SiehenerZainilienblAter Nummer 90 in !, Mit re: „ötfcrf, das hat wieder g klungen draußen in Schönbrunn auf seinem Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang,938 Sreitoa. 6cn |8 Der Kerzelmacher von Zankt Stephan ein hellerer Llebesroman von Alfons o. Wbulka n" ,?.ertl$e Ebenholzstöckchen mit dem Elfenbemariff ueßm den Kavalier erkennen. Tänzelnd trat er dicht an das M ad eben tbr°in 1°?' hüstelnd, die Lorgnette, beugte sich vor und versucht chr m^ine Augen zu sehen. Zornig fuhr sie herum und verschwand in melodisch üas Spielwerk der Ladentüre, als schon die Worte auf fie nieberpraffelten: „Daß man die Demoiselle Brand auck, fh"*frnnrf »rn^aI genug damit, daß s’ Geigenspielen und Franzä- Parlieren muß wie die hochgeborenen Komtepeln, die wo dem Herr- gort den Tag stehlen, statt daß dem Herrn Vatter bei der Arbeit Hilst kommt sie gleich um eine Stund zu spät!--Man könnt mir klick glauben, du hast was mit dem ®immer!" $ ..Wie die Frau Tant meint!" lachte die List und warf den nassen Muff mit Schwung auf den Ladentisch. Dann streifte sie langsam bte r^0 ?01} hübschen, schlanken Fingern und schlug das m der Warme aufgetaute Paar klatschend zusammen, daß die Tropfen bis zum Str ich trumpf der Alten sprühten. m „Manieren hast!" zeterte die Vielgratterin. „Machst mir ja meine ganzen Karten naß Grad hab ich die große Patience g’legt. Schau nur her! Coeur-Bick neben der Herzdam! — Weißt, was das bedeutet»-- zog den ManlARms.^ Me 2>emoi’eUe hinzuschen und Wenn die Vielgratterin, Kartenaufschlägerin und Wahrsagerin im Nebe'rberu Patiencen legte, war sie gnädiger Laune. Sie ^a^ntworteck der allernächsten'^Zett be2>tutrt' ba& Ö!r em Kavalier in Aussicht steht, in .. "Was die Frau Tant nit alles weiß!" Elisabeth Brand lachte und hob die Pelzhaube von dem schwarzbraunen, lockigen Haar „ ging wieder das Spielwerk der Türe. Schnee stäubte herein. Eine Gestalt tänzelte langsam über die drei Stufen in den Laden herab In dem matten Schein der im Luftzug flackernden Kerzen sah man nicht ■oogcn um das mächtige Bauwerk ging, an dem vor einem Menlckon- «rUX^ ö c Kreuze und Gräber des Freithofes gestanden reichte^üie Zeit kaum zu einem Vaterunser und dem Englischen Gruß $ SÄt» Ä WfiMS ff An dieser Verzögerung war aber nicht etwa die männlicke Sckän- aar nick^^"-V^° « Matthias Wimmer war kein Apoll und schon gar nicht ein Jüngling Gut vierzig Jahre waren es schon her, daß er ys nin..- S Sreunbe, dem späteren Lebzelter und Wachszieher,nesttec Aloistus Brand, als Singerbub bei Sankt Stephan getrabt' an die b«lBig, seit sie allwöchentlich ein- ober zweimal zusammenkamen um 2 H^rCUfn0Cn 5U Musizieren mit dem Kanzleirat Hausmann der auch Der^Eellisten Himmelbauer vom Domchor Der Regenschon selbst spielte nicht nur meisterlich Orgel, sondern a mcr-veille auch Viola und Clavicembalo, und Aloistus Brand griff allen Lebenslagen, in freundlichen und schmerzlichen, zur Flöte, i der er nicht minder begabt hantierte. 4 " ' Matthias Wimmer ein fast zwergenhaft kleiner, spaßiger Herr von bald fünfundzwanzig Jahren, dessen Spitzname das „Wimmerl" nicht unverdient war. Wenn er, neben seiner Schülerin stehend, deren Fingerstellung auf der Viola korrigierte — was leider oft nötig war, denn die List Brand hatte zwar vom Vater die musikalische Begabung, aber vom Teufel den mangelnden Fleiß —, erreichte sein viel zu großer Schädel, auf dem nur noch ein rötlicher, silbrig schimmernder Haarsaum ein magerer Lorbeerkranz ruhte, kaum die Schulter der Demoiselle. Obgleich die Elisabeth Brand wohl ein schön gewachsenes, aber nicht großes Frauenzimmer war. Die breiten Lücken in den gelblichen Zahnreihen des Regenschori waren schuld daran, daß er mit der Zunge anstieß unb ein wenig zischte, wenn er mit sanftem Borwurf sagte: „Liserl, das hat wieder gelungen E wie wann der große Elefant draußen in Schönbrunn auf seinem Rüssel vor der Frau Kaiserin Generalmarsch bläst!" Daß dabei der Atem des kleinen Musikus nach Rüster Ausbruch unb Pfaffftättener Auslese roch, trug zur Betörung nicht bei. Bei diesem Mangel ' ' ....... Väter und Mütter, die nit in 3eil,U(Stimmtft^rau Xant!" Die Atte'bückte sich noch dem zerbrochenen Lebzeltenherzen. „Da schau her! Glück bringen die Scherben dir g’wih kein s — Alle Tag dank ich dem Herrgott, daß du ntt rnei Tochter bist!" Msabeth Mand öffnete die niedrige, schmale Tapetentüre, die hinüber zur Werkstatt ihres Vaters führte. ... , , . d Der Meister Aloisius Brand faß in weißer Schurze auf feinem Sessel vor dem langen Arbeitstisch. Er war allein. .. Die Gesellen und Lehrbuben hatten schon Feierabend gemacht. Nur sein Arbeitsplatz war noch von einem mächtigen fünfarmigen Leuchter erhellt. Der übrige Teil der Werkstatt lag schon iM Dunkel. Aus einem Leinenbeutel drückte der Meister, spielerische Ornamente gehend weihen Zuckerguß auf Backwerk und Lebzelten. Seit