GiehenerZaiiiilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang (958 Hreitag, -en (6. Dezember Nummer 98 Der Kernmacher von Sankt Stephan Lin heiterer Llebeoroman von Alfons o. Lzibulka «kopyrlght by A. G. Colla'sche Buchhandlung Nachfolger/ Stuttgarl 8. Fortsetzung. Brand, der am Fensterbrett saß, Keß die Flöte sinken und legte den Finger an den Mund: „Schrei doch ntt so, Kirndorfer!" „Ja warum denn nicht? — Oder hast du mit der List no nrt q'redt?" Der Kerzelmacher schüttelte den Kops und legte das Instrument in den Kasten. Kirndorfer hieb ihm freundschaftlich auf den Rücken. Er nahm heute nichts krumm. „Macht auch nix! Drum stoßen wir heute doch noch aus ernen glücklichen EH'stand an. Verlaß dich drauf, Brand! — Den richtigen Wein hab ich auch schon dafür." Der Wachszieher seufzte und schloß den Flötenkasten. Er bezweifelte, daß dieser Ehestand gar so glücklich sein werde. Der Weinkönig schüttelte den Kopf: „Komisch bist manchmal schon, Brand — aber jetzt fahr' ma, sonst brennt der Braten noch an —" An der Türe blieb er noch einmal stchen: „Und gelt, Brand, ja hast du ja schließlich schon g'fagt, und das gilt!" - Der Seelenzustand des Aloisias Brand wurde durch diese leise Drohung nicht besser. Aber er -bezwang sich, denn er wollte der List, die seit zwei Wochen heute wieder zum erstenmal trällerte und pfiff, nicht den Tag verderben. Als er hinaus auf die Treppe trat, ließ er sogar den fröhlichen Pfiff ertönen, mit dem er, wenn er bei guter Laune war, setne-n Hausstand zu versammeln pflegte. 1 Als sie dann hinunter über die Stiege gingen, sahen sie durch den dunklen Rahmen der offenen Türe schon die Beine der Pferde auf dem glitzernden Schnee und die Köpfe der Neugierigen zwischen Schlitten und Haus. Der Bursche des Leutnants war nicht der einzige gewesen, dem die Vielgratterin gestern erzählt, daß sie alle mitsammen heute nach Nußdorf zum reichen Weinhändler fuhren. Diesem „alle mitsammen" setzte Johann Kirndorfer freilich fürs erste einen kleinen Dämpfer auf. Als er jetzt neben der List auch die Alte im Sonntagsstaat sah, blieb er stehen: „San Sie aber heut schön, Vielgratterin! Mir scheint's gar, Sie wollen a mitfahren —" Katharina Vielgratterin versuchte einen lahmen Knicks: „Freilich, Herr Kirndorfer!" Schmarotzer haßte der $ß eintönig sonst wie den Teufel. Aber heute konnte ihm schon gar nichts die Laune verderben: weder die Seufzer des Brand, noch der Anblick der Alten. Er zwinkerte nur boshaft und meinte: „Eing'laden hab i Ihnen Zwar nit. Aber von mir aus!" Als er dann mit der Lisl am Arm durch das Spalier der Gaffer schon zum Schlitten marschierte, drehte er sich noch einmal um und trompetete laut: „Kommens nur, Vielgratterin! Ohne Drachen soll ma die Jungfrau Nit lassen!" Als Hausvater kam Aloisias Brand auf die rechte Seite des Schlittens zu fitzen, daneben die List und auf dem Rücksitz die Vielgratterin, di-e zwar die Frau Tant und weiß Gott bei Jahren war, aber doch auch zum Gesinde gehörte- Johann Kirndorfer half noch der Lisl in den Fußsack aus Bärenfell, nicht ohne schallend zu verkünden, daß ihm das Stück zwanzig bare Gulden gekostet. Als er den kleinen, zart gefesselten Fuß mit seinen groben Pranken umfaßte, dachte er an das Glück, das fein Franzl eigentlich habe, lieber die Kirndorfenn ließ er nichts kommen. War eine brave Frau. Aber das schlanke Fußwerk der List hätte ihm schon besser gefallen als die Christbaumbretteln seiner Alten Jünger, jünger sollt man halt sein! Beinahe zärtlich breitete er die Decken über die Knie der Demoifelle und notgedrungen auch über die Beine des Brand. Dis Vielgratterin mochte zusehen, wie sie selber ihr Gebein vor der Kälte bewahrte. Dann kletterte er guf den Kutschbock, griff nach Zügel und Peitsche und schnalzte. In raschem Trab umfuhr er zwischen Chor und Domherrenhäusern das Münster. Als er eben gegen die Rotenturmstraße einbog, trat gerade der Regenschori Matthias Wimmer aus dem Dom, aus dem noch vereinzelte Kirchgänger kamen. Auch Matthias Wimmer war bester Laune. Eben hatte er erfahren, daß er übermorgen an Stelle des Ritters Gluck, den der Leibarzt van <5mieten ins Bett gesteckt hatte, im Betfsin der Kaiserin die Messe anläßlich des Geburtstags der jüngsten Erzherzogin dirigieren sollte. Kein Wunder, daß er außer Rand und Band vor Seligkeit war. Den Dreispitz in der Rechten, den Geigenkasten in der Linken haltend, stellte er sich mit ausgebreiteten Händen gerade vor Glück"'v e rk ünden tlin9cnÖcn ®efäi>rt entgegen, um den Brands sein mruborLer in verwandter Seelenstimmnng gar an^t er,t, r^en- Wahrend er noch parierte, rief er schon: „Jessas der Wimmer! Steigens nur ein! Musik können ma heut brauchen!?' Matthias Wimmer protestierte: „Ich kann doch nicht, Herr Kirn» dorfer. Meine Alte wartet doch mit dem Sonntagsbraten auf mich!" „Den - gibt's bei uns a. Zu an Sonntagsbraten hat's beim Johann teilen‘’ripL n° Qna>x 9 lat?9L ~ Einsteigen, sag i!" Gnaden auszu- Nußdorfer'^Weinkönig. Einladung beim Wimmer wehrte sich. Da bemerkte Brand an einem der geöffneten gen-fteT des vierten Stockwerks den neugierig herunterspähenden