GiehenerKnmlienbliitter ________Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger Jahrgang 1958_________________________Zreitag, ben 16. Zeptember Nummer 72 Christine von ÄkiloLLL Noman von Rolf Brandt Copyright bp August Scherl Nachfolger, Berlin Es sollt« bestimmt ein Sühn werden. Der Sohn sollte Christoph hechen nach seinem Großvater, dem alten Christoph von Rucktasch, dem beruhmiea Maler. Es wurde ein Mädchen. Der Regierungsrat nannte sie Christine. So hieß sie Christine von Rucktasch. Der Großvater war von dem alten Kaiser geadelt worden. Dies ist der Roman von Christine von Milotti, die als junges Mädchen von Rucktasch hieß und die Enkelin des berühmten Malers des neunzehnten Jahrhunderts war. Sie war nicht schön, aber sie war hochbeinig und hatte ein kühnes, kluges Gesicht, in dem graue, verwegene Jungens- augen funkelten. Auch der Mund war viel zu groß, als daß er in ein Madchengeficht gepaßt hätte. Es war ein gewaltsamer Mund, wie ihn der alte Maler gehabt, hatte. Die Stimme war eine tiefe und tragende Altstimme. Sie konnte schwingen, als ob Metall in ihr wäre, und sie konnte so weich schmeicheln wie eine sonst klingende Abendglocke. Der Regierungsrat schloß einmal seine Tochter Christine ein, sie sprang vom zweiten Stock der Billa in den Garten. Sie hatte stets zerrissene Kleider und blutende Knie. Sie raufte sich mit den Jungens, sie stahl Aepfel, sie aß am liebsten gestohlenes Obst. Sie tollte mit den Kunden, sie sprang so stürmisch in das Segelboot, daß es beinahe kenterte. sie sechzehn Jahre war, wäre sie beinahe ertrunken, weil sie über öie Elbe schwimmen wollte und der Strom sehr stark war. In der Ober« fetunöa ohrfeigte sie einen Lehrer, weil er ihr die Hand gestreichelt hatte. S>e war unbändig. Sie lernte überhaupt nichts, aber sie sprach plötzlich, als sei «s ihr angeboren, mit siebzehn Jahren fließend Englisch. „Das muß man", sagte sie, „das muß man können/' Dies nun ist der Roman von Christine von Milotti. Exzellenz Christoph von Rucktasch, der große Maler, nahm das Buch der Quäkergemeinde mit zitternder Greisenhand von seinem Rachitisch. Er führt« es dicht an die Augen. Für jeden Tag des Jahres war ein Spruch aufgezeichnet. Für den 13. August 1913 stand da der Spruch: „Selig sind die Fried fertigen, denn sie werden Gottes Kinder heißen." „Ist auch nicht so leicht, das mit der Friedfertigkeit", murmelte di« Exzellenz. Er seufzte: „Ach, wenn man friedfertig wärel" Sein« Gedanken verwirrten sich, der Arzt nahm das Buch aus der Hand, die es kraftlos hergab, der Atem raffelte, die Augen waren geschloffen. Als der Arzt nach dem Puls fühlte, legte er die Hand still auf das Bettlaken Der berühmte Maler war gestorben. Um die Liegestatt des Toten häuften sich die Kränze. Vier Studenten der Kunstakademie hielten in vollem Wichs, die blanken Schläger in der Hand, die Totenwache. Zu häupten des Toten brannten zwei sechsflammige Kandelaber. „Es riecht so schön nach Wachs", hätte der Tote gssagt. Aber er war nun in dem Reich seiner Unsterblichkeit und des Schweigens. Er sah jünger aus im Tode, die hohe, weiße Stirn leuchtete klar über dem ausruhenden Gesicht. Es roch in dem Zimmer ganz stark »ach Lorbeer und welken Blumen. Christine wurde von dem Baier hereingefichrt. Sie sah das Gesicht »es Großvaters und sah die flackernden Kerzen. Sie weinte einmal laut auf, es war fast kein Weinen, sondern ein Schrei, dann lief sie hinaus. Als die Leiche eingesargt war, brachte ein Prinz des königlichen Hauses «inen Kranz des Kaisers. Auf dem Marmortisch im Vestibül häuften sich Telegramme zu hohen Bergen. Christine hatte ein weißes Kleid an mit einer schwarzen Schärpe. 3bre blonden haare hingen in zwei dünnen Zöpfchen über den schmalen Lücken. Der Vater war völlig verwirrt und konnte kaum die notwendige Haltung zur Repräsentation finden. Am Morgen hatte man das Testament geöffnet, um festzustellen, ob irgendwelche Vorschriften für di« Beisetzung !.n ihm enthalten feien; und der Notar hatte gleichzeitig den Vermögens- ckand aufgestellt. Er hatte dem einzigen Sohn und Erben schonend, aber Mtb recht klar mitgeteilt, daß außer den wenigen noch nicht verkauften Blidern keinerlei Erbmasse vorhanden sei, wohl aber erhebliche Schulden, ©ie alte Exzellenz hatte wie ein Fürst gelebt. Der Regierungsrat stand am Grabe und drückte Hände und Hände. Neben ihm stand ein kleines, schmales Mädchen, Christine, und sah ernsthaft in die vielen Gesichter, die vorllberzogen. Helme blitzten, Orden klirrten, weiße Frackbrüste leuchteten. Ein Sängerchor sang: „Wenn ich einmal soll scheiden", und die Kapelle des Garderegiments, das der Ber» storbene in seinem großen Bilde „Sturm auf die Kirchhofsmauer" unsterblich gemacht hatte, spielte „Ich halt' einen Kameraden". Dann ging man in das große steinerne Haus am Wasser, in dem es immer noch nach Lorbeer und verwelkten Blumen roch. Am nädrften Tage schon veranlaßte der Regierungsrat, daß eine bekannte Maklerfirma das ganze Haus und das Mobiliar zum Berkaus« stellte, schluchzend ging Christine durch die geliebten Räume, streichelt« die hohen Stuhle, die prachtvollen Samtdecken und die kostbaren Teppiche, ging noch einmal durch den Park zum Wasser nach ihrer Liebllngs- bant machte kehrt, verließ den Garten und betrat ihn niemals wieder in ihrem Leben. Die