seine Frau unter der Erde lag, war Aloisius Brand von rastlosem Fleiß. Als wollte er damit das Web seines Herzens betäuben. ... , ,, .. Wie er so vom gelblichen Lichte der Kerzen überstrahlt, nut vorge- jener Gewaltmenschen der italienischen Renaissance, wie he die welschen Maler so gerne malten. Wenn auch sein sanftes Tun, fein Name und seine ücr^cnsQÜte 311 bem ^onbotticrcjc^äb^l nid)t poften. Sein'Vater, der als Lehrbub seiner Arbeit entlausen war und dann für etliche Jahre Wachsstöcke, Opferkerzen und Lebkuchen gegen einen Steuer» Da idinrift er bie Türe ins Schloß. f , Jetzt erst wandte sich die List um. Draußen hinter dem Fenster stelzten gerade flockenumweht die dünnen Beine des Grafen vorüber. ha t das jetzt nötig g'habt?" keifte die Dielgratterin. „Demen Vattern so ins Elend z'bringen. Sonst geht dein kecker Schnabel den ganzen Tag. Aber eher beißt du dir ja die Zungen ab, als daß du wen um Ver- Achselmckend betrachtete der Besucher eine Weile durch das Glas spöttisch den Rücken der Grollenden. Er kannte das. Mit solch zormgem Läuben fing es jedesmal an. Aber zu seinem Ziele war er dennochi gekommen Umständlich und behutsam legte er seinen beschneiten Dreispitz aus einen Stuhl, das Stöckchen dazu. Dann deutete er aus ein von der Decke herabhängendes Lebzeltenherz und fragte die öielgrattenn. „Hat Sie denn kein größeres und schöneres, gute, Frau «u dienen, gnädiger Herr, zu dienen! beeilte sich "le Alte zu »er sichern. Mühsam und kurzatmig beugte sie sich unter den Tisch, daß ein Weile nur ihre magere, grauverhüllte Sitzflache zu sehen war. Dann tauchte sie, mit einer Schachtel beladen, stöhnend wieder aus, hob den Deckel ab und legte ein großes scharlachrotes Herz auf die Ladenpudel. Der Kavalier griff danach und betrachtete es prüsend. Plötzlich lachte er belustigt auf, drehte sich um und las laut die Aufschrift aus weißem Zuckerguß: „Je t’aime." Dann ließ er das Herz an dem langen roten Seidenbande, an dem es hing, vor sich herbaumeln und .ging.sich leuht in den Hüften wiegend, auf das immer noch abgewandt m der Semter- nftche stehende Mädchen zu. Mit einer galanten Verbeugung wollte er ihr das Band von rückwärts über die Schulter legen. Zuckersüß flötete die Vielgrattenn: „Siegst, Lisl, was hab ich g jagti Coeur-Bub und Herzdam!--Haben schon recht gehabt die Karten. Ein “TMttuÄ 6,.u I-nir »illrt H. toö«. herum und maß den Zudringlichen vom Kopf bis zu ^n Fußen Dann riß sie ihm das Herz aus der Hand und warf es zu Boden, daß es ^°Betroften^ttat^der Kavalier einen Schritt zurück. Seine Hand nestelte nervös an der Goldkette feiner langgeftielten Lorgnette Er hob das Glas und betrachtete indigniert die Erzürnte. Dann verneigte er sich mit fpot- tischer Höflichkeit: „Die Demoifelle scheint nicht zu wissen, wer ich bin. | Wenigstens will ich das zu ihren Gunsten annehmen — Graf Colloredo ist mein Name, Kämmerer unserer aUergnaöigften KaiseriN-KonMn Elisabeth Brand biß sich auf die Lippen. Aber sie erwiderte nichts Nur die Dielgratterin zeterte erschrocken: „Morand und Joses, Lisl, was hast jetzt wieder ang'ftellt — Entschuldigens halt vielmals, Herr Graf! ’s is a Kreuz mit dem Mädel. An gar fo an frechen Schnabel hals — Meiner Seel, ich schwör, daß s' nit g’wußt hat was red t — Da gehst her, Lisl! Augenblicklich um Verzeihung bitten tust! Die Brand schwieg. Graf Colloredo schien zu warten. .. ... „ . ... Als keine Antwort erfolgte, meinte er: „Wie die Demoifelle glaubt! Ich komme nämlich im Auftrage U,rer Majestät. Die Käftern, geruhte heute nach den fünfhundert Kerzen zu fragen, die tue Hofkammer dem Brand für den großen Ball la semaine prochame ..m Auftrag gegeben Heute ist Freitag. Morgen zehn Uhr vormittags wünscht Jhro Maiestat wenigstens eine Probe davon zu sehen." Wieder hob Graf Colloceda die Lorgnette. „Ich will hoffen, daß die Kerzen nach Wunsch ausgefallen sind Wird ja ohnehin das letzte Mol gewesen Ir’m, daß der Brand von der Hofkammer einen Auftrag bekommt. Er kann sich dafür bei der 3 nf ole nee feiner Tochter bedanken!" Heilige Mutter Gottes!" kreischte die Alte. Graf Colloredo wartete. Immer noch stand tue Brand, ihm den Rücken kehrend, am Fenster. Sie sagte nichts Da warf er ein «Slberstuck für das Lebkuchenherz auf den Ladenttsch, nahm Dreispitz und Stöckchen, nickte kurz auf den devotenKnicks der Alten und ging langamW»r Ture recht, wer es war. Die Vielgratterin legte den Strickstrumpf auf die Karten, schob die Brille in die Stirn, hob einen Leuchter Erst als der Besucher beinahe schon am Ladentisch (taub, die weiß behanbidiuhte Rechte mit der Lorgnette aus dem lichtblauen Mantel nahm und sich tticht vLgend, näselte: „O lala s. belle hätteich nnr bu Demoifelle gar nicht vorgeftellt", erkannte Elisabeth Brand den Kavalier von vorhin Unwillig wandte sie sich ab und trat ans Fenster. Indes die Alle sich ächzend aus dem