SietzenerKnnilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1958 Montag, den 17. Januar Nummer 5 Oer Lan-vogt von Greifende Novelle von Gottfried Keller Am 13. Heumonat 1783, als an Kaiser Heinrichs £ag, wie er noch heute rot im Züricher Kalender steht, spazierte ein zahlreiches Publikum aus Stadt und Landschaft nach dem Dorfe Kloten an der Schaffhauser Straße, zu Wagen, zu Pferde und zu Fuß. Denn auf den gelinden Anhöhen jener Gegend wollte der Obrist Salomon Landolt, damals Landvogt der Herrschaft Greifensee, das von ihm gegründete Korps der zürcherischen Scharfschützen mustern, üben und den Herren des Kriegsrates vorführen. Den Heinrichstwg aber hatte er gewählt, weil ja doch, wie er sagte, die Hälfte der Milizpflichtigen des löblichen Standes Zürich stets Heinrich heiße und das populäre Namensfest mit Zechen und Nichtstun zu feiern pflege, also durch eine Musterung nicht viel Schaden an- gerichtet werde. Die Zuschauer erfreuten sich des ungewohnten Anblickes der neuen, bisher unbekannten Truppe, welche aus freiwilligen blühenden Jünglingen in schlichter grüner Tracht bestand, ihrer raschen Bewegung in aufgelöster Ordnung, des selbständigen Vorgehens des einzelnen Mannes mit seiner gezogenen, sicher treffenden Büchse, und vor allem des väterlichen Verhältnisses, in welchem der Erfinder und Leiter des ganzen Wesens zu den fröhlichen Gesellen stand. Bald sah man sie weit zerstreut am Rande der Gehölze verschwinden, bald auf feinen Ruf, während er auf rot glänzender Fuchsstute über die Höhen flog, in dunkler Kolonne an entferntem Orte erscheinen, bald in unmittelbarer Nähe mit lustigem Gesänge vorüberziehen, um alsbald wieder an einem Tannenhügel aufzutauchen, von dessen Farbe sie nicht mehr zu unterscheiden waren. Alles ging so rasch und freudig vonstatten, daß der Unkundige keine Vorstellung besaß von der Arbeit und Mühe, welche der treffliche Mann sich hatte kosten lassen, als er seinem Vaterlande diese seine eigenste Gabe vorbereitete. Wie er nun schließlich, beim Klange der Waldhörner, die Jägerschar, die fünfhundert Mann betragen mochte, schnellen Schrittes dicht heranführte und blitzrasch zur Erholung und Heimkehr auseinaudergehen ließ, indem er sich selbst vom Pferde schwang, ebensowenig Ermüdung zeigend, als die Jünglinge, da war jeder Mund seines Lobes voll. Anwesende Offiziere der in Frankreich und den Niederlanden stehenden Schweizerregimenter besprachen die wichtige Zukunft der neuen Waffe und freuten sich, daß die Heimat dergleichen selbständig und für sich hervorbringe; auch erinnerte man sich nut Wohlgefallen, wie sogar Friedrich der Große, als Landolt einst den Manövern bei Potsdam belge- wohnt, den einsam und unermüdlich sich herumbewegenden Mann ins Auge gefaßt und zu sich beschieden, auch in wiederholten Unterhandlungen versucht, habe, denselben für seine Armee zu gewinnen. Besitze ja Landolt jetzt noch ein Handschreiben des großen Mannes, das er sorgfältiger als einen Liebesbrief aufbewahre. Wohlgefällig hingen aller Augen an dem Landvogt, als er nun zu feinen Herren und Mitbürgern trat und allen Freunden kardial die Hand schüttelte. Er trug ein dunkelgrünes Kleid ohne alles Tressenwerk, helle Reithandschuhe und in den hohen Stiefeln weiße Stiefelmanschetten. Ein starker Degen bekleidete die Seite, der Hut war nach Art der Offiziers- Hüte aufgeschlagen. Im übrigen beschreibt ihn der gedachte Biograph folgendermaßen: '„®er ihn nur einmal gesehen hatte, konnte ihn nie wieder vergessen. Seine offene, heitere Stirn war hochgewölbt; die Adlernase trat sanft gebogen aus dem Gesicht hervor; seine schmalen Lippen bildeten feine, anmutige Linien und in den Mundwinkeln lag treffende, aber nie vorsätzlich verwundende Satire hinter kaum bemerkbarem, launigem Lächeln verborgen. Die Hellen braunen Augen blickten frei, fest und den innewohnenden Geist verkündend umher, ruhten mit unbeschreiblicher Freundlichkeit auf erfreulichen Gegenständen und blitzten, wenn Unwille die starken Brauen zusammenzog, durchdringend auf alles, was das zarte Gefühl des rechtfchaffenen Mannes beleidigen konnte. Von mittlerer Statur, war fein Körper kräftig und regelmäßig gebaut, sein Anstand militärisch." -Fügen wir dieser Beschreibung hinzu, daß er im Nacken einen nicht eben schmächtigen Zopf trug und an jenem Tage Kaiser Heinrichs in feinem zweiundvierzigsten Jahre ging. Unversehens erhielten die braunen Augen Gelegenheit, mit jener unbeschreiblichen Freundlichkeit auf einem erfreulichen Gegenstände zu ruhen, als er an eine rosenrote Staatskutsche herantrat, um deren Insassen zu grüßen, die ihm die Hände entgegenstreckten; denn unvermuteterweise war da auch ein allerschönstes Frauenzimmer, das er einst wohl gekannt, aber seit Jahren nicht gesehen hatte. Sie mochte ungefähr fünfunddreißig Jahre zählen, hatte lachende braune Augen, einen roten Mund, dunkelbraune Locken fielen auf den Spitzenbesatz, der den halb offenen Hals einfaßte, und bauten sich reichlich über das schöne Haupt empor, von einem nach vorn geneigten seinen Strohhute bedeckt. Sie trug ein weiß und grün gestreiftes Sommerkleid und in der Hand einen Sonnenschirm, den man jetzt für chinesisch ober japanisch halten würde. Um übrigens unbegründete Voraussagen abzuschneiden, muh gleich bemerkt werden, daß sie längst verheiratet war und mehrere Kinder hatte, daß es sich mithin höchstens um vergangene Dinge handeln konnte zwischen ihr und dem Jägeroffizier. Kurz gesagt, war es das erste Mädchen gewesen, dem er einst sein Herz