Eichener Zamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger Jahrgang 1938 Hreltag, den 2«. Mai Nummer 59 Lady Hester Stanhope EINE FRAU OHNE FURCHT Von Maria Josepha Krück von poturzyn Copyright by Deutsche VerlagS-Anftalt Stuttgart Lady He st er Stanhope. Ladt) Hefter Stanhope: Nichte des großen Staatsmannes Pitt, Herrin von Bondstreet: Königin der Araber, zu Palmyra jubelnd ausgerufen: unumschränkte Herrscherin auf einer Felsenfestung im Libanon, gefürchtete' Macht während Aegyptens Aufstand gegen die Pforte: Faktor britischer Geheimdiplomatie so gut wie Aergernis für englische Konsuln: Vestalin, Hexe, Närrin oder Sibylle, — wer hat den rechten Namen "für das Rätsel dieser Frau? Hefter Stanhopes Leben ist entgleist. Der flimmernde Glanz des Ostens, dunkles Verhängnis aus vergangenen Jahrtausenden, gewann Macht über ihr eigentliches Selbst: als sie Englands Boden verließ, ist sie auf Wegen gewandert, von denen das Licht nicht tommen kann, Ader die Kühnheit, mit der sie auszog, kämpfte und starb, klingt gleich einer Sage von jenen Wikingerweibern, die an der Seite ihrer Männer die halbe Welt ertrotzten und Könige waren, wohin immer sie kamen. Der Fürst Hermann Pückler-Muskau, ein Deutscher, war der letzte europäische Gast, vor dem die Festung Lady Stanhopes ihre Tore öffnete. Ihm, der mit Goethes Grundsatz reiste, das Unmögliche für möglich zu halten, übergab sie eine Sammlung Schriften und Zeichnungen, die ihr besonders wertvoll schienen. Dieses Vermächtnisses gedenkend, ist es unternommen worden, Hefter Stanhopes Leben zum erstenmal für deutsche Leser nachzuzeichnen — auch dort, wo es in die Irre geht, > - * Gras Adhemar, Bonaparte und Pitt, Walmer Castle, am User der Nordsee, lag breit und schattenlos in der Septembersonne, Das Schloß: von Heinrich VIII. näh der Stelle erbaut, an der Cäsars Fuß Britannien betreten, war jetzt Wohnung des titellosen Regenten von England, Besitztum des Mannes, der den Kontinent und Bonaparte in Schach hielt: William Pitt, „Melden Sie mich bei Mr, Pitt, ich bin Lady Hefter Stanhope", sagte sie dem Diener, „Mylady, Mr, Pitt wird sehr bedauern, er ist ausgeritten und kommt erst gegen Nachmittag zurück/' „Ausgeritten? Wohin?" „Mylady — in seiner Begleitung sind Herren der Regierung — ' „Macht nichts! Ich mutz meinen Onkel sprechen. Schnell, gib nur ein Pserd." „Mylady —" Dem Diener, der in Etikette und Gehorsam grau geworden, vertagte die Stimme, Die junge Dame vor chm hatte Augen — wahrhaftig! — beinahe wie Mr, Pitt selbst. Das Wort gefror einem im Munde, Nein, Reitkleider gab es keine im ganzen Schloß, man war nicht auf Damenbesuch eingerichtet. Also ging Mylady wie sie angezogen war, in Seide und Spitzen und Federhut, suchte sich selbst das Pferd aus dem Stall, den braunen Arab, das hinterlistigste Tier in Walmer Castle, Sonderbar, unter ihrem Griff bockte er nicht. Zwei Diener folgten und wiesen den Weg. Landeinwärts, vor der gn ,en Buchenlichtung jenseits des Baches wolle der Herr Mittagsrast halten, genau um 1 Uhr, Die beiden Diener wechselten Blicke. Wer mochte die Frau sein? Seine Nichte, Lady Stanhope, hatte sie gesagt. Gewiß, Mr, Pitt war mit den Stanhopes verwandt, aber Nichte .... Die hätte man doch kennen müssen! Die Dame ritt, als gälte es ein Rennen, über Steine und Gestrüpp hinweg, taub vor jeder Warnung. Daß sie von -Kindsbeinen an im sattel saß, ließ sich beschwören. Wenn sie den Kopf zur Seite wandte, sah man ein junges, helles Gesicht mit tiefroten Lippen. Die Diener lächelten hinter den Masken ihrer unterwürfigen Gesichter. Kein Wunder — bcr berühmteste Mann von England mußte auch in diesem Punkt Besonderes verstehen. . „He, ihr", rief sie zurück, „wie lange haben wir noch?" „Mylady, eine knappe halbe Stunde. Dorthin an die Lichtung jenseits des Hügels hat Mr. Pitt die Picknickkörbe bestellt." Sie mäßigte den Gang, riß von den Zweigen ein Kastanienblatt und fächelte ihr Gesicht. „Wer ist bei Mr. Pitt?" fragte sie leiser als zuvor. Die Diener zögerten: man sprach nicht viel in der häuslichen Umgebung dieses Mannes. „Mylady, zwei Lords, die gestern aus London kamen." „Ihr Dummköpfe! Zwei Herren der Regierung natürlich Ich will ihre Namen wissen!" Sie hielt, streifte mit dem Blick die verdutzten Gesichter ... „Mylord Westmoreland", sagte demütig der eine. „Lord Addington, der Premierminister", flüsterte der andere. „Und keine Dame?" „Keine Mylady." Das Kastanienblatt wirbelte in die hellblaue Luft, angelegentlich wie eine Türkin wickelte sie einen Schleier um ihr Gesicht. Dann trabte das Pferd fröhlich den Abhang nieder zur Lichtung jenseits des Baches. „Hallo!" rief sie laut, daß es vom Tal widerhallte. Drei Männer blickten auf, sie lagerten in kleinem Kreis vor silbernen Schüsseln. Hefter ritt auf den einen zu, der sich langsam erhob. „Ja", sagte sie, „Mr. Pitt sieht seinem neuesten Gemälde sehr ähnlich, nur" — sie warf den Kopf zurück und lachte hell — „daß er jetzt nicht ein Papier in der Hand hält auf dem steht: Tilgung der Staatsschulden!' Der Mann vor ihr, ein Mann von unbestimmbarem Alter in grünsamtenem Jagddreß, verbeugte sich kühl: „Und wer erweist mir die Ehre, das zu finden?" Sie streckte die Hand ihm