sietzenerZamilieiiblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang <938 Zrettag, den 18. März n»mm» n Herz lm HW ^omon von Hans-Easpac von Zabeltitz Copyright by Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart ; 8. Fortsetzung. .."Eine nette Suppe hat uns dieser Herr von Bülow, dieser merk- Wurdige feine Reichskanzler, da eingebrockt", sagt er zu Wallnitz. „Kennen Sie Algeciras? Na, ich empfehle Ihnen, einmal hinzufahren, vs liegt zwar auf spanischem Boden, aber unter den Kanonen von Gibraltar, also so gut wie in England. Da ist Herr von Bülow natür- Ufl) klein geworden und ins Mauseloch gekrochen. Zuerst mit dem großen u«unt> ankommen und dann nachgeben müssen bis zur völligen Blamage, das ist das richtige. Erst in Tanger mit dem Säbel rasseln und sich dann in Algeciras so blamieren, daß keiner mehr was von Deutschland wissen will. Mutterseelenallein stehen wir jetzt da. Nur Feinde haben . Dir. Und alle Verbindungen, die Handel und Industrie mühselig auf- E gebaut haben, werden zerschlagen. Eine seine Politik ist das." „Ich verstehe nichts von Politik und will auch nichts von ihr verstehen", antwortet Wallnitz. ! „Traurig genug. Alle müßten sich in Deutschland mit Politik beschäf- !>gen, alle. Schon um geschlossen gegen solchen Wahnsinn Einspruch er= i heben zu können." „Wir Offiziere sind nicht zum Einsprucherheben da, sondern zum I behorchen." „Also unfrei." „Unfrei? Nein, Herr von Schillings. Nur treu dem Eide, den wir | Kaiser geschworen haben, und treu unserer Ueberlieserung als ; . „Ich bitte Sie, Herr von Wallnitz, Edelleute, Adel. Warum betonen sie das so? Ich weiß, der Adel tut immer, als ob er ftockkonseroativ, als st) er reaktionär wäre. Ich nehme das nicht so ernst. Ich muß da an den clten Fontane denken. Wissen Sie, was der in „Zwischen Zwanzig und Ireißig" sagt, als er, der Frondeur, seine Liebe zum märkischen Junker htennt? ,Ich glaube nicht an den Ernst dieses Ueberkonseroativen, Reak- s kmären, diese Junker werden einmal total umschlagen/" „Nie!" Wallnitz springt auf. „Nie, Herr von Schillings. Wir Junker Verden zu unserem Kaiser stehen, solange^er es von uns fordert." „Und wenn Ihr Kaiser nun ..." Wallnitz schneidet den Satz ab. „Sie sprechen immer von meinem Kaiser, Herr von Schillings, ist er nicht auch der Ihre?" „Gewiß. Aber deshalb brauche ich doch nicht restlos alles zu billigen, vas er tut und spricht." „Doch, das müssen Sie. Adel verpflichtet zum Dienen, zum Gehor- | Vm, zur unbedingten Treue. Und schließlich haben Sie sich ja von diesem Mer adeln lassen." Nun steht auch Schillings auf und mit ihm die anderen. Plötzlich steht wr ganze Kreis. I- „Ich glaube. Sie find noch zu jung, um mich aburteilen zu können, pirr von Wallnitz. Ich habe mich außerdem nicht adeln lassen, sondern w Kaiser hat mich geadelt." „Jawohl. Um Sie zu verpflichten. Sie und Ihr Haus und Ihre Werke wd Ihre Arbeit. Um Sie genau so zu verpflichten, wie wir uns seit B-nerationen verpflichtet fühlen als landgefesfene Junker, als preußische vsiiziere. Wie wir immer wieder Gut und Leben hingegeben haben für «veren König und Herrn." „Für Ihr Vaterland meinen Sie." . „Nein, für unseren König. Sie haben vorhin Fontane zitiert, ich bill Ihnen einen anderen zitieren, einen Heutigen, der vom Adel sagt: ,Wir sind die Alten, die trotzigen Treuen am Dhron, Heerfahrt und Folge lehrte der Vater dem Sohn, Söhne sagten den Enkeln das Weistum des Standes; Adel ist Adel des Fürsten und nicht des Landes!'" | Er spricht die Verse ruhig, es ist, als ob unter ihnen die Welle des Heltes, die sich eben noch zu überschlagen drohte, abebbte. Lore, die Mer abseits stand, fühlt das, und sie atmet erleichtert auf. Sie tut die ‘Wen Schritte, so daß sie mitten in dem Kreis der Herren steht. . Da ist der Doktor Frank, den ihr Vater neu in die Werke eingestellt W und dem er als Konstrukteur eine große Zukunft voraussagt, ein *onn Ende der Zwanzig, vielleicht auch schon Anfang Dreißig. Er hat w ganze Zeit geschwiegen, vielleicht weil ihm die Szene peinlich war. Jetzt fühlt er, daß die Lösung endlich dazusein scheint. „Sehr schöne Verse sind das sagt er, „und wahrscheinlich auch sehr wahre Verse. Nur muß 111 .^re Kaste hineingeboren fein, um sie ganz zu verstehen." 2BaQntt) nimmt den Ball auf, den ihm der andere zuwirst. „Wir sind keine Kaste, Herr Doktor Frank. Wir stehen nicht allein und wollen nicht allein stehen. Wir sind eng verbunden mit unseren Soldaten und Mit unseren Bauern. Wir sind Volk wie alle anderen. Nur wissen wir eins: daß wir dem Volk Führer sein müssen." „Eine schwere Ausgabe." „Schwer? — nein. Wenn man wirklich mit seinen Soldaten, mit leinen Bauern mit seinen Knechten zusammenlebt, ist sie nicht schwer. Sie ist durch Jahrhunderte leicht von uns-gelöst worden. Erst als man uns und ,ene anderen trennte, erst als die Verstädterung begann, kam Oer -Begriff auf, daß wir eine Kaste wären. Die Bauern verstehen uns heute noch genau so wie früher. Nur die man uns entfremdet hat, wollen nichts mehr von uns wissen. Sowie sie aber wieder bei uns sind, nämlich tn ihrer Soldatenzeit, gehen wir auch wieder zusammen. Sind Sie Soldat gewesen, Doktor Frank?" Der andere nickt nur. „Ich glaube, dann wer- den Sie mir zustimmen müssen." „Sie mögen recht haben." „Ich habe recht." Bernd sagt es sehr sicher. Alles scheint in ruhige Bahnen gelenkt. Das Gespräch scheint beendet, der Streit vermieden. Aber plötzlich