entgegengebracht und ein zierliches Körbchen abgenommen hatte. Ihr Name muß verschwiegen bleiben, weil noch alle ihre Kinder in Ehren und Würden herumlaufen, und wir müssen uns begnügen, sie mit demjenigen Namen zu bezeichnen, mit welchem Landolt sie in seinem Gedächtnisse behielt. Er nannte sie nämlich den Distelfink, wenn er an sie dachte. Beide Personen erröteten leicht, da sie sich die Hand reichten, und bei der Einnahme von Erfrischungen im Löwen zu Kloten, wohin sich viele begaben, als Landolt neben die Frau zu sitzen kam, tat sie fo freundlich und angelegentlich, wie Menn sie einst der verliebte Teil gewesen wäre. Es wurde ihm angenehm zu Mut, wie er seit Jahren nicht gefühlt, und er unterhielt sich auf das beste mit dem sogenannten Distelfink, der immer gleich jung zu fein schien. Endlich aber begann der lange Sommertag sich zu neigen, und Landolt mußte auf den Rückweg denken, da er bis nach Greifenfee, dessen Herrschaftsbezirk er feit zwei Jahren als Landvogt regierte, gegen drei Wegstunden zurückzulegen hatte. Beim Abschied von der Gesellschaft entwickelte sich wie von selbst eine Einladung und Verabredung, daß die alte Freundin ihn einmal, Gemahl und Kinder mitbringend, auf dem Schlosse zu Greifensee überraschen solle Nachdenklich ritt er, nur von einem Diener begleitet, über Dietlikon langsam nach Hause. Auf den Torfmooren webte schon die Dämmerung; zur Rechten begann die Abendröte über den Waldrücken zu verglühen, und zur Linken stieg der abnehmende Mond hinter den Gebirgszügen des zürcherischen, Oberlandes herauf — eine Stimmung und Hage, in welcher der Landvogt erst recht aufzuleben, ganz Auge zu werden und nur dem stillen Walten der Natur zu lauschen pflegte. Heute aber stimmten ihn die glänzenden Himmelslichter und das leise Walten nah und fern noch feierlicher als gewöhnlich und beinahe etwas weich, und als er den Empfang bedachte, den er jener artigen Korbspenderin entgegenbringen wolle, befiel ihn plötzlich der Wunsch, nicht nur diese, sondern auch noch drei ober vier weitere Stück schöne Wesen bei sich zu versammeln, zu denen er einst in ähnlichen Beziehung- gestanden; genug, es erwachte, je weiter er ritt, eine eigentliche Sehnst.cyt in ihm, alle die guten Liebenswerten, die er einst gern gehabt, auf einmal beieinander zu sehen und einen Tag mit ihnen zu verleben. Denn leider muß berichtet werden, daß der nun verhärtete Hagestolz nicht immer so unzugänglich war und den Lockungen einst nur allzuwenig widerstanden hatte. Da gab es auf feinem Register der Kosenamen noch eine, die hieß der Hanswurstel, eine andere, die hieß die Grasmücke, eine der Kapitän, und eine vierte die Amsel, was mit dem Distelfink zusammen fünf ausmachte. Die einen waren vermählt, die andern noch nicht, aber alle waren wohl herbeizustringen, da er gegen keine sich einer Schuld bewußt war, und hätte er nicht Zügel und Gerte geführt, fo würde er bereits vor (eifern Vergnügen die Hände gerieben haben, als er begann, sich vor- zuftellen, wie er die Schonen untereinander ins Benehmen fetzen wolle, wie sie sich aufführen und vertragen würden, und welch zierlicher Scherz ihm winke, die reizende Familie zu bewirten. Die Schwierigkeit war nun freilich, feine Wirtschafterin, die Frau Marianne, ins Vertrauen zu ziehen und ihre Einwilligung und Beihilfe zu gewinnen; denn wenn diese in so zarter Angelegenheit nicht gutgesinnt und einverstanden war, fo fiel der liebliche Plan dahin. Die Frau Marianne war aber die feltfamfte Käuzin von der Welt, wie man um ein Königreich keine zweite aufgetrieben hätte. Sie war die Tochter des Stadtzimmermeifters Kleißner von Hall in Tirol und mit einer Schar Geschwister unter der Botmäßigkeit einer bösen Stiefmutter gewesen. Diese steckte sie als Novize in ein Kloster; sie hatte eine schone Singstimme und schien sich gut anzulassen; w'.e sie aber Profeß tun sollte, erhob sie einen so wilden und furchtbaren Widerstand, daß sie mit Schrecken entlassen wurde. Hierauf schlug sich Marianne allein in die Welt und fand als Köchin ein Unterkommen in einem Gasthause zu Freiburg im Breisgau. Wegen ihrer wohlgebildeten Leibesgestalt hatte sie die Nachstellungen und Bewerbungen der österreichischen Offiziere und der Studenten zu erdulden, welche in dem Haufe verkehrten; jedoch wies sie alle energisch zurück bis auf einen hübschen Studenten aus Donaueschingen, von guter Familie, dem sie ihre Neigung schenkte. Ein eifersüchtiger Offtzier verfolgte sie deswegen mit übler Nachrede, die ihr zu Ohren kam. Mit einem scharfen Küchenmesser bewaffnet, schritt sie in den Gastsaal, in dem die Offiziere saßen, stellte den Betreffenden als einen Verleumder zur Rede, und als derselbe die resolute Person hin- ausschafsen wollte, drang sie so heftig auf ihn ein, daß er den Degen I ziehen mußte, um sich ihrer zu erwehren. Allem sie entwaffnete den Mann und warf ihm den Degen zerbrochen vor die Fuße, infolgedessen er aus dem Regiment gestoßen wurde. Die tapfere Tirolerin aber heiratete nun den schönen Studenten, und zwar gegen den Willen der ©einigen, indem sie miteinander entslohen. Er trat in Königsberg in ein I preußisches Reiterregiment, dem sie sich als Marketenderin anschloh und in verschiedenen Feldzügen folgte. Hier zeigte sie sich so unermudllch tätig und geschickt, im Felde sowohl wie in den Garnisonen, als Kochm und Kuchenbäckerin, daß sie genug Geld verdiente, um ihrem Manne ein bequemes Leben zu b-reiten und auch etwas beiseite zu legen. Sie bekamen nach und nach neun Kinder, die sie über