Kops der Wl-mmerin und grüßte. Sie hielt gerade Ausschau, ob ihr Eheherr nicht am Ende mit einem seiner hübschen Flederwische flaniere Kirn- S hvb den Schädel und brüllte zum Fenster hinauf, daß die -scheiben klirrten wie Anno 1683, wenn von den Wällen die Grobstücke gegen die Türken donnerten: „Der Wimmer fahrt mit uns nach Nußdorf "aus und wanns no soviel schimpfen!" Dann griff er mit der Rechten nadj bem Kragen des Musikus, der immer noch unschlüssig neben dem r*nä v"‘Ö 'du mit Schwung neben die Vielgratterin. Wahrend schon die Pferde anzogen, hob er noch einmal das Haupt: Ä; emnn^5la'U m,nntS a. morgen no essen!" Den im hohen C trom- peteten ®roteft der Wimmerin horte er nicht mehr. Cs war ihm auch gleid). Mupk war an einem solchen Tage vonnöten. Auch wollte er dem - zeigen, daß er mit seinem Geraunz im „Silbernen Schneck" nicht recht gehabt hatte. ’ Zwischen den Häusern, in deren Mauern noch die schwarzen Türken, kugeln steckten, am Schanzt vorbei, wo an Wochentagen die Fischweiber lärmten, fegte der Schlitten zum Roten Turm, tauchte durch das Tor m das hallende Dunkel unter der Stadtmauer, hob sich wieder ins Frete und polterte über die hölzerne Schlagbrücke des Donauarms auf "b'ien Uferbollwerken im Sonntagsstaat die Schisser über ihren Flößen uni) Rillen [tonben, in bic 93orftabt hinaus. Die Sonne btcrvbetc von ben weißen Hängen der Weinhügel, leuchtete von den gelben Mauern und Jalousien der Häuser und glitzerte noch von den dunklen Forsten des Wiener Waldes, über dessen noch fernen, leichtverschleierten Hügeln und Bergen stahlblau und hoch der Himmel stand. Und weil der Reoens- chon seine Späße trieb — er wollte den Tag recht genießen, ehe chn dann am Abend das Gekeif feiner Alten empfing —, der Fahrtwind die Lungen füllte und rascher das Blut durch die Herzen jagte, wurde es ein fröhliches Fahren. Als die letzten Häuser von Lichtenthal hinter ihnen versanken, schien dem Nußdorfer Weinkönig der Augenblick gekommen, der Demoijelle Brand zu zeigen, was sein Marstall vermöge. Wieder schnalzte er mit ber Zunge und strich mit der Peitsche sonst um die Ohren der Pferde. Die Gäule griffen aus, daß die Schneebrocken von den Hufen flogen und der glitzernde Schnee leise unter den Kufen zu fingen begann Auf ber von Schneedämmen verengten Straße sprangen vor ben warnenden Zurufen des Kirndorfer lachend ober fluchend die Menschen zur Seite, die aus ben Kirchen kamen und den Wirtshäusern zustrebten Der Schlitten brauste vorüber, daß sich im Luftzug die Schneelasten von den schwarzen Aesten der Bäume lösten Kirndorfer hatte wieder einmal recht: rascher fuhr auch die Kaiserin sechsspännig nicht. Ferne hinter dem Schlitten galoppierte ein Reiter. Man war an der Donau. Hinter den noch weißverhängten Weiden drehten sich die Eisschollen im gurgelnden, wirbelnden Strom. Der Frühling war nahe, lieber dem fernen Gebirge im Süden hob sich schon der heiße Atem des Föhnsturms. In dem braungelben Wasser zwischen den Schollen blitzte da und dort schon die Bläue des Himmels. Der Reiter kam näher. Sein weißer Mantel flammte m einer Wolke von Sonne und stäubendem Schnee. Matthias Wimmer bemerkte ihn zuerst. Auch Elisabech Brand sah sich um. „Wird ein Kurier für die Armee fein", meinte der Kerzelmacher. Der Regenschori nickte: „3s leicht möglich. Es heißt ja, daß wieder marschiert wird —" „3a, und daß der König von Preußen diesmal gar bis nach Wien rücken will." Brand sagte es ernst. Der Weinkönig wandte ben Kopf: „Mein Wein und deine Lebzelten kaufen uns auch die Preußen ab." Geld war dem Kirndorfer die Haupt- 'ache. Es mar ihm gli.ich, wer es zahlte. „Sollen halt unsere Soldaten zeigen, was können! Wozu Hammers denn? Kosten uns eh g’nug Geld!" So nahe war jetzt der Reiter, daß man schon ben Galoopschlag und das Schnauben seines Pferdes vernahm. Kirndorfer blickte sich böse um. Der wollte wohl den Schlitten überholen? Wäre noch schöner, Bürgersleute bei ihrer Sonntagsfahrt zu stören 1 Er ließ die Peitsche knallen. Die Pferde legten die Ohren zurück. Der Schlitten wischte und ruckle und still. 6 em eine Sieb?" Diesmal störte sie selbst nicht der Duft des Rüster Ausbruchs der Pfafsstättener Auslese im Atem des Musikus, und sie viirfte welche Zr ... jungen Leute vorgesehen hatte! Dann traten sie ins Hous. In dem Hellen, geräumigen Wohnzimmer zu ebener Erde, aus man durch eine hohe, glälerne Türe und drei mächtige Fenster über Terralle mit steinernen Putten In den weißen, glitzernden Mittagsmuber des filtrierte; sah, mußte Elfiabeth Brand die wortreiche Begrüßung der Mutter Klrndorfer über sich ergehen lassen, die an Rundlichkeit den Fässern ihres weingewalkiaen Gatten nicht nachstand. Belcheidon lächelnd hörte sie sich dann arglosen Hertens die beziehungsreiche Rede des Hausherrn an, der, die noch ausstehende Entscheidung kühn vorweg- Richt lange nach Ihrer Ankunst saß Elisabeth Brand in dem behäbigen, nur ein wenig zu prunkvollen Schlafgemach des Kirndvrfer- Hauses das sein Besitzer ein einfaches genannt hatte. Auch dieses nächtliche, für Besucher sonst nicht zugängliche Gemach zeugte von dem