Gießener Zamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1938 Freitag, den 19.August Nummerb^ Unflat) Ein Tierleben in afrikanischer Wildnis. Von Cherry Kearton. Copyright by 3. Engelhorns Nachf., Stuttgart. 4. Fortsetzung. Aber jetzt ist keine Zeit, sich den Kopf darüber zu zerbrechen, was das alles zu bedeuten hat. Der Vater läuft schon voraus, und Mutter, die ihnen auf den Fersen ist, stößt sie beständig mit der Nase vor sich her. Manchmal wendet sie sich zur Seite, um in der Luft zu schnuppern: dann setzt sie sich aber schnell wieder in Trab und läuft wohl auch mal an den Kleinen vorbei: doch gleich erinnert sie sich ihrer wieder, kehrt um und treibt sie zur Eile an. Das kleinere Junge findet es auf die Dauer unmöglich, so weit zu laufen, und nach einer Weile packt seine Mutter es mit den Zähnen hinten am Genick , und trägt es weiter. Da der Kleine aber schon ein paar Wochen alt ist, schätzt er so etwas durchaus nicht: ist er auch noch nicht so groß und stark wie sein Bruder — tüchtig gewachsen ist er in letzter Zeit aber doch! Es dauert nicht lange, da muß die Mutter ihn also wieder absetzen, und so beginnt sie von neuem, ihn zum Laufen anzuspornen. Aber dann, nach einem erneuten ängstlichen Blick zurück, packt sie ihn doch ein zweites Mal und schleppt ihn wieder etwa dreißig Meter weiter. Oh, wie froh ist der Kleine, als sie endlich wieder an der buschbewachsenen Schlucht anlangen, w» sie zu Hause sind! Wo das Unterholz am üppigsten wächst, haben die Löwen sich durch Niedertrampeln und Beiseitedrücken von Gesträuch und Zweigen einen Tunnel gebahnt, der sich nach innen mehr und mehr verbreitert. Von oben her strecken Bäume ihre Zweige herunter, die noch besseren Schutz gegen Sonne und Regen bilden. Die zunächstliegend^ Schluchtwand bildet die eine Seite des Heims: die andere Seite und das Dach bestehen aus dichtverwachsenem Strauchwerk und Unterholz. Im sicheren Gewahrsam ihres eigenen Grund und Bodens begeben sich die Löwen nun aus den Platz über der Schlucht und legen sich dort ins Gras. Die Kleinen keuchen noch vor Erschöpfung: die wachsame Löwin hält sich dicht bei ihnen, nur der Löwe springt immer wieder einmal auf die Füße und blickt den Weg zurück, den sie gekommen sind, hinüber zum Felsenhügel, der noch am Horizont sichtbar ist. Die Kleinen sind müde: viele Stunden lang schlafen sie, aber gegen Morgen ist alle Müdigkeit wie weggeblasen, und die Lebensgeister erwachen wieder. Aus dem freien Platz über dem oberen Schluchtrand jagt der Kleinere seinen Bruder im Kreis umher — immer rund um die Mutter herum geht es — er dreht sich, schlägt Haken, hopst tolpatschig hin und her und hält mit einem Ruck an, als der Gejagte sich seinem Verfolger plötzlich entgegenstellt. Dann wechseln sie ein paar freundschaftliche Tatzenhiebe, und wieder beginnt die lustige Jagd, diesmal mit vertauschten Rollen. Jetzt kommt der Vater zurück, der am frühen Morgen fortgegangen ist. Eine Stunde lang hat er eine Herde Kuhantilopen beschlichen, eigentlich nicht mit ernsten Hintergedanken — denn der Tag ist doch nicht die geeignete Zeit zum Jagen — immerhin aber mit der Aussicht, daß bei dem halb spielend begonnenen Unternehmen möglicherweise doch ein gutes Geschäft für ihn herausspringen könne. Diesmal hat es denn wirklich so kommen sollen. Die auf Posten stehenden Tiere hatten zwar den durchs hohe Gras heranschleichenden Feind entdeckt, und die Herde war davvngestürmt: aber eine alte Kuhantilope, die getrennt von der anderen weidete, war nicht schnell genug gewesen, um sich der Herde noch anzuschließen. So war es denn dem Löwen, ein Leichtes, sie zu reißen. Nicht oft bot sich am hellichten Tage eine so günstige Gelegenheit: aber wenn — dann mußte man auch zupacken! Und so fraß er denn, was das Zeug hielt, und schleppte, was noch übrig blieb, zu Weib und Kind. Gierig, als hätten sie schon lange nichts mehr zu beißen und zu brechen gehabt, verschlingen sie die unerwartete Mahlzeit. Die Löwin kauert über dem Wildbret, reißt einen Fleischfetzen heraus, den sie mit den Tatzen niederhält; immer wieder fährt die rote Zunge darüber hin, bis sie sich endlich daran macht, ihn zu verspeisen; dann steht sie auf und schreitet rings um das tote Tier herum, um sich einen andern leckeren Happen zu suchen. Die Jungen sichern sich kleinere Portionen, schleppen sie einen Meter beiseite, legen sich nieder und verfahren genau so damit wie ihre Mutter. Hoch in den Lüften schweben die Geier und warten auf die Ueberreste der Mahlzeit. Immer wieder stößt ein besonders verwegener hernieder und streicht tief über dem Aas hin — steigt wieder hoch — stößt von neuem nieder. Sowie die Löwenmahlzeit beendet und di« Löwin eingeschlafen ist, werden die Vögel dreister; sie kreisen immer tiefer und lassen sich immer häufiger nach unten fallen; aber keiner wagt sich ganz zu Boden, solange die Löwen noch da sind. Der Löwe, befriedigt von seiner morgendlichen Tat und dem besonders guten Futter, nähert sich nun den Jungen und sängt an, mit ihnen zu spielen. Er packt den Kleinen zwischen seine Tatzen und rollt sich mit ihm auf den Rücken; dann läßt er ihn behutsam auf der andern Seite niederfallen, rollt zurück, packt den andern und wälzt sich wieder aus die andre Seite zu dem Kleinen hin, der ihm nun über die Schulter zu krabbeln versucht. Er balgt sich mit seinen Jungen herum, gibt ihnen spielerische Hiebe, und sie versetzen ihm dafür kleine Püffe. Unterdessen erwacht die Löwin, liegt eine Weile und beobachtet Mann und Kinder. Als sie sich an deren Spässen sattgesehen, dreht sie sich um und blickt nach den Geiern hinauf; mit den Augen verfolgt sie ihren schnellen Flug. Wie sie kreisen, niederfahren, wieder in die Höhe steigen, um sich abermals herabzustürzen! In träges Sinnen versunken wünscht sie sich wie schon so oft, es möchte einmal einer noch tiefer herunterfahren, daß sie ihm im Fluge packen könnte; aber dazu ist er bisher noch nie gekommen! Es ist auch nur so ein Traum von ihr--ein eitler, aber sehr süßer Traum.