Gießener Zamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Lietzener Anzeiger Jahrgang 1938 , Montag, den 19. Dezember Nummer 99 Ser Keyelmacher von Zankt Stephan Ein heiterer Liebesroman von Alfons o. LZibuika dopyrigfjt by J. G. Äotta'fche Buchhandlung Nachfolger, Stuttgart 9. Fortsetzung. , Von dieser kommenden Tragödie, deren Knoten das Schicksal mit dem Briefe des Leutnants soeben geschürzt und über deren Lösung Matthias Wimmer sich den Kopf zerbrach, ahnte Elisabeth Brand nicht das ge-, ringsts. Selbst als man schon im anstoßenden Eßzimmer am Tische saß, aus dessen damastener Decke inmitten der gM>geränderten Schüsseln, Gläser, Blumen und Silberschalen ein buntes, schimmerndes Volk oon Winzern und Winzerinnen, von verliebten Kavalieren und Dämchen, von Amoretten und Liebesgöttern seinen porzellanenen Reigen vollführte, begriff sie immer noch nicht den Zweck dieser Nußdorfer Fahrt. Sie merkte ihn um so weniger, als der neben ihr sitzende Franzt bisher noch kein Wort gesprochen hatte und sein verlegenes Schweigen auch dann nicht brach, als der darüber besorgte Vater ihm unter dem Tische einen schmerzlich Mahnenden Tritt gegen das Schienbein versetzte. Auch Kirndorfers Tischrede klärte sie nicht auf. Johann Kirichorfer hatte sich nach Suppe, Fisch und Rindfleisch in seiner ganzen Schwere und Breite erhoben, drehte sein Glas in der großen, fettgepolsterten Hand und sprach, wenn auch vorerst noch in dunklen Worten unb, mehr langatmig als klar,' über die Bedeutung dieses Tages, schloß aber immerhin mit der Bitte, daß die Demoiselle Elisabeth Brand dieses Haus als ihr eigenes ansehen möge. In einer anderen Seelenoerfassung hätte die Lisl, hellhörig, wie sie sonst war, diesen allzu deutlichen Wink mit dem Zaunpfahl auch kaum übersehen. So aber hörte sie in ihrer Beglückung, in die sie ber. Brief des Leutnants versetzt hatte, von der ganzen Rede überhaupt nichts. Weil sie aber doch merkte, daß der Hausherr ihr Freundliches sagte, nickte sie, um ihn nicht zu kränken, hin unb wieber so fröhlich unb zu- stimmenb, daß die alten Kirndorfer und sogar Brand dieses Nicken schon für ein Einverständnis hielten. Die Vielgratterin spitzte immer merklicher die Ohren, denn es begann sich ihr durch diesen Tischsermon manches Geheimnisvolle der letzten Wochen zu klären. Sie neigte sich augenzwinkernb zu dem neben ihr sitzenden Regenschori und fragte ihn flüsternd: „Spannens was, Herr Wimmer?" „Unb ob!" gab er rätselhaft seufzend zurück und strich sich besinnlich über seinen schimmernden Schädel. Noch ehe Katharina Vielgratterin über die Bedeutung dieser Antwort Nachdenken konnte, wurde Kirn- dorfers lange, die Güte des nun aufgetragenen Kapauns gefährdende Rede mit fröhlichem Gläserklingen beschlossen. Von der hemmenden Notwendigkeit geheuchelten Zuhörens befreit, gab sich Elisabeth Brand, die ihres Liebeskummers wegen so lange Hunger gelitten hatte, dem Genuß des Kapauns und der darauf folgenden wienerischen Torte so genießerisch hin, daß die Vielgratterin sich Nicht enthalten konnte, vorwurssooll zu sagen: „Man könnt wirklich glauben, daß du z' Haus rein gar nix zu essen kriegst " „Ist doch recht, wenn's der Demoiselle schmeckt", verteidigt« Mutter Kirndorfer ihre zukünftige Schwiegertochter, legte ein neues Tortenstück auf deren Teller und häufte einen Schöpflöffel Schlagobers darüber. „Freilich", antwortete die Vielgratterin und schob eine halbe Schnitte in den zahnlosen Mund, „freilich, Frau Kirndorferin — Aber obs es glauben oder nicht,: z' Haus hats vorigen Sonntag nicht einmal das Gansl ang'rührt und am Freitag hats gar den Karpzen stehen lassen, ihre Liebtingsspeis, denkens nur — Verwöhnt ist die Lisl schon. Das |ag ich Ihnen gleich —" , ,, Kirndorfer der 2teitere war mit dem Einverständnis der Elisabeth Brand überzeugt. Aber sein Sohn machte ihm Sorge. Wohl warf der Franzt hin und wieder scheu unb errötend einen Blick auf seine Nachbarin, und man konnte es ihm an seh en, daß die Lisl, die schön unb bezaubernd neben ihm saß, ihren Eindruck auf ihn nicht verfehlte. Doch sein Schweigen hatte er bisher höchstens durch ein zaghaftes Ja oder Nein oder ein allzu unbeherrscht geäußertes Verlangen nach einem weiteren Stück Kapaun ober Torte gebrochen. Und es nahte hoch die Stunde, in der das Programm dieses Sonntags nach aufgehobener Täfel nun das Alleinsein des Franzl mit der Lisl bringen sollte Nach ber bei Disch gemachten Erfahrung fürchtete Mutter Kirndorfer, daß ihr Sohn auch bei dieser wohlerrechneten Gelegenheit nicht den Mund auftun werde. Wenn auch Elisabeth Branb sichtlich vor Seligkeit und Liebesglück 'strahlte: um den Hals konnte sie dem Franzi ohne das Sttch- roort, das nun einmal der männliche Teil zu geben hat, nicht fallen. Auch Johann Kirndorfer ahnte dunkel, daß der in feinem Haus gut em dutzendrnal in Porzellan abtonterfeite Liebesgott bei dieser geplanten Zweisamkeit seinen Pfeil nicht allzu willig von der Sehne schnellen lassen werde. Darum entschloß er sich schon jetzt, die Geister des Weines zu Hilfe zu