entgegen: „Erst hilf mir vom Pferd. Sieh doch — meine Kleider ..." Er unterstützte den Arm, vollendet sicher und unmißverständlich kühl. Sie sprang mit einem «atz auf den Boden, trotz Seidenfalten und Spitzenrüschen: zog den Schleier vom Gesicht und sagte mit anderer Stimme: „Ich bin Hefter!" In dem unbewegten Männergesicht glomm jäh der Schein eines Lächelns auf: „Hefter! Verzeih! Das konnte ich nicht ahnen —" und, zu den Herren gewandt, die sich tief verbeugten: „Meine Nichte Lady Hefter Stanhope." Sie setzte sich neben Pitt auf den Baumstumpf und aß aus einer schnell gerichteten Platte. Das Gespräch wurde lauter und leichter in Gegenwart der Frau, glitt von Staatsaffären zu Männern des Staats, von der gefürchteten Blockade Englands zu Bonaparte selbst „Werden dis Franzosen wirklich bei uns landen?" fragte Hefter und sah nur Pitt ins Gesicht. Der schälte Fleisch von einer Geslügelbrust, sachlich, geschickt und ohne jede Eile. „Ich wette, Bonaparte läßt bereits Münzen prägen mit der Aufschrift: Landung in England", erwiderte er leichthin: „und vielleicht hast du gesehen, daß ich Dorf und Schloß Walmer befestigen lasse, um den zweiten Cäsar in Britannien zu empfangen." Die Gesichter der beiden Lords legten sich in Falten. „Sie haben leicht scherzen, Pitt!" meinte Addington, der Lordkanzler, mit starrem Lächeln. Er, der sich selbst als Platzhalter Pitts bezeichnete, sah nicht erheitert aus. Hefters Blick streifte ihn prüfend und kehrte wieder zu Pitt zurück: „Hoffentlich macht ihr nicht Krieg mit Frankreich, während ich dort reise." Pitt ergriff den Becher und hob ihn gegen sie: „Wir werdern uns bemühen — deinetwegen, Hefter!" Sein Blick tauchte in ihre Augen, ein seltsam verhaltener Blick aus ganz verengten Pupillen: sie hielt ihm stand, mit lachend zurückgebogenem Kopf ... Dieser Onkel, der mit 25 Jahren Erster im Staat gewesen, der „fleckenlose Minister" — was war das für ein Mensch?... Immer noch sah sie ihn an. „ „Vielleicht willst auch du yur etwas wünschen, Hefter , mahnte er lächelnd. „Auf deinen Stern!" sagte sie, ernst geworden. — Er ließ sie laMe warten in den dunklen Prunkräumen von Walmer Castle, in denen Geschichte überreich und düster spukte. Sie blätterte in Büchern und legte sie schnell wieder fort, viele schienen lateinisch oder griechisch zu sein und überdies — war es nicht verächtlich, was in Büchern stand — erfunden, gelogen, und dieses noch schlecht? Sie knusperte Biskuits und schlürfte Portwein. Schließlich trat sie an eines der hohen bogenförmigen Fenster und sah in die Nacht hinaus. Man hörte das Meer, wie es in stürmischer Flut gegen die Erde drängte. Aber Hesker hatte nur auf den Himmel acht. Seit früher Kindheit kannte, sie Namen und Bilder der Sterne, obwohl Gouvernanten ihr die astronomischen Karten des Vaters entzogen. Der Mond rückte gegen den Stier mtb In diesem stcmd Ne Venus ... sie nickte befriedigt und trat vom Fenster zurück. , . Pitt kam noch immer nicht. Er ließ merken, daß er keine Zeit hotte >— für sie! Ein Unsinn war es gewesen, zu glauben, daß er — gerade er ... ja, was zu glauben? Ganz einfach Wiedersehen hatte sie ihn wollen, den jungen Bruder ihrer toten Mutter, den großen Pitt. Ob er wirklich groß war? Seit langem schon wollte sie zu ihm, denn vielleicht verstand er, was die andern nicht verstanden: daß sie, Hefter, das Unglück der Familie verhüten mußte —! Die Stiefmutter war meist in London. Dort stand sie um 10 Uhr auf und ließ sich bis zum Nachmittag anziehen; es gab in der Residenz nur drei Friseure, die sie gebrauchen konnte, und die stammten aus Frankreich. Man sprach davon, daß sie Bonapartes Spione seien, aber es machte ihr wenig aus. Dann fuhr sie zum Souper, in die Oper, zu Gesellschaften, und wurde vor Tagesanbruch nicht mehr im Hause gesehen. Wirklich, wenn Hefter ihr zufällig in London begegnet wäre — schwerlich hatte die Stiefmutter sie erkannt. Aber Hefter kam selten in die Stadt, sie lebte auf dem Land, in Chevening, so wie der Vater, und wenn sie auch ritt, jagte und tanzte, war es meist auf den Gütern ringsum. Nur einmal war es ihr heimlich gelungen, gegen ihres Vaters strengen Befehl, allein, ohne Zofe oder Diener, nach Kent zu kutschieren, um auf einem Landgut dem König und der Königin vorgestellt zu werden. Ja, der Vater! Er konnte der beste und klügste Mann sein, wenn man nicht seine Launen reizte. Aber meist schlies er unter feinen zwölf Decken, ohne Nachthaube und bei offenem Fenster. Dann stand er auf, aß zwischen seinen Büchern, allein, in unmöglichem Aufzug, mit seidenen Hosen, nackten Beinen und Pantoffeln; trank Tee auf bloßem Boden, taute schwarzes, trockenes Brot, erfand eine neue Druckerpresse' — und Schiffe, die ohne Segel und Ruder fahren sollten, ganz einfach mit Dampf! Der schwierigste Punkt aber war der: Lord Stanhope nannte sich Demokrat! Er hielt es mit der Französischen Revolution und hatte den Rebellen zur Erstürmung der Bastille eine Glückwunschdepesche gesandt. Die Polizei folgte ihm, wenn er zur Stadt fuhr, von Zeit zu Zeit durchsuchte sie seine Papiere, Karikaturisten brachten sein Bild als Don Quichotte der Nation, der seine eigenen Windmühlen zerschlägt. Schon einmal hatte man