, MyladyI" , „Von wo gehe ich in die Wüste?" „Von Damaskus!" Allah über Damaskus. lieber trockene Erde durch Felsen und Täler reiten sie, im Süden losen sich die Gipfel des Hermon, im Norden glänzt der Sonnentempel von Baalbek. Meryon wird vorausgeschickt und kommt mit schlechten Nachrichten aus Damaskus zurück. In Damaskus ist Revolution, die Stadt den Europäern feindlich, keiner darf sie in fremden Kleidern betreten, keiner. Pferd ober Esel reiten. Der Pascha läßt sagen, Mylady möge sich verschleiern — sonst garantiere er süx nichts! Hefter nickt mit einefrt sonderbaren Lächeln, Meryon weih: da zählt kein Rat. Und Bruce ist in Aleppo. > „Die Muselmanen schrecken vor Blut nicht zurück!" versucht er noch einmal Sie liebkost den Hals des arabischen Pferdes, entzückt folgt ihr der Blick des alten Pierre. „Was kümmert mich die Meinung von Damaskus?" — Es war am 1. September 1812 um vier Uhr nachmittags, als ein Europäer an der Spitze von achtzehn Mann und zwanzig Maultieren durch die dichtbefetzten Straften des aufständischen Damaskus ritt. Dieser Europäer war eine unverschleierte Frau! Ein Wort, ein Schrei — und die Wut eines fanatischen Stammes konnte gnadelos alle Dämme von Zucht zerreihen. lieber Damaskus befiehlt nicht der Sultan, über Damaskus herrscht Mohammed selbst, dessen Erst verrieten die großen dunklen Augen nichts als Staunen, überall, wohin sie ritt. Frauen kamen zuerst, und Kinder; mählich auch Männer. Aber dann war es bald herumgeflüstert: Myladn, die tottt, war obwohl weißer Abstammung, irgendwie aus Mohammeds Blut ... Die'Augen wurden sanft und glänzend — man fprengte Kaffee vor «e Hufe ihres Pferdes ... Schließlich rief eine schüchterne Stimme. Nicht lange blieb die Stimme allein. Andere gesellten sich dazu und sammelten sich zum Rus weichinhallend durch die Straßen, in denen sie ritt. „Was heißt das?" fragte sie den Dolmetsch. . „Sang lebe die Königin! Daß sie lebe, um glücklich ihr Land wiebel' 3Uffiefters Kopf sank herab ... Mein Land ... Was ist mein Land? Der lilienhafte Glanz auf ihrem Gesicht, das Mondlicht auf ihrer blaffen Haut — wurde nicht mit weißer Farbe gemalt, sie hatten sich genau erkundigt. Die Augen, scharf wie die eines Beduinen, die Herr' lichste Gabe, die Gott verteilen konnte, waren blau von Geburt! Ihr Körper mit seinem unwahrscheiiilich hohen Wuchs konnte nur der Körper einer Königin fein. Der Fuß aber, der sich schmal, hochristig und behend in den Bügel schwang, war „ein arabischer Fuß, der Fuß des Ostens I Im Basar erhoben sich die Männer vor ihr, eine Ehre, die nur dem Sultan gebührte. Glänzende Brokate rollte man zu ihren Fußen,- Schleier aus Bagdad, goldenes Tuch von Hama und arabische Perlen .... Sie beugten sich alle, die hochgewachsenen Beduinen in ihren braunen. Gewändern, mit dem wilden Blick und panthergleichen Gang, die goto” behängten Türken, die düsteren Drusen und farblosen Christen, vor diesem Wesen anderer Art. ' Und sie schritt langsam hindurch, atmete den scharfen Geruch fremder Gewürze, die entzauberte Bewunderung aus Taufendundeiner Naast- Was ihr Leben bedeute? fragte sie sich immer noch, wenn die Sonne! hinter Damaskus sank. Schon weiß sie kaum mehr, ob sie wacht ober träumt, wenn im Marmorhof eines Türken aus großen goldenen Kandelabern Kerze« sechs Fuß in bie Höhe brennen, irgendwo einer aus den uralten Märwem um Bagdad erzählt und der Wasserspiegel