rufen. Eigentlich war diese Weinprobe samt der sie abschließenden Stimmung erst als Verlobungsfeier unb bannt als Krönung des Tages gedacht gewesen. Weil aber der Franzl sich bei Tisch noch' schüchterner benommen hatte, als ohnehin erwartet wurde, beschlossen die alten- Kimdorser, diese als Apotheose gedachte Weinprobe rn eine Ouvertüre zu verwandeln. Denn, wenn überhaupt, so war die Zunge des Franzl nur nach durch die Geister des Weines zu lösen. Unter Varantritt des mit einem mächtigen, gelbbraunen Lederschurz - angetanen unb einen gläsernen Weinheber schulternden Vaters .Kirndorfer begab man sich über viele steile Treppen und dunkle, von Weindunst erfüllte Stollen in die Kellerstube tief unter die Kuppe des Nußbergs. Die gleichsam symphonische Begabung, mit der Johann Kirndorfer diese Weinprobe abhielt, rang sogar dem spottlustigen Matthias Wimmer Bewunderung ab, ber sich doch sowohl auf Musik wie auf Weine ver- stanb. Kirndorfer wählte die Weine, die er mit dem Stechheber den altersschwarzen Fässern entnahm, so überlegt nach Menge, Güte unb Schwere, daß ihr Zusammen klang wohl die nötige fröhliche Stimmung erzeugte, aber nicht zu einem Zustande aus artete, der das ganze so schicksalsschwere Programm über den Haufen werfen konnte. Soweit gelang auch seine Absicht. Als man nach einer knappen Stunde aus den weinduftenden Tiefen des Berges wieder zur Wohnung ausstieg, war die Stimmung die beste. Selbst di« seit Mittag, so" verdüsterte Laune des Regenschori hatte sich in eine mäßig'ausgelassen« verwandelt. Wie ein Tambourmajor marschierte er dem kleinen Zuge voran und markierte mit dem Weinheber den Takt zu den Soldatenliedern, die Alaisius Brand mit Hingebung sang! Kirndorfer folgt« eingehängt in Lisl und Franzl, unb nur die Vielgratterin kam mühsam voran. Da Elisabeth Brand, wenn auch nicht infolge der Köstlichkeiten des Weinkellers, nach wie vor in jubelndster Laune war, so schien es den Gastgebern an der Zeit, zum wichtigsten Programm teil dieses Tages zu kommen. Das Glück fügte es, daß Katharina Vielgratterin, auf di« man an der noch hälbverschneiten Kellertllre eine Weile warten mußte, trotz aller symphonischen Dosierung doch des Weines zuviel befammen hatte. Kaum daß man wieder im Wohnzimmer war, schnarchte sie schon neben dem Kamin im Ohrenstuhl. Als die Hausfrau es bemerkte, stellte sie mit weiblicher Arglist ein allgemeines Schlafbedürfnis fest, dem sich die Alten nun für ein Stündlein hingeben müßten. Sie schlug vor, daß die Demoiselle Brand unb ber Franzl sich inzwischen tm Garten ergehen sollten, auf dessen Wege aus immer föhn schwerer em Himmel noch immer die Sonne strahlte. Diesen Vorschlag begrüßte Elisabeth Brand mit einem freilich mißverstandenen Jubel ruf, der Franzl mit verlegenem Grinsen. Weshalb er, als er hinter der Demoiselle durch die Glastüre ging, zur Aufmunterung noch einen väterlichen Rippenstoß und einen mahnenden mütterlichen Blick empfing. Kaum hatte sich die Türe hinter ben beiden Jungen geschlossen, traten schon Vater unb Mutter Kirndorfer, statt sich in den behaglichen Lehnstühlen zum Schlummer nieder,zulassen, beobachtend hinter di« weißen, sonnenburchschimenen Gardinen des halbgeöffneten Fensters. Aloistus Brand, ber solche Neugier nicht liebte, lehnte mit auf dem Rücken verschränktm Händen am Ofen. Doch glaubte er nun fast schon selbst, daß seine Tochter unb ber Franzl ein Paar würden. Auf Matthias Wimmer hatte die Weinprobe eine musikalische Wirkung. Er setzte sich ans Clavicembalo unb begann Variationen auf ein Liebeslieb zu phantasieren, beren glückselige Weisen, leise begleitet von dem Schnarchen der Vielgratterin, durch das Fenster dem nun langsam über bi« Terrassen des Gartens verschwindenden Paare verheißungsvoll nachklangen. Die aus dem freundlichen, gelbleuchtenden Hanfe in den schon früh- lingahnenden Nachmittag ausschwebende Musik hatte zur Folge, baß im Herzen ber Elisabeth Brand von neuem jene Melodie zu jubilieren begann, zu der schon mittags der Schimmel des Leutnants von Rabenau über dem Kopf des Regenschori den Takt geschlagen. Selbst auf den Franzl wirkt« die in immer weiterer Ferne verklingende Musik so weit beschwingend, daß er leise pfeifend neben der Lisl einherschritt. Aber die Worte, die ihm seine Mutter als für diesen Anlaß passend vorgesagt, sprach er auch jetzt nicht. Elisabeth Brand aber war nichts daran gelegen, ein Gespräch in Gang zu bringen, das sie in ihren Gedanken ohnehin nur gestört hätte. In die Seligkeit ihres Herzens versunken, ging sie langsam neben ihm über die sich niedersenkenden Wege, über Treppen und kleine Brückm zwischen den noch beschneiten Dbftbäumen und Spalieren, als wäre dieser Gang nichts anderes als ein behagliches, ein wenig mundfaules Promenieren nach einem guten unb reichlichen Essen. Immer noch schweigend und einander nur hin und wieder steundlich zulächelntx. erreichten sie die untere Stirnmauer des langgestreckten Gartens. Stell fiel hier der nur noch mäßig hohe Berghang zur Sttaße ab. Rechts sah man über die Höhe des