Auktion der Bilder war ein großer pekuniärer Erfolg. Ein Beauftragter des königlichen Hauses bot unter allen Umständen höhere Summen als die zahlreichen Kunsthändler, Galeriedirektoren und reichen Privatleute, die erschienen waren. Noch einmal ging der Name des großen Meisters bei dieser Gelegenheit durch die Weltpresse. Dann wurde es ftill. Als der Regierungsrat mit dem alten Iustizrat Tuchmann abgerechnet hatte, zeigte es sich, daß er eigentlich wider Erwarten in der Lage war, die eigene kleine Billa und den Garten zu behalten. Er bezahlte alle Schulden des Vaters, selbst solche, bei denen der Iustizrat Bedenken hatte, ob nicht ein unerhörter Wucher der Fordernden vorlag. Er wünschte nicht, daß ein Geraune um den großen Namen ginge, der Meister fei lemandem etwas schuldig geblieben. Der Regierungsrat war ein korrekter Mensch. Er trug über der linken Schlafe einen haarscharf gezogenen Scheitel in dem lichtblonden haar, er trug vor den grauen, etwas kurzsichtigen Augen eine goldene Brille. Am liebsten zeigte er sich im Gehrock mit schwarzen seidenen Aufschlägen, das Band des Roten Adlerordens vierter Klaffe im Knopfloch. Das Leben des Regierungsrates war wohlgeordnet. Um neun Uhr erschien er im Ministerium des Innern, das er mit dem Glockenschlag drei verließ. Dann fuhr er mit der Wannseebahn; und um dreiviertel vier Uhr hatte das Mittagessen auf dem runden Eßtisch im Speisezimmer zu stehen. D>e alte Henriette hatte ein Häubchen aus weißem Batist auf dem Scheitel zu tragen und eine weiße Schürze über dem schwarzen Kleide. Sie sagte nun seit vielen, vielen Jahren dabei den einen Satz: „Ich wünsche wohl zu speisen, Herr Negierungsrat. hoffenilich findet das Essen Ihren öeifall! Christine saß dem Vater gegenüber. Meistens begann der Regierungsrat das Gespräch mit der Feststellung, daß die haare von Christine völlig in Unordnung seien, er müsse darüber mit Berta, dem Kinder- fräulein, einmal ernstlich reden. So käme man nicht zu Tisch. Nach der Suppe folgte eine weitere unangenehme Frage: „Wie war es beute In der Schule, Christine?" Als Christin« beinahe vierzehn Jahre alt war, antwortete sie auf diese Frage einmal: „Ach, die Lehrer, die sind schlecht, meistens sind sie ungerecht!" Der Vater verbat sich solche Bemerkungen, und Christine warf das Mundtuch in großem Bogen auf den Tisch und lief aus dem Zimmer. Sie, halte es in diesem verdammten blödsinnigen Hause nicht mehr aus, schri« sie dabei. Sie bekam dafür zwei Tage Zimmerarrest, das heißt, sie durfte nicht zu den Hunden und nicht zu den Katzen. Am zweiten Tage öffnete sie den Fensterflügel, es war Herbst draußen. Di« Luft war von himmlischer Bläue, die Aepfel im Garten dufteten bis zu dem Fenster herauf. Zuweilen schlug eine ber schweren reifen Früchte mit dumpfem Fall auf den ganz dunkelgrünen, dichten Rasen. Ein Blatt segelt« von dem alten Ahornbaum an Ihrem Fenster vorbei, es war rot, braun und gelb gesprenkelt. Die Sonne lag in gelben, dichten Kringeln wie goldene Flecke in dem Laub der Bäume und im Grün des Rasens. Christine zog die Lust ein, schlug mit ber hanb gegen das Fensterkreuz, hob den leichten Körper, stand plötzlich auf dem Gesims und sprang in die Tiefe. Der Aufprall schmerzte, die Knie waren blutig, aber es schien, als sei nichts Ernstes passiert. Als ber dumpfe Schmerz in allen Gliedern nachließ, reckte sie sich wie eine junge Katze und ging in den entferntesten Teil des Gartens zwischen die Himbeersträucher, wo eine kleine Bank aus ihrer Kinderzeit stand, hier kauerte fie nieder und schluchzte wild vor sich hin: „Er ist ein Scheusal, ich hasse ihn! Ich hasse ihn! Ich hasse ihn!" Dann sah sie auf ihr weißes Cheviotkleid, bas an ber Stelle, wo bi« Knie aufgeschlagen hatten, ganz von Blut burchzogen war. Das wirb eine schöne Bescherung geben, buchte sie. Warum stirbt man nicht? Ich glaube aber, er würde sich gar nicht ärgern, wenn ich stürbe. Er hat ja kein Herz! Bon der Gartenmauer, z« der sich die Himbeeren hinzogen, kam ein scharfer Pfiff. Es waren die drei ersten Takte des badischen Revolutionsliedes, des Heckerliedes. Christine sah auf. Ihr schmales Gesicht, das eben noch im Schatten eines tiefen Kinderkummers lag, wurde hell. Sie führte den Zeigefinger der rechten und den der linken Hand in die starken Mundwinkel und gab einen schrillenden, jagenden Pfiff von sich. Dann zog sie die Finger heraus, spitzte den Mund und pfiff die drei nächsten Takte des Heckerliedes. Sie blieb sitzen und blickte gespannt nach der rötlichen, von der Zeit verblaßten Ziegelmauer, die durch das noch dichte Grün der Him- beerpslanzen schimmerte. Auf der Mauer, an der Stelle, wo die Flaschenscherben, die man darausgemauert hatte, sorgfältig ausgebrochen waren, erschien die lange, schmale Gestalt eines jungen Menschen. Sie stand dort oben einen Augenblick in der hellen Nachmittagssonne, die blonden Haare bogen sich im Winde, wie die Silhouette eines griechischen Jünglings, der nach Norden verschlagen wurde, dann ein kurzer Aufschlag im sandigen Boden, Rascheln der Blätter, und Peter stand vor ihr. Er sah mit einem Blick das Blut am Kleid. „Da kriegst du doch Hiebe", sagte er lakonisch. „Warutn wäschst du es nicht aus?" „Peter, du kommst dir wieder groß vor und bist ganz blöde! Ich habe Hausarrest, bin heruntergesprungen auf