schlägt die Welle wieder zurück. Andreas von Schillings greift noch einmal ein: „Bauern, Knechte, Sol- daten Junker Offiziere — ich glaube, Sie suchen sich den Kreis der Untertanen Ihres Kaisers da, wo Sie ihn finden wollen. Er hat auch noch andere: die Arbeiter." „Ich sprach von ihnen, sie sind die Entfremdeten." „Die Ihnen Entfremdeten, jawohl. Und deshalb wohl auch die — wie Sie es nennen würden: der Krone Entfremdeten. Diese Entfremdung ist nicht deren Schuld, es ist die Ihre." b "Ich wüßte nicht, warum. Wir haben sie nicht von uns gestoßen " „Doch! Weil Sie sagen: Adel ist Adel des Fürsten und nicht des Landes. Sie dort draugen — Sie, die Junker, nehmen Ihr Vaterland zu eng. Für Sie ist das Vaterland der Kaiser. Eigentlich sogar nur: per König, der König von Preußen, die Hohenzollern. Für Sie, wie Sie letzt denken, wäre der Begriff Vaterland tot, wenn es keine Hohenzollern mehr gäbe. Für jene bleibt Deutschland das Vaterland, auch wenn es keine Fürsten mehr gäbe. Und auch für mich." „Es gibt kein Deutschland ohne die Hohenzollern." „Und wenn der Kaiser eine zweite Krüger-Depesche in die Welt sendet, wenn er ein zweites Mal eine Fahrt nach Tanger unternimmt, wenn fein Kanzler eine zweite, dritte, vierte Schlappe wie die von Algeciras erleidet, was bann? Kann dann nicht der Tag kommen, wo ein solches Regime nicht mehr tragbar ist für das Vaterland?" 3n Bernd steigt die Röte auf. Seine Zähne nagen an der Unterlippe. Er zögert, ehe er antwortet, von einem sieht er zum anderen, alle stehen stumm. Es sind Herren in Zivil, Herren aus den Werken an der Ober- fpree, Herren der Industrie. Es ist keine Uniform da, es ist fein Junker da, kein Mann der Scholle. Er fühlt sich allein, verlassen; aber er fühlt sich auch als Soldat, der eine Stellung zu verteidigen hat, die wichtigste Stellung seines Offiziertums. Er weiß, er muß hinaus aus der Enge, er muß angreifen; er sagt: „Sie reden wie ein Sozialdemokrat, Herr von Schillings, und nicht wie ein Mann von Adel. Wenn Sie überhaupt einen Augenblick daran denken können, daran zu denken wagen, daß ein solcher Tag kommen könnte, bann üben Sie innerlich schon Verrat." „Nicht an meinem Vaterlande ..." „Aber an Ihrem Kaiser ..." „Mein Vaterland geht mir über den Kaiser." Schlag auf Schlag folgen sich die Worte Auch Schillings hat sei,.. Stimme gehoben, spricht laut, fast heftig. Er ist ruhiger als Wallnitz, gewiß, jedoch alle spüren, daß auch er erregt ist. Da tritt Wallnitz einen Schritt zurück. Er löst sich aus diesem Kreis. Er strafft sich, schlägt die Hacken militärisch zusammen, seine Sporen flirren leise. „Ich bebaure, Herr von Schillings, daß es zu dieser Auseinandersetzung fam. Ich fürchte, daß ich schärfer werden müßte, als es mir, als Ihrem Gaste, zufommt, wenn ich Ihnen weiter Rede und Antwort stünde. Unsere @ebanfengänge sind zu verschieden. Ich bitte Sie, mich verabschieden zu dürfen." Er wartet noch einen Augenblick, wartet, bis er sieht, daß Andreas von Schillings den Kopf wie bejahend senkt, bann verbeugt er sich furz, aber verbindlich und wendet sich ab. Die Tür schließt sich hinter ihm. Einen Augenblick ist Stille im Raum. Dann sagt Schillings: „Ich habe mich getäuscht. Dieser Herr ist doch noch sehr jung. Sprechen wir von etwas anderem." Er hat seine Stimme wieder voll in der Gewalt, sie Hingt sachlich und überlegen. Die anderen Herren kennen das, sie wissen aus vielen hitzigen Vorstandssitzungen, wie er einen Aerger, der in ihm frißt, ver- bergen kann. Sie nehmen, nachdem er sich gesetzt hat, wieder Platz; alle sehen ihn erwartungsvoll an. „Warum so stumm, meine Herren?" fragt er. „Sind Sie erschreckt? Ich fürchte, es wird in den nächsten Jahren noch viel härtere Auseinandersetzungen geben als diese." Draußen aus der Diele steht Lore Schillings vor Bernd. Sie ist ihm nachgegangen und hat ihn erreicht, wie er sich seinen Mantel anzog. Sie sind allein. „Wie konnten Sie Baker das antun?" „Es lag nicht an mir. Er griff das an, was mir heilig ist." „Seien Sie vernünftig, Bernd, kommen Sie wieder herein. Ich hole Ihnen Vater. Sie können mit ihm allein sprechen. Bitten Sie ihn um Verzeihung, und alles ist wieder gut. Sie waren erregt. Er wird das begreifen." . _ ,Jch, habe für nichts Verzeihung zu erbitten. Ich stehe zu jedem Satz, den ich vorhin sagte. Uns trennen eben Welten." „Und deshalb dürfen Sie Vater einen Sozialdemokraten nennen?" „Das habe ich nicht getan. Ich habe nur gesagt, daß er so sprach." „Das ist das gleiche." „Nein." _ Sie sieht ihn an. „Bernd, wissen Sie denn nicht, warum ich Sie so bitte?" ,Hch weiß es nicht. Ich will und ich darf es nicht wissen." „Berndl" Biel Liebe, viel Weichheit liegt in dem einen Wort. Er fühlt es. Es überwältigt ihn fast. Er weiß, daß er jetzt nur die Hand ausstrecken braucht, und dies Mädchen gehört chm, dies reiche schöne Mädchen, das sie den „Großen Preis" nennen. Sie würden chn beglückwünschen, beneiden. Alle Schwierigkeiten wären fort: Grunfeld könnte gekauft, eine Brennerei könnte gebaut werden. Vater wäre entlastet, Mutter würde glücklich fein. Aber alles wäre eine Lüge. Das ist es. Und Lore sieht chn an, sieht, daß es in ihm arbeitet, und wartet auf ein Wort von ihm. Und hofft. Der Zorn, der in chr erwacht, als er den Vater angriff, ist verschwunden, sie fühlt sogar etwas wie Stolz auf ihn, weil er seinen Standpunkt so fest vertrat, selbst Vater gegenüber, dessen Kraft sie kennt, von dem sie