SietzenerZamilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1938 Montag, den 18. Juli Nummer 55 Lady Hefter Stanhope EINE FRAU OHNE FURCHT Von Marla Josepha Krück von poturzyn Copyright by Deutsche DerlagS-Anstalt Stuttgart 14. Fortsetzung. ,,Sie sagen das in einem Ton, als ob Sie meinten: laß sie reden! Nun meinetwegen, Sie werden es nie verstehen." Wozu ist er eigentlich zu ihr gekommen, er fühlt sich überflüssig: obwohl er in die Nächte hinein bei Mylady sitzt, kennt er doch kaum die Halste ihres Tagewerks, ihrer Gedanken und Pläne. Einen Dummkopf nennt sie ihn, wenn er auf ihre Verrücktheiten nicht eingehen will, einen Kaltwassermenschen, an den sie umsonst ihre Lehren verschwendet! Ah, niemand noch hat ihm soviel zu sagen gewagt, wie diese Frau. Das Leben neben ihr ist eine Hölle, alles dirigert sie, alles weiß sie besser, niemand hält stand vor ihrem Blick. Kein Wunder, daß sein erster und letzter Nachfolger davonlief, bei Nacht und Nebel — allerdings wurde er hernach schluchzend in einem Dorfe gefunden, als hätte er das Glück seines Lebens verscherzt. Ja, das ist es eben. Auch er, Meryon, ist fünfzig Jahre alt, und immer wieder muß er zu ihr zurückkehren, trotzdem er feine Familie opfert, seine Zeit, seine Gesundheit, und nichts gewinnt dabei. Es ist ein Zauber, der von dieser Frau ausgeht: keiner entgeht ihm. Und wenn sie verrückt ist, dann gleicht sie einer alten kostbaren Vase, die auch in Trümmern noch herrlicher ist als ihre heilen Schwestern aus der Fabrik. ,Pitt pflegte zu sagen, ich habe immer Sklaven um mich", lächelt sie, :unb Meryon nickt lief überzeugt. Bis in den Morgen sitzt er vor seinen Tagebüchern, um die losen Gespräche wortgetreu, bis ins Räuspern exakt, zu Papier zu bringen. Zu welchem Ende? Er weiß es nicht. Manchmal — nur vor sich selbst! — wagt er nun doch zu zweifeln an Myladys Mission — die im Grunde niemand kennt. Wenn sie sagt: „Es sind noch lange nicht alle zu mir gekommen, denen ich helfen soll — Europa wird untergehen und Dar Dschun muß auch für die europäischen Flüchtlinge Asyl sein", so kostet es ihn — natürlich — ein Lächeln. Auch das sie, wie der französische Narr es aufgebracht hat, eines Tages mit dem wiedererschienenen Messias reiten wird — weshalb zwei Pferde in ihren Ställen abgöttisch gepflegt werden —, hat er selbstverständlich nie geglaubt. Hieß es nicht auch in der gleichen Prophetie, ein mutterloser Knabe würde bei ihr Zuflucht nehmen? Erst hielt sie den Herzog von Reichstadt dasllr, dann den deutschen Findling Kaspar Hauser, den ihr Bruder Philipp adoptiert hatte. Aber beide sind gestorben, ehe sie daran dachten, itod) Dar Dschun zu kommen. „Und wenn nun die irische Erbschaft doch ausbleibt, England die Schulden nicht bezahlt und die Gläubiger nicht mehr warten ...? fragt Meryon kopfschüttelnd mit schweren Falten über den bebrillten Augen. „Sie Eisberg, Sie Ungläubiger!" ruft Mylady. „Wenn der Himmel nnstürzt und die Sterne einzeln herunterfallen — was dann? „Es könnte das andere immerhin wahrscheinlicher sein „Dann mauere ich Dar Dschun zu und weiß, daß meine Pflicht ge- lon ist und meine Stunde gekommen." — Mehemet Ali drängt. Lady Stanhope muß ihre Schulden bezahlenI Er kann nicht verzeihen, daß Dar Dschun der einzige Fleck Erde über kanz Syrien ist, für den Mehemet Alis Wille nicht Gesetz ist. Mylady joll nicht vergessen: sie sitzt nur zu Gast auf seiner Erde! Im Januar 1838 kommt ein Brief aus England, durch den Konsul ton Saida selbst überbracht. Ah! Er wird die Bereinigung der Schulden innigen. Was onst! Es ist nicht mehr als ihr Recht, das sie verlangen lann. Denn — hat sie nicht mehr für das Ansehen Englands getan, Us jemals ein Konsul in diesem Land? , ,,__ Der Bries ist von dem englischen Außenminister Lord Palmerston. Gr schreibt, er bedauere unendlich ... aber er sei genötigt, die Pension ihrer Ladyichast einzustellen, um ihre Schulden damit zu bezahlen. Ihre Majestät, die Königin Viktoria, habe angeordnet — — Meryon ist zugegen als Hefter lieft. Sie verfärbt sich, ringt nach Atem. Die Hande, die Fuße werden hlt, sie liegt, kann sich kaum mehr aufrichten, die Knochen zeichnen stch f(ün Weinei/kommt aus ihrer Brust, wild und schrecklich, wie Meryon (5 nie gehört, naturgewaltig ... ,, . „Ah, Mr. Pitt und mein Großvater haben wohl nichts genug getan, i'-e Familie Braunschweig auf dem Thron zu erhalten, stöhnt sie. „König Georg III. sagte nach dem Tode Pitts: Man gebe ihr die höchste Pension, die eine Frau haben kann! Und nun nimmt man mir mein Geld, läßt mich ohne Einnahmen in fremdem Land .. " Meryon ringt die Hände. Er ist nicht überrascht, er hat es kommen sehen. Aber was tun? Er fühlt ihren Puls, sie ist so schwach, daß sie nicht wehre» kann. Er verordnet Kafsee. Gegen Abend diktiert Mylady. An Lord Palmerston, den Herzog von Wellington, an alle die Lords und Politiker aus einstiger Zeit, zum Schluß an die Königin Viktoria: „Da keinerlei Nachforschungen angestellt wurden über die Umstünde, die mich gezwungen haben, Schulden zu machen, halte ich es für unnütz, auf Erklärungen einzugehen. Aber ich werde nicht erlauben, daß die Pension, die ich Ihrem Königlichen Großvater verdanke, mit Gewalt eingezogen wird. Ich werde sie aufgeben für die Zahlung meiner Schulden und zugleich mit ihr den Titel als englischer Untertan und Sklave, welches heute dasselbe bedeutet. Hefter Lucy Stanhope." Mit zwei Kopien werden die Briefe geschrieben, bis elf Uhr nachts diktierte sie Meryon, atemlos, zwischen