GiehenerZamilienbliitter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1938 Zreitag, den 17. Juni Nummer <6 Lady Hefter Stanhope ' EINE FRAU OHNE FURCHT Von Maria Josepha Krück von poturzyn Copyright by Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart 6. Fortsetzung. In dem teppichbelegten Empfangsraum mit der hohen, gewölbten Decke, besprachen Sligo und Bruce die neuesten Uebersetzungen Theokritr. Schweigend hörte die Herrin des Hauses zu, ungeduldig spielten die seinen Finger mit Damast. „Wer ist denn um's Himmels willen dieser Theokrit?" fragte sie gelangweilt. Michael Bruce wandte die hübschen Augen ihr zu und antwortete mit schlecht verhehlter, nachsichtiger Zärtlichkeit: „Madam, man könnte von Ihnen sagen, was einst von dem großen Lord Chatham gesagt wurde, von dem sie die letzten zwei Stunden erzählten: Ich weiß nicht, was erstaunlicher an Ihnen ist, ihr außerordentliches Genie oder Ihre außerordentliche Unkenntnis." .Hefter, der niemand die Wahrheit zu sagen wagte, schwieg, und Sligo freute sich über den Triumph des Freundes. Bruce, der Erbe von Crawford Bruce & Co., glaubte sich am Ziel. Wenn Hefter eine Lady mit berühmtem Namen war und er nur eines Bankmanns Sohn, so konnte er ihr seine ganze Jugend und zwanzigtausend Pfund im Jahrx bieten — wenn einmal sein Vater starb. Er bat, bestürmte, tzefchwor sie, seine Frau zu werden. Hefter sagte nein. Er war dreiundzwanzig Jahre alt, begabt und verwöhnt. Sein Leben würde erst beginnen, ihres war gelebt. Ein großer Staatsmann sollte er werden — nie würde sie in seinem Wege stehen! Der Freund fiel aus allen Himmeln. Konnte man eine Fran wie Hefter Stanhope lieben und nicht heiraten? Er hielt auf Bürgerlichkeit und Ordnung, trotz seiner Streiche im Mittelmeer. Aber alles, was er sagte, prallte gegen den Felsen von Hefters einmal gefaßtem Entschluß. Er sah, daß sie litt — einmal sand' er sie in tiefer Ohnmacht und brachte sie kaum zum Leben zurück, Gift lag neben ihrem Lager — aber sie verbat sich jedes Wort, das Heirat betraf. James Stanhope schrieb aus Gibraltar in Zorn und Verachtung, General Oakes bedauerte tief, was fick zugetragen, und Mr. Crawford Bruce, der Vater in London, höhnte, daß fein Sohn, der die Hand der Erbin von Lord Wellesley. Indiens stolzem Vizekönig, erstreben konnte, mit einer alternden Dame seine Laufbahn beenden wolle. Bruce tobte: Sligo reiste nach Gibraltar, um James zu beruhigen. Pitts Nichte aber schrieb dem erzürnten alten Htrrn, sie verspreche, seinen Sohn niemals an sich zu ketten, wenn seine Zeit gekommen sei, nach England zurückzukehren. Vielleicht beruhigte sich Bruce Senior darüber, vielleicht hielt er es für eine List, den jungen Sohn in verbissenem Hoffen festzuhalten. — Hefter hustet immer noch. Meryon, der sich die Langeweile als gesuchter Arzt in den Harems der Türken vertreibt, preist Brussas warme Wasser. Sie mieten drei Villen dort unter dem schneeigen Gipfel des asiatischen Olymp, zu ihren Füßen liegt eine Stadt mit hundert Moscheen, ein sanftgrllnes Tal. Durch blühende Mandeln reiten sie mit den herrlichsten Pferden der Welt — beide in Breeches: sie essen Pilaw und Hammelfleisch in Weinlaub gewickelt, und während Bruce, lang, schlank, tadellos gekleidet und frisiert, auf der Terrasse der Grünen Moschee seine Zeit verträumt, sitzt Hefter zu Hause und schreibt Briefe, von denen weder er noch der britische Gesandte in Konstantinopel etwas erfährt. Der Kriegszustand erlaubt nicht, daß englische und französische Untertanen freundschaftlich miteinander verkehren. Lady Stanhope muß sich daher in aller Heimlichkeit an Monsieur Latour Maubourg, den fvanzö- sischen Geschäftsträger in der Türkei, wenden. Denn sie wünscht Einreiseerlaubnis in Napoleons Land! Die Sache ist nicht leicht. Doch Latour Maubourg will der kapriziösen Engländerin gerne gefällig sein, die ihm aus dem Bosporus mehrfach ein Stelldichein gegeben, was den englischen Kollegen aufs höchste entrüstete. Natürlich kann der Franzose nicht ahnen, was sein Schützling schon in Malta Dr. Meryon erklärt hat: „Ich will nach Frankreich reisen, wenn es geht, um Napoleons Charakter zu studieren. Und dann nach England zurückkehren, um gegen ihn zu arbeiten." Napoleons Pariser Kabinett ist unhöflich: Lady Stanhope bekommt kein Visum. Latour Maubourg bedauert unendlich. Hefter zuckt die Achseln. Mit diesem Schreiben, das von Paris nach der Türkei ging, lenkte die Macht des Schicksals ein Menschenleben. — Brussa könnte ein guter Traum sein, mitten in Blumen und blauem Himmel. Türkische Würdenträger, die europäische Fraueü nicht mehr zu würdigen pflegen als eine Herde von Schafen, lädt sie zu sich. Ob Mylady nicht wisse, daß Türken nicht bei Ungläubigen essen, weil sie keinen Wein trinken und verachten, lange bei Tisch zu sitzen? fragt Meryon, der in aller seiner Bescheidenheit eifersüchtig ist auf jeden Fremden, der Mylady naht. Sie weiß wohl — aber wann hat für sie je eine Regel gegolten? Sie kommen, die Türken, kennen nicht die Bestimmung von Messer und Gabel, Roastbeef und Apfelpastete, aber sie sind begeistert, trinken von jedem Wein drei Gläser voll, und wenn Mylady etwas sagt, berühren sie mit der Hand Mund und Stirn und beugen tief die dunklen, krausen Köpfe. „Wieso