durchsichtigerweise Feuer gelegt in fein Haus. Alle Wappen und Kranen lieh der Vater verbrennen als „verdammten aristokratischen Unsinn"; seine drei Söhne sollten Handwerker werden und die Töchter Gänse hüten. Wirklich "tonnte Charles, der zweitälteste, kaum lesen und schreiben. Sein Erzieher war als Autor eines verdächtigen Buches verhaftet worden. Hefter liebte die kleinen Stiefbrüder mit mütterlicher Leidenschaft. Sie grübelte und entdeckte einen Plan." Philipp Henry, der Namensträger, sollte nach Deutfchland siiehen und dort studieren. Aber alle Verwandten, die sie als Helfershelfer anging, schraken davor zurück, sich zwischen Lord Stanhope und seine Söhne zu stellen. Daraus wandte sie sich an Jugendgespielen, einer war eben in die Diplomatie gegangen. Er mußte Geld borgen, einen Pah beschaffen und Briese für die Professoren in Erlangen. Ein Jahr hatte die Vorbereitung gedauert. Dann, eines Wintertages, war es so weit. Ein treuer Diener fuhr den Bruder bei Nacht und Nebel davon. Wenige Stunden später schon wurde die Flucht entdeckt. Aber Hefter hatte geschickt alle Spuren verwischt, Philipp Henry entkam. Niemanden hatte sie eingeweiht, weher Charles, den jüngeren Bruder, noch Pitt, den Onkel. Sie selbst zog sich vor dem väterlichen Sturm rechtzeitig nach Burton Pynsent zurück, zur Großmutter, die Pitt zum Sohn hatte. Denn Lord Stanhope in seinem Zorn kynnte lebensgefährlich sein; hie eigene Tochter hatte er einmal mit dem Messer bedroht. Lady Chatham, die Großmutter, verwöhnte die älteste Enkelin. In dem großen Landhaus konnte Hefter frei und fröhlich hausen, auf ihrer schwarzen Stute über Land reiten, während Bauersfrauen sich demütig vor ihr neigten. Aber die wilde Hast nach Taten wich nicht von ihr. Niemals würde die Großmutter verstehen, daß sie, Hefter, sich einen Platz im Leben erobern wollte, um Rückhalt zu schaffen für die Geschwister. Dazu sei ihr Onkel da, hieß es, William Pitt. »Pitt? Sein Ministerium ist doch gesallenl" meinte Hester. Die Großmutter wurde einen Zoll größer, wenn sie von dem berühmten Sohne sprach: „Er hat dem König sein Siegel zurückgegeben, weil er für die Freiheit Irlands war. Aber als der König den Nachfolger Addington emp- fing, sagte er: .Wenn Sie und Pitt und ich nur zusammenhalten, wird alles gut gehen!' Merke dir, Pitt ist Erster nach dem König — auch ohne Lordkanzlerschaft!" Hefters Lider mit den langen dunklen Wimpern beschatteten ge- . fliffentlief) den Blick. Die Zähne hielten eine zuckende Unterlippe fest. „Mein Kind, weißt du, daß Klatsch um dich entsteht? Du benimmst dich zu frei. Erst hast du dir von Camelford den Hof machen lassen, diesem Wüstling ... Und jetzt die Geschichte von Philipp Henrys Flucht!" Vielleicht war es doch am' besten, sie nahm den Vetter Camelford zum Mann, Camelford, mit dem bleichen Gesicht über dem Riefenkörper, den unheimlich flackernden Augen und dem verwüsteten Mund. Er war * immer noch interessanter als die jungen Peers und Baronets zusammen- genommen. Daß man hinter (einem Rücken flü|terte—pr fei verrückt, die Männer vor ihm scheuten und Frauen wie hypnotisierte Vögel nach ihm starrten, daß er in London Duelle focht und Skandal erregte — ja vor ihren eigenen Augen auf ein Haar einen Betrüger erdrosselt hätte — das alles kümmerte sie nicht. Auch nicht, daß Pitt, der junge Onkel, auf ein Gerücht hin hatte sagen lassen, er würde sich einer Heirat seiner Nichte mit diesem Verwandten widersetzen. Camelfords wilde, geheimnisvolle, maßlose Art schien ihr verwandt; vielleicht war er ein Narr und ein Gauner — aber er hatte auch andere Eigenfchasten, von denen die Welk nichts wußte. Nur — Camelford fragte nicht nach ihrer Hand, so heiß er auch flüstern könnt«, wenn sie in seinem Wagen über Land fuhr. Die Wochen, die Monate gingen dahin. Heller wurde unruhig. Ob Pitt vielleicht wußte, was sie ansangen sollte? Lange hatte sie ihn nicht mehr gesehen. Es hieß, er residiere in Walmer Castle, organisiere die Miliz und habe sogar den Besuch Seiner Majestät des Königs abgelehnt. Ein würdiges Ehepaar erzählte von einer Reise —- ob Mylady nicht Lust habe mitzukommen? lieber Dover nach Frankreich und Italien sollte es gehen. , Und ob Hester wolltel So sehr, daß die Großmutter schließlich Geld und Erlaubnis gab. Ein Jahr aus Reisen! Vielleicht sand sich jetzt chr Platz in der Welt. Und — lag nicht Walmer Castle, die Residenz William Pitts, nah bei Dover? Die Tür öffnete sich, als es aus irgendeinem Getäfel zehn Schläge tat. Pitt kam herein. Er ging schnell und lautlos. Ein fester Griff umspannte ihre Hand. „Verzeih, Hester, es hat lange gedauert ... Was führt dich zu mir? Er warf sich in einen der schweren Sessel, das bartlose, hochmütige Gesicht, das sich auch im Blick der Augen nicht öffnete, war voll ihr zugekehrt. „Ich wollte dich Wiedersehen!" Pitts beweglicher Rednermund bog sich in leichtem Spott, seine rechte Hand auf dem Eichentisch zerkrümelte das königliche Siegel eines Brieses. „Nur das?" fragte er mit jener warmen Stimme, der England und der halbe Kontinent verfallen war, wenn er wollte. „Vielleicht noch mehr. Vor drei Wochen verhaftete die Polizei wieder einen Jakobiner in Bakers Haus — nächstes Mal werden sie ihn