-- Während der Hitze des Tages schlafen sie alle im Schatten unter einem Baum. So kommt der Wend heran. Da springt der Löwe unruhig auf und läßt seinen Blick über die Steppe schweifen. Aber die ßöroin regt sich nicht. Nach der ausgiebigen Kuhantilopenmahlzeit ist es nicht nötig, heute nacht aus 3agt> zu gehen, und außerdem ist es schön, so faul und halbträumend dazuliegen neben den fest schlafenden Kleinen. Aber als die Nacht immer dunkler wird, erhebt sie sich schließlich doch, weckt ihre beiden Jungen und treibt sie in die Schlucht, wo sie ungefährdet weiter schlafen können. Danach machte sie sich mit dem Löwen, dem die Unruhe immer noch in den Gliedern steckt, zum Fluß auf. Sollte ihnen etwas Rechtes in den Weg laufen, so werden sie es nicht verschmähen, Jagd darauf zu machen, obgleich sie es nicht nötig haben; denn hungrig sind sie nicht. Aber trinken m ässen sie. Unterwegs pirschen sie eine Herde Elenantilopen an; aber die Wachen schöpfen Verdacht und schlagen rechtzeitig Alarm. Macht nichts! Das Anschleichen an sich war vergnüglich, und das nächste Mal würde man mehr Erfolg haben. Jetzt sind sie am Fluß angelangt und trinken — dann geht es wieder heim. Am nächsten Tag hatte der Löwe kein Glück bei seiner wieder halb spielerischen Pirsch. Zweimal gaben die Wachen der Herden das Warnungszeichen, ehe er nah genug zum Sprunge herangekommen war. Er war doch ziemlich enttäuscht, denn das eine Mal hatte er bestimmt geglaubt, (ein Nahen würde nicht bemerkt werden. Dennoch: diese Tagpirschen waren nicht so wichtig. In der Nacht würde er mit seiner Gefährtin wieder losziehen, und zu zweit würden sie ganz sicher Beute machen. Der Abend nahte, und mit ihm stellte sich auch die Rastlosigkeit wieder ein, diesmal auch bei der Löwin. Heute nacht mußte wieder Futter beigeschafft werden, für s i e wie für die Jungen. Und wieder wie am Abend zuvor brachten sie die beiden Kleinen in ihr Lager, wo sie Seite an Seite behaglich aneinandergeschmiegt weiterschliefen, während das Löwenpaar auf Beute ging. Löwen jagen in der Ttadjt Der Tümpel. — A u f der Lauer liegen. Zwei Nashörner erscheinen. — Heiterkeit des Augenblicks. — Hinunter zum Fluß. — Getrennte Wege. Die Zebraherde. — Der R u f der Löwen. — Panik und ein Opfer. — Triumph und Furcht. Löwe und Löwin schreiten durch die Steppe. Nicht weit von ihrer Schlucht entfernt wissen sie einen Tümpel, in dem sich immer das Regen- wasser ansammelt. Um diese Jahreszeit wird er wohl fast ganz ausgetrocknet fein und die Aussicht ist nicht groß, daß jetzt Tiere zum Trinken dorthin kommen. Für die Löwen ist es aber doch das Nächste, zuerst einmal dort nach Beute auszuschauen und erst dann, wenn es nötig sein sollte, zum Fluß weiterzulaufen. Sie haben die Stelle auf beinahe zweihundert Meter erreicht, da ducken sie sich tief ins Gras und rücken behutsam Zoll und Zoll vor, ohne sich auch nur einmal aufzurichten. Die Halme reichen ihnen über den Rücken. Schritt für Schritt geht es vorwärts, der Löwe immer eine kurze Spanne voraus, aber nie unmittelbar vor der Löwin her. So langsam und vorsichtig bewegen sie sich, daß die Grashalme nur leicht zittern, kaum starker, als wenn der Wind sie bestriche. Da — als sie noch keine fünfzig Meter mehr vom Ziel entfernt sind, bleibt der Löwe auf einmal liegen und die Löwin schlüpft an seine Seite-- In der Bodensenkung vor ihnen ist fast kein Wasser mehr und ringsumher ist die Erde durch die Fußspuren vieler Tiere aufgewühlt. Von dem bißchen Wasser, das noch da ist, trinkt eben eine Elenantilope, ein über anderthalb Meter hohes herrliches Tier mit schönen teilweise spiralförmig gedrehten Hörnern. Sie ist überaus nervös. Jeden Augenblick hält sie im Trinken inne, um den Kopf zu heben und in die Dämmerung hinauszuspähen; sie wendet sich hierhin und dorthin, hält Ausschau nach beiden Seiten und dreht sich manchmal auch ganz um — es könnte ja unbemerkt ein Feind von hinten her nahen. Plötzlich — sie hatte den Kopf wieder zum Trinken gesenkt — stutzt sie; und im selben Augenblick beginnen die beiden Löwen wieder, mit unendlicher Vorsicht vorzuschleichen; denn zum Springen sind sie noch nicht nahe genug. Aber nicht sie find der Gegenstand des Argwohns. Die scharfen Ohren der Antilope haben einen Laut aus der Ferne vernommen, der sich allmählich dem Tümpel nähert. Sie wartet nicht erst ab, was das fein mag. Mit einem Satz und einem Schnippen ihres Schwanzes ist sie fdrt und läßt den Tümpel zwischen sich und den beiden Löwen liegen. Da drücken Löwe und Löwin sich wieder ins Gtas zurück und bleiben still auf der Lauer liegen. Auch sie haben jetzt den immer näher kommenden Laut gehört. Ein oder zwei Minuten vergehen — da erscheinen zwei