GiehenerZamilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1938 Freitag, -en l8.Februar Nummer U HeylmLchllü Äoman von Hans^aspar von Zobeltih dopyrigljt by Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart - I. Am letzten Sonntag des Mai 1903 stürzt im Hoppegartener Tribünensprung in der „Armee" der Rittmeister im Garde-Kürassier-Regiment Alexander Graf Czeh-Waldhausen. Er führte auf seinem Hengst Grenadier vom Blackwater aus der Granada bis zu diesem Sprung in sehr scharfer Fahrt das starke Feld, in dem die Reiter die Uniformen der Offiziere der deutschen Kavallerie trugen, die bunten Attilas der Husaren, die dunkelblauen Ulankas, die hellblauen Dragonerröcke; man schrieb dem Pferd des Grafen Czeh Siegesaussichten zu, die Eventualquote am Totalisator wird nach dem Rennen mit 22:10 errechnet. — Der Tribünensprung ist nicht schwer, er besteht aus quer über das Geläuf gestellten niedrigen Hürden; aber die Fahrt war wohl zu stark. Grenadier stößt mit der Vorderhand an, die Beine verheddern sich. Die Zuschauer sehen noch, wie Czeh sich bemüht, den Braunen ausrechtzuhalten, indem er die Trense scharf herannimmt, aber es ist zu spät. Das Unglück ist da: Pferd und Reiter Überschlagen sich, wälzen sich auf dem Boden, lieber sie hinweg braust das Feld; Grenadier ist schnell wieder hoch und jagt ihm mit leerem Sattel nach. Das alles geschieht im Bruchteil von Sekunden. Ein Schrei fliegt über die Tribünen, bann wird es still. Alle Augen verlassen das weiterstürmende Feld und heften sich auf die Hürden, deren mittelster Satz umgeworfen ist. Vor ihm liegt Czeh auf dem^Gesicht, bewegungslos. Man begreift nicht: wie konnte dies dem Grafen Czeh zu- ftoßen, einem der erprobtesten Herrenreiter der Armee? Einige Zuschauer des ersten Platzes springen über die Barriere, fassen zu und drehen den Körper des Gestürzten um. Die Arme hängen schlaff, der Kopf fällt nach vorn. „Das sieht böse aus", sagt jemand. Dann ist plötzlich der Rus da: „Bachmayr sührtl" Viele Gläser heben sich, suchen das Feld, finden es; wirklich: vorn leuchtet eine rote Hufarenjacke. Die meisten sehen nicht mehr, wie Graf Czeh vorsichtig auf eine Tragbahre gebettet wirb, die zwei Männer vom Roten Kreuz mit gleichmäßig wiegenden Schritten an der äußeren Seite des Geläufs davon- tragen. Als sie mit ihrer fchweren Last durch die Zuschauerreihen muffen, bildet sich eine Gaffe, die Männer ziehen die Hüte. Im Gesicht des Grafen ist kein Blutstropfen, die Augen sind geschloffen. „ Irene Czeh ist aufgesprungen, als ihr Mann stürzte. Sie teilt ihre Loge -mit Lore Falkenhausen, deren Mann auch im Rennen ist, und mit dem Prinzen und der Prinzefsin Liebenstein. Sie schwankt, ihre Hände umkrampfen die Brüstung, sie wendet den Kopf ab, sie will nicht Hinsehen, sie kennt das: Stürze im Rennen; sie hat es schon oft erlebt, in Karlshorst, in Baden-Baden, in Hamburgern Köln, in Harzburg, überall, wo Pferde zwischen den Flaggen laufen. Sie weiß, es geht meist glimpflich ab. Aber diesmal: sie spürt einen Stich im Herzen. Sie zwingt ihren Blick zurück: da liegt Alexander, ein dunkler, stiller Fleck auf dem grünen Rasen. , ' >. Der Prinz stützt sie. Lore Falkenhausen sagt: „Sieh fort, Irene." Dann aber ist eine andere Stimme neben ihr, eine Stimme, die sie kaum kennt, die nicht in diese Loge gehört. „Kalmen Sie, Gräfin." Eine Hand faßt ihren Arm, sie fühlt sich geführt und folgt dieser Führung; sie steigt die vier ßogenftufen hinauf, schreitet, fast ohne zu wissen, daß sie es tut, den Gang zwischen den Sitzen der Zuschauer entlang, geht langsam eine Treppe hinab. Man macht Platz, man kennt hier die Gräfin Czeh, die Frau des Herrenreiters, die Frau des eben Gestürzten. In Irenes Ohren ist ein Brausen, sie hört durch dies Brausen hindurch den Ruf: „Bachmayr führt!" Und wirklich ist der Gedanke da: Bachmayr auf Lübeck. Ihr ist ja jedes Pferd und jeder Reiter im Feld bekannt, und gestern abend hat Alexander noch gesagt: „Lübeck hat auch eine Chance". Das klingt jetzt in ihr nach. Der Platz hinter den Tribünen ist leer. Nur die Totalisatorbeamten sind aus ihren Ständen getreten, um ein paar Züge zu rauchen, und vor dem Aufgang zur Tribüne des Unionklubs stehen die beiden alten Klubdiener; sie nehmen die Mützen ab. Man weiß auch hier schon, was geschehen ist. Irene ist noch immer wie im Traum. Der Mann neben ihr führt sie weiter durch die helle Maisonne, vorbei an den Blumenbeeten, den sorglich gepflegten Rasenflächen, die Hoppegartens Stolz sind. „Wohin?" fragt Irene. „Zur Waage." Zur Waage, denkt sie, richtig, dahin werden die Gestürzten immer gebracht. Sie weiß jetzt auch, wer der Mann ist, der sie leitet. Er trägt den blauen Ueberrock der Infanterie mit silbernen Knöpfen und gelben Unterlagen unter den Leutnantsachselftücken; er ist der junge Wallnitz von den Garde-Füsilieren, von den „Maikäfern", wie die Berliner sagen, das blutjunge Kerlchen. Sie wundert sich selbst, daß der Name ihr einfällt. Dann kniet sie neben der Bahre, auf der Alexander liegt. Der leichte seidene Koller, den er immer in den Rennen trägt, ist geöffnet und das Hemd auseinandergezogen. Die Aerzte sind zur Stelle, aber sie haben noch kein Wort zu Irene gesprochen. Sie sieht sie an, einen nach dem anderen, sie weichen ihrem Blick aus. Da weiß sie, wie es steht, ganz klar weiß sie es, glasklar. Es würgt ihr im Hals, sie möchte so gern