weiß, daß keiner von all den Herren, die jetzt dort im Zimmer um ihn sind, ihm zu widersprechen wagt. Sie fragt nicht mehr: Wer ist er, der kleine arme Leutnant, und wer bin ich? In ihr ist nichts wie Liebe. Sie möchte die Arme heben und um seinen Hals legen. Aber seine Augen blicken an ihr vorbei. „Sehen Sie mich doch einmal an, Bernd", bittet sie. Sie fühlt, daß sie sich mit dieser Bitte viel vergibt, daß sie mit chr ihm offenbart, wie es in ihr aussieht, daß sie ihm das Geständnis chrer Liebe macht. Aber sie schämt sich dessen nicht ihr Wünschen ist zu stark. Langsam wendet er chr den Kopf zu. So stehen sie sich stumm gegenüber, Auge in Auge, viele Atemzüge lang. Und wieder wartet sie auf ein Wort. „Bernd", sagt sie noch einmal. Da beginnt er zu sprechen, und sie weiß, es ist das Ergebnis dessen, was er durchdachte, als er ihren Blick so lange mied. „Es geht nicht, Lore, es geht nicht. Es wäre alles falsch. Gerade, weil Sie das reiche Mädchen sind. Ich kann nicht lügen, ich kann mich vor allem nicht selbst belügen. Ich habe einmal gedacht: Lore Schillings. Verstehen Sie: Lore Schillings und ich, habe ich gedacht. Nicht für mich, sondern für Vater, für Dapper. Und ich habe mich geschämt, weil ich es überhaupt denken konnte des Geldes wegen. Verzeihen Sie, aber ich muß das sagen. Ich weiß, es klingt häßlich." Langsam kommen feine Worte, nicht' Schlag auf Schlag wie vorhin, als er sich verteidigte; er muß sie sich zujammensuchen. Lore hört sie, aber sie erfaßt sie nicht voll. Sie hofft viel zu stark, um das Trennende zu spüren, sie klammert sich an das: Ich habe einmal gedacht, Lore Schillings und ich. — Es wird noch alles gut, denkt sie und lagt: „Sie reden ja Unsinn, Bernd, Sie machen sich Gedanken, die nicht richtig sind. Was habe ich denn mit dem Geld zu tun? Ich kann doch nichts dafür, daß ich ein reiches Mädchen bin." „Nein, Lore, Sie können nichts dafür. Aber ich habe daran gedacht, ich — verstehen Sie doch. Eben nicht an Sie, sondern an das andere. Und es könnte ein Tag kommen, an dem Sie mir sagen würden: du hast mich ..." Sie läßt ihn nicht aussprechen. „Nie werde ich das sagen." ,/Das Leben ist nicht so einfach." „Ich weiß es. Gerade deshalb soll man um fein bißchen Glück kämpfen. Was habe ich denn von diesem Leben bisher gehabt NichtsI Glauben Sie, daß mich das ausfüllt: Reifen, Tanzen, Gesellschaften, für meine Mutter Teetassen herumtragen, mich mit fremben Menschen unterhalten, Besorgungen machen. Zett totschlagen? Was habe ich denn von dem sogenannten Reichtum? Ein paar Zimmer mehr als andere, vielleicht ein weicheres Bett, schönere Kleider, keine äußeren Sorgen. Wer sonst — Leere. Ich bin schon froh, wenn ich einmal jemand helfen darf. Wie damals den Brandts, als die Zwillinge ankamen. Doch das ist ja so wenig, so jämmerlich wenig. Und nun sprechen Sie von Ihrem Vater, Bernd, von Dapper. Da könnte ich doch helfen, das wäre doch eine Aufgabe für mich, für uns, Bernd." . ,Hn Dapper ist Vater. Ich bin Soldat und will es bleiben. Sie wissen ja nicht, was das ist: Soldat fein. Sie sehen nur das Aeußere: den bunten Rock, den sogenannten flotten Leutnant. Bei uns ist aber auch Dienst, viel Dienst. Arbeit. Bei uns ist es verdammt ernst und verdammt nüchtern. Das, was Sie sehen, ist der Lack, die Tünche. Da, andere paßt nicht zu Ihnen. Sie sind Freiheit gewöhnt, wir leben in der Enge. Ueberall sind Gesetze, geschriebene und ungeschriebene. In die muß man hineingeboren fein, um sich in ihnen glücklich zu fühlen. Man muß in ihnen aufgehen, man muß diese Fesseln lieben. Sie kommen ganz woanders her, Lore, Sie würden sich beengt fühlen, sich ’^fien, sich wehe tun. Und eines Tages unglückllch sein." Ihr scheinen alle seine Einwände so klein, fo nichtig. Sie hebt die Hände, saßt in die Falten des offenen Mantels vor feiner Brust, schüttelt chn. „Bernd, Bernd. Was geht mich das alles an? Ich werde mich fügen, ich werde stille halten. Sie vergessen eines, Bernd — muß ich es denn sagen, ganz deutlich sagen, muß ich denn so Nein werden? ..." Sie blickte zu chm auf, hebt den Kopf ihm zu ... „Ich liebe dich, Bernd." , v Das Wort ist gesprochen. Schwer kam es chr von den Lippen, aber nun ist ihr leicht; sie denkt, jetzt ist alles gut und klar, jetzt kann er nichts anderes tun, als mich in seine Arme nehmen. Doch er nimmt nur ihre Hände, löst sie von seinem Mantel, beugt sich über sie und küßt sie, erst die Rechte und dann die Linke. Und, über die Hände gebeugt, sagt er leise: ,Jch danke Ihnen, Lore, Da tritt sie zurück. Plötzlich wird sie wach, weiß, daß sie das Spiel verlor. Und jetzt will sie volle Gewißheit haben. ,;Wen lieben Sie?" Er ist erstaunt, er versteht sie nicht. Da spricht sie weiter, eilend, drängend: ,Lst es jenes Mädchen, mit dem ich Sie im Boot auf der Oberspree sah?" „Ich weiß nicht, was Sie meinen." Sie redet sich immer stärker in ihre Hast hinein. „Sie wissen nicht? Aber ich weiß es. Und Sie wissen es auch. Soll ich Sie erinnern? Ich fuhr im Motorboot hinter Ihnen her. Ende Mai war es. Bei Hankels Ablage. Dicht nebeneinander faßen Sie. Ist es jene?" Wieder antwortet er nicht. Ihre Worte überfallen ihn. Er findet sich ; nicht zurecht, nicht in ihren Sätzen, nicht in dem Ton, in dem sie plötzlich spricht. , _ „Da trennten Sie keine Welten, nicht wahr? Da waren keine Schram ken und Engen? Warum blieben Sie denn nicht dort? Warum kamen Sie überhaupt zu uns?" Langsam begreift