Lehnstuhl erhob und hinter der Pudel einen Aloisius Brand legte das Arbeitszeug aus der Hand, hob erstaunt den Kovi' Du?! — Ja, weiht denn auch, was das heißt, zu einer Kafterm in Audienz gehen? Wir find nur einfache Bürgersleut. Unsere,ns paßt mt Lft^ Brand ^antwortete fröhlich: „Die Kaiserin ^bt doch mt!" Manchmal schon", antwortete der Meister lachend, stand auf unD legte die Schürze ab, um in den ersten Stock zum Abendbrot zu gehen. „Manchmal schon. Na, wir reden noch drüber, Lisl. degen vertauscht hatte, war Wachtmeister noch unter dem Prinz Eugen gewesen Nach der großen Turmer Schlacht, die beim Sturme des Dessauers durch einen Schuß ins rechte Bein wieder zum Kerzelmacher werden ließ, hatte er eine schöne Welsche zur Frau genommen. mar öie Tochter eines verarmten Nobile gewesen. Einer von dessen Dorsal) e i hatte in den letzten Jahren des Cosimo bei Medici in Florenz eine N°An^ch/"einsttge Wildheit dieses Blutes erinnerten nur noch der Cäsarenschädel des Aloisius Brand, die dunklen, manchmal in verhaltener ©lut funkelnden Augen und sein rasch entflammter Zorn. Als der Meister die Tür gehen hörte, wandte er sich nm^n bas Sch (eines Arbeitsplatzes gewöhnt, konnte er >m Dunkel der Werkstatt nicht loaleicb erkennen wer es war. Seitlich über die Lehne seines Sessels s ch neiget, versuchte er, die unruhig zuckenden Schatten »ft. durchdringen. Er lachte erfreut, als die schlanke Gestalt feiner Tochter plötzlich 'M Licht kreis der Kerzen stand. Zärtlich strich er ihr über den Kops, der sich grüßend auf feine Hand niederbeugte. , y, . « n„t., H Guten Abend, Lisl!" Aloisius Brand griff m -men Korb voll Leb kuchen und reichte ihr einen. „Magst abbeißen? Sind gut g worden, die Frstgal?r'»)ieder aufsah, bemerkte er ihr ernstes, bekümmertes Gesicht. ^Was hast denn? Hat dich die Taut wieder g ärgert? I weiß, es ist a Kreuz mit ihr. Aber wir brauchens halt — List versuchte zu lächeln und schüttelte den Kopf. Oder i t dir sonst was über die Leber g’laufen?" fragte der Sitte, antwortete nicht gleich. Sie wollte dem Vater den Kummer er- sparen Wenn der Hof keine Aufträge mehr gab, fah es schlimm aus. Das wußte sie. Seit vor anderthalb Jahren wieder ber Krieg mü Preußen I hennnnen waren die Aufttäge ohnehin rar geworden. In den Kriegs I ,e9en schrumpften Handel und Geldbeutel. Selbst der Hof begann schon ulparm Und von den Opferkerzen, die die Soldatenfrauen kauften - das Stück zu einem Viertelkreuzer —, konnte man nicht leben. Aber sie wollte das schon wieder in Ordnung bringen. Sie lochte. Was soll mir denn über die Leber g’laufen sein, Herr Vater? Werd halt "" S&M ».-Ich.---'» brinaen " Er lächelte still und stteichelte nachdenklich ihre Hand, die aus dmi^Tifch neben dem verfchinähten Lebkuchen lag Nach einer Weile fraate er- Wer war denn vorhin da? Mir war s doch, als hatt ich bie ©locken g’hort." Er hatte sich wieder seiner Arbeit zugewandt und sah nicht die flammende Röte in dem Gesicht seiner Tochter Sie bezwang ihre Verlegenheit und antwortete gleichmütig E n Hoskovalier war’s. Er hat nach den Kerzen g fragt, für den Lall n der nächsten Woche. Die Kaiserin selber möcht morgen um Zehn «ne ^°Mrister"Brand fuhr auf seinem Stuhl herum. -^“5?!--Die Kaiserin selber?— Wo’s nur die Zeit hermmmt für solche Bagatellen? „Sind die Kerzen am End noch nicht ferttg Hen Vatter? ,ragte d I Lisi hastig. Nun bereute sie es doch, daß sie den Kavalier der Kaiserin so verächtlich behandelt. Es wäre wohl auch etwas sanfter gegangen. Als am nächsten Morgen die späte Wintersonne, aus gelbgrauem Nebel rötlich und fahl über das steile, hochverlchneite Riefendach de- bie Xauben auf dem zierlich geschwungenen mit Schnee bestaubten^ sims des Fensters flatterten nicht mehr auf. So ^rifttzunafogt) das knicksende Mädchen gewohnt. ^Fortsetzung soigi-- auf dem schon von Halbdunkel beschatteten Teil des laugest Arbeitstisches lag Vorsichtig hob er eine Handvoll Kerzen heraus und behsieuber die gespreizten Finger behutsam aus «ne kleine, dunkelrote Filzdecke gl« en. 8 Neugierig betrachtete feine Tochter die elfenbeinfarbigen seidig fchim. mernden Lichter, auf derer zarter Rundung das Goldrelies des Käfter wavvens funtelte. Sie schlug lachend in bie Hande: „Schon sind s geworden, die Kerzln!" Ihr Zorn über den Kavalier und ihre Angst "" Der^Alte^nickte befriedigt: „Freilich sind’s schöng’wordem Und, wie nickte kurz aus den devoten Kmcrs oer einen unu g»ig lungjum t j.eut hab ich’s in die Burg schicken wollen. Aber Ser Ansen, oer Aus den Stufen blieb er stehen, sah sich um. Das Madel rührte sich nicht. 