Nashörner auf der Bildfläche. Bei der herrschenden Windrichtung können sie die Löwen nicht wittern, und im Gefühl vermeintlicher Sicherheit kommen sie heran — friedliche Geschöpsel Ihr Futter, ein Trunk aus Tümpel oder Fluß, ein erfrischendes Bad im kühlen Schlamm — mehr wollen sie gar nicht! Um die Freuden eines Bades zu genießen, find sie heute herabgekommen zu diesem halbausgetrockneten Wasserloch. Ueberbies möchten sie auch etwas gegen ihren Durst tun. Das Letztere besorgen sie zuerst. Dann stehlen und wälzen sie sich genießerisch im Schlamm am Wasserrand, bis eine feuchte rötliche Schmiere den größten Teil ihrer Leiber überzieht, stehen schließlich auf und fangen an zu spielen. Schwerfällig und stolpernd jagen sie einander rund um den Tümpel und schnaufen und quieken in freudiger Aufregung. Sonder Furcht und Sorge überlassen sie sich ganz der Heiterkeit des Augenblicks. Die beiden Löwen haben sich gleich nach Ankunft der Nashörner aufgemacht. Der Tümpel hat ihnen heute nichts zu bieten; denn zwei Nashörner auf einmal anzugreifen, haben sie keine Lust und voraussichtlich würden in dieser Nacht weder Zebras noch Gazellen dem Wasserloch ihren Besuch abstatten. Unter diesen Umständen ist es besser, fein Glück in der Gegend des Flusses zu versuchen! Wieder durchqueren die beiden ein Stück Steppe, kommen unter Akazien vorüber, in denen die Assen hocken, scheuchen eine Gruppe Giraffen aus und gelangen endlich an den Rand des dichten Buschwerks, das den Fluß säumt. Sie müssen da noch etwa fünfhundert Meter entlang laufen, bis sie auf den ersten der Pfade stoßen, die zur Sandbank führen — sie kennen sich schon aus. Die Löwin schreitet geradeaus außerhalb des Dickichts weiter; der Löwe schlüpft seitwärts durchs dichte Unterholz und läuft parallel mit (einer Gefährtin am Flußufer entlang. Eben kommt eine kleine Zebraherde über die Ebene. Die zunehmende Finsternis macht es den Tieren unmöglich zu merken, daß da dreißig Meter entfernt von ihnen eine Löwin im Grafe lauert. Eilig kommen sie näher, voran eine Wache mit scharfen Augen und guter Nase. Am äußersten Saum des bewachsenen Streifens angelangt bleibt das Leittier stehen, um dann beruhigt, weil alles in Ordnung ist, wieder in Trab zu fallen; die andern folgen in gedrängtem Haufen hinterher. Als der Pfad zwischen den Büschen sie eingeschluckt hat, kriecht die Löwin langsam und bedächtig vor, bis sie nah genug am Wechsel liegt, um jedes vorüberkommende Tier anspringen zu können. Es ist ihr gar nicht darum zu tun, daß jetzt noch eine andere Herde des Weges kommt; denn sie weiß: eins der Zebras, die da vorbeigekommen sind, ist ihr sicher! Denn bald wird die ganze Herde in hellem Entsetzen denselben Pfad zurückjagen, — dann ist ihr Augenblick gekommen. Die Zebras sind inzwischen weiter durch den Busch gezogen, ohne zu ahnen, daß der Weg hinter ihnen abgeschnitten ist. Bald können sie schon vor sich kleine Fleckchen Himmel und Wasser zwischen den Bäumen am Ufer hindurchschimmern sehen. Wenige Schritte noch und sie stehen auf der Sandbank — —. Da erschüttert plötzlich das fürchterliche „Rrach — Rrach — Rrach" des Löwen die Nacht. Den Kopf an den Boden gedrückt, läßt er Laute aus feiner Kehle dringen, die ganz eigentümlich bald aus dieser, bald aus jener Richtung zu kommen scheinen. So sind auch die Zebras im Zweifel, ob das Gebrüll von rechts, von links, ober gar von vorn kommt; aber es erfüllt sie mit derartigem Schrecken, daß sie alle mit einem Schlag kehrtmachen und auf ihrem Pfad zurückhetzen. Da aber — beinahe schon hat das erste Tier das offene Grasland gewonnen — schießt aus dem Hinterhalt gleich einem gelben Blitz die Löwin durch die Luft, landet auf dem Rücken eines Zebras, schlägt die Krallen der einen Pranke in die Schulter des Tieres, während die andre die Schnauze packt und den Kopf gewaltsam nach hinten zwingt; mit einem dumpfen Knurren gräbt sie dabei ihre Zähne tief in den Hals ihres Opfers. Die Vorderbeine des Zebras knicken plötzlich zusammen — tot stürzt es quer über den Pfad. Der Rest der Herde ist nach links ausgebrochen und rast angstgepeitscht davon. Im Augenblick stellt sich der Löwe beim Riß ein. Mit einem tiefen mummenden Laut läßt er sich nieder, um das warme Blut zu schlürfen; >ann beginnt er, das Tier zu zerreißen. Die Löwin selbst ist noch so rregt, daß sie ihn anknurrt, wenn er ihr zu nahe kommt. Eine Stunde lang liegen sie da und fressen. Im Dunkel hinter ihnen schleicht es umher: Schakale und Hyänen, die warten, bis die Reihe an ihnen ist. Und als die Löwen endlich chr Mahl beendet haben und sich zum Fluh aufmachen, kommen die Hyänen gehuscht, um sich am Aas zu laben, während die Schakale, im Halbkreis geschart, sich noch im Hintergrund halten. Zu feige, sich vorzutrauen, hoffen sie doch, daß am Schluß noch ein paar Leckerbissen für sie abfallen. Das Löwenpaar, vollauf gesättigt, ist unterdessen am Fluß angelangt, um seinen Durst zu löschen. Am Rand der Sandbank stellt sich der Löwe erst einmal auf und erhebt ein mächtiges Triumphgebrüll. Immer wieder und wieder dröhnt es, erst immer stärker anschwellend, dann langsam schwächer werdend. Alle Tiere, die es hören, sollen wissen, daß der Löwe wieder einen Sieg zu verkünden hat. Und alle Tiere, die noch untere wegs zur Tränke sind, kehren voller Schrecken um. (Fortsetzung folgt.) Oie Magd. Von Hedwig Forst