alles liebte und mit der ganzen Leidenschaftlichkeit, die ihr eigen war; aber alle starben hinweg, was ihr jedesmal fast das Herz brach, das jedoch stärker war, als all« Schicksale. Da aber endlich Jugend und Schönheit entflohen waren, erinnerte sich der Husar, ihr Mann, seines besseren Standes und fing an, feine Frau zu verachten; denn es war ihm zu wohl geworden in ihrer Pflege. Da nahm sie das ersparte Geld, erkaufte ihm den Abschied vom Regiment und lieh ihn ziehen, wohin es ihm gefiel, sein Glück zu suchen; sie selbst wanderte einsam wieder dem Süden zu, von woher sie gekommen wär, um ein Unterkommen zu finden. In St. Blasien im Schwarzwald fügte es sich, daß sie dem Landvogt von Greifenfee, der eine Wirtschafterin suchte, empfohlen wurde, und so diente sie ihm schon seit zwei Jahren. Sie war mindestens fünf- I undvierzig Jahre alt und glich eher einem alten Husaren, als einer Wirt- [ schastsdame. Sie fluchte rote ein preußischer Wachtmeister, And wenn ihr Mißfallen erregt wurde, so gab es ein so gewaltiges Gewitter, daß alles auseinanderfloh und nur der lachende Landvogt standhielt und sich an dem Spektakel ergötzte. Allein sie besorgte seinen Haushalt auf das vortrefflichste; sie beherrschte das Gesinde und die Ackerknechte mit unnachsichtlicher Strenge, führte feine Kaffe treu und zuverlässig, feilschte und sparte, wo es immer möglich war und die Großmut des Herrn nicht dazwischen trat, und unterstützte wiederum seine Gastfreundschaft mit guter Küche so willfährig und wohlbewandert, daß er ihr bald die Wh- rung seines gesamten Hauswesens ohne Rückhalt überlassen konnte. Durch alle Rauheit leuchtete dann wieder ihr tiefes Gemüt hervor, wenn sie dem Landvogt, der ihr aufmerksam zuhörte, mit ungebrochener Altstimme eine alte Ballade, ein noch älteres Liebes- oder Jägerlied vorsang, und sie war nicht wenig stolz, wenn der waldhornkundige Herr die schwermütige Melodie bald erlernte und aus dem Schlohsenster über den mondhellen See hinblies. Als einst das zehnjährige Söhnlein eines Nachbars in unheilbarem Siechtum darniederlag und weder das Zureden des Pfarrers, noch dasjenige der Eltern das Kind in feinen Schmerzen und feiner Furcht vor j dem Tode zu trösten vermochte, da es so gerne gelebt hätte, so setzte sich Landolt, ruhig seine Pfeife rauchend, an das Bett und sprach zu ihm in so einfachen und treffenden Worten von der Hoffnungslosigkeit seiner Sage, von der Notwendigkeit, sich zu fassen und eine kleine Zeit zu leiden, aber auch von der sanften Erlösung durch den Tod und der seligen, wechsellosen Ruhe, die ihm als einem geduldigen und frommen Knäblein beschieden fei, von der Liebe und Teilnahme, die er, als ein fremder Mann, zu ihm hege, daß das Kind sich von Stund an änderte, mit heiterer Geduld seine Leiden trug, bis es vom Tode wirklich erlöst wurde. Da drang die leidenschaftliche Frau Marianne an das Todeslager, kniete am Sarge nieder, betete andächtig und anhaltend und empfahl dem vermeintlichen kleinen Heiligen alle ihre vorangegangenen Kinder zur Fürbitte bei Gott. Dem Landvogt aber küßte sie wie einem großen Bischof ehrfürchtig die Hand, bis er sie lachend mit den Worten ab schüttelte: „Seid Ihr des Teufels, alte Närrin?" Das war also die Schaffnerin des Herrn Obristen, mit welcher er sich ins Reine fetzen mußte, wenn er die fünf alten Flammen an feinem Herde vereinigen und leuchten lassen wollte. Als er in den Schloßhof ritt und vom Pferde ftieg, hörte er sie eben in der Küche gewittern, weil die Hunde im Stall heulten und eine Magd versäumt hatte, denselben das Abendfutter abzubrühen. Das ist keine günjtige Zeit! dachte er und ließ sich kleinlaut in feinem Lehnstuhle nieder, um fein Nachtessen einzunehmen, während die Wirtschafterin ihm mit wetterleuchtender Laune vortrug, was sich alles während des Tages ereignet habe. Er schenkte ihr ein Glas Burgunder ein, den sie liebte, von dem sie aber nur trank, wenn der Herr sie dazu einlud, obgleich sie die Kellerschlüssel führte. Das milderte schon etwas ihren Groll. Dann nahm er das Waldhorn von der Wand und blies eine ihrer Lieblings- weisen aus den Greifensee hinaus. . „Frau Marianne!" sagte er hierauf, „wollt Ihr mir nicht das andere Lied fingen, wie heißt's: Wer die seligen Fräulein hat gesehn Hoch oben im Abendschein, Seine Seele kann nicht scheiden gehn, Als über den Geisterstein! Ade, ade, ihr Schwestern traut, Mein Leib schläft unten im stillen Kraut!" Sogleich fang sie das Lied mit allen Strophen, die auf verschiedene Gegenstände übersprangen, aber alle eine gleichmäßige Sehnsucht, ein Gewisses wiederzusehen, ausdriickten. Sie wurde von der einfachen Weife selbst gerührt und noch mehr, als der Landvogt die gedehnten Töne in die Nacht hinausziehen lieh. „Frau Marianne!" sagte er, in die Stube zurücktretend, „wir müssen gelegentlich daraus denken, eine kleinere, aber ausgesuchte Gesellschaft wohl zu empfangen!" „Welche Gesellschaft, Herr Landvogt? Wer wird kommen?" „Es wird kommen", versetzte er hustend, „der Distelfink, 'der Hans- wurstel, die Grasmücke, der Kapitän und die Amfel!" Die Frau sperrte Mund und Augen auf und fragte: „Was sind denn das für Leute? Sollen sie auf Stühlen sitzen, ober auf einem Stänglein?" Der Landvogt war aber fchon in die Nebenftub« gegangen, um sich eine Pfeife zu holen, die er nun in Brand steckte. ... •. „Der Distelfink", sagte er, den ersten Rauch wegblasend, „der ist ein schönes Frauenzimmer!" „Und der andere?" ~ . .... „Der Hanswurste!? Der tft auch ein Frauenzimmer, und auch schon