kommt es daß du verstehst, mit den Türken umzugehen und jeder tun muß, was du willst?" fragte Bruce mit gerunzelten Brauen. „Ich habe eben meine eigene Methode gefunden. Pitt sagte einmal ..." Bruce hörte nur mehr halb. Hefters Erfolge bei den Türken fangen an, ihn zu beschäftigen. Ja, Brussa könnte ein guter Hraum sein, wenn nicht mitten in der Nacht die langen Stunden kämen, in denen Hefters Herz unerbittlich zu den Sternen schreit, um den Sinn ihres Lebens, um das Ziel von Leid und von Glück... „Wie wäre es mit Aegypten? Sicher würde das Klima dir gut tun", meint eines Tages Michael Bruce. Er weiß nicht mehr, ob er hoffen oder verzweifeln soll. Er weiß nur, daß er diese Frau nicht verlassen kann. „All right“, antwortet Hefter. Schon waren sie auf halbem Weg im Mittelmeer, da brach ein Herbst- stürm los, daß die Luftgewalt und nicht mehr der Kapitän das Steuer führte. Zwölf Stunden lang kämpften sie mit den Elementen, gegen Abend wurde alles an die Pumpen gerufen; das Schiff war leck. Mylady ging umher, brachte den Matrosen Wein und scherzte Über die Gefahr. Bruce und Meryon pumpten auf Leben und Tod. Aber das Schiff sank unaufhaltsam. Schon warfen sich zwei Griechen gottergeben zu Boden. „Ein Felsenriff! Heilige Maria!" Mit vierundzwanzig Menschen, die nichts als Geld und Waffen retten konnten, in heulendem Sturm und prasselndem Regen, gelangte das Rettungsboot zu den Felsen. Es war fünf Uhr nachmittags. Hinter ihnen sank das Schiff. Ein Fels ohne Menfchenfpur und Wasser! Die Männer berieten. Wo war man gestrandet? Immer kälter blies der Wind, und die Nacht brach« herein. ( „Mylady, all ihr schöner Schmuck verloren — und meine Medikamente!" jammerte der Doktor. „Wenn ich wenigstens Feuer machen könnte für dich", sagte Michael Bruce und blickte aus seinem triefenden Jungsgeficht auf die zerlumpten, klitschnassen Reste einer Damenkleidung. Hefter lachte — wahrhaftig — sie lachte zwischen klappernden Zähnen. Sie selbst hatte nichts gerettet als den blutigen Handschuh General Moores, den man ihr vom Schlachtfeld geschickt, ein kleines Bild von Pitt und vierzig Gumeas. „Ich versuche mit meinen Leuten Land zu erreichen", erklärte der griechische Kapitän, „Rhodos muß nicht fern sein. Ich komme zurück, Sie zu holen —" „Unmöglich", mahnte Bruce auf englisch, „die Kerle kommen nie wieder!" Hefter zuckte die Achseln: „Laß sie gehen — wir werden uns selber helfen!" Im Morgengrauen, zwei Stunden später, loderte eine Flamme auf gegen Norden, die Leute hatten Land erreicht. Aber es wurde Mittag, es wurde Abend, die Kleider waren wohl .getrocknet, doch in Fetzen zerfallen, die Mägen nüchtern feit zwei Tagen. , Und niemand kehrte wieder. „Verdammt!" murmelte Bruce einmal übers andere. Hefter sah an den Felsen gelehnt und erzählte: „Pitt war immer für einfache Nahrung. Wenn er zu Banketten ging, blieb er hungrig. Nichts aß er so gern wie Schwarzbrot und Käse in einem sauberen Bauernhaus von Kent..." Sie lächelte. Aber weder Bruce noch Meryon waren davon erbaut, ihre Mienen blieben düster. Schließlich, als Mylady verstummte und in Schlaf versank, atmeten sie beide auf. Nach Sonnenuntergang, vor der zweiten Nacht, erschien das Boot. Es waren Matrosen, allein, ohne Kapitän — betrunken. »Dal" Sie warfen, blöde lächelnd, Käse, Schnaps- und Wasserflaschen hin: „und jetzt segeln wir zurück — euch holen wir — morgen trieb ^«Michael Bruce sprach kein Wort Griechisch, aber nachdem der dreißig- stündige Hunger gestillt war, donnerten seine englischen Fluche so deutlich durch die Nacht, datz den Leuten der Schreck in die Glieder fuhr. Murrend halfen sie ollen ins Boot. • Die Wellen gingen hoch, durchnäßt aufs neue, in stockschwarzer Finsternis ruderten die betrunkenen Griechen dahin, und als sie endlich den Strand erreichten, war weit und breit kein Schutz als eine enge Windmühle. Die Männer lagerten tm Freien, ihr Feuer verlöschte in einem Wolkenbruch. . ~ r. . Entsetzt kam die Zofe aus der Mühle gestürzt: „Da i)rinnen sind Ratten!" Ihr englisches Gemüt zog das Freie vor, trotz Regen und Kälte. Nur Mylady verschmähte es, vor Ratten zu weichen. Ms Bruce sich unmerklich zu ihr schlich, lag sie in tiefem Schlaf auf einem Bündel Stroh, in dem das Ungeziefer scharenweise krabbelte. Am Morgen, nach achtstündigem Marsch, erreichten sie das erste Dorf auf Rhodos, Lindo, die Stadt der Dorier, wo unter der verfallenen Akropolis türkische Häuser mit den Wappen der Johanniter standey. Frauen gaben selbstgesponnenes Sinnen für die Schiffbrüchigen, und des Abends tanzten den Fremden zu Ehren Bauern um Feuer. Da nahm auch Hefter Michael Bruce an der Hand und tanzte zur griechischen Melodie den alten pyrrhischen Tanz. Fieber schüttelte ihren Körper, aber ihre Blicke leuchteten. Was hatte nur Bruce? Er lieh kein Auge von ihr. „Bruce?" fragte sie vorwurfsvoll. Er dämpfte die Stimme, sein Atem ging rasch. „Was bist du für ein Wesen? Ich habe deine Augen nie so strahlend gesehen... Mir scheint, der Schiffbruch hat dir Freude gemacht. „Still, der Tanz ist schön—" Er konnte nicht ahnen, daß ein Seltsames in ihr geschah, auf das sie selber lauschte. Schleier verdecktem was bisher war, in blendender Helle formte sich ein Weg... Als Dr. Meryon aus Smyrna Geld brachte