schreien ober auch nur meinen, aber sie kann es nicht. Sie möchte in eine tiefe Ohnmacht versinken, aber ihr Geist bleibt wach. Sie hört den Lärm, der gedämpft in den Raum bringt, Stimmen vieler Menschen, das Wiehern eines Pferdes, Rufe und ganz von fern das Klappern der Tatalifatarmaschinen, die die Wetten für das nächste Rennen anzeichnen. Das Leben da draußen geht weiter. Und hier liegt stumm und ohne Bewegung der Mann, der ihr Mann ist oder war. Sie wagt nicht zu fragen:,Lebt er noch? Sie kniet. Endlich bringt sie den Mui auf, ihre Hand auf feine Hand zu legen, die fchlaff neben feinem Körper ruht. Sie fühlt menschliche Wärme. Etwas flockt in ihr auf, jedoch sie weiß nicht, ob es ein Hoffen ist. Zu Haufe in der Wohnung in der Großbeerenftraße spielen jetzt Lkxe und Günter Rennen, sie spielen es immer, wenn die Eltern nach Hoppe- garten ober Karlshorst gefahren finb. Lexe ist neun unb Günter sechs Jahre alt; sie kennen bie Namen vieler Pferbe, ben Dreß vieler Ställe und die Uniformen aller Regimenter der deutschen Kavallerie, sie sind Reiter- und Solbatentinber, ganz wie Alexanber es gewollt hat. Sie finb jung unb wissen nicht, wie ihre Umwelt eigentlich aussieht, sie können noch nicht durch den Schleier von Form, Erziehung unb Höflichkeit hjndurchsehen. Die englische Erzieherin sitzt bei ihnen und verbessert bann unb wann ein Wort in ihrem Geplapper, denn sie sprechen englisch. Auch das ist Alexanders Wunsch. Wenn Alexandrine ihr zwölftes Jahr vollendet Hot, soll eine Französin ins Haus kommen, damit sie in beiden Sprachen sicher ist, wenn sie mit siebzehn zu Hofe gehen wird. Es soll alles bleiben, wie er es gewollt, denkt Irene. Sie schauert, die klaren Gedanken schmerzen. Wenn ich doch meinen könnte, er ist doch mein Mann, ist der Vater meiner Kinder. Die Hand unter ihrer Hand rührt sich. Sie schrickt auf, mirft den Kops zurück und starrt die Aerzte an. Da ist auch schon einer an der Bahre, richtet ben Körper auf, der sich strecken mill. Ganz groß finb Alexanders Augen geöffnet. Irene sieht in sie hinein, braune Augen finb es mit hellen Tupfen um bie Iris. Ein Erkennen scheint in ihnen zu sein. Die Sippen mollen sich bemegen, reellen Laute formen. Irene glaubt zu verstehen: „Gün—ter." Der Kopf finkt nach vorn. Irene muß sich zur Seite beugen, bamit er sie nicht trifft. Da bricht sie zusammen, fällt über ben Leib Alexanber Czehs, ber auf bie Bahre zurückgleitet. „Exitus", fagt einer der Aerzte leise. * Der Leutnant Bernd van, Wallnitz sitzt in einem Abteil dritter Klasse des Nachtzuges nach Breslau; er trägt Zivil, lieber ihm im Gepäcknetz liegt fein Kaffer mit den Uniformfachen, liegen fein Säbel in der Leder- Hülle und fein Helm in ber hohen schwarzen Schachtel. Er roirb am frühen Margen in Liegnitz fein unb gleich nach bem schlesischen Freiburg weiterfahren. In Freiburg wirb er sich im Hotel umtleiben. Von dort werben die Trauergäste mit Wagen nach Waldhausen abgeholt. In ber Anzeige hat es so gestanden, der Anzeige mit dem breiten schwarzen Rand, die er erhalten hat; der Umschlag trug seine Adresse, geschrieben von der Hand ber Gräfin Irene Czeh; er kennt ihre Schrift, sie hat ihn einmal eingelaben zu einem kleinen Essen in ihrem Hause, aber er hat absagen müssen, denn für seine Rekruten war eine Nachtübung angesetzt. Er hat sich das Geld zu dieser Reise zusammenborgen müssen, das Monatsende steht dicht bevor, und er ist ein armer Kerl; fein Vater hat ein kleines Gut in der Neumark, Dapper heißt es, und feit fünfhundert Jahren quälen sich die Wallnitze mit feinem fliegenden Sand und feinen ..Kiefern; es wirft kaum etwas ab, unb bie Zulage, bie ber Vater ihm geben kann, ist daher noch kleiner als das Gehalt, das er vom Staat bekommt. Es wäre vielleicht richtiger gewesen, er wäre, nachdem er sein Abiturium in der Lichterfelder Hauptkadettenanftalt gemacht hatte, in Irgendein billiges Linien-Infanterie-Regiment eingetreten, aber die Wall- nitze haben alle bei der Garde gedient und fein Vater und fein Großvater auch schon bei den Garde-Füsilieren. Da schränkt man sich lieber ein und wahrt die Ueberlieserung. .«.«»»«. t s. Zehn Mark hat ihm Berklow, zehn Mark hat ihm Renkhausen und fünf Mark Erich Heidenberg gegeben; sie haben ja alle nicht viel und sind immer knapp. Heidenberg hat geschimpft: „Was willst du denn in Waldhausen bei Czehs Begräbnis, was geht uns das an? Du kennst da ja keinen Menschen. Lauter schlesische Magnaten und die ganze Garde- Kavallerie werden da sein. Dazu die Breslauer Kürassiere und et< paar Dragoner aus Lüben und ein paar Husaren aus Ohlau. Laß die hochgestochene Bande doch unter sich." Auch Urlaub zu bekommen war nicht leicht. Das Regiment ist aus dem Truppenübungsplatz in Döberitz, und das alljährliche Kaiserexerzieren der Brigade am 29. Mai steht dicht bevor; da wird jeder Leutnant gebraucht, damit nachher alles klappt. Wie die anderen hat auch der Regl- mentsadjutant gefragt: „Was wollen Cie denn in Waldhaufen, Wallmtz? — „Ich habe im Czehfchen Hause verkehrt." — „Sie sollten dies blödsinnige Laufen auf alle Rennen lieber lassen. Wir sind Infanteristen. Die Rennen kosten nur Geld, und bei der Wetterei kommen zum Schluß nur Schulden heraus." — „Ich wette nicht." — „3d) weiß, Wallnitz, Sie sind vernünftig; aber trotzdem..." Der Kommandeur hat dann den Urlaub bewilligt, er sieht gern, wenn seine Offiziere