GichenerZamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1938 Montag, den 19. September Nummer 73 Christine von ÄWotti Roman von Rolf Brandt Copyrkght by August Scherl Nachfolger, Berlkn 1. Fortsetzung. „Das sagte dein Großvater?" „Ich weiß es, was er sagte, denn er hat es mir auch in ein Buck Eneb-n: Malen gibt Gott, Verkaufen ist Verstandesfache! Unter fünf Tafeln Schokolade keine Karte!" „Dein Großvater war ulkig!" sagte Peter. „Er war groß!" sagte Christine ernsthaft. „Er war sehr groß, und ich will werden wie er, Peter!" „Kannst du denn malen?" fragte Peter geringschätzig. „Ueberhaupt yT7 0 U C Fl . . , /'2ch werde malen, Peter, und ich will ein Leben leben, wie es Groß- se-ebt hat und nicht wie Vater! Ein Leben zwischen Menschen, schonen Mannern und tollen Frauen, mit Equipagen und schönen @är= ten — ach, Peter! Großvaters Haus am See ist auch verkauft'" Der Junge sah fast erschrocken, wie das kleine, schmale Gesicht sich rötete, wie die Augen blitzten und die kleinen Fäuste sich ballten x ®V°9« Sutnmt.g. „Christine, ich glaube, du hast Fieber! Schmerzt venn das Knie? ^/Zuatsch", sagt« Christine, ,/es schmerzt überhaupt nicht mehr, und oer Kock ist trocken! Ach, mit dir kann man auch nicht reden, Peter'" Ohne Überhaupt darauf zu achten, wie seine Blicke ihre Gestalt um- lchmeichelten, stand sie auf, zog das noch etwas feuchte Cheviotkleid an und ging zum Hof zurück. Niemand stand am Hinteraufgang. Sie chloß von außen auf. Sie wusch das Knie, hängte den Rock in den Schrank, Zog sich um. Um acht Uhr kam der Vater. . "So, ChMine, ich hoffe, du bist nun vernünftig geworden, komm jetzt -um Abendbrot! Christine hatte den letzten Tag ihrer Kindheit erlebt. Jü einem Monat war ihr fünfzehnter Geburtstag. * Erst mit sechzehn Jahren wurde Christine eingesegnet. Sie kam auf Vlunsch des Vaters zu einem beliebten Geistlichen, einem berühmten iianzelredner, der in einer Kirche im Zentrum der Stadt wirkte. Wenn er Gottesdienst hielt, war die Kirche überfüllt. Seine dunkle Stimme vrang in die Herzen der Gemeinde, die Frauen weinten, wenn er von der Seelennot sprach und den einzigen Weg der Hoffnung und des Glaubens zeigte. Das rührte Christine gar nicht. Aber in den Konfirma- llonsstunden war sie aufmerksam. Sie fragte den Pfarrer plötzlich, indem I>e ihn ernsthaft ansah, ob er wirklich on die Unsterblichkeit der Seele glaube. „Aber Kind", sagte der Pfarrer, „ich habe dir doch den Weg zum wlauben gezeigt! Ich habe mit euch gesprochen, ich habe es mich Mühe koste" lassen, und nun stellst du eine so ungläubige Frage'" ' bin nicht ungläubig", sagte Christin«. ,Zch weiß sogar, früher ha! Rott mit mir gesprochen,' wenn ich die Hände faltete und ganz ernst und heftig betete, sprach er mit mir. Aber nun schweigt er." Der Pfarrer fuhr ihr mit seiner schönen Hand über die dünnen blonden ckaare und sagte: „Gott ist immer da, Gott wird wieder zu dir kommen, denn er ist in dir, mein Kind. So wahr Christus gelebt hat, so wahr gibt es die Unsterblichkeit der Seele!" Sobald der Pfarrer nun anfing, ein paar Stellen der Bibel in dem Ton zu zitieren, den er sich als Kanzelredner hatte angewöhnen müssen, preßte Christine die Lippen zusammen, sie stellte keine Fragen mehr, !>e senkte die Augen und schwieg. Aber es war angenehm, di« kühl« yand des geistlichen Herrn auf der Stirn zu spüren. Der Konfirmationsunterricht hatte sie eine Zeitlang stiller gemacht, wer die Wirkung ließ nach, sehr schnell. Sie merkte, daß sie viel mehr Freiheit gewonnen hatte als vorher, Freiheit der Zeit. Denn der Weg iu der Kirche von dem Vorort war weit, die Kontrolle des Vaters konnte 'ck U'cht mehr auf die Minute erstrecken. Sie erfand außerdem immer ■Kue Entschuldigungen, mindestens einmal in der Woche die Konfirma- wnsstunde zu schwänzeki. Dann ging sie durck die engen Gassen, die sich "'s zur Spree hinunterzogen. Hier war die Armut zu Hause, hier war her auch ein« Fülle von Dingen, die es sonst nicht gab. Toreinfahrten, mter denen alte Höfe lagen, ein Stück Stadtmauer, alte Kneipen, in die man hineinsehen konnte, in denen Gestalten saßen voll Verkommenheit und merkwürdigem Ausdruck. Sie hatte es sehr bald heraus, daß man fein ältestes Kleid anziehen müsse um hier nicht aufzufallen. Sie öffnete ein paar Blusenknöpse, sie keß den großen Florentinerhut zu Hause, sie bestaubte vorsichtig die Schuhe, und dann begann sie mit den Burschen zu sprechen, die mit schmutzigen, weiten grauen Leinenhosen und blau und weiß qestreiften Hemden bekleidet waren. öie wollte fort, da Pak der Absatz ihres Schuhes zwischen dem holprigen Straßenpflaster fest. Karl bekam sie am Arm, zog sie mit einem Ruck alle Glieder schmerzten sie, in einen Hausflur: es roch dort nach Kohl und nach Wasche und nach dumpfer Luft Sie zitterte, sie bat: „Karl, laß mich los! Karl, laß mich los, ich beiße!" ,.. J° Wetter!" hatte Karl gesagt und sie hart an sich gerissen. Sie suhlte seinen starken Mund in ihrem Gesicht. Er küßte, wohin er traf, r?