und alle Kleider, die es zu kaufen gab, wählte Hefter, lachend und spielerisch, Turban, gestickte Weste, Pantoffeln — und Waffen eines Türken. Vor Rhodos, im Dezember 1811, brach nicht nur ein Schiff, sondern auch ein Leben entzwei. In türkischen Männerkleidern fand die Nichte des großen Pitt nicht mehr nach Europa zurück. Bor Hefter Stanhope öffnet« sich der Osten. Sie war fünfunddreißig Jahre alt. Ritt im Mondschein. Der Kapitän einer englischen Fregatte erfuhr den Schiffbruch Lady Stanhopes auf seinem Weg von Smyrna nach Alexandrien, legte vor Rhodos an und kam heil nach Aegypten. „Mylady erlauben, daß ich Sie darauf aufmerksam mache: Ihr Auszug entspricht nicht der Kleidung eines Türken von Rang. Wenn schon, denn schon." So tadelte der brittsche Generalkonsul für Aegypten mit zynischem Lächeln. Also verwendete Hefter fünf Tage darauf, sich nach Vorschrift anzuziehen. Für schweres Geld wurden kostbare Kaschmirschals, goldbestickte Mäntel, scharlach?ne Hosen und wunderbare Säbel gekauft. Bruce erklärte, als sie in vollem Schmuck erschien, Hefter gleiche einer griechischen Göttin — in türkischer Verkleidung! Dr. Meryon, dessen schüchterne, harmlose Jugend sich hinter einem schweren Männerbart zu verstecken begann, wagte nur ein verzücktes Lächeln. Die. Zofe hatte es am schwersten; Mylady befahl auch sie In Hosen und auf den Männersattel — wo sie bisher um jeden Preis englische Illusion aufrechterhalten, den griechischen Hausherry auf Rhodos Philippaki in: „Philipp Parker" u-mge- tauft-hatte und den Janitscharen Mustapha „Mister Farr" nannte! — Durch eine sternklare Nacht ging der Weg zu den Ruinen von Memphis. Ein europäischer Historiker erklärte bei ausgehender Sonne, daß und wieso die Pyramiden nichts als raubsichere Grabkammern seien und die Sphinxe der rohe Beginn einer frühen Skulptur ... Ein französischer Arzt lud in Kairo zur Oefsnung der neuesten Mumie ein, zog Zähne aus den erhaltenen Kiefern, um zu beweisen, daß es krache wie im Munde eines Lebenden. „Wie interessant!" rief Bruce. Hefter antwortete mit einem hochmütigen Lächeln auf der^ feinen Lippen: - „Ich habe gehört, daß die berühmtesten Chirurgen von Paris die Umwicklung der Mumien studierten und nicht imstande waren, etwas Aehnliches auszufllhren — trotzdem das Modell vor ihren Augen lag. Das ist eure Wisienschaft, euer Zeitalter!" „Euer? Unseres doch!" verbesserte Bruce, aber die Freundin beachtete es nicht. Der türkische Statthalter von Aegypten, Mehemet Ali, sandte fünf silbergeschmückte Pferde, Mylady zum Palast zu laden, und erlaubte ihr, bis zum inneren Gitter zu reifen. Noch nie hatte er eine europäische Frau empfangen! Kopf an Kopf stand Kairos Bevölkerung auf den Straßen, solches Ereignis muhte gesehen werden, ehe es Glauben sand. Mehemet Ali erhob sich sogar von seinem Diwan, bot Kaffee aus chinesischem Porzellan mit eingelegten Steinen, übersah gnädig, daß Mylady die Pfeife abwies. Ihre leise, melodische Stimme fragte auf französisch, wie es um die neuen Befestigungen Aegyptens stehe, ob Napoleon dem Lande großen Schaden zugefügt und der Staat das Monopol für Getreide und Baumwolle besitze? Mehemet Ali, der sich von einem albanischen Soldaten zu fürstlichem Rang erhoben, kniff die Augen zusammen. Diese Frau konnte nützlich oder gefährlich fein. Und er entschloß sich, etwas zu tun, was er nie einem Weibe zulieb geschehen ließ: die Truppen mußten vor ihr defilieren. Mylady saß zu Pferd, zwischen Mehemet Ali und Bruce, gleich einer Statue, unwahrscheinlich groß, blond, leuchtend weiß die Haut und tiefblau der Blick. Rings begann man -u flüstern, ob dieses Geschöpf nicht doch ein Mann fei — ein unehelicher Sohn des Statt- Halters vielleicht? Wie hätte er sonst verzeihen können, was alles sie tat? Mylady ging zu den Witwen jener Mamelucken, die Mehemet Ali hatte hinrichten lassen, und erzählte ihm selbst von ihren Besuchen. Eines Tages neigte sich der Sohn des entthronten letzten Paschas, Oberst der Kavallerie, vor der Engländerin. Das Gebiß lachte aus bronzenem Braun, die Augen waren wie das Geheimnis eines ganzen Volkes. Bousuf hieß er und sie verstanden sich nicht ohne Dolmetsch. Er zeigte Pferde — Träume von Pferden! — er lieh sagen, unter feinen Truppen gehe ihr Name von Mund zu Mund. Am dritten Tag schenkte er ihr Erde von des Propheten Grab. „Warum das alles?" fragte sie. Er fah sie seltsam an: n . _. „Vor vierzehn Jahren ist Napoleon in Aegypten gewesen. Er war ein Ungläubiger, aber ein Held, und so begriff er mehr als die übrigen Franken. Er ritt an einer Höhle vorbei und wußte: hier liegen die goldenen Schätze Aegyptens ... Aber als fein Arm sich "ach ihnen streckte, wurde er augenblicklich gelähmt. Napoleon verlor nicht den Mut. Er ordnete seine Kavallerie zum Angriff. Doch, Mylady, verstchst du das? Manner können nicht mit Dämonen kämpfen — er muhte sich zu- rllckziehen — ohne die Schätze Aegyptens. Und unsere Leute pflanzten einen Baum un der Stelle, wo er damals übernachtet hat. „Was fall das mit mir?" fragte Hefter. „Unter uns geht eine Sage, daß ein Weib aus dem Westen kommen und" uns zu Macht und Glück führen wird." Er beugte sich tief, er wagte nicht, die Augen zu erheben. , Dieses Weib bist du, Königin! Du bist im Westen geboren, aber