sich zeigen, und er weih, daß Wallnitz überall eine gute Figur macht, trotz feiner Jugend. Der Zug rattert durch die Nacht, jeder Schienenstoß klappt, jede Weiche klingt. Der Mann, der Bernd Wallnitz gegenübersitzt, schlaft fest; auch der neben ihm schnarcht. Es ist unerträglich heiß im Abteil, und die Luft ist verbraucht und schal. Wallnitz kann nicht schlafen, seine Gedanken sind zu wach. Er starrt aus dem Fenster in die Finsternis; nur selten flammt draußen ein Licht aus, wenn etwa ein Bahnwärterhaus voruber- hujcht oder eine kleine Station. Bernd sehnt das Morgengrauen herbei, er haßt Dunkelheiten, er liebt Licht, Helle; es kann nicht mehr lange währen, Mainächte sind kurz. « Sie verstehen beim Regiment alle feine Fahrt nicht, er weih es; aber er kann ihnen die Gründe doch nicht erklären, er kann ihnen doch nicht agen, dah er diese Irene Gräfin Czeh liebt, daß er sie liebt wie ein chöues Bild, wie etwas Unnahbares. Er kann ihnen nicht sagen, dah er m letzten Winter alle Empfänge in den Ministerien, in den Gesandt- chasten, auf den Botschaften nur deshalb besuchte, weil er hoffte, sie »ort zu treffen, daß er aus allen Rennen nur war, weil er wußte, daß er ie darf sah. Sie ist wohl zehn Jahre älter als er. Er fragt nicht danach und denkt nicht daran. Er liebt sie, und er ist einundzwanzig. Es war fo: Auf einem Hofball stand er int Weißen Saal während eines Walzers im Kreis der Wartenden und stand, weil es der Zufall wollte, neben Irene Czeh. Da leerte sich für einige Augenblicke die Tanzfläche. Der Kaiser mag das nicht. Der Vortänzer eilte die Reihen entlang und flüsterte den Herren zu: „Tanzen!" Es gab kein Zögern: Bernd verbeugte sich vor der Gräfin Czeh und tanzte mit ihr, die er nicht kannte, die ihn nicht kannte. Sie ist schön, dachte er. Als die Musik abbrach, schritten sie durch den Saal, durch die Reihen der festlichen Menschen; Bernd war befangen. „Verzeihung!" sagte er, „aber ich mußte tanzens — „Ich weiß. Warum sollen Sie nicht mit mir tanzen? Cs freute mich. Bis zur Weißen-Saal-Galerie gingen sie und in ihr gedämpftes Licht hinein. Irene sprach mit ihm: erst vom Ball, dann von seinem Dienst und dann plötzlich von ganz anderen Dingen: von einem Buch, von einem Gedicht. Erst als der Auftakt zum Menuett erklang und sie sich trennen muhten, fragte sie mit einem Lächeln: „Wie heihen Sie eigentlich?" — „Bernd Wallnitz." — Sie reichte ihm die Hand. „Ich bin Gräfin Czeh." Draußen steigt ein fahler Morgen hoch. Und dann ist ßiegnig da. Er muß umsteigen. Im Wartesaal trinkt er eine Tasse Kaffee und läßt sich Brötchen und Butter dazu reichen. Er ist jung, kräftig und gesund, da kann ihm eine Nacht ohne Schlaf nicht viel anhaben. Der Kaffee frischt auf, der Rest der Müdigkeit ist verflogen. Er nimmt fein Köfferchen, seine Helmschachtel und seinen Säbel auf, um in Ruhe zum Freiburger Zug zu gehen, er ist kein Freund von Eile, aber ein Freund von Pünktlichkeit, sie ist ihm Fleisch und Blut geworden in der Zucht des Kadettenkorps, wo sich jeder Tag nach der Uhr mit Klingelzeichen und Trommelruf regelte. Aber als er auf den Bahnsteig kommt, beschleunigt er doch seinen Schritt und drückt sich schnell in ein Abteil dritter Klasse; sie brauchen ihn nicht zu sehen, die wohlhabenden Herren von der Kavallerie, die sich vor dem einzigen Wagen zweiter und erster Klasse, den der Zug mitsührt, versammeln. Er schämt sich für Augenblicke seiner Armut und denkt an Heidenbergs Worte: „Laß die hochgestochene Bande doch unter sich." Er denkt auch an die Witzereißer und Karikaturenzeichner im „Simplizissi- mus" und in der „Jugend", die sich über die Leutnants luftig machen und alles, was mit dem Offtziersstand zusammenhängt, mit Schmutz bewerfen. Die da draußen geben vielleicht manchmal Anlaß für solche Sudeleien, obwohl auch sie ihren Dienst verdammt genau nehmen müssen. Aber diese Herren, die so gern des Kaisers Rock und seine Träger beschimpfen, sollten sich einmal seine Leutnantsbude in der Kaserne ansehen mit dem Kammihbett und dem Ledersosa aus den Beständen des königlichen Utensils, mit dem alten verzogenen Schrank, dem Axminsterteppich und den zwei Korbstühlen, die Mutter aus Dapper dazu gestiftet hat, damit es etwas behaglicher würde, sie sollten einmal in sein Portemonnaie sehen, in dem immer Ebbe ist, sie sollten einmal versuchen, mit ein- hundertsünfzig Mark im Monat dieses Leutnantsdasein zu bestreiten, sie würden dann wohl anders denken lernen. „Je mehr Luxus und Wohlleben um sich greifen, desto mehr muß der Offizier bemüht fein...", heißt es in der Allerhöchsten Kabinettsorder, die sie auf der Kriegsschule auswendig lernen mußten und die ihnen in jeder Ofsiziersverjammlung immer von neuem vom Regimentskommandeur vorgehalten wird. Von Luxus und Wohlleben aus eigener Tasche hat er bisher wenig verspürt. Luxus und Wohlleben jibt es draußen, außerhalb der Kafeme, da, wo man gesellschaftlich dann und wann verkehrt, in den Gesandtschaften, im Berliner Westen, in den Häusern der Industrie. Aber das liegt doch nur an der Grenze seines Alltages, und es fällt ihm meist bitter schwer, die fünfzig Pfennig, die er nach den Bällen oder nach dem Essen dem Diener als Trinkgeld in die Hand drücken muß, loszueisen, ihm und seinen Kameraden. Sie laufen dann nach den Gesellschaften, um die Groschen wieder einzusparen, zu Fuß in die Kaserne zurück, anderthalb Stunden