9 Zeut „sjcht zur Arbeit kommen. Wird halt krank fein. Oder ” " !r — * vielleicht hat er wieder feinen Rausch. Und an andern oder gar einen Lehrbuben hab ich nit schicken wollen. Man halt doch schließlich was aus Reputation" Er kratzte sich seufzend hinterm Ohr. „Na ja, jetzt muß ich’s halt selber hinttagem die Kerzln. Freud machts mir keine. Das kannst mir olcruben. M^rs Dienern bin td) mt 9 |d)Q||CTi. _ Lassens"halt mich gehen, Herr Vater!" Sie meinte auf einmal einen Weg gefunden zu haben, wie sie das wieder gut machen konnte mit dem Modeaffen. Auch hatte ihr davor gebangt, daß die Kaiserin ihren Vater am Ende hart anlassen könnte, wegen des srechen Schnabels seiner Bei dem Grabe meines Vaters. Von Matthias Claudius. Friede sei um diesen Grabstein her! Sanfter Friede Gottes! Ach, sie haben Einen guten Mann begraben, Und mir war er mehr; Träufle mir von Segen, dieser Mann, Wie «in milder Stern aus bessern Welten! Und ich kann's ihm nicht vergelten, Was er mir getan. Er entschlief; sie gruben ihn hier ein. Leiser, süher Trost, von Gott gegeben, Und ein Ahnen von dem ewigen Leben Duft' um sein Gebein! Bis ihn Jesus Christus, ^groß und hehr! Freundlich wird erwecken — ach, sie haben Einen guten Mann begraben, Und mir war er mehr. Nebelmorgen. Von Hermann Hesse. Die Nebelmorgen haben nun wieder begonnen. In den ersten Tagen waren sie beengend, düster und traurig machend, solange man noch das leuchtende Blau und Rotbraun der Hochsommermorgen frisch im Gedächtnis hatte. Sie schienen kalt, stumpf, freudlos, vorzeitig herbstlich, und erweckten jene ersten, halb unbehaglichen, halb sehnsüchtigen Gedanken an Stubenwärme, Lampenlicht, dämmerige Ofenbank, Bratäpfel und Spinnrad, die jedes Jahr allzu früh kommen und die ersten Herbstschauer sind, ehe die fröhlichen und farbigen Wochen der Obst- und Weinlese sie wieder vertreiben und in ein nachdenkliches, erwärmendes Ernte- und Ruhegefühl verwandeln. Nun ist man schon wieder an die Scenebel gewöhnt und nimmt es für selbstverständlich hin, daß man vor Mittag die Sonne nicht zu sehen bekommt. Und wer Augen dafür hat, genießt diese grauen Vormittage dankbar und aufmerksam mit ihrem feinen, verschleierten Lichterspiel, mit ihren unberechenbaren perspektivischen Täuschungen, die oft wie Wunder und Märchen und fabelhafte Träume wirken. Der See hat kein jenseitiges Ufer mehr, er verschwimmt in meerweite, unwirkliche Silber- fernen. Und auch diesseitig sieht man Umrisse und Farben nur auf ganz kleine Entfernungen, weiter hinaus ist alles in Wolke, Schleier, Duft und feuchtes Licht grau aufgelöst. Die ernsten, einzelstehendcn, überaus charaktervollen Pappelwipfel schwimmen matt als fahle Schatteninseln in der nebeligen Luft, Boote gleiten in unwahrscheinlichen Höhen geisterhaft über den dampfenden Wassern hin, und aus unsichtbaren Dörfern und Gehöften dringen gedämpfte Laute — Glockengeläute, Hahnenruse, Hundegebell — durch die feuchte Kühle, wie aus unerreichbar fernen Gegenden Heute früh, da ein leichter Nordostwind ging, steckte ich das hohe, schmale Dreiecksegel auf meinen kleinen Nachen, stopfte mir eine Pfeife und trieb langsam seeabwärts durch den Nebel. Die Sonne mußte schon überm Berg fein, denn das frühmorgendliche Bleigrau des Wasserspiegels verwandelte sich langsam in klares Silber, beinahe so wie bei schwachem Mondlicht. Von den sonst so freundlich nahen, laubigen und schilsbestan- denen Ufern war nichts zu sehen, und da ich keinen Kompaß besitze, segelte ich wie durch völlig fremde, uferlose Gewässer und Wolkenmeere dahin und konnte nicht einmal über die Geschwindigkeit meiner Fahrt irgendwelche Schätzung aufstellen. Doch untersuchte ich nach einer Weile die Tiefe und da ich keinen Boden sand, warf ich eine Schwemmschnur mit Hechtlöffel auf 20 Meter Tiefe aus und zog sie gemächlich hinter So trieb ich vielleicht eine Stunde lang weiter, im Steuersitz zusammengekauert, immer im weißen Nebel. Es war kühl. Die linke Hand, in der ich die Segelleine führte, war mir steif und gefühllos geworden, und ich ärgerte mich, daß ich keine Handschuhe mitgenommen hatte. Dann begann ich träumerische Halbgedanken zu spinnen. Ich dachte an einen merkwürdigen Verwandtenmord, der zur Zeit des Konstanzer Konzils im Schlosse meines Dörfchens Gaienhofen geschehen war und mich durch manche Umstände interessierte, und dachte an jene ganze seltsame erregte Zeit, in der unser stilles Seeuser ein Mittelpunkt der Well und Kultur und die Bühne für große geschichtliche Emzelschicksale gewesen ist. Es unterhielt und befriedigte mich, die hinter Nebeln verborgenen, nwhl- bekannten Ufer mit den Bildern jener lang verschwundenen Menschen, ihrer Geschicke und Leidenschaften zu bevölkern. Einer Erbschaft wegen bringt ein Baron seinen Bruder um, Beziehungen zu fernen Landern spielen ahnungsvoll herein, und von dem mit vornehmen Konzilgasten, Pomp und Luxus überfüllten Konstanz her glänzt verlockend der Reiz einer üppig reichen Kultur... Ein sich überstürzender, schrill schnurrender Laut schreckte mich auf. während noch meine Phantasie bemüht war, sich die Kostüme und Waffen jener süddeutschen Barone und welschen Gaste zu Beginn