Erstickungsanfällen. Alles lieft Mylady durch, gibt die Adressen an. „Dieser hier — .Königin Viktoria" — ganz einfach. Das wild genügen. Und jener an den Herzog von Wellington — guter Gott, Doktor, wissen Sie nicht, daß man solche Briefe von oben nach unten faltet —?" Meryon stehen die Haare zu Berg. Um drei morgens wird er entlassen. Der Bote bekommt Beseht von Mylady selbst. „Du wirst bei Tagesanbruch ausbrechen, nicht vorher und vor allem nicht später. Du wirst die Briefe nach Sonnenuntergang dem französischen Konsul übergeben. Denn es ist Freitag, und Freitag ist ein günstiger Tag ... Hier sind zehn Piaster für deine Reise, und niemand darf wissen, wohin zu gehst und weshalb!" — Meryon hat als Arzt prophezeien müssen, daß Mylady infolge aller Aufregungen das Bett nicht mehr werde verlassen können. Aber in den ersten Frühlingstagen findet er sie aufrecht fitzend und stolpert über einen Faden, der, an der Decke befestigt, zu ihr hinüberreicht. „Nehmen Sie einen Stock, Doktor, und hauen Sie mit ganzer Kraft auf den Faden!" Er sieht nicht recht, seine Brille ist angelaufen, das Zimmer dunkel..« „Wie meinen Mylady?" „Schnell, der Zahn muß herausspringen." Jetzt erst sieht er, daß das andere Ende des Fadens um einen ihrer Zähne gewickelt ist. „Mylady, soll ich nicht eine Zange holen, drüben aus dem Medizinkasten?" „Doktor, Sie wissen doch, daß ich nichts Unnatürliches leiden kann, beeilen Sie sich." Er schlägt, der Faden rutscht aus, es mißlingt. „Darf ich nicht doch die Zange ...?" Ja, ausnahmsweise darf er. Das Werk gelingt auf Anhieb. „Gut, Doktor", sagt sie, „diese Einrichtung ist klug: Sie können gleich noch den zweiten hier ziehen!" Die Tage werden warm, von den Bergen kommt gute Nachricht. Die rebellischen Drusen haben sich im Lejda mit Frauen und Herden installiert, haben fünf Regimenter der Aegypter dezimiert, die Festung jhrer Berge ist uneinnehmbar — nur das Wasser fehlt. Aber sie trinken Ziegenmilch. Die ägyptischen Truppen sind im Rückzug, Ibrahim, der Feldherr, erkrankt. Hefter gesundet über der Freude. Täglich geht, sie durch den Garten, schon blühen die ersten Rosen, und der Jasmin duftet schwer; sie empfängt stundenlang ihre Agenten — lebt und schenkt vom allerletzten Kredit und schweigt über die Geschichte der Schulden. Nur Meryon sitzt fassungslos vor ihr wie ein Prophet des Unglücks. Soll er doch heim- fahren! Sie hat es gleich gewußt: verheiratete Männer mitsamt ihren Frauen taugen nicht in Kriegszeiten! Meryon hosft zwar, daß sie bald wieder ganz hergestellt sein werde — nie hat er solche Lebenskraft in einer Frau gesehen; aber sie allein zu lassen, jetzt, wo sie morgen nicht mehr wissen wird, woher das Geld für ihr eigenes Leben zu nehmen, wo immer noch Krieg im Lande tobt, der Herr des Landes und alle Konsuln ihre Feinde sind — das bringt er nicht übers Herz. Dennach sehnt er sich heimwärts, und das ewige Weinen seiner Frau wird unerträglich. „Um mich brmicfjen Sie dach keine Angst zu haben", lacht Mylady; „ich sagte Ihnen doch, daß ich mich einmauere, wenn kein Geld kommt. Vielleicht ist-ks besser, daß ich verhungere; vielleicht aber wird es mir wie jenem alten blinden Adler im Libanon gehen, den kürzlich einer meiner Diener gefunden hat: er wurde von zwei Raben gefüttert! Glauben Sie, daß Gott keine Möglichkeit hat, für mich zu sorgen? Uebrigens werde ich nicht im Bett sterben, sondern mit der Waffe in der Hand! D e r Deutsche. Lady Stanhope war Prinzen zu Dutzenden begegnet in ihrem Leben. Als daher tm Frühling 1838 ein sonderbarer, halb leidenschaftlicher und halb unterwürfiger Bries in Dar Dschrin anlangte, von einem deutschen Fürsten Hermann Pückler-Muskau unterzeichnet, musterte Lady Hefter ihn zwar genau — seiner eigenartigen Stilistik wegen —, aber sie zögerte keinen Augenblick mit der Absage. „Gehen Sie, Doktor, reiten Sie nach Saida und sagen Sie dem Prinzen, daß ich ihn nicht empfangen kann. Meine Gesundheit ist zu schlecht — und was da kürzlich Lamartine über seinen Besuch bei mir veröffentlicht hat, macht mich auch nicht geneigter für Besuche ... Außerdem habe ich kein Geld." Meryon verneigte sich: „Ich werd« alles bestellen. Es freut mich, den Fürsten Pückler kennenzulernen. Er ist der Verfasser interessanter Schriften und führt ein ungewöhnliches Leben. Seit er im russischen Feldzug gegen Napoleon gekämpft hat, scheint er in großem Stil über die Erd« zu reifen." „Was Sie nicht alles wissen, Doktor! Aber diesmal mögen Sie recht haben. Der Prinz hat eine so gute Feder ... Gehen Sie also morgen stüh nach Saida ihn besuchen ... Vor allem möchte ich, daß Sie ihm über die Schlangenhöhle erzählen — Sie wissen doch — jene bei Tarsus ...?" Sie lag im Pavillon ihres streng gesonderten Gartens, die Nachtigallen sangen auf jedem Ast, blaue Blumen zogen Bänder durch den Rasen, und der Jasmin stand in voller Blüte. Meryon blinzelte scheu zu ihr hinüber. Ihre Erscheinung, heute in weißwallendem Gewand einer römischen Statue, ergriff ihn immer neu mit magischer Gewalt. Aber die Schlangenhöhle ...? Gewiß war das wieder eines der albernen Märchen. „Ich erinnere mich nicht genau, Mylady ..." „Die wichtigsten Dinge vergessen Siel Also passen Sie auf: zehn bis zwölf Stunden von Tarfus entfernt ist die Höhle. Darin lebt eine Schlange mit einem Menfchenkopf — genau wie jene, die Adam verführte. Sie hatte alle dämonischen Kräfte der Erde. Ein Weiser wollte sich ihre Kenntnisse aneignen, das konnte er nur, wenn er sie tötete. Er überredete seinen König, ihm zu