Nußbergs hinweg die Häuser bet Dorstadt uni) noch ein Stück des von seinen Mauern umgürteten Wien. Zur Limen ergeb sich die dunkle, voin blitzei«en Kconreif des Klosters gezierte Felsenhöhe ües Leopoldsbergs, der sich hier, ans Betrübnis, daß mit ihm die Herrschaft der Alpen endet, in steilem Sprunge in die Donau stürzt, um sich jenseits des Stroms noch einmal zu einer letzten Welle auszuschwingen, ehe die unendliche Weite der mährischen Felder beginnt. Dieser freundliche Platz war es, den -Mutter Kirndorfer mit nicht zu leugnender Regiebegabung als Kulisse ansgewahlt hatte, vor der die Liebesszene zwischen der Lisi uno dem Franzt gespielt werden sollte. Darum hatte sie auch vorsorglich vor dem Mittagessen noch selbst die an der Mauer stehende Steinbank von ihrer Schneelast gereinigt. Die mütterliche Jnszenierungskunst schien aufs beste zu klappen. Bank und Mauer standen jetzt im hellsten Strahlen der schon gegen die Wälder und Höhen sich senkenden Sonne. Ferne glühten vor schwarzblauem Föhnhimmel die Mauern Wiens. Dom Leopoldsberg schwang das Ave- läuton, und unten rauschte frühlingsbreit der Strom. Glücklich blickte die List auf das schöne Bild, vor allem auf Wien, durch dessen Tore der Leutnant von Rabenau wohl längst wieder eingeritten war. Doch auch auf den Franzl wirkte der Zauber dieser Stunde jo mächtig, daß er sich nun doch auf den Zweck dieses Alleinseins besann und sein Schweigen zu brechen beschloß. Sei es aber, daß ihn im letzten Augenblicke doch die Courage verließ, sei es, daß er auf diese Weife seinem Glucksgefühl wirklich den höchsten Ausdruck zu geben glaubte: er schnalzt« genießerisch mit der Zunge und sagte: „Gelt, Demoiselle Brand, ein Weindl is Las schon g'wefen, der letzte!" Diese Bemerkung hätte als Liebeserklärung wohl auch dann nicht genügt, wenn Elisabeth Brand auf diese Eröffnung voll Sehnsucht gewartet hätte. Doch hätte sie dann immerhin als Einleitung gelten mögen. So aber wandte sie nur lachend den Kopf, meinte: „Gut war er schon, der Wein", und sah wieder hinunter auf Wien. Nach einer Weil, als die Sonne hinter dem Hermannskogei verschwand und nur noch über der Stadt ein letztes flammendes Leuchten stand, erhob sie sich, barg fröstelnd ihre Hände in dem Muff und sagte: „Ich mein, jetzt gehen wir wieder ins Haus." Daß die alten Kirndorfer und auch ihr eigener Erzeuger diese ihre Rückkehr mit der gleichen Ungeduld erwarteten wie Katharina Dielgratterin allwöchentlich zweimal die Gewinnzahlen des Lotto, ahnte sie nicht. Auf der obersten Terrasse kam ihnen Datei Kirndorfer mit verdüstertem Gesicht entgegen. Daß der Franzl und die Brand nicht, wie doch zu erwarten gewesen, Hand in Hand oder gar zärtlich umschlungen au» dem Garten tauchten, sondern er links und sie rechts am Wegrand« gingen, erschien ihm mit Recht als ein verdächtiges Zeichen. Doch hofft« er noch. Er ließ der Demoiselle Brand den Vortritt ins Haus, blieb mit dem Franzl auf der Terrasse zurück und fragt« mit grollendem Unterton: . „No, hast g'redt?" „Nit traut hab i mich, Herr Datier —" Nur die Freude darüber, daß immerhin das Aergste noch nicht geschehen war und di« Brand noch nicht nein gesagt hatte, bewahrte den Sohn vor einer väterlichen Dachtel. So aber sagte Johann Kirndorfer nur verächtlich: „Traurigs Mannsbild, traurige!" und trat durch Me Glastüre. Im Wohnzimmer übersah er geflissentlich die fragend auf ihn gerichteten Blicke, klatschte mit gut gespielter Vergnügtheit in di« Hände und rief: „So, fetzt freu ich mich aus d' Jausen! — Gehts daweil nur ins Speisezimmer! — Bitt schön, Demoiselle Brand, bitt schön, Herr Regenschori — und Sie auch, Vielgratterin! Ausg'schlasen werdens ja daweil haben — Franzl, sei halt ein bihl ein Kavalier! Gib der Demoiselle List den Arm! Kinder und junge Hund g'hören voraus! — Der Brand und ich kommen gleich nach" Als sich die Türe hinter dem Franzl und der List, der Kirndorferin, dem Wimmer und der Frau Tank geschlossen hatte, sah ihn Brand fragend an. Kirndorfer schnaubt« und blies. Die Aufregungen dieses Tages taten feinem verfetteten Herzen nich gut. Er wischte sich mit dem großen roten Taschentuch den Schädel: „Nit traut hat er sich — Jetzt mußt halt doch du reden, Brand!" Auch dem Kerzelmacher traten die Schweißperlen auf die Stirn. Er wiegte den Kopf und jagte: „Schau, Kirndorfer, Überleg dir's noch einmal! — Wann der Franzl die Lisl wirklich gern hält, hält er doch mit ihr g'redt — Weißt denn, ob ers Überhaupt mag?" Das Gesicht des Weinkönigs wurde krebsrot: „Mögen! Mögen!" Er rieb Daumen und Zeigefinger aneinander: „Die Hauptfach is das — daß was zum Leben haben, die jungen Leut!" „Ich weiß nicht, Kirndorfer. Ich mein, das Gernhaben is doch wichtiger —" „Die Hauptfach is Geld! 