den Hof und dann bin ich hierhergehumpelt wie ein lahmer Hund. Wie soll ich auswaschen? Sobald ich in den Hos gehe, wo der einzige Brunnen ist, werde ich geklappt." „Ob er die Flucht gemerkt hat, steht nicht fest?" „Weiß ich nicht", sagte Christine. „Es ist ja erst fünf Minuten her." „Schön", sagte Peter, „aber das Blut im Kleid, das sind Tatsachen, das kapiert er. Warte, ich laus« zu uns und komme mit einem Eimer Wasser wieder." Peter war mit drei Schritten an der Mauer, schmiß sich im Klimmzug hoch, warf das rechte Bein hinüber, stand einen Augenblick auf der Mauer und sprang dann ab. Christine sah auf den blutigen Fleck ihres besten Kleides, das bis zu den Knöcheln fast ging, ihr Stolz. Sie schüttelte den Kopf über sich selbst. Warum hatte sie das Kleid nicht ausgezogen! Ihr fiel ein, daß sie vielleicht daran gedacht hatte, Peter zu begegnen. Ihr fiel ein, daß so ein Satz in ihr gewesen war, man sollte in die weite Welt gehen, für immer fort von hier, und dazu brauchte man das beste Kleid, das war doch klar. Außerdem, Peter hatte so eine niederträchtige Art, einen wie ein halbes Kind zu behandeln, seitdem er in der Prima war! Das neue Cheviotkleid hätte eine solche Behandlung von vornherein unmöglich gemacht. Außerdem, vor vier Wochen wäre sie vielleicht noch ohne Kleid heruntergesprungen. Da war sie ein Junge, sie war noch ein Jung«, aber es war so eine dumme Einbildung, sie wußte, ein« ganz dumm« Einbildung, sie hätte sich vor Peter säst geniert. Vielleicht auch nicht. Aber der Peter war in letzter Zeit albern geworden, ausgesprochen albern, so albern wie die ganzen Jungens. Sie konnte das nicht ausstehen, wenn sie Augen machten so wie gestochene Kälber. Ach, es gab doch so viel Mädchen in der Welt und so viel hübsche. Nun hatte man die Bescherung. Der Peter hatte ganz recht: An dem Blutfleck würde jede Ausrede scheitern, selbst wenn es gelänge, unbemerkt ins Haus zurückzukommen. Da klang schon der wilde Pfiff des Revolutionsliedes. Peter rief: »Du bist ganz verrückt, Christine! Willst du mir den Eimer vielleicht abnehmen!" Sie humpelte zur Mauer. Er hob den schweren Kücheneimer, es war ein halsbrecherisches Kunststück, auf die Mauerkrone. Dann setzte er sich daneben und reichte ihn vorsichtig herunter. Christine hob die dünnen Arme. Als sie sich aufreckte, schmerzte das Knie unerträglich, ober sie biß die Zähne zusammen. Sie nahm den Eimer, sie setzte ihn auf die Erde, dann brach sie zusammen. Peter von Kehl stand ratlos neben ihr. Er sah auf das schmale, blasse Gesicht, in dem die klugen Augen nun geschlossen waren. Er sah auf die dünne Batistbluse, die sich leise hob und senkte. Er sah auf den Blutfleck in dem weißen Cheviotkleid und auf die kleinen Füße in Wildlederschuhen, die unter dem Rande hervorsahen. Er atmete tief. Er tauchte feine großen Jungenshände in das kühle Wasser und sprengte ihr ein' paar Tropfen über das Gesicht. Dann wurde er entschlossener und legte ihr feine nasse Hand auf di« Stirn. Christine schlug die Augen auf. Er wollte die Hand zurückziehen, die wilde Christine mochte eine Bewegung mit ihrer Rechten und hielt die Hand fest. Er kniete neben ihr. „Was tut dir weh, Christine?" fragte er. Christine schloß wieder die Augen: „Es ist gar nicht so schlimm, Peter", sagte sie ganz leis«, während die Lider sich langsam «in wenig öffneten. „Es ist gar nicht so schlimm!" Da beugte sich Peter von Kehl ein wenig nieder, sah aufmerksam In diese großen grauen Augen, die ruhig seinem Blick standhielten, und küßte die breiten, kühlen Lippen. Christine wehrte sich nicht. Sie ließ die Lippen fest geschlossen: während sie den sanften Druck verspürte, dachte sie: Es ist gor nichts daran, aber auch gar nichts. Sie fuhr ihm mit der rechten Hand über das Haar. Es war einen Augenblick, dann stieß sie ihn zurück: „Peter! Peter, du bist verrückt! Peter, das ist gar nicht anständig, ich kann mich doch nicht wehren! Peter, du bist ein Schuft!" Sie boxte ihn mit kleinen schnellen Boxhieben gegen die Schulter. Ach, als Peter ein erwachsener Monn war und vor Arras lag, sah er in seine Jugend hinein, fühlte eine kleine schnelle Folge von Hieben einer Mädchenfaust und die Stelle an der Schulter, durch die eine französische Kugel gegangen war, schmerzte säst gar nicht mehr. Peter also erhob sich, sah auf das liegende Mädchen, das sich nun auf die Arme stützte, und sagte: „Du nimmst das vielleicht zurück?" „Nichts nehme ich zurück", sagte Christine. „Du warst schlecht, schlecht, schlecht! Du wirst nie anders als schlecht fein!