selbst mitnehmen — ins Gefängnis'— genau wie Lord Thanet und Ferguson. Was soll bann aus meinen Brüdern werden? So kann es nicht weiter» gehen! Verstehst du, daß ich Vorsorge treffen muß?" Pitt hatte eine Witterung für Menschen durch geschlossene Türen. Schon wenn der Schritt eines Besuches herankam, hörte er am Rhythmus, ob der Mensch ihm anziehend ober unangenehm war. Diese Frau vor ihm, bie Enkelin seines eigenen Vaters, war anbers als die zahllosen Menschenbilder seiner Erinnerung. Außerdem war bas Gesicht von nahezu klassischer Schönheit. , Er lehnte sich zurück, um genauer betrachten zu können, und fragt« nebenbei in väterlichem Ton: „Wie hast du dir diese Vorsorge gedacht?" Sie senkte zum erstenmal, enttäuscht schien es, den Kopf: „Wie soll ich das wissen, wenn du es nicht weiht?" Er stand auf, goß sich Portwein ins Glas. Plötzlich war Hestek hinter ihm: „Pitt! Du hast heute mittag fünf Becher getrunken. Das ist nicht "gut für dieses da!" Sie wies auf fein rechtes, feibenftrumpfbetieibetes Bein. Pitt setzte ab, erstaunt. „Was siehst du an diesem Bein?" „Es ist krank! So etwas sehe ich, ohne nachzudenken. Ja — kennst du das nicht?" „ Und ob er es kannte! Er führte mit Botschaftern fremder Möchte in der Nische eines Saales die heikelsten Gespräche und hatte tags daraus Lady Westmorelands Toilette im Kopf, Miß Soundsos Fußlinie und Oberst Moores unrhythmifchen Tanzschritt — bis in bie Einzelheiten, unverwischbar genau. „Es ist wahr, ich habe gelegen, gestern noch. Einer von ben bummen Anfällen, weißt du", sagte er leiser. Dann tippte er leicht auf Hefters Arm: „Du bist mir verwandt, Kind!" . Hefter drehte sich herum, stand dicht vor ihm, um stirnbreit nur kleiner als er, und fragte stürmisch wie auf ein langersehntes Stichwort: „Dann verstehst du auch, daß ich nicht dazu gemacht bin, bas Leben zu versäumen!" Er blickte an chr herab, sehr ruhig, sehr beutlich: ,T>u bist gemacht, einem Mann Frau zu sein, der intelligenter ist als du ... Aber Camelford, unser Vetter Camelford, ist kein Mann für dich." Sie warf den Kopf zurück: „Das weiß ich nicht. Jedenfalls wird mich niemand verheiraten außer ich selbst I" Hefter fühlte, daß er ein Lächeln verbarg. „Niemand wjrd dich verheiraten ich bürge dafür! Komm, setz dich und erzähl mir von dir, Hefter." „Was soll ich dir erzählen können? Ich habe wenig gelernt und nicht viel erfahren. Und du sprichst mit den klügsten Männern von England." „Aber selten, Hefter, mit einer Frau —" Sie wickelte die Spitzen ihres Kleides angelegentlich um einen schlanken, ausnehmend schönen Finger. „3a, einmal, ich war vielleicht neun Jahre alt, gerade vor der Französischen Revolution, da kam ein Wagen vor meines Vaters Haus- Er war goldbeschlagen und neun Diener trugen weihe Federhüte. Der aus dem Wagen flieg, hatte ein leuchtendes Gesicht, wie ich nie eines gesehen. Cs fei Graf Adhemar, Botschafter Seiner Allerchristlichsten Majestät von Frankreich, sagte man mir. Bald danach reifte ich mit der Gouvernante nach Hastings. Eines Abends wartete ich, bis sie schlief. Dann ging ich zum User, loste selbst ein Boot und ruderte Ins Meer. Nach Frankreich wollte ich, zu Gras Adhemar. Schisser holten mich ein und die Gouvernante rang die Hande. Aber ich habe Gras Adhemar nicht vergessen, seit damals habe ich Sehnsucht, in die Welt zu reisen. Später horte ich von Bonaparte, und wenn man ihm fluchte, bewunderte ich seinen Mut. Und dann Pitt beugte sich vor: ,3a, und bann?" , Nach Adhemar und Bonaparte kamst du. Ich horte, bah du mit 25 Jahren mehr Befehle gabst als der König, und daß der Korse von dir gesagt hat, du regierst bas Unterhaus mit dem Runzeln deiner Augenbrauen." (Fortsetzung folgt.) Oie Tänzerinnen. Von Friedrich Georg Jünger. Seht, wie die schönen Töchter der Erde sich Umkreisend nahen, blickt auf die TanzendenI Wie Füllen gehn sie wild und lieblich Ueber die Weiden im hohen Lichte. Wie Flammen sind sie. Flammende Glut durchströmt Des Lebens Adern, wirbelndes Feuer ist's. Der Tanz ist Macht, von Göttern ist er / Zaubrisch ersonnen zu hohen Festen. Wie regt ihr kühn euch, da ihr den Tanz beginnt, O Mädchen, die mit herrlichem Wuchs ihr lockt. Fest wie das Erz, geschmeidig, biegsam Wie die Zypresse im Arm des Südwinds. O hohe Anmut! Wenn du der Stärke dich So zart gesellst, erstaunen die Wissenden^ Das Sehn ist Freude, ist des freien Auges gestellteste Lust und Nahrung. wärts, noch unverheiratet roann. Sein« Aepfel brachte er Ktchter akß den Mann, als auch nur eine von diesem halben Dutzend Töchter, hemtf es gab im weiten Umkreis wenig Männer, die sich als Schwiegerföhnt eigneten. Mac Anthonys Aepsel waren aber auch berühmter als sein« Töchter, Es waren nämlich jene in der ganzen Welt geschätzten und begehrteck Rotäpfel mit dem lockeren Fleisch. Als „Rashberry Apples" gingen si« in alle Weltteile, wohingegen di« sechs Töchter dem Vater Mac Anthony sitzen blieben ... Der kleine Baron hatte sich rasch Urlaub genommen und war nach Tacoma und Vancouver geflogen. Und nun saß er in der großen Hall« der Farm seinem Geschäftsfreund Mac Anthony und dessen sechs Töch» tern gegenüber. Er war leicht verwirrt oder berauscht. Auf soviel Blüte, aus so tausendfältiges