durch die Nacht vom Kurfürstendamm bis in den Norden, bis in die Chausseestraße; dort liegen die drei langen grauen Häuserblocks, in denen ihr Regiment untergebracht ist. Um drei Uhr kommen sie endlich dort an, und um sieben Uhr stehen sie vor ihren Rekruten und halten Jnstruktwus- stunde ab über die Kriegsartikel und über die Pflichten der Soldaten. Hat sich was mit Luxus und Wohlleben! Die Wut könnte man manchmal kriegen, wenn man nicht den Stolz auf seinen Rock und sein Regiment in den Knochen hätte und wenn man das alles nicht so unbändig liebte. Der Zug rollt durch Schlesien. Es ist ein fettes Land. Friedrich der Große wußte, warum er drei Kriege um diese Provinz führte. Ruben- boden, Weizenboden. Feldbahngeleise liegen quer durch die Aecker, weil die Gespanne die schwerbelasteten Wagen sonst nicht durch die lehmige Krume ziehen könnten. Hier verdient der Großgrundbesitz. Fast neben jedem Gutshof ragen Schlote in den Himmel: Zuckerfabriken, Brennereien. Die Landwirtschaft ist hier schon Industrie geworden. Zu Haufe in der Neumark sieht es anders aus: Sand; da muß der Gutsbesitzer zusehen, wie er mit seinem Roggen und seinen Kartoffeln zurechtkommt, und wenn der Sommer ohne Regen ist, gehen die auch zum Teufel. Die Söhne von den Gütern hier stehen bei der Kavallerie, dje Söhne von den Gütern dort bei der Infanterie. Man muh über solche Dinge nicht Nachdenken: Heimat ist Heimat. Die Kiefern in Dapper sind die schönsten int ganzen Preußen. Wo man hingestellt worden ist, da steht man und da fällt män auch, wenn es sein muß. Freiburg, das kleine Nest, ist voll von Uniformen. Helme mit dein Preußenadler, wohin man sieht. Halb Schlesien scheint sich zu Alexander Czehs Besetzung versammelt zu haben, und jeder Reserveoffizier hat sich natürlich feinen bunten Rock angezogen und feinen Säbel umge« schnallt. Reserveoffizier aber ist jeder, der hier auf dem Lande sitzt. Das kleine Hotel liegt dem Bahnhof gegenüber. Bernd Wallnitz verhandelt mit dem Oberkellner. Es ist kein Zimmer frei, alles ist besetzt bis unter das Dach. „Ich muß mich aber umziehen, irgendeinen Raum werden Sie doch haben." — „Bedaure sehr, Herr Leutnant." Da kommt ein General die Treppe herunter und fragt: „Was gibt’s?" Der Oberkellner erstattet Bericht, ehe Wallnitz selbst antworten kann. Der General zieht die Uhr. „Wir haben noch eine Stunde Zeit." Er blickt Wallnitz an, blickt auf Degenfutteral und Helmschachtel. „Kommen Sie mit zu mir herauf, da ist Platz genug. Haben Sie schon gefrühstückt?" — „Zu Befehl, Herr General, auf dem Bahnhof in Liegnitz." — „Wird lange genug dauern, die Sache in Waldhausen. Kellner, zweimal Kaffee und Schinken mit Spiegeleiern auf mein Zimmer." Plötzlich ist auch der Hausdiener da, nimmt Bernds Koffer und trägt ihn den Flur entlang der Treppe zu. Oben sagt der General: „Genieren Sie sich nicht, fangen Sie ruhig an.“ Er zeigt auf den Waschtisch. „Sie können sich auch waschen und rasieren, es steht alles zu Ihrer Verfügung." Wallmtz schließt feinen Koffer auf. Der General steht am Fenster und beobachtet ihn. „Selbst gepackt", fragt er, „oder vom Burschen packen lassen?" „Selbst gepackt, Herr General." — Wallnitz nimmt den Waffenrock heraus, die Stickereien an Kragen und Ausschlägen sind sorglich in Seidenpapier gehüllt; er entfernt es, knöpft die Epauletten ein. Eine neue Frage kommt: „Maikäfer?" — „Zu Befehl, Herr General.“ — „Und Sie heißen?" — „Wallnitz, Herr General." — „Aus Dapper?" —> „Jawohl, Herr General." Eine Weile ist es still. Bernd beeilt sich mit dem Umkleiden. Als er zum Waschtisch gehen will, zögert er doch einen Augenblick, aber der General ermuntert ihn: „Los, los, keine falsche Scham. In solchen Lagen muß einer dem anderen helfen." Und dann, während Wallnitz sich rasiert: „Sie wissen nicht, wer ich bin?" Es ist Wallnitz unangenehm, scheußlich unangenehm, aber er muß eingestehen: „Nein, Herr General." — „Ich bin der General von Lassow." Nun ist Wallnitz im Bilde: General von Lassow, Kommandeur der ersten Garde-Kavallerie-Brigade, die sich aus dem Regiment Gardesdukorps und dem Garde-Kürassier-Regiment zusammensetzt, Preußens vornehmster Reiterbrigade. „Wie lange sind Sie schon Offizier?" — „Zwei Jahre, Herr General." — „Ich will Ihnen einen Rat geben. Wenn Sie Karriere in der Garde machen wollen, müssen Sie jeden General, mindestens vom Aussehen her, kennen; besser noch jeden Stabsoffizier. Personalkenntnis nutzt immer." Der Kaffee und die Spiegeleier werden gebracht. Der Kellner nimmt die befranste Plüschdecke von dem ovalen Disch, der in der Nähe des Fensters steht, deckt ein weißes Leinentuch auf, stellt Tassen und Teller aus die. Platte und rückt zwei unmögliche Polstersessel zurecht, die ein Schmuck des Zimmers sein sollen. Dann verschwindet er. Wallnitz ist fertig. Der General setzt sich, steht wieder auf. „Bringen Sie mir mal einen vernünftigen Stuhl — da norm Bett steht einer — auf diesem Monstrum kann kein anständiger Soldat sitzen." Wallnitz tut, wie besohlen. „Dante. Und nun los, gefuttert. Sie werden' Hunger haben." Es ist etwas Väterliches in diesem Satz. Wallnitz greift zu, auch der General ißt. Vier Spiegeleier sind da, er nimmt aber nur eins und schiebt Bernd drei hin. „Wie geht's Ihrem Vater? Er war ja auch Garde-Füsilier. Ich stand damals bei den Garde-Husaren. Wir kennen uns. Ich habe auch mal in Dapper im Quartier gelegen." Bernd blüht auf, der hohe Herr kennt Dapper, kennt die Heimat. Plötzlich ist eine Verbundenheit da, und sie wird noch stärker, als der General sagt: „Ihre Frau Mutter ..." und erzählt, wie gut sie damals für die Ma- nöoereinquartierung gesorgt hätte. „Ihre Frau Mutter ist doch eine Kracht?" — „Jawohl, Herr General, eine Kracht aus Romsen.