des Brunnens den schwimmenden Kahn des halben Mondes zeigt.. Wenn sie einschläft unter dem Minarett der Großen Moschee, im Duft unbekannter Pflanzen, der mit dem Windhauch aus der nahe« Wüste über Damaskus streicht, dann öffnet sich ihr im Traum ein blau- gähnender Grund, bis sie betäubt erwacht unter dem Ruf: Allah >1° groß! — Eines Nachmittags stand der dolmetschende Ianitschgr vor ihr uni» sagte stockend, wie der Bote eines Unheils: „Mylady, der Pascha von Damaskus hat befohlen, daß Sie zu m™ kommen!" ",Was wünscht er von mir?“ „Mylady, ich weih es nicht —“ x Meryon wurde blaß. „Lassen Sie mich mitkommen!" drängte ei- Nein, sie dankte, sie ging allein mit dem Dolmetsch. — Cs war dunkel über Damaskus, als ein weißes, wunderbar fajone® Weid allein, ohne Schutz, ohne Waffe, zum Pascha von Damaskus rtt- Längs der Wände des endlosen Saales starrten dunkel, *,rc!'2'lf,g verschwiegen, einer am andern, die Offiziere. Totenstille. Fackeluch auf gezückten Waffen. 1 (Fortsetzung folgt.) Zeichen von der Großen Moschee drohend jedem Ungläubigen entgegen- starrt. Hester lächelt wie aus einem tiefen Traum, sie war kaum je schöner als an diesem Tag. Die Menge schwieg und staunte. Heil kamen sie bis ins christliche Quartier. Und auf der Rechnung des ersten Tages stand zu lesen: „Eis zur Ankunft der Königin." — Allerdings, der Preis war CbC Der ^erfte'^onnenaufgang über der grünen Oase von Damaskus! Ein Ruf hallt über die Stadt, er schleicht sich ein in Hefters erwachen- den Sinn, wie Schlachtruf und Trommelwirbel umfangt er ihr Herz- Damaskus!^ Vor feinen Mauern hat Paulus sich zu Christus bekannt... Und heute Hingt, feierlich und flammend wie am Tag.des Propheten, der Ruf von den Minaretts: „Allah ist groß!" Meryon kommt, Mylady Guten Morgen zu wünschen. Sie emp- fangt ihNmu Stier bei den Hörnern packen. Ich will mich an das Minarett der Großen Moschee heften ... Laffen Sie schnell ein haus mieten im Viertel der Mohammedaner!" Meryon bleibt bet Mund offen: „Mylady! Kein Christ —" „Christ? Wer hat Ihnen je gesagt, daß ich einer bin? Meryon zittert, Pierre leuchtet auf, der Führer rat dringend ab. ■ Achtundvierzig Stunden nach ihrer Ankunft hat Hefter -in groß- artiges Haus nahe dem Palast des Paschas gemietet. Als die Siebte der beiden christlichen Klöster ihre Aufwartung machen, laßt sie sagen — leider — ihre Umgebung eigne sich nicht dazu ... Am Morgen werden die Pferde gebracht. „Mylady, wir können unmöglich durch die Straßen reiten, die Menge sammelt sich, es bedeutet Todesgefahr!" Sie steigt schon die Treppen hinab in einem ausgesucht herrlichen üürf^ge® „ite allein, nur die beiden kleinen Syrier kommen mit als Dolmetsch." „Mylady, ich beschwöre Sie, ich ahne Unglück! Sie lacht: „Ihre Ahnungen, Doktor ...?" Oer Bäcker. Von Rudolf Schmitt Sulzthal. Was wuchs in Sonn- und Regenwucht, des Bauern goldne Ackerfrucht, ein Schatz voll Erd- und Himmelskraft, von Sensenblitzen hingerasft, im Mühlgetos' zu Mehl gemacht, wird erst vom Bäcker ganz vollbracht Durchknetet ruht der Teig im Trog, darin er warm gedeihend sog die Gärung, Wasser und das Salz, bis er bereit zur Stollenwalz; geladen dann auf harte Bahr wird er getauft für die Gefahr. Rasch in den Schlund der Hitzegruft! Voll Feuerhauches tobt die Luft, — die Stärke weist sich in der Pein ■— die Flamme atmet sternenrein, erzwingt mit läuternder Gewalt die krustbehäutete