Mohammeds Stamm verwandt ... Kannst du nicht reiten wie einer von uns?! Du wirft die Schätze unserer Erde heben! Komm nach Damas- kus, in unsere heilige Stadt, dort werden wir dich empfangen, wie es deiner würdig — Königin!" Hefter hörte mit geschlossenen Augen. Ihr Gesicht erblaßte. Königin — schon einmal hatte sie das Wort gehörst von jenem armen Narren in England'. ,Pady Stanhope wird Königin im Osten sein." „3d) komme!" sagte' sie laut. Der glitzernde Zauber des Ostens berührte ihr Herz, umwallte ihr Haupt. Wahrend ihr weißer Körper in den Armen des Engländers Bruce entschlief, brach aus den sternhellen Nächten Aegyptens, in irren Träumen um künftige Macht, ein Schicksal herein, das fremd war allem, was sie bisher erlebt. — Aber es war, trotz aller Erfolge, nicht Aegypten, das sie begeistern konnte. Das Land mißfiel Hefter. Kairo hatte enge Straßen, die Einwohner schlechte Augen, es stank nach faulem Fleisch — und in Rofetta wurde man von Fliegen erstochen. Zwei Ehrengarden gab Mehemet Ali, der Statthalter, mit auf den Weg, als Mylady sich entschloß, zu Schiff nach Jaffa weiterzufahren. — Syrien war kein Boden für Liebende. Hier herrschte die Sitte, daß männliche Reisende getrennt von den Frauen in Klöstern untergebracht wurden und das Unerhörte geschah: Lady Stanhope fügte sich. Sie nahm im Hause eines Konsuls Wohnung, und der Freund mußte mit Meryon im Franziskanerkloster schlasen. Bruce murrte: „Seit wann gilt eine Sitte auch für dich?" Die Antwort konnte er sich im voraus denken: „Wenn Ich selbst sie billige!" Vielleicht kam es nur davon, daß ihre Gesundheit durch die An- ftrengungen der Reise gelitten hatte, mehr als sie es eingestand. Michael Bruce schwor sich, ein guter Kamerad zu sein, heitere Miene zu machen, wenn sie sröhlich schien, und zu schweigen, wenn sie schweigen wollte. Aber seine Sorgen wurden nicht geringer, als die Karawane weiterzog. Er selbst hatte Meere und Länder durchstreift und orientierte sich gewandt in fremdem Kontinent. Doch was sich nun an Hefter vollzog, das hatte er noch nicht erlebt. Sie allein bestimmte ihren Ritt kreuz und quer durch Palästina, von Jaffa nach Jerusalem über Haifa nach Nazareth, an der Templerburg Mit vorbei nach Akkon — scheinbar planlos, in der Auswahl eines Reisenden, der Muße und Geld hat. Aber es war ein schweigsamer Wille in allem, was sie befahl, die traumhafte Sicherheit eines Menschen, der im Mondlicht über Dächer wandelt. Im richtigen Augenblick lief ihr der geeignete Türke über den Weg, vor jeder Stadt kam ein Bote entgegen, das Haus eines Reichen anzubieten, ein Wort von ihr genügte, jeden Araber und jeden Türken zu bezaubern. Allerdings — sie sah schön aus in ihrem türkischen Scharlachdreß, eigens für die Reise zusammengesteltt; überall hielt man sie im ersten Augenblick für einen jungen bartlosen Bei; die Bewunderung wurde Begeisterung, wenn der Bei sich als- Frau der Europäer enthüllte. Prinzessin! hieß es Und bald: Tochter des englischen Königs! Bruce wurde eisersüchtig, nid)t-auf einen Mann, sondern auf ein . Land. Wohl gab es immer noch gestohlene Augenblicke, da sie chm Zärtlichkett bezeugte in der ganzen ungebrochenen Kraft eines nie vergeudeten Frauentums. Ader mit den Scheichs verhandelte sie allein,, niemand als sie verteilte Geschenke, alle Freipässe lauteten auf Ihren Namen. Und wenn er daran zu rühren wagte, kam eine Hoheit über sie, daß die Lust dünn wurde zwischen ihnen beiden. An solchen Tagen klagte die Dienerschast über Mr. Bruces herrische Launen, und Hefter zog Meryon, diesen unerwünschten Dritten, geflissentlich in ihren Kreis. Dann kam es vor, daß Bruce, während er über syrische Erbe ritt, an England dachte und sich für einige Tage empfahl. Aber er kam bald wieder zurück, reuig und neu begeistert, meist mit irgendeinem Europäer, den er oufgelefen; einmal mit „Scheich Ibrahim", dem berühmten Burkhardt, der jedoch mit all feiner Gelehrsamkeit keine Gnade vor Hefters Augen sand. Natürlich wolle er sie nur überreden, Tyrus anzusehen, „diesen Hausen alter Steine!" (Fortsetzung folgt.) --—" Heim Kuckucksruf. Von GeorgBritttng. Wenn in Italien der Kuckuck schreit. Früher als bei uns, Anfang April, Weingärten weit und breit, Und Grillen zirpen schrill, Kein Baum zu sehn, daß man sich wundern mag, Wo denn der Vogel steckt. Der diesen heißen Tag Mit seinem Schrei erschreckt — Oh, unsre Buchenwälder, kühl und naß Und würzig dampfend, hölzern Faß, Drin Licht wie Wein in goldenen Strömen rinnt I Wenn dort des Unbehausten Baß erschallt, Sommer beginnt, der Fluß hinwallt, Dem Roß vorm Wagen blitzt der blanke Huf, Der Wanderer sitzt im Moos beim Uferstein Und schaut in Ruh den Silberfischen zu, Die springen tropfend hoch im Abendschein — Verwandlung, tröstlich, bk der Vogel schuf: O Deutschland mein beim Kuckucksruf! Das Bett. Von Heu:ybert Menzel. Als ich die Aufnahmeprüfung für die Obertertia des Realgymnasiums zu Schwiebus, bestanden hatte, gab es in keinem Hutgeschäft die vorgeschrieben« blaue Samtmütze für Schüler dieser Klaste. Ohne eine solche Mütze aber wollte ich auf keinen Fall nach Hause fahren. Sie sollten es alle gleich wissen, wenn sie den Wagen und mich neben dem Kutscher erblickten: er trägt sie, die blaue Mütze, er hat die