's Gernhaben kommt nacha schon von selber — Außerdem hast du schon dein Wort geben, und ein Wort muß g'halten werden, Brand!" Der Kerzelmacher senkte so bekümmert den Kopf, daß er selbst dem Weinkönig leid tat. Kirndorfer schlug ihm aufmunternd auf den Rücken, schob ihn. gegen die Türe und rief laut, während er mit listiger Berechnung di« Tür ins Eßzimmer aufftieh: „Laß d' Nasen nit hängen, Brand! Wirst sehen, z' Ostern is Hochzeit!" So vernehmbar chatte er das gesagt, daß Katharina Dielgratterin beinah« an einem Stück Gugelhupf erstickte. Nachdem sie diese Gefahr durch einen krächzenden Hustenanfall beseitigt hatte, verzog sie ihren Mund zu einem verstehenden Lächeln. Mit dieser Verheißung Kim- dorfers war, wie sie meinte, das sie bald drei Wochen lang quälende Rätsel restlos gelöst. Elisabeth Brand, die doch sonst alles aufzuschnappen pflegte, was nicht für ihr« Ohren bestimmt war, hatte wieder nichts gehört. Mag sein, weil si« am andern Ende des Tisches neben der Hausfrau saß, di« gerade laut und eifrig auf sie einredete. Vielleicht, weil sie auch der Kirndorferin nur mit halbem Ohr zu hörte und in den Anblick eines im Kerzengefunkel schimmernden porzellanenen Reiters mit weißer Perücke vertieft war, der inmitten des Tisches stand, feinen schwarzen, gold- verbramten Dreispitz vor ihr senkte und dem lebendigen Rester hinter dem Schlitten wunderbar glich. Wenn bas erhofft« Liebesversprechen einstweilen auch noch hinaus- geschoben war, endet« der Tag doch noch leidlich vergnügt. Nach der Meinung Kirndorfers war noch nichts verdorben. Nur daß man bei diesem Verlöbnis eine Schafsgeduld haben müsse, merkte er schon. Aloisius Brand freute sich über die Galgenfrist, di« ihm das Dersagen des Franzl geschenkt. Katharina Melgratterin genoß im Voraus di« Wirkung, di« ihr Bericht von dem österlichen Ehebund der Lisl mit dem reichen" Weinhändlerssohn bei den Nachbarinnen auslösen mußte. Der kleine Regenschori hatte ‘beim $8ein, am Claoicembalo und bei der vortrefflichen Schokolade sein« angeborene Heiterkeit wieder gefunden. Und sogar der Franzl war mtt einem Mal« leidlich gesprächig. Wohl aus Freude, weil er sich durch den Ausruf des Vaters, daß zu Ostern Hochzeit sein werde, der ihm aufgetragenen Liebeserklärung enthoben fühlt«. So rechtzeitig kam man nach Haus«, daß Elisabeth Brand noch in der Dachstube erscheinen konnte, ehe der Leutnant von Rabenau seinen Posten vor der Domkantorei verlieh. Während sie b'sher immer nur am dunklen Fenster gestanden hatte, entzündet« sie diesmal sogar eine Kerze. Bei dem Scheine des Lichts las si« noch einmal das Schreiben und nickte dazu. Was der Leutnant so verstehen sollt«, daß si« ihm beim Marienbilde die ersehnte Antwort geben wolle. Selbst der jüngste Lehrbub der Kerzelmacherei von Sanft Stephan hatte di« mittägliche Ruhestunde des Meisters Aloisius Brand noch niemals so sehnsüchtig erwartet wie heute Katharina Dielgratterin und ihr« Nichte, di« List. Schon den wenigen Kunden, bi« am Vormittag in der Lebzelteret ihre bescheidenen Einkäufe besorgten — einen Wachsstock, eine Kerze oder eine Zuckerstange für ein Kind — hatte die Vielgratterin im Vertrauen und von jedem den Schwur unverbrüchlichen Schweigens verlangend mitgeteiit, daß der Franzl des reichen Nußdorfer Weinkönigs sich ihr« Nichte, die Brand, zur Eheliebsten «ninsche. Ihre große Stunde aber kam erst, als Meister Aloisius droben am Fenster seiner Stube im Lehnstuhl saß und wie alle Tag« nach der Mittagszeit, eh« jein Cäjaren- schäüel sich schlummernd auf bi« Brust neigte, beglückt auf das steinerne Wunder des Domes sah, dessen Seele ihm noch in allem Gemäuer rings um die Kirche zu weben schien. Kaum daß dann das wohlige Schnarchen des Brand durch die mittägliche Stille des Hauses sägte, verkündete Katharina Dielgratterin, vor Mitteilsamkeit beinahe platzend und von Nachbarschaft zu Nachbarschaft humpelnd, di« prophetischen Worte des Kirndorfers, die gestern durch den Dampf der Schokolade und den Duft des Gugelhupfs so lieblich an ihr Ohr geklungen, daß noch Ostern Hochzeit fein werde zwischen dem Franzl und der List. Wiewohl doch di«, die es anging, noch immer nichts ahnte. Daß es aber auch anders sein und am Ende die Brand ihr« Einwilligung nicht geben könnte, kam der Alten nicht in den Sinn. Auch für die Vielgratterin war das Geld di« Kron« der Dinge. Wie hätte sie das fassen sollen, daß eine den reichen Kirndorfer Franzl nicht mochteI Und daß die Lisl schon nicht nein sagen würde, dafür war doch ein Beweis, daß sie nach diesen beiden Wochen der Tränen seit gestern wieder singend und lachend durchs Haus tanzte. Wenn sie auch jo tat, als wüßte sie von nichts. Nun gehörte ja wirklich bas Lachen und Singen der Demoiselle, bi« feit dem Morgen nicht anders durch die Kerzelmacherei rumorte als feit der Nacht der Föhnsturm in den Dächern und Fenstern der Häuser, zu den wenigen Körnchen Wahrheit, bi« das Geklatsch der Alten ent- hielt. Die Laune der List war so übersprudelnd vor Seligkeit, daß sogar ihr Vater, der nicht so leicht den Himmel voller Geigen sah, ehe er einschlief, dem freundlichen Verdachte zuneigte, daß bi« Jungen bi« Alten nur 3um Narren gehalten und der Franzl eben doch mit der Lisl gesprochen und noch alles sich zum Guten wenden werde. Wie sollte er wissen, daß die Laune der List eine weit schicksalsschwerere Ursache