ß ihr den Kopf rückwärts und küßte ihren Mund. Dann wurde er einen Augenblick von seiner eigenen Zärtlichkeit überwunden und ließ ihre Hüfte frei. Im gleichen Moment stieß sie ihn mit aller Wucht gegen die Brust, gab ihm eine schallende Ohrfeige und raste ins Freie. öett diesem Tage ging sie nicht mehr in das alte Viertel an der Spree. Sie wiederholte in ihrem Leben niemals eine Erfahrung. Nun wußte sie, wie die Gefahr war. Das Grauen strömte noch durch ihren Körper, Grauen, Angst und ein anderes merkwürdiges Gefühl, daß lensecks von dem sanften Leben etwas anderes sei, etwas Schreckliches und Wildes, vor dem man sich hüten müsse, in das man sinken könne roerfn man die Augen schlösse. Das war etwas anderes als damals im Garten, als Peter sich über sie niederbeugte. Ach, mit der Gefahr konnte man spielen, es war gar feine Gefahr. Es war auch ohne Schrecken. Sie grübelte nach: Es war auch ohne Lockungen. Wenn Peter sie jetzt küssen würde, bann würde sie lachen. Ach, er wußte ja nichts, gar nichts wußte dieser Peter! Sie ging brav in die Konfirmationsstunden, sie lernt« sogar dem Pfarrer zuliebe — was sie in der Schule nie getan hätte — ein paar Kirchenlieder und zwei Psalmen auswendig. Sie behielt sie für ihr Leben lang: Himmel, was sprachen diese Burschen! Was hatten sie für Ausdrück«! W,e war das Leben anders, wenn sie von ihm redeten! Kräftig waren i un? bJ? 3u einem gewissen Grad gutmütig. Sie lernte sehr AE ihre Sprache, sie wußte, sie mußte sich nur in acht nehmen, keines dieser Worte, die den Schein der Verkommenheit und einer glücklichen Gewalt trugen, zu Hause zu benutzen: „Dufte" und „keß", und jeder Satz begann mit „wat und endete oft mit Worten, deren Sinn sie nur ounrel suhlte. Wenn die Kerls frecher wurden oder sie einer um di« Schultern metorninhinf^ ''b bann sie mit erstaunlicher Geschwindigkeit fort. Das war aufregend, wenn die Lümmels dann ein paar Satze machten, um sie zu bekommen, das war aufregender, als im weißen Kleid Tennis zu spielen ober sich beim Krocket mit Peter zu ?. en. Das war viel aufregender, als mit kleinen weißen PapierftUckchen, die man forgfa(tig gerollt und umgebogen hatte, nach dem Tintenfaß des Ordinarius zu schießen. Es war beinahe gefährlich, denn in den Augen biefer Burschen, da war das Leben, da war der Hunger, da war nicht das, was sie immer wieder entsetzt«, die nüchterne Geborgenheit der vorgeschriebene Weg, das brave Gespräch. a ’ ■ schlecht. Sie war frech geworden und hatte den gereizt. Sie hatte ihm gesagt, er sei feige. „menet Aas, nimm dir in acht!" hatte der Fischer-Karl gesagt. . ,S-e wollte fort da stak der Absatz ihres Schuhes zwischen dem Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, So fürchte ich kein Unglück; Denn du bist bei mir, Dein Stecken und Stab trösten mich. Als der Tag der Einsegnung nahe gekommen war, bestellt« der Pfarrer seine Konfirmanden einzeln zu sich. Christine kam zu ihm an einem Apriltag. Die Sonne schien in das helle Amtszimmer. In der Ecke war ein Gebetpult mit einer breiten Fußleiste ausgestellt; darüber hing der Gekreuzigte. Der Geistliche war freundlich. Er sagte: „Kind, ich habe mir über dich Gedanken gemacht, du wirst es nicht leicht im Leben haben. Aber ich möchte dir den Glauben mitgeben, du wirst ihn noch mehr brauchen können als andere. Wir wollen ein Vaterunser beten'" Er nahm sie an die Hand und führte sie zu dem kleinen Betschemel unter dem Kreuz. Der alte Mann fniete neben ihr nieder. Sie sah sein Gesicht ganz nah« und unter der Brill« die hellen, starken Augen. Er faltet« die Hände und betete ganz langsam das Vaterunser. „So, nun bete, mein Kind. Wir wollen beide beten, daß du den Glauben an die Barmherzigkeit Gottes und an die Erlösung hast. Nur wer den Glauben hat, soll bas heilige Abendmahl nehmen, nur wer i>en Glauben hat, soll den Wein trinken und das Brot essen, bas sich , Großvater war ein Genie. Genies sind inkommensurabel." Christine hatte gern gewußt, was dieses schreckliche Wort „inkommensurabel" bedeutete. Es muht« etwas schlechthin Vernichtendes sein. Aber sie schwieg. Es hatte ja keinen Sinn, zu antworten. Da war wieder die Mauer, da war das Fremde, der ganze Tag war eigentlich schon vertan. Auch der Vater schwieg eine Weile. „Also, Christine, ich wollt« dir das nur sagen, weil ich manchmal den Eindruck hatte, als ob du mich nicht ganz verstündest. Ich meine es gut mit dir, Christinei" - Er gab ihr die Hand. Sie sah groß und ausdruckslos zu ihm auf. Nun wickelte der Vater von den Paketen, die auf dem Tisch standen, ein kleines Kästchen aus. „Dies hier hat Großvater noch als dein Einsegnungsgeschenk bestimmt. Es ist ein Smaragdring, den bekam er, als er dos letzte Bild des alten Kaisers gemalt hatte. Der Kaiser zog >yn selbst von der Hand und gab ihn deinem Großvater. Du wirst ihn natürlich jetzt noch nicht tragen dürfen, aber er ist dein. Es ist ein sehr wertvoller Ring, schon allein durch die Erinnerung." ' Christine sah den wundervollen Stein, der wie grünes gefangenes Licht schimmerte. Sie sah das abgetragen« matte Gold und las auf der Innenfeit«, noch deutlich erkennbar, die Wort«: „Dem großen Freund unv Maler". Sie nahm den Ring, preßte chn an ihren Mund und fing an zu ^'e^ging mit dem Ring zum Fenster, li«ß das Licht darauf spielen, ttocknete die Tränen und kam zurück. „Es ist ein sehr großes Geschenk", sagte der Vater. „Aber warum du deshalb weinst, weiß ich nicht. Es ist wohl die Erregung des