GietzenerZamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger Jahrgang 1958 - Montag, den 16. Mai Nummer 38 Herz im ÄW Aoman von ^jans-Äaspar von Zabeltitz «lopyrlght by deutsche Serlags-Ansiatt, Stuttgart Schluß. Vor dem Haus nimmt er seinen linken Arm aus der Binde, er will niemand erschrecken. . Als er ins Zimmer tritt, schreit Lexe auf. Zitternd hängt sie an seinem Hals. „Daß du da bist! Daß du wieder da bist! Ich habe mich so gefürchtet." ' Er streicht ihr über das dunkle Haar und lächelt. „Aber wie siehst du aus, Bernd, du hast ja ein ganz anderes Gesicht." „Ja, kleine Lexe", und sein Lächeln bleibt, „die Stoppeln müssen jetzt wohl wieder 'runter." Dann ist er für Augenblicke mit Irene allein. ,3ch habe einen neuen Menschen gefunden, Irene." Sie sieht ihn an, aufmerksam, nachdenklich. „Auch in dir?" fragt sie. „3a — auch in mir." Der Kamps um Deutschland geht weiter. Und dieser Kampf füllt Bernds Leben ganz aus. Er löst sich von den Schillingswerken, er kann kein Amt mehr brauchen. Ein anderer Ruf ist da. Stärker, mächtiger, zwingender. Freiwillige für das Ruhrgebiet, heißt es. Und Bernd ist dabei. Freiwillige für Oberschlesien, heißt es. Und Bernd ist dabei. Verräter wollen den Rhein vom deutschen Mutterlande reißen. Wer hilft sie niederringen? Bernd ist dabei. Sie kennen ihn schon, die Kameraden. Keiner fragt mehr, ob er der Wallnitz vom Sturmbataillon sei. Sie wissen jetzt, wer er ist. Er sammelt die Mutigen um sich. Er spricht zu den Verzagten. Er predigt den Hosfnungslosen: „Glaubt an Deutschland!" Er wirbt um die Herzen der Verführten. Er gewinnt die Abtrünnigen. Das sind seine schwersten Kämpfe und seine liebsten. Er fühlt, wie er stark in ihnen wird, wie die letzten Schlacken von ihm absallen. -Sein Wort läuft um: „Bleibt Soldaten!" Sie halten ihn für kugelfest. Er läßt sie dabei. Franzosen marschieren ins Ruhrrevier ein. Die Menschen zwischen den Fördertürmen erstarren, gefrieren. Keine Hand regt sich für die Arbeit, die die Eindringlinge fordern. Es nützt nichts, daß die Fremden die Knute schwingen. Ein neuer Geist erwacht, alle stehen zusammen in einer Notgemeinschaft. Und die Freiwilligen sind auch wieder da, sie bilden Sprengtrupps, um den Verkehr zu lähmen, den der Feind notdürftig aufrechterhält. Bernd ist unter ihnen. Eines Tages faßt man ihn und wirft chn ins Gefängnis. Sein Rücken ist blutig von den Striemen der Schläge, die er empfing. Aber er fühlt keinen Schmerz. Er sieht die nackten Wände an: Gefängnis, er, Bernd von Wallnitz, der Offizier, im Gefängnis. Es ist keine Schmach, es greift nicht an seine Ehre. Nein. Aber dann springt er auf und rüttelt an der Tür. „Ich muß hinaus, ich darf keine Zeit verlieren. Es ist zuviel zu schaffen. Jede Stunde ist kostbar. -Ich habe eine Aufgabe: ich muß reden, ich muß werben, ich muß trommeln, schreien, ich muß kämpfen." Er weiß es: es fließt ein Bach durch die deutsche» Lande, der Wasser des Wollens und Wasser der Freiheit mit sich führt. Dieser Bach muß zum Fluß werden und der Fluß zum Strom. Jeder Tropfen des Willens muß in ihn geleitet werden, jede sickernde Quelle muh für ihn freigelegt werden. „Ich muß graben, ich muß sammeln!" Und wenige Tage später öffnet sich die Zellentür; man bringt ihn über die Grenze des Besatzungsgebietes und sagt ihm: „Sie sind frei." -Wieder ist er in Berlin. Lexe fleht ihn an: „Bleibe bei uns, bleibe endlich bei uns. Denke an mich, denke an die Kinder." „Ich kann nicht bleiben, Lexe." „Was soll aus uns beiden werden, Bernd?" „Ich weiß es nicht." Er weiß es wirklich nicht. Er geht seinen Weg wie ein Nachtwandler, sicher und unbeirrt. Niemand weist ihm die Stellen, wo Quellen verschüttet liegen, aber er findet