* „Dann werde ich gehen", sagte Peter. „Das sieht dir ähnlich! Was wird dann aus meinem Kleid?" Peter drehte sofort um: „Wollen wir uns w'edcr vertragen?' fragt« er. Christine gab ihm die Hand: „Gut, aber nie wieder!" „Bis zum nächsten Mal!" sagte Peter. „Dann ist unsere Freundschaft aus, ich schwöre dir, sie ist aus! Ich kann keine Jungens leiden, die die Mädchen abküsfen, ich finde Küssen widerlich!" „Ich nicht", sagte Peter. „Ader ich verspreche..." „Ehrenwort?" „Ehrenwort!" „So", sagte Christine. „Ach, was bist du für ein komischer Junge! Was machen wir nun?" Sie saß aufrecht. „Du mußt den Rock ausziehen", erklärte Peter. „Ich werde ihn waschen." „Du bist verrückt!" erklärte Christine. „Völlig verrückt!" Sie wurde plötzlich dunkelrot: „Dreh dich um!" „Aber Christine!" sagte der Junge nun verblüfft. „Dreh dich um!" Er blickte zur Mauer, wo man über der Krone die großen roten Aepfel des väterlichen Gartens erblickte. Mit dumpfem Schlag fiel eine reife Frucht auf den Rasen jenseits der Mauer. Christine hatte den Rock ausgezogen und saß nun da in ihren Schlüpfern mit zerrissenen seidenen weißen Strümpfen, die Beine hach s gezogen, die Hände darumgefaltet, und starrte auf die Wunde am Knie. Peter tauchte vorsichtig mit großer Geschicklichkeit die eine Seite des Rockes in den Wassereimer. Das Wasser färbte sich rot. „Viel Blut!" rief er über di« Schulter zurück zu Christine. Er schwenkte und rieb den Stoss. „Man müßte das Wasser erneuern!" sagt« Peter. „Aber mit der Mauer, das gibt Wirtschaft, und das Abnehmen vom Eimer", sagte er listig, „ist dir schlecht bekommen." „Würde ich auch gar nicht", sagte Christin«. „Also wart« mal!" Er schob sich durch die dichten Himbeeren vorwärts wie ein Indianer und sah den Leitungsanschluß für den Gartenschlauch im vorderen Teil des Gartens. „Es ist niemand da! Henriette, die alte Petze, schläst ja seht!" Er hängt bas Kleid über einen der Drähte, die gezogen waren, um den Himbeerpflanzen Halt zu geben. Die Ranken bog er vorsichtig beiseite, bann goß er bas blutige Wasser aus und sprang mit ein paar Sätzen zu dem Anschluß. Er trug den Eimer in ber Hand und sah Christine sitzen. Sie lächelte: „Du spielst immerzu noch Indianer, Peter! Ach, ihr Jungens werbet ja nie erwachsen!" Er stellte den Eimer vor sich nieder und sagte: hübsche.Beine hast du, Christine!" Sie erwiderte nichts, streckte das eine Bein lang aus und begann, den Strumpf auszuziehen. „Du bist ein Affe! Ich muß beide Strümpfe ausziehen, und wir müssen sie hier vergraben, bann sind sie eben weg." Vorsichtig löste sie den zweiten Strumpf. Sie stöhnte ein wenig. „Tut es weh?" „Unsinn, es tut gar nicht weh! Aber du könntest ein bißchen ziehen: helfen." Vorsichtig zog er an dem Strumpf und hielt einen Herzschlag lang das dünne, schlanke Mädchenbein in seiner Hand. Sie sprachen beide: kein Wort. Er grub mit der Hand — es war nicht leicht — in der Gartenerde eine kleine Vertiefung, und bann tat er die blutigen Strümpfe: in bie Heine Grube, die er wieder beberfte. „Verdammt!" sagte er. „Das hätte ich nachher machen müssen, jetzt wird das Wasser doch schwarz, wenn ich das Kleid zum zweitenmal! wasche!" „Laß sein, ich werde es tun", sagte Christine. Sie erhob sich ganj unbefangen, nahm das Kleid und wusch es zum zweitenmal und hängte es dann in die schon schräg fallenden Strahlen der Sonne. Dann ging, sie ein paar Schritte bis zur Mguer, lehnte sich mit dem Rücken dagegen, und Peter setzte sich neben sie. „Du bist eigentlich ein großartiges Mädchen, Christine!" sagte er. „Ach, mir geht es schlecht, Peter, da nützt alles Großartige nichts! Ich halte es nicht aus da!" Sie zeigte nach der Villa. „Manchmal denke ich ja, er meint es ganz gut, aber dann kommt die Wut. Er ist ein Pe> dank, er ist ein Pfennigfuchser, er versteht mich auch keinen Augenblick! Weißt du, nach wem ich mich manchmal sehne?" „Nein", sagte Peter. „Ich sehne mich überhaupt nicht, wie sthni man sich?" „Nach Großvater. Er hat mich einmal mitgenommen nach seiner Wein- ftube in der Potsdamer Straße, weißt du! Da saßen lauter alte Herren, ich glaube, es waren alles Exzellenzen. Großvater setzte mich auf einen Stuhl und ließ zwei Kissen unterlegen, und ich bekam Eis, soviel ich haben wollte, weiht du, Eis mit Früchten und Schlagsahne! Papa hätte vor Angst Magendrücken bekommen, wenn er gesehen hätte, was ich alles gegeßen habe. Papa hat ja immer Angst. Großvater aber ließ sich ein halbes Dutzend Speisekarten geben, und auf der Rückseite malte er jeden von den komischen alten Männern mit ein paar Strichen, weißt du. Aber sie sahen nun alle aus wie die Tiere. Der eine wie ein Panther, der andere wie eine Katze, der nächste wie ein alter Hirsch, es war zum Totlachen, denn bie alten Leute rissen sich um die Speisekarten. Und Großvater sagte dazu: „Hier hast du die Exzellenz Uhu", und schenkte sie mir, und bann sagte er: „Wenn sie jemand haben will, meine Freunde, so müssen Sie sie meiner Enkelin Christine abtaufen." Und dann tarnen sie und tauften mir die Karten ab, und Großvater schmunzelte und sagte: „Verlaufe sie teuer, mein Kind! Malen gibt (Bott, Verlaufen ist Bet- standessache! Unter fünf Tafeln Schotolad« leine Karte!" (Fortsetzung folgt.) Traum von -er Mutier. Von Hermann Hesse. Draußen auf den warmen Wiesen Will ich nach den Wolken sehen Und die müden Augen schließen Und ins Träumeland hinüber Und zu meiner Mutter gehen. O, sie hat mich schon vernommen! Leise geht sie mir entgegen, Der ich ferneher gekommen. Meine Stirne, meine Hände Still in ihren Schoß zu legen. Wird sie jetzt nach Dingen fragen, Die ich nur mit Scham gestehe? Wird sie strafen? Wird sie klagen? Nein, sie lacht! Sie lacht und freut sich Meiner lang vermißten Nähe. Kleine Kriminal-Komödie. Von Waldemar Schulze-Sch uchardt. Es gibt tolle Dinge auf der Welt! Da hatten sie um 8 Uhr mit Kant und Schopenhauer angefangen, waren sich um 9 Uhr über die Frage, >b Hyblskus ein Muskel oder eine Blume fei, in die mehr oder weniger parlichen Haare geraten. Um 10 Uhr hatte Edgar, der dämonische Aus- prüche liebte, die