“ (Fortsetzung folgt.) , Drohung. Von Carl Spitteler. Wenn du dich noch einmal unterstehst Und mir im Kopf herumgehst, Hol ich gleich nebenbei Di« Stadtpolizei. Die hängt dir jedenfalls Einen Schandbrief um den Hals, Damit jeder es liest. Was für ein Spitzbub du bist. Wenn du mir das noch einmal machst Und mich im Traum anlachst, Guckt aus der Münstertür Der Kapuziner herfür. ” Der malefizt dich mit feinem Latein Von Schwarzkunst fo rein. Daß von dir Hexenweib Bloß das Apfelhäuschen bleibt. Wenn du mir nur noch einmal kommst, Und nicht gleich zu mir kommst. Hetz ich mein Hundlein nach dir. Das beißt dich zu mir. , Dann sperr ich dich, Gott sei Dank, In einen gläsernen Schrank. Ein Schlüssel hängt dran, Daß ich auch hinein kann. Gang zum Geliebten. Von Karl Heinrich Waggerl. Aus dem Hause tritt das Mädchen, aus dem strohgedeckten Haus am Wasser. Das Haus ist alt und armselig, nicht mehr als eine Hütte, aber i)le Fischertochter ist jung und stolz, eine Prinzessin, wie jeder im Dorf weiß, der die Augen nach ihr verdreht. Das Mädchen heißt Veronika, was für ein schöner Name ist das! Die Fischertochter könnte leicht einen weniger hübschen haben, das würde nichts ausmachen. Es ist ohnehin fast zu viel, so prächtig dunkles Ringclhaar über der Stirn, so himmelfarbene Augen, solch eine Fülle und Glätte und Wohlgeratenheit Hinterm Mieder und unter den schwingenden Röcken und dazu noch dieser Name, der so zärtlich klingt, wie gesungen, ein Vogel könnte ihn erfunden haben. Gleichviel, so heißt das Mädchen nun einmal. Und jetzt ist es Abend, die sachte Stunde um die Dämmerzeit, und die Luft sckon klar und die Erde noch sonnenwarm. Und Veronika tritt aus dem Hause mit einem Korb in der Hand. In dem Korb liegt ein Fisch unter saftigen Ampferblättern und obenauf rin Stück süßen Brotes. Das alles wird sie nun der Jungfer Gertraud dringen, kein Mensch weiß es anders. Die Jungfer Gertraud hat zwar auch einen hübschen Namen, aber sie ist schon alt, es hilft nichts mehr. Unb darum leben sie auch nicht bei den andern Leuten im Dorf, sondern ihre Hütte steht einsam draußen hinter der Schafweide, und sonst wohnt dort niemand mehr. Nur noch der junge Jäger mit seinem Hund, aber schon weiter oben im Wald. Wer dächte an den? Veronika geht am Wasser entlang durch das kühle Spätfommergras, |ie hat keine Eile, nein. Drüben steht der Vater in seinem Kahn und ordnet die Netze, und der Vater ist streng und argwöhnisch, er hat schon lang »ergeffen, wie es einst zuging, daß er eine Tochter bekam. Aber ein wenig weiter unter den Bäumen verliert er sie aus den Augen, unter den Apfelbäumen am Ufer. Hier steht bas Wasser tief unb schwarz im Schatten bes Laubes, kaum von der Strömung bewegt. Und l>uch sonst ist alles still und schweigsam und läßt den Abend kommen, die Sträucher am Zaun und dgs Korn auf dem Feld und das ruhlose Schilf. Manchmal löst sich ein Apfel aus dem Gezweig und klatscht in das Wasser, eis sei er dem Baum im Schlaf entfallen, und bann erwacht der Baum unb rührt beschämt die Blätter ein wenig. Aus der Tiefe aber schießen ^schreckte Fische und gleiten ins Helle hinaus, ihre Leiber blitzen silbrig im Widerschein des Himmels. Nach einer Weile kommt der Wind über die Lecker heran, der Feier- «benbroinb, gleich^ versucht er einen Spaß mit dem Mädchen. Er saßt ihre Röcke und blättert sie auseinander, einen rotgeblümten zuerst und einen weißgestärkten darunter, das ist ein frecher Wind. Niemand braucht zu wissen, daß Veronika so festliche Unterröcke trägt, wenn sie zur Jungfer Gertraud geht: niemand weiß es, auch der Vater nicht. Veronika fängt ein bißchen zu trällern an, sie versucht ein paar Tanzschritte auf dem schmalen Weg. Der Vater ist viel zu alt und zu mürrisch. Der begreift nun einmal nicht, wie es tut, wenn man so ganz mit dem Glück des Jungseins angefüllt ist, so mit lauter Erdenfreude, daß man gleich wie von Küssen schauert, wenn einem nur ein Halm die Wange streift. Lachen hilft nicht, man möchte viel lieber meinen, uhb Tränen finb doch auch wieber kein Trost. Ach, oft saß Veronika im Garten unb umschlang ihre eigenen Knie und liebkoste sie, bloß um etwas Lebendiges an Me Brust zu drücken, sie hatte nichts Besseres. Im letzten Sommer war es noch fo, heuer schon nicht mehr, darum trällert sie ja und tanzt auf dem Weg. . Nun aber muß sie wieder sittsam gehen, denn sie kommt an die Brücke. Dort steht ein Mann. Sie kennt ihn, es ist der Bauer, dem die vielen Schafe auf der Weide gehören. Er lehnt auf dem Geländer, «mch all irttS mürrisch, und starrt in das Wasser hinein. „Guten Adendl" sagt Veronika. „Guten Abend, Mädchen!" sagt der Dauer. „Was tust du hier allein?" fragt sie und schaut auch in die Diese. „Wa* suchst du da unten?" „Meine Tochter!" sagt der Bauer. Rabenschwarz ist das Wasser und grabestief, und es weht kalt herauf Veronika sieht ihr eigenes Spiegelbild auf der glatten Flache, da erschrickt sie bis ins Herz hinein und flüchtet ans Ufer hinüber. Drüben auf der Weide ist der Spuk bald wieder