Gestalt. Dustherrlichkeit! Aus Glutennot gebacken fährt herauf das Brot, wie braungewichst glänzt jeder Weck, im Hitzschweih auch der stolze Beck;, bald spürt sein Werk die Linderung, ihn labt ein frischer, tiefer Trunk. Strotzt dann auf unserm Tisch der Laib, — daß er uns stets erhalten bleib! — so zeichnen wir nach alter Sitt drei Kreuze ein zu frommer Bitt: Gott halte ferne unserm Land, daß jemals ruh die Bäckerhand! Ein Kinderhut auf dem Wasser. Eine Geschichte in' zwei Briefen von Georg von der Bring. Liebst« Frau! v Ich habe nicht geschlafen diese Nacht. Ich dachte an Dich, suchte Dich zu enträtseln. Bist Du ein Rätsel, Eva? So töricht bin ich noch jetzt. Dich nicht zu kennen, obwohl die Nacht herum ist, vollkommene Helle, und ich ruhig sein sollte Nein, das ist gewiß, ich bin nicht ruhig; das ist aber auch das einzige Sichere, was ich jetzt weiß. D u wirst geschlafen haben, denn es hat Dich wohl nichts beschwert. Ich lag im Finstern diese erbärmlich lange Nacht, die ich mit Fußtritten beehrt habe; immer wollte ich aufstehen und zu Dir kommen, um zu sehen, ob Du auch schlaflos lägst; aber Du schliefst wohl. Du bist zu klar, um wach zu liegen und zu grübeln. Dein Gesicht ist mir wert, es ist mir so bitterlich wert. Wer hat es Dir gegeben, dies Gesicht? Und gemacht, daß es mir so wert ist? Fragen über Fragen ... Träume weiter Deinen guten Traum, träume von einem allerbesten Schlaf ohne Traum, träume aber nicht von einem ertrunkenen Kinde. Unser Kind nämlich liegt in seinem Bette; eben bin ich an seinem Lager gewesen, es atmete ruhig, ganz bloß lag es. und das war gut, es so ruhig und zufrieden liegen zu sehen, so bloß und so sicher gebettet und nicht in dem schlimmen Rheinwasser. _ Davon wollte ich Dir schreiben. Es wäre gut, wenn Du meinen Brief richtig verstehen würdest, es wäre eine Lebensrettung beinahe! Wie konntest Du lachen gestern, als ich vom Pserd sprang? .• • ,®!2er schwitzend häßlich, wo ich auch ohne einen scharfen Ritt ein häßlicher Mensch bin. Das ist sicher. Und wäre nicht die recht kleidsame Uniform, die ich trage, so ... Uebrigens bin ich für eine Uniform vielleicht schon zu dick. Ich bin doch zu dick, Eva, nicht wahr? Ich bin rund und dick, fett fast, trotz meinem Hin und Her den ganzen Tag trotz Athletik, Tennis und Schwimmen. Du schwimmst nicht Du spielst — ?’er£c,‘? nur andeutungsweise Tennis. Aber Du bist schon, und ich bin häßlich. Das ist die Sache. Dazu mein borstiger Bart ... . Wenn Du nur nicht lachen würdest über diesen Brief, wie Du gestern lachtest, als ich in meiner höchsten Häßlichkeit vom Pferd sprang, vielleicht stolperte ich dabei; zudem hatte ich unsers Kindes nasses St h- hütchen in der Hand. Hättest Du alles gewußt. Du wurdest "'^ gelacht haben; auch die andern Damen möchten sich still verhalten haben. Aber ihr lachtet, als ich erschien, vielleicht stolperte, häßlich war — ihr lachtet ... Ihr? - Du lachtest, und ich mit meinem Srohhutchen drehte mich um, bestieg das Pserd und ritt wieder fort. Ich glaube, sogar ucher Kind hat etwas begriffen, es weinte, als ich wieder aufsaß, und mir schien nicht wegen des Hütchens, das ich wieder mit mir for.nahm! Auch nicht, weil der Vater ihm fortritt! Sondern — ja, rocsroeäen l Stelle es Dir vor. Wir sind unterhalb der Stadt bei der Ponton- Übung. Wir sind fast fertig, ich gehe hinüber da liegt plötzlich 'n °er Mitte der