Welt „einen taumelnden Ball" genannt, woraus zu chließen war, daß er das sechste Glas bereits hinter sich hatte. Und wo war nun, um 11 Uhr, das Schifflein ihres Gesprächs gestrandet? Bei etwas, das sie die Morphologie des Kriminalromans nannten. Da sie ßch selber darunter nichts rechtes vorstellen konnten, hatten sie in die Müte der Debatte eine konkrete Säule gestellt: „Das Todeshaus von Greenback", einen Kriminalroman, in dem schließlich als der Massen- moroer ein derart ehrwürdiger Greis entlarvt wurde, daß der Autor m ihm jäh und meuchlings jenen Wahnsinn hatte ausbrechen lassen müssen, der zur Rettung der Wahrscheinlichkeit so häufig auf den letzten Seiten der Detektivgeschichten aufzutreten pflegt. Da der etwas abenteuerliche Likör, den Edgar selbst fabriziert hatte, das Erwachen ebenso abenteuerlicher Instinkte in ihnen stark begün- stigte, sprachen sie von dem verbrecherischen Genie dieses^ heimtückischen Greises mit einer gewissen Hochachtung. Allerdings waren sie sich darüber einig, daß sie selbst seine gewissermaßen abendfüllende Maske schon viel früher durchschaut haben würden als der unter einem Uebermaß von Schrullen und witzigen Aussprüchen dahinwankende Inspektor von Scotland Uard. „Schon der Umstand", sagte Eberhard mit verächtlich geschürzten Lippen, das sich unter dem Fingernagel des Buchhändlers Blütenstaub aus der Südostspitze von Sussex fand, hätte den Inspektor geradenwegs auf den Täter Hinweisen müssen!" Jmnierhin hätte diesen Staub an Stelle des Toten auch eine Biene nach London bringen können!", gab Wilhelm zu bedenken, woraufhin sich eine längere Debatte über die Flugsähigkeit dieses Insekts erhob. (Wenn Frauen wüßten, worüber sich ernsthafte Männer in ihren Mußestunden unterhalten!) Zu seinem Schaden stellte dann Wolfgang die schlichte Frage, ob man überhaupt verlangen dürfe, daß der Inspektor diesen Staub entdecke. Denn nun fielen sie alle über ihn her und erklärten es für die natürlichste Sache von der Welt, daß man einem Mann, den man im Straßengraben aufsände, zunächst einmal unter die Fingernägel schaue. „Gerade diese Kleinigkeiten", dozierte Eberhard sind sah ziemlich bedeutend aus, „sind für den wahren Kriminalisten ungeheuer wichtig, und aus einem einzigen Stäubchen kann man die ganze Lebensgeschichte eines Mannes rekonstruieren!" Das war ja nun ein etwas kühner Vorstoß. Aber Eberhard zuckte nicht mit der Wimper, als die andern ihn nun schnurstracks ersuchten, diese Behauptung durch eigene Produktion zu erhärten. „Die durchgestoßenen Ecken deines Kragens beispielsweise, mein lieber Edgar", Hub er an, „zeigen deutlich —" Weiter kam er leider nicht, denn Edgars Kopf glich bereits einem Zum Platzen gefüllten Kirmes-Luftballon. Das fei eine bewußte Gemeinheit, stieß er empört hervor, er habe nun einmal nicht die Mittel, sich' jeden Tag drei neue Kragen zu kaufen, und er betrachte das als eine persönliche Kränkung. Es bedurfte jedenfalls eines erheblichen Aufwandes an Palmzweigen und Friedensflügeln, um den Wütenden wieder in den Normalzustand zu versetzen. Recht eigentlich gelang es erst, als Wilhelm zur Ablenkung die Einzelheiten eines haarsträubenden und un- Semein komplizierten Verbrechens mit so zwingender Gewalt zu schildern begann, daß sogar die abgehärteten Sinne seiner drei Zuhörer ins Schwimmen gerieten und Edgar mit schweißbedeckter Stirn aufstand, um hie Balkontür zu öffnen. Ja, und da geschah es. Als er sich, befriedigt über die hereindringende kühle Nachtluft, wieder ins Zimmer zurückwandte, starrten ihm dort drei derart kalkweiße Gesichter entgegen, daß es ihn eiskalt überkam. „Was ist —?", brachte er schließlich hervor. „— da —", schluckte Eberhard mit heiserer Stimme und wies mit kinem bedenklich zitternden Zeigefinger aus die Balkontür. Edgar dreht« sich wieder um und — ja, so muß es fein, wenn dos Fallbeil fjerniebett faust, dachte er blitzartig. tinte untere Ecke der Oesfnung ragte von draußen ein menschlicher Fuß herein. Auf dem Balkon lag ein Mensch! Edgar fuhr sich mit öer Hand über die Augen und sah dann abermals hin (denn er hatte im Silm gesehen, daß sich überraschte Leute so zu verhalten haben) — nein, es roar nicht der Likör, der Fuß blieb! Vier von Gänsehäuten bedeckte Manner rangen sich endlich zu der bekannten Frage durch: Was nun?! „Seite 10. Fassungsloser Butler entdeckt Mord!", flüsterte Eberhard m,t einem gequälten Lächeln. Schön. Aber was tat der bedauernswerte Mr. Smith bann? Er tzriff zum Telephon und — nein, selbst ist bet Mann, besonders wenn man zu viert ist. Wie vom gleichen Gebanken getrieben, standen sie aus und bewegten sich sachte aus die Balkontür zu. „Es ist ein Herrenschuh, also ist es ein Mann!", stellte Wilhelm fest, und alle nickten eifrig als freuten sie sich über diesen ersten Anhaltspunkt zur Aufklärung des Mysteriums. Und angesichts dieser wohltuenden Zustimmung zu seiner kriminalistischen Theorie richtete sich Wilhelm hoch auf, trat näher hinzu und lugte behutsam um die Ecke auf den Balkon hinaus. Als die übrigen sahen, daß er trotz dieses waghalsigen Beginnens am Leben blieb, ruckten sie näher zu ihm auf und drängten ihn in das futjle Dunkel der Nacht hinaus. Dann sahen sie, wie er sich über etwas Schwarzes nieberbeugte. „Kommt her! Er riecht nach Nitroglyzerin!", flüsterte feine