sie. Manchmal öffnet er eine Tür, die er noch nie sah, und hinter ihr steht ein Kamerad. Manchmal findet er ein Wort, das er nicht ergrübelte, und es fällt in hundert Herzen. Erst nennen sie ihn einen Freiheitskämpfer, dann einen Aufrührer. Er sitzt nachts in verborgenen Kellern, um sich eine Schar Getreuer. Er sitzt in Lokalen, die er früher nie betreten, und spricht zur Jugend von Deutschland. Er spricht von Knechtschaft und Freiheit, von Zersetzung und Ordnung, von Zerstörung und Aufbau, von Verführern und Führern. Er lehrt sie singen: „Wir marschieren, wir marschieren ..." Notz fragt ihn: „Was soll das alles?" „Die Freiheit, Notz! Ohne Kampf werden wir nie frei. Ich sammle Kämpfer." Er sammelt, und andere sammeln wie er. Der Bach ist längst ein Fluß geworden. Aber oft. färbt Blut feine Wellen. Eines Nachts stürzt einer in den Keller, in dem Bernd mit den Seinen hockt. „Helft!" ruft er. Da stürmen sie auf die Straße. Ein Handgemenge tobt. Hoch überlegen an Zahl find die anderen, die Roten. Aber Bernd fällt sie an, es gilt ja, die Freunde herauszuhauen. „Wallnitz ist da!" schreien sie auf beiden Seiten. „Wallnitz!" Voll Wut die einen. Voll Hoffnung die anderen. Sie wissen, wer er ist, jetzt wissen sie es. Hart ist der Anprall, so hart, daß die Gegner weiche». Sie fliehen um die nächsten Straßenecken, sie verkriechen sich in ihre Schlupfwinkel. Die Straße scheint leer. Da fällt noch ein Schuß. Abgegeben von einem, der sich in einem Torbogen versteckt gehalten und gewartet hat, bis Wallnitz, der Verhaßte, frei dastand, aufrecht, stolz. Bernd fühlt den Schlag vor der Brust. Er tut gar nicht weh. Eine Schramme, denkt er, wieder eine Schramme. Er will einen Schritt vorwärts tun, auf die Kameraden zu. Er sieht in erschrockene starre Gesichter: sie können ja nicht glauben, daß er getroffen ist, er, den sie für unverwundbar hielten. „Was ist denn?" fragt er. Ganz leicht wird ihm. Er muß die Augen schließen. Müde bin ich — wunderbar müde. Er schwankt. Sie stützen ihn. Sein Kopf fällt auf die Brust. Langsam sinkt er in sich zusammen. Noch halten sie ihn aufrecht, und ihm ist, als schwebe er. Ganz leise kommt die Dämmerung über ihn, ganz leise und gütig. Eine unermeßliche Sicherheit füllt seine Seele. Klarheit umgibt ihn: also das war das Ziel. Es wird nicht dunkler um ihn. Es wird hell, leuchtend strahlend hell. Er sieht: den Strom, seine Wasser steigen, sie fluten, sie rauschen, das Bett füllt sich, das breite weite Bett: Deutschland. Er lächelt. Er hört Musik, er hört fingen: „Wir marschieren, wir marschieren, in langen Reihen ..." Die Kameraden sind es. Soldaten. Lauter Soldaten. Und er ist mitten unter ihnen. Irene Czeh geht von Schloß Dreadford den Hangweg hinauf, der zu Günters Grab führt. Das ist ihr Gang fast an jedem Abend. Sie trägt ein Jackenkleid aus dem groben Wollstoff, den die Bauern oben in Schottland in den langen Wintermonaten weben und der so wundervoll warm hält. Sie kann die Wärme gebrauchen, denn oben auf der Höhe windet es immer, und sie liebt es, lange dort ju bleiben. Eine Bank steht neben dem Grab; auf der sitzt Irene gern und sieht über die Koppeln auf das Meer. Die Pferde kennen sie, sie kommen zum Birkenzaun, wenn ihre schlanke Gestall über die Linie des Hügels taucht, sie wissen, daß sie Zucker für sie mitbringt. Irene reicht ihnen die Stücke auf der flachen Hand und freut sich, wie vorsichtig die Tiere sich den Zucker nehmen. Die Pferdemäuler sind warm und seidig weich, und der Hauch der Nüstern schmeichelt auf der Haut. Irene spricht mit den Stuten und den Hengsten. „Wann bekommst du denn dein Fohlen, Glory?" fragt sie, und „Mußtest du denn auf der Jagd so ungeschickt springen, Glencoe, daß