Brücke auf den Bohlen ein Kinderstrohhut Er fei ange- fchwemmt worden, meldet mir ein Unteroffizier verlegen Und ich erkenne sogleich den Hut unsers Kindes mit der blauen Schelfe und dem doppelten Kleeblatt im Rot, denn dies von Dir bestickte Hutband gibt es nicht zum zweitenmal, das weißt Du ja. Nun mein Herz etzt aus ch denke: mein Kind ist im Fluß. Die Leute wissen nichts, so renne ich zum ersten Male in meinem Leben aus dem Dienst, ohne ein.n. Befehl oder Bescheid zu hinterlassen, fliege aufs Pferd und rase durch d Stadt, erreiche in kaum einer Viertelstunde die Badeanstalt wohin D' am Nachmittag mit Kindchen gehen wolltest, und — traf eum.Erlösung. Ich sehe es bei Dir stehen, sehe es seine Händchen heben, blicke in Dein Gesicht, In Dein schönes, jetzt aber, da es sich schon zu senem Lachen verzieht, nicht schönes, nein, Liebste, verzeih — sehr häßliches Gesicht, wirklich, ohne Uebertreibung fast möchte ich sagen: zerstörtes Gesicht, von einer ballonhaften Hohlheit — nein, das ist vielleicht nicht recht, was ich schreib«, aber ich kann nicht anders. Ich schreibe nämlich, wie ich gestern geritten bin; wie ich hergeritten, wie ich fortgeritten bin, so schreibe ich; dabei fliegen die Funken. Du mußtest doch barmherzig sein mit mir! Ach, das ist schlimm, wie der Mensch geartet ist, und alle sind verschieden. Bedenk es genau, auch wir. Um Dir's ganz zu erklären, füge ich ein Erlebnis aus meiner Jugend hinzu. Ich war Realschüler und daheim an der Weser in Ferien. Den. Sanzen Tag ruderte ich und war verliebt. Ich war in ein hübsches, hell» aariges Mädchen verliebt, 15 Jahre alt, die Tochter eines Kapitäns. Sie wohnten in einem strohgedeckten Hause am Deich, ich ruderte oft vorüber. Dort gab es außer der Fünfzehnjährigen noch eine Schwester, wir drei waren manchmal zusammen im Boot. Die Mädchen konnten sehr gut rudern, es mar eine Lust, ihre braunen, starken Arme zu sehen und die gesunden Zähne, die sie bei jeder Anstrengung zusammenbissen. Es geschah damals ein Unglück in unserer Stadt: ein Kind ertrank. Hier, wo lauter Schiffer- und Fischervolk lebt und die Kinder am und aus dem Wasser aufwachsen, gibt es selten ein solches Unglück. Dies Kind aber, ein Mädchen im Altef unsrer Kleinen, war an seinem Geburtstag auf einem der langen, schmalen Bootsstege hinausgelaufen, auf feinen noch ungeschickten Füßen ausgeglitten und ins Wasser gefallen. Dies wurde nicht bemerkt, und das kleine Geburtstagskind ertrank. Man fand es am Abend. Die ganze Stadt trauerte. Viel sind gestorben seither, der Krieg hat die Männer genommen sowie Greise und Frauen — aber den Tod des Kindes wird man noch spät wissen. Ich aber, Liebste, wollte den Strohhut finden. Der Strohhut des Kindes war nämlich noch nicht gefunden, das Ebbewasser hatte Um fortgeführt. So setzte ich mir in den Kopf, ihn zu finden — mochte nicht in die Lage kommen, ihn zufällig zu erblicken und diesen Schreck zu erleben. Ich würde ihn beim Suchen sinden. Mit Flut und Ebbe war er wohl stromauf, stromab getrieben worden. Eine Woche später habe ich ihn gesunden, im Usergesträuch sestgehakt an feinem Gummiband. Das geschah in der Nähe des Kapitänshauses, und ich, durchnäßt vom stundenlangen Regen, durch den ich gerudert, wollte dort meine Kleidung trocknen — stieß also ins Schilf, nahm den kleinen Hut mit und betrat das Haus. Die schöne Tochter ist im Zimmer. Ich aber — nun