Stimm« erregt zu ihnen her. „Also vergiftet!", konstatierte Eberhard mit einem Schauer im Tonfall. Da ihnen also von dem unbekannten Herrn keine Gefahr mehr zu drohen schien, versammelten sie sich um ihn und begannen in blitzschneller Kombination ihre Mutmaßungen auszutauschen. „Wie konnte das geschehen?!" — „Hier auf dem Balkon!" — „Die Tür war geschlossen, und wir saßen im Zimmer!" — „Wie kam er überhaupt auf den Balkon?" Eberhard beugte sich in hellem Eifer so weit über die Brüstung, daß ihn nur der rasche Zugriff Wilhelms vor einem jähen Absturz bewahrte. „Es ist keine Leiter zu sehen!" „Sieh doch mal unter feinen Fingernägeln nach!", forderte ihn Wolfgang auf. Aber noch ehe Eberhard diesem Wunsche nachkommen konnte, geschah das zweite Furchtbare. Plötzlich kam etwas Schwarzes auf sie herunter- geflattert und hüllte ihre Häupter in undurchdringliches Dunkel. Man weiß, welche Kräfte die Todesangst gebiert, und [o ist es verständlich, daß schon eine Sekunde spater die Vier so grimmig gegeneinander fochten, als seien sie von Kindesbeinen an Todfeinde gewesen. Dennoch dauerte es geraume Zeit, bis sie sich zerzaust und in malerischer Unordnung verstreut wiedersanden und als friedlichen Urheber ihres Kampfes einen großen schwarzen Mantel erkannten, den irgendein Unhold auf sie herab gesenkt hatte. „Der Mörder ist noch im-Hause!", keuchte Edgar. „Er ist über uns in meinem Arbeitszimmer!" Sie sahen sich einen Augenblick unschlüssig an, aber bann dachten sie z an den großen Kriminalinspektor Bully, der ganz allein in das Todeshaus von Greenback eingebrungen war — „Hinauf!" rief Wolfgang, unb schon sausten sie wie eine Meute losgelassener Bluthunde auf die Diele hinaus. „Halt! Vorsicht! Vielleicht sind Seile gespannt!", zischte Eberhard und . dachte an Band 32: „Das Geheimnis der Themse". Aber die andern polterten schon die Treppe hinauf und so konnte er ihnen nur noch zu- rufen, er bleibe unten, um „bas Gelände zu sichern" und die Reserve zu bilden. In jeder anderen Situation hätten sie diesen Vorschlag als feige Ausrede gebrandmarkt, aber diesmal hatten sie Blut geleckt und stürmten unaufhaltsam weiter. Da war die Tür — von innen verschlossen! Und von drinnen — Himmel! — drang ein weiblicher Aufschrei hervor. Keuchend standen sie da, und ein unheimlicher Schauer kroch ihnen über den Rücken. „Werfen Sie sich dagegen, Sergeant!", herrschte Edgar den neben ihm stehenden Wilhelm an. Der streifte mit einem etwas mißtrauischen Blick die schwere Tür und dachte offenbar über die Folgen komplizierter Achselbrüche nach. Aber bann nahm er einen gewaltigen Anlauf, stieß vor — und lanbete haargenau am Türpfosten, so daß er schmerzerfüllt in die Knie sank. Edgar sandte einen verzweifelten Blick gen Himmel, aber ehe noch seine Augen die Horizontale wieder erreicht hatten, dröhnten plötzlich drei dumpfe Schläge von unten her durch das stille Haus. Schreck und Erstarrung! Heilloser Zwiespalt! Drunten war Eberhard vielleicht in Gefahr, aber hier oben saß der Mörder ober vielleicht gar — Sensation! — die Mörderin! „Die Tür bekommen wir doch nicht auf. Hinunter!" Wie die Windsbraut (Sie kennen die Dame doch?) sauste die ganze Kavalkade wieder die Treppe hinunter. Es klang, als trampele eine Herde holsteinischer Ackergäule über eine Holzbrücke. Aus der Diele stand Eberhard und warf gerade mit einem Aufschrei ein Streichholz fort, das ihm die Finger verbrannt hatte. „Ick kann den Schalter nicht finden!" stöhnte er aus der Dunkelheit her. Edgar machte, Licht. „Woher kam das Klopfen?", fragten sie gierig. „Vom Eingang her, glaube ich!" ,Ha, Scotland Pard greift ein!", schrie Edgar triumphierend und öffnete stolz die Tür. Und wirklich, vor ihm stand ein Polizist. Aber mit ihm war noch ein Mann da, der recht giftig dreinschaute. Aha, das schien der Mörder zu sein. Dankbar wollte Edgar den Beamten umarmen, aber der schob ihn brüsk zurück. „Meine Herren, es ist hier vorhin eine Ftasche mit einer übelriechenden Flüssigkeit vom Balkon herabgeworfen worden. Dieser Mann wurde getroffen und verletzt. Das ist Körperverletzung, ich muh Sie vernehmen. Haden Sie «in Zimmer dazu frei?" Eine Hütte mit goldenem Dach. Erzählung von Sorge Spervogel. Keiner von den Jungen der Patina wird diesen Abend vergessen. Wir faßen auf der Lukenkante im Lee des Mittelschisfaufbaues und sahen die Sonne hinter die Kimm gehen. Es war ein kühler, klarer Abend mit ressem Wind aus Nordwest. Unsere Biermastbark lag vor Anker, weil der Schlepper zu schwach war, sie genau gegen den Wind durch das schmale Wasser zwischen Neuwerk und dem Bogelsand zu bringen. Alle Sande ringsum, noch naß vom fallenden Walser, spiegelten die Helligkeit des Himmels wider. Dadurch ging der Horizont unsichtbar in sie über, und weil er nun, ein gutes Stück tiefer, durch die schwache Brandung begrenzt wurde, sah die Erde ganz klein aus, eine Kugel mit deutlicher Rundung. Im Westen war der Himmel rot, darüber gelblich, dann grün und in der Höhe immer blauer. Als der Segelmacher vorüberkam, nahm er die Pfeife aus dem Mund und fragte, ob ihm wohl einer sagen konnte, warum der Himmel fetzt rot und grün wäre. Niemand antwortete vorerst. Er hatte immer solche Fragen im Sinn, und er war auf die genauesten Erklärungen versessen. Wir hatten bald herausbekommen, daß er nur nach