hatte! Da er doch auch nicht ahnte, was sich während seines Mittagsschlummers im Laden begab. Kaum daß der Vater in feiner Stube saß und bi« Türe mit der Tafel „komme gleich" sich hinter Katharina Vielgratterin geschlossen hakte, trat Elisabeth Brand, nach allen Setten sichernd, von her Stiege her in den Laden, auf dessen Pudel schon die Schachteln und Tüten bereitlagen, di« der Bursche des Leutnants alle läge in fernen Einkaufskorb zu packen pflegte. Sie löste behutsam das kreuzweis geschlungen« rot seidene Band von der obersten der für den Dragoner bestimmten, goto, grün und blau gemusterten Schachteln, hob den Deckel ab und entnahm ihr den in der Mitte ruhenden, mit einem silbernen Zuckerherzen versehenen Lebkuchen. An feine Stelle legte si« den Brief, den sie noch am Abend geschrieben, und dann den Lebkuchen darauf, nachdem si« noch einen zärtlichen Kuß auf bas Zuckerhepz gedrückt. In der richtigen Annahme, daß ber Leutnant von Rabenau gerade diesen Lebkuchen verzehren werde, unter dem das Brieflein geruht. Di« Gefahr, daß ein anderer Kunde die Liebesbotschaft versehentlich erstehen könnte, bestand schon deshalb nicht, weil um dies« Jahreszeit außer dem Soldaten niemand diese teuren Lebkuchen kaufte: schon gar nicht am Montag, an dem oft die ganze Tageseinnahme der Kerzelmacherei von Sankt Stephan nicht bi« Höh« des Preises einer einzigen solchen Schachtel erreichte. Nachdem si« die Packung roieber sorgfältig geschlossen hatte, blieb sie noch ein« Weile nachdenklich am Ladentisch stehen. Vielleicht, weil sie insgeheim fühlte, daß nun erst ihr Schicksal beginn«. Dielleicht auch, weil sie darüber nachsann, ob sie nicht doch ein Unrecht getan, dem Leutnant zu schreiben, sie werd« morgen um fünf nach der Violastunde am rechten Seitentor des Doms vor dem Marienbild warten. Zwar meinte sie, daß dies unmöglich ein Unrecht sein könne, da doch di« Madonna di« Beschützerin aller ehrlichen Liebesleute sei Aber sie beschloß, doch fieber selber mit der Gottesmutter zu reden und ihr dabei auseinanderzusetzen, daß es ein« ander« Möglichkeit für dies« erste Be- gegnima nicht gebe. (Fortsetzung folgt.) Aussicht fuhrt, Knien, krähte könnt, daß es bei allen Melodien wie ein Veitstänzen un!> Hopsen übet sie kommt, viel gefährlicher als bei den Menschen mit ihren stumpfe» Weihnachtslied. Von Theodor Stör in. Vom Himmel in die tiefsten Klüfte Ein milder Stern herniederlacht; Vom Tannenrvalde steigen Düste Und hauchen durch die Winterlüste, Und kerzenhelle wird die Nacht. Mir ist das Herz so froh erschrocken. Das ist die liebe Weihnachtszeit! Ich höre fernher Kirchenglocken Mich lieblich heimatlich verlocken In märchenstille Herrlichkeit. Ein frommer Zauber hält mich wieder, Anbetend, staunend muß ich stehn; Es sinkt auf meine Augenlider Ein goldner Kindertraum hernieder. Ich fühl's, ein Wunder ist geschehen. unterirdisches Volk in Hamburg. p 8 bem Mund; Find hinzu und hieb sie dem ^berraschsten d.itzch Arbeit alle Leute lachten vor Achtung und Schadenfreude. Mus k und Arven vertragen sich nämlich nicht bei den Unterirdischen, sie sind dafür Ohren. Endlich näherte sich ein Schutzman nund wühlte sich durch die Meng« der Neugierigen. Er wollte den Unternehmer sprechen, sagte er höslich. Find glitt über den Spiegelboden zu ihm hinüber und lüpfte seinen scharlachroten Hut. Der von der Polizei zog die Stirn kraus über diesen Knirps, er glaubte, man wolle ihn foppen. Auch ging gerade ein junges Mädchen der Unterirdischen vorüber, das trug einen Arm voll Wasser, ganz ohne Eimer; seine Schürzenzipfel hatten kleine brennende Ouasten. Aber als alle Leute ringsum dem unterirdischen Fräulein die heitersten Scherz- worte zuriefen und das hübsche Ding sich dreimal nach ihm umdrehte, mußte auch der Herr Schutzmann schmunzeln und vermerkte fürerft nichts, als einen dringenden Bericht. Immer mehr Menschen eilten währenddes von allen Seiten herbei, jedermann hatte dem nächsten von dem drolligen Ereignis erzählt; die Leute begannen sich zu drängen und zu stoßen und über die neuen Mitbürger zu keifen und zu kichern. Aber so neugierig sie waren, kam doch keiner von ihnen der Bauhütte selbst nahe. Warn, immer jemand nämlich auf die Spiegel trat, die rundum lagen, war ihm zumute wie auf wogender See; in erstaunlicher Weise wurde vor ihm mit dem Betreten des Glases alles Gegenständliche weggezaubert, wurden Himmel und Erde zu einem breiigen Einerlei. Nein, wer die neuen Gäste besuchen wollte, schwankte, stampfte und mußte mit heißem Kopf wieder umkehren. Die Zwergmädchen aber lachten laut über jeden Tölpel, und die Hamburger ärgerten sich. Das Gedränge am Milleimtor wurde währenddes immer lebensgefährlicher, jedermann wollte die neuen Mitbürger einmal gesehen haben; sogar die Tiere kamen witternd und schnaubend heran, und die Pserde blieben auf halber Straße stehen. Einmal versuchte ein altes Weib, das den Unterirdischen feind war, sie mit Baldrian zu verjagen, aber es er= erreichte nur, daß alle Katzen aus der Nachbarschaft zusammenliefen. Und ein gelehrter