Goldwert der Reben. Richt nur waren alle Möbelstücke des Raumes aus kostbarstem Werkstoff, aus Rosen-, Veilchen-, Mahagoni-, Amarenthen- und Tulpenholz, dazu aufs schönste eingelegt und mit Figuren und Ornamenten überreich verziert: selbst der unter dem breiten ehelichen B-tte hervorlugende Stiefelzieher des Weinkönigs war ein Beispiel für die erlesen« Fertigkeit wienerischer KunMschlerei. Auf allen geeigneten und ungeeigneten Flächen der Möbel standen duftig schimmernde Er- Zeugnisse des modischen Porzellans. In den beiden Vitrinen neben den Fenstern, aus den Kommoden, dem Toileltespiegel, aus Tischen und Konsolen, auf der Höhe des von vielerlei Hölzern schimmernden Kleider- schranks drängten sich bunt oder in strahlender Weiße Figuren und Basen, Schalen, Dosen und Uhrgehäuse aus Porzellan, und sogar aus der versehentlich offen gebliebenen Türe des einen der beiden Nacht- kästchen schimmerte rin geblümtes Erzeugnis der Wiener Manufaktur. Vielleicht hatte Mutter Klrndorfer ihren Gast mit Absicht in dielen Raum geführt, ttttt der Demoifelle die sie erwartenden Liebesfreuden mit dem Franzi durch ein solches Schlafgemach verführerilch anzudeustn. Doch der Zeitpunkt war verfehlt. Heute hatte Elisabeth Brand für all« diese Pracht kein Auge, ttairm. daß die Kirndorserin sie allein gelassen, drehte sie vorsorglich den Schlüssel der Türe herum, trat an eines der Fenster und vertiefte sich in den Brief. In ihrem Herzen begann es zu leuchten wie draußen im Mritags- olan.z die Kärt-n, von deren Blumen jetzt der Schnee fiel, wie di« Wiesen und Weinhänge, in die die Sonne schon gründ—nie Flecken schmolz, und wie das mittägliche Wen in der unendlichen Wrile und Klarheit dieses glashellen Taos. In dem Briefe gestand ihr der Freiherr von Rab-nau, daß sein Herz keine Ruhe mehr finden könne, seit er sie in der Burg der Kallerin aesehen, er ohne sie nicht mehr zu leben vermöge, und was eben seit Anbeginn der Welk jeder Liebende der Geliebten immer wieder gesagt oder geschrieben. Er bat um Antwort, ob sie diese seine Bebning erwidere und ob er sie übermorgen, Dienstag, vor dem Martenbftde im Stephansbom treffen dürfe. Ihm dieses ersehnte Briestein zukommen ,ni lassen, wäre n-cht schwer. Sie möge es nur in eine der Lebzeltenschachteln legen, di« fein Bursche allabendlich kaufe. „ , . Da scheu ihr das Leben, das ihr heute ohnehin wieder so wohl gefiel, noch einmal io köstlich. Nun war di« aroße Lieb« wirklich ae- tri-nmen, von der Matthias Wimmer so verständnisvoll gesagt hatte, daß es an der Zeit damit wäre. Lang« saß Elisabeth Brand an dem sonnen überglänzten Fenster und hörte es nicht, wie unten mahnend der Vater rief. Erst als Mutter Kirnborstr leise an die Tür klovfte, sprang sie erschrocken auf, daß aus Item hinter ihr stehenden Tischchen ein wrißschimmernder Bacchus mit einer mächtigen Rebe im Ann — nebst dem Amor mit d'M Bogen, das Lieblingsstück des K'irndorfer — in weinfeliges Schwanken geriet. Sie schad den Brief rasch in den Ausschnitt des Kle.d-s, dorthin, wo zum Leide der Katharina Melgratterin di« Blicke der Männer auch in ihrer Jugend nicht ,zu dringen begehrten, ordnete hastig di« dunklen Locken an ihren Schlägen und trat auf die Treppe hinaus. So von Glück durchsonnt sah di« Demoifelle Brand aus, als fk letzt Arm in Ann mit der ihr zugedachstn Schwiegermutter durch die Türe des Wohnzimmers trat, daß der Nußdorfer Weinfürst dem Kerzrimacker bedeutsam zuzroinkerte und auch dieser meinte, es sei am Ende sein Ja nicht gar so vorschnell gewesen. Nur der R-venschon ahnt« die kommende Tragödie und sah bekümmert in den Garten hinaus 1 (Fortsetzung folgt.) nehmend, behauptete, daß mit der schönen Demoifelle Brand das Glück einaezogen sei in sein einfaches Haus. Hinter den beiden Alten leuchtete das flachsblonde, borstige Haar des Franzi, der sich vorhin nicht zum Schlitten hinausgewagt hatte und nun fein rötlichrundes, gutmutiges Gesicht rote ein Schlllbub, der fein Gedicht aufsagen soll, zu einem freundlich-verlegenen Grinsen verzog. Als die Alten endlich ihre Begrüßung voll überlauter Herzlichkeit beendet hatten, überreichte er lächelnd vortretend, aber stumm rote ein Fisch, mit plötzlichem Vorschnellen des Armes der Demoiselle den gewaltigen Rosenstrauß, den er, wie der Bauer feinen Regenschirm, umspannt hielt, feit man draußen das Si ngeln des Schlitten vernommen. Die Rosen entstammten dem Reinen Treibhause, das, wie es sich für den Landsitz eines Großen dieser Welt gehört, auch dem Vesitztume des Johann Kirndorser nicht fehlte. Während der kleine Regenschori beim Anblick der Hände des trotz eines strafenden väterlichen Blicks hartnäckig schweigenden Franz! -me stille Betrachtung anstellte, wie diese mächtigen Pranken wohl tr. ch geeignet seien, ein Paar wohlgenährter Rösser durch die Straßen und Weinberge zu kutschieren, nicht aber ein so zartes, seines Persönchen durchs Leben, sann Elisabeth Brand darüber nach, wie sie eine Weile allein fein könnte. Denn sie wollte doch das ihr so zauberhaft zugeflogen«, in ihrem Muff verborgene Brieflein lesen. St« flüsterte der Kirndorserin zu, daß sie