des 15. Jahrhunderts vorzustellen. Hastig kehrten meine Sinne zum gegenwärtigen Augenblick zurück. In der Erregung des Jagdglücks faßte uh nach dem Haspel, zog vorsichtig an und fühlte einen kräftigen Fisch am Haken, der sich mit verzweifelter Leidenschaft zur Wehr setzte, ^nnglam ziehen , f - derte ich einen schönen Hecht an die Oberfläche und brach e'hn 'm Amen ein. Darauf setzte ich die Schnur mit Eifer von neuem aus, wählend der gefangene Fisch im Kasten wütend schlug und plätscherte. Dobel mußtt ich das Steuer loslassen und ein plötzlicher Windstoß schlug mir, da das Boot sich gedreht hatte, die Segelstange und das flatternde Segel kräftig um die Ohren. Der Richtung ungewiß, ließ Ich dem Wind das volle Segel und trieb mit zunehmender Schnelligkeit geradeaus, bi» der schattenhafte Umriß einer mit alten Nußbäumen bestandenen Landzunge sichtbar wurde. Von den undeutlich austauchenden, grau verschleierten Rebhugeln krachten da und dort die Flintenschüsse der Weinbergwächter. Ich zog mein Segel ein und ruderte langsam userwärts, denn die allmählich wärmer werdende Lust roch stark noch nahem Regen. So suchte ich denn die nächste Schisslände, sand sie auch nach kurzer Fahrt, und während ich mein Boot ans Land zog und mich nach dem Namen des kleinen thurgauischen Dorfes erkundigte, begann es erst dünn und gleichsam widerwillig, dann immer kräftiger und ausgiebiger zu regnen. Auch wenn nicht allen Anzeichen nach zum Nachmittag Helles Wetter zu erwarten gewesen wäre, hätten mich der Regenguß' und die kurze Verbannung in ein unbekanntes Dorswirtshaus, durchaus nicht betrübt. Ohnehin gebe ich auf sogenanntes „schönes Wetter" gar nichts, denn jedes Wetter ist schön, wenn man Augen und Seele ausmacht; und dann gehört es für mich zu den bevorzugten kleinen Wanderfreuden, unerwartet vom Wetter in Winkel und zu Menschen getrieben zu werden, die ich sonst wohl nie ausgesucht und gesehen hätte. Es ist immer eigen und sehr oft köstlich, für Augenblicke oder Stunden als ungemeldeter Gast in fremder Stube bei Unbekannten zu sitzen, ein Stück kleines Leben zu sehen und eine Weile in Gesichter zu blicken, die man nie zuvor sah, die einem oft in wenigen Augenblicken vertraut und unvergeßlich werden und die man vielleicht nie wieder sieht. Es war kühl in der halbdunklen Schankstube, draußen stürzte der Regen immer heftiger herab und troff in Bächen an den Fensterscheiben nieder. Der Wein, natürlich der unvermeidliche sogenannte Tiroler, war verzweifelt herb und machte mich frösteln. Am großen tannenen Tisch saß ein einziger Gast, ein struppiger alter Fischer mit verdrießlichem Trinkergesicht, und hatte eine Quinte Schnaps vor sich stehen. Das alles war nicht sehr beglückend. Ich fing schließlich an, die gestrige Sftckborner Zeitung zu lesen — Beratungen des Ausschusses über Vergrößerung der Badeanstalt, Fischmarktbericht, ein Scheunenbrand, Stand der Reben, bevorstehende Erhöhung der Zuckerpreise usw. Und es regnete immer lauter mit einer zähen und erbitterten Leidenschaftlichkeit, in oft wechselndem Takte, der etwas ebenso Aufregendes und Trostloses hatte. Ich war nahe daran, meine von zu Hause mitgebrachte und durch den Hechtfang noch erhöhte schöne Morgenfreudigkeit zu verlieren. Da hörte ich, während ich mir die Pfeise frisch stopfte, daß der Wirt den verdrießlichen Alten als Jaköbeli anredete, und beim Klang des Namens fielen mir allerlei Geschichten ein. Vom Jaköbeli hatte ich viel reden hören. Er war ein thurgauischer Fischer, den man weit herum im Volke kannte, ein Sonderling und Trinker, mit einem Stich ins Verrückte und einer merkwürdig glücklichen Hand beim Fischen.-Er wisse alle Wetterregeln und Kalendersachen unfehlbar auswendig, hatte ich sagen hören, und vielleicht auch noch manche Künste, die nicht jeder verstehe. Je länger ich nun den Alten betrachtete, desto fester war ich überzeugt, er müsse der Jaköbeli fein. Also warf ich ihm ein paar Bemerkungen übers Wetter hin, über diesen ungewöhnlich heißen Sommer, die frühen Nebel und die Aussichten für den heurigen Wein. Jaköbeli ließ mich eine Weile reden, äugte ernsthaft zu mir herüber und räusperte sich ein paarmal. Dann machte er plötzlich, indem er fein Gläschen beiseite schob, eine großmütige, abwinkende und Gehör erbittende Gebärde wie ein alter Prophet und begann zu reden. Dieser Sommer, sagte er, jawohl, mein Herr, ist ein besonderer Sommer gewesen, und ich sage gar nichts, aber man wird schon sehen, was alsdann kommen wird, mein Herr. Viel Nuß und Haselnuß, das gibt einen strengen Winter, und viel Bucheln und Eicheln, das gibt große Kälte. Es heißt auch: Ist St. Dominik trocken und heiß, So wird der Winter lange weiß. So ist's wirklich und wahrhaftig. Aber das will ja noch wenig sagen. Das nächste Jahr dagegen, wenn man daran denkt, was ich sage, das wird ein Hungerjahr, ein heißes Jahr. Frucht