Krugwirt, der auch mit diesen Wichten Bescheid wußte, und heimlich stark riechenden Kümmel über di« Spiegel goß, kriegte dermaßen eins in Genick, daß er sich gleich zu Bett begeben mußte Die Stunden gingen. Die Mittagszeitungen hatten schon in Niesen- überschriften die ersten Nachrichten gebracht, und die Menge der Neu- gierigen verstopfte alle Straßen. Aber bald rotteten sich auch die Schau- budenbesitzer zusammen. Sie redeten klug und beschlossen, den Staat sofort um Hilfe zu ersuchen; denn das Volk war behext und drangt« allein zum Millerntor. Zum Dommarkt schien es alle Lust verloren zu haben. Auch die Bahnverwaltung hatte ihre Bedenken gegen die rätselhaften Maulwürfe angemeldet, und weil der Staat sah, daß etwas unternommen werden mußte, sperrte er zunächst den Umkreis um die Bauhütte weithin durch Schutzleute ab, um Ruhe zum Nachdenken zu haben. Aber bevor er noch damit fertig mar, geschah jenes unglückliche Ereignis, das leider der neuen Nachbarschaft vorläufig ein Ende gemacht hat und das ich jetzt erzählen muß. Gegen vier Uhr nämlich begann drüben auf dem Dommarkt das erste Karussell [ein Lied. Ganz geruhig ging es an, es dachte sich ja nichts Böses dabei; Klingeling, und dann kam etwas, das wie ein Walzer brummte Kaum hatte die Musik angefangen, hielten gleich alle Wichte mitten im Werk ein. Die Mädchen richteten sich mit roten Kopsen auf, und die Arbeitsleute stellten sich aus ein »ein, wie um zu tanzen. Im gleichen Augenblick fuhr aber auch Mutter Witsch wie eine Leibhaftige zum Dommarkt hinüber und gebot Ruhe. Der Karussellbesiger hielt seine Orgel an, er war eingeschüchtert von dem schwarzen Besen. — Aber die andern Schausteller steckten inzwischen die Lampen an, die Ausrufer begannen Abenteuer anzupreisen, die Maschinen machten Dampf auf, Laternen flackerten mitten hinein, und die Pfannkuchen brutzelten bis zum Millerntor hinüber. .. Klingeling fing wieder ein Karußell am andern Ende an Witsch fegte hinüber. Da legten zugleich Rutschbahn, Achisch eise und Schisssschauke! los. Hei, wie sauste die Alte von Bude zu Bude! Es half nicht, daß die Herren aufbegeherten, sie puffte und knuffte dazwischen und wollte allen Drehorgeln die Pfeifen auskrallen — Es wurden ihrer indessen zu viele. Einige Leute ließen sich verblüffen, die meisten kümmerten sich nicht mehr umMutter Witsch; sobald sie mit ihrem Besen den Rücken wandte, gingen die Orgeln roieber an. Und dann wurde es erst luftig! Als die Musik nicht aushorte, konnten die Unterirdischen es bei ihrer Arbeit nicht mehr aushalten Erst fing ein Paar an, sich zu drehen, dann hüpften die Leute mit Meißel tmb rammer und die Mädchen mit ihren Wafferbundeln. Und als es erst einmal begonnen hatte, kam die Unbändigkeit über alle; die ganze Schar warf die Arbeit hin, hakte sich Paar bei Paar ein und tanzte und taufte über alle Spiegel weg ausgelassen auf die Dommusik zu. Die Hamourger aber die bas kleine Volk in seinen bunten Bändern und Vierland er- sacken hüpfen und scharmützen sahen, schlugen sich auf die Bauche vor Lachen und die Schauermänner, die vom Hafen zum Dom wollten, drehten sich gleich mit dem Befenfräulein. Alle Hunde heulten dazu, und die Katzen, die noch nach Baldrian rochen, sprangen mit frommen Rücken den Leuten von Kopf zu Kopf. Selbst Mutter Witsch, die bei den Unterirdischen die konnte es zuletzt nicht mehr aushalten, sie knickte in den noch ein paarmal zornig, aber die Hopsenden waren blind und taub. Da fuhr sie, hui, hundert Ellen in die Luft, und als sie sah, daß Ube und Wasserkerle weitab vom Dommarkt waren, om sie mit emE Knicks wieder zur Erde, zupft« an ihren Rocken, blickte auf tyre öuB spchen und drehte sich mit den anderen dem Markt entgegen, so hübsch und altjüngferlich, man konnte sie kaum wiedererkennen. In dem Augenblick kamen nun ein paar Matrosen aus einem d«r Keller heraus. Sie hatten auch ihren Spaß haben wollen und weil es draußen harter Winter war, hatten sie drinnen vorgemacht, wie man d^e Neulinge über den Aequator feiert. Das geschieht lo"d^blich nut viel Hallo? Herr Egge, der Graukopf, ist Hauptmann. Bartsch«,- und Bootsmann sind dabei und werden ihrem Herrscher zuliebe m t ab- sonderlichen Fifchschwänze^i, grünen Bärten und fänden und klotzigen Gliedmaßen versehen. Weil die Matrosen aber unten im Grogkeller mit ihrem Mummenschanz die Gäste geärgert hatten, waren sie vor die Tür gesetzt worden und wollten in ihrer Narretei nun junge Mädchen erschrecken. Ausgerechnet diesen Gesellen lief unsere arme Mutter Witsch in den Weg. Sie sah sie erst im letzten Augenblick. Dann schrie sie auf, als wenn sie schon an einem dreizackigen Spieß stäke; sie.meinte ja nicht anders, als daß es richtige Wasserkerle seien, Todfeinde ihres Volkes, die über sie gekommen waren. Die Grogmatrosen aber dachten nur an ihren Spaß, sangen aus voller Kehle, schwenkten die Alte wie eine Sackkatze hin und her und hoben sie aus die Schulter, so daß aller Anstand zum Kuckuck ging. Da ist Mutter Witsch denn wohl gewahr geworden, daß alles nur ein Narrenzug