entscheidet sich alles — komme mit einem zerweichten Kinderstrohhut in der Hand, selber durchnäßt, herein. Das Mädchen, kaum daß sie mich sicht, fallt in ein Gelächter. Ich, dieser komische Mensch, weiß nicht, worüber sie lacht. Die Schwester rennt herzu und lacht auch. Die erste, die schöne, starke, nimmt mir das Strohhütchen aus der Hand, wobei ich denke, daß sie es vielleicht trocknen will; plötzlich setzt sie mir den kleinen Hut auf mein nasses, häßliches Borstenhaar. Und nun wußte ich erst, worüber sie gelacht hatte, nämlich: weil so ein* komisch ernster, dazu häßlicher Mensch mit einem. Kinderhut zu Besuch tarn — und wußte zugleich: sie sei dumm —■_ und, was schlimmer ist: sie sei nicht allein dumm, sondern ihr fehle überdies das Weite, nämlich jene unberechenbare Klugheit der Welt. Das wurde auf diese Weis« geklärt. Und nun glaube ich, stehe ich Dir, Liebste, nach dieser Geschichte auf eine schroffe Art nahe, fo ehrlich nahe, daß es nur eines Hauches bedarf, um uns ins Unglück zu bringen. Ich habe -geglaubt, daß kluge Frauen alles wissen, auch das, was man ihnen nicht erzählt — daß die klugen Frauen alles erraten können, erstens das, was wir verschweigen, aber doch möchten, daß sie es erfahren, zweitens das, was wir mit Absicht verbergen, und noch vieles darüber hinaus. Du aber — gestern, als ich mit dem nassen Hütchen unsers Kindes zu Dir kam, haft es nicht gewußt. Wieviel hat bas zu bedeuten? Ist etwas da, was falsch ist? Was trennt? Bin ich allzu häßlich? Bin ich albern? Bin ich offenbar komisch? Oder auf einen abseitigen Weg ge> kommen, wo ich begierig auf Deine Stimme lausche, daß sie mich zurück- rufe, aber ich höre sie nicht? ... ..... Wärst Du doch klug, Liebste! Das mochte ich mir nicht denken, wenn Du nicht klug wärst? Wie schön aber, wenn Du es märst^^ ♦ Mein Liebster! s Soeben beim Erwachen finde ich auf der Bettdecke Deinen Brief. Und Du hast mich nicht geweckt! Fritz wird Dir meinen Brief fogleich *n Was aber soll kfo Dir antworten? Ich habe solche Angst! Ich änftige mich davor, nicht klug zu sein. Denn jrf) kann das gar nuf)t begreifen, was Du schreibst. Ich finde Dich auch gar nicht häßlich, sondern schon. Solch einen Unsinn hast Du über Deine Figur geschrieben sogar über Deinen Bart! Ich finde, daß das nicht richtig ist. Aber klug bin uh wohl bestimmt nicht, das Schicksal teile ich wohl mit jener Kapitansiochter. Aber —* es ist doch nichts geschehen! Cs ist dem Kindchen nichts ge» fd'ehen nur dem Hut! Er flog fort, schon dabei lachten wir. Scherben bringen Glück; ober: Unglück bringt Glück! Weißt Du? Und wir haben eine Weile nicht mit Lachen aufgehört. Wir waren ^°hl'ch. wir waren, nejn _ ich war glücklich. Kann denn da ein entflogener Strohhut meine '*»«<. 14 Dummheit gelacht: ich meine es nicht. Denk doch: unser Strohhiu fliegt fort schwimmt weg — in weniger als einer halben Stunde bringt mein Liebster ihn, auf feinem Pferd hersprengend wieder, als ob er um keinen Preis erst zwei Minuten spater zur Stelle sein durfte, als sei er Gegenstand einer Pionierübung geworden und also wohlbehalten und eilig angelangt, weil eben die Pioniere zuverlässige Leute fmd Ich habe es nicht bedacht, das andere, nämlich, daß Du erickuocken fein müßtest bei Auffinden des Hutes, also war ich dumm. Das ist sicher. Merk Dir dies, Du: Frauen sind nie klug! Nein, so klug wie du denkst, sind Frauen nie! Was soll