Dingen fragte, über die er selbst nicht klar war, und wenn man sich bann herausziehen wollte, trieb er einen in die Enge, und am Ende fragte er meist mit seiner Stimme, die immer ruhig vor Nachdenken war, ob wir denn nun aus Schule gewesen wären oder nicht: das Schlimmste aber, was man tun konnte, war zuzugeben, man hätte es vergessen. Ionni Brackwoldt zum Beispiel, von dem er erfahren wollte, wie eigentlich Stickstoff aus der Luft gewonnen wird — daß man so etwas gewußt haben und dann einfach vergessen konnte, er begriff es nicht und glaubte es nicht. Aber warum ist nun der Himmel abends rot? Wir brachten nichts darüber zustande. Anstatt den Kopf zu schütteln wie sonst und wegzugehen, blieb der Segelmacher, dieser alte Mann, den wir gor nicht recht bei uns haben wollten, da stehen und sah die Sünde und den Himmel an, schließlich setzte er sich gleichfalls auf die Luke. Schon während er seine Pfeife neu stopfte, kam er ins Erzählen. Die Welt fab so klein und rund aus, er nun, er saß da zwischen uns jungen Kerls und war alt und hatte so viel mitgemacht in feinem Leben, und wenn er es jetzt ansehen mochte, war es wohl doch nicht viel oder nun weniges vielleicht, das gelohnt hatte, und davon begann er uns zu erzählen. Er war einmal Goldgräber gewesen. Wir hörten zu. Goldgräber In Alaska. Neun Jahre lang. In der Gegend von Nome, fagle er, hatte ich einen Claim, die Suchrechte für ein großes Stück Land an einem Creek entlang Ein Creek ist ein Bach. Man fängt immer an bet Mündung eines Creek an zu suchen und geht bann nach und nach baraii entlang bis ins Gebirge hinauf. Ich baute mir eine Hütte unten an ber Bucht unb ging ans Waschen. Man wäscht bas Golb aus bem Sand- kies. Ich fand auch etwas, der Creek führte Gold. Wenn es nicht viel war, so zeigte es immerhin, daß überhaupt etwas da war. In den Sommern wusch ich unb fing Fische, viel Lachs ist da, in den Wintern war ich in Nome Ich fand immer gerade so viel, daß ich ganz schön zu leben hatte, unb Nome ist teuer. Ich wartete Immer, baß ich einmal eine richtige Pocket finben sollte. Pocket ist eine Stelle, ein zugeschüttetes Loch, ein alter Strudel im Bett des Creek ober wo er früher einmal geflossen ist, eine Stelle, wo sich bie Nuggets angesammelt haben burd) ihre Schwere und nicht weitergeschwemmt worden sind. Nuggets heißen die Goldkörner, die das Wasser aus bem Gestein gewaschen hat. Hinter so einer Pocket war ich her. Alle, bie als Prospektor losgehen, finb hinter einer guten Pocket her. Das bebeutet bann mehr als genug für biefes Leben. Ich verstand ja nichts von dem Suchen, als ich danut anfing, aber Ich dachte, man braucht nur etwas Glück, und warum soll man nicht Glück haben? Nach neun Jahren war ich mit bem Creek unb ben Nebencreeks unb toten Creeks unb ben Löchern unb allem Kies unb Geröll bis oben in bie Berge fertig. Neun Jahre Lachs unb biefe kleine Sorte Hafen, unb immer bas Mehl, wenn es stockig geworben ist, unb berfelbe Tabak, bie Witterung, wo es nicht einmal richtig bunkel wirb, unb immer fünf Monate ahne einen Menschenlaut unb die sieben Monate In Nome, das war nichts mehr. m Im neunten Jahr, vier Monate waren draußen um, tarn em Motorboot in die Bucht mit drei norwegischen Leuten. Ich war an dem Tage unten bei ber Hütte unb sah bas Boot kommen. Es waren ruhige Leute, biefe Norweger, sie sahen sich alles an unb gingen ben Creek hinauf, ein kurzes Stück nur; zuerst sagte einer noch einmal etwas, bann waren sie ganz still. Ick, ging Essen machen, Lachs, was sonst, sie tarnen rein unb aßen. Nachher fragten sie nach den Stellen, wo Lachs war. Sie wollten einen Betrieb aufmachen, mit dem Motorboot Lachs fangen und sie in Dosen wegschicken. Sie hatten wohl etwas Geld, das sie anlegen wollten, so oder so. Denen verkaufte ich meinen Claim, ich konnte ja zeigen, daß Gold darin war, und wlr tarnen überein. Ich hatte nie daran gedacht, den Claim so günstig loszuwerden. Wir fuhren mit ihrem Motorboot nach Nome, um den Vertrag und die Umschreibung bei der Behörde in Ordnung zu bringen. Ich blieb in Nome, well erst In fünf Wochen einer von ben Alaska-Stars zu erwarten war, bie nach Seattle unb San Franzisko gehen. Nach brei Wochen waren bie Norweger roteber zurück mit ihrem Boot, unb bie letzten belbcn Wochen, bis bas Schiff enblich kam, wagte ich mich nicht aus bem Zimmer. Ich hängte eine Decke vor das Fenster unb fetzte ben Schrank gegen bie Tür. , Hört jetzt zu, sagte ber Segelmacher, hört genau zu. Ich habe euch btes nicht erzählt, bamit ihr eine Story habt. Einer von ben Norwegern war Ingenieur. Sein Bater hatte ihn auf Schule geschickt, unb ba hatte er etwas gelernt. Er war, so sagt man wohl, Bergingenieur. Er ging ben Creek hinaus unb sah sich um unb erinnerte genau, was ihm seine Lehrer gesagt hatten. Er kaufte mit seinen Makkern ben Claim. Das erste, was B taten, war, bie alte Hütte aus ber Kehr zu räumen. Es war eine Holz- tte, ich hatte sie aus Stämmen gebaut unb verschinbelt unb Moos auf s Dach gebracht. Sie nahmen bas Moos ab. Der Ingenieur wußte, wie Nuggets aussehen. Ich hatte das zuerst nicht gewußt. Er sand Nuggets in ben Wurzeln ber Moosklumpen auf meiner Hütte. Er konnte sich wohl beulen, baß ich nicht weit nach Moos gelaufen war, wo aller Boden über ben Steinen bauen oollftanb. Er hätte das Moos