er, was sie meint: Hilde. Und er glaubt ganz ehrlich zu sprechen, als er sagt: „Das hat doch mit Ihnen nichts zu tun." Sie wird immer starrer, immer verkrampfter. Sie fühlt sich herabgesetzt, beleidigt. „Das hat mit mir nichts zu tun?" wiederholt sie. „Wohl weil das wieder eine andere Welt ist. Sie haben etwas viel Welten, Herr von Wallnitz: Ihre Soldatenwelt, Ihre Gesellschaftswelt, und nun noch diese Welt dort. Es ist gut, daß ich das jetzt weiß, und ich bin froh, daß ich | nicht in diese Bielheit Ihrer Welten hineingeraten bin." Sie hat sich gestrafft, auch äußerlich, sie ist nicht mehr das liebende Mädchen, sie ist die beleidigte, erzürnte und eifersüchtige Frau. Er sieht das: sie scheint ihm plötzlich älter, reifer; em Glanz ist in ihren Augen, den er noch nicht kennt. Er entdeckt zum erstenmal, daß wahr ist, was die anderen von ihr sagen: sie ist schön. Da sagt sie ganz hart: ,Hch danke Ihnen für diese Lehre" und wendet sich ab und geht. Die Halle ist leer. Sie scheint chm unendlich groß. Rings sind Türen, hohe Türen: alle für ihn verschlossen. Als er den Streit mit dem Vater abbrach, fühlte er sich als Siegen er wußte, er war im Recht, in seinem Recht. Nun ist er geschlagen. Sie haben etwas viel Welten. Das ist eine bittere Wahrheit. Er nimmt seine Mütze vom Haken, holt seine weißen Handschuhe aus der Tasche, zieht sie an, schnell, hastig, als ob sie ihm etwas von der Sicherheit wiedergeben könnten, die er verlor. Er schließt die silbernen Knöpfe seines Unifonnmantels. Aäußerlich ist nun alles an ihm in Ordnung, alles straff, alles militärisch glatt. So verläßt er das Haus. i Nachts aber liegt er dann schlaflos. Er sucht vergeblich auch innerlich Ordnung zu schaffen. Wer es gelingt ihm nicht, die Gedanken gehen durcheinander. Er fragt sich: Wie stehst du zu Hilde? Sie gibt dir alles, und du nimmst es ohne Ueb erleg en wie eine Selbstverständlichkeit, nimmst es eigentlich ohne Liebe. Ist das anständig? „Sie haben etwas viel Welten", hat Lore Schillings gesagt. Er sieht sie vor sich: weich, liebend zuerst, und dann hart, zornig. Er weiß jetzt, sie ist schön: er weiß auch: sie ist klug. Wenn er erzählte, was zwischen ihr und chm vorgefallen, würde kaum einer verstehen, warum er nein sagte. Und jetzt — in der Nacht — versteht er sich fast selbst nicht mehr. Was fehlte denn eigentlich zwischen ihnen noch zur Liebe? Steht denn diese Lore ihm seelisch ferner als Hilde ihm steht? Steht sie ihm nicht sogar näher? Was ist denn überhaupt Liebe? Die große Liebe? Hatte Lore sie, als sie ihm sagte: „3d) will mit btt zusammenleben, ich will mich fügen, ich will stillehalten?" Hat Hilde sie, wenn sie ohne Fordern und Fragen zu chm kommt? Haben sie si« beide, und hat nur er sie nicht? Er muß sich gestehen: Ich habe sie nicht. Ich denke immer an mich, an meinen Stand, an meine Karriere. Selbst wenn ich Vater ober Dapper sage, meine ich doch nur mich, weil ich mehr Ruhe hätte, wenn Vater ohne Sorgen wäre. Ich habe gar nicht zuviel Welten, ich habe nick eine: mich. Ich bin zu keiner Liebe fähig, weil ich nichts aufgeben, nichts opfern will. Hilde ist ja tausendmal anständiger als ich, weil sie ehrlich ist und ehrlich handelt. Warum denke ich nicht daran, sie zu heiraten? Weil ich dann meinen Rock ausziehen müßte. Ja, warum müßte ich dann meinen Rock ausziehen? Sie ist doch ein fleißiger, sauberer, anständiger Mensch. Da sind eben diese Welten, die sich nicht ineinanderfügen lassen. D» stimmt etwas nicht. Und wo etwas nicht stimmt, müßte es geändert werden. Aber wer soll angehen gegen Sitten und Gesetze, gegen geschriebene und ungeschriebene? Was sagte dieser Doktor Frank, von dem der alte Schillings so viel für die Zukunft erhofft? „Kastel" Hatte er vielleicht doch recht? Waren sie alle im Kastengeist zu tief verfangen, die Kameraden, der Berklow, der Renkhausen, der Heidenberg, und die, die in der Neumark faßen, der dicke Schmersow, die Krüdener Müfflings, die Brandts, die Bertholds und wie sie alle heißen? War der Adel, der alte eingesessene Adel nicht doch eine Kaste? Und wo stand dann Lore. Wo stand Hilde? (Fortsetzung folgt.) 1 $ g v 31 oi li I n 6 « 8 l t ti h d< L g< g, ti di W ei L v, ni ai te gi m di m » te hl di hi b ei 4 ti ii o C 8t ir te Aachtlied. Vön Friedrich Hebbel. Quellende, schwellende Nacht voll von Lichtern und Sternen: In den ewigen Fernen, sage, was ist da erwachtl Herz in der Brust wird beengt, steigendes, neigendes Leben, riesenhaft fühle ich's weben, welches das meine verdrängt. Schlaf, da nahst du dich leis, wie dem Kinde die Amme, und um die dürftige Flamme ziehst du den schützenden Kreis. Friedrich Hebbel. 