Zages. Sei nur vorsichtig nachher beim EssenI" Der Vater gab ihr nun eine Nein« goldene Uhr an einer langen, dum nen Kette. „Das ist von deiner Mutter, Christtne", sagte «r. „Ich sie vollkommen Herrichten lassen, du kannst sie benutzen. Es ist eine gu« Uhr." * „Don der Mutter?" fragte Christine. Aber es erfolgt« keine Antwort. (Fortsetzung folgt.) Überhaupt keine Notiz. Er sagte: „Richard, bat Kind sieht verdammt käsig aUSl,aber, Onkel Pauli" sagte vorwurfsvoll der Regierungsrat, dem es nicht einleuchten wollte, daß man gleich nach einer Emfegnung wieder mit 9lU,^erbammtnfäfig, sag' ick dir, Richard! Christine!" wandte er sich direkt an seine Großnichte, „in diesen Sommerferien kommst du e nmal zu deinem Onkel Paul, nicht wahr, min Deem! Kannst du überhaupt reiten? Christine sah ihn dankbar an, bann, ohne ihre Antwort abzuwarten, fuhr cr fort: „Wir haben da die Schimmelstute Himmeldreck, bat is en komischer Name. Wenn ick bir, min Deern, bie Geschichte von dem Namen erzählen würde, dann könntest du dich geradewegs totlachen. Jetzt griff der Regierungsrat energisch ein: ,Zch glaube, wir verschißen diese gewiß reizende Anekdote auf den Nachmittag, benn flety, das Kind kommt doch eben von einer sehr ernsten und heiligen Handlung. , Ach, dat Kind sieht spack aus, und die heilige Handlung war viel ju heilig für das Kind. Also, kommste, min Deern?" . . Christine nickte und sagte plötzlich: „Ich verspreche es dir bestimmt, Onkel Paul!" , . . . n„ Der sah sie etwas überrascht an, nahm dann bie klein« Hand, bie sie umständlich von dem schwarzen Handschuh befreite, und sagte: „Ein Mann, C*n Ghriftine lächelte dazu. Sie fing an, sich ein wenig von ihrer inneren Angst zu erholen. Der Tag schien ihr sanfter zu fein und inniger. Die Türen des Speisezimmers waren weit offen. Der Kastanienbaum hatte schon die grünen Kerzen aufgesteckt. Sie konnten jeden Tag zu dem weiß-roten Licht der Blüte aufflammen. Die Spatzen lärmten in der Sonne, eine lichtblaue Helligkeit wehte vom Garten in bas 3tmmer. In der Mitte des Tisches stand eine Riefenschale mit Veilchen, die am Ranb« mit weitz-roten Gänseblümchen umsäumt war. lieber das Tischtuch waren große Zweige von blühendem Seidelbast gelegt. Das hatte bie alte Henriette gemacht. v , ... Christine war bewegt. Es war alles anders,. als man es sich vorgestellt halte. Lag bas baran, daß man nun erwachsen war? Waren bl« Menschen besser geworben? Diese alte Henriette war doch ein Drachen, I und nun stand da diese große Schale, die wie der Frühling duftete, und nun lagen da die Zweige, diese schüchternen Frühlingszweige, bie sie so sehr liebte Woher wußte das Henriette? Sie schüttelte den Kopf. Dann ging sie mit ihren großen, langen, schlaksigen Schritten auf Henriette zu und sagte: „Ich danke Ihnen Henriette, ich danke Ihnen so sehr! Im Nebenzimmer war ein kleiner Tisch für sie aufgebaut. Sie dachte« Komisch, als ob ich Geburtstag hätte! Dabei habe ich gar nicht Geburtstag, und eigentlich war es doch ein ganz trauriger und ernster Tag! Der Vater stand neben ihr. Er war bewegt und zärtlich. Er sagte: „Christine, ich weiß, daß ich dich streng erzogen habe, aber ich bin in einem Hause aufgewachfen, in dem eine merkwürdig bewegte Lust war. In meiner Jugendzeit war es so, daß oft das Geld in vollen Strömen ausgegeben wurde, und bann war plötzlich kein Pfennig da, auch nur die Bäckerrechnung zu zahlen!" I „Großartig!" sagte Christine. * Das Gesicht des Vaters veränderte sich: „Cs war nicht so großartig", sagte er. „Ich wollte davon auch gar nicht sprechen, eigentlich. Jedenfalls erschien mir richtig, dich früh an Ordnung, Zucht und bürgerliches Leben I zu gewöhnen. Ich habe, glaube ich, das Meinige getan, Christtne; du bist noch nicht erwachsen, ich werde weiter für dich sorgen und das tun, was ich für richtig halte. Denn das Leben Ist kein Feftfpiel, es bedeutet Pflicht- erfüttung, Arbeit und Vorwärtskommen!" „Großvater ist sehr weit vorwärtsgekommen", sagte Christtne. Mich glauben!" . „, , _ Der Vater hatte einen Wagen bestellt, das gehörte sich so. Vor der Kirche drängte sich eine Anzahl von unbekannten älteren Herren, die sie nie gesehen hatte, an sie, und an den Vater heran und gratulierte beiden. Es waren andere Gesichter, als sie die Bekannten des Vaters sonst hatten. Ironische Augen, scharf geprägte Münder, mächtige Brauen, höfliches Benehmen, vermischt mit einer Art innerer Herablassung. Es waren die überlebenden Freunde des Großvaters. Die kleine Schar bog sich ein wenig auseinander, als in voller Uniform ein eisgrauer General auf sie zutrat. Er salutierte leicht vor dem Re- gierungsrat, beugte sich dann zu Christine nieder: „Ich wünsche Ihnen alles Gute, mein liebes Fräulein von Rucktasch", jagte er. „Ich wollte Sie eigentlich bei Ihrem verehrten Herrn Vater zu Hause besuchen, aber ich muß schon wieder in einer Stunde nach Magdeburg abfahren. Hier, bas hatte ich schon vor langer Zeit als Ihr Konfirmationsgeschenk bestimmt." Er zog ein kleines Paket aus dem weiten Mantel mit den dunkelroten Aufschlägen. „Mein Freund, Ihr Großvater, hat oft von Ihnen gesprochen, mein liebes Fräulein von Rucktasch. Wenn Sie einmal im Leben einen recht alten Freund brauchen, wenden Sie sich