m ©o'ginTes fort bis zur Amsel. Da die Wirtschafterin aber auch von diesen lakonischen Erklärungen nicht befriedigt war, mußter-der Herr Landvogt sich entschließen, endlich des mehreren von Dingen zu reden, über welche noch nie ein Wort über seine Lippen gekommen war , Mit einem Wort", sagte er, „es sind das alle meine Liebschaften die ich gehabt habe und die ich einmal beisammen sehen will!" Mer heiliges Kreuzdonnerwetter!" schrie nun Frau TOartanne^ die mit' noch viel größeren Augen aufsprang und zuhinterst an die Wand rannte, „Herr Landvogt, gnädigster Herr Landvogt! Sie haben geliebt und so viele! O Himmelsakerment! Und kein Teufel hat eine Ahnung davon gehabt, und Sie haben immer getan, als ob Sie die Weiber nicht ausstehen könnten! Und Sie haben alle diese armen Würmer an- geschmiert und sitzen lassen?" Nein", erwiderte er verlegen lächelnd, „sie haben mich nicht gewollt! ''Nicht gewollt!" rief Marianne mit wachsender Aufregung; „keine einzige?" — „Nein, keine!" . „Du verfluchtes Pack! Aber die Idee ist gut, die der Herr Landvogt ball' Sie sollen kommen, wir wollen sie schon herbeilocken und betrachten; das muh ja eine wunderliche Gesellschaft fein! Wir werden sie hoffentlich in den Turm sperren, zuoberst wo die Dohlen sitzen, und hungern lassen? Für Händel will ich fchon sorgen!" • .. .. „Nichts da!" lachte der Landvogt; „im Gegenteil sollt Ihr an Höflichkeit und guter Bewirtung alles aufwenden; denn es fall ein schöner Tag für mich sein, ein Tag, wie es sein mähte, wenn es wirklich einen Monat Mai gäbe, den es bekanntlich nicht gibt, und es der erste und letzte Mai zugleich wäre!" Frau Marianne bemerkte an dem Glanze ferner Augen, daß er etwas Herzliches und Erbauliches meine, sprang zu ihm hin, ergriff seine Hand und küßte sie, indem sie leise und chre Augen wischend sagte: „Ja, ich verstehe den Herrn Landvogt! Es soll ein Tag werden, wie wenn ich alle meine Heimgegangenen Kinder, die fellgen Englein, plötzlich bei mir hätte!" , x Nachdem das Eis einmal gebrochen war, machte er sie nach und nach, wie es sich schickte, mit den fünf Gegenständen bekannt und stellte ihr dar, wie es sich damit begeben habe, wobei der Vortragende und die Zuhörerin sich in mannigfacher Laune verwirrten und kreuzten. Wir ! wollen die Geschichten nacherzählen, jedoch alles ordentlich einteilen, abrunden und für unser Verständnis ein richten. Distelfink. " Den Namen schöpfte Salomon Landolt aus dem Geschlechtswappen der Schönen, welches einen Finken zeigt« und über ihrer Haustüre ge- malt war. Mehr als eine Familie führte solche Singvögel im Wappen und «s kann daher der Taufname des ehemaligen Jungfräuleins, das Salome hieß, verraten werden. Oder vielmehr war es eine sehr stattliche Jungfrau, als Salomon sie kennen gelernt hatte. Es gab damals, außer den öffentlichen Herrschaften und Vogteien, noch eine Anzahl alter Herrensitze mit Schlössern, Feldern und Gerichtsbarkeiten, oder auch ohne diese, welche als Privatbesitz von Hand zu Hand gingen und von den Bürgern je nach ihren Vermögensverhält- nissen erworben und verlassen wurden. Es war bis zur Revolution die vorherrscheiüie Form für Vermögensanlagen und Betrieb der Landwirtschaft und gewährte auch den Nichtadeligen die Annehmlichkeit, ihren ideellen Anteil an der Landeshoheit mit herrschaftlich feudal klingenden Titeln auszuputzen. Dank dieser Einrichtung lebte die Hälfte der besser- gestellten Einwohnerschaft während der guten Jahreszeit als Wirte ober Gäste auf allen jenen amtlichen oder nichtamtlichen Landsitzen in den schönsten Gegenden, gleich den alten Göttern und Halbgöttern der Feudalzeit, aber ohne deren Fehden und Kriegsmühen, im tiefften Frieden. An einem solchen Orte traf Salomon Landolt, etwa in seinem fünf« undzwanzigsten Jahre, mit der jungen Salome zusammen. Sie standen zu dem Hause, von entgegengesetzter Seite her, in nicht naher 93er» wandtschast, so daß sie unter sich selbst nicht mehr für verwandt gelten konnten und doch ein liebliches Gefühl gemeinsamer Beziehung empfanden. Außerdem wurden sie wegen ihrer ähnlich lautenden Namen der Gegenstand heiterer Betrachtungen, und es gab manchen Scherz, der ihnen nicht zuwider war, wenn sie auf einen Ruf gleichzeitig sich umsahen und errötend wahrnahmen, daß vom andern die Red« fei. Beide gleich hübsch, gleich munter und lebenslustig, schienen sie wohlgesinnten Freunden für einander schicklich und eine Vereinigung nicht von vornherein untunlich zu sein. Freilich war Salomon nicht gerade in der Verfassung, schon ein eigenes Haus zu gründen; vielmehr kreuzte sein Lebensschifflein noch unschlüssig vor dem Hasen herum, ohne auszufahren noch einzulaufen. Er hatte seinerzeit die französische Kriegsschule in Metz besucht, ^erft um sich im Artillerie- und Jngenieurwesen auszubilden, dann um sich mehr auf die Zivilbaukunst zu werfen, worin er einst der Vaterstadt dienen I sollte. In gleicher Absicht war er nach Paris gegangen; allein Zirkel und 1 Maßstab und bas ewige Messen und Rechnen waren seinem ungebundenen Geiste und seinem wilden Jugendmute zu langweilig gewesen, und er hatte teils einen angebornen Hang zum freien Zeichnen, Skizzieren und Malen gepflegt, teils durch unmittelbares Sehen und Hören sich allerlei Kenntnisse und Erfahrungen erworben, sonderlich wenn es auf dem Rücken der Pferde geschehen konnte; ein Ingenieur ober Architekt aber kam in ihm nicht nach Hause zurück. Das gefiel feinen Eltern nur mäßig, und ihre sichtbar« Sorge bewog ihn, wenigstens eine Stelle im Stadtgerichte