verflogen. Es duftet warm und würzig aus dem kurzen Gras, die Schafe drängen sich heran und schnuppern an dem Korb, und hinterdrein kommt bedächtig der Schäfer gegangen. Sein Mantel weht ihm um die Beine, dann und wann steigt eivi blaues Wölkchen Rauch aus (einer Pfeife. Der Schäfer ist auch alt, aber nicht mürrisch. Darum fängt er ein Gespräch mit dem Mädchen an. „Wohin des Abends, Veronika, wohin so spät?" „Zur Jungfer Gertraud", antwortet sie, und darüber kann nur ein Mensch zu kichern haben, der so dumm ist oder so listig wie ein Schüfen. Er geleitet sie auf ihrem Weg und schwatzt über allerlei. Ja, wenn et nur jünger wäre! Das Herz hielte noch manches aus, aber die Beine, versteht sich, die Knochen sind morsch. „Höre einmal", fragt Veronika dazwischen, „wie war es in deiner Jugend, hast du nie ein Mädchen gehabt?" „Eines nur?" sagt der Schäfer. Oho, ein Kerl wie er einer war, iit früheren Jahren I „Ach, schweig still!" Veronika will wissen, ob er niemals eine wirklich geliebt hat, unb sie ihn wieder, und so aus Leib und Seele, daß sie gleich gestorben wäre, wenn er sie verlassen hätte? „Ja", sagte der Schäfer ein wenig stiller, „einmal war es fast so. Aber es wurde doch nichts daraus." „Unb warum?" fragt Veronika ängstlich. „Starb sie denn wirklich? Muhte sie ins tiefe Wasser springen?" „Nein", sagte ber Schäfer wieder fröhlich, „sie ist mir nur davon« gelaufen." Und das läßt sich verstehen, wenn man den alten Burschen betrachtet, kahlköpfig und zahnlos wie er ist. Wer weiß, ob er in seiner besten Zeit um fo viel stattlicher war, daß man sich hätte viel um ihn grämen mögen- „Du hast eine Nelke auf deinem Hut", sagte Veronika zum Abschied- „Schenk mir die Nelke!" Gern, wenn er sie selbst an ihr Mieder stecken darf. Und nun zeigt es sich, daß der alte Schäfer noch sehr gut Bescheid weiß, wie die Mädchen ihre Mieder knöpfen, unb wo bort Platz für eine Blum« ist, unb seine Augen finb mit einemmal so voll Glanz und Feuer, daß Veronika wirklich ein wenig schwach in den Knien wird. Ein Glück, daß sich der Mann jetzt um seine Schafe kümmern muß, ehe sie ausbrechen, sie haben ein Loch im Zaun gesunden. „Schönen Dank!" ruft ihm Veronika! nach. Und er winkt mit dem Hut zurück. „Nichts zu danken, Mädchen« nichts zu danken! ..." Es dämmert eben erst, aber die Jungfer Gertraud brennt schon Lichk in ihrer Kammer. Vielleicht sind ihre Augen schwach, vielleicht wird ihr auch manchmal bang, wenn sie fo allein in ihrem Lehnstuhl sitzen muß, es kommt nur noch selten Besuch zu ihr. Freilich, in diesem Sommer hat sie kaum zu klagen. Immer einmal in der Woche spricht Veronika bei der Patin zu und bringt ihr etwas zur Stärkung, einen Kuchen ober einen Fisch, wie biesmal. Sie bleibt bann auch gern ein Weilchen auf dein Schemel sitzen unb fragt nach allerlei. „Jungfer ©ertraub", fragt sie, „warum hast du eigentlich keinen Man« genommen?" Ja, warum? Zuerst mochte sie nicht, sie dachte, es hätte keine Eile. Unb als sie sich anbers besann, fanb sie keinen rechten mehr, da war eS versäumt. Ach, versäumt? Dabei fällt Veronika ein, daß sie noch ein paar Pilze oben im Walde suchen könnte, die würden gut zu dem FischgeriM schmecken. Aber der Vater dürste es nicht wissen, ber dächte immer gleich an etwas Arges. „Geh nur zu den Pilzen", sagte die alte Gertraud, „jetzt ist noch die Zekk dafür. Aber nimm nicht alle auf einmal", sagt sie, „damit im andern Jahr auch noch welche wachsen." Indessen ist es dunkel geworden, viel zu dunkel unter den Baumen int Wald. Pilze kann man nicht mehr finden. Veronika verhält ein wenig auf dem Wege und schaut in das Tal zurück. Weit hinten liegt das Dorf mit feinen ärmlichen Lichtern, aus dem Fluh steigt schon ber Nebel unb wallt gespensterbleich über die Felder heran. Das Mädchen denkt an den Vater, daß er wohl noch vor der Tür sitzt und auf die Tochter wartet. Vielleicht ist er im Grunde gar nicht so mürrisch, sondern er meint es gut, wenn er zuweilen seltsame Reden führt und sagt, wir stünden alle den Fische« gleich vor dunklen Netzen und spürten die Maschen und verfingen uns ^0C2tn°ben Bauern auf der Brücke denkt Veronika, an die Gespielin, die ihre Schande im tiefen Wasser ertränken mußte. Und an den Schäfer auch, dem so viele Mädchen zuliefen, nur das eine nicht, das er am liebsten mochte, das lief ihm davon. Und endlich an die alte Gertraud, die fo weife lächeln und so klug raten kann und doch allein in der Kammer sitzen muß. Ach. das alles ist sehr unheimlich und drohend und verworren. Vielleicht sollte Veronika jetzt lieber umkehren und nicht mehr tiefer in bett Wald hineingehen. Aber das Mädchen fragt zuletzt auch fein eigenes Herz, und das Herz klopft wild und jubelt laut auf, weil es doch noch gefragt wird Cs rat beffer als das dürre Alter, es weiß nichts von Kummer unb Tränen, unb sogar der Tod, sagt das Herz, der Tod ist nur ein Trug. Da wendet sich die Zögernde dem Walde zu, ein wenig spater steht sie vor einer Tür und klopft. Schnell wird die Tür aufgetan, ja, und was geschieht dann, was weiter? Ach, nichts weiter, ihr neugierigen Mädchen! Ihr wißt es alle! nie Wolke. Von Joses Weinheber. Hochher schimmernde Burg, die sich der Himmel baut! Zwischen Baum und Gebüsch, hinter dem schwarzen Berg steigst gewaltig du auf, golden die Türme umsäumt, Herrin über des Abends Reich. Wie du wunderbar dich wandelst von Blick zu Blick, dennoch