war. Sie hat noch einmal greulich gedroht, dann hat sie den Jantjes so sehr mit den Krallen über die Köpfe geschrammt, daß die sie blutend fahren ließen, ist zum Millerntor gefegt und hat mit schriller Stimme und bösen Worten die ganze Bauhütte verwünscht, so sie hergekommen war. Im nächsten Augenblick sind alle Unterirdischen, Männlein und Jungfern, spurlos vom Dommarkt fortgeeilt. Die Maschinen begannen langsam in sich hineinzusacken, «die Spiegel verschwanden, und der Schacht in die Tiefe hat sich von innen glatt geschlossen, als wäre niemals vorher ein Spuk darauf gewachsen. Man hat die Unterirdischen in der Stadt Hamburg seitdem noch nicht wieder öffentlich bauen sehen. Ich finde, es ist schade, daß man die am Millerntor vertrieben hat; denn es waren sicher die Verständigsten des Volkes, die in Eintracht mit den Menschen ihr Werk hatten aufbauen wollen. Aber die Leute vom Hafen können nicht von ihren Gebräuchen lassen; schließlich konnten sie ja auch nicht wissen, daß das einfältige Spiel von den Wasserkönigen den Unterirdischen dermaßen ans Herz gehen würde. Christabend im Jahre 1223. Von Helene Christallrr. Christabend im Jahre 1223. Der Himmel spannt sich in dunklem Blau über dem Tale von Greccio in Umbrien, und die südlichen Sterne schimmern wie kleine Sonnen. Greccio, das Felsennest, klebt an einem der düsteren Berge. Feste Mauern schützen es vor feindseligem Ueberfall. Aber Greccios Tore stehen offen, und die Gasse mit dem spitzen Steinpflaster ist leer. In den Häusern brennt kein Licht; ein Hund schweift suchend hügel- auf und hügelab. Ein kleiner Pfad führt durch die Olivengärten mit den reifen Früchten, abwärts, in eine enge, waldige Schlucht, in deren Tiefe ein lautes Wasser rauscht. Er steigt auf der anderen Seite noch steiler hinauf und verliert sich zwischen Lorbeerbllschen. Zwischen den uralten Steineichen war es lebendig. Man sah schwarz- bärtige Männer, die Waffe am Gurt, brennende Fackeln in den Händen; hinter ihnen drein huschten ängstliche Weiber, die besorgt die lebhaften Augen schweifen ließen, ob nicht der Wolf aus dem Hinterhalt bräche, ihre Chrisifeier blutig zu stören. Rot und grün leuchteten die Kopftücher, und die bunten Röcke sahen fröhlich aus in dem düsteren Wald. Zwischen ihnen schritten barfüßige Mönche in grauen und braunen Kutten, die Kapuzen tief in die hageren Gesichter gezogen, in den Händen schlanke Wachskerzen. Unter ihnen war einer ... die Kapuze hing ihm aus dem Rücken und ließ den schmalen, dunklen Kopf frei. Die braunen, sanften Augen, leuchtender als Sterne, ruhten mit liebevollem Blick auf den Gefährten, bald durchschweiften sie in trunkenem Entzücken die Herrlichkeit des Christnachthimmels. Zu ihm drängte das Volk. „Ihr habt ihn immer", sagte bittend ein Weib und schob sich an dem großen Bruder Ginepro vorbei, dem der lange Bart bi; auf den Gürtel hing. Er lachte gutmütig. Die Lücke benützte ein zartes Dirnlein, um ebenfalls durchzufchlüpfen. „Welch eine Nacht!" sagte ein junger Minorit mit bräunlichem Römerkops zu einem ritterlich gekleideten Mann. „Wenn Bruder Francesco unsere weißen Kerzen ergriffe, um sie da oben an den Sternen anzuzünden, mich würde es nicht wundernehmen." „Und wenn unter feinen Füßen die Blumen erwachten, die jetzt schlummern, ich würde es natürlich finden", erwiderte der Ritter. „Sie nennen ihn in Assisi den Heiligen", fuhr der Mönch fort. „Gesegnete Stadt, die ihren Propheten nicht steinigte ... , antwortete ernst der ritterliche Mann. „Diese Christnacht wird uns lange gedenken", sagte wehmütig der junge Mönch. „Nicht mehr werden wir unseren geliebten Vater unter uns haben " „Er ist krank?" Er leidet viele Schmerzen und spricht von seinem Tode." „Seine Stimme klingt heiter, und al; er mir vorhin die Hand zum Gruße reichte, war mir, als ginge ein Strom des Lebens durch sein Herz. Wie kann Leben vom Sterbenden ausgehen?" „Don ihm kommt immer nur Leben, Liebe, Freude!" rief stürmisch der Mönch. Der Pfad wurde finsterer. Das Mägdlein, das sich vorbeigedrängt hatte, war bei dem Heiligen angelangt. Eine Weile hielten ihre kleinen Fuße die in klappernden Holzfchuhen steckten, Schritt mit denen des Mönches. Aber Bruder Francesco sah nicht auf das schmale Gestältchen an seiner Seite hinab, und mit Schrecken bemerkte die Kleine, daß rings um sie her große, bärtige Männer in dunklen Kutten waren, die nun mit rauhen Stimmen zu singen begannen. Da rührte sie leise seinen Äermel an, und al, er sich zu Ihr wendete Zog sie zaghaft unter Ihrem Umschlagtuch einen großen Strauß weißer Chriftrofen hervor. „3d) habe sie im Walde gepflückt, an verborgenen Slellen, weil du die Blumen so lieb hast, Bruder Francesco", sagte sie schüchtern. „Unsere Schwestern, die Blumen, mitten im kalten Winter!" rief der Heilige froh. „Sie sollen Christkindleins Krippe schmücken." „3a", sagte das Mädchen und sah ihn mit großen Augen an. „Das Schönste, das Liebste, das Holdeste für ihn", flüsterte der Mönch, „für ihn, den schönsten der Menschenkinder." „Der du bist", sagte das