zu bekleiden, um sich für Die Teilnahme am Regiment zu befähigen. Sorglos, doch liebenswürdig und von guten Sitten, ließ er sich dabei gehen, während tieferer Ernst und Tatkraft nur leicht in ihm | schlummerten (Fortsetzung folgt.) An einem Wmlermorgen vor Sonnenaufgang. Von Eduard Mörike. O flaumenleichte Zeit der dunkeln Frühei Welch neue Welt bewegest du in mir? Was ist's, daß ich auf einmal nun in dir Von sanfter Wollust meines Daseins glühe? Einem Kristall gleicht meine Seele nun. Den noch kein falscher Strahl des Lichts getroffen: Zu fluten scheint mein Geist, er scheint zu ruhn, Dem Eindruck naher Wunderkräfte offen, Die aus dem klaren Gürtel blauer Luft Zuletzt ein Zauberwort vor meine Sinne ruft. Bei Hellen Augen glaub' ich doch zu schwanken; Ich schließe sie, daß nicht der Traum entweiche. Seh ich hinab in lichte Feenreiche? Wer hat den bunten Schwarm von Bildern und Gedanken Zur Pforte meines Herzens hergeladen, Die glänzend sich in deinem Busen baden, Goldfarb'gen Fischlein gleich im Gartenteiche? Ich höre bald der Hirtenflöte Klänge, Wie um die Krippe jener Wundernacht, Bald weinbekränzter Jugend Lustgesänge; Wer hat das friedenselige Gedränge In meine traurigen Wände hergebracht? Und welch Gefühl entzückter Stärke, Indem mein Sinn sich frisch zur Ferne lenkt! Vom ersten Mark des heutigen Tags getränkt, Fühl ich mir Mut zu jedem frommen Werke. Die Seele fliegt, so weit der Himmel reicht, Der Genius jauchzt in mir! Doch sage. Warum wird jetzt der Blick von Wehmut feucht? Ist's ein verloren Glück, was mich erweicht? Ist es ein werdendes, was ich im Herzen trage? — Hinweg, mein Geist! Hier gilt kein Stillestehen: Es ist ein Augenblick, und alles wird verwehnl Dort, sieh! am Horizont lüpft sich der Vorhang schon! Es träumt der Tag, nun fei die Nacht entslohn; Die Purpurlippe, die geschlossen lag. Haucht, halbgeöffnet, süße Atemzüge: Auf einmal blitzt das Äug', und, wie ein Gott, der Tag Beginnt im Sprung die königlichen Flüge! Geburtslagsbrief au Wilhelm Schäfer. Von Hauptmann (E) Martin Lang. Alte HolzbiDer gibt es, die in den Falten ihres Mantels verborgen unverblichenes Gold tragen. Wenn man die goldenen Rinnen entlang fährt mit den Fingerspitzen, ist es wie ein Berühren der goldenen Tür oder des Goldsees im Märchen: die Finger werden golden davon. Solch verborgenem und unverblichenem, bei der Berührung anhaftendem Gold« möchte ich eine Tugend vergleichen, die Sie üben, lieber Wilhelm Schäfer: Ihre Gastfreundschaft, und zwar im Schäferhause selbst wie in den verschiedenen Ablegern, die es davon gibt. Oder, die es gab. Zum Beispiel Ihr Aeschihaus. Als Sie für einen Schlohherrn galten, denn in Ihrem Paß stand als Wohnort vermerkt mit altfränkischer, in diesem Falle aber schwyzerischer Behäbigkeit: Im Schloß zu Aeschi. Wir stamm- und artverwandten Schwaben verstehen den Witz der Sache sogleich. Denn „im Schloß" ist ein Gewannname, ein Flurname. Und was „Aeschi" bedeutet, 'muß man sich von Ihnen erklären lassen oder von Götz von Berlichingen. Ihre Vorliebe nun für diesen Winkel der deutschen Schweiz, die hat mir eingeleuchtet, auch wenn ich niemals unters' Dach des Aeschihauses trat. Es wollte sich damals nicht schicken. Damals stand ja Ihr Sommerftei- zeithaus in der Landschaft des Thunersees und der Bergpyramide des Niesen. Wäre mir selbst ein Jugendwunsch in Erfüllung gegangen, wir Hütten Nachbarn werden können. Denn vor Zeiten war das alte Pfarrhaus in Spiez, wie man so sagt, um einen Spottpreis feil: über dem See ein leerer zitteriger Kasten mit dünnen Wänden und ausgebleichten, wie ausgelaugten Fensterrahmen. Aber die bleigefaßten Scheiben voll Lust- und Wasserglanz hatten mir’5 angetan. Es spielte wie verjährter Sonnenschein in ihrem fleckigen Glase. Anders muß es im Aeschihaufe gewesen sein. Auf festem Grund die Hütte, die Sie gebaut, mit ihrem morgenfrischen Blick in die Natur und mit dem Leuchten zwischen See und Schnee, dem starken Blau-Grün — Ihren Schäferfarben! In den Jahren, die nun folgten, ging es nicht mehr um eine Wahlheimat. Es ging um Herz und Herzkranzadern der Heimat selbst. Auch Sie, lieber Wilhelm Schäfer, sind dem deutschen Frühling und Sommer vorangezogen. Und nun steht Ihre Freizeithütte in Oberjoch am Adolf- Hitler-Bergpah, wo er den Auslaus nimmt von seinen hundert Wm- dungen, Kehren und Schleifen und demnächst in die neue Straße einmündet, die der Arbeitsdienst baut. Um ein Haar hätte Ihre Hütte das Schicksal der Wegschnecke geteilt, wenn sie von der Dampfwalze überfahren wird. Es ging noch gnädig ab. Aber der Zugwind der neuen Zeit streicht auch in der Dergwelt so dicht unter Ihren Fenstern rwr- über wie in der Sommerhalde am See. Ihr nächster Nachbar ist der Arbeitsdienst geworden. Auch er steht an der Front, auch Sie stehn an der Front. Die Zwanzigjährigen und der Siebzigjährige Schulter an Schulter bei ihrem Tun, es will mich wie ein Zeichen dafür bedünken, was noch in Ihrem neues Lebensjahrzehnt dieses Leben und unser allgemeines Leben mit Ihnen vorhat. Eine Freizeithütte ist die Christophorushütte für Ihren Gastfreund. Das Schreibepult läßt er unbenützt, es gehört sich so. Aber es sagt ihm, wer da sieht und schreibt. Und ebenso sagen ihm etwas die Schnitzel beschriebenen, aber mit Bleistift beschriebenen Papiers, die er im Papierkorb zum Verheizen vorfindet. Nicht Ihnen, doch mir und meinesgleichen möchte ich znm Tröste wiederholen, was der siebzigjährige Gottfried Keller sich an seinem 19. Juli 1898 vorgehalten hat. Sich und Seinesgleichen