reute r. Sie küßte den Ring an seiner Hand. „So muh ich von bannen gehn. Eine junge Frau in Schleier und Band wird dir zur Seite stehn, am Herde werden die Funken sprühn um ihr erglühtes Gesicht, sie wird mit den Flammen selig blühn, an mich denkt ihr beide nicht. Deine Stirne so sinster, als ich tarn, und so finster war dein Haus, ich lächelte fort den bittren Gram und hellte die Winkel aus. Nun leuchten Gesimse und Fensterbank von Blumen fo hell und frisch, gebleichtes Seinen füllt deinen Schrank, eine Decke hüllt deinen Tisch. Die guten Geister gehn aus und ein und segnen dir Brot und Ruh und weihen dir Predigt und Sonntagsweiu; doch die beste Weihe gibst du. Ich stand so verzagt an deinem Tor, zwölf Monde rannen seither, du stießest das eiserne Schloß nicht vor, denn Waisenbitte wiegt schwer. Zu jung, um allein in die Fremde zu gehn, von verratener Liebe matt, zu schwach, um im Felde Garben zu drehn, und zu heimatgebannt für die Stadt, so kam ich in deine Einsamkeit, e und sie wurde wie Sommerluft warm, und wir schafften und planten und schwiegen zuzweit .. doch du hieltest mich nie im Arm. Ich kniete im Garten und brach das Kraut, da wäre es fast gefchehn, die Drosseln sangen so frühlingslaut, du bliebst in den Wegen stehn und riefst meinen Namen, in Sehnsucht, tief, wie er noch niemals erklang — Ich kam und bebte, denn wer so rief, dem war wie norm Sterben bang. Wie sahst du mich an einen Herzschlag lang — o Zauber, so heiß gespannt! Dann riß es dich fort, und das Haustor klang, ich lauschte, von Scham verbrannt. Die Drosseln fangen so friUjIingslaut, und ihr Lied hat dich angeklagt ... Sie fingen morgen für deine Braut — Ich bin eine arme Magd. Meine weichen Wangen küßtest du nicht und nicht meinen roten Mund, sahst nicht, wie die Zöpfe schwer und dicht mir niederfielen zum Grund. Besonnte Schlangen in Gartenruh, so lagen sie neben mir, und ich zog sie würgend am Halse zu und (pielte, das tät ich dir. Und ich spielt es so lang, bis das Grauen kam — Deine Braut ist so jung und rein, und wenn ich bliebe, ich säte Gram in euer Glück hinein--" Sie stürzte zu Boden und atmete schwer und lag, seinem Schlag bereit, doch er riß sie empor, und sie weint« nicht mehr und ging, schweigend, und ohne Geleit. »f * Junten«" 1 Tirols M . imnin »= .ftnigtn 1 . Miet w M da- ton ti®*1 finit«! 511 Damal gitnnM »3ural 1 daß fts trtrjlcji j ntr mä( ■ 6(1*1 l urlnnbet, Role W | ioijalte b !| ta em J W Mit I fit&enljunl I M jUtÜ(f \ ki leiten ■ I echt «ich ben feitlid hl des kch ft! ■ einst eine . (tute übe |> wf freuni siche nur l ne 931! liefet : tirb der \ feste alte : i'wfttn : tilhw i Ultimen • (nwnbejt :M)a irjjj die! Ito* !hmt( fei »dem lügen' er Jrlibe durch Ws Seeu1 llP[ lieht B der qt »il!: die der “’ltnben i Ä Schönheit, sein vollkommen--" Antim Sommer. Aber unsäglich ist die daß das Seebecken einstmals eine blühende Landschaft mH reichen Bauern» gehöften gewesen sei. Der Hochmut und die Herzenshärte der Bauern habe dann den Fluch herbeigeführt, der in einer Nacht das reiche Tal mit den Wassern des Sees bedeckte. Eine überall in den Gebiraen vorkommend« Vorstellung im Gemüt des Volkes, womit es vielleicht die Armut des Daseins sich zu erleichtern vorspiegelt und eine zugleich poetische und moralische Deutung des Ungefährs versucht, dasz in solcher Höhe zwischen den steilen Gebirgen, die teilweise, wie das Karwendel, sehr wasserarm find, ein See sich findet. Ausgedehnter Schilfwuchs, versumpftes Gelände, saure Wiesen umranden das Südende des Sees. Hier brütet die Stockente gern, und auch das schwarze Wasserhühnchen taucht zu Zeiten auf. Der Fischreichtum mag in vergangenen Zeiten sehr groß gewesen sein. Es leben in dem See Aeschen, Renken, Saiblinge, Hechte und Barsche. Im späten Sommer kommen die Hechte an die besonnten seichten Ufev und stehen stundenlang unbeweglich im hellgrünen Wasser. Mit bet Schleppangel langsam über den abendlichen See zu rudern, ist ein besonderes und spannendes Jagdvergnügen. Man kann wohl einen schweren Hecht erbeuten. Der einstmals reiche Wildbestand in den Forsten, die den See umgeben, machte dieses ganze Gebiet zu einem Lieblingsjagdrevier der tirolischen Landesfürsten. Lange Jahre im ununterbrochenen Besitze des Benediktinerstiftes Fieth, waren See und Landschaft um ihn von den fürstlichen Gästen der reichen Abtei gern aufgesucht. Schon Herzog Heinrich, nach ihm Herzog Friedrich mit der leeren Tasche, Sigismund der Münzreiche jagten dort und trieben den Fischfang. Herzog Sigismund erbaute ein Jagdhaus am Seeufer in der Pertisau, davon noch heute der Nam« Fürstenhaus dauert. Besonders glanzvolle Tage erlebte der See aber unter Kaiser Maximilian. In dessen Jagd- und Fischereibuch, geschrieben um 1500, sind uns einige farbige Bilder erhalten, die das da- malige höfische Treiben am Achensee darstellen. In ihm finden sich auch die schönen Sätze, worin der Kaiser seinem^ Nachfolger weidgerechte Jagd empfiehlt und hinzufügt: die Jagd und der Naturgenuß seien wie nichts sonst geeignet, milde und wohlmeinend denkend zu machen. Sie seien als ein Mittel anzusehen, daß der Fürst unter das Volk komme, Klagen uni) Beschwerden höre. Die bestandenen Gefcchren verbänden ihn wie keine andere Gelegenheit mit seinem Volke. Gams und Hirsch waren wohl das eigentliche jagdliche Wild. Die sogenannte Karwendelsgams ist stärker