an mich! Beschütze Sie Gott, mein liebes Kind!" _ Der General salutierte, fein Adjutant stand neben ihm, bas Militar- auto fuhr schon an, ehe sich Christine recht debankt hatte. „Wer war bas, Vater?" sagte sie. „Das war der Kommandierende General in Magdeburg, von Jrrttsch, ein Jugendfreund von Großvater." Christine umschloß bas kleine Paket mit ber Hanb. Sie fuhren zusammen mit einem anberen alten Herrn, ber ihr Onkel mar ber jüngste Bruber ihres Grotzvaters, ein Nachkömmling ber Familie. Er hatte sich erst nach dem Tode seines Bruders mit dem Regierungsrat ausgesöhnt. Er war jetzt von seinem kleinen Gut an der Elbe zur Ein- segnunq nach Berlin gekommen. Er wohnte in der Villa. Er sprach wenig. Jetzt nahm er von der Einsegnung in seinem Gespräch verwandelt. Senn, mein Kind, wer isiet und nicht glaubet, ber isset sich I selber bas Gericht!" . ,, I Er sprach ganz langsam mit seiner guten und klaren Stimme me »ritte aus bem elften Kapitel bes ersten Paulinischen Briefes an ormther: „Welcher nun unwürbig von diesem Brot isset ober von bem Kelch des Herrn trinket, der ist schuldig an dem Leib und Blut des Herrn. Der Mensch prüfe aber sich selbst, und also esse er von diesem Brot und trinte von diesem Kelch. Denn wer unwürdig isset und trinket, der isset und trinket sich selber zum Gericht, daß er nicht unterscheidet den Christine ^beugte die Stirn und betete mit aller Kraft ihres Herzens, baß sie glauben möge. , . „. „ Der Pfarrer stand auf, fuhr ihr wieder über das Haar, hob bas Kinn empor und sagte: „Du mußt dich bei der heiligen Handlung der Emseg- nuna von nichts ablenken lassen. Du hast einen berühmten Großvater gehabt, und wenn dein Name in der Kirche auf tönen raub, kann es fommen, baß ein Geranne entsteht. Gib nichts auf die Eitelkeiten dieser Welt, sei furchtlos und treu. Du wirst es nicht leicht haben, mein Kmb, glaube ich. Als Einsegnungsspruch werde ich bir beshalb das Wort mitgeben: „ • Nun bleiben Glaube, Liebe, Hoffnung, diese drei. Aber die Liebe ist bie größeste unter ihnen." In ber Nacht vor ber Einsegnung konnte Christine nicht schlafen. Sie fragte sich immer aufs neue, ob sie nun gläubig sei. Immer ftanb ber Satz vor ihr, ein furchtbarer und drohender Satz: „... der isset sich selber ^^'erschreckend blaß. Ihre Augen lagen tief und glanzlos. Das schwarze Kleid hing schlecht auf ihrem viel zu dünnen Körper. Sie schritt | als Letzte hinter der Reih« der Mädchen neben Peter von Kehl. Sie hatte den Pfarrer gebeten, ob sie mit ihrem Nachbarn und Spielgefährten zusammen eingesegnet werden könne. Während sie durch die Mitt« der alten Kirche ging, vorbei an dem dunkelbraunen Gestühl, bas ganz an gefüllt war von „Zuschauern , wie sie dachte, bereute sie schon bie Bitte. Sie fühlte, daß sie Peter nie hatte bitten sollen, ein halbes Jahr auf die Einsegnung ihretwegen zu warten, sie wäre am liebsten baoongelaufen. Vor Zorn über sich selbst kam eine Heine rote Welle über ihr blasses Gesicht. Peter war sehr ernst. Ader als sie die Stufen zum Altar emporgingen, sagte er: „Christine, nimm dich in acht!" _ . Da war ber Garten mit den Himbeeren, da war die niedrige Kinder- bank, da waren bie Meisen, bie mit kleinen Rusen durch die Zweige jagten, da war der Ahorn in dem Nebengarten, da waren sonnen- glänzende Kieswege und über den Rasen jagende Hunde, da war ein leichter Wind, ber es mit sich brachte, daß die Blätter der Silberpappel ihre Unterseite wie Mondlicht emporroarfen. Da waren Bitterkeit und Einsamkeit und Kinderttönen, und da war frembes Flüstern und waren seltsame Wolken und ein Gedicht von Lenau und ein wilder Sprung und ein heller Schrei... Ach, sie war Peter dankbar. Der Prediger sprach von dem Leben, das sie all« erwartete, er sprach von der Gemeinde, die sie aufnehmen werde, und er fand wunderschöne Bilder für die tröstende Hand, die den durch das Leben führt, dem das innere Leben den wahren Glauben schenkt. . Christine versuchte eine Weile, der Predigt zu folgen; dann sah sie in bie Gesichter ber Gemeinde, sah, wie bas Licht, das aus den schweren, hohen Fenstern tarn, seltsame Figuren malte, sah, wie von einem inneren Dämon getrieben, jeden Ausdruck und jedes Mienenspiel in ber ersten Reihe ber Zuhörer. Sie hätte später biese erste Reihe zu jeder Zeit ihres Lebens ziemlich genau malen können. Sie vergaß sich völlig. Sie sprach mechanisch mit den anderen bas Bekenntnis, sie kniete neben Peter nieder, sie hörte ihren Namen Christine Dorochea von Rucktasch laut durch die Kirche hallen. Sie merkte sogar, was ihr ber Pfarrer oorausgesagt hatte, baß eine raschelnd« Bewegung bei dem. Namen durch den Raum ging. Dann beugte sie den Kopf und betete wie alle Tage: „Lieber Gott, laß Oer Garten irgendwo. Bon Heinrich Anacker. Es liegt ein Garten irgendwo, Mit lieben Blumen und Bäumen. Der macht uns gut, und der macht uns sroh — Es liegt ein Garten irgendwo, Ein Garten, so recht zum Träumen Die Lust in dem Garten ist seltsam rein, Und alles so reif und milde, Wie ein abgeklärter, durchsonnter Wein; Die Luft in dem Garten ist seltsam rein Wie im lautersten Sterngestlde. Und Menschen gehen dort ein und aus, Die keine Unrast kennen. In der Seelenstille sind sie zu Haus, Und Menschen gehen dort