und darum wohl auch Ihnen, lieber Geburtstagsmann vom 20. Januar 1938: Mancher plagt sich siebzig Jährchen, In der Feder noch ein Härchen. Wer kennt das nicht? Das Härchen in der Feder, das muß jeder selbst auswischen. Ein Dichtertagewerk, ich weiß, beginnt bei Ihnen am frühen Vormittag. Und bei dem gelben Schein der niederen Stehlampe geht es fort bis in die Nacht — bis es einen Klang gibt, bei dem Sie sogleich die Feder weglegen. Dann will der Kopf nicht mehr, und es hat „Brimm" gemacht, wie Sie sagen. „Stimm" ist ein Glöckchen, aber für uns Langs ist Brimm Ihr eigentlicher Schutz- und Hausgeist, für den Sie immer ein Lächeln haben und dem Sie folgsam sind. „Es hat Brimm gemacht": dann ist Feierabend. Und Ihr Lächeln, das wir kennen, ist wie der Abendschein, der sich um Oberjoch verzieht. Noch eine Weile steht das Tagewerk im Licht. Auch etwas anderes könnte die Christophorushütte Ihren Gastfreund - lehren, wenn er's nicht schon wüßte: daß Ordnung und Sauberkeit Ihnen die Grundbedingungen des menschlichen Lebens sind. Wo immer sich ein Volkswille zur sauberen Ordnung ausspricht und aussprach, da konnten Sie eine Wahlheimat finden, da ist ein Spiegelbild und Widerhall Ihres eigenen Wesens in Tun und Denken, da ist Ihr Vaterland. Da ist der Einklang mit dem Morgen- und Abendwerden und dem Wort, daß jeder Tag feine eigene Plage habe. Da ist der Einklang auch mit dem „Brimm". Morgen- und Abendwerden in Oberjoch ist etwas Schönes. Man sieht die Sonne am Iseler aufgehen, klein und rund und glasmurrnel- bunt, bevor sie ihr Angesicht blendend enthüllt. Man sieht den Mond da stehen in der Lücke zwischen Iseler und den nächsten Hindelanger Bergstöcken. Vollmondzeit war, als wir letztes Mal über Neujahr Ihrs Gastfreundschaft oben in vollen Zügen genossen. In der mond- und sternhellen Silvesternacht schlug unversehens das Wetter um. Die Schneedecke, ein brettsteif gefrorener Horst feit dem Thomasfeiertag, an dem wir in Ihre Hütte einzogen, nahm eine weiche tauige Färbung an, als sauge der Schnee die Lust ein. Ebenso von tauiger weicher Lust umhüllt, traten die Bergfichten aus dem Nachldunkel. Ein samtenes Braun war ins Nadelgrün gemischt. Es fror noch, und doch war milde Nacht. Alle Lichter schimmerten heller, näher, wärmer. Die Sterne hatten sich um eine goldene Fadenlänge tiefer herabgelassen. Ihr Licht konnten wir wie Kerzenschein ins Auge ziehen. Auf dem ausgestreckten Zeigefinger brannte der hellste, der Jupiter, wie ein Leuchtfeuer. Und allenthalben war der Mond zu spüren. Er zog und sog. Um Mitternacht nun, als wir ins Freie gingen, hatten sich droben bei der Ochsenalp und weiter drüben überm Berghaus am Iseler eine Schar junger Leute gesellt: Hitler-Jugend aus Thüringen und der Reichsarbeitsdienst. Fackeln haltend waren sie hier und dort zu einem Stern zusammengetreten: der glich einem Hackenkreuz. Das Sonnenrad mit seinen himmeloffenen Flammenspeichen und dem vierfach geöffneten Radkranz löste sich auf mit dem Zwölfuhrschlagen, und Fackel um Fackel glitt weichen Schwungs zu Tal. Diese Nachtfeier aalt dem jungen Jahr, der Lichtwende, sie galt dem Volk, dem Führer. Aber — und Sie verstehen mich am besten, lieber Wilhelm Schäfer, weil Sie das Leben verstehen und zu leben verstehen — diese Feier war auch um ihrer selbst willen Unbewußt opferte die Jugend unseres Volkes dem Genius der Jugend. Jugend wollte und will sich fühlen, sie will sich steigern und sich erheben. Was Jugend immer tut, sie tut es zunächst und zuerst einmal für das Jungsein selber. „Wir sind jung, das ist schön", das Wort des jungen Goethe — sie waren eine Gesellschaft im Kahn auf dem sommer- nächtigen Main — ist ein für alle Mal gesprochen. Wir sind jung, das ist schon! Wie diese Hitler-Jugend und die Manner vom Reichsarbeitsdienst Silvester feierten, so ist auch ihre Arbeit, ihr Tagewerk zuerst und zunächst einmal ein Dienst des jungen Menschen an sich selbst und eigentlich für sich selbst. Aber weil sie vor dem Volke und in dem Volke stehen, dem ihr Tagewerk gefällt und dient, so ift cs aut Um zu werden, der Sie selber sind, um der Dichter Wilhelm Schäfer zu werden, haben Sie es nicht anders gehalten von Jugend auf. Im Volke und vor dem Volke stehend, haben Sie eigentlich immer an sich selbst und für sich selbst gearbeitet und so die Wahrheit des andern Wortes erfahren, das auch von Goethe ist und das als Siegel unter einem wohlangewendeten Leben stehen darf: Der Zweck des Lebens ist das Leben selbst. Der Sinn de« Lebens aber liegt in seiner Folge, ob, was geleistet wird, andern gefalle oder diene? Von da ist nicht weit zu dem dritten Geburtstagswort, dem Iphigenien-Wort: Folgsam fühlt' ich immer meine Seele am schönsten frei. Ich sprach es nach in dieser Nacht, und sprach es rote aus Ihrer Wilhelm-Schäfer-Seele, aus Ihrer Christophorus-Seele. , Christoph, und dann Martin sind die zroei Heiligen, die tn meiner schwäbischen Heimat vorab verehrt worden sind. Sie konnten auch Ihre Schutzheiligen sein, beide, und diesseitig beide, wie ich sie gern verstehe. Martin, der bis zur Hälft« gibt und verschenkt, der wirklich zu teilen und einzuteilen und von seinem Vermögen mitzuteilen verstand- und Christoph, der nur dem Stärksten dienen wollte, da war s ein Kind, die Jugend einer neuen Welt, welche der Riese über den Strom trug. Im Schaffen und Dienen, in Gehorsam und Freiheit, im Schenken und Tragen haben Sie sich den hochgemuten Sinn bewahrt, lieber Wtl- Helm Schäfer. Das Gewissen und die Kraft sind gute Hüter eines