helfen, und die Leute der Umgebung mußten mit ihm ausziehen, sie zu töten. Da begann die. Schlange zu sprechen: ,Ich weiß, es ist mein Schicksal zu sterben, und ich werde mich nicht widersetzen, aber gebt dem bösen Mann, der euch schickt, nicht den Kopf, sondern den Schwanz zu essen!' Sie töteten also die Schlange und taten wie sie gesagt. Daraufhin starb der Weise. — Seither gibt es keine Schlange mehr mit Menfchenkopf, doch in der Hohle leben viele andere Schlangen, und die Umwohner, die sie füttern, sind steuerfrei. Die Geschichte ist absolut authentisch, und da der Prinz jedenfalls die Hohle sehen will, sagen Sie ihm, daß er mit dem Schiff nach Tarsus fahren soll, wo er dann landeinwärts die Hohle findet." Meryon senkte den Kops. Nun sollte er selbst der Meinung Vorschub leisten, die man in England hatte: daß Lady Stanhope verrückt geworden sei! „Ich denke, Sie wollen mir jetzt sagen, daß ich eine Verrückte bin", fällt Mylady ein, ehe er eine Antwort finden kann; „verstehen Sie oder verstehen Sie nicht, was Sie dem Prinzen erzählen (ollen?" Es hat keinen Sinn, zu widersprechen, er sieht es ein — und außerdem — sie liest feine Gedanken ihm vom Gesicht. „Jawohl, Mylady", anwortet er. „Dann gehen Sie — Ihre Suppe wird kalt!" Meryon war froh um die Pause des Mittags. Vielleicht vergaß sie inzwischen. Aber er täuschte sich. „Ich lasse dem Prinzen auch ein Derwifchkloster bei Tripolis empfehlen, er soll dort nur meinen Namen nennen ... Und — glauben Sie nun, was ich über die Schlangen sagte?" „Nichts ist dem Allmächtigen unmöglich", bog er aus. „Sie wollen es dem Prinzen nicht erzähley, wie?" „Nicht sehr gerne!" Es kam kein Ausbruch, wie Meryon befürchtet. Mylady besann sich einen Augenblick, dann sprach sie plötzlich: „Wissen Sie was, Doktor? Sie werden dem Prinzen viel über die Schlangenhöhle erzählen und wenn jemand dabei ist, in sein Ohr sagen: Lady Stanhope wünscht: daß Sie Erkundigungen einziehen, denn nahe bei Tarsus ist die ägyptische Armee einquartiert, die Sie sicher gern besichtigen wollen — und wenn Sie von der Schlangenhöhle sprechen, wird niemand denken, Sie hätten ein politisches Motiv! ... Nun, Doktor, wollen Sie jetzt?" Meryons Gesicht strahlte. Es war doch nichts zu befürchten für Myladys Gesundheit — denn nun kam es heraus: die ganze Schlangengeschichte war nichts als List! Und sie brachte es fertig, aus dem deutschen Prinzen sofort einen ihrer Agenten zu machen! „Morgen in aller Frühe müssen Sie zu dem Prinzen gehen, Doktor!" Meryon versprach alles. Aber Mylady traut niemandem als sich selbst. Am nächsten Morgen, eine halbe Stunde nach Sonnenaufgang, erscheint ein Diener vor Er. Meryons Haus: „3m Namen der Sitt habe ich den Herrn zu wecken. Damit er rechtzeitig zum Prinzen gehe!" In vorschriftsmäßigem Beduinenkostüm mit tadellosen englischen Manieren erscheint Meryon vor Pückler-Muskau in Saida. Der ist ein hochgewachsener Mensch von imponierendem Blick, Mitte der Fünfzig. „Erlauben Euer Durchlaucht, ich bin Dr. Meryon und bringe Botschaft von Lady Stanhope —" „Lady Stanhope!" ruft er erfreut, „einen Augenblick, Dottor ..." Ueber seine Pfeife, an feinem Sessel vorbei, kriecht ein Chamäleon. „Wo ist mein Juwel?" ruft der Fürst. Meryon wittert erneut geistigen Defekt ... Sollte der Fürst etwa auch ...? Er räuspert sich: „Mylady bedauert außerordentlich, aber ihr Zustand ist im Augenblick nicht so gut, als daß sie einen Gast gebührend empfangen könnte —' Pückler-Muskau schmunzelt seelenruhig: „Dann werde ich warten, lieber Doktor ... Und wenn es ein Jahr dauert! ... Darf ich Ihnen meine beiden abessinischen Sklavinnen vor- stellen?" Meryon hat zuviel Trübsal geblasen in letzter Zeit, um nicht an arabischem Vogelgeplauder zweier junger Damen Gefallen zu finden ... Außerdem wird ein vorzügliches Mahl serviert, Pückler ist liebenswürdig und außerordentlich gebildet, fein Französisch tabülos ... Meryon hat kein Bedenken mehr und scheidet des Abends als Verbündeter des Prinzen — nachdem er nicht vergessen hat, ihm die Schlangengeschichte — genau nach Lady Hefters Feldzugsplan — beizubringen. — Nichtsdestoweniger dauerte die Belagerung dieser begehrten Dame von zweiundsechzig Jahren einige Wochen lang. Meryon kam des öfteren zu Gast, und Pückler schrieb allwöchentlich mit immer neu und originell begründeter Bitte. Sie antwortete voll Witz und Geist. Schließlich sandte Pückler jeden Tag den Boten nach Dar Dschun mit einem — sehr galanten Brief ... Immer zudringlicher wurde feine Sprache, die Wendungen verrieten studierte Kunst. Eines Tages antwortete Mylady. „Ich halte Eure Durchlaucht zwar für einen großen Philosophen, aber nichtsdestoweniger für einen sehr unoernüftigen Mann. Ist es Ihre Aw sicht herzukommen, um über ein fremdes Wesen zu lachen, das durch Krankheit auf Haut und Knochen reduziert ist — oder ist es, um wahre Philosophie zu hören? .. Aber ich will nicht eigensinnig fein. Wenn Sie Ihren Besuch acht bis zehn Tage aufschieben .... werde ich Sie empfangen. Sonntag, Montag, Dienstag und Freitag wären die besten Tage für unser erstes Zusammentreffen nach der Kalkulation, die ich über Ihre Sterne und Ihren Charakter angefteUt habe ..." Pückler wagte es abzulehnen! Er würde lieber erst übernächste Woche kommen — und dann für länger als einen kurzen Besuch ... vielleicht habe er Wichtigeres mitzuteilen, als sie vermute ...Es war ein wcchl- durchdachter Feldzug, er marschierte, wie er sagte, nach Goethes Rat: Beleidige und verführe! . Lady Hefter antwortete