nicht einmal gebraucht, denn er wußte ja von Anbeginn, wo bie Pocket liegen mußte; er hatte (a gelernt, bie Erbe zu lesen. Ich hatte bamats das Moos von ber Stelle genommen, wo ich Ebene brauchte für bie Hütte, unb ba fanb er bie Pocket. Es war nicht viel Arbeit für bie drei, sie auszu waschen. Als sie keine Beutel mehr hatten, nahmen sie Blechdosen für bie Körner. Neun Jahre lang habe ich auf einem Fußboden aus Gold unter goldenem Dach gewohnt, neun Jahre, unb gesuchl. Neun Tage würben genügt haben, um aufzuheben, was ich hatte — wenn bas Glück mit mir gewesen wäre, bachte ich, als mich bann in Nome bie Scham nicht vor bie Tür ließ, nur eine Spur Glück. . Glück ... Es ist fünfunbzwanzig Jahre her. Wenn ich bebente, was ich mit bnm Gelbe unb es mit mir gemacht haben mürbe, wenn biefe Spur von Glück wirklich über mich gekommen wäre. Hätte ich gewußt, was ber Norweger wußte, fo wäre es Glück gewesen, ohne ... ohne Gefahr. Aber wenn man nicht bas Wißen hat, etwas zu finben, so ist man auch nicht klug genug, es zu verwenden. Ich, ich hatte nichts gelernt. Mir geschah recht, es war richtig so. Aber lernen unb vergessen, bagegen ist Dummheit unschulbig. Er ftanb auf: Ich wollte euch nur sagen. Jungen, baß ich mir mein altes Geben nicht benfen kann ohne bie Einsicht, baß Wissen unb — er suchte eine Weile nach bem Wort — unb Lesen können, mit unseren blinben Augen lesen, baß es nichts gibt, worauf es eher ankommt. Das, meine ich, ist Glück. Für mich ... Was macht man sonst, wenn man einfach so lebt ... \ Die leise, nachdenkliche Stimme verstummte. sah nach bem Westen, wo jetzt ein dunkler Hauch von Rot über der See ftanb, verblichene» Grün barüber unb bas schwärzliche Blau der Nacht. Wir alle sahen hinüber. Wie sollten wir diesen Abend vergessen? Ihn nicht und den Brief nicht, Ionni Breckwoldts Bries. Er hatte ihn noch selbst geschrieben. In Adelaide, wo wir ihn lassen mußten, er hatte Unglück gehabt. Als wir von diesem Hafen in See gingen, wußten wir, daß er nicht durchkommen würde, höchstens ... nein, es kam denn auch fp, und in Hamburg bei der Reederei lag drei Monate lang dieser Bries und wartete aus uns. In ihm stand die Erklärung für das Abendrot. Sie ist so einfach. Ich mag sie nicht aufschreiben. Schließlich sind es Jannis Worte/ Es gelang den Bieren nicht, sich zu dieser überraschenden Schicksals- Wendung irgendwie zu äußern. Wie im Traum wies Edgar aus die Tür zum Balkonzimmer, ging voran unb öffnete. ,Wer ist denn das?", fragte ber Beamte im Eintreten. Ebgar suhlte den Boden unter sich wanken. Am Tisch saß ein Mann unb bemühte sich schwankend, ein Glas Likör feinem Munde zuzuführen. der Ermordete —", keuchte Edgar mit erstickter Stimme. „Wie bitte?", fragte der Beamte und entsandte einen mißtrauischen Amtsblick auf die Bier. Aber er wartete vergebens auf eine Antwort. Sie starrten regungslos unb mit hervorquellenden Augen auf bies offensichtliche Wunder einer Auferstehung. . . „Prost!" lallte der Mann ba unb versuchte sich iah rn eine weltmännische Verneigung zu stürzen. „Ich bin — ber Bräutigam von — °°ngn sechs glühheiße Köpse zischte wie ein eisiger Strahl bie Frage: Wer ist Marie? Nur ber Siebente, ber Hausherr Edgar, wußte es, und ihm chwante Fürchterliches. Wie ein reißender Tiger wandte er sich und wollte mit dem Ausschrei: ,Zch hole sie!" aus bem Zimmer stürzen. Aber sie ftanb schon In ber Tür, Marie, bas Stubenmäbchen — ein tranenuber- ftrömtes Monument tiefster Zerknirschung. Jawohl, gestand sic unb gab erhebliche Mengen feuchten Schluchzens von sich, ihr Bräutigam habe sie heute nachmittaa besucht, unb als die Herren früher, als erwartet, heimgekehrt feien, habe sie sich nicht anders zu helfen gewußt, als ihn schleunigst auf den Balkon hinauszuschieben. Dort habe er die ganze Zeit gelebt unb vermutlich bem Inhalt einer mit- hinausgenommenen Flasche gefrönt Vorhin habe sie ihm, bamit er nicht so fröre, einen Mantel hinuntergeworfen, ber leider mit des Schicksals gnädiger Hilfe auf die vier Herren gefallen sei. Da sie sich nun entdeckt gesehen habe und die Herren in so fürchterlichem Zorn die Treppe hinaufgestürmt feien, habe sie sich geängstigt und im Herrenzimmer eingeschlossen. Sie täte es bestimmt nie wieder, unb sie sei ja so unglücklich. „Somit hat also dieser Herr bie Flasche mit ber übelriechenben Flüssigkeit vom Balkon herabgeworfen!" bemerkte ber Beamte nicht ohne Wohlwollen zu ben bisherigen Objekten seiner Amishanblung, bie sich sichtlich bemühten, ihrer grenzenlosen Verblüffung Herr zu werben. „Woraufhin er einschlief, von uns geweckt würbe unb sich zwecks Fortsetzung seiner Völlerei wieder in dies Zimmer zurückbegab", ergänzte Wilhelm unb blickte stolz ob seiner Sombinationsgabe im Kreise umher. „Nun aber noch eins", sagte ber Beamte, unb seine Miene wurde toleber ernst. Was war denn nun in ber Flasche?" „Nitroglyzerin!" meinte Wilhelm. „Nein — mein Likör!" erroiberte Ebgar empört. „Das ist dasselbe!" schloß Eberhard bie Debatte. Und wenn nicht der Beamte zugegen gewesen wäre — wer weiß, ob nicht Edgar nun am Ende der turbulenten Angelegenheit doch noch zu der Körperverletzung geschritten wäre, die ihm bisher so unverschuldet angetaftet worden war. Derantwortlich; Dr. HanS Thhrivt. — Druck und Derlag: Brühlsch» Universitätsdruckerei A.Lange, Dießen.