gerne ihr Haar in Ordnung bringen mochte, daß der Fahrtwind zerzaust. Mutter Kirndorser willfahrte diesem Wunsche um so lieber, als sie daraus schloß, daß das Fischlein schon an der Eheangel zapple und sich für den Franzi noch besonders schon machen wolle. Wenn bas auch bet der Brand nicht nötig schien. Auch erhoffte sie sich von diesen eigentlich überftü'figen Verschonerungskünsten der Lift doch noch einen wohltätigen Einfluß auf die Schüchternheit ihres Sohnes, der immer noch wie em Iaodhund, der versehentlich ein Rebhuhn gefressen, dastand und verlegen zu "Boden starrt«. Wie sollte das erst nach dem Mittagessen werden, für '' "eit die kirndorferische Regie ein wohlbedachtes Alleinsein der durch W« Biegungen der Straße, daß bie Lisi leist ausschrie unb Aloisius I Brand zum Kusichbock hinaupchri«: ,.Kirnoor,«r, fahr mk so narrisch! Da sah sich di« List noch einmal um und barg bestürzt ihre Nase im Muff. Ihr Gesicht wurde rot wie die Ros« auf dem schwarzen, goto- verbrämt«n Dreispitz des Reiters. Eben lieh Johann Kirndorzer die Gäule in Schritt fallen, weil van der Straße der st«,le, H emge- schnitten« Schluchtweg abzweigte, der o,v den ersten Häusern von MB- dors zu seinem Weinsttz führt«. Auch der Rester bog ein, trabte noch ois dicht an di« Rückwand des Schlittens heran und fiel dann in Schritt. Mühsam klommen die Gaule des Kirndorser den verwehten Hohlweg hinaus. Dichtauf folgte öer Reiter. Brand und die Lisi konnten den Atem des wippenden Pferde- kopfes auf Nacken und Wangen verspüren. . I Jetzt erst erkannte die Melgratterin den Schneemann vom Stephans- platz. Wo der wohl jetzt hinritt? Warschcinlich machte der Hof ein« I Landpartie: di« Frauenzimmer im Schlitten, die Kavaliere zu Pferd. G'witz war auch das Komstßel dabeil Daß sich die Lenk gar nicht schämen! Erst frißt er Lebzelten mit ihr und illumimeris mit einem «anjen Laden voll Kerzen und dann steckt er auch noch di« rote Rost an feinen Dreispitz, als Fanal feiner Sünden! Katharina Btdgraiierm I schoß giftige Blicke. , . ' Di« Äugen des Regenschori Matthias Wimmer gingen über der vereisten Brille ein« Weile prüfend zwischen Lisi und Reiter. Dann meinte er schmunzelnd: „Mir scheint st gar, di« List friert, wetts gar so rot is. Na ja, blasen halst ja ordentlich. Narrisch g’nug «'fahren is er l«. der Kirnborser — Geh. List, tauschen wir Platz! Hinterm Buckel vom Kirn- | dorjer is bacheriwarm." Er erhob sich, nahm di« Elifabech Brand vor- sichtig um die Hüsst, schwang sie aus den Rücksitz neben die Bielgrattenn und sich selber zum Brand. Dann lehnte er sich behaglich m die Ecke des Schlittens, brückte ben Nacken in das Kiffen und blinzelte zur Pferdenase hinauf, di« über ihm wippst und schnaubte. So zogen, indes unten aus dem mauerumgurteten Wien, aus ben Vorstädten, über die vor der dunklen Föhnroand im Süden schon «in Ahnen des Frühlings wehte, aus dem nahen Nußdorf und den Dörfern jenseits des Stroms schon das Mstiagsläuten schwang, di« ®aule des Kirndorser langsam und dampsend ben Hohlweg hinauf. Zwischen dem Regenschori und Aloisius Brand schlug der wippende Pserdekopf ben Takt zur Melodie im Herzen der Lisi. Wenigstens schien das dem Matthias Wimmer so. Und wenn bas musikalische Rotz auch vielleicht nur eine Ausgeburt seiner in Liebesdingeu nicht kleinlichen Phantasie war, so hatte er betreffs ber Melodie im Herzen der Lftl doch recht. Es war ja bas erste Mal, daß sie den Freiherrn von Rabenau so leib- hastig und zum Greisen nahe hatte, wie nicht einmal damals auf ber Treppe ber Kaiserin. Um so heftiger schlug ihr das Herz, als sie doch nicht den leisesten Seufzer tun durst«, sondern nur Mischen Muff und Pelzhaube vorsichtig ihre Augen blitzen laßen konnte. Zum Gluck bemerkte das außer dem Regenschori nur ber, dem es galt. Eingewiegt von der scharfen Luft und bem fünften Gleiten des Schlittens, sch.um- merte Aloisius Brand in seiner Ecke, und auch der hagere Schädel der Bldgratterin wackelte schlaftrunken an ber Schulter der Lift. Erst als die schmale Fahrbahn aus bem Hohlweg auftauchte und der Schlitten gleich daraus durch ein sandsteinernes Gartentor gegen ein einstöckiges, gelbliches Gebäude mit dunkelgrünen Jalousien einbog, fuhren durch ben Pfiff, mit dem ber Kirndorser feinen Stallburschen heranrief, bie Schlafenden hoch. ' Katharina Bielgratterin versank sogleich neugierig In den Anblick der Residenz des Nußdorfer Weinkönigs, aus deren Wirtschaftsgebäuden und Kellerfenstern der Duft aller Weinhänge wehte um Wien, im Stei- rifchen und in der Wachau, am Rhein und an der Mosel, in der Pfalz und in Franken. In ihr Staunen verloren, merkte sie nicht, daß der Offizier, wie durch das plötzlich Halten des Schlittens gezwungen, feinen Schimmel quer an bie Rückwand des Gefährtes drängte, noch einen Augenblick wartete, bis Brand und ber Regenschori ihm entstiegen, und sich bann aus dem Sattri beugte und einen Brief zwischen Polster und Lehne schob. Dann ritz er, während die Lis! rotüberf lammt den Schlitten verließ, ben Dreispitz vom Haupt, daß seine kleine, weiße Perücke in ber Mittagssonne glitzerte wie bie Schneehauben