etwas gekränkt, verwundete ihrerseits — und lud ihn samt (Befolge auf übernächste Woche ein! Pückler hatte gesiegt. — Gäste auf Dar Dschun! Es bedeutet keine leichte Sache. Denn „Sitt Mylady" ist nicht nur als Königin, sondern auch als Hausfrau durchaus vom Geschlecht der Tyrannen. Sie weiß alles, sie kann alles, und kein Ding ist klein genug, ihrem Befehl zu entgehen. Sie kennt jedes Gewürz für jede Speise, näht mit eigener Hand Kleider und Hosen für die Dienerschaft, zeichnet die Stickereien ... Am frühen Morgen fchon läutet die Glocke der Herrin — sie allein hat vom Sultan die Erlaubnis, eine Glocke zu besitzen, weiß die Dienerschaft zu erzählen. Frauen, Männer, Mädchen stürzen in die Vorzimmer. Mylady visitiert, läßt sich die Liste der Diener zeigen, die anwesend, krank oder „verreist" find, für jeden einzelnen werden Befehle bis zur Stunde genau erteilt: Waschen, Bügeln, Brotbacken, Messerpuhen, Ställe reinigen, Katzen füttern. Es läutet, läutet. Der Koch erscheint, wird getadelt, belehrt, ermahnt, seine ungehorsame Frau zu züchtigen. Zwischendurch wird eine Ehe geschlichtet — ein Araber hat seine Frau halb erwürgt vor Eifersucht — dann kommen die Strafen: einem Mann, der über den Zaun zu den Dienerinnen geklettert ist, wird vor versammeltem Personal der halbe Schnurrbart und eine Augenbraue cchrafiert; die faule junge Sklavin wird mit der Nase auf dem Teppich abgerieben, und eine andere bekommt regelrecht Schläge von dem dazu bestimmten Aufseher. Meryon muß dabei fein, ganz wider seinen Geschmack, denn er kann sich an die asiatischen Prozeduren immer noch nicht gewöhnen. Obwohl er selbst erlebt, daß die Schwarzen erklären: „Wir wollen nicht von alten Hennen, sondern von Tigern geführt sein!" Und: „Wenn du unzufrieden bist, schlage uns — wenn du lange Ermahnungen gibst, glauben wir, es stecke etwas dahinter!" Dann erst beginnt der Appell für die Agenten. Doch dabei ist Meryon nicht zugelassen. Er hort für Monate nicht, was im Heer vorgeht, ob ein Gouverneur abgefetzt ist, der Pascha angekommen, ein Konsul gestorben.. - Mylady weiß Geheimnisse zu machen. — Für Fürst Pücklers kommenden Besuch hak die Sitt alles in Dar Dschun und bei den Wechslern beweglich gemacht. Schon beim Tor entdeckt Meryon, daß die Straße innerhalb der Wälle gerichtet wird, Türen frisch gemalt und Ställe gemistet werden. Mylady selbst thront wie ein Sultan vor einem Heerlager von Hausgeräten: Topfen, Tellern, Schüsseln, Resten von chinesischen Servicen, Messern, Gabeln, Gläsern, Flaschen ... Ihr Stock trifft die Wahl. Vier Stunden lang sucht sie selbst die Bettwäsche für den deutschen Prinzen aus — Meryon weiß nicht, warum er anwesend fein fall, aber er wird nicht entlassen. Dann muß geprobt werden, wie ein Tisch zu decken und ein Mahl zu bereiten sei... Es wird Abend darüber! An einem Apriltag im Jahre 1838 öffneten sich die Tore von Dar Dschun vor der Kavalkade des Deutschen. Meryon empfing in aller Form, wies den Pavillon der Gäste, öffnete die große Veranda mit der Aussicht auf den Libanon, das Meer und die Fülle der Rosen — ah! es war alles einftubiert worden! „Mylady hat mich beauftragt zu bestellen, daß sie hoffe, Cure Durchlaucht möchten acht Tage ihr Gast sein. Allerdings entspricht es ihrer augenblicklichen Lebensgewohnheit, kaum vor Mitternacht sichtbar zu werden. Weshalb Durchlaucht — Meryon lächelte ein vielsagendes Lächeln — vielmehr acht Nächte als acht Tage bei Ihrer Ladyschaft zubringen werden ..." (Schluß folgt.) Prüfung und Schicksal. Von Irmgard von Faber du Faur. Der alte Schuster hatte Unglück mit seinen Gesellen und auch sonst. Er war leidend und muhte oft das Bett hüten. Dann nahmen ihm die Gesellen das Leder und machten Schuhe aus eigene Rechnung. Wenn der Alte um des lieben Friedens willen auch nachsichtig war, packten sie doch bald ihr Bündel und zogen weiter. Es war ihnen zu wenig Abwechslung im stillen Dorf. Die alte Schusterin und die Tochter Anno bestellten die kleine Wirtschaft, die zur Schusterei gehörte, die Wiese, den Acker, den Stall, auch im Garten war viel zu tun. Eine Magd half ihnen dabei. Anna war wie die Mutter ernst und streng. Mit den Mägden kam es ost zum Streit. Sie hielten auch nie lange aus. Seit Andreas in der Werkstatt sah, war alles anders. Jetzt wurden wieder gute Schuhe gemacht und alles pünktlich ausgeführt. Dazu war er frühmorgens im Stall, und im Abenddunkel schnitt er noch Gras auf der Wiese. Der Alte bekam selber wieder Lebensmut, die Krankheit schien zu weichen. Sie sahen zu zweit und hämmerten und zogen die Drähte. Bald konnte noch ein Lehrbub angenommen werden. Andreas war ein stiller Mensch und immer freundlich. Aber er lächelte selten, lachte nie. Er lebte ganz zurückgezogen, nie trank er einen Tropfen. Darüber wunderten sich die anderen. Er sagte, er habe es gelobt. Die Mutter muhte sich jetzt nicht mehr so plagen, das bekam ihr gut. Ihr Ernst wich, und eine Heiterkeit kam über sie, wie sie den alten Leuten kommt, wenn sie das Ihrige in guter Bahn sehen und selber schon halb über dem Irdischen stehen. Auch Anna wurde eine ander«. Sie fing an, sich ein wenig zu putzen; sie hatte es noch für keinen Mann getan, lieber ein Jahr waren Andreas und sie verlobte Leute. Der Vater konnte die ganze Freude nicht mehr erleben. Ein Rückfall seiner Krankheit brachte ihm einen raschen Tod. Andreas hatte Anna öfters fchon um eine Unterredung zu zweit gebeten, er wollte ihr etwas Wichtiges sogen; aber sie müßten ungestört sein. Sie zog es immer