Apfel- und sechsfaches Mädchenblühen war ev nicht gefaßt gewesen. Die Farben der Apfelblüte,, weiß und rosa, flimmerten ihm vor den Augen, stundenlang hatte ihn das Auto durch dieses Blütenmeer getragen. Er hatte sogar davon geträumt, irgendwo rausch« der Main. Und nun noch diese sechs Frauenzimmer dazu! Eine so blend wie die andere, alle hübsch und das Gesicht voll Lachen. Welche aber war die jüngere und welche die ältere? Sie glichen sich fast wie eick Apfel dem andern. Einem solchen Ansturm war der klein« Baron mit seinen immerhin schon einigen vierzig Jahren nicht gewachsen. Dazu goß ihm nun auch noch der alte Mac Anthony den Whisky pur ins Glas, Baron von der Lenzheide war froh, als er endlich im Bett lag. Zwei große Fenster und eine Tür öffneten sich in seinem Zimmer aus einen geräumigen Balkon und gaben den Blick auf Blüten, auf nichts als Blüten frei. Diese dufteten ins Zimmer herein und ließen den Barock nicht einschlafen. War er am Main oder in einem verwunschenen Schloß ober träumte er überhaupt dies alles nur? Hätte er doch wenigstens nicht soviel Whisky getrunken. Frühling und Whisky, Aepfel- und Mäd- chenblllte — es war zu viel,, und er sah alles doppelt ... Er setzte sich im Belt aus, nahm seinen schmalen, dünn behaarten! Schädel in die Hände und versuchte seinen schwirrenden Gedanken einige klärende Kommandos zu geben. Warum hatte dieser Mac Anthony immer nur soviel von seinen Aepfeln gesprochen und nur ganz nebenbei von seinen sechs Töchtern? Das war doch ein Unrecht, nein, sogar eine klein« Gemeinheit von diesem whiskyliebenden Apfelzüchter und Golfspieler« Sechs so hübsche, sechs so blonde Töchter — sie sahen aus fast wie Sechs« linge. So etwas von Blühen und Jungsein und Lachen! Und er, Barock von der Lenzheide, mittendrin mit seinem von der Frühjahrssonne ohnehin ungerührten Blut, mit seinem Heimweh und seinem jahrelanges Alleinsein! Dies alles konnte er nicht verarbeiten. Es war zuviel für den Leiter einer Frust Company, dessen Wiege am Main gestandeck hatte. Er mochte jetzt, aufrecht im Bett sitzend, seinen Gedanken soviel Kommandos geben, wie er wollte, sie gehorchten nicht. Er sank zurück in die Kissen. Keinen Blick mehr wollte ex durch bi« Fenster auf das Blühen tun. Schlafen, schlafen wollte er — vielleicht, so setzte er in Erinnerung an Hamlet" hinzu, auch träumen. Aber nut nicht mehr denken! Der Teufel hole die Blüherei und den ganzen Frühling und diese sechs blonden Mädchenköpfe mit ihren zwölf lachenden Augen! Muß denn in Amerika gleich alles in Masse auftreten? Sogar die Schönheit, sogar das Blühen, sogar die lachenden Pflanzerstöchter! — . ' ... „Arm!" seufzte der kleine Baron elegisch, da fing er emen ganz ähnlichen Ton in feinem Ohr auf, wie eine Antwort, einen kurz heraus« gestoßenen und dann jäh abbrechenden Satz: „... Vater spielt Golf, die Schwestern sitzen schon wieder vom Morgen bis zum Abend auf deck Pferden, nur ich..." , v Dieses „Nur ich" trieb ihn wieder hoch. Wer war das, diese „nut ich"? Welche von den Sechsen war es? Er sprang aus dem Bett und ging, nein, taumelte auf den Balkon, Nun erschien ihm, während er ins allgemeine Blühen hineinfah und hin- einroch und hineinhörte, diese eine, damals so ferne und körperlos« Stimme aus dem Telephon ganz nah und als eine Gestalt, als eint gar nicht mehr allgemeine Und sehr wohl unterschiedene. Aus sechs Frauengesichtern wurde eines, aus sechsmal Lachen sprach Um dieser leicht elegische, saft resignierte Ton an, der Ton seines „Arm! , und indes er in seinem Pyjama sich von den Lüften und Duften des blühenden Frühlings auskühlen lieh, verliebte er sich in diese Stimme und in ihren Ton, der auch der seine war. Als er am nächsten Morgen erwachte, war fern Kopf wie em glühender Stein. Er ächzte und stöhnte. Kein Zweifel, er hatte Sieber. Vein dammter Frühling In Kanada. Harry von der Lenzheide hatte ihm ein« schwere Erkältung zu verdanken. Er klingelte. Ein Diener erschien, ein Japaner mit einem gelben, steinernen Gesicht. Dem sagte er, er solle Mister Mac Anthony schicken. „Mister Mac Anthony? Langst ausgeritten! Wer zum Teusel, war denn da? Der Baron geriet fast Wut. Denn das Fieber hatte ihn schon mächtig gepackt und gaukelte ihm vor, er Jet einer Verschwörung zum Opfer gefallen. Der Japaner sprach ruhig weiter: Auch die Ladies seien zu Pferde fort, nur Miß Nancy nicht, die das Haus versorge. .... , , „ «.•„ Baron von der Lenzheide horte wie aus raumlofer Ferne die Worte. Miß Nancy. Und zugleich mit ihnen die beiden anderen: «... nur ich! Er schloß die Augen und war glücklich. Als er sie wieder öffnete, stand die eine Blonde vor ihm und sühlte ihm den Puls. Er konnte sie schock nicht mehr deutlich sehen und auch nicht mehr genau Horen, was sts sprach Aber er wußte, daß dies die Stimme aus dem Telephon war, die zu ihm gehörte, die ihm gehörte. Und er nahm den Namen und die Gestalt Nancys mit in seine Fieberträume hinein Cs war eine ganz gehörige und hartnäckige Grippe, die über den kleinen Baron gekommen war. Das Fieber hielt viele Tage an. Durch viele Tage standen bald Mister Mac Anthony, bald der Arzt und bald Nancy an seinem Bett. Nein, Nancy stand, wie er sich einbildete, immer bei