Prüfung bestanden, er ist (und dies für die Lehrerin hauptsächlich) wirklich in die richtige Klass« gekommen. Mein Vater war ja nicht weniger stolz als ich, und so sah er es ein, daß wir die Mütze haben müßten. Aber die Verkäufer alle zuckten bedauernd di« Schultern: aus Samt gebe es eben keine mehr in dieser chrecklichen Zeit, wir müßten wohl doch zu der aus Papier uns ent- Meßen. Die wäre doch auch ganz hübsch, auch haltbar, gewiß, sie sei a nicht aus gewöhnlichem, sondern geflochtenem Papier, ein wahres Kunstwerk sozusagen. Wir befanden uns in der Zett, da alle zwei Stunden die Preise in Die Höhe kletterten, wenn wir uns nicht bald zu dem Kauf entschlossen, würde die Mütze vielleicht noch das Doppelte kosten. Wir nahmen also endlich die aus Papier. Stolz setzte ich sie auf, mein Vater zahlte bte 50000 Mark, und nun machten wir uns auf, eine Pension für mich zu suchen. Wir sanden sie schließlich bei jungen, freundlichen Leuten, die ein Zimmer und alles sonst für mich hatten, nur die Bettwäsche nicht und das Bettgestell. Als sie aber sagten, sie wüßten vielleicht, wo wir recht billig ein solches Bettgestell kaufen könnten, hielt es mein Vater für das beste, auch das gleich zu besorgen. Seit ich meine neue Heimat gesehen, kam zu meinem Stolz über die bestandene Prüfung doch auch die Ahnung jener Stunden, da ich in dem kleinen Zimmer bei diesen zwar, freundlichen, aber doch fremden Menschen das Heimweh lernen würde, und ich sah mit eins den Vater schon wie aus der Ferne: o, es gab keinen besseren als ihn. Von seinem kleinen Gehalt wollte er alles für mich bestreiten, hohes Schulgeld kostete ich nun und nicht wenig Pensionsgeld, und Bücher brauchte ich viele, und Schulhefte und bessere Anzüge und nun gar ein neues Bett. Ich bat ihn sehr, doch kein zu teures zu kaufen, was würde die Mutter >uch sagen. Und er versprach mir auch das. Als wir dann freilich vor ^em Bett standen, waren alle meine edlen'Regungen überflüssig gewesen. Tier stand ein Bett, wie es sich wohl durch Generationen schon vererbt »alte, der Wurm saß bereits darin, und ein Strohsack gehörte dazu. Nun, ich habe dann in den nächsten Jahren ganz gut darin geschlafen, sesser als später in den anderen Betten. Ader nein, das ist vielleicht doch ibertrieben. Wie viele, viele Nächte habe ich nicht in ihm wach gelegen! Hein, nicht aus Liebeskummer so sehr, obwohl auch das vorkam, viel- Mefyr der Bücher wegen. Wann sollte ich sie den alle lesen können, wenn ^lchts nachts? Wenn man ein Buch wie „Winnetou" etwa, des Nach- nittags in die Hand bekam, wie hätte man es um 10 Uhr abends wirklich ortlegen können? Das Zimmerlicht freilich durfte ich nicht wieder an= Zipfen, aber unter der Bettdecke dann, mit der Taschenlampe, da konnte ch weiter bei den Indianern sein. So habe ich später auch Storm und den „Taugenichts" gelesen, und nimer andere Bücher, bis es ganz schlimm mit mir wurde und ich ' berhaupt kaum noch von den Büchern loskam, weil ich auch ein Dichter öerben wollte. So las ich und schrieb ich im Bett, und mitunter suchte ich wir irgendeine Krankheit aus, um auch tagsüber weiterlesen zu können. ;km besten roars, man erkältete sich. Das ist bestimmt zu empfehlen, ■nan darf weiter essen und trinken, was einem schmeckt, ja, man wird t*gar ganz besonders gut gepflegt. Aber daraus kommt jeder sehr schnell, '»ch war zuerst magenkrank. Das war das dümmste, weil es allen Pen- loiismüttern Die liebste Krankheit ihrer Pfleglinge ist. Sie sparen enorm «bei. Man wird nur einmal magenkrank als Schüler. Daß ich also kein Musterschüler mar, ist wohl nun eingeftanben. Aus ■•ugenb wird Untugend, es ist seltsam im Leben. Ich hatte noch mehr sicher Tugenden. Nun wäre es freilich übertrieben, wollte ich hier i'klären, es fei schließlich so gewesen, daß überhaupt nicht mehr mit frtr auszukommen gewesen wäre. Aber so ähnlich war es. Unb so klappte ich denn eines Sonnabends, kurz vor Weihnachten, 0 5 ich in der ßateinftunbe der Unterprima einen neuen Tadel erhielt, Peine Bücher zu, verließ dk Klasse, verließ die Anstalt und hatte zunächst .ein paar freie Tage. Jetzt darf ich mich loben: Mein Abgangs« zeugnis war trotzdem nicht schlecht. Ich fuhr also nach Crossen an bet Ober, in die schöne, in bie glückliche Stadt an den östlichen Strom, und ich wurde gern in die gleiche Klasse ausgenommen. Bei Muttel Maetzk« fand ich bie Pension. Sie lag schön an der Ober, auf der Seite ber Weinberge, mit dem Blick auf bie Türme ber Stabt. Sechs Jungen wohnten schon dort. Und sie haben über meine Aufnahme mitzubestimmen gehabt. Ich war sehr stolz darauf, daß sie mich In ihre Kameradschaft aufnehmen wollten, es waren prächtige Kerle. Als ich nun nochmals nach Haufe fuhr, rief mir Muttel Maetzche noch nach: „Ihr Bett aber vergessen Sie nichts Das ging mir rote ein Stich durch bie Seele. Denn ich war eitel geworben, unb ich hatte bie Betten hier gesehen, sie waren in nichts mit meinem zu vergleichen. Ja, sie hatten wohl nicht einmal einen Strohsack. Nun, es hals mir nichts, baß ich das zu Haus erzählte. Mein Vater gönnte mir sogar den Kummer. Warum war ich auch von Schroiebus ausgerückt! Ein Vierteljahr vor der Versetzung nach Oberprima! Sicher würde ich sitzenbleiben. Dafür kauft ntan kein neues Bett. Oben