hinaus. Nun sollten sie morgen aufgeboten werden. Andreas setzte es durch, daß sie. mit ihn hinaus auf den Feldweg ging. Es war gegen Abend. Um die Hausecke klang fröhliche Musik. Rest, die kleine Magd, sang mit ihrer Zwitscherstimme, die man den ganzen Tag im Haus herum hörte. Der Lehrbub spielte die Ziehharmonika, und ein Bursch aus dem Nachbardorf half beim Singen. Anna sagte: „Die können wir nicht lange behalten. Die Burschen rennen uns das Hous ein. Sie weiß nicht wo hinaus vor Uebermut. Das ist so eine Leichte." Andreas sagte: „Ja? Ich hab' nichts Unrechtes bemerkt, ober ich hab' auch wenig achtgegeben." Anna wußte, daß er kaum nach dem Mädchen hingesehen hatte. Es war eine schwere Grübelei in ihm die letzte Zeit. Noch schwerer als sonst. „Also", sagte sie, „was willst du mir sagen? Ich hab bis morgen noch so viel zu tun." „Anna", sagte er, ,chu weißt nichts von mir. Das ist alles so gekommen. Aus einmal war es da. Wir hatten uns lieb, wir waren einig. Aber du weißt ja nicht, wer ich bin. Ich hob dir wenig aus meiner Jugend erzählt. Sie ging schlimm zu Ende. Ich habe einen Gesellen im Streit erstochen und im Zuchthaus dafür gebüßt. Jetzt sage, was du denkst!" Er hatte das Gefühl, dazustehen wie ein Nackter. Sie war bleich geworden und sah ihn an. Ihre Augen flackerten. Dann wiederholte sie seine Worte. Das habe er also getan. Ein solcher sei er und habe gewagt, sich bei ihnen einzuschleichen. „Wenigstens sagst du mir’s heute. Daß mein Vater es nicht mehr weiß! Der hätte dich ja mit Schimpf und Schande davongejagt. Schimpf und Schande willst du mir schenken, das ist dein Brautgeschenk. Es ist, Gott sei Dank, noch Zeit. Dem Pfarrer wird es gesagt. Alle Leute im Dors sollen es wissen. Damit ließ sie ihn stehen und lief ins Haus. Dort fing sie ein heftiges Gezeter an. Di« luftige Musik war jäh abgebrochen. Bald jammerte die Mutter laut Sie redete auf die Tochter ein. Die überschrie die Mutter. Andreas stand lange im Feld. Der Wind wehte schon herbstlich kühl. Auf einmal spürte er es. Die Wolken über ihm jagten, als wäre der ganze Himmel unstet und flüchtig. Als es im Hous stiller geworden war, ging er heim. Er kam unbehelligt in feine Kammer. Er machte Licht und suchte alles, was ihm gehörte, zusammen. Das sollte morgen ftüh in seine Kiste kommen. Der neue Anzug zur Hochzeit, alles. Dann lag er im Bett und schaut« in die Kerzenflamme Cs war in ihm seltsam leer. Nicht einmal ein Schmerz war da. Er hatte sich olles schon lange im voraus vorgestellt. Er hatte es so erwartet. Es war vielleicht etwas schlimmer gekommen, er hatte doch von Anna ein vitz- chen mehr Liebe, ober nicht Siebe, aber Rücksicht erhofft. Es war immer dies in (einem Leben noch schlimmer gekommen, als worauf er gerüstet war. Nur diesmal schien der Frieden zu kommen. Es gab den für ryn nicht. Er hörte Schritte. Er wollte fein Licht ausblasen. Da klopfte es an die Türe. Er dachte: Anna. Weiter nichts, nur dies: Anna. Aber da stand die kleine Magd. Ganz verwirrt sah sie aus. Gegen das Dunkel draußen standen ihre blonden krausen Haare rote ein lichter Kreis um ihr Gesicht. Sie legte eine dicke alte Geldbörse Andreas aufs Bett. Die Kammer war so klein, daß dos Bett bis an die Tur reichte, oom Fenster entlang an der Wand. _ r „Sie hat es uns gesagt", sagte die kleine Magd. Zum ersten Male lah Andreas ihr Gesicht ohne Lachen. Er staunte über dieses Gesicht .sIetzt müßt Ihr fort Ihr tut mir ja leid. Das ist olles, was ich erspart habe. Es gehört Euch." „Resi", sagte Andreas, „ich nehme es nicht. „Ihr müßt', sagte Resi, „ich bitt Euch darum." Sie wandte sich und zog die Tür hinter sich zu. Draußen klang ein Schrei. Die Tür flog auf. Anna zerrte Resi in di« Kammer. „Das habe ich nun doch erwartet", schrie sie. „Das auch noch» Andreas. Nur gut, daß Schluß ist. Resi, du gehst morgen auch. Dir wollte ich's gerade sagen, Andreas. Jetzt weißt du's." „Schau meine Sachen dort", sagte Andreas. „Aber dem Kind bitte ab." Er hob die Börse in die Hand. „Dos hat sie mir niedergelegt hiev, Darum war sie da. Sie kannst du nicht verjagen wie mich." „Doch", sagte Resi. „Ich will's auch nicht besser haben als er. Er hat so viel Schweres gehabt, er hätte jetzt ein Gutes verdient. Ich harn immer nur Gutes gehabt, vielleicht, soll ich's jetzt auch einmal schwer haben." Am nächsten Tage gingen sie beide. Bald trennten sie sich. Aber dann kamen sie wieder zusammen und trugen fortan Leichtes und Schweres vereint. Gesichter in den Bergen. Von Josef Friedrich Perkoni g. Noch meine ich den leisen Duft zu spüren, der aus dem Schrank der Bäuerin in dem Gehöft insgemein Tomanschger auf dem Berg kam; es war ein riesiger Schrank, der die Stube völlig erfüllte, obwohl da noch anderer Hausrat stand, Tisch und Bank und Truhe und an dem sommerkalten Ofen zwei Spinnräder wie im Ausgedinge. Es war ein Schrank aus Vorväterzeit, auf feinen taubengrauen Untergrund hat eine brave Hand di« roten, blauen und grünen Blumen gemalt, ein wenig unförmig und seltsam, aber sie paßten gut zu dem Ungetüm, das dis Bäuerin da geöffnet hatte, indem sie die zwei Türflügel weit zurück- fchlug. Es wehte aus dem Schrank der Duft eines kühlen Moders, gemengt aus abgestandener Zeit, wenig gelüfteter Seide und Erinnerung. Es war der Duft eines Grabes, das nicht erschreckt, das nur leise rührt, denn die Bauersfrau nahm aus dem Schrank den Vänderhut, den schon ihre Mutter getragen hatte, ein Ungetüm von Hut, hoch von Schleifen und Aufputz, einer dunklen Krone ähnelnd, und da