im Krickel, schwächer im Wildbret und Bart als die Zillertaler Gams. Das Rehgehörn ist kürzer, rauher gepertlt, braun vom Latschenharz, mit weißeren Enden. Der Bär dürfte damals in den Gebieten des Staufer Jochs und Dächentales häufig gewesen sein. Vor dem Krieg noch ward einer in der Nähe der Bärenbaderalm gespürt. Gamswild findet sich in starken Rudeln im Bächental, im Karwendelsgebirge. Der Herzog von Coburg ist Herr und Heger in diesem herrlichen Jagdgebiet. Im Sonnwend- und Rofangebiet kommt die Gams nicht vor. Stücke wechseln zu Zeiten im Gebiete des Bärenkopfes. Der Hirsch, findet sich in den Wäldern am Unnutz, wechselt wohl über Balfaz hinüber in das Sonntwendgebirge. Im Karwendelgebiet ist er daheim. Sonst siirdet sich Rehwild nicht sehr zahlreich freilich in den Wäldern um den See. Der große und kleine Hahn halten sich häufig. Seltener das Haselhuhn. Der Dachs ist rar geworden, aber die Füchse gedeihen gut. Vielfältig in den Lausten des Jahres ist das Antlitz dieser großen Landschaft. Sei es, daß man mit der Zahnradbahn den gewaltigen Hang hinauffährt, von dem aus weite Sicht ins Zillertal, auf die Stubaier Berge hinab bis zum Wilden Kaiser sich auftut, um dann im freundlichen Eben zu landen, dessen spitzgetürmte Kirche ein stilles Willkommen bietet; sei es, daß man die fchöne Waldstraße, den schäumenden Kasbach entlang, nach Maurach hinaufwandert: immer ist es eine freundliche Erfüllung, wenn nun das breite Achental sich auftut. Ehe man die schöne Szene recht zu betrachten sich anschickt, suchen die Augen den See, und die Erwartung ist erst gestillt, wenn der blaue Spiegel fern auf» dämmert. Er bereitet dem an sein Ufer Kommenden eine große Ueber- gegen Norden gleiten die Ufer, und angelangt, hat er erst seine ganze litz enthüllt. Wie viele kennen dieses Antlitz goldene Herbstruhe über ihm. Die raschung. Hinter Pertisau schieben die Berge für den Betrachter sich zusammen, der See scheint dort zu enden. Dann vor dem beglückt staunenden Schiffer tun sich die Felsenkulissen langsam auseinander. Weiter in der ungefähren Mitte des Sees Dampfschistahrt ist eingestellt. Die Bahn verkehrt nicht mehr. Cs ist still geworden an den Ufern. Die Schilfränder gilben. Im schwarzen Hochwald stehen die Buchen golden, die Ahorn« rot. Ein feiner Süd saust kaum vernehmlich durch das Tal. Sommerwind nennen ihn die Leute. Er ist wahrscheinlich wie ein Gruß des hingegangenen Sommers, kommt beinahe fremd in diese Höhe und ist gerade in dieser Höhe als freundlichster Gruß des schläfernden Jahres süß und traumhaft umfangend. Der Himmel prangt in südlicher Bläue. Die fernen Kalkgebirge stehen weiß im Schimmer der gesänftig- teren Sonne. Aus den Karen fließt es wie Gefälte scknvarzen Samtes. So Tag um Tag, und ohne Wolke jeder, wochenlang. Bis eines Abends eine langgestreckt und schneeweiß über dem Jnntal sckuvimmt. den Raum unendlich weitend in ihrem schlanken Zuge. Wie Mövengefieder bsinkt sie im abendlichen Licht, das vom Dberinntal kommt, indes die harten Schatten des Seeberges und Bärenkopfes über den See sich schieben, lieber dem Sennjoch, das sich scharf in die erbleichende Bläue meißelt, glänzt der Abendstern auf. Die weiße Wolke brinot den späten Herbst. Sie eilt, ein sanfter Weiser, dem Föhn voraus. Die Stille ist beinahe greifbar in solcher Nacht. Doch über den bewaldeten Kamm des Lend- berges kommt mählich ein eintöniges sanftes Saufen. Gegen Mittag dann geht ein leichtes laues Atemholen über die abgeernteten Felder. Der Seespiegel erschauert ein wenig, als fröstle ihn. Die Fickiten stehen klobig und schwer. Da und dort taumelt ein Buchenblatt zu Boden. Die Szene wird unwirklich wie auf dem Theater. Das goldene Liebt selbst, in dem alles greifbar nahe scheint,- die Berg«, die Bäume, die Häuser Oer Achensee. Von Joses Wenter. Wer Sommers oder an goldenen Herbsttagen über den Achensee :udert und der großen Klarheit des Wassers sich {reut, hängt kaum Ge- ianken und Vorstellungen nach, wie dieser größte und blaueste Alpensee Tirols vor Jahrtausenden sich gebildet hat. Wenn aber in den Winter- lächten das Eis über der Fläche spaltet, daß der Donner davon die ein» amen Bergwände widerhallen läßt, oder wenn der Frühlingsföhn in wenigen wilden Tagen die Eisdecke zum Bersten bringt: bann steigen Silber auf, nage, nicht deutlich vorstellbar« wohl, von der schaurigen lärohe und Lebensverlassenheit der Epoche, in der das Becken gebildet oarb, das in einer Tiefe von damals 150 Meter, in einer Ausdehnung :on etwa elf Quadratkilometer den See faßte und ursprünglich eine dem Jnntal zufallende Talfalte war. Damals flössen die Wasser der den Se« umgebenden Täler, Unter- und Sberautal, Pletzach-, Falzturn-, Tristenautal, in das Jnntal ab. Die alte Ivasserscheid« befand sich wahrscheinlich bei Achenkirch, eine Felsenschwelle, us Jurakalken bestehend. In der Eiszeit bann geschah die Verschiebung, o daß heute diese Wasser nach Norden der Isar zusließen. In der letzten jnterglazialzeit wurde das Jnntal zwischen Landeck und Kufstein von einer mächtigen Einbiegung betroffen. Dadurch kam es im Jnntal zu uehrfachen Seenbildungen, die aber durch den schuttreichen Inn rasch «erlaubet wurden. In diese Schuttablagerungen grub der zum letzten Ulate vordringende Jnntalgletscher sein Bett und schob einen Arm in die Kalfalte bei Jenbach, der durch das, Achental nach