auf den Pfosten bes Gartenzauns, und hielt nun auch zu Roß unbeweglich sttll, wie damals zu Fuß auf ber Stiege ber Burg. Indes Elisabeth Brand in verlegener Bestürzung nur mit einem leichten und fast abmeifenben Nicken dankte, Brand und Wimmer, über soviel vermeintliche Höflichkeit erschrocken, ihre Hüte bis zum Boden .zogen, tippte Johann Kirndorfer nur mit dem Zeigefinger an seine ftaube aus Bärenfell. Für ben Nuhdorier.Weinkönig war selbst ein Leutnant vom nobelsten Regiment ber Kaiserin nichts als ein Fretter. „Denn wer bezahltst? — Wir!" sagte er. während er schon mit Brand und der Bielgratterin zum House ging. Wimmer und List folgten Aus halbem Wege blieb Elisabeth Brand plötzlich stehen, well sie den Muff vergessen hatte, den sie In ber Elle bes Aussteigens auf die Rückwand des'Schlittens gelegt. Matthias Wisfer entring der Zweck dieses Vergessens" und die nun solgende Hantierung Im Schlitten so wenig wie vorhin dos Geäugel ber Demoifelle. Als sie roiebertam, legte er seinen rechten Arm sanft um Ihre Schulter, zog sie ein wenig an sich, sah ihr in die Augen und sagte lächelnd: .,3er also doch noch kommen, die große nd ist in den Liebenden verborgen Wie lichter Schnee in dunkler Wolke ruht ..." So können auch die Auszeichnungen Angermanns in reiner Harmonie ausklingcn: „Der Mann, zu dem schon das Alter herüberhaucht, — er weiß, daß hinter uns große Mächte stehen; er weiß auch, daß verschiedene Seelen zu einem Sternbild zusammentreten können, nrenn eer gelingt, eine Mitte zu finden, die sie im Einklang hält. Indem er ferne Person vom Glücke loslöft, kann er aus eine selige Stufe gelangen, wo es wirklich unendliche Lösungen gibt." Ein paar schmale Bände Erzählungen — selbstbiographisch, auch wenn es nicht die Jch-Form verrät — und etwa hundert Setten Gedachte: das ist Carossas dichterisches Werk. Er stand schon an der Schwelle der Mannesjahre, war ein geschätzter Arzt, hatte bereits eine Anzahl Gedichte, den Traum von der „Stella Mystica und die kleine Erzählung „Doktor Bürgers Ende" veröfsenilicht, als der Krieg über ihn hereinbrach. Der Dr. Hans Carosfa, Nachkomme einer aus der Lombardei nach Süddeutschland eingewanderten Landarztesamilie. wurde Bataillonsarzt an einer der Balkanfronten, eine von den Mttlionen kleiner grauer Federn, die zu der finsteren Riefenschwinge des Krieges 9 ^J^n den karg bemessenen freien Stunden füllte sich sein Merkbuch mit Aufzeichnungen und Entwürfen., „Die nachleuchtende Erscheinung eines jungen Soldaten aus Unterfranken, der am Runculmare gefallen war, gab mir eine Reihe halbdichterischer Sätze em, Die spater mein „Rumänisches Tagebuch" nach sich zogen .." Es wuch'en die Arbeiten zu seinen Lebensgedenkbüchern „Eine Kindheit und „Derwan lungen einer Ingen d". Sie zeigen deutlich, daß der D.chter nicht der Frontgeneration angehört, der der Krieg zum allesbeherrschsndcn Erlebnis wurde. „Unsere Kindheit war geschontes Wachstum, die ihrige ist ewiger Aufbruch." Sie können nicht zu jener klassischen Ausgewogenheit gelangen, die Carosfa sich zu dem kanlischen Sag bekennen ließ. „Das große Leben bestehen, und über sich dabei die Sterne fühlen, daß ist's. worauf es ankommt .. " , , „ o.<,„ Mit der Hellsicht des Dichters erkennt er daß alles Leben wie Kristalle durch Erleiden ungeheuren Druckes zu fe'nerUönsten, kühnsten Form gesteigert wird. „Die Jahre des Wiederausrichtens nach dem un geheuren Einsturz, da- find die großen.Wachstums °h»^r Volker , sagt der Arzt Gion. Wie Gion sammel Carosfa die besonnen-a igen Geister um sich, die mcht „genießen, klagen, verfluchen °ufwühlen, sondern still die Zukunft vorbereiten. „Großen Worten haben sie ab- geschworen, ... und nur noch Im Alltag erscheint Ihnen manchmal d höhere Welt." In diesem stillen Wirken findet auch da- große Le^d feinen Sinn. „Wir wirbeln hin wie Laub in .fremd« Felder, - wa- q-uillt aus unferm Tod? glauben, stemhaft geiammelt. loht ihn gluyn mit beständigem «Licht!" 3n diesem Jahre Ist Carosfa Träger des Goethe-Preises geworden. Die Mainstadt Frankfurt verlieb ihn „dem Kämpjer für deutsch« Art und deutsche Kuttur, wie dem Dichter der Stille, in dessen reifen, zuchtvollen Werken sich das geistige Erbe Goethes in eitlen Formen verkörpert." Selten ist einem Dichter diese Ehrung mit größerem inneren Recht geworden, denn selten ist Goethe einem Menschen stärker Führung und Geleit geworden, al» dem süddeutschen Dichter-Arzt. Er war ein halber Knabe noch, als er aus Goeche traf. Und nach den ersten Selten gleich schlug ihn etwas Unerklärliches in unlösbaren Bann. „Die dunkelsten Stellen des zweiten Faust, des West-östlichen Divans, der Wander- >ahre, der Metamorphose der Pflanzen wußte ich bald für immer auswendig, ohne zu ahnen, was für ungeheure Elemente ich damit in mein kleines Leben aufnahm." Die Verse Goethes gaben ihm, kostbares Ar- canum, jene Leichtigkeit, wie sie seinem schwerblütigem Stamme fönst fehlt. „Ihm kann man folgen, ohne ihm zu verfallen, und wer ihm verfällt, bleibt immer noch frei genug." Unverkennbar ist dieser Einfluß in Carossas Werk. Seine Frauen- Calten, vor allem