und Obst wird verbrennen und dörren, desgleichen Gras und Kartoffeln, aber viel Kirschen. Warum denn? fragte ich. Er winkte verächtlich ab. Was ich sage, mein geehrter Herr. Das nächste Jahr wird ein Sonnenjahr heißen, und die Sonne führt ein gutes Regiment, aber zu trocken und heiß. Auch der Winter wird alsdann noch strenger werden. Wie es vor dreihundert Jahren geschehen ist, daß der Rhein Grundeis gehabt hat und Kinder erfroren in der Wiege. Es folgten noch mehrere Wetterreime, die ich leider vergeffen habe. Darauf ein zarter Versuch, mich zum Zahlen eines weiteren Schnapses zu veranlassen; ich überhörte ihn freundlich. Nun klagte er über Nebel und Kühle, schlechten Fischfang und Gliederreihen, nochmals auf die Zuträglichkeit eines wärmenden Schnapses hinweisend, den er sich auch bestellte und den ich schließlich, seinem stehenden Blick gehorchend, zu bezahlen versprach. Auf das hin wurde er fröhlich, rückte mitteilsam nahe zu mir her und begann fidele Geschichten zu erzählen, meistens von ungeheuerlichen Trinkereien oder fabelhaften Fischzügen. Die beste war folgende: Einmal hatte er in Horn am Zeller-See Fische verkauft und das Geld dafür fofort vertrunken. Als er wieder abfahren wollte, war er so bezecht, daß ihn die Strandzöllner nicht ins Boot steigen lassen wollten, denn er war der Ruder nimmer mächtig und der See war unruhig und hatte Schaum. Er fuhr aber trotzdem ab, versuchte eine Strecke zu rudern, sank dann aber ermüdet ins Boot und schlief ein. Und als er wieder erwachte, trieb fein Nachen gerade an die Schifflände von Steckborn, die er hatte erreichen wollen. Aber noch besser! Zufällig war, was er im Rausche nicht beachtet hatte, seine Schwemmschnur noch ins Wasser gehängt, und wie er sie nun einholen will, muß er aus Leibeskräften ziehen, denn es hängt ein vierzehnpsündiger Hecht daran. Natürlich verkaufte er den Fisch sogleich und konnte sich noch zu Nacht einen zweiten Rausch leisten. W Verintwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Vrühlfche Unlversitätsdruckerei R. Lange, Dieben. Aur Mfrod । Ntchei I hmbe dem 8( the ®er Als Spiegel die |d)n Sie bereits Witte i Sopf n< La Die »'Jein, 1 Da l | der M< Sajejtä „Mi Al»i latent, dem ein Ml g, norbdje ■ f« auf | „So I -»®er ätzende 2anc achter c iie Piß A Sie l|(t) für , Ane •? 901 otnj ni o ®in« Laiben "*i h Die: »Unb L Das 5s? |!*at rS L, >Sn> l£”>i h Ki R! wft !«L ks i*6 *r Ich gab dem Jaköbeli zu verstehen, diese Sorte von Geschichten sei nicht die schönste, und er sei doch eigentlich zu alt für solche Streiche. Da streckt er wieder mit großartiger Seroegung die Hand gegen mich aus, streicht sich den Bart und beginnt wieder Hochdeutsch zu reden. (Die Geschichten hatte er im Dialekt erzählt.) Zum Fischen, mein guter Herr, gehört einfach Gluck, nichts als Gluck. Da kann einer dreimal mit Segeln fahren, silberne Hechllösfel kaufen und solches Zeug, das hilft alles nichts. Es kann einer den größten Heidenrausch haben und fangt doch mehr. Nämlich, der eine hat Glück und der andere hat keins. Es ist nur, daß man in einem guten Stern- und Himmelszeichen geboren ist, verstehen Sie? Ich verstand. Aber als er mich nun herausfordernd überlegen anblickte und nochmals einen Schnaps bezahlt haben wollte, fand er mich unerbittlich. Eine gute Weile schwieg er feindselig und spuckte häufig auf den Boden, dann aber begann er, zum Wirt gewendet, anzügliche Reden zu führen. Du hast ja neuerdings fd^elnfs großen Fremdenverkehr — hm — fremde Herrschaften, ja — hm. Früher ist man da drinnen noch unter sich gewesen — jawohl, sag ich, unter sich gewesen. Könntest ja auch noch Hotelier werden, du, roenn’s jo weiter geht. Weißt, für so fremd« Herren, so feine. Jawohl, Hotelier, da wird noch Geld verdient. — Und so weiter. Dieser Ton war mir aus andern Fifcherkneipen unheimlich bekannt und es gefiel mir gar nicht, daß der Wirt und noch viel mehr der Sohn so viel husteten und das Lachen verbissen, und mich anfahen wie die Aasgeier. Es schien mir plötzlich, als wollte der Regen anfangen nachzulassen. So fragte ich denn, was ich schuldig sei, zahlte schnell, aber ohne ein Trinkgeld zu geben, und verließ die ungastliche Bude mit einem höflichen Gruß, der mit keiner Silbe beantwortet wurde. Statt dessen brach hinter mir, noch ehe die Türe zu war, ein boshaftes Gelächter aus. Am liebsten wäre ich umgekehrt und hätte den Grobianen meine Meinung gesagt oder mich zum Trotz erst recht hinter den Tisch gesetzt. Aber da fiel mir ein Abend in Basel ein, wo ich einst mit zwei Freunden zusammen einen losen Berliner Gast mit allen Schikanen aus unserer Stammkneipe weggeekelt hatte, und ich gab beschämt den Fischern recht. Zugleich fiel mir auch ein, daß ich allein und die drinnen zu dreien waren. Und so segelte ich langsam nach Hause zurück, wo ich bald nach Mittag durchnäßt ankam und meiner schon ängstlich