3 um 125. Geburtslage des Dichters. Von Wilhelm von Scholz. Am 18. März 1938 sind es 125 Jahre, daß Hebbel geboren wurde. Den friesischen Dramatiker sah meine Altersschaft, als er 1893 für den Buchhandel und die Bühnen „frei" wurde, in die Epoche seines endgültigen Ruhmes eintreten. Die Umstrittenhett, die sein Leben begleitet, verbittert und selbst seinen Tod überdauert hatte (die „Grenzboten" im Nekrolog 1863: „Der dramatische Charlatan par excellence"!!), schwand oder nahm wenigstens die Gesamtbejahung der mächtigen Erscheinung in Sauf. Die Bezweiflung, die erst das ganze Werk ersaßt hatte, blieb glich Kritik daran. Und nun feiern wir schon den 125. Geburtstag des Mannes als eines dem Streit entrückten Klassikers. Ein paar Daten der Theatergeschichte: „Gyges und sein Ring" wurde in Berlin erstaufgeführt — dreizehn Jahre nach Hauptmanns „Vor Sonnenaufgang". Das Stück, heute in glanzvollen Aufführungen der ersten Theater bewundert, war also bei Lebzeiten Hebbels von den in Frage kommenden Berliner Bühnen abgelehnt worden. In den neunziger Jcchren des vorigen Jahrhunderts wurde „Maria Magdalena" in Berlin an zwei großen Bühnen einstudiert, im Königlichen Schauspielhaus und im Deutschen Theater. Beide Vorstellungen brachten es auf je eine Wiederholung. Hebbel schrieb zum hundertsten Geburtstag Schillers einen Kantus, der sehr bezeichnenderweise beginnt: „Die Welt gleicht immerdar dem Wirt, der sich in seinen Gästen zu feinem größten Nachteil irrt, besonders in den besten." Das Wort gilt auch von Hebbel. ♦ Friedrich Hebbel stammte aus ganz armen Verhältnissen. Sein Vater, der früh starb, war Maurer in einem kleinen schleswig-holsteinischen Dorf. Wir haben, wenn diese Tatsache rasch durch unsere Gedanken geht, noch kein Gefühl davon, was sie bedeutet, was es heißt, aus der geistigen Enge dieser Umwelt Schritt für Schritt sich bis dahin durchringen zu müssen, wo Hebbel schließlich stand. Und doch ist dadurch, durch dies Ringenmüssen, seine Persönlichkeit entwickelt, ja geradezu geschaffen worden. Wir müssen, wenn wir di« Bedeutung dieses Lebenskampfes richtig einschätzen wollen, auch daran denken, daß in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts der Verkehr noch nickst wie heute überallhin geistige Brücken geschlagen halle, daß namentlich auf dem Lande damals das Leben fern, ohne Verbindungen, abgeschieden hinfloß. Außer einer Reihe von glücklichen Zufällen war eine elementare Kraft der Persönlichkeit nötig, damit ein Mensch von dort den Weg in die breite Helle der Epoche, aus der Weltabgeschlossenheit des entlegenen Erdenwinkels zu dem Erleben, zu den geistigen Quellen und Vorbildern, zu den Existenzbedingungen fand, welche die Schöpfung großer dramatischer Dichtungen ermöglichen konnten. Und es ist ferner sicher, daß eine Persönlichkeit, der dieser schwere Kampf gelang, von ihm ihre wesentlichsten Züge erhallen mußte. Auch dort im Volte, wo noch keine Bildung hinzudringen vermochte, wo der Geist sich noch nicht aus Dumpfheit befreit, werden starke dichterische Begabungen geboren, die verborgen, ja chrer selbst unbewußt bleiben, di« nie zur Entwicklung ihres Talentes kommen und von denen etwa ein namenloses Volkslied, ein tiefsinniges, wie zufällig gefundenes Märchen, eine seltsame Ortssage allein Kunde geben. Hebbels Los hülle das eines solchen in seiner Gesellschaftsschickst verborgen bleibenden Dichters, der seine Kraft nicht kennen lernt und, ohne es selbst zu ahnen, nur ein unbekanntes Stück unserer Dichtung ist — Hebbels Los hätte das nie fein können. Allzufrüh wird er sich seines starken Geistes, seiner dichterischen Kraft bewußt, als daß er beruhigt in den Verhältnissen hätte bleiben können, denen er entstammte. Er hat fast als Kind schon seinen ganzen Willen darauf gerichtet, aus der Enge hinaus zu gelangen, dorthin, wo das geistige Ringen der Zeit geschah, und daran bedeutsam mitzuwirken. Er suhlte sich, mit der ganzen irrtunstosen Sicherheit des Genies, berufen. Er wäre zerbrochen, zugrunde gegangen — und mehrmals schien das nahe — wenn ihm das Geschick nicht aufwärts geholfen hätte. Aber er hätte sich nie beschieden. Dieser harte zähe Wille, diese fast freudlose Energie, das klare Bewußtsein einer Ausgabe und das dunkel drängende Gefühl von einem Ziel, das find die Wesenszüge des friesischen Maurersohnes, deren sein Leben am meisten bedurfte und die deshalb sich am ausgeprägtesten entwickeln. Was war das Ergebnis feiner Energie? Sie erzwang ihm unter schwersten Entbehrungen eine geachtete und befehdete literarische Stellung, die Ihn mit den höchsten Kreisen in Verbindung brachte, unkt die Schafsensfreiheit für fein Lebenswerk. Seine bescheidene bürgerliche Existenz aber mußte er bis an sein Lebensende Wohltätern, der Freund» schast und der Liebe danken, die den großen verkannten Mann schirmten und schützten. Wenn man die Dokumente über Hebbels Leben, jein« Briefe und Tagebücher, die Berichte und Aufzeichnungen seiner Zeitgenossen sich, Ihrem Gesamteindruck nach, vergegenwärtigt, so scheint es, als ob dies« zähe, selten von einem Glück gemilderte Energie den Dichter in fort» währender krampfhafter Anspannung hält — aus der sein Wesen manchmal in einen düsteren, unergründlichen, verzweiflungsvollen Schmerz hinabsinkt, seltener sich friedlich löst: dann oerscheint der hart Ringend« plötzlich entweder in ein Kind verwandelt, das in die Welt staunt, oder — so zum Beispiel in seinem innig verstehenden Verhältnis zu Tieren — in einen gütigen liebenden Weisen. In seiner späteren, mehr vom Glück begünstigten Zeit werden diese Momente häufiger. In seiner Dichtung aber haben solche Augenblicke befreiter und gelöster Spannung sicher immer das Schönste gezeugt. Die wundervollen Heidelberger Däm- merungs- und Nachtbilder sind daraus entsprungen und manche einzeln« Schönheit in seinen Dramen; wie vielleicht die tiefe Antwort auf des Holosernes Frage an Judith, was Sünde fei. Hebbel läßt Judich zu dem Könige sagen: „Ein Kind hat mich einmal dasselbe gefragt. Dies Kind habe ich geküßt. Was ich dir antworten soll, weiß ich nicht". Hebbel war ein problematischer Geist voller Disharmonien, Zerrissenheiten, Zweifel — aber im Grunde ein ziemlich unkomplizierter