die des letzten Buches, leben aus sich selbst, wie in tthes späten Prosawerken und bei den Romantikern. Die Darstellung feiner Jugendgefchlchte Ist von Goethes Geist getragen. Die Tagebuchblätter Doktor Bürgers, in denen die Verzweiflung eines Arztes an den Leiden feines lungenkranken Patienten zur Tragik führt, hat man mit dem Werther verglichen. „D'er Arzt Gion" gelangt später zu der Erkenntnis, daß der Arzt dem Tragischen entrückt bleiben mutz. Doch diese Entrücktheit geht bei Carossa nie bis zur Erstarrung der Gefühle. In der Weisheit des Alters spürt man noch Glut und Wachstum des Lebens, ohne olympische Kälte. „Wir werden reif und fangen zu welken an", heißt es in feinem letzten Werk, „aber der Tod bleibt noch aus, und nun kann, über alle Erfahrung hin, etwas geschehen: ein höheres Wachstum, eine reinere Schau kann beginnen. Ja, ein Zustand scheint möglich — ich bin weit entfernt, ihn zu kennen, er deutet sich nur an —, ein Zustand, vergleichbar den seltenen Abendminuten, wo schon ein Stern im Osten flimmert, während noch die Sonne nicht ganz versunken ist . ." Das allumfassende Streben der Jugend ist abgeftrdft, die Begnügung des Alters erreicht, da aus dem Unbegrettlichen der Hauch ewiger Fülle kommt. Carosfa gibt keine kalten EwigkeitRiogmen. Wie schöne, in Stille und Sonnenwärme ausgereifte Früchte, von sorglicher Hand gelöst, bietet er sie dar, jene „Geheimnisse des reifen Lebens" Ein Dichter der Stille Ist er. Und doch ... „das Innig-Ewige, wehlls über Meere nicht von Stirn zu Stirn als wie ein Hauch? Und find's die zarten Hauche nicht, aus denen Gott-Sturm wächst? ... Auf dem tiefuV *"n Hans Carossa*. Ich will als Gast von Feuer zu Feuer wandern, bis mich der Schlaf übermannt. Wann hörte man als Kind zum ersten Male das Wort Italien? Es war an einem Weihnachtsabend, als der heimatliche deutsche Marktplatz unter Schneelasten halb vergraben lag und die dunkle lichtervolle Tanne im Zimmer brannte, da stand auf dem kleineren Gabentisch zwischen Lebkuchen uni> Mandelstritzeln eine Schüssel voll brauner hartschaliger Früchte; das waren Edelkastanien oder Maronen, und sie stammten aus Italien. Zwar wuchsen auch Zitronen und Orangen in jenem Wunderlande; aber die gab es auch zu anderen Jahreszeiten; fast galten sie als einheimisch. Dagegen erschien die Edelkastanie in unserem abseitigen Flecken nur einmal; es war, als käme sie aus einem tieferen Italien und könnte nur durch die Weihnachten zu uns gelangen. Nach meinen damaligen Begriffen lag das Land in kaum erreichbarer Ferne; ein ftetnalter Benefiziat war als junger Priester dort gewesen; er hatte den Segen des Papstes mitgebracht und stand seither im Ruse der Heiligkeit. " Einmal war unter dem Tannenbaum auch ein Stereoskop gelegen, und plastischer als jede Wirklichkeit erschien aus einmal die Stadt Neapel mit dem ilammengipsligen Vesuv. Nun wollte man immer wieder von Italien erzählen hören; aber den schweigsamen Vater bewegten andere Dinge; auch zog ihn der Norden unvergleichlich viel, stärker als der Süden, und wenig lag ihm daran, daß noch sein Urgroßvater in einem Lande gelebt hatte, wo es Edelkastanien gab. einen feuerspeienden Berg und einen Heiligen Vater. Dergleichen Erinnerungen ging mir durch den Sinn, während ich über den jungen Kastanienwäldern, die sich bis zur neueren Lava hinaus erstrecken, ganz nah den grünlich-bleichen Essenrauch wahrnahm, der sich schon am Rande so fremd von den Himmelswolken sondert Er mar jetzt am Rande voll Sonnenglanz; ins Innere aber züne/'te unten her das Feuer hinein. Ich mußte nun auch der Abfchieüsworte des römischen Freundes gedenken, der sagte, er habe nie den Venw bestiegen und werde ihn auch nie besteigen, er fürchte sich vor dem Chaos. Dies hatte nur wie eine Redewendung geklungen; als ich aber aus dem Wagen stieg und weit unten in durchsichtigen Schleiern das frei- gelegte Pompeji sah, da begriff ich, daß es der große Archäologe war, der aus ihm sprach. Der geist- und liebevolle Kenner alter Säulen und Architraoe, der hellsichtige Leser zerfallender Inschriften, der Erforscher und Bewohner bildgeichmückter Wohnungen, er kann unmöglich mit jenen kormfelndlichen Kräften etwas zu tun haben wollen, die zur Zerstörung herrlichster Menschenwerke stündlich bereit sind. * Wir entnehmen diese Erzählung des mit dem Frankfurter Goethe- Preise 1938 ausgezeichneten Dichters Hans Carossa, der am 15 De- zember leinen 60 ©’tmrtstag beging, dem „Jnselschifs" (20. Jahrgang, 1. Heft, Weihnachten 1938). Schon aber wie halb abgetragene rauchgeschw'ärzke Ziegelmauern, schwefelgefleckt, standen mir ble obersten Teile der Kraterwand entgegen, ein paar Schritte noch, und ich sah in das Inferno-Tal hinab, aus dessen Mitte sich der qualmende Tuffkegel erhebt. Ich nahm einen Führer, der eigentlich nicht nötig war, man unterscheidet sa leicht die erkalteten Laven von den heißen, die einem die Schuhe versengen. Solche Stellen verraten sich auch meistens durch den Rauch, und vielfach sieht man durch Ritzen und Sprünge das rotglüheirde Magma. Dem Kamin des Aschenturms entströmt unaufhörlich der dicke