Norden abfloh. Dieser item erreichte zwischen Stauserjoch und Sonnwendgebirge eine Höbe ton zweitausend Meter und am Narbende des Sees etwa eintaufenb» siebenhundertfünfzig Meter. Er grub das Seebecken aus. Als der Gletscher sch zurückzog, blieb das Gewässer in der Mulde. Der See war da. Bei ter letzten Vergletscherung bann der Kalkalpen, die jedoch ihre Moräne «ich! mehr bis zum Seerand vorschoben, stürzten mächtige Schuttkegel aus ten seitlichen Wänden in den See; deutlich wahrnehmbar am nördlichen Ufer des Sees, in der Region der Gaisalpe. Die seitlich «inmüubenben Räche haben dann mit ihrem Schutt weitere Verlandungen bewirkt. Wo «inst eine blaue Wasserbucht sich bis an die Bergwände breitete, liegt heute über den Schutthalden des Pletzach-, Falzturn- und Tristenbaches cuf freundlicher Alpenmatte die Ortschaft Pertisau. Heute bedeckt die See- säche nur einen Raum von 6,75 Quadratkilometer und liegt in einer Höhe ton 931 Meter über dem Meere mit einer Wasserlotung von 132 Meter. Tiefer und gleichnishafter noch von der Größe vergangener Zeiträume vird der Bergwanderer erschüttert, wen er im Sonnwendgebirge aus die Hefte alter Meere stößt, im (Befeife die Konturen steingewordener Am- nonshörner, seltsam fremder Tritonen erblickt. Wie oft habe ich solche rollfommen geformte Petrefakte bestaunt, manch« zu schwer, um sie mit» zmehmen. Wenn der Weg dann durch die blühenden Almrosenbüsche, über «rzianbestandene Almtriften weiterführt, und man blickt von dem bunten Teppich auf das steingewordene Zeugnis, daß einst hoch über diesen Gipfel Dch die Meerflut rauschte; wenn man an der steilabfallenden Wand der Üotspitze steht und hinabblickt auf den See, der wahrhaft wie ein zum Himmel aufgeschlagenes Auge blaut, und übersinnt di« eisschauernde Apache seiner Entstehung: welch eine Welt! Auf der du, fühlender Mensch, b»ch demütiger Mittelpunkt bist, Mittler des stummen Seins, über dein« tgene erschütterte Verstummtheit zu erhabenen Stille des Schöpfers, Drüben überm Tal lieg breit die Stansjochgruppe. Der Bärenkopf, von ür durch das Weißenbachtal geschieden, breitet seinen schwarzen Wald bas Seeufer entlang hin. Der seltsam wie ein Heutrister geformte Triften» tipf steht wie ein letzter Vorposten bewaldeten Gebirges vor dem Eingang }u der großartigen Oednis des Karwendel, dieses Rausches aus Einsamkit und Starrnis. Da ragen sie in die hell« Bläue oder ins graue Ge- wölf: die Lamsenfpitze, das majestätisch« Sonnjoch. Welch ein Name! Als trüge der Berg ihn bewußt, hebt er fein Haupt in den letzten Glanz der sinkenden Sonne, empfängt am Morgen ihren ersten Strahl. Taufendtech mögen Hirten und Jäger, Sennen und Holzfäller, feinen morgen» md abendglänzenden rötlichen Gipfel angeschaut haben. Dann rede es litt) laut und lauter herum: Sonnjochl O Glück der Sprache, di« zu fassen »trmag, was das Herz erbeben macht. Die schöne Pertisau! Wi« sanft nimmt sie den Wanderer auf, der von kn Karen niedersteigt. Wie lieblich umspült sie das blaue Wasser des Sees. Sie hat ihren Namen von der Göttin Berchta. Berchtas Aue hieß fc. Vielleicht sah uralter Volksglaube in ihr einen Hexentanzplatz. Dann steigen die Hänge des Seeberges an. Noch sind sie bewaldet. Salb aber, nordwärts den See einfassend, werden sie so steil, daß nur mehr dürftiger Baumwuchs und Latschen sortkommen. Cs ist ein bebeu» terber Eindruck, den der Wanderer am Nordufer des Sees erhält, lieber mächtig« Schuttmoränen führt der Weg an tiefen Erosionsfurchen vorüber, Kirch die das Wasser stäubt. Lotrecht steigen die Felswände hinan und Itiiryn neben dem Weg ins Hefe blaugrüne Wasser hinab, auf dessen ®runb, der an klaren Tagen weit hinab, erleuchtet ist, Gerolle, nieber» itbrodjen« Felstrümmer, Baumleichen, sichtbar werden. Dann und wann licht langsam, ohne Ruderschlag beinahe, ein Hecht über diese phantastische Senerie hinweg. Unlustig und dünn entwindet sich bei Scholastika die Ahe, des Sees Abfluß, dem Becken und fließt der Isar zu. Kaum aber irter der ersten Brück« besinnt sich das Wasser, daß es nicht mehr zu when, sondern zu eilen hat, und ist ein luftiger Bach, in dem Forellen Ichlreich und vergnügt sich tummeln. Was an Fischen im See Zu Hause ft meidet den Zug des abfließenden Wassers. Sie fühlen die Grenze ihres Tlbensraumes. Höchstens daß ein paar neugierige Jungbarsche einen Ausflug in diese Fremde wagen. Aber sie kehren rasch zurück. Forellen ihd ungute Nachbarn. Das östliche Ufer des Sees ist noch finsterer umrahmt. Hier steigen Wie Wälder von den Hängen des Dalfazer und Kotalmjochs steil bis »in Orte Buchau ins Wasser herab, ja, wenn man zu Zeiten Saum» Gipfel unterm Spiegel gewahrt, konnte man sagen, sie stiegen ins Wasser Win. Zäune, wie sie auf Almen im Gebrauch sind, liegen viele Meter »Wer Wasser, scheinen Triften einzuzäunen, und man denkt an di« Sage, Oer Sieg des Monitor. Von Hermann Ulbrich-Hannibal. Am 6. November 1860 war Abraham Lincoln zum Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika gewählt worden. Damit war der von Jahr zu Jahr stärker gewordene Streit zwischen den Anhängern der Sklavenhalterei im Süden und ihrer Gegner im Norden der amerikanischen Union auf die Spitze getrieben. Wenn nicht alle Anzeigen trügten, tonnte nur die Waffengewalt die Entscheidung bringen. Der Staat Süd-Carolina sagte sich sechs Wochen später von dem Bunde los, um beim