ihm, sie wich nicht aus dem Zimmer. Und st« horte niäst anb zu sagen: «... nur ich!" Aber ihm blieb das Wort „arm in der Kehle stecken. -Apfelblüte in Kanada. Von M i l a n a Jank. Der klein« Baron Harry von der Lenzheide war wieder einmal amerikamüde. Am ewig blauen Himmel di« Frühjahrssonne, die über San Franzisko, über dem Hügelland von San Mateo und Alameda trahlte.und im Westen über dem Stillen Ozean verglühte, verleitete hm den Aufenthalt. Heimwehkrank sauste der einsame Junggeselle mit einem Packard die Market-Street hinauf, holte sich im Palace-Hotel einen alten Freund aus dem Frankenland, den deutschen Postbeamten. „Arm!" sagte der ein«, „arm!" echote es aus dem Mund des andern zurück. Sie hatten fast nasse Augen. Sie fuhren bis zur Willmore-Street, dann weiter zur Golden- Gate-Avenue, durch die steinernen Sttahenschluchten, dann hinaus zum Rockyland mit den Seelöwen, wieder zurück nach San Franzisko, bergauf und bergab, immer zwischen den Himmelsburgen. Im Auf und Ab der Stadt wurden fre still. Sie wollten der Früh- stngsschwäche nicht nachgeben. Seit fünfzehn Jahren kam das Heimweh in jedem Frühjahr: Deutschland, Deutschland, Frankeniand, Frankenland. Der Baron von der Lenzheide hatte 1919, als er die Uniform hatte ausziehen müssen, rechnen gelernt. Er war Kaufmann geworden, zuletzt sogar Direktor der Pakific-Fruit-Company in San Franzisko. Er hatte fein gutes Auskommen in dieser schönen Stadt, er saß im Hofbräuhaus in der Market-Street, trank dort Münchener und Würzburger Bier, aß bayrische Knödel mit Lüngerl. Er hatte ein gutes Gehalt und eine gute Stellung. Es war wirklich nicht am Platz, immer „arm!" zu sagen, denn er war es in der Tat nicht. Er hatte doch sogar in feinem Beruf immer den Duft von Aepfeln und Trauben in der Nase, den Duft, der aus feinem Kindheitsland herzuwehen schien, vorn elterlichen Gut über dem Main, das längst in fremden Besitz übergegangen war. Dies konnte, ihm niemand nehmen, dieses fast brüderliche Vertrautsein mit den Aepfeln, Birnen und Trauben. Sein Geschäft war ihm ein Stück ewiger Heimat, wenn auch nur ein Ersatzstück. Aber bei jeder Gelegenheit sagte der Mann: „Arm!" Auch wenn er sich freute, sagte er es. Das hing mit seiner angeborenen Melancholie zusammen. Auch andere Deutsche m San Franzisko fingen an, „arm" zu sagen. So war das Wort ein Stuck Deutschland geworden, es ging von Mensch zu Mensch. Frühlingssonne hing über dem Wasser der Bai von San Franzisko. Sie trieb ihn um, den kleinen Baron. „Arm!" sagt« er zur Sonne, zu den Tieren, zu den Menschen, zu den Himmelsburgen, sogar auch in der großen Börse sprach er es. Und dort erschien er oft. Er bekam Sehnsucht nach Gärten, Wiesen und Obstbäumen. Da erinnerte er sich der Einladung des Plantagenbesitzers aus Kanada, der, wie in jedem Winter, so auch in diesem nach San Franzisko gekommen war, um Barabschlüsse für feine durch den Panama- Kanal ziehende Apfelernte zu machen. Dieser Mister Mac Anthony, ein Mann, der wenig sprach, hatte ihm gesagt: „Lenzheide, sehen Sie sich m Kanada einmal unsere Apfelblüte an! Ich erwart« Sie im Fruchahr. Womit man handelt, das muß man schließlich auch entstehen, das mutz man auch einmal blühen und in seiner Schönheit wachsen geseoen haben. Kommen Sie einmal zu mir und zu „meinen Töchtern! Wir werden uns auf Ihren Besuch mächtig freuen!" - ,. ... Von der Lenzheide hatte nie daran gedacht, diese Einladung ernst zu nehmen. Aber die Frühjahrssonne und das Heimweh trieben ihn fort aus der Riesenstadt. Er ließ sich mit Kanada verbinden, mit ber Farm Mac Anthony. Ein« Frauenstimme wurde im Telephon laut: „-ja, kommen Sie rasch, die Bäume haben schon die ersten Bluten, der Bäte spielt schon Golf, und die Schwestern sitzen schon wieder vom Morgen bis zum Abend auf den Pferden, nur ich —" ___ Da brach die Stimme ab. Dann kam Mister Mac Anthony selbst ans Telephon und wiederholte die Einladung vom Winter ... Am Froser-River, eine gute halbe Tagfahrt von der Stadt Vancouver entfernt, lag die wohl größte Apfelfarm von Britifch-Columbien, die dem Mister Mac Anthony gehörte. Meilenweit dehnen sich, nahe um die Gleise dör Great-Pacistc-Eastern-Railway herum, ganze Walder von Apfelbäumen, die fo gepflegt und wohlversorgt ..dastanden. wie> wenn jeder einzelne der Weblinosbaum des Besitzers war« Ja, Mac Anthony liebte feine Bäume wie Kinder. Es hieß sogar, daß er sie mehr liebe als seine sechs Töchter, denen die Mutter früh gestorben war, und daß er gelegentlich zu sagen pflegte, zehntausend Mo le l b a u m e f c i e n zu wen g, aber sechs Töchter seien zuviel! Er hatte wohI hinsicht! ich feiner Tochter ein schlechtes Gewissen, weil sie, obwohl im Alter von 18 Jahren auf Als bas Flebw endlich nachlieb, fing dec kleine Baron von der Lenzheide langsam an, mit Nancy zu ipredjen. Wovon sprach er ihr? Vom Main, von den Aepseln, Birnen und Trauben seiner Jugend und seiner Heimat, . > Nancy konnte viel besser zuhören als sprechen. Aber immerhin sagte sie ihm, sie sei die älteste von den sechs Töchtern Mac Anthonys und, sozusagen, die junge Mutter der anderen fünf. Sie habe nur wenig Zeit zu reiten oder mit dem Vater Golf zu spielen, ihr obliege die Sorge um das große Haus, um