gewordenen Frau den gefangenen Hecht, die Erlebnisse des Morgens und die Wetterprophe- zerungen des alten Iaköbeli auspackte. Augsburg, die Stadt des Elias Holl. Von Hans Franck. Es ist während der letzten Jahre immer mehr Sitte geworden, die deutschen Städte durch ein stehendes Beiwort der Oesfentlichkeit vorzu- stellen. Dabei Ist manches Gute unb Eindringliche zutage gekommen. Aber auch viel Fragwürdiges und Unsinniges machte sich breit. Es hat eben nicht jede Stadt, die von den Wellen des allgemeinen Verkehrs- ftromes befruchtet fein mochte, eine so hervorstechende Eigenart, daß man diese In ein einziges Wort fassen könnte. Das Gegenteil ist gleichfalls zu bedenken: Städte, die etwas Besonderes, einmaliges darstellen, find so reich, daß es fchwerfällt, diesem Reichtum durch ein Schlagwort- licht gerecht zu werden. Augsburg ist in doppeltem Sinn eine Ausnahme. Hier gehen das Besondere und das Vielfältige, das Einmalige und das Allgemeine so zusammen, sind durch- und füreinander, daß es sehr wohl möglich ist, das Wesen dieser Stadt mit einer deutenden Bezeichnung zu erfassen. Wer Augsburg kennen und lieben gelernt hat und aus der Ferne, wenn die verwirrenden Einzeleindrücke geschwunden sind, daran zurückdenkt, dem bleibt zur Kenntlichmachung feines wesent- , lichen Erlebnisses nur der Nachname: die Stadl des Elias Holl. Augsburg, die Stadt des Elias Holl — selbstverständlich muß auch dieses Beiwort mit dem bekannten Korne Salz verstanden werden. Denn Las große Gemeinwesen greift, wie könnte es anders fein, je länger desto mehr über eine einmalige Person hinaus. Man braucht nur einige Minuten vor der urdeutschen erzenen Tür des Domes zu stehen, um zu erkennen, wie stark gerade in Augsburg auf Schritt und Tritt Vergangenheit lebendig geblieben ist. Man hat nur nötig, mit offenen Augen durch die Fuggerei zu gehen, diese weit über die eigene Zeit hinausreichende Stadtrandsiedlung, um zu erleben, wie sehr Augsburg durch vorgreifende Leistungen Künftiges mustergültig gestaltete. Man ist nur gehalten, die Namen Diesel und Parfeval, Rumpler unb Messerschmidt vor sich hinzusagen, um inne zu werden, wie überaus stark Augsburg an der Gestalt des gegenwärtigen deutschen Lebens beteiligt ist. Unb dennoch stimmt es: Die Stadt des Elias Holl. Denn hier wurde west zum einzigen Male in der deutschen Entwicklung vor Hunderten vor. Jahren einem vaterländischen Gemeinwesen von einem Künstler, dem sein Geburtsort die nötigen Mittel sowie das unentbehrliche Ver- trauen schenkte, ein so eindrucksvolles, die Zeiten überdauerndes Gesicht gegeben, daß man noch heule mit innerem Recht unb geziemender Ehrfurcht seinen Namen zu ihrer Wesensbezeichnung wählen muß. Es gii! keine zweite Stadt, deren wesenhastes Aussehen so nachdrücklich und üj.,legen, so einprägsam und unvergänglich von einem deutschen Baurn ü er geformt worden ist, wie bas der Stadt Augsburg durch Elias Holl. D iroße Aufgabe der Umformung unb Neuformung ber öffentlichen Gebt i kam an den rechten Mann, wie auf der andern Seite dieser Mann mi, der Große und Vielfalt seiner Aufgabe wuchs, alle Abhängigkeiten, alle Bo über hinter sich ließ unb zu einem der deutschesten Baumeister wurde, die wir jemals besaßen. Diese einmalige Leistung ist keineswegs ohne Kampf und Krampf zustande gekommen. Elias Holl mußte eine besondere, eine ungewöhnliche Bautat vollbringen, ehe die Stadt- Und wie hat Elias Holl dieses Werk, dessen Bedeutung von Jahr zu Jahr mehr erkannt wird, zuwege gebracht? Er hat gebaut. So viele Risse unb Mobelle er auch machte — allein die von dem Neuen Rathaus sind kaum zu zählen — sie bebeuten keine theoretischen Versuche, keine formalen Spintifiercreien, sondern Werkzeichnungen, in bas Leben unmittelbar Übergehende Arbeiten. Gebaut hat Elias Holl und noch einmal gebaut unb immer roieber gebaut, sein ganzes Leben lang gebaut. Wenn man fein Tagebuch lieft, die Ehronik der Familie Holl, so wird man fein wesentliches Wort fo häufig antreffen wie dieses: gebaut. Davon berichtet Elias Holl in seinen Aufzeichnungen: was er gebaut hat, wie er gebaut hat, welche Schwierigkeiten sich feinen Bauten entgegenstellten, wie er diese Schwierigkeiten durch Bauen überwand. Cs gibt für die Werkbesessenheit, für die Bauleidenschaft des Elias Holl eine überaus bezeichnende Geschichte. Als er zum zweiten Male aus den Diensten der Stadt entlassen war, well er an seinem protestantischen Glauben festhielt, und es keine Möglichkeit mehr zu geben schien, für Augsburg tätig zu fein, fand er sich in der Kleidung eines Maurergesellen auf dem Bau ein. Wie wenn es nie anders gewesen wäre und auch nicht anders fein könne, schritt er auf bas Gerüst zu. „Was wollt Ihr dort oben?", fragte der neue Meister. „Mauern", gab Elias Holl zur Antwort, ging an dem Verwirrten vorüber, stieg zu dem Gerüst empor und tat dort oben fein Werk gleich