Regierungsantritt Lincolns im März des nächsten Jahres nichts mehr mit den Bereinigten Staaten zu tun zu haben. Seinem Beispiele folgten die anderen an der Sklaverei feskhaltenden SUdstaaten Mississippi, Florida, Alabama, Georgia, Louisiana, Texas, Virginia, Arkansas und Nord-Carolina. Damit war das Werk Lincolns zerstört, die Bereinigten Staaten in zwei feindliche Gegner gespalten. Besonnene Köpfe versuchten es, vor dem Regierungsantritt Lincolns noch wieder die Einigkeit herzustellen und riesen zu einem Friedenskongreß in Washington auf. Der Versuch scheiterte. Zwei Tage später tagte in Montgomery ein Kongreß der abgefallenen Südstaaten und beschloß, sich nicht dem Norden zu unterwerfen, sondern selber die Geschicke der Vereinigten Staaten in die Hand zu nehmen und nötigenfalls den Norden mit Gewalt gefügig zu machen. Einige Wochen nachdem Lincoln den Präsidentenstuhl bestiegen und zur Versöhnung gemahnt hatte, schlossen sich die Südstaaten zum Bund der sogenannten Konföderierten Staaten zusammen, stellten an ihre Spitze einen Gegenpräsidenten und setzten in ihrer Verfassung die Beibehaltung der Sklaverei fest. Der Bürgerkrieg war unvermeidliche er begann damit, daß di« konföderierten Truppen am 12. April 1861 das Fort Sumter einnahmen. Drei Tage später erließ Abraham Lincoln einen Aufruf zur Verteidigung des Landes. Es folgten ihm nicht nur 75 000 freiwillige Soldaten e auch ein Techniker bot sich an, mit seinen Kräften den Nordstaaten Hilf« zu bringen. Er wollte ihnen ein merkwürdiges Fahrzeug erschaffen, ein Schiff, wie man es noch niemals auf der Erde gesehen hatte. Es sollte noch nicht einmal einen Meter aus dem Wasser ragen, seine Seitenwände sollten gepanzert sein, und auf seinem Deck sollte es einen drehbaren Panzer- tprm tragen, aus dem die Geschütze ihren Eisenhagel ungehindert nach allen Seiten senden konnten. Ja, Schisse brauchte die Regierung der Nordstaaten, sie hatte schon fünfhundert Kriegssahrzeuge mit fünftausend Kanonen in Auftrag gegeben. Aber so ein Schiff, wie ihr der „hergelaufene" Schwede John Ericsson anbot, konnte sie nicht verwenden. Ganz gut sagte sich Welles, der Führer des Marinedepartements, wenn ein Kriegsschiff den feindlichen Geschützen eine möglichst kleine Angriffsfläche bietet; aber wie stellt sich dieser Schwede überhaupt vor, wie ein Schiff schwimmen soll, das so gut wie gar nicht mit feinem Rumpf und Felder, selbst dieses Licht ist wie unwirklich, magisch. Jetzt fährt draußen ein Stoß ins Wasser. Im Augenblick ist die zarte Kontur der grünen Ränder verwischt. Am Südende beginnt es weih zu tanzen über der Fläche. Gegen Norden hin wird der See schwarzblau. ^Jetzr rauscht der Wald aus. In breiten Bahnen rückt der Sturm den Baren- kopt entlang ins Tal herein. Wie eine von allen Heerscharen majestätisch gespielte Orgel dröhnt er auf, der Herrliche, Herrscherliche, Ueberlebens- große, der Herold des Winters und [ein jauchzender Ueberroinber: der Drei Tage und drei Nächte herrschte er. Sein Brausen erfüllt Welt und Himmel. Dann, fast plötzlich, fährt er davon und hat einen tiefen, grauen Himmel über den Tälern gelassen. Er hat die große Bühne hergerichtet für den königlichen Gast, der jetzt auf ihr sein Wort reden wird. Gegen Abend fängt es dünn zu schneien an und schneit Tage und Nächte. Dann klart es auf. Jetzt liegt der See wie verstorben nach dem schüttelnden Fieber. Er gleicht einem Saphir, der auf einem weißen Seibentud) sehr dunkel blaut. In ihm spiegeln sich die weißen Wälder und das graue Gefels. Nachts liegen die Sterne goldgrün und klar auf dem schwarzen Wasser, kein Laut sickert durch die große Stille. Streng und strenger herrscht der Winker von Woche zu Woche. Zwei Monate hindurch trifft viele Häuser in der Pertisau kein Sonnenstrahl. Sie geht einen kleinen Bogen hin, weit draußen überm Jnntal. Das Dors Eden leuchtet im hellsten Glanz herüber. Aus den Wäldern kommt wochenlang das helle Klingen abtriftenden Holzes. Durch vereiste Rinnen taffen die Holzhauer die fommerüber gefällten Bäume ins Tal herab. Vom Karwendel herüber donnern Lawinen, Steinschlag, von Schnee und Frost gesprengt, schollert zum Grunde. Es geht gegen Dreikönige. Jetzt ist auch der See zugefroren. Schwarzgrün liegt er in den weihen Rändern. Stundenlang kracht das wachsende Eis. Wie Hall von Geschützen dröhnt es und kommt von den Bergen wieder. Eine seltsame Lust ist es, auf Schlittschuhen über die schwarzgrüne Tiefe zu fahren. Man tut es am besten bei Nacht, und man läuft über die Sterne weg. Der nächste Schneefall wird den See zudecken, und dann ist die blitzende Weiße allenkhalb. Bis gegen Ende Februar der Frühjahrsföhn einbricht und in einem tagelangen gewaltigen Kampfe das Eis zersprengt. Ein so jauchzender Streit ist das und «in so großer Sieg! Die Bläue des befreiten Sees ist von neuer und jungfräulicher Schönheit. Der zarte Frühlingshimmel darüber noch wie scheu umblitzt von der wiederkehrenden Sonne. 