sie die seidenen Bänder in die Hände nahm, sie glättend und ausbreitend, und es knisterte die Seide in einem feinen, unirdifchen Ton, da war es mit einer» Mal eine fremde Frau, die den Schrank dann wieder verschloß, fchon den Bänderhut auf den schütteren Haaren. Die Würde aller Frauen, die auf diesem Hofe, als Herrinnen gewohnt und dem Gesinde befohlen hatten, war in ihrem Gesicht vereinigt, und da sie nun zur Kirche ging» ging sie für alle Frauen ihres Geschlechts. Ich habe solche Verwandlung eines Mädchens, einer Frau in den Bergen öfter gesehen, und es war mir, als bedeckten sie nicht von ungefähr, weil es die Sitte so von ihnen haben wollte, ihr Haupt; mit einem Hut, einem Tuch, einer Haube ergänzten sie ihr Wesen, vermehrten sie einen Liebreiz, aber sie verkleideten manchmal auch ihre 'Seele. Da war plötzlich eine helle Stirne dämmriger geworden, beschattet ein lebhaftes Auge, ober es waren lichter die Höfe unter den Augen, Schatten eines sanften Kummers, es glänzte eine Braue, als hinge an jedem Haar ein Tropfen Lichtes, und es verdüsterte sich ein Antlitz, als schwände von ihm die Sonne. Das haben sich die Menschen in den Bergen wunderbar gedichtet, daß sie ihren Kopf in seidene Tücher hüllen, Tücher in allen Farben, und die jungen Mädchen berät ein sicherer Sinn, rote ihr Tuch gefärbt fein muß, daß es nicht fremd fei der Tönung ihrer Haut. Und sie tragen Hüte von feltfamer Form; aber so ungewöhnlich sie auch sein mögen, so eigenwillig sie die geheimnisvolle Einfalt des Volkes gebildet hat, sie werden mit dem Gesichte ein Wesen, hundertmal immer wieder ein Wesen, so kühn sie ersonnen sind, so kühn sie getragen werden. Sie mögen bann aus Stroh oder Spitzen sein, aus Filz oder Samt, fie mögen Flitter ober Seide an sich haben, Schnüre,. Bänder und anderen Behang, es mag echtes Silber ober Gold an ihnen glänzen, es ist, als hätte jeweils zu einem Gesicht nichts anderes geschaffen sein können, als herrsche auch hier das wunderbare Gesetz der ländlichen Harmonie. Sieh das welke Greisenantlitz unter dem Strohhut und die glatte Schönheit unter dem schäumenden Aufputz, zurückgehalten und in einer keuschen Würde verwahrt das Lächeln unter einem Hut, der gleichet einem dunklen Bienenkorb, und es leuchten die Gesichter unter einem goldenen Helm. Im Schatten einer weiten Krempe bleibt wohl verborgen alles Ungemach eines Bauernlebens, aber lies die Runen auf der Stirne und sieh, wie der Bart bereift ist gleich dem Bergwald, den ein früher Schnee bestäubt hat. In dem einen Männerangesicht wird offenbar die Gewalt vieler Männer, da fie hinter dem Pfluge schreiten und dem Gott der Flur opfern, da sie sich das wilde Jahr unterwerfen und Ausschau halten nach einem Feind, immer ist einer unterwegs zu ihnen; es flammen die Sterne in den Augen und es zittert bas Spinnweb um die Schläfen. Ja, hast du nur einen richtigen Mann aus dem Gebirge gesehen, bann ist dir kein anderer mehr fremd, bann sind fie dir nahe in bem einen, und auf feinem Gesichte glänzt und hämmert der Widerschein von tausend Leben. Noch lärmen die alten Schlachten über bie Gesichter der Manner hin, man muß nur Augen hoben für die Schatten der Helden, vielen ist der Blick gebrochen, viele glühen im Licht des Sieges, und in ihren Rufen hallt das weite Land, der Schritt von eilenden Leuten, der Klang von Pferdehufen auf Steinen und Erde und Gras, milder aber ist bas Leuchten in bem Antlitz der Frauen, und bei ihm lastet uns ein wenig verweilen. Da ist ein Lächeln ber Verheißung, der Erwartung, em Lächeln bes Unglaubens unb bes Zweifels, wie bei jungen Menschen überall, vielleicht um einen Ton tiefer gestimmt als draußen in der Welt. Liegt über den Augen der älteren Frauen nicht ein unsichtbarer Schleier, sie sahen in leere Wiegen, aus denen die Kinder fortgestorben fertgeroanbert sind, sie sahen in volle Truhen, aus denen den Ueberflutz ein anderes Geschlecht nach ihnen nehmen wird, schon wissen sie daß man in diesem Leben die Augen häufiger niederschlagen muß, als sie erheben kann. Sie sind die Mütter der Bauern, es scheinet mir immer, auch auf dem häßlichsten und einfältigsten Frauengesicht in den Bergen ruhe noch ein stiller Glanz. Vielleicht ist es ein Lohn des Himmels für Mühe und karges Leben, und es kommt von ihm eine andere Schönheit, die nicht mit den Maßen des vergänglichen und so leicht getäuschten Herzens gemessen wird. 1 Es ist nicht allein mir so, als ob man es den Gesichtern anmerken müßte, wie der Blick der einen täglich in große Weite geht, von einem Berghang hinein in das ausgebreitete Land und wie der Blick des anderen an seinem nahen Gut haften bleibt, an Aeckern, an einem Hochwalds die Quelle ist in dem Auge der einen Frau, die Kirche, der Bildstock in dem Auge der anderen, und ein drittes verrät sich, daß es manchmal nach dem Liebsten ausschaut. Oh, glaubet nicht, daß nahe dem Schnee die Herzen vereist sind, auch sie tauet über Nacht eine Liebe und ein süßer gewordener Mund verrät das Geheimnis. Schmäler wird der Mund der Frauen erst im Alter, mit den Jahren welkt er wie eine Frucht, die zu lange dem Hauch eines scharfen Windes ausgesetzt war. Und von diesem Munde lese ich hinfort das Leben ab. Ich habe lange geglaubt, ich müßte die Augen danach fragen. Ich wähnte, sie allein bewahrten das Geheimnis des Glückes, Herzweh und Menschensllchte; ach nein, es trügen manchmal auch die Augen dieser einfachen Leute, niemals aber trügt ihr Mund. Er verschweigt nicht, wie er stumm geworden ist in einem Leide, es