einfach-starker Charakter, der sich durch einen hauptsächlichen Zug kennzeichnet, eben seinen geradlinigen zähen Willen, der auch bei den schweren Konflikten im Verstände oder int Gefühl Hebbels nie weit von seinem vorgefaßten Wege abgelenkt werden konnte. Und schließlich durchdrang dieser Willensgrund auch immer wieder Hebbels Geist und gab seinen Gestalten die schonungslose Folgerichtigkeit des Denkers und das unbeirrt« klare Handeln des Politikers. Unbändig, trotzig war die Bauernnatur Hebbels. Aber ein noch stärkerer hat sie gebändigt und sie chr Leben lang sich dienstbar gemacht: der schöpferische Geist des Mannes, der Geist, der sie hinaustrieb, ihm in der Welt eine Stätte zu bereiten, der aber auch wie ein Wirbel alle Kräfte seiner menschlichen Natur in sich hineinrih und zu innerer Anschauung machte. * Mit der Bibel lernte Hebbel die ersten Gedichte und Geschichten kennen — sie und die spärlichen anderen Anregungen aus der Dichtung, die um 1825 zu einem Maurerssohn in ein entlegenes Dorf drangen, genügten schon, in der genialen Bewußtheit des armen Knaben das Ziel» bild seines Lebens entstehen zu lassen: ein großer Dichter zu werden. Und sogleich vollzieht sich die Unterordnung aller noch unentwickelten Leidenschaften und Kräfte in der Persönlichkeit des jungen Hebbel unter diese als Dichtung begriffene Leidenschaft zum Lebensganzen. Alle einzelnen Triebe, die ohne diesen Zenttalwillen den Menschen Hebbel nach vielen Seiten gerissen hätten, werden geistig, enttörpem sich zu Gestalt und dichterischem Bild: fein Ehrgeiz und Machtdurst wird Holofernes, seine Wollust Golo, sein Haß ist wie eine Drachensaat, aus der bi« Nibelungenrecken, aufstehn. Wie war der Geist beschaffen, der einen Menschen sich so ganz zu Dienst zwang? Wir kennen ihn aus den Tagebüchern genau. Hebbels Tagebücher sind ein Niederschlag, eine Spiegelung seines geistigen Lebensprozesses. Wenn auch natürlich oft Tage und Wochen zwischen den einzelnen Aufzeichnungen liegen, so ist doch Jahre hindurch sicherlich kein« Vorstellung, kein Bild, kein Gedanke, die diesem scharfen Selbstbeobachtek durch den Kopf gingen und ihm irgendwie bemerkenswert erschienen, übersehen ober vergessen worden. Wir wissen, welche (Erregungen aus dem Leben Hebbels Geist aufnahm, welche Seile der Dinge ihm wichtig war, mit welcher Art von Vorstellungen und Gedanken er spielte. Da zeigt sich benn, daß ihm zu den Vorstellungen stets seltsame Beziehungen und Fortführungen auftauchen, oft abstruse Fragen und Möglichkeiten, wie etwa die, ob wohl ein Mensch, der sich die Pulsader geöffnet hat, in seinem eigenen Blut auch noch ertrinken könne, und Aehnliches. Aber solche Spitzfindigkeiten, die an mittelalterliche Scholastik erinnern, sind schließlich doch nur eine Auswirkung desselben schassenden Prinzips in diesem Geiste, das große ttagische Schicksal und Möglichkeiten dem Unbewußten entringt. Es ist der klarste Ausdruck für diesen Grundzug des Hebbelschen Geistes, wenn er den furchtbaren Gegensatz findet, wie eine Mutter über den gewaltsamen Tod ihres Kindes jubeln kann. In einem Fragment steht dieser ungeheuerliche Gestaltungsgedanke: der kleine Jesus ist krank und seine Mutter Maria fürchtet schon, daß er stirbt. Da umhüllt sie eine Vision, die chr das Kind am Kreuz zeigt — und sie ruft freudig, indem sie in diesem Bilde zunächst nur das eine empfindet, daß Jesus jetzt noch nicht stirbt: „Man schlägt keine Kinder ans Kreuz. Noch lange Jahre habe ich ihn!" Hebbels schöpferische Gedanken sind schlagend bildhaft und find erschütternd. Vielleicht hat sein großer lebendiger Verstand, der allerdings immer bald nach der Entstehung jeden geiftigen Prozeß in Bewußtseinshelle riß, den Blick Hebbels sich nicht lange genug an der Illusion dem schönen trügerischen Schein des Lebens freuen lassen und ihn zu rasch in alle Tiefen und Abgründe gesandt. Vor Hebbels durchdringendem, sengendem Blick zerfallen die Illusionen zu rasch. Hebel selbst sagt einmal, daß er die Blumen auf der Erde nicht mehr sehe, weil er immer die Toten unter ihr sehen müsse. Hebbel interessiert nicht mehr nur die einfache Vorstellung einer Tat, eines Geschehnisses, so wie er sie fleht, sondern die dialektische Debatte der in der Tat liegenden Ideen; sozusagen: die Bestätigung des Absoluten in ihr. In die Debatte über die Idee gießt es seinen ganzen bewußten Schöpferwillen. Sein dialektisch-ethischer Trieb zwingt ihn, tiefer hinein,zuleuchten in die seelische Struktur, das Gewebe der Motive deutlicher ans Licht zu holen, so daß man die feinsten Verästelungen fleht. Damit hat er dem Drama, das sich von dem Kampfe roher Kräfte Immer mehr ins Unkörperliche gewandt hak, ekne neue Stufe gezeigt 3um Hinabsteigen in^ die Seele Wenn wir uns den Gesamteindruck seines Werkes vergegenwärtigen, so erkennen wir: er ist fester, ruhiger und weniger myprünglich als Kleist; nüchterner aber auch wirklicher als Schiller, dessen „Wallenstein" und „Tell" als Summe er nicht erreicht, den er als Jielwanderer aber soweit hinter sich läßt, wie er ihm als Vollender nachsteht. Bei fast gleicher Gestaltenstrenge ist er lebensvoller als die Griechen, die das tragische Problem zwar nicht so tief sehen wie er, es aber — im Gegensatz zu seinem Debattieren der Idee — rein aus sich, mit anschaulicher Logik zum ergreifenden Ende führen. Er ist den Griechen um soviel als Szeniker überlegen, wie sie es ihm als Dramatiker