Mädchen leise; aber niemand konnte es hören. Still blieb sie zurück, bis sie Frauenstimmen hörte, und die tropfende Pechfackel eines Bürgers ihre roten Lichter auf den steinigen Pfad warf. Christnacht im umbrifchen Gebirge! Vor einer großen Höhle, die von überhängenden Felsen gebildet wurde, hielten die Pilger an. Dort stand eine leere Krippe, mit Stroh gefüllt, und ein Ochse und ein braunes Eselchen fraßen einem Hirtenjungen Heu aus der Hand. „Hier ist Bethlehem im umbrifchen Landl" rief Bruder Francesco voll jubelnder Freude, und seine Mönche scharten sich um ihn. Die schlanken, weißen Kerzen flammten auf und erleuchteten die Höhle. Das rote Licht der Fackeln, das gelbe der Kerzen und das bläulich-weiße des Mondes stoffen ineinander und spiegelten sich in den leuchtenden Augen qott- begeisterter Menschheit. _ „Bethlehem in Greccio!" antworteten jauchzend die Einwohner des Städtchens, und die hellen Stimmen der Frauen erklangen neben den rauhen der Männer. Die Mönche stimmten ein Lied an mit einer fröhlichen, hüpfenden Melodie, und die Männer und Weiber fielen ein: „Herbei, ihr gläubigen Seelen, finget 3ube(lieber, kommt nach Bethlehem! 3hr sehet den neugeborenen König der Engel. Kommt, laßt uns den Herrn anbeten! Seht, die Hirten verlassen die Herde, und demütig folgen sie eilig dem Ruf zur Krippe. Und auch wir eilen hinzu, freudigen Schrittes. Kommt, laßt uns den Herrn anbeten!" Dann wurde es ganz still, nur die Berge knisterten, und der Wind rauscht« in den Steineichen um die Höhle. Aus der Ferne ertönte Glockengeläute, von Greccio kam es, von Fonte Colombo auf dem Berge, von dem großen Kloster in der Ebene, aus der Waldkapelle am Ende der Bergschlucht. Mitternacht! Schweigend hörten sie dem Geläut zu, bis es in den Berghängen dahinstarb. 3n den Gründen des Waldes heulte der Wolf. Niemand gedachte feiner in Angst. War Francesco nicht auch den wilden Tieren heilig? Hatte er nicht den Wolf von Gubbio gezähmt, daß er wie ein Lamm aus feiner Hand fraß? So umflossen waren sie von Licht und Liebe, daß auch die Tiere des Waldes in diesen magischen Kreis gebannt waren. Bruder Francesco aber stand im Mittelpunkt mit zum Gebet erhobenen Händen: der Wald war feine Kirche, und die Krippe war fein Altar. „Heilig, heilig, heilig ist unser Herr, der allmächtige Gott, der da ist und der da war und der da kommt." Und die Mönche, die um die Krippe knieten, antworteten: „Lasset uns ihn toben und hochpreisen von Ewigkeit zu Ewigkeit." Dazwischen blökte ein Schäflein und brummte der Ochse, und das Eselein rasselte an seiner Kette. Bruder Francesco hielt die Christrosen immer noch in seiner Hand, und so begann er die Predigt. Auf den Knien hörten sie ihm zu, und seine sanfte, klare Stimme wurde immer klangvoller und stärker, daß dl« Herzen der Menschen um ihn erzitterten. Wenn er den Namen 3efu nannte, so klang es, wie wenn der Liebende von der Geliebten spricht und wenn er Bethlehem sagte, so fühlten sie die klopfende Freude seines Herzens in der Stimme. Und das Feuer feiner Liebe war gewaltig, daß sie alle ihre kalten Herzen an seinem heißen erwärmten, und ihre Gebete auf- loderten zum nächtlichen Winterhimmel wie die Flammen auf den Opker- altären der Heiden. Die Christpredigt war beendigt, die Gebete gesprochen, die Lieder verklungen. Trübe leuchteten die rauchenden Fackeln, tief herabgebrannt waren die Kerzen; man schickte sich zur Heimkehr an. „Sahst du da; Kind in seinen Armen, als er sich über die Kripp« beugte?" fragte der Ritter den Mönch, der neben ihm stand. „Bei Gott, ich blickte nicht auf, Giovanni Bellita, aber seine Stimme ttang so selig, wie wenn er den Heiland der Welt in seinen eigenen Armen wiegte." „3d) sah das Kind im Kripplein liegen wie tot", fuhr der Ritter fort, „und als es der Heilige in feine Arme nahm, erwachte es und lächelte ..." „0 Münder ...!" staunte der Mönch. Giovanni Vellitas Augen glühten. „Und da sah ich, wie das himmlische Kind mit seinen kleinen, zarten Händen seine bärtige Wange streichelte und die grobe, graue Kutte ..." Die Umstehenden drängten sich um Bellita. „Das holde Jesulein .. ", flüsterten die Frauen. „Ja", so muß es fein", sann der Mönch und blickte zu dem Heiligen hin, der dem braunen Esel mit freundlichem Blick ein paar Rüben bot. „Tot war der Heiland der Welt in den Herzen der Menschen, er aber hat mit feinen Worten und feinem heiligen Leben bas göttliche Kind wieder erweckt." Siebenhundert Jahre sind verflosien feit dieser Nacht. 3m Walde zu Greccio steht heute noch an dieser Steüe-etn altes Kloster der Franziskaner, an die Felslehne gebaut wie ein Schwalbennest. Schnee- roel”Je“&tet 63 aU3 dem dunklen Lorbeer- und Steineichenwalde hervor, und die Wolken ziehen dicht darüber hin, indes unten im Tal der Velono rauscht. In dem Kloster ist eine alte Kapelle; über der Gittertür steht oe- schrieben: „3n dieser Kapelle des heiligen Lukgs hat Franziskus Christus In die Krippe gelegt." Verantwortlich: Dr. HanS Thhrloß. - Druck und Verlag: Vrühlsche UnlversitätSdruckerel A. Lange, Gieße».