liegen um ihn die schlaflosen Nächte, die unfruchtbaren Jahre, die jähen Worte flammen noch auf ihm, und nie gesprochene Worte beschatten ihn. Schmal wie ein Messerrücken wird er zuletzt in manchem Antlitz, es verbergen sich die Lippen wie Schuld und Scham, und in den Mundwinkeln nistet eine verhohlene Trauer über das vergangene Leben. Manches Greisenantlitz ward eine erhabene Landschaft, nicht nur das eine Dasein spiegelt sich darin, es sind die Runen der ganzen Sippe hineingezeichnet, und die Geister des Hauses hauchten im Schlafe darüber hin. Dann mag es zuweilen geschehen, daß ein Urenkel mit unwissenden Fingern die ernsten Male in einem alten Gesichte berührt, und da er über Falten und Risse gleitet, schwebt seine junge, eben in den Morgen erwachte Seele über Höhen und Tiefen eines Lebens, das in den Abend hinein verdämmert. Auch hier schließen die Kinder den Ring, sehet an ihnen nicht vorüber, wollet ihr in das Antlitz des Gebirges schauen. Vorgeahnt ist in so einem Kindevangesicht das noch ferne harte Leben, aber schon blitzt in dem einen Auge ein Funke des Mutes, der dem erwachsenen Menschen später Beistand leihen wird. Schon lächelt etwas von der Klugheit um die Lippen, die einmal das plumpe Leben besiegen wird. Es leuchtet ihr Haar, wie es später nie mehr leuchten wird, und mag es auch hell bleiben, ein Haar dann, dem ein Jüngling in einem Volkslied eine un- vergeßbare Liebeserklärung macht: „Du flachshaarets Diandle, i hab di so gern, und i könnt wegn dein Flachshaar a Spinnradle wem ..." Und das lächelnde Glück des Gesichts, dem diese herzliche Anrufung gilt, soll hier am Ende stehen. Konzert der Brüllaffen. Eine Reiseerinnerung von Dr. R. Francs. Eine heiße Tropennacht nähert sich ihrem Ende. Sie war unerträglich hier im innersten Winkel von Darien, wo Panama und Kolumbien, zwei der fieberheißesten Länder der Erde, zusammenstoßen. Dichter Regennebel tropfte die ganze Nacht, aber er durchnäßte wie mit einem lauen Bad, und in diesem heißen Dampf war es erstickend, kaum zu atmen. Schweißllberströmt fluchte man jeder Bewegung, zu der die zahllosen Moskitos trotz aller Netze immer wieder zwangen. Ihr scharfes Singen war ein Chor höllischer Geister. Krokodile hatten in der Nacht geweint wie kleine Kinder, die Cueujos hatten einen Jrrlichtertanz aufgeführt, der jetzt im Morgengrauen allmählich erlosch. Aus dem Urwald hatten viele Stimmen gerufen, mit kläglichem Winseln furchtsame Affen, ein dumpfes Knurren (waren es Leoparden?) und immer wieder ein Todesschrei, manchmal neroenaufpeitschend in seiner Menschlichkeit. Aber jetzt war das alles aus. Trotz der Hitze fröstelte man im ersten klaren Licht, das in Millionen Tautropfen funkelte. Trillern, Pfeifen, Zwitschern und Gurren begann überall, plötzlich schossen erste Sonnenstrahlen ins Grün, und sofort beginnt im ganzen Wald ein Knacken, Brechen, Knattern, Schleifen: die Morgenpromenade der Urwaldtiere hat begonnen. 0 ihr gesegneten Tropenmorgen, mit eurem unaussprechlich schönen Himmel und der himmlisch tröstenden Sonne! Jeder Tag geht in Wetterbrausen, Gewitter, Regen, Sturm unter, die Nacht voll Nebel und Gram, man glaubt in endgültige Verschlechterung des Wetters zu kommen, und dach ist jeder Morgen wieder frisch, voll Himmelsblau und Sonnenblitzen, heiter, kräftig, als habe das ewigen Bestand. Bis um Mittag wieder die Wolken ausquellen und das Drama von gestern beginnt. Das wissen alle Tiere, darum nützen sie den Morgen. Am geschäftigsten die Brüllaffen, denen heute unsere Aufmerksamkeit gelten soll, wenn man sie auch in dieser frühesten Morgenstunde erst zu einem schwarzen Klumpen zusammengeballt sieht. So hockten sie auf Astgabeln, Mann und Frau eng verschlungen, die Kinder zwischen ihnen angeklammert voll Frösteln und Angst. Das stiebt aber jetzt auseinander, sucht Sonne und wärmt sich den über Nacht feucht gewordenen Pelz. Da schwingt sich der Alte über sie, weit greift er mit dem Schwanz, der Eigenbewegungen hat wie eine Schlange, in das Geäst, wie ein Akrobat pendelt er nun an ihm, plötzlich steht er eine Etage höher und beginnt jetzt sein Morgenlied. Ist es ein Hymnus an die Sonne? Zuerst ein paar heisere Brusttöne, wie ein Sänger, der übt. Dann Trommelfeuer von Schreien, hastig und in Erregung hervor- gestoßen. Und nun antwortet die ganze Familie, daß uns die Ohren weh tun. Alle brüllen aus Leibeskräften im Chor, andere Affenfamilien antworten, und für eine Viertelminute scheint ganz Darien zu heulen. Während dieses Gesanges kann man die im Sangestaumel ganz unvorsichtig gewordenen Brüllaffen in Muhe beobachten. Man versteht, warum sie Breitnasen-Affen heißen. Alle Affen der neuen Welt haben diese seitlichen Nasenlöcher, gegenüber den Schmalnasen Asiens und Afrikas. Alle sind sie geschwänzt, und die Brüllaffen benützen ihren Schwanz wie ein fünftes Bein. Stets ist er in Tätigkeit, wickelt sich auf, greift nach Aesten, er ist ebenso lang wie das etwa halbmetergroße, schwarz- sellige Aeffchen mit seinem nach unten spitz verlaufenden und mit einem Vollbart umrahmten hohen Kopf, der einen mächtigen Kropf trägt. Gerade jetzt, da der Alte aus Leibeskräften schreit, sieht man diesen Schallsack besonders gut. Das Zungenbein dieser Tiere ist nämlich zu einer hohlen Schalldose "aufgetrieben, in die sich vom Kehlkopf aus eine zur Lautver- ftärtung dienende sog. „Schallblase" erstreckt. Es muß also das Schreien irgendeine lebenswichtige Bedeutung haben, wenn wir uns auch heute noch keinen Begriff davon machen