sind, und wie ihm wieder Shakespeare als Szeniker überlegen ist. Es kann nicht wundernehmen, daß dieser Grübler, dem kraft des Formgesetzes in seiner Persönlichkeit alles Erleben zu tragischer Erkenntnis wurde, der vielleicht tiefer an die Wurzel der Tragik tastete als irgendein Dichter vor ihm, zu der Ueberzeugung kam, daß Shakespeare überwunden werden müsse. Hätte Hebbel, nicht verlockt von seinem ideellen, dialektischen Triebe zum Erklären und Rechtfertigen, das organisch-dramatische Zu-Ende-denken des Problems der Griechen, soweit es in ihm lag, betätigt — er wäre mit seinen Stoffen, seinen Konzeptionen, auch ohne größeren Gestaltenreichtum und größere Fülle naiven sprudelnden Lebens ein gefährlicher Rivale des dramatisch-tragischen Fabulierers Shakespeare geworden. Ohne damit natürlich den Lebensschöpfer Shakefpeare, das eigentliche Weltphänomen, zu erreichen. — Wir müssen Hebbels Bedeutung daran messen: es läßt sich von ihm aus zum erstenmal ein Weg sehen, aus dem Shakespeare überholt werden kann. Ich und Du. Von Friedrich Hebbel, Wir träumten voneinander und sind davon erwacht, wir leben, um zu lieben, und sinken zurück in die Nacht, Du tratest aus meinem Traume, aus deinem trat ich hervor, wir sterben, wenn sich eines im andern ganz verlor. Auf einer Lilie zittern zwei Tropfen rein und rund, zerfließen in eins und rollen hinab in des Kelches Grund. Affenwirtschast. Von Marie Schenck. Wir haben uns vor einigen Jahren unser Haus, unfre „Arche Noah" gebaut und leben und weben nun darin, sind glücklich oder traurig und bilden uns auf alle Fälle ein, die Hauptpersonen im Hause zu sein. — Ob wir es aber wirklich sind? Unsere Jüngsten, unser Zwillingspärchen ist sicher andrer Ansicht. Denn da lebt und webt noch ein Völkchen mit in Haus und Garten, kleinere und größere Herrschaften, mehr oder weniger behaart, mehr oder weniger bekleidet, oft unsichtbar, oft äußerst sichtbar, so daß man dauernd über sie und ihre Spuren stolpert, — sie essen und trinken, sie tanzen und spielen, sie freien und lassen sich freien, und sind für die Zwillinge bestimmt viel anziehender als die Erwachsenen. Es sind also, um es kurz zu machen, die Spieltiere unserer Zwillinge. Nicht umsonst heißt unser Haus die Arche Noah, es beherbergt tatsächlich „so mancherlei Getier". Da gibt es Riesenbären und treue Esel, die nur noch liegen können, und winzige Hühnchen und rosa Hündchen, — aber die Hauptpersonen, die unumschränkten Herrscher in diesem Reich, sind doch die Aeffchen. Sie sind klein und braun, etwa so groß wie eine Hand und haben einen Knopf im Ohr als Warenzeichen. Als sie neu waren, sahen sie so bezaubernd aus, daß auch große Leute ihren Reizen erliegen und abendelang mit ihnen spielen konnten. Las Ist nun schon lange her, und das eine Aeffchen hat auch schon einmal sechs Wochen lang im Walde gelegen, was seiner Schönheit nicht förderlich war. Es ging verloren, und trotz eifrigen Suchens und vieler Tränen blieb es verschollen. Aber dann fand man es wieder, und nie vergesse ich die Seligkeit, mit der Brüderchen den verlorenen Sohn ans Herz drückte. Aesschen bekam dann schnell ein Nachthemd an, wurde ins Bett gepackt, der Asfenbruder zur Erwärmung daneben, und zur inneren Erwärmung wurde ihm noch ein Fläschchen mit Milch an seine Lippen gelegt. So lag er da, ein Bild des Wohlbehagens nach überstandenen Nöten. Er erholte sich auch rasch, und daß er nun ein bißchen weniger schön ist als sein Mitregent, stört niemanden. ..Mutter, die Aeffchen möchten so gern Kartoffeln essen, im Korb sind noch so niedliche kleine Afsenkartofseln, dürfen wir ihnen die kochen?" — »Ach Mutter, da hängen ja so .gräßlich süße' kleine Affenböhnchen, darf ich die haben für die Aeffchen?" — „Mutter, kannst du uns nicht ein paar Rosinen geben? Die Affen haben Geburtstag! Und noch ein Töpfchen Milch? Und hast du nicht vielleicht noch ein bißchen Zucker?" — „Mutter, zu Weihnachten muß ich unbedingt noch ein Kochtöpfchen kriegen. Aeffchen wollen doch nicht immer nur e i n Gericht essen!" Man sieht, die Ernährung des Herrscherpaares ist gar nicht so einfach. Und leider, leider werden sie immer anspruchsvoller. (Auch hierin gleichen sie sehr den Menschen!) Zuerst begnügten sie sich mit Schneebeeren, Hagebutten, Eicheln usw. Sie huldigten also der Rohkost in ihrer strengsten Form. Aber bann kam die Zeit, ba erschienen die Zwillinge mit winzigen Fläschchen und Kännchen und erklärten, die Aeffchen brauchten Mitch. Ich tat ihnen den Willen, — obwohl es schwierig war, diese Afsengefäße zu füllen —, kaum fing man an zu gießen, so liefen sie auch schon über und bekleckerten die ganze Küche. Aber es entstanden nun herrliche, gemischte Rohkostgerichte, etwa so: zu gleichen Teilen Zucker, Salz und Krümel, das Ganze schön mit Milch angefeuchtet, — das mußte ja gut schmecken! Auch diese Ernährungssorm ging noch an, obwohl sie reichlich Spuren aus Tischen, Fußböden und Kleidern hinterließ. Aber dann gingen die Assen zu regelrechter bürgerlicher Küche über. Affentomaten, Affen» bohnen, Affenkartoffeln —, es gab fast nichts auf unferm Speisezettel, was nicht in verkleinerter Form auch auf dem Affentisch erschien. Täglich standen die Asfentöpfchen seitwärts aus dem Herd und brodelten, eifrig bewacht von den Affenbesitzern. Daß die Affen jeden Sonntag ihren eigenen Kuchen beanspruchten, versteht sich von selbst. Man weiß nicht recht, wo das noch hinsllhren