Hauses. Nun kehren heute, als an Ihrem siebzigsten Geburtstage, andere Genien bei Ihnen ein, Abgesandte Ihres Volkes, unseres Volkes Hoffnung und fein Dank, ' Unsterbliches Leben. Von Josef Weinheber, Der Kampfgewohnte wird ein Lächeln finden und fallen, O unsterbliche Gebärde! Der Mabmor steigt aus strengen Felsenschründen und Götter wandeln leiblich auf der Erde. Der Hirt, kein irdischer, sührt seine Herde zum Quell, Und Meer, tiefblau, mit Wog und Winden rauscht ferne auf. Vor lohen Himmelsgründen im Abend grasen weiße Wolkenpferde, Du schönes Leben! reich erfüllt in Schmerzen und stark im Traum und in der Treue fest: Früh neigt zu sterben, wen die Götter lieben. ' Doch stirbt nicht, wer sich keiner Zeit verschrieben; nicht, wer den Stern in Ehrfurcht walten läßt: Der Weise mit dem adeligen Herzen, Oer Knicker. Eine Anekdote von Wilhelm Schäfer. Vor sechzig Jahren, als die Damen noch in Kutschen fuhren, galt es für vornehm, einen Knicker als Sonnenschirm zu haben. Denn weil die Kutschen nicht so geräumig waren, wie heutzutage die Autos find, hinderten die langen - Stöcke; auch galt es nicht für schicklich, den Arm zu heben. Darum hatten die Sonnenschirme damals einen Schieber, der durch einen raschen Griff das Dach im Winkel nach hinten klappen ließ, wobei die zierlich vorgespreizte Hand nicht aus dem Schoß gehoben zu werden brauchte. Und weil die Frauen selten sind, die nicht aussehen möchten, Ivie wenn sie täglich in einer Kutsche spazieren führen, obwohl sie all ihr Lebtag bescheiden die eigenen Beine brauchen müssen, so gab es damals in Sommerzeiten wenig zarte Träume, aus deren Himmeln, nicht irgendwie ein Knicker sanft herunterschwebte. Und als im Frühjahr 184’8 mit den ersten Schwalben und dem Märzwind aus Paris nicht nur die neuesten Modenachrichten geflattert karneü, da wußte eine Straßenauffehrstochter bei Ruhleben nichts von dem Aufruhr in der Welt, doch ihren Knicker fand sie schon wie eine Dame — trotz ihrer sechzehn Jahre — aus dem Geburtstagstisch. Sie ging damit am ersten Tage bescheiden nur bis Spandau, weil es regnete, und blieb am zweiten ganz zu Hause, weil sie Wäsche bügeln mußte; doch als am dritten Morgen die Sonne in Dampf und Nässe blinkte, hielt sie nichts mehr, den Onkel zu besuchen, der als Inspektor im Kadettenhaus am Kupfergraben seine Dienstwohnung hatte. Von Ruhleben bis dahin sind fast drei Stunden, und damals fuhr die Große Berliner Pferdebahn noch nicht. Es ist auch zweifelhaft, ob sie an diesem Tage noch zuverlässig gewesen wäre; denn als das Mädchen durch den Tiergarten beim Großen Stern ankam, hatte die Erregung der inneren Stadt die Menschen aufgesogen, und Nur beim Brandenburger Tor war noch ein Wirbel, weil da viel Militär die Massen staute. Run hört, wer draußen in den Wäldern und Winden wohnt, am Rauschen in den Baumkronen wohl, ob die Lüfte von Osten oder Süden kommen, aber dem Aufruhr einer Stadt sieht er nicht an, ob all die Menschen aus Vergnügen oder nach Geschäften so sinnlos durcheinander laufen. Und weil am Brandenburger Tor zu allen Tagesstunden etwas Militärisches oorgeht, so schritt das muntere Kind aus Ruhleben mit seinem Knicker zwischen den Bajonetten harmlos hindurch und ahnte nicht in seiner Unschuld, daß die vielen Gewehre bei Fuß schon längst mit scharfen Patronen geladen waren. Rur als es schon Unter den Linden hinspazierte und sich ein wenig ärgerte, weil die Sonne vorn von der Seite statt von hinten auf seinen Knicker fiel, hörte es Kommandorufe und soviel Marschtritte hinter sich, daß es erstaunt umsah Und sich vor einer breiten Front Soldaten fand, die rechts und links an die Häuser schließend wie ein Kamm die Linden säuberte. Sie sah wohl, daß die Menschen in Nebenstraßen flüchteten und daß sie schließlich ganz allein vor den Soldaten mit ihrem Knicker unter den dünnen Schatten der Märzbäume ging. Doch weil sonst niemals verboten gewesen war, daher zu gehen, und weil sie gar nicht ahnte, daß hinter ihr der hundertfältige Tod anrückte, erlebten die erregten Berliner an diesem schlimmen Märztag noch ein Schauspiel dreister Art, indem «in Landmädchen mit seinem Knicker kindlich prahlend das Militär zum mörderischen Bruderkampf anführte. Ihm selber war es freilich nicht mehr wohl zuletzt, und als sich an der Friedrichstraße immer noch ein schüchterner Strom von Menschen und Wagen quer über die Linden schob, verschwand ihr Knicker mit nach links, um über die Mittelstraße — wo das Gewühl sich drängte und wo ihr die Empörung in angefangenen Barrikaden und Waffen aller Herkunft deutlich wurde — sich angstvoll flatternd in das Kadettenhaus zu retten, von der Tante fast mit einer Ohnmacht und vom Onkel räfonnierenb empfangen, wie wenn sie wirklich den Aufruhr dieses Tages aus ihrem friedlichen Ruhleben in das geängstigte Berlin herein getragen hätte. ^'s Scherzspiel dieses Knickers, harmlos vor Tausenden von schcirf- qel :ten Gewehren zur Schau getragen, wäre im Sturmwind dieser Märztage von 1848 vergessen worden, wenn nicht auch hier der Zufall über Menschenwichtigkeit sein Spottfähnchen geschwungen hätte. Denn crfs die Barrikadenkämpfe vorüber und die Straßen der Innern Stadt von brandgeschwärzten Trümmern und Leichen gesäubert waren, daß Me Menschen wieder »Te sonst an ihr Geschäft und zu Vergnügungen eilten — wie wenn der Aufruhr weder nötig noch so blutig gewesen wäre: da machte sich die Landtochter aus Ruhleben auch wieder auf den Weg zu ihren Eltern. Und weil die Sonne frotjmütig schien wie vor drei Tagen, nur diesmal