weißgelbe giftgasige Qualm, von Flammen durchflattert, und das geschieht mit einem totebeton, der nicht sehr laut ist, aber stark aus Gehör und Seele wirkt. Die Tätigkeit ist heute zahm, gewissermaßen das Alltagsoerhalten des Vulkans. Run aber drückt heftiger Wind den Rauchdampf nieder: dieser durchwirbelte minutenlang als ein schwefliger Nebel den ganzen Krater, so daß es das beste war, stehen zu bleiben und mit dem Taschentuch vor dem Munde abzuwarten, bis der Luftdruck nachließ. Meliere Laven haben manchmal eine Oberfläche, die an Krokodilshaut erinnert; einige sind mit Schwefel geädert unb gesprenkelt. Die frischeren breiten sich aus in Form von Wülsten, Lappen, Fladen und Schiffstauen. An einer Stelle glühten sie noch stark; hier stand ein alter Mann mit einem Eisenstab; mit diesem nahm er einen Batzen aus dem zähflüssigen Brei, bat sich eine Kupfermünze aus und legte sie ein. Während ich die Höllenbühne langsam umwanderte, sollte der hellrote Schmelzfluß Zeit zum Erkalten haben. Es ging schon auf Mittag, als ich aus dem Krater zurückstieg; erst jetzt fiel mir so recht auf, daß weit und breit nirgends ein Vogel, nirgends eine Pflanze zu sehen ist. Dem archäologischen Freund wird es niemand verdenken, wenn ihm vor dieser Naturgewalt wie vor dem Chaos graut; immerhin erweist er ihr durch sein Fernbleiben mehr Ehrfurcht als die Besucher, die neugierig im Krater herumkrabbeln, von ihren alltäglichen Sorgen reden oder dem Führer vom Lohn etwas wegzuhandeln versuchen. Man kann den unendlichen Vorgang wohl überhaupt nur ganz rein empfinden, wenn man mit ihm allein ist; aber wie wäre das untertags möglich? Meine Zeit ist leider um, und die Kleidung zu leicht; es würde mich sonst keine Ueberroinbung kosten, einsam eine Nacht hier zu verbringen. Käme nach ein paar Stunden die Morgenröte, so würde man sich vermutlich sagen, man habe Nächte durchwacht, in denen man dem Chaos weit näher war als auf diesem Vulkan, der eben in einem anderen Zeitmaß lebt als wir. Wenn ich an den wahnsinnigen jungen Mann in München zurückdenke, der mich rufen ließ und zuerst so grenzenlos dankbar war, daß er mir durchaus feine ganze Wohnungseinrichtung aufdrängen wollte, dann aber auf einmal Stimmen hörte, die ihm befahlen, den Eisenhammer aus dem Schrank zu nehmen und mich auf der Stelle zu erschlagen, ober an das Flam- mengewoge des galizischen Dorfes, das ohne Notwendigkeit in Vrand geschlossen worden war, bann fühle ich, daß dort wirklich das grausig Sinnlose wütete; hier aber ist alles doch Zeugnis einer unübersehbaren großen Ordnung; das Phänomen erinnert an den Urzustand der Erbe, es verbürgt uns bereu unmittelbare Herkunft vom Sonnenball, und ist einmal der letzte Vulkan erloschen, so wird gewiß auch bas Menschengeschlecht älter und müder geworden fein Ich näherte mich schon dem oberen Rande, da winkte von unten, laut rufend, der Mann, der Münzen in die Lavqklumpen legt. Ich hatte auf ihn vergessen; nun stieg ich zurück, während er mir keuchend entgegen» kam. Der glühende Fluß war zu einem körnigen schwarz glänzenden Stein geworden, der nun meinen Soldat umschließt. Zwei Lire forderte der Amre für das Andenken und fragte auch noch, ob es zu viel wäre. Sein Geschäft geht nicht gut; die meisten Besucher, sagte er, gehen an ihm vorüber. Ich erzählte ihm von dem wundersamen Vulkan, den es in der Nähe des Asowschen Meeres geben soll, und meinte, dies wäre der rechte für ihn. Seine Ausbrüche find feiten, feine Lava spärlich, ober reichlich mit Gold versetzt. Während ich dies sagte, reute es mich schon; zum Glück verstand er mich gar nicht. Mit einem höflichen .Grazie nulle' grüßte er und kehrte in die Tiefe zurück, durch die jetzt wieder der Druck des Windes die schwefelgelben Rauchschwaden trieb. Christrose. Von Hedwig F o r st reute r. Wehende Blätterbüschel Zierlich gezackt und grün Hüten viel schlanke Knospen, Die wollen im Winter blühn. Blühen trotz Wind und Kälte In weiß und rosiger Pracht Wunder aus Schnee geboren Wohl zu der halben Nacht. Die zarte Winterrose, Die hier Im Werben ist. Wenn andre Blüten schlafen, Sie heißt die Blume des Christ. Und ist ein Blüten-Gleichnis, Von himmlichem Licht umsprüht, Des holden Angesichtes, Das aus der Krippe blüht. Michael Pocher von Vruneck. Ein früher Meister der Ostmark. Von HansSturm. x Vor rund fünfhundert Jahren wuchs im Puftertal im südöstlichen Tirol ein Bildschnitzer von einzigartiger Bedeutung und weitreichender Wirkung heran, Michael Pacher, der spätere Meister von St. Florian und St. Wolfgang. Sein Vaterhaus stand in dem Stäbtlein Bruneck. das damals zu dem ehemals reichsunmittelbaren Bistum Brixen gehörte; hier war ble Grenzfcheide^ germanisch-romanischen Wesens und Empfindens, hier konnte sich Im Schatten der alten Handelsstraße vom Norden nach dem Süden und Osten Pachers bobenver- haftetes und dennoch weltoffenes Können ganz entfalten, und was er in feiner Heimat mcht fand, suchte er in den großen Kunststätten Ober« Italiens. Starken Eindruck muß auf ihn die großräumige Art TO ante g n a 5 in Padua gemacht haben; bewundernd stand er vor dieser klaren