soll? Werden sich die Affest auf die Dauer mit unserer immerhin einfachen Lebensweise begnügen? Oder werden sie eines Tages ein Diner von sieben Gängen verlangen? Ich sehe mit Sorgen in die Zukunft. Anspruchsvoll wie int Essen find die Assen auch in der Kleidung. Leider hat es im Tierreich meiner Zwillinge auch so etwas wie einen Sündenfall gegeben. Denn während früher alle Tiere einfach nackt gingen und sich nichts dabei dachten (höchstens, daß sie an hohen Festtagen mal ein Bändchen umbanden), finden sie es jetzt nötig, sich von Kopf zu Fuß zu bekleiden. Die Aeffchen find natürlich wieder bei weitem die Hof- färtigsten. „Mutter, kannst du mir nicht einen Flicken geben? Aesschen hat doch noch gar keinen Bademantel!" — Wer könnte da Nein sagen? Es geht ja auch wirklich nicht, daß Aeffchen keinen Bademantel hat! — „Mutter, hast du nicht so ein nettes Stückchen weißen Stoff? Aeffchen möchte so gern ein .Zierschürzchen' haben!" — Das sind so königliche Launen! Also, Aeffchen erhält ein Zierschürzchen vor feinen winzigen braunen Bauch. Es ist so schwer, in die rosigen, treuherzigen Gesichtchen der kleinen Affeneltern ein hartes Nein zu sprechen, — ich fürchte, ich bin selbst ein bißchen was von einer Affenmutter. Ein Gutes hat ja die Prachtliebe der Aeffchen: die Zwillinge bilden sich zu sehr geschickten Schneidern aus. Nicht nur Schwester, auch Brüderchen führt erfolgreich die Nadel. Und was für eine Nadel! Sie nähen grundsätzlich nur mit den allerdicksten Stopfnadeln, an die der Faden solide festgeknotet wird; und dann geht es los über Stock und Stein. Sie schrecken von keiner noch so schwierigen Aufgabe zurück. Einmal hat der Bruder sich sogar an einen Frack gewagt. Aeffchen war zum König ein» geladen, und jeder wird einsehen, daß er dazu einen Frack benötigte. Der eine Frackschoß war zwar gut doppelt so lang und breit wie der andere, aber wen störte das? Frack bleibt Frack! Man mochte noch so traurig sein, wenn man diesen Frack ansah, wurde man wieder lustig! — Eine eigenartige Nähweise haben die Zwillinge ausgebildet. Sie machen so eine Art von Rollnaht, die sie sehr eng umstechen, so daß die Kleidungsstücke ganz steif werden und fast von selber stehen können. Die Aermel- löcher bohren sie mit einem Bleistift, — das ist ihr Patent. „Siehst du, Tante Hede, so mache ich ein Hemd!" sagte Brüderchen mit Stolz und legte ein unbeschreibliches kleines Gebilde vor die Tante hin. Sie hatte Mühe, die Fassung zu bewahren. Die Rollnähte, die grauliche Farbe, die mit dem Bleistift gebohrten Armlöcher, das alles wirkte zunächst verblüffend. Man mußte sich erst hineinsehen, wie in jedes wahre Kunstwerk. Ein ganz neuer Schwung kam in die Bekleidungsindustrie, als Schwester in der Schule häkeln lernte. Wie eine kleine blonde Spinne saß sie da und behäkelte ihre Opfer von oben bis unten, bis sie kein Glied mehr rühren konnten. Brüderchen blieb diese Kunst versagt. Einmal feierten Aesschen auch Hochzeit. Unvergeßlich bleibt mir die Braut im höchsten Staat, vas braune Affengesichtchen mit den runden Aeuglein umrahmt von einem duftigen, weißen Schleier. Für die Zwillinge war sie sicher der Inbegriff bräutlicher Lieblichkeit. (Wer kann sich da noch ganz hineindenken?) Ueberhaupt zeigen die Tiere eine Vorliebe für Festlichkeiten, es ist ein fröhliches Völkchen. Geburtstag haben sie alle paar Wochen mal, — aber da sie so klein sind, ist wohl auch ihr Jahr etwas kürzer. Alles, was in der großen Welt geschieht, findet seinen kleinen Widerhall in der Tierwelt. Man geht nichtsahnend im Garten spazieren und trifft plötzlich einen richtigen kleinen Rummelplatz mit Karussell, Schaukel und Achterbahn. (Die Zwillinge sind kürzlich auf solcher Stätte der Freude gewesen.) Oder man kommt in ein Zimmer und findet da eine festliche Gesellschaft beim Mahle. Mehrere Tische sind gedeckt, und würdig fitzen die Tiere vor vollen Schüsseln, und jedes hat mit einer Sicherheitsnadel einen kleinen Löffel an der erhobenen Pfote feftgeftetft. (Dies ist der Nachklang von einem größeren Familienfest.) Oder man trifft im Garten eine regelrechte Landpartie, das große grüne Lastauto, bis an den Rand regelrecht gefüllt mit feiertäglich geputzten Tieren, die sich an der schönen Natur erbauen. Die Tiere haben, wie man sieht, eine große Neigung, sich auszubreiten und zu wuchern. Ja, es gibt Stunden, wo ich fast fürchte, sie könnten einmal den ganzen Erwachsenenbetrieb überwuchern und die Herrschaft in der Arche Noah endgültig an sich reißen. Ich sehe bann unseren Herd schon bedeckt mit unzähligen winzigen Töpfchen, in denen endlose und raffinierte Leckerbissen zubereitet werden für die gesamte Tierwelt. Hub ganz am Ranbe brodelt noch ein armseliger Topf für die Menschen! — Ich sehe kommen, daß mir uns notdürftig in die Lappen hüllen, die von der Tierschneiderei übrig bleiben. Und ich sehe unsere Räume erfüllt von den rauschenden Festen der Tiere, — und wir dürfen nur schüchtern in einer Ecke stehen und all den Glanz bestaunen. Aber schließlich, — warum nicht? Die Tiere sind ja wirklich prächtige und sehr sympathische Leute, — und Ist ihre Welt nicht in Wahrheit die schönere, die stärkere, die erfülllere? Wenn sich die Zwillinge zu solchen Fragen äußern könnten, sie würden sich keinen Augenblick besinnen, der Affenwirtschaft den Vorzug zu geben! Verantwortlich: Dr. HanS Thyriot. — Druck und Verlag: Vrühlfche Univerf ttätsdruckerei R. Lang«, Gießen.