die Familie, um die fünf Schwestern mitsamt dem Vater. Baron von der Lenzheide hatte keine Eile, gesund zu werden. Er hatte ein bißchen Angst vor den anderen fünf Schwestern und vor dem Whisky des Vaters. Er vertauschte das Bett mit dem Balkon, er sah in die Blüte wie in eine Heimat/die sich ihm neu erschlossen hatte. Die Schwestern besuchten ihn täglich, eine nach der andern. Aber die Gefahr, daß er sie mit Nancy verwechseln könnte, war vorüber. Als der Gast bann beim Vater um Nancys Hand anhielt, knurrte dieser nur in sich hinein: „Go to the hell! Gerade die, die ich am wenigsten entbehren kann!" Aber er war doch froh, nun endlich auch eine von seine» sechs Tächtern an den Mann gebracht zu haben, und sogar an einen Fachmann für Aepfel ... Oer Haushahn. Von Hermann Lingg. Er hatte Mut und einen stolzen Schritt, Er ließ nur selten sich begleiten. Er war ein Herr, der keine Kränkung litt. Er hatte Sporn, gleich wie ein Mann zum Reiten; Sein Haupt war feurig, voller Gluten ganz. Er stammte vom hispanischen Geblute, Man sah's an feiner Federn dunklem Glanz, Und wie der Stolz aus feinen Augen sprühte. Vfel traute Frauen gingen vor dem Tor Im Hofraum mit ihm auf und ab, Nicht wie das Huhn nahm ihn die Köchin ab, Ihm stund weit Schlimmeres bevor; Er ward in Ruhestand versetzt, Und dies hat ihn so tief verletzt, Daß tief er's in die Erde kratzte. Ja, daß ihm schier davor x Der rote Kamm auf feinem Haupt zerplatzte. Ein Fremder, eine Brahmine kam. Ein Cochinchina trat an seine Stelle, Und ach, die Herzen aller Frauen nahm Der Fremdling ein mit Blitzesschnelle. Dem Haushahn blieb für all" erlitfne Kränkung Nur ein Ersatz, ihm blieb der Mist, Der Berg, von dem er jede Schwenkung Des Gegners übersieht und sich vergißt. Wenn ganz Verächtliches der andre frißt. Dann singt er in der Morgenfrühe Sein Weckelied der ersten Tagesglut Und denkt, was gibt sich doch die fremde Brut Mit Singen viel vergebene Mühe. Und stolzer wallt er durch die Flur Und sieht auf jeden Hahnenfuß entzückt, Weil noch im grpßen Buche der Natur Ein Blümchen sich mit feinem Namen schmückt. Altbayerischer Bauernadel. Von Iosef Hofmiller. Am schönsten war das Hineinkommen nach Bayrischzell zu der Zeit, da noch keine Bahn ging, und am allerschönsten natürlich zu Fuß. Durch das alte Schliersee war man bald durch, dann ging die schmale Straße hart am See, dann kam schon gleich das weiße Leonhavdikirchl zwischen, den Bäumen, bann macht bie Straße ein scharfes Eck, unb vor uns liegt der Wendelstein, und das Leizachtal wird sichtbar. Zuerst gehen wir noch den Hachelbach entlang, der zwischen der Brecherspitz und dem Jägerkamp durchs Josephstal herunterschießt, aber gleich hinter Aurach kommt sie daher, die Leizach, schon ein richtiges starkes Wasser, und bie Berge rücken enger zusammen, ba(b sind wir am Joblbauern in Hagenberg vorbei, ber bie schönste Hausmalerei hat im ganzen Tal, Geitau > gehört schon in die Pfarrei, jetzt find wir in Osterhofen. „Bayrischzell sicht nia toin vor lauta Aepsibam", nur der spitzige Kirchturm verrät es. Das wr das alte Zell, vor ber Eisenbahn. Die einzige Verbinbung mit der Welt war damals der offene Postwagen. der von Schliersee um fünf Uhr abfuhr und Punkt sieben pomadig Aber die Brücke beim Zeller Schulhaus rumpelte, grab recht zum Abendessen. Aber bald kam ein blaues Privaiaulo, bei dem wir immer wetteten, wo ihm ber Schnaufer ausgehen würde, hernach kam das braune Post- «uto, dem ging der Schnaufer nimmer aus, und zuletzt wurde das ganze Tal lebendig mit Arbeitern und Bahngeleisen, unb jetzt fahren lange 3u9e, l'n und her, und Bayrischzell ist ein stattlicher Ort geworden mit Gasthofen, und kein Mensch kann bas Lied mehr zu Ende fingen: „Schab, daß's koane Häuser hat, fünft war's ja glei a Stadt!" Die neue Zeit baute Bahnhöfe und Gasthöfe, aber Bauernhöfe baute fie wenig, unb es ist gut, baß im Leizachtal schon ein paar Dutzend der prachtvollsten von ganz Bayern stehen. Im Jnntal liegen sie auch verstreut, diele stolzen Bauernhöfe im Tal oder auf den grünen Vorstufen des Mittelgebirges, der Regauer von der Regau, der Recheyauer von der Rechenau, der Seebachcr von Seebach, der Hochecker von Hocheck, der Schweinsteiger von Schweinsteig, der Mühlauer von Mühlau, der Zaglacher von Zaglach, der Becherngruber von Becherngrub, der Watschöder von Watschöd, der Waller von Wall, der Stuffer von Oderstuff, der Sattelberger von Obersattelberg und wie sie alle heißen. Aber was ist das Jnntal für ein breites, stolzes Tal mit einem starken Verkehr seit tausend Jahren neben dem weltabgeschiedenen Leizachtal! Wer das Leizachtal schon gekannt hat, richtig gekannt, nicht bloß mit dem Rucksack ober mit ben Skiern ein paarmal burch, hat bas freilich schon gewußt. Man muß bloß einmal am großen Frauentag am 15. August in Birkenstein gewesen sein, wo das ganze Tal zusammenkommt, dann hat man eine Ahnung, was das heißt: „es gibt ja nur a Leizachtal alloa, von Miesbach bis zürn' Wendelftoa", und man muh die Bauernhöfe ein wenig kennen, vom grünen Kessel der bayerischen Zell an bis hinaus gegen Westerham, wo die Leizach in bie Atangfall miinbet, wo bas Tal breit unb üppig wirb unb bas „goldene Tal" heißt. Aber nicht