bleibst, was du bist: himmlischer Traum und Hauch: Folgend tiesstem Gesetz, schenkst du dem Aug das Bild, das der Dichter in sich geschaut. Nun aus seinem Gedicht strahlend der Gott hertritt, Abbild ist es von dir, die du den Donner trägst, in den Hallen aus Hauch birgst das erhabne Haupt und die Stirn,-"bie den Blitz gebiert. Ein italienischer Tag. Reisebild von Wera Wagens ch e i n. Am frühen Morgen singt der Olivenvogel seine süße schrille Strophe von hoher Kraft, von Helligkeit und Frische. Die geheimnisvollen Gerüche erwachen. Es wird ein heißer blauer Tag. Der Weg zum Meer hinab geht über Gras und Steine. Im Halbdunkel seiner kleinen Küche sitzt ein Fischer, spielt Gitarre und singt. Es ist nicht laut, eins von den schwermütig-heiteren Liedern mit schleifendem Ende. War er in der Nacht auf dem Meer, und ehe er sich nun schlafen legt, singt er sich ein? Niemand ist bei ihm, aber draußen in der Sonne bleiben sie eine Weile stehen, um lächelnd zu horchen. Sie sind wie eine große Familie. — Wo die Zikade singt, wohnt der junge Schuster mit dem schönen kleinen Mädchen. An der Hauswand lehnt sie, eine winzige Prinzessin, barfuß, mit einer immer neuen Grazie und verträumten Koketterie. Sie schlägt die langen Wimpern zu uns auf, in den kühlen braunen Augen eine Bereitschaft zu lächeln. Am Strand, wo bie Fischerboote liegen, spielen die Kinder. In kleinen Gruppen hocken sie braun und eifrig zusammen, mit ernsten Augen, und graben ihre Höhlen in den schwärzlichen Sand. Sie fassen sich an den Händen und suchen wie Irrlichter nach den scheckigen Steinen. Ihr glückliches und gar nicht lautes Gezwitscher erfüllt den ganzen Strand. Wenn eins große Welle brandet und im Donner die hellen Stimmen verlöschen, vergessen sie das Spiel und laufen ihr entgegen, die Arme ausgebreitet und im Lächeln Angst und Entzücken. Viele leiste braune Gestalten vor dem weihen Schaum und der tiefen großen Bläue. Wie freundlich und geduldig sind die Väter mit ihren Kleinen! Sie hängen ihnen am Hals, vertrauend und ergeben in ihr Schicksal, nun eingetaucht zu werden in die blaue Welle und den brausenden Schaum. Die Größeren gehen mit schwingenden Schritten an „Papas" Hand, und beide haben helle Erwartung im Gesicht: der Vater eine ernste feste und stille, der Kleine eine ungewisse und wunderhafte. Barfuß, unter dem Strohhut ein gegerbtes freundliches altes Buben- gesicht mit breiter Nase, zieht der Strandwärter umher, mit verblichenem Sweater und kurzer weißer Hofe, die Zigarette hinderm Ohr. Er streicht langsam, mit leichten Tritten, zwischen den Booten herum, nachdenklich wie ein alter Vogel. Manchmal liegt er auf dem Rücken und schläft mit der tiefen Friedlichkeit eines Kindes. Wenn der lustige junge Lehrer kommt mit seinem Haufen von neunjährigen Buben, ist er mitten dazwischen; und ein leiser fröhlicher Anruf, die Güte und der weise Ernst seiner Augen läßt sie alle parieren. Ein kleines Mädchen kommt aus den Bergen, der Vater hat es an der Hand. Es geht ganz steif und wippend vor Freude, und an den braunen Zöpfchen sitzen rasa Schleifen. Es hüpft, als der Vater ihm das weiße Kleid abstreift; das bräunlich-blasse Gesicht mit dem reinsten Schein van Heiterkeit ist schon dem Meere zugewandt. Nun springt es mit einem leisen Schrei der Lust in die Brandung, zögert und schlägt in Andacht ein Kreuz, und mit weiten Armen wirft es sich in die erste Welle. Die nassen Zöpfchen tanzen, es hüpft das Amulett am Hals, das ganze kleine Mädchen zwitschert und winkt lächelnd dem Vater. Die Kleinsten mit Eimercheu möchten Wasser holen, sie trippeln eilig dem fliehenden Schaume nach und rennen furchtsam zurück, wenn neu die Woge heranstürmt. — Dann blicken sie alle aus den Spitz, der über die Klippen tänzelt, weiß mit gelben Flecken und wibbernd vor Vergnügen. Er sieht sich um, legt die Ohren zurück und lacht, macht seine runde Stirn noch runder und wagt sich bis zu den Dauchhaaren in die Brandung. Es leuchtet das Meer, schwarzblau mit apfelgrünen Streifen. Ich schwimme weit hinaus. Und einmal kommt die Grenze, wo das fröhliche zarte Getose der Kinder am Strand wie in einer bunten Grube versinkt und nur das rhythmische Plätschern meiner Hände bleibt. Um mich her sind lauter Augen, tausend ovale schwankende Augen, graublau mit weißen Rändern sich immer erneuernd — wie umtanzen und verzaubern sie mich! Unter mir spielen die Sonnenkringel im gläsernen Grün Am Mittag schwimmt Glockengeläute über die Stadt, eilig und leicht wie Spieldosenklang. Kleine Mädchen ziehn singend den Pfad hinauf, alle in rosa-weißen Kleidern. Ganz langsam wogen die vielen Sonnenhute die Stufen zur Kirche hin. Sie singen, hundertstimmig und flirrend, jedes mit seinem Ton, ein einfaches süßes kühles Liedchen: von der Sonne, die aufgeht am Morgen — matina — jeden Morgen, und nieder am Abend — sera — an jedem Abend. Die Gesichter verträumt und von Licht umspült, kleine Gebetbücher in Händen, die nichts von sich wissen. Ei» Pfad aus steilen Grasterrassen führt durch den Kastanienwald. Das Grün steht leuchtend vor dem wolkigen Silber des Oelberges jenseits der Schlucht Ein graues Bauernhaus liegt geborgen harin unter den Schleiern der Schwüle. Kleine Kinder hocken auf der Schwelle, dicht aneinander gedrängt, mit schwerem, schwarzem Sarazenenblick. Wir haben Bällchen für fie: ein rotes, ein blaues, ein grünes. Wie Bienen