ich Dir nur sagen? Nein diese Klugheit gibt es nie! (Ich weiß, daß Du das Gc-gentell glaubst!) Ach Gott, diese Klugheit, die dars es überhaupt nicht geben, es soll sie nicht geben. Denn nur, wenn es sie nicht gibt, kann ich wieder glücklich sein und bei meiner halben Dummheit oder Klugheit vor Dir bn ftcbcn! Das aber will ich Dir noch sagen: als Du wieder fortrittest, war ich betrübt; aber als Du gestern abend nicht mit mir sprachst, habe ich mich in den Schlaf meinen müssen. Mich ltebbehalten — könntest Du es doch! Du bist nicht häßlich, sondern schön; dafür aber — möchte auch ich nicht dumm sein müssen. Deine traurige Eva. An den Mond. Von Georg Schwarz. Der Mond geht auf die Reise Im leichten Nebelkleid, Die Wolken schweben leise Und geben ihm Geleit. Er fährt mit sanfter Schnelle Hoch über Stadt und Land, Wirft Silber auf die Welle Mit unsichtbarer Hand. Wie sänftlich geht sein Schimmer In manches Schlasgemach Und macht im dunklen Zimmer Die kleinen Kinder wach. Die singen ihm und lallen, Das freut den guten Mond, Daß er es ihnen allen Mit langem Schlaf belohnt. Zn der Hauptstadt Bulgariens. Aus meinem Reisetagebuch. Von Heinrich Hauser. Die Stadt Sofia hat mich in mehr ais einer Beziehung an München erinnert. Sie liegt auf einem Hochplateau, fast sechshundert Meter über dem Meere. Aus den Fenstern der oberen Stockwerke und von allen freien Plätzen aus erblickt man die Berge: im Norden die „Stara Planina", im Süden die „Witoscha", im Osten die Gebirgskette von „Wakarel"; die höchsten Gipfel sind über zweitausend Meter hoch, also vergleichbar mit denen von Oberbayern. Sofia besitzt die gleiche Frische der Lust wie München, das gleiche kernhafte Wesen einer Gebirgsbevölkerung, die gleichen, breitangelegten, freien und lustigen Straßen. Sie ist eine der ältesten Städte, nicht nur des Balkans, sondern Europas überhaupt. Ihre Gründung liegt im Dunkel der Vorzeit; geschichtlich wurde sie zum -ersten Male im Jahre 29 nach Christi Geburt, als die Römer sie eroberten, als eine Etappe- für den weiteren Vormarsch ostwärts durch den Balkan. Heute hat Sofia mit seinen Vorstädten an die 350 000 Bewohner und ist Damit die drittgrößte Stadt auf dem Balkan. Bei einer solchen zweitausendjährigen und in der Frühzeit ruhmvollen Geschichte erstaunt zunächst das fast gänzliche Fehlen alter Bauwerke. Vorhanden sind nur ganz wenige Reste, wie die alte Kirche vom Heiligen Georg, die Basilika von der Heiligen Weisheit und eine Moschee, die heute als archäologisches Museum dient. Sofia ist von Grund auf eine moderne Stadt. „In dieser Stadt konzentriert sich die Verwaltung und das kulturelle Leben Bulgariens", steht im Reiseführer. Wie stark es sich konzentriert, das zeigte sich auf beinahe belustigende Art, als ich wieder zur Aktivität erwachte. „Die Post? — Gleich um die Ecke mein Herr." „Das Ministerium des Innern? — Das Haus gegenüber. Die Bank? — Die nächste Straße rechts. Die Universität? — Gleich über den Platz." Alles, was man braucht, lag im Radius weniger Schritte. Ich gewöhnte mich daran, „Maudi", das Auto, vor der Tür stehen zu lassen, es lohnte Nicht zu fahren. Ganz ähnlich war es, wenn man zu telephonieren wünschte. Der Hotelportier brauchte niemals ins Telephonbuch zu schauen; er wußte die Nummern auswendig. In Sofia kennt jeder jeden, der nur einige Bedeutung hat. Die „Preußen des Balkans". Wie jede Stadt, so hat auch