ein und aus. Die das Schönste ihr eigen nennen. Die Amsel singt und der goldne Pirol; Wir lauschen ergriffen dem Liede; Und tief In uns wieder klingt es wohl, Was die Amsel singt und der goldne Pirol: O Garten voll Freude und Friedel Kleine Liebe in Paraguay. Erzählung von Johan Luzian. Ich bin allein. Wieder allein. Uni> es hat eine neue Reise begonnen. Einen ganzen Tag schon fahre ich den großen Strom abwärts. Der Camerero hat den Argentinier in einer anderen Kabine untergebracht, obgleich die „Ciudad de Momentes" seit Formosa mit Passagieren vollgepfropft ist. Er sah es ein, mir mußte geholfen werden, ich dünkte ihn wohl einen besonderen Passagier, der auf solchen Schisfen zu Hause ist und andere Rechte hat. Ich gab meinem braunen Borrentin er auch nicht einfach den lumpigen Schein, als wäre damit alles abgemacht, nein, ich blitzte ihn mit meinem „überrumpelnden Lächeln" an und nahm ihn sozusagen an mein Herz. Es wird still im Schiff. Man hört das Rauschen des vorbeijagenden Wassers. Das Summen der Maschinen wird stärker und geht wie elektrische Wellen durch die Ohren, durch den ganzen Körper. Manchmal erzittert das Schiff. Ich bin etwas nervös und krame unnötig viel in meinem Koffer. Es ist doch alles bereit, die Schalen, die Flaschen, die Dosen, Krüge, Halter, alles was ein reifender Kameramann braucht. In die Fassung habe ich eine rote Birne geschraubt, und das Fenster ist abgedichtet. Während ich Wasser in das Becken laufen lasse, sehe Ich mich im Spiegel lange an. Jetzt habe ich ja Zeit zu solchen Verschwendungen und Liebhabereien. Ich bin es mehr gewöhnt, anderen Leuten ins Gesicht zu sehen. Die Falten werden zahlreicher, lieber Freund, da auf der Stirn lausen sie in Wellen und am Auge, schau an, wieder eine Neuigkeit auf der Welt, Falten in deinem Gesicht! Aber nun lächle, lächle, wie es der,cherald" nach seinem Interview von dir verlangen kann: dein überrumpelndes Lächeln ... Man kann es brauchen im Leben. In Tientsin war ich dabei, als die Japaner mit Lastwagen durch die Straßen suhren, in Indien habe ich Pestkranke besucht, in Mexiko war ich beim Eisenbahnattentat gerade im Siidexpreß mit meiner Kamera. Und jetzt komme ich aus dem Chaco. Ich war bei Boqueron dabei und bei Pozo Azul. Hunderte sah ich verdursten und verrecken im Busch. Mit Estigarribia fuhr ich nach den Feldlazaretten, mit Militärfliegern kreiste ich über den Bolivianern und knipste ein bißchen, aus Vergnügen am Spionieren. Ich lag mit den Paraguayern am Feuer, trank Mate und spielte Truca mit ihnen. Ein paar verwegene Jahre ... Ich packe meine Filme aus, gieße den Entwickler in die Schalen und halte Metol und Bromkali bereit. Langsam beginne ich den ersten Film durch die Schale zu ziehen ... Als der Krieg aus war und die Siegesparade verrauscht, wurde es mir langweilig in Asuncion. Ich wollte Aufnahmen vom Osten machen, 6en ich noch nicht kannte, von den deutschen Siedlungen, Jndependencia, Sudetia, San Bernardino, Altos. Es ist dort eine schöne Walderland- schaft, wie in Thüringen oder an den bayerischen Seen, Berge, Wasserfälle, Urwaldfarben. Und ich ritt sorglos umher und war mit allen gut Freund. Ein heißer Strahl trifft mein Herz. Unter meinen Händen beginnen sich die Negative aus dem Bromsilber zu lösen, Bäume zeichnen sich ab aus dem Himmel, den Wald, und da — da tritt Rubia heraus aus dem Laubwerk, zu Pserde, in ihrem hellen Kleid ... Rubia, Elisabeta ... Ich wollte einen Schwarm Vögel belauschen, einen Schwarm häßlich sihwarzer Anüs, die glucksend und kreischend von Dusch zu Busch flatterten und lag ganz still im Kampgras, zwischen den steinharten Ter- knitenhügeln. Da kamst du aus dem Wald heraus aus die Lichtung, eine Artemis zu Pferde, nur statt der Lanze und des Bogens die Vogelflinie über der Schuller. Am Bettpsosten hängt meine Kamera, ich streichle sie mit den Augen, Hel Was haben wir alles belauscht auf der Erde, aller Kamerad! Häßliches und Schönes, Kleines und Großes, du warst immer zu allen Scherzen aufgelegt. Aber solch ein siebzehnjähriges blondes Kind, mit einer Vogelstinte über der Schulter, mitten im paraguayischen Walde, das war ein Schnappschuß! Ja, ich stand aus dem Gras auf, nahm die Pfeife aus dem Mund und zog den Hut, wie es sich vor einer jungen Göttin gehört: Buenos dias! Guten Tag! setzte ich hinzu. Oder sollte ich englisch sprechen, schwedisch, holländisch? Nein, du mußtest ja wohl irgendwo von Weser oder Elbe stammen. > Und richtig: Guten Tag! antwortetest du. Du hattest nach der Flinte gegriffen, fo überrascht warst du wohl, als ich in der Wildnis auf» tauchte. Gut Freund! rief ich. Ich schieße nur hiermit! Und hob meine Kamera hoch. Wie aus dem Boden geschossen standen Sie plötzlich da ... Da soll einer keinen Schreck kriegen! fugtest du. Verzeihen Sie, aber ich bin wie Sie auf der Jagd ... Wenn Sie nichts dagegen haben, suche ich meinen Gaul, und wir machen gemeinsame Sache ... Da werden wir nicht viel mit nach Haus bringen! Was mich betrifft — ich habe schon eine Beute! Da! Ich hob die Kamera und zielte: Großaufnahme! Ich hebe den Film aus der Schale und ziehe Um durch das Wasser im Becken, setze dem Fixierbad etwas Natron zu und arbeite weiter. Langsam werden die Negative