schießen sie da durcheinander, es gibt ein Gesumm, und dann laufen sie zum Haus, zur Schwester, zur Mutter, die Bällchen zu zeigen Wir hören noch lange die entzückten kleinen heiseren Stimmen, sie schwirren kaum lauter als ein Geflüster: tre balle! drei Bälle! Da sind wir schon weiter am Berge. Eine Zeitlang folgen wir dem Hirschkäfer wie verhext. Ganz aufrecht fliegt er und wie in wunderliche Runden geweht, das Geweih zum Himmel gestreckt, die Flügel innen van tiefem Rot. Rings um uns sirren die jungen Stimmen der Vögel im Nest. Und die prunkenden kleinen Madonnen sehn aus der Mauer. Wie trillern die Grillen! In den Oel- bäumen klirrt der Wind. Nun geht es steil und weglos bergan, in Wildnis und Stille. Wir ziehen uns hoch an Stein und Strauch. Ein Myrtenbusch — ein Mäuerchen über uns auf dem Grat — da ist ein Hund und erwartet uns. Sandgelb und schlank steht er da und wedelt, windet sich vor Freundlichkeit, macht mit dem Leibe unser mühsames Klimmen mit (noch etwas Scheu und Befremdung im Grunde der Augen), bis mein Gefährte zuerst ihn erreicht und streichelnd umarmt. Da tänzelt er vor Wohligkeit, springt uns — so leicht — voraus auf die Mauer, dahinter in lächelndem Staunen zwei Frauen stehn und ein junger Mann. Sie mckthen Heu hier oben, das kleine Bißchen zwischen den steilen Terrassen, und ihre Blicke sind voller Heiterkeit. Wir fragen sie, versuchen ihr Italienisch zu verstehen, die Jüngere geht ein paar Schritte zur Mauerlücke und lächelt mir zu — aber da bin ich schon übergeklettert und wir sind zwischen sie gesprungen. »Der Hund wedelt fröhlich vom einen zum andern. Schließlich zeigt er uns nach den Pfad zu seinem Hof, der, wie eine kleine Festung, mit den Kücken und roten Geranien allein gelaßen im späten Nachmittag liegt. Die höchste Kuppe aber ruht in tiefer Einsamkeit. Käfer brummen durch die Gräser. Schwalben hauchen unter uns hin. Drüben in weitem Halbrund, wie eine riesige Arena, umsteht uns das Gebirge. Auf den nächsten Rücken gibt es nach Oelgärten und besonnte Kirchen. Dahinter aber schlingen sich die höchsten Berge zum Kreis in einer wilden Harmonie und frommer gewaltiger Einsamkeit. Felsige Hänge sinh hell van fernem Grün überhaucht, wo sie nicht schon in das selige Blau der vielen Schattenschluchten sinken. Kein Pfad wird dort sein. Und keine Seele? Eine Zikade singt. Die Stille rauscht. Pan ist nah. Dann sind wir umgekehrt. Auf unserm Dache kommt die schöne Stunde des Zwielichts. Meer und Himmel verschweben in ein sanftes Kinderhellblau, und das Gelb und Rosa der Häuser am Strand kommt ins Fliegen und löst sich auf in eine holde und ungewisse Buntheit. Aber die slattrig-grauen Dächer des Asyls für Waisenkinder haben einen helleren Schimmer als im Tage. Eben noch hörten mir die spielenden Stimmen im Garten. Jetzt hallt aus den Fensterchen, die um den Hof liegen in vier engen Reihen, ihr singendes Beten im Chor. Das Meer war wie Mondstein, nun siegen die Funken der Fischerlichter. Wie bannen sie uns immer auf dem abendlichen Meer, wenn sie golden zucken und blinken und für Atemzüge verschwinden in den Wogen oder für Minuten hinter den Kuppeln der Kirchen. Unten in der kleinen Stadt braust noch die Fröhlichkeit. Aus dem Dom bricht Kerzengefunkel und Musik. Der Gegensatz seiner tausendfältigen Pracht zur Eintönigkeit des geistlichen Gesanges der Knaben — er zieht magisch die Menschen an. Schon stehen sie bis auf die Straße, aus dem kühlen Platze unter Palmen und einen Himmel wie Samt mit seinen winzigen vergessenen Sternen. Die kleinen Kinder hängen den Müttern übe. der Schulter wie schwere müde Blüten, und in ihren weiten Augen verschmeizen der Schlaf und die große funkelnde Pracht des Domes, vertrauendes Staunen und Traum. Aber nicht alle sind hier. In einer Seitenstraße hocken sie im Kreise, die ganze Familie, ein gelbes Laternchen hängt an der Wand und sie singen. Die Großen sitzen auf Strohhockern, den selbst geflochtenen, die Jungen am Boden, und ihr Gesang — der flirrende Chorgesang von Frauen und Knaben — weht auf wie ein Nachtwind und vergeht wenn mit junger verhaltener schwereloser Wildheit die Stimme eines Mannes hineinspringt und eine sremde Strophe erzählt. In die letzten Töne fällt wieder der Chor der andern ein, suchend zuerst und dann schwellend und schleifend in süßer Schärfe. Aber da gibt es eine Konkurrenz gegenüber. Ein Alter, vielleicht ein Matrose, schlägt in die Saiten seiner Gambe und beginnt ein komisches Lied. Seine Stimme, schon ein wenig zerbrochen, hat große Kraft, und die bunte witzig-wilde Melodie, sein lachendes Gesicht zwingen die Vorübergehenden, bei ihm stille zu stehn und zu horchen. Doch auch die anberh fangen ihren Nachtgefang wieder an Er geht noch lange mit uns. Schäfchen-Wolken ziehen auf, jede bläulich-silbern umrandet mit bunf(em Kern, ber ganze Himmel in lautloser Bewegung. Um ben Mond lauft ein Kranz von rötlichem Schein. Mars unb Jupiter, zwischen benen er emge pannt ist — sie alle vergehen unb kommen in bem Gewimmel. Im gleichen Rhythmus wallt ber Glanz auf dem Meere. Unser Olivenvogel ist zur Ruhe gekommen. Vom Gebirge irrt ber Nachkwinb her unb bringt seine fünfte Kühle und die betorenben Düfte nach Feigen unb mandelgleichem Oleanber Je hoher bie Nacht aus ben Gärten steigt uyb alles mit Silber unb "lau verhängt, bis Fledermäuse bie letzten Farben verwischen, __ je fratA