können. Sonst weift der ganze Körperbau dieser Tiere, sowie aller ihrer Verwandten hinab bis zu den Halbaffen von Madagaskar und Afrika auf echteste Baumtiere und Kletterlebensweise. Viele, und das gilt namentlich für die Makis, sind Dämmerungsund Nachttiere, was aus ihren großen Augen mit den riesigen Pupillen hervorgeht, alle haben Greisfüße und zum Klettern eingerichtete Hände, oft sogar, wie bei den amerikanischen Krallenafsen, mit großen Krallen, die das Klettern noch erleichtern. Wenn auch den Affen der Alten Welt, weder den Meerkatzen des heißen Afrika, noch den Pavianen der Schwanz abgeht, so hat er doch feine Meisterleiftungen erst im lianendurchsetzten Urwald Südamerikas erreicht. Dort sind die Strickleitern der „Affentreppen" und der Hängebrücken besonders ausgebildet, die Seilschnüre und Verschlingungen, auf denen diese Tiere mit vollendeter Sicherheit Sprünge und Aufschwünge von vielen Metern unternehmen, mit dem Kopf nach unten hängend schaukeln, mit einem Wort eine Meisterschaft der Raum- beherrfchung gewonnen haben, als ob sie fliegen könnten. Eine Liane ist ein Abzugsfeil, ein Baumstamm eine Promenadenstraße für diese Assen, die darauf ebenso gut vor wie rückwärts, Kops oben ober umgekehrt klettern, ob sich nun die Jungen an sie klammern ober nicht. Mitten unter bem schwierigsten Saltomortale wirb geschnattert, währenb bes Springens bricht ein Familienzank los unb nur wenn bies allzu arg wirb, klettert der Leibaffe, gewöhnlich ein roürbiger, langbärtiger Walbesalter, blitzschnell zurück, teilt ein paar Ohrfeigen und Piifse aus, zaust den ärgsten Schreier, ebenso flink ist er aber wieder an der Spitze bes ben Wald nach Früchten absuchenben Trupps, schwingt sich auf einen Umschau gewährenben bürren Baum. Dort hat er uns erblickt, ein heulenber Pfiff, unb gleichsam kopfüber stürzt bie ganze Banbe ins Dickicht. Unbegreiflich, wohin. Sie sind verschwunben, gebeckt im Schatten. Er hat sie gut beschützt, barum hat er auch so viel Rechte über bie Sippe, über beren Frauen er wie ein Pascha schaltet. Noch mehr Entsetzen als ber Anblick eines weißen Menschen bereitet ben Brüllaffen unb allen ihren geschwänzten Genossen bie Begegnung mit einer Baumschlange. Die kleinste Schlange jagt eine große Afsenherbe in die Flucht, und niemals lassen sie sich auf einen Kampf ein. Man hat in englischen Naturforscherkreisen diesen Punkt besonders untersucht unb gefunben, baß unter allen Tieren nur bie Sperlingsvögel unb bie Affen eine berartig instinktive Schlangenangst haben. Sonst schreckt gerabe bie großen unb kräftigen Brüllaffen selten etwas, sie finb geroanbte unb freche Nesträuber, wagen sich auf Plantagen, nachbem sie sich, wie man in Südamerika allgemein glaubt, durch Laute und Zurufe verständigt haben, wie weit der Boden sicher ist, scheuen auch die Indianer nicht besonders, vielleicht deswegen, weil diese ihr Fleisch verschmähen und sie nicht jagen. Der Weiße ist ihnen fremd, darum fürchten sie ihn; ihr eigentlicher unb vielleicht einziger Feinb — benn ber ßeoparb gebt nicht so hoch in bas Geäst, wo sie Hausen —, sind oben wohl nur bie Baumschlangen, bie mit ben Lianen so leicht verwechselt werben können. Im allgemeinen gelten gerabe diese Urwaldtiere für dumm, unb man wirb bas begreifen, wenn man ihr einförmiges Walbleben bebentt. Es ist in ben Wälbern um bas Flußnetz ber sübamerikanischen Riesenströme auch bem Menschen nicht anbers gegangen, auch er ist primitiv geblieben, vielleicht beshalb, weil ihn bie ihn umgebenbe Natur so leicht unb reich ernährt. Dr. Th. Zell setzt sich zwar für eine recht riihrenb fltngenbe Brüllaffengeschichte ein. die diesen Tieren einen ganz anderen Rang anweisen würde. Danach hätte man beobachtet, wie sich angeschossene Brüllaffen gegenseitig helfen. Die einen führen ihre Finger in die Wunde des Kameraden ein, als wollten sie die Kugel feststellen, die anderen suchen eiligst Baumblätter, die sie in die Wunde stopfen, um das Blut zu stillen. Noch andere machen sich auf und suchen heilende Kräuter, bie sie auf die Wunde legen, um so eine schnelle Heilung herbeizuführen. So steht wörtlich bei ihm zu lesen, und man muß diese Geschichte nur glauben, was mir mehr als schwer fällt. Ich habe sie aber wiedergegeben, um das Gestrüpp der zahllosen Histörchen zu zeigen, in die verstrickt die Natur- sorschung nur durch allerstrengste Kritik einigermaßen sich in der Naturgeschichte solcher exotischen Tiere zurechtfinden kann. Aber während wir noch in Erinnerung an diese und manche andere wunderliche Affengeschichte uns vornehmen, heute, da wir das Glück fjaben, sie so nahe beobachten zu können, die Augen recht kritisch aufmachen, sind sie auch schon im Laub- und Lianenlabyrinth verschwunden. Noch hört man ihre lärmenden Gesänge und ihr zänkisches Schreien, bann wirb alles still. Unb auf einmal fällt es auf, wie lautlos ber Tropen- urmalb in ben eigentlichen Tagesstunben ist. Schon steht die Sonne hoch, mit schreckhaften Blitzen gehen bie Sonnenpfeile nieber, baß sie schmerzen, wo sie bie unbebectte Haut treffen. Man versteht sehr wohl, warum alle Tiere in diesen Sonnenstunden den Schatten suchen' und ruhen. Erschlaffend brauen oben Gewitterwolken, der Gesang der Moskitos schwillt an, jede Bewegung wird zur Qual, und wieder hat sich ein herrlicher, beobachtungsverheißender Tropenmorgen in das bleierne Einerlei eines lärmenden Tropentages verwandelt. Verantwortlich: Dr. Hans Thyriok. — Druck und Verlag: Brühlsche Universitätsdruckerei R.Lange, Gießen.