ganz klar und schön, und schließlich kann ich sie zum Wässern hinstellen. Ich halte die Streifen gegen das Licht. Da ist euer Wohnhaus hinter dem wuchernden Garten aus Blumen und Kakteen, blühenden Stauden und Ranken. An der Seite der Bananenhain, dort der Mandarinen- und Grapefruitwald. Hier auf dem breiten Weg gingst du mit Vater und Mutter und den beiden wilden Hunden, Cirrus und Tyros, als wir eure Jerba besichtigten, euer Kaffeetal. Da brachst du mir einen Zweig von weißen Blüten und stecktest ihn mir an die Jacke, das war am dritten Tag, (eit wir uns kannten. Hier 5nd die Bilder vom Fest im Pueblo, der Hahnenkamps, die Musikanten, ie Polkatänzer, das Glücksrad, die Küchenfrauen mit Chipa und Honigbrot ... Ich habe keine Aufnahme gemacht, mit der ich nicht wenigstens ein paar Locken von dir, einen Schimmer deines Kleides mit einfangen könnte. Rubia! riefen sie dich. Die alten Weiber riefen dir etwas auf Guarani zu, das ich nicht verstand, und du antwortetest ihnen lachend, aber doch ein wenig verlegen. Du zogst mich am älermtf fort von den zahnlosen Mäulern, in denen schwarze Zigarrenstummel steckten. Wollen wir eine Polka tanzen? fragte ich. Ich habe noch nie gelangt, ob ich es kann? ... Noch nie getanzt? Dann wird es wohl Zeit! Eins — Zwei — Drei Eins — Zwei — Drei... im Drei-Viertel-Takt! Und hinterher tränten wir süßen Cona, ich wollte Wein haben, Champagner zu deinen Ehren, weil du zum erstenmal getanzt hattest und mit mir, aber es gab keinen in diesem Pueblo, da mußten wir Sana trinken. Eine Flasche bekam die Musik, und bann tanzten wir wieder Polka Paraguaya, die Leute klatschten im Takt dazu, und die Musikanten stellten Harfe und Baßgeige weg und sangen ... Nachts bann im Walde ... Seine Eltern ritten voraus. Wir zügelten unsere Pferde Seite an Seite, bis ich den Arm um dich legen konnte, bis du deinen heißen wirren Kops an meine Schulter legen konntest. So ritten wir heim, und die Pferde gingen brav nebeneinander her in der Pikade. Die Filme brauchen Zeit zum Wässern. Ich lege mich lang aufs Bett in meiner stillen, heißen Kabine und schließe die Augen. Ich habe mir niemals Gedanken gemacht, wo ich wohl daheim wäre. Zu meinem Beruf gehört das nicht. Ich bin daheim, wo ich mein Haupt hinlege. Manchmal im Palasthotel, manchmal in einem Rancho oder auf dem Sattel unter freiem Himmel, wenn irgendwo Krieg ist und ich dabei sein muß. Aber in den 14 Tagen, die ich auf eurer Chacra zubrachte, dachte ich, daß ich dort zu Hause wäre, wo du bist, liebe, kleine Rubia. Du fragtest mich nach der alten Heimat, als wir in der Laube faßen, die von der tollen Gantarita überrankt wurde, wie unter einem Feuerwerk saßen wir da, ganz versteckt und heimlich. Wie ist es in Deutschland, erzählen Sie doch! — Ach, ich weiß gar nichts mehr, Elisabeta, ich bin ja so lange fort. — Großmutter sagte, Deutschland ist das Schönste auf der Welt. Sie war noch von drüben. Von Minden. Dort flieht die Weser, und dort sind Berge und Wälder, ganz wie hier. Aber es muß doch wohl anders sein, wie? Ich weih es nicht. Ach! lachtest du. Sehen Sie, nun haben wir aber mal einen Ort, wo Sie nicht gewesen sind! Also Minden kennen Sie nicht! Sehen Sie wohl! Schanghai, Tientsin, Kalkutta, Paris ... haha! Aber Minden an der Weser kennen Sie doch nicht! Du lachtest, und deine Lippen waren feucht und blühten vor Freude, daß du mich einmal erwischt hattest. Doch! sagte ich. ich habe einmal einen Turnertag in Minden gefilmt, ich kenne es sehr gut, all die alten, heimlichen Straßen ... Jetzt hat man dort den großen Kanal gebaut, der durch ganz Deutschland führt... Und ich erzähle dir von Deutschland, von Bayern und Schwaben und Thüringen und Hamburg. Und ich denke: Am Ammersee würde ich mir ein Stück Land kaufen und ein H仫 drauf bauen und einen Garten anfegen, von dem man jeden Tag die Zugspitze sehen könnte und die ganze Alpenkette, und unten auf dem See die weißen Dampfer, die von Herrsching kommen. Und dort würde ich mit dir wohnen und nie mehr von dir fortreifen, nie mehr, wenn du es willst. Ich halte deine Hand in meiner, während ich von Deutschland erzähle, und du ziehst sie nicht fort, du lehnst dich sogar an mich, und ich fühle deine Wärme durch das dünne Zeug. Du gehörst mir! denke ich und zittere bei dem Gedanken, du gehörst mir, kleine Rubia, kleine deutsche Rubia! Ich möchte dein schmales feines Gesicht küssen, deine gewölbte freie Stirn, deinen Nacken, in den die geflochtenen Zöpfe hängen. Ich möchte dich in die Arme nehmen und forttragen, ich möchte laufen mit dir in den Armen, laufen, als gälte es, dich vor einem Waldbrand zu retten, als säße das prasselnde Feuer uns auf den Fersen. Aber ich erzähle und erzähle, von Städten und Flüssen und Menschen, die mir jetzt gleichgültig sind, erzähle nur, damit du fo sitzen bleibst und dich nicht rührst. Und dann reiße ich dich herum und presse dich in meine Arme und küsse dich, wild und sinnlos, bis du dich losreißt und keuchend vor mir stehst, erschrocken und stumm nach diesem Uebersall. Warum — warum tun Sie bas? fragst du. Ich liebe dich, Lisabeta, ich denke die ganzen Tage und Nächte nur noch an dich, und ich möchte dich mit mir nehmen, immer. Willst du? Sag, sag doch! Willst