in ber Pension in Schroiebus schlug ich die Bretter bes alten gramvoll auseinander, umschnürte sie gut unb nochmals fester, aber keine Geröait ber Erbe würde mich zwingen können, mit dem wurm- Kigen Möbel selbst zum Bahnhof zu fahren. Ein Lohnmann hat es n für mich getan. Auf dem Bahnhof gab ich es als Reisegut auf. Es war viel, was das kostete. Aber so ward ich es los, bis Crossen sah ich es nicht. Ein paar Kameraden unb Mäbchen tarnen mit burch bie Sperre, unb es war nur mein Koffer zu tragen. In ber Bahn bis Crossen war es mir bann auch klar geworben, baß ich, wie ich Schwiebus mit bem Bett nicht verlassen hatte, so auch in die neue Stadt und Pension nicht gleich mit ihm einziehen konnte. Ich kam ja bei Licht noch an. Wie vielen hübschen Mäbchen war ich nicht schon beim ersten Besuch in der Stadt begegnet. Sollten die mich nun mit bem Bett sehn? Unb was würden die Kameraden sagen! Ich hatte es bemerkt, sie trugen schon Shimmyschuhe. , Nein, ich mußt« zunächst mit dem Koffer allein ankommen. Das Bett mußte auf dem Bahnhof vorerst bleiben. Abends bann, wenn es glücklich dunkel war, konnte ich es wohl holen. Als ich in Crossen ausstieg, stand das Bett auch schon da. Es war pünktlich mit mir angekommen, bie Bahn war gewissenhaft, so rettete mich nichts, ich gab es aus bem Bahnhof gegen einen Schein zur Aufbewahrung. Kaum hatte ich an ber Pension geklingelt, so wurde die Tür auch schon aufgerissen, bie Äameraben alle waren schon da, ich mußte gleich zu ihnen, und ehe ich in mein Zimmer kam, war ich schon auf ber Straße wieder, weil wir natürlich gleich in bie Stadt auf den Bummel muhten. Als. Neuer war man den Alten einfach ausgeliefert. Ms wir zum Abendbrot zurückliefen — übers Eis, weil das schneller ging — nickte auch Muttel Maetzke nur unb seufzte: „Na ja, um kein Haar besser als bk anderen." Wenn sie nun gar noch erfährt, daß bas Bett noch nicht hier ist! bachke ich in Sorge. Schon führte sie mich in mein Zimmer. „Nicht mal ben Koffer haben Sie hereingetragen, (egen Sie nur gleich die Bettwäsche raus!" Mein Gott, da stand ja ein Bett, genau so weih unb mit Matratzen wie bie anbern. Cs war wirklich mein Bett, wie ich erfuhr, als ich bange fragte, nur bie Bettwäsche hatte ich mitbringen fallen. Wie bantbar legte ich mich diesen Abend nieder. Noch einmal dachte ich lächelnd an das alte Bette, wie es zusammengelegt unb verschnürt auf bem Bahnhof lag. Mag es ber Bahnhof behalten! Auf bie andere Seite drehte ich mich glücklich und schlief ein. Wer hätte das gedacht, baß die Bahngesellschaft in allem so peinlich ist! Nach drei Wochen, als ich an das Bett schon gar nicht mehr buchte, kam bie Anfrage an mich, ob ich es denn nicht enblich abholen wollte, bie Aufbewahrungsgebühr betrage schon 5,40 Mark. Ach, so viel war wohl bas ganze Bett nicht mehr wert. Am Abend war ich auf bem Bahnhof. Er liegt weit außerhalb ber Stabt. So hatten denn bie Hotels vorn Markt einen Omnibusverkehr zu ihm eingerichtet. Im Winter ließen sie Schlitten fahren. Auf dem Schlitten bes „Hotels zur silbernen Amsel" ist dann mein Bett endlich in die Stadt gekommen. Aber ich brachte es nicht über mich, es nun auch gleich mit in die Pension zu nehmen. „Ich hole es morgen", sagte ich zu dem Kutscher, und damit überließ ich mein Bett einem neuen Schicksal. Ach, ich habe noch acht Tage darum zittern müssen, daß auch das Hotel mir noch einmal schreiben würde. Jeden Abend, roenm ich mit einem der Mädchen auf dem Bummel an der „Silbernen Amsel" vorüber- kam, an der rechten Mauer des offenen Torweges lehnte mein Bett, wie verachtet. Wann würde der Wirt sich erzürnen, wann würde ich mich nochmals um es kümmern müssen?! Aber endlich, eines Abends, als ich wieder in den Torweg schielte, war die Mauer frei, war es beiseitegeschafft. Kein Brief war gekommen. Ich habe an dem Abend in ber Konditorei Hoffmann noch fünf Stücke Torte bestellt. Ich habe die Geschichte mit bem Bett bis bahin oftmals erzählt, selbst mein Vater hat sie mir verziehn. Ich glaubte nicht, daß sie noch eine Fortsetzung erfahren sollte. - Das kam aber fo. Ich bin inzwischen nun boch so etwas wie ein Musterschüler geworben. Auf den Gymnasien zu Schroiebus unb Crossen fingen sie meine Lieder unb sprechen sie mein« Gedicht«, unb es mag fein, daß bie Deutschlehrer sagen: Ja, seht mal, baß er jetzt solche Geschichten schreiben kann, das hat er auch nur uns zu verdanken. Auf jeden Fall haben sie mir nichts nachgetragen, nein, sie haben mich doch gar beide eingefaben, in ihrer Aula zu lesen. Und so bin ich dann auch mal wieder nach Crossen gekommen. Wo hätte ich anders als in der „Silbernen Amsel" übernachten sollen? Das hatte ich mir als Pennäler schon immer so gedacht für den Tag, da ich als Schriftsteller einmal roiebertäme, um in ber alten Aula zu lesen. Es war aber gerade Jahrmarkt in der Stabt, unb die „Silberne Amsel" hatte schon genügend Gäste, nein, es sei kein Zimmer mehr zu bekommen. Auch nicht das kleinste mehr? Auch nicht das kleinste mehr. Oder doch, ja, das eine ganz oben. Aber das ginge doch nicht. Gerade das wollte ich haben. Schriftsteller sind gewiß komische Heilige, dachte der Kellner, das sah ich, und führte mich hinauf. Das andere weiß man wohl schon. Mein altes Bett! Ja, da stand