vom „goldenen Tal" handelt das Buch, das neben mir auf dem Tisch liegt, sondern vorn oberen Leizachtal, von den Pfarreien Bayrischzell, Fischbachau, Elbach, Au bei Aibling und Niklasreuth. Das Buch ist eine Beschreibung wert. Es ist so dick wie ein Meßbuch, hat 832 Seiten und heißt „Chronik des oberen Leizachtales", geschrieben von Joseph Brunnhuber, Hauptlehrer in Elbach, verlegt von den Gemeinden Fischbachau und Hundham, gedruckt von Georg Ultsch in Birkenstein. Die Bauern von Fischbachau und Hundham haben wirklich in diesen harten Jahren der Nachkriegszeit kurzerhand die Uebernahme des Verlags beschlossen unb dadurch nicht nur das großartigste Heimatbuch geschaffen. Auf 340 Seiten ist jeder Hof beschrieben, vom Zillerbauer in Bayrischzell bis zum Zanken bis Wörnsmühl, wie lang der Hof steht, woher sein Name kommt, wer zuerst urkundlich auf ihm nachzuweisen, wer alles auf ihm gesessen ist, wie die Frauen geheißen haben und woher sie gekommen sind, wann bie Besitzer geboren unb gestorben sind, ob und wann das Anwesen zertrümmert worben ist, von roemr ob unb wann abgebrannt, wieder aufgebaut, verkauft, zurückgekauft, wer jetzt darauf ist, und noch eine ganze Menge, was je mit dem Hof norgefommen ist. Auch da begegnet uns ber stolze Bauernabel, wo noch Haus unb Familiennamen gleich ist, die Stöger von Stög, die Seifenrieber von Deisenried, bie Bacher zu Bach, die Mainwolf vom Mainwolf, die Kloo vom Kloohof. Oft ist ber Hausname jünger als das Haus selbst, noch öfter aber ist er viel älter als bie Namen ber jetzigen Besitzer. Die höchste Siedlung im Leizachtal z. B., bie beiden Höfe im Hochkreut, 989 Meter hoch, werden schon um 1200 genannt, und bie ältesten Besitzer, ein Klaus Mumolf und sein Brüder Konrad, schon 1481. Seit 1659 sitzen bie Huber auf bem Valtlhof. Aber bie Larcher finb schon seit 1532 auf bem Larcher- hof, bie Kloo seit 1528 auf bem Kloohos, den jfrber kennt, ber von ber Zell nach Birkenste!» gegangen ist. „Namen finb Kleinobe", schrieb mir ßubroig Thoma einmal: „mir ist es immer ein Genuß, wenn ich im „Tegernseer Blatt" Preisverteilungen bei ober nach Viehausstellungen lese. Wenn ber Quirin Libschrei- ber, Jager am Eck, ober ber Korbinian Hoß, Hagn von Elmau, aufgeführt wird, so tut sich mir eine ganze urbehagliche Heimatchronik auf." Was hätte Ludwig Thoma erst zu dieser urbehaglichen „Heimatchronik" gesagt, hätte er sie noch erleben dürfen! Sicher hätte er ihr den Ehrenplatz in seinem Bücherkasten angewiesen, neben Andreas Schwellers Bayerischem Wörterbuch, aber zuvor wäre sie wochenlang auf bem Ahorntisch in seiner Stube gelegen und hätte stark nach Latakia-Tabak geduftet. „Diese festfußenden, breiten, wohlgefügten Häuser geben den Eindruck des Soliden, ja des Selbstherrlichen und Stolzen. Es finb zumeist Bauernpatrizier, wenn man so sagen darf, uralte Geschlechter, deren Namen sich nicht selten schon in Urkunden des 10. oder 12. Jahrhunderts finden und in graue Vorzeit zurückdatieren, die unter diesen Dächern wohnen. Wenn so ein regierender Bauer sagt: Georg heiß ich, Seebacher schreib ich mich und der Schweinsteiger bin ich — so liegt darin Selbstbewußtsein und Krast. Solche Orte sind die reinsten Reservoire der Kraft für die Menschheit, und was draußen im Lebenskampf zersetzt wird, findet häufig von ihnen aus gesunden Nachschub." Der Mann, der dies schrieb, war nicht umsonst einer der vertrautesten Freunde Wilhelm Leibis; es ist der Arzt Julius Mayr in Brannenburg, dem wir die feinen Wanderbilder „Auf stillen Pfaden" und die beste Leiblbiographie verdanken. Es ist erstaunlich viel Bauernleben, Menschenleben gefaßt in den Seiten dieser Chroiuk, unb wer sich bie lohnende Mühe nimmt, hin und zurück zu blättern und zu verfolgen, wie die Familien sich verschwägern und ver[ippen, bekommt ein ähnliches Gefühl, wie wenn er in ben alten isländischen Geschlechterbüchern lieft. Nur bann versteht man, baß bei den großen Treffgelegenheiten des Tales in Wirklichkeit alle eine große Familie bilden, alle näher ober entfernter irgenbroie miteinander verwandt sind. Nicht einmal bie Hälfte des mächtigen Banbes ist es, bie von der Beschreibung der Hofe ausgefüllt wird. Es steht noch eine Menge darin. Auf bie Familiengeschichte folgt bie Heimatgeschichte: Befieblung. unb Rodung, Einführung des Christentums durch die ersten Glaubensboten, geistliche und adelige Grunbherren, Dienstadel und Bürger, Grenzen, Pfarrsprengel, Reformation, Pfarrpfründen, Zehentrechte, Stolgebiihren, Beschreibung der Kirchen, Nennung der Pfarrherren und Hilfspriester, Aufhebung des Klosters Fischbachau, Kunstgeschichte, Schulgeschichte, Kriegsnöte von der ältesten Zeit bis zum Weltkrieg. Es ist eine unsägliche Arbeit, die Joseph Brunnhuber mit dieser Chronik geleistet hat, und sein Werk ist dem Volke des Leizachtols „zu Ehr und Vorbild". Eine solche Arbeit kann nicht belohnt werden: sie trägt ihren Lohn in sich selbst. Wie man jetzt schon vom Allgäu sagt „Der Reiser", vom Lechrain „Der Leoprechting", von der Oberpfalz „Der Schönwerth", so wird man in Zukunft vom Leizachtal sagen: „Der Bttwnhuber". Verantwortlich: Dr. HanS Thhriot. — Druck unb Verlag: Vrühlsche Universitätsdruckerei R.Lange, Gießen.