du mit nach Deutschland? Du stehst schweigend da, zerblätterst mit den Fingern einen Zweig, scharrst mit dem Schuh im Sand, und dein Gesicht bekommt einen harten, trotzigen Ausdruck, je länger ich um deine Antwort bettete. Du schüttelst den Kops und siehst mich scheu und vorwurfsvoll an: Nein, ich kann das nicht ... Von hier kann ich doch nicht fort! ... Aber was denken Sie sich denn nur ... Schon meiner Eltern wegen geht das doch gar nicht ... Dann bleibe ich hier! rufe ich. 0 nein, nein! gibst du schnell zurück. Ich will wissen, warum, aber du weichst mir aus und meinst, ich müffle doch als Kameramann die weite Welt bereisen, was täte ich wohl dauernd hier? Ich habe Geld genug gespart! Ach, Geld! sagst du geringschätzig. Dann wirst du vom Haus her gerufen, deine Mutter will etwas von dir, und du gehst rasch fort. Ja, wir haben dann nicht mehr zusammen gesprochen. Beim Abendessen und nachher auf der Veranda zwischen Den weißen Säulen des Hauses, unter dessen Dach zuweilen ein grüngolbner Kolibri flirrte, als die Sonne unterging, und um bas bann die Ziegenmelker und Nachtschwalben strichen, als der Mond heraufkam, ganz rot und fremd hier in der stillen Urwaldwelt, da sprachen wir van anderen Dingen, die ein Kolonist gern hört, von neuen Maschinen und großen Fabriken und Absatzmärkten für Baumwolle und Tabak. Und plötzlich kam ein Besuch angeritten, wir hörten schon eine Weile Pferdegetrappel von der Pikade her. Deine Mutter sagte: Da kommt vielleicht noch ein Bote zu uns, der ein Heilmittel haben will. Aber nein, es war niemand, der zum deutschen Curandero wollte, er wollte zu dir, Elisabeta ... Er war noch in Uniform. Jener graublauen, schäbigen Leinenuniform des Chaeo, die auch die Offiziere tragen. Es gab ein großes Durcheinander bei der Ankunft dieses jungen Menschen, der Carlos hieß und der Sohn des deutschen Nachbarn war. Er war zweiundzwanzig Jahre alt. Achtzehn Jahre jünger als ich, achtzehn herrliche Jahre ... Hallo, Kamekamann! rief er verwundert, mich hier wiederzusehen, und begann mir die Hand zu schütteln und mich zu umarmen. Kamerad! sagte er begeistert. Bei Pozo Azul hatten wir uns einmal getroffen und zusammen am Feuer gelegen. Morgen müßte ich mit zu ihm hinüberkommen, das sei abgemacht! Hier, der Kamerad Kameramann, das war ein Kerl, sage ich euch! rief er und stellte mich vor Elisabeta und ihren Eltern in ein geradezu übertrieben prächtiges Licht. Leider geht das nicht, Leutnant. Morgen, da muß ich an der Bahn sein, ich muß diese Nacht noch los ... Und ich ließ mich nicht mehr davon abbringen, daß ich reiten müsse. Ja, reiten, reiten und wieder reifen. Die Welt ist groß, und es gibt viel auf ihr zu sehen. Dein Vater holte Wein aus dem Vorratshaus und kühlte ihn im Brunnen, felbftgeernteten Wein, und wir tränten auf die glückliche Heimkehr von Carlos und auf meine gute Reife. Ich faß lange mit den beiden Alten zusammen, als du den Freund zum Potrero begleitetest, wo er fein Pferd angebunden hatte. Die Cisenbahnkäfer lärmten in den Bäumen, die kleinen Unten schrien und klagten im Tümpel, und in der Lust hing der süße Duft von tausend blühenden Orangenbäumen. Aus allen Räumen des Hauses hörte ich den Atem des Schlafes. Ich stand eine lange Zeit vor deinem Fenster, Rubia. Es war offen, und es war keinen Meter hoch über der Erde ... Aber ich habe vieles im Geben gelernt, darunter auch: zur rechten Zeit aufzusatteln, wenn es fein muß. Ich hatte einen Ring auf meiner Hand, einen chinesischen Silberring mit einem grünen Jadestein, den du oft bewundert hattest. Den zog ich vom Finger und legte ihn auf einem weißen Blatt aus meinem Notizbuch in dein Fenster. Als ich schon zu Pferde saß und das Tor eures Potreros hinter mir schloß, wollte ich umkehren und noch etwas auf das weiße Papier schreiben, ein paar heiße Worte zum Abschied und meinen Namen wenigstens, meinen Vornamen, denn ihr wißt ja nur, daß ich Hellmers heiße. Aber bann ließ ich es. Und es ist wohl besser so. Hinter mir und meinem Pferde schlug der Wald zu, der große, wuchernde Wald. Die ersten Papageien kreischten im Morgen. Vielleicht wird Rubia wieder die Vogelflinte nehmen und ausreiten, um die grünen Soros zu schießen. Und vielleicht wird sie meinen Ring tragen, und an einer Stelle im Kamp wird sie dann wohl an mich denken ... Gneisenau wird Kommandant der Kolberg. Von Joachim Nettelbe ck. Am 20. September jährt sich zum 200. Male der Geburtstag Nettelbecks. Aus der im Bernhard Sporn Verlage erschienenen, mit vielen zeitgenössischen Bildern und Dokumenten ergänzten Neuausgabe des felbstverfahten Lebensberichtes, den dieser alte Seefahrer und glühende Patriot hinlerlafsen hat, bringen wir den folgenden interessanten Ausschnitt zum Abdruck. Am 26. April erschienen zwei jener Schiffe auf der Reede, welche das zweite pommersche Reserve-Bataillon, 700 Köpfe stark, in Memel eingefchifft hatten und unsrer seither aus allerlei Weise verringerten Besatzung als eine willkommene Verstärkung zuführten. Unsrer war also keineswegs vergessen worden, sondern es geschah zur Hilfe für unsere Bedrängnis, was die Not des Augenblicks zuließ. Als die Truppen des nächsten Tages ans Land gesetzt wurden, erschien auch, von der andern