den anderen. Nach Stunden erst wagte ein Geselle zu fragen: „Wie bringt Ihr es nur fertig gleich uns, denen Ihr bisher befohlen habt?" „Wenn ich die Wahl habe", schnitt Elias Holl dem Fragenden die Rede ab, „als Meister ober Geselle bei einem Bau zu arbeiten, bann sage ich — wie könnt' es anders sein: .Meister'! Wenn aber die Frage so vor mir steht: Mauern ober Nicht-Mauern?, bann aut-' warte ich: .Mauern'. Auch bas ist selbstverstänblich. Gemauert muß werben. In Jahren ber Not noch mehr unb, sofern es möglich ist, noch besser als in Zeiten des Glückes. Gemauert muß werden." In einer Zeit, da Deutschland feinen Städten unb feinen Dörfern roie» herum ein neues Gesicht gibt, bas noch nach Jahrtausenden für bas heutige Geschlecht zeugen wirb, kann man gar nicht einbringlich genug an Augsburg und seinen Stadtwerkmeister erinnern. Er war ein Handwerker, der schlicht feine Sache tat, obwohl er die Mitglieder feiner Zunft als Künstler unendlich überragte. Mancher mag es auf den ersten Bück ein wenig langweilig finden, wenn er in ber Chronik lieft: gebaut und roieber: gebaut unb immerfort nichts anberes als: gebaut. Ader im Rückblick steht man plötzlich überwältigt. Denn man sieht, wie biefer große Künstler, ber nichts fein wollte als ein schlichter Hanbwerker, durch Fleiß unb Treue unb unablässigen Einsatz feines großen Könnens bas Wunberwerk vollbrachte, aus ber Zeit heraus Ueberzeitliches zu gestalten, durch Achtung ber Gesetze seiner Kunst persönliche Freiheit zu gewinnen für ein ureigenes Werk und durch Hingabe dieses Eigenen bas Höchste zu erreichen, was einem Künstler überhaupt beschieben ist: ber Gemeinschaft, die ihn bilbete, ein unvergängliches Monument zu errichten. Augsburg, bie Stabt bes Elias Holl — in dieser Bezeichnung liegt eine Ehrung für die Gemeinschaft, die einem großen Schaffenden ffin Werk ermöglichte, unb für ben Menschen, der all sein Tun und Trachten selbstlos in den Dienst dieser Gemeinschaft stellte. väter sich dazu verstanden, ihm soweit freie Hand zu geben und für lange jenes beständige Vertrauen entgegenjubringen, wie es ber schöpferische Künstler nun einmal braucht. Innerhalb ber Gesetz natürlich, die ihm der Wille der Gemeinschaft und seine eigene Kunst auferlegen! Erst als ber angehende Stadtbaumeister die Glocke von dem Alten Rathaus In unfaßbar kurzer Zeil auf ben Perlachturrn beförderte, diesem ein beträchtliches Maß an Hohe zugeletzt hatte unb beides auftragsgemäß vollbrachte, ohne aus dem Perlach einen einzigen Stein herauszunehmen, erst nach dieser baulichen Wundertat durfte Elias Holl in Augsburg bauen, wie er wollte, was er für gut hielt und als Erstes mit dem Bau des Rathauses beginnen, dessen Rückseite zu den schönsten und großartigsten Bauleistungen gehört, die es innerhalb unseres Vaterlandes überhaupt gibt. Dadurch daß hier ein Mann säst sein ganzes Leben lang nach eigener unbehinderter Einsicht auf Grund feiner reichen Erfahrungen und feines ungewöhnlichen Könnens bauen durste, hat Augsburg jenes einheitlich, in bemerkenswertem Maße jahrhundertelang fleckenlos erhaltene Gesicht als Gesamtbauwerk erhalten, das auch jene immer wieder entzückt, die um die Voraussetzungen dazu nicht wissen, ja denen nicht einmal die Besonderheit des Stadtbaues Augsburg bewußt wird. Worin liegt nun das Einzigartige, die unvergängliche Leistung des • Elias Holl, durch die noch heute Augsburg im wesentlichen als Stadt geprägt wird? Der junge Sohn Hans Holls, des Baumeisters der Fugger, war in dem Lande, in welchem damals die Baukunst überragend blühte: in Italien. Aber er hat sich weder wie manche anderen deutschen Künstler an bie fremdländische Kunst der Renaissance verloren und seine Eigenart aufgegeben, noch hat er sich dem, was dort an Großem vorhanden war, verschlosfen, um Kleines feiner besonderen Art krampfhaft festzulzalten und durch Ueberbetonung zu gefährden. Elias Holl hat vielmehr das Schwerste, was es für einen werdenden Künstler gibt, vollbracht: dem Werthaften, das im Fremden ist, sich unbedenklich und unvoreingenommen aufzutun, das Eigene dadurch befruchten zu lassen und in noch höherem Maße als bisher zu einer bewußten, gereiften Leistung zu machen. Das an sich unmöglich Erscheinende, fremdes und eigenes völkisches Wesen zu verschmelzen, aus Antikischem unb Nordischem eine Einheit ohne inneren Bruch zu gewinnen — Elias Holl hat es mit feinen reifsten Bauwerken in Augsburg geleistet. Augsburg, auf der Grenzscheibe des Südens und Nordens liegend, erfüllt zu einem guten Teil den ewigen Traum bes Deutschen, das Nordhafte unb bas Südhafte zu vereinen, erfüllt ihn vor allem durch bie Bauten feines großen Stabt« Werkmeisters, fo baß man immer roieber mit Staunen unb Berounberung, mit Ehrfurcht unb Befeiigung stehen bleibt, wenn man burch feine Straßen unb Gasten roanbelt, feine Kirchen unb Öffentlichen Bauten betrachtet.