Sofia einen typischen Geruch: Sofia riecht nach Neubau, nach frischen Ziegeln, nach Mörtel, nach Zement. Es wird sehr viel gebaut, aber anders als in Bukarest schießen die Häuser nicht wie Pilze aus der Erde. Sie wachsen vielmehr mit bedächtiger Langsamkeit, solide und gediegen. Man spürt einen Bauwillen, der in langen Zeiträumen denkt. Oft hatte ich den Eindruck, in einer deutschen Universitätsstadt zu fein, in der Vorkriegszeit. In der Stunde der Promenade, so zwischen sechs und sieben, beherrschen Studenten, Studentinnen und Mittelschüler aller Art mit chren Mützen und Uniformen absolut das Straßenbild. Die Zahl der Studierenden ist außerordentlich hoch für dieses kleine Land: Eifer und Ehrgeiz sind groß, und das Studium ist billig, so wie das ganze Leben in Bulgarien billig ist. Man sagt, daß ein Student mit einem Manatswechsel von 25 bis 30 Mark gut auskommen könne Ausgenommen Island, ist mir noch kein Volk von ähnlichem Wissensdurst und Bildungsdrang begegnet. Es ist bezeichnend, daß der größte bulgarische Feiertag der Geburtstag der beiden Brüder Kyrill und Metodi ist, die das bulgarische Alphabet geschaffen und damit dem Volk das größte Bildungsmittel gegeben haben. Sa sonderbar es klingt: dieser Drang zu den Geisteswissenschaften wird in einem Bauernland geradezu zu einer Gefahr Ich frage einen der klügsten Männer Bulgariens: „Was tun diese jungen Bauernsöhne und Bauerntöchter, wenn sie ihr Studium beendet haben? Bleiben sie in der Stadt oder kehren sie aufs Land zurück?" „Sie bleiben in der Stadt. Das Land ist zu arm, um sie zu ernähren. Wir sind ein Land von Steinbauern; 12 bis 15 Morgen ist die durchschnittliche Größe des Landbesitzes." „Was ist das Ziel dieser wachsenden Schicht der Intelligenz?" „Staatliche Anstellung." Aber der Staat hat nicht genügend Stellungen zu vergeben. Man hat die Bulgaren nicht umsonst die „Preußen des Balkans" genannt. Es ist kein Zufall, daß Bulgarien sich im Weltkrieg auf die deutsche Seite schlug; das Wesen beider Völker ist verwandt. Besonders beim Militär hatte ich oft den täuschenden Eindruck, deutsche Soldaten und deutsche Offiziere vor mir zu sehen. Ich fragte einmal einen jungen Offizier: ,Lst es nicht- sehr schwer, die bäuerlichen Rekruten, die wenig technische Vorkenntnisse haben, an den modernen Kriegsmaschinen auszu- bilben?" „Es ist überraschend leicht. Der Wille zur Beherrschung der Maschinenwelt ist ganz allgemein. Und unsere Bauernjungen sind — im Gegensatz zu manchen Nachbarländern — durch eine Volksschule gegangen. Durch eine gute Schule obendrein." „Aber man kann diese moderne Kriegsmaschinerie noch nicht Im Lande selber bauen?" „Wir sind dabei, es zu versuchen. Wir werden es lernen. Wir müssen es lernen, um im Kriegsfall genügend unabhängig zu sein." Ich zweifle nicht daran, daß — bei diesem intelligenten und bildungsfähigen Volk — der Versuch gelingen wird. Die größte Triebfeder zur Industrialisierung der südosteuropäischen Länder sind heute die Armeen dieser Länder. „V o m L a n d e.