0 holde Wiederkehr! Tröstliches Wort des Menschengemütes vor jeder vergänglichen Schön- »eit erschaffenen Seins! aus dem Wasser herausragt. Ericsson, so meinte er verächtlich, soll uns unfern Krieg führen lassen, wie wir wollen; wenn er keine besseren, brauchbareren Vorschläge machen kann, dann soll er ruhig wieder nach England gehen und sich dort von den Lords der Admiralität weiter aus» > lachen oder wieder ins Schuldgefängnis werfen lassen. Der Krieg nahm seinen Fortgang und entschied sich immer mehr zu j Gunsten der Südstaaten, die, obwohl sie den Nordstaaten gegenüber zahlenmäßig in der Minderheit waren, besser gerüstet in den Krieg zogen und auch die süchtigsten Offiziere, Männer wie Beauregard, Johnston, Jackson, Bragg und Lee in ihrem Heer hatten. Kaum hatten die Nordstaaten zu Lande, am Bull-Run, eine gewaltige Niederlage erlitten, da glückte den Südstaaten auch zu Wasser ein Sieg nach dem andern. Die Südstaaten hatten, obwohl sie den Nordstaaten von vornherein überlegen waren, das Kanonenboot „Merrimac" provisorisch mit einer Eisenpanzerung versehen. So konnte das Schiff mit seinem gewaltigen eisernen Rammsporn sich siegessicher gegen jedes der hölzernen Schiff« der Nordstaaten wenden und der gegnerischen Kriegsflotte Tod und Verderben bringen. Es war zum Verzweifeln, die neu erbaute Flotte der Nordstaaten wurde kleiner und kleiner und damit die Aussicht auf einen günstigen Ausgang des Krieges immer geringer. Die Folgen der verheerenden Tätigkeit des „Merrimac" wurden immer fühlbarer; kaum wagte sich ein Schiff der Nordstaaten zum Angriff gegen den „Merrimac", so war es ihm auch schon zum Opfer gefallen. Wenn man nicht mit irgendwelchen Glücksfätten rechnen könnte, würden die Südftaaten siegreich aus dem Kriege hervorgehen, der Präsident Lincoln wieder abgesetzt und die Sklaverei nicht aus der Welt geschasst werden. In dieser Zeit der großen Not, in der Ericsson immer mehr die Gewißheit gewonnen hatte, daß das Kriegsschiff „Merrimac" gegen das von ihm geplante Panzertumfchiff machtlos fein würde, wandte er sich wieder in einem Briefe an den Präsidenten Lincoln, um seine mehr als drei Jahrzehnte alte Idee zum Segen der Nordstaaten in die Tat umzusehen. Er versprach dem Präsidenten mit seinem Fahrzeug Hilfe in der Not und wurde daraufhin umgehend nach Washington, dem Sitz der Zentralbehörden, bestellt. Die Not zwang Mister Welles, den Führer des Marinedepartements, sich dem Zivilisten Ericsson gegenüber entgegenkommender als früher zu zeigen. Nachdem die Kommission kaum zwei Stunden getagt hatte, erhielt Ericsson den Auftrag, sein Panzerturmschiff, das „Monitor" — Warner — heißen sollte, so schnell wie möglich zu liefern. Die Erbauung ging in ungekannter Schnelligkeit vor sich. In nicht ganz vier Monaten war das Schiff, von dem Beginn der Kiellegung an, fertig. Am 19. Februar 1862 wurde es an die Regierung abgeliefert und unter das Kommando des Leutnants John Worden gestellt. Die Neuyorker Zeitungen, die gegen die Regierung schwere Borwürs« erhoben hatten, daß sie das Geld zu sinnlosen Experimenten vergeude, sahen mit Spannung der Ausreise des Monitor entgegen. Als sich dann zeigte, daß die Probefahrten des Schiffes nicht zur Zufriedenheit ausfielen, erhoben sie schwere Anklagen gegen die Regierung und nannten das Schiff, in Erinnerung an „Fultons Narrheit", „Ericsson? Narrheit". Nach einigen Tagen war es Ericsson aber gelungen, die vorhandenen Fehler zu beseitigen. Nun sollte der Merrimac sehen. Am 6. März verließ der Monitor in Begleitung von zwei Dampfern den Neuyorker Hafen. Es wurde höchste Zeit, dem Merrimac, der schon wieder an einem Tage drei Kriegsschiffe der Nordstaaten zerstört hatte, das Handwerk zu legen. Die Fahrt ging nicht sehr verheißungsvoll vor sich. Aber dennoch erreichte dieses erste Panzerturmschiff der Welt am Abend des übernächsten Tages den Eingang der Chesapeake-Bay, wo der feindliche Merrimac Furcht und Schrecken verbreitete. Am nächsten Morgen stürzte sich der Monitor in den dreistündigen Kampf, der für eines der merkwürdigsten Gefechte der Seekriegsgeschichte gilt. Panzer gegen Panzer, so kämpften die beiden Schiffe, bis sich her „Merrimac" in finkendem Zustande nach Norfolk zurückziehen mußte. „Der Feind suchte uns zu überrennen", so schrieb der Ehes-Ingenieur des „Monitor" an Ericsson, „und in den Grund zu bohren. Aber er selber tarn am schlimmsten dabei fort. Der Rammbug glitt über unser Deck hinweg, unö unser scharfes, nach oben spitz zulausendes Geländer durchschlug dem Gegner die nur leichte Eisenverkleidung oberhalb des Kiels und drang tief in das Innere ein." Und „Kapitän Ericsson", so fuhr er fort, „ich wünsche Ihnen ®(üif zu Ihrem großen Erfolge; Tausende segnen Sie am heutigen Tage. Ich habe gehört, wie das ganze Schiffsvolk ein Hoch auf Sie ausbrachte; jedermann fühlt, daß Sie diesen Platz der Nation gerettet haben, indem Sie uns die Mitel an die Hand gaben, eine Panzerfregatte unfchädlich zu machen, die bis zu unserer Ankunft mit unseren größten Schiffen nach ihrem Gefallen umsprang." r Die gegnerische Seite bekannte, daß der „Monitor" das surchtbarste Kriegsschiff der Welt und ihr Schiff im Vergleich dazu ein Fahrzeug aus Glas fei. . Der Sieg des Monitor brachte im Sezessionskrieg die Wendung zu Gunsten der Nordstaaten. Aus dem Narren Ericsson wurde einer der volkstümlichsten Männer Amerikas, der in überschwenglicher Begeisterung nicht nur als großer Erfinder, sondern auch als amerikanischer Nationalheld gefeiert wurde. । Die Südstaaten wurden wieder in die Union eingereiht; das Werk George Washingtons blieb erhalten, und Abraham Lincoln konnte allen Sklaven die Freiheit schenken. Verantwortlich: l)r. HansThhriok. — Druck und Verlag: Brühlsche Universitätsdruckerei R. Lange, Gietzen.