Anordnung, dieser hellen Weiträumigkeit und zwingenden Perspektive, aber er verlor darüber nicht seine Eigenart, sein träfliges, durchsonntes Tiroler Wesen blieb vorherrschend in [einen sämtlichen Arbeiten. Eberhard Hempel, heute einer der namhaftesten Pacher- Forscher, kommt zu dem gleichen Ergebnis: „Sein Schaffen gehört durchaus in den Bereich der deutschen Kunst, mit der sie nicht nur die gleiche Aufgabenstellung und die äußeren spätgotischen Formen teilt, sondern vor allem auch den gestaltreichen und bewegungsvollen Charakter." Wenn wir heute mehr über Michael Pachers Werden und Wirken wissen, |o verdanken wir dies der verdienstvollen Arbeit Hempels, der die neuesten Forschungsergebnisse niederlegte in dem schönen Buche „Das Werk Michael Pacher s", das mit 88 Tafeln und einem farbigen Titelbild bei Anton Schroll in Wien erschienen ist. Um bas Jahr 1467 wird des Künstlers Name zum erstenmal in einer Urkunde seiner Heimatstadt Bruneck genannt; von da ab läßt sich dreißig Jahre hindurch seine künstlerische Entwicklung oersolgen, während sich über seine Jugendwerke, wie Hempel sagt, „ble Forschung kein Bild machen" kann, da ein kleiner Flügelaltar des Schlosses bei Bozen, der Aufschlüsse vermitteln könnte, verschlossen ist. Pacher war schon ein weit über die Grenzen seiner Heimat anerkannter Meister, als ihm am 27. Mai 1471 die Bürgerschaft von Gries bei Bozen den Auftrag zu einem Marien- altar gab, der um 1475 vollendet wurde. Am 13. Dezember desselben Jahres übernahm er die Ausführung eines mächtigen Schreinaltars für die St. Wolfgang-Kirche am Aberfee, der nach den Inschriften 1479 und 1481 beendet werben konnte. Um 1475 schuf er für die Kirche in Sterling einen gemalten Altar aus ber Geschichte der Apostel Petrus und Paulus. 1484 führte er für Bozen einen Altar des hl. Michael aus, der einige Jahrzehnte später verschwand und bis heute nicht wiedergefunden worden ist; von feinem Marienaltar für die Frauenkirche in Salzburg ist nur eine sehr beschädigte Statue der Muttergottes erhalten geblieben, während sein letzter Altar für die St. Michaels-Kapelle am Aschhofe zu Salzburg aus den Jahren 1489/90 ganz verloren ging. Zu den vielen, meist urkundlich beglaubigten Werken Pachers kommen noch sehr viele Gemälde und Schnitzarbeiten, die feiner Art nahe- stehen; hieraus folgert man, daß er einen großen Kreis von Malern und Schnitzern als Gehilfen beschäftigt haben muß. Für Pachers künstlerische Stilentwicklung kommen nur zwei Altäre in Betracht, der in Gries und der in St. W 0 Ifgan g. Der (Briefer Marienaltar bildet den vielversprechenden Auftakt, lehnt sich jedoch im wesentiichen (geruhsames Verweilen und ebenmäßiger Ausbau) noch an die älteren Meister an. Die Ausführung der einzelnen Gestalten allerdings, verrät nicht nur hier und da den oberitalienifchen Einfluß, sondern vor allem Pachers eigenwillige Selbständigkeit. In der Mittelnische des Schreins kniet Maria, leicht nach links gewendet, hinter ihr auf einer langen Thronbank sitzen Gottvater und Gottsohn, um ihr die Krone aufzusetzen; in den Seitennischen stehen der Bischof Erasmus und St. Michael, zu Füßen knien zwei mantelhaltende Engel. Klare Anordnung, prächtiger Faltenwurf der Gewänder, harmonisches Zusammenwirken aller Teile sowie weihevolle Hoheit machen das ganze zu einem Meisterwerk. Eberhard Hempel weist in seinem Buche darauf hin, der (Briefer Altar habe vor dem späteren St. Wolfgang-Altar „den Vorzug, daß die Dreieinigkeit besser zur Anschauung kommt und ein in den Verhältnissen aufs schönste ausgewogener Aufbau entsteht, der in feiner Klarheit einem italienischen Renaissancewerk an die Seite gestellt werden kann. < Pachers einmaliges Meisterwerk ist ber .in dem schmalen Chor der gotischen Kirche von St. Wolfgang fast elf Meter hoch auffteigenbe Schreinaltar, der sich dreifach ändern läßt. Die äußeren gemalten Flügel zeigen das Leben des Bischofs Wolfgang; öffnet man die Flügel, so sieht man acht Bilder aus dem Leben Jesu, und öffnet man auch die inneren Flügel, so schaut man den Lebensgang und die Verklärung Mariens. Auf den Flügeln wechseln Malerei und Schnitzerei, denn Pacher war auch Maler. Die Hauptbarstellung im Schrein ist die Krönung der Gottesmutter Im Himmelssaal, an der in den Seiiennifchen verschiedene Heilige teilnehmen. In dem fünffach getürmten Fialenaufbau werden der Gekreuzigte, Gottvater mit der Verkündigungsgruppe und verschiedene Heilige sichtbar; auf der Rückseite des Schreins ist Christophorus dargestellt mit acht Begleitern. Unerhört an diesem Altar ist die Harmonie: keine Figur, keine Gruppe steht allein, jede ist durch kühne Linien mit den anderen verbunden, mächtige Kurven schwingen herüber und hinüber, an allen Ecken sind die Gewänder gebauscht und zerwühlt, und doch steht alles fest in dem tektonischen Bau des Ganzen. Hempel sagt dazu: „In seinem unergründlichen Reichtum, in der Vielfältigkeit seiner Formen, in dem überströmenden Leben ist der Altar ein echtes deutsches Kunstwerk." (verantwortlich: vr. Hans Thhriok. — Druck undDerlag: Brühllche Univerf iiätsdruckerei R. Lange, Gießen.