“ Die städtische Tradition von Sofia ist so jung, daß im Grunde genommen jedermann „vom Land" gekommen ist, und zwar von einem urtümlichen Bauernland. Wie verhält sich nun eine solche Bevölkerung, die sich so jäh mit allen Errungenschaften der modernen Zivilisation umgeben hat? Das zu beobachten ist merkwürdig: Die durchschnittliche Menge in einem der modernen Lokale sitzt ein wenig befangen umher mit dem deutlichen Bemühen um eine großstädtische und weltmännische Haltung. Ganz Sofia ist eine ungeheure Schule, Durch die ein Bauernvolk hindurchpassiert: die Schule des Westens. Dies ist eine Stadl der schönen Frauen, es ist eine Stadt der interessanten Frauen. Die Studentinnen, die jungen eleganten Frauen, selbst die Ladenmädchen machen den Eindruck einer ungewöhnlichen Intelligenz. Sie bleiben dabei ausfallend unter sich; die Gespräche gehen, lebhaft von Frau zu Frau, aber stockend zwischen Frau und Mann. Cs ist selten, daß Frauen sich beteiligen an einem allgemeinen Gespräch, wo Männer das große Wort führen. Diese Frauen scheinen Probleme mit sich herurnzchragen. Ihr Problem wird deutlich, wenn man die Männer studiert. Diese Männer sind aus gröberem Holz geschnitzt als ihre Partnerinnen. Sehr ernsthaft und ein wenig schwerfällig gehen sie ganz in ihrer Arbeit auf. Sie sind Bauernsöhne; ihre Haltung der Frau gegenüber ist die bäuerliche. Die Frauen aber haben sich schneller „verwestlicht", die junge Generation bezieht ihre.Weltanschauung zum Teil aus den amerikanischen Filmen. Darum klafft nun ein Gegensatz, darum gibt es auch „unverstandene" Frauen. Das Hotel, in dem ich einige Tage wohne, ist das letzte Wort moderner Hoteltechnik, dabei ohne eine Spur von „Pracht", bis zur letzten Türklinke, bis zum Telephon neben dem Bett ist jede Einrichtung einfach, vollkommen zweckmäßig, geschmackvoll, sauber. Man freut sich, an den Armaturen der Badezimmer und an den Telephonen die deutschen Firmennamen zu lesen. Das Personal besteht fast ganz aus russischen Flüchtlingen. Diese Kellner haben in den ersten Restaurants von St. Petersburg serviert, und manches knicksende Zimmermädchen sieht wie eine Gräfin aus und ist es vielleicht auch. Dieses sympathische Haus kennzeichnet das Verhältnis des bulgarischen zum russischen Volk: Bulgarien liebt Rußland, denn Rußland hat Bulgarien befreit; diese Zuneigung ist also nur natürlich und ein schönes Zeichen der Dankbarkeit. Aber man liebt das alte Rußland. Den weltanschaulichen Abgrund, der das heutige Bulgarien von dem heutigen Rußland trennt, empfinden viele Bulgaren als einen tragischen Konflikt. Das Hotel besteht, wie viele im Osten, aus einer Reihe getrennter Betriebe. Da ist zunächst der eigentliche Hotelbetrieb. Daneben besteht das Restaurant im Erdgeschoß, das allerdings auch' Speisen auf die Zimmer liefert. Völlig gesondert ist wiederum die „Cafeteria", die für das Frühstück sorgt, oder von der der Kellner den Kaffee des Nachmittags bringt. Ein vierter Betrieb ist das große Kino im Keller, ein fünfter die Tanzbär. Ich lag in diesem Hause einige Tage mit einer Grippe krank und muß gestehen, daß ich selten so gerne krank gewesen bin. Man braucht sich um nichts zu kümmern, das perfekt französisch sprechende russische Zimmermädchen übernahm alle Besorgungen, die Apotheke lieferte die bekannten deutschen Medizinen, der Wein aus den Weinbergen des Zaren Boris war vorzüglich und sogar die Arztrechnung wurde automatisch vom Portier bezahlt. Unten im Kino lief ein Fliegerfilm, und von den dreimaligen Vorführungen jeden Abends vernahm ich das Tonftlm- geräusch der Flugmotoren — das einzige Motorengeräusch, denn Sofia zählt nicht.viele Autos. verantwortlich: vr. Hans Thyrivt. — Druck und Derlag: Drühlsche Universitätsdruckerei R. Lange, Gießen.