es, wie damals, da es mein Vater mit mir zu kaufen kam, alt, wurmstichig schon, aber noch immer ein Bett, bereit, einen von uns reisenden Menschen aufzunehmen, um ihn in einen guten Schlaf, in einen schönen Traum zu knarren, diesmal aber, um einen lange Entschwundenen wieder um Jahre zurückzutragen und ihm zu sagen, welch dummer und eitler und, ach, sehr glücklicher Pennäler er einmal war. Was ich liebe. Von Hans Christian Andersen*. Ich lieb' das Meer, vom Sturme wild bewegt; Ich liebe es, wenn seine Woge schlägt, ( Der Mond sich spiegelt in der Tiefe Blau; > Ich liebe Berge und die schöne Au, Die großen Flüsse und das tiefe Thal. Ich lieb' des Waldes grünen Sommersaal, Die stille Nacht mit ihrer Sterne Heer, Die Abendrökhe, schönen Tags Gewähr, Den glänzend weihen Reif auf nacktem Zweig. — — Doch hasse — nein, an Haß bin ich nicht reichl Ich hasse nur die bittre, grause Lust! Ich hass' der Sünde Keim in meiner Brust! Ich hass' des Aberglaubens Höll'-Gewühl! Das Kind lieb' ich und kindliches Gefühl; Ich lieb' den Geist in seinem stolzen Gang, Die Tonkunst mit dem sehnsuchtsvollen Klang! Ich lieb' die Blume mit dem frischen Duft, Und Vögel in der reinen, freien Luft. Ich lieb' den Freund so fest, wie Berge stehn! Ich lieb' das Weib — eins hab' ich einst gesehen, Und sie war Braut — das war recht eine Lust! Ich liebe diese Sehnsucht in der Brust! Ich lieb' das Grab mit seiner Friedenszeit. So wie den Geist der großen Ewigkeit. Wasserburgen am Niederrhein. Von Karl Bringmann. Wer vielleicht zu Schiff in langer, genußreicher Talfahrt den Rhein herabkommt und sieht, wie nach den letzten versperrenden Höhen des Schiefergebirges und seiner Ausläufer der Strom in die schier endlose Weite der Niederung tritt, dem mag nach den wechselnden Ansichten und Eindrücken des Mittelrheins das Gesicht der neuen Landschaft als ein- tönig'und jeden Reizes bar erscheinen. Den letzten Grüßen der Berge dor Bonns Altem Zoll folgt noch das vieltürmige Bild der alten Dornstadts Stromabwärts aber weitet sich der Blick über lange Deiche und stille Wiesen, auf denen träge Kühe weiden. Nur an der Ruhrmündung unterbrechen ragende Schlote und Hochöfen, die Zeugen eines arbeitssamen Volkes, das Bild, dann wieder dehnt ftkch das Land bis an den Horizont; niedrige Gehöfte unter altem Baumbestand leuchten in weißem Fachwerk, und Meine, verträumte Städtchen säumen den Strom. Die Eigenart und Schwere der niederrheinischen Landschaft ist '— in der Hauptsache wohl infolge des starken Gegensatzes zur beliebten Lebendigkeit des Mittel- und Oberrheins — wenig erkannt und noch weniger gewürdigt würden. Und doch bietet sie, auch wenn man von den Usern des Stromes in das Land hineingeht, eine Fülle versteckter und stiller Schönheiten, die allerdings eben nicht so laut und offen daliegen, wie etwa die landschaftlichen Reize des Stromdurchbruchs im Mittelgebirge oder die frei sich bietenden Ansichten seiner weinfrohen Städte. Der Niederrhein erschließt seine ganze Schönheit nur dem suchenden Wanderer, der den Niederungen seiner Seitenflüsse folgt und in feige lichten Waldungen eindringt. Dann aber findet er Werte, die denen anderer Gebiete gleichstehen und auf ihre durchaus eigene Art ansprechen.. Wir wollen aus diesen Schönheiten eine besondere herausgreifen, die gerade dem Niederrhein und mit ihm noch den angrenzenden Gebieten Westfalens und Hollands eignet, die der von Romantik und Reife- erlebeu so verherrlichten Poesie der mittelrheinischen Burgen entspricht und ihr doch so entgegen ist, daß sie den Gegensatz von Mittel- und Niederrhein in sich verkörpert. Die Wasserburg ist in Geschichte und Gestalt ureigenstes Erzeugnis der rheinischen Niederung. Wenn die Höhenburg allein aus den Bedürfnissen des Schutzes und der Verteidigung geboren und an ihre Lage gefesselt, sich als Sinnbild der Herrschaft, als Wehr- und Wohnbau zugleich hoch über das Land erhebt, so finden sich bei den Wasserburgen * Das Gedicht des dänischen Märchendichters wurde uns aus der Autographensammlung von Herrn Geheimrat Professor Dr. G. Krüger, Gießen, zur Verfügung gestellt; hie handschriftliche Fassung enthält merkwürdigerweise einige Verse, die sich im Druck nirgends finden. der Niederung diese Aufgaben oft geteilt. Den von den Territorial- fürsten gebauten, an das alte fränkische Recht der Königs- und Hoheits- bürg anknüpfenden Stützpunkten landesherrlicher Macht, wie sie besonders die kurkölnischen Landesburgen Hülchrath, Lechenich oder Sinn bei Uerbingen verkörpern, stehen eine große Anzahl von Wasserburgen kleinerer Lehensträger zur Seite, die in erster Linie als Wohnburgen dienten und in enger Verbindung mit dem umgebenden, landwirtschaftlich genutzten Grundbesitz waren. Zu diesen beiden Grundtypen gesellt sich als dritte die Stadtburg, die meist an einer Ecke den Befestigungswerken der Stadt eingefügt und von dieser durch einen Winkelgraben ab getrennt ist. Das wohl älteste und eindrucksvollste Beispiel dieser Art ist die von 1184 an errichtete, damals von den Fluten des Rheins umspülte Barbarossa-Pfalz zu Kaiserswerth, von deren Ausdehnung und Pracht leider nur spärliche Trümmer noch Kunde geben. Für alle diese Arten und, als letzte vielleicht noch, das durch einen Wassergraben