in den Rücken, so daß sie endlich ihren Knicker zu Recht gebrauchen konnte, spazierte sie die Linden wieder zurück zum Brandenburger Tor. Sie merkte diesmal gleich, daß wiederum Soldaten tarnen, doch nun in Marschkolonne; denn weil der König furchtsam versprochen hatte, das Militär zurückzuziehen, marschierten sie nun ab; und weil der Zufall trotz den bösen Zeiten fein Vergnügen haben wollte, war es die selbe Kompanie, vor der das Mädchen mit dem Knicker in die Hauptstadt hinein gezogen war. Es hatte unterdessen manchem Kameraden eine Kugel ben jungen Leib durchschlagen, der nun in einem der Massengräber ober rounb« fiebernb im Spital lag; sie waren darum nicht hell gesinnt, die armen Kerle, die nun vor einem Wink des Königs, erschöpft, verhöhnt und an« gewidert von solcher Straßenschlächterei, zurück in die Kasernen von Spandau zogen. Nun als sie wieder den blaugeblümten Knicker, von dem dünnen Schattengesprenkel der Linden überlaufen, vor sich hinschreiten sahen, da mochte mancher den Gewehrkolben kalt in den Händen fühlen vor diesem harmlosen Gegenbild der mörderischen Schießerei. Doch weil wohl einem Wanderer im dunkeln Moor das Herz vor Grausen erkalten kann, jedoch im hellen Sonnenschein, wenn viele junge Menschen im Takt daher marschieren, der Sinn auch in der bösen Stunde nach Heiterkeiten sucht, erhob sich bald ein Brausen in den Reihen, das rasch zum schallenden Gelächter schwoll, davor das Mädchen eiliger als vor der bangen Stille des ersten Tages die erschrockenen Füße zur Flucht ansetzte. Die unbelohnte Tapferkeit. Von Wilhelm Schäfer. Das folgende Erlebnis von Wilhelm Schäfers Vater entnehmen wir dem bet Albert Langen/Georg Müller in München erschienenen jüngsten Werk des Dichters, dem kürzlich hier angezeigten Buche „Meine Eltern". Als Paul Schäfer sich vor Weihnachten aus die Heimfahrt rüstete, besaß er außer seinem Werkzeug, einer Taschenuhr und zwei neuen Anzügen 45 ersparte Taler. Er hatte ein hartes Stück Leben hinter sich gebracht, hatte ein Handwerk gelernt, in dem er überall arbeiten konnte, und war aus einem weichherzigen Knaben zu einem Jüngling gehämmert worden, der feinen Weg wußte. Er reifte nicht allein, sondern mit eben jenem Konrad Braun aus Lingelbach, den er am ersten Tag bei dem Schneider als Lehrling getroffen hatte. Der mußte im Januar zur Ziehung und wollte Weihnachten noch einmal zu Hause sein. Sie gingen nicht zu Fuß, sondern fuhren mit der neuen Eisenbahn über Kassel nach Treysa, weil sie so ihre Kisten mitnehmen konnten, auf denen sie sahen; denn sie reisten natürlich in der vierten Klasse. Die hatte zwar ein Dach, aber an den Seiten nur lederne Vorhänge, die bei schlechtem Wetter heruntergelassen wurden; und es war auf ihrer Fahrt vor Weihnachten kein gutes Wetter, sondern abwechselnd Regen und Schnee, die sich durch die Vorhänge nur teilweise abhalten liehen. Das viele Umsteigen mit ihren Kisten war nicht erfreulich, aber es wurde ihnen reichlich Zeit dazu gelassen, und stundenlang sahen sie auf den Bahnhöfen herum, die damals noch keine gedeckten Hallen hatten wie heute. In dunkler Frühe waren sie in Barmen fortgefahren und erst um acht Uhr tarnen sie tief in der Dunkelheit in Treysa an. Da wartete der Postwagen nach Ziegenhain aus sie, und es stieg noch eine verschleierte Dame mit ihnen ein, in deren Gegenwart sie nicht miteinander zu sprechen wagten. Als sie aber aus den letzten Häusern von Treysa hinausgesahren waren, wurde das Fenster Hintern in der Tür aufgestoßen, und ein Kerl im Kittel mit kurzen Hosen kletterte herein, den sie im Schrecken für einen Räuber hielten, der aber nur, wie sich herausstellte, ein Butterhändler war und auf diese Weise das Fahrgeld sparte. Er sprach zuerst ordentlich mit ihnen, wer sie wären, woher sie kämen und wohin sie wollten. Dann wurde ihm das langweilig, und er setzte sich neben die Dame, sie mit immer unverschämteren Fragen zu belästigen, so daß sie sich das verbat und schließlich dem Postillon an das vordere Fenster klopfte. Der aber hörte nichts und ließ den Wagen unentwegt weiterrumpeln. Darüber kletterte noch einer zum Fenster herein, der die Verlegenheit der verschleierten Dame kaum sah, als er auch schon bereit war, sich zu beteiligen. Da ihrer zwei immer frecher sind als einer, wurde es bald bedenklich, und die beiden Gesellen konnten nicht länger mit stummen Gesichtern zusehen. Sie tarnen der bedrängten Dame mit tapferen Worten zu Hilfe, erreichten aber nur, daß die Kerle sich nun gegen sie wandten und es offenbar nicht mit Worten bewenden lassen wollten. Ihre Tapferkeit wäre verprügelt worden, wenn der Wagen nicht angefangen hätte, über das Pflaster zu rumpeln, zum Zeichen, daß sie nach Ziegenhain kamen. Da verließen die Kerle den Schauplatz wie sie ihn betreten hatten; und als der Postillon die von außen verschlossene Tür aufmachte, saßen nur wieder die drei Passagiere im Wagen. Auf die Vorwürfe der Dame stellte er sich taub; und als die beiden sich einmischten, schnaubte er sie an, als ob sie selber gegen die Dame zudringlich gewesen wären. Die wiederum wurde von einem Herrn abgeholt, der sie unter den Schirm nahm und ins Dunkel davon ging. So blieben die beiden Gesellen beschimpft zurück und schleppten ihre Kisten in die Gastwirtschaft zur Stadt Kassel, um eine Erfahrung reicher, wie der Schneider Konrad Braun kleinlaut sagte: daß es nicht klug fei, sich in fremde Händel zu mischen. Derantwörtlich: Dr. HanS Thhriot. — Druck und D erlag: Drühlfche Univerfitätsdruckerei R. Lange, Gießen.