Seite her, ein Schiff von Schwedisch-Pommern mit einer guten Anzahl Ranzionierter, welche der von hier dorthin abgeschickte Hauptmann von Bülow in Stralsund gesammelt und organisiert hatte. Und wahrlich! solcher ermunternden Erscheinungen bedurften wir auch in diesem Augenblicke mehr als jemals, da eben kurz zuvor (den 25. April) die sichere Kunde bei uns eingegangen war, daß das längst erwartete Belagerungsgeschütz im feindlichen Lager eingetroffen sei. Jetzt erst drohte also der Kampf um Solbergs Besitz seinen vollen Ernst zu gewinnen. Diesen Ernst zeigten die Franzosen ihrerseits sofort am 29. April auch dadurch, daß sie unter dem Schutz der Hohenberaschanze, halben Weges von dort gegen die Stadt, auf dem sogenannten Sandwege, gleich hinter dem Zingel, eine Schanze aufwarfen, und ebenso eine zweite, in der Richtung von Bullenwinkel her, am Matzenteiche zu errichten begannen. Sie in dieser Nähe zu dulden, wäre hochgefährlich gewesen; allein es schien nicht, als ob unser nach beiden Punkten hin gerichtetes Geschütz die Arbeiten sonderlich hinderte. Da nun zu jeder kräftigeren Maßregel Loucadou der Mann nicht war, und ich auch, meiner persönlichen Verhältnisse wegen, mir weiter mit ihm nichts zu schaffen machen wollte, so eilte ich, den Vizekommandanten aufzusuchen und ihm meine neuen Besorgnisse ans Herz zu legen; denn durch Ihn und andere wohldenkende Offiziere war jetzt nur allein noch jedes Gute zu erwirken, das die Umstände erheischten. In der Stadt sand ich meinen Mann nicht, aber es wurde mir gesagt, er befinde sich wegen eines von Danzig gekommenen Schiffes am Hafen; und ich war im Begriffe, ihm dahin zu folgen, als er mir bereits auf der Brücke des Mündertors begegnete. Neben ihm ging ein Mann, den ich nicht kannte und der mit dem Schiffe gekommen zu fein schien. Dieser Fremde, ein junger rüstiger Mann, von edler Haltung, gefiel mir auf den ersten Blick, ohne daß ich wußte und sagen konnte, warum. Da indes mein Anbringen an den Vizekommandanten eilig war, zog ich ihn bei der Hand etwas abwärts, um es ihm, des fremden Mannes wegen, ins Ohr zu flüstern. Waldenfels aber lächelte zu meiner Vorsicht und sagte: „Äommen Sie nur, in meinem Quartier wird ein bequemerer Ort dazu sein." Als wir dort angekommen und unter sechs Augen waren, wandte sich der Hauptmann zu mir mit den Worten: „Freuen Sie sich, alter Freund! Dieser Herr hier — Major von Gneisenau — ist der neue Kommandant, den uns der König geschickt hat", und zu seinem Gast^: „Dies ist der alte Nettelbeck!" — Ein freudiges Erschrecken fuhr mir durch alle Glieder; mein Herz schlug mir hoch im Busen, und die Tränen stürzten mir unaufhaltsam aus den Augen. Zugleich zitterten mir die Knie unterm Leibe; ich fiel vor unferm neuen Schutzgeist in hoher Rührung auf die Knie, umklammerte ihn und rief aus: „Ich bitte Sie um Gottes willen! verlassen Sie uns nicht; wir wollen Sie auch nicht verlassen, so lange wir noch einen warmen Blutstropfen in uns haben; sollten auch alle unsere Häuser zu Schutthaufen werden. So denke ich nicht allein; in uns allen lebt nur ein Sinn und Gedanke: die Stadt darf und soll dem Feinde nicht übergeben werden!" Der Kommandant hob mich freundlich auf und tröstete mich: „Nein, Kinder! Ich werde euch nicht verlassen. Gott wird uns helfen!" — Und nun wurden sofort einige Angelegenheiten besprochen, die wesentlich zur Sache gehörten, und wobei sich sofort der helle umfassende Blick unseres neuen Befehlshabers zutage legte, so daß mein Herz in Freude und Jubel schwamm. Dann wandte er sich zu mir und sagte: „Noch kc. iit mich hier niemand. Sie gehen mit mir auf die Wälle, daß ich mich etwas orientiere." — Das geschah. Ich führte ihn auf dem Wall und den Bastionen herum, und zeigte ihm von hier aus die feindlichen Stellungen und Schanzen. Was auf den Wällen war und varging, sah er selbst. Zuletzt tarnen wir auch an die Jnundations-Schleuse. Ich zeigte ihm den ganzen Zusammenhang und Umfang dieser Einrichtung, und wieviel dadurch noch für die Sicherstellung des Platzes geschehen könne; denn was bis jetzt dadurch bewirkt worden, war noch nichts, was zur Sache führte, und meist heimlich von mir geschehen, weil der Einspruch der Grundeigentümer bisher nicht zu besiegen gewesen war. Jetzt aber sah ick mir freiere Hand gegeben, und ward sogar förmlich beauftragt, mich dieses Geschäfts mit besonderer Sorgfalt anzunehmen. Gleich des nächsten Tages stellte der neue Kommandant sich selbst, auf dem Bastion Preußen, der Garnison als ihren jetzigen Anführer vor; und die Feierlichkeit begleitet er mit einer Anrede, die fo eindrucksvoll und rührend war, wie wenn ein guter Vater mit feinen lieben Kindern spräche. Alles ward auch dadurch dergestalt erschüttert, daß die alten bärtigen Krieger wie die Kinder meinten und mit schluchzender Stimme ausriefen: sie wollten mit ihm für König und Vaterland leben und sterben. Daraus machte er sie mit den Grundsätzen bekannt, nach welchen er sie befehligen werde, wessen sie sich von ihm zu versehen hätten, und was er von ihnen erwarte usw. Tausend Stimmen jauchzten ihm im freudigen Tumult entgegen. Verantwortlich: Dr. Hans Thhriot. — Druck und Verlag: Brüh Ische Untversitätsdruckerei R. Lange, Gießen.