geschützte ein- fache fränkische Gehöft, bildet sich schon in der frühen Entwicklung die gerade auch die wirtschaftliche Bindung der Wasserburgen kennzeichnende Teilung in ein festes Haupthaus und eine ebenfalls durch Wall und Graden befestigte Borburg aus, die bei dem landesherrlichen Burgen als eine Art Zwinger, bei den Adelssitzen meist als Wirtschaftshos ausge» baut ist. , v . Die Anfänge dieser besonderen Art des Burgenbaues in der Riede- rung verlieren sich im Dunkel frühgermanischer Geschichte. In den Flucht- bürgen der germanischen Stämme, die im unzulänglichen Moor, auf See- und Flußinseln angelegt ober durch Erdwall und Wassergraben geschützt waren, kann man ihren Beginn sehen. Die frühmittelalterliche sogenannte „Motte", ein aufgeworfener Erdhügel, ähnlich den Fluthügeln in Holland oder auf den Halligen, ist die Gegebenheit, deren sich die Bur- genbauer des 13. Jahrhunderts bedienen, um die in gebirgiger Landschaft so leichte militärisch-technische „Ueberhöhung" des Angreifers in der Niederung durch eine andere Verteidigungsform, eben den Schutz durch Wasser und Sumpf zu ersetzen. t In der Blütezeit des Lehenswesens war bald das weite nieder- rheinische Gebiet bis nach Flandern und Holland hinein mit einer Unzahl von Wasserburgen, vorn einfachen Turmhaus oder Gehöft bis zur Großanlage mit zwei und drei Vorburgen bedeckt. Sie stellten die Wehrhaftigkeit des flachen Landes dar und förderten und schützten die landwirtschaftliche und vielerorts auch die kulturelle Arbeit. Mit der Erfindung der Feuerwaffen war ebenso wie für die Höhenburgen auch für die Burgen der Niederung die militärische Bedeutung dahin. Als im Jahre 1416 zum erstenmal das neue große Geschütz der Stadt Köln gegen eine Wasserburg, das Haus Rott an der Siegmündung, eingesetzt wurde, schoß schon die zweite schwere Steinkugel das Turmhaus der Burg in Trümmer. Zwar wurden noch im 16. Jahrhundert auch einige Wasserburgen nach den neuen Regeln des Festungsbaues umgebaut und mit massigen Batterietürmen ausgerüstet, die Franzosenkriege des 17. Jahrhunderts aber besiegelten auch ihr Schicksal. Während unter diesen Schlägen mit den Resten des mittelalterlichen Feudaladels die Höhenburgen rettungslos verfielen, konnte sich bei den Wasserburgen im fruchtbaren Niederrheingebiet das Schwergewicht auf die Bewirtschaftung des Grundbesitzes verschieden. Der verhältnismäßig gute Zustand vieler Wohnburgen, ja sogar manche spätere Neubauten sind mit auf diese Zusammenhänge zurückzuführen. So ist es gekommen, daß wie die Wasserburg heute nicht nur als toten Zeugen einer vergangenen Zeit, sondern als" Bestandteil und Eigenart der niederrheinifchen Landschaft anfehen dürfen. Wer sich von Neuß, der alten kurkölnischen Feste an der Erfteinmündung, gegen Westen zu auf München-Gladbach wendet, der wird, -roenn , er die Niederung der Erft verläßt, bald auf einige der schönsten Burgen ' stoßen, die der Niederrhein aufzuweisen hat. Etwas südlich bei Grevenbroich das feste Haus Bonienbroich aus dem 16. Jahrhundert, nicht weit davon das bekannte Schloß Dyck, dessen jetzige Form mit barocken Eck- türmen um 1670 entstand. Bei München-Gladbach reckt Schloß Millendink feinen alten Torturm aus dem 15. Jahrhundert hoch; die feste Masse des Herrenhauses überragt noch ein sonst bei Niederungsburgen seltenerer Bergfried. Schloß Rheydt mit feinen Arkaden, feiner doppelten Vor- burganlage und dem stimmungsvollen Kapellenanbau ist ein späterer, anmutiger Umbau einer alten Burg von 1560. Das Erfttal weiter aufwärts ist reich an mächtigen Burgbauten. Neben dem Burghiigel Neu-Hochstaden, der eine der ältesten niederrheinischen Anlagen des 12. und 13. Jahrhunderts trug, finden sich die herrlichen Wasserschlösser Bedburg, Frens, Horst und das kurkölnische Hochschloß Lechenich. Linzenich bei Jülich mit dem hohen Turmhelm, Konradsheim, Sinn, die reichgestaltele, leider bis auf die Wirtschaftsgebäude verfallene Landesburg bei Uerbingen und, weiter zum Norden, die Schlösser Haag und Ringenberg, Wissen und Hueth, Hugenpoet im Ruhrtal und das neugotisch erneuerte Moyland bei Cleve, alle diese sind nur einige Namen aus dem großen Kranz der Burgen, die ihre Wehr- -mauern und Türme in den Wassern und Seen der niederrheinischen Landschaft spiegeln. Biele Gutsburgen kommen hinzu, vom alten Niershof bei Kämpen, dem Muster einer befestigten Wohnanlage, bis zu Schloß Heltorf, dem Sitz der Grafen von Spee, manche alte Stadtburg, wie die Wehranlagen im malerischen Zons oder im festen Zülpich, und schließlich auch mancher Restturm und Trümmerhaufen, der den früheren Glanz des hohen Hauses nur noch ahnen läßt. Wer so auf einsamer Fahrt und Wanderung auf den Straßen besonders des linken Niederrheins plötzlich das Wasser eines Burgteiches zwischen den Bäumen aufleuchten oder in der dunstigen Ferne die -türme einer festen Burg auftauchen sieht, der empfange still das Bild, das sich ihm bietet, und genieße es nicht nur aus dem Gefühl einer so leicht verwaschenen Romantik; - er gedenke vielmehr des alten Urstromtales deutscher, mittelalterlicher Kultur und fühle sich den Zeugen jener wehrhaften Vergangenheit verbunden. Lerintworllich: Dr. Hans Thhriot. — Bruck und Derlag: Brühlsche Universitätsdruckerei A. Lange, Gießen.