du dir wehtatest?" Sie weiß alle Namen. Sie spricht deutsch zu den Tieren, und das gehört mit zu dieser Stunde auf den Küstenfelsen Südenglands, denn so vermißt sie die Mutierlaute nicht so sehr in Schloß und Dorf. Sie weiß: Glory und Glencoe, Harkeway und Jim, Faithfull und Jcy-wind verstehen sie auch so, Wort für Wort. Sie trollen sich davon, wenn sie sagt: „Nun ist's genug, geht", nur daß sie dann in einiger Entfernung doch noch einmal stehenbleiben und sich wie sehnsüchtig umschauen. Es hat schon seinen besonderen Reiz, mit Pferden zu leben und in Pferdeseelen zu blicken. Daß sie das erst jetzt erkannte, schmerzt Irene manchmal, sie hätte es wohl schon wissen müssen, damals, als sie Alexanders Frau war. Sie ist nun ganz in Dreadsord zu Hause. Die Leute hinter dem Hang in den strohgedeckten altertümlichen Hütten lieben die deutsche Gräfin. Erst kam sie nur auf zwei Wochen hierher, dann wurde es ein Monat, dann ein Vierteljahr. „Ich muh nach London", sagte William, „willst du nicht während der Zeit für Dreadsord sorgen?" Und dann mutzte er nach Kapstadt und einmal sogar nach Melbourne, trotz seiner Jahre; sie schätzen seine Erfahrung im Foreign Office. Es war wohl chre Bestimmung, datz sie beieinander bleiben muhten, jetzt, da chr Wünschen ohne Sehnsucht und chr Sehnen ohne Wünsche war. Dreadsord ist die Stätte ihres abendlichen Friedens. Irene Czeh steigt barhaupt den Hügel hinan, sie läßt den Seewind durch chr ergrautes Haar wehen, das ihren Kopf in kurzen welligen Locken fest umschließt. Als sie das erstemal nach Dreadford kam, damals, nachdem Bernd Wallnitz im Strahenkampf gefasten war und sie ihn in Dapper zur ewigen Ruhe beigejetzt hasten, war es noch ganz blond, doch das ist jetzt schon Jahre her. Oft, oft ist die Sonne seitdem drüben als glühende Feuerkugel ins Meer gesunken, aber Irene hat die Tage nie gezählt. Die Zeit läuft chren Weg ab, keiner kann sie aushallen, sie kennt nur ihre eigenen Gesetze und nicht die der Menschen, sie schreitet fort über alle Fragen, die so groß und wichtig erscheinen: über Wirtschaft und Politik, über Krieg und Frieden; über Leben und Tod. Sie kennt nur ein Wort: Weiter! Sie denkt nie an das, was gewesen, und zögert nie vor dem, tvas sein wird. Sie scheint unerbittlich und ist doch gütig, gerade weil sie kein Verharren duldet. So endet jedes Glück und jede Liebe, aber sie setzt auch jeder Enttäuschung und jedem Schmerz ein Ziel. Die untergehende Sonne hat Irene vieles gelehrt. Auch das: den Tod, den sie jo ost sehen muhte, nicht fürchten, und das Leben, das ihr so oft ohne Sinn schien, achten. Auch ihren Stunden hier oben ist immer ein Ziel gesetzt, ein Ziel, das vielleicht lächerlich erscheint und doch ins Räderwerk der Tage gehört: sie muß ins Schloß zurück, um sich umzukleiden. Die Dinnerstunde kommt, und William wartet im feierlichen Frack. Er sieht es gern, wenn sie sich schön macht, ihren Schmuck trügt und eine Blume ansteckt. Sie sitzen dann zu zweit am Tisch, und der Butler geht auf leisen Sohlen durch den Raum. William spricht gern vom Lauf der Welt, gern und klug. Er kennt die Zusammenhänge dessen, was draußen jenseits b'es Kanals und jenseits der Meere vor sich geht; er versucht, in alles Geschehen einzudringen, und er beginnt sogar, Deutschland zu begreifen, das neue Deutschland. Es hat vordem schwere Stunden gegeben für Irene, Stunden, in denen der Wunsch heiß war, von Dreadsord zu fliehen; aber dann blieb sie doch: sie wollte William überzeugen von der Gtöße ihres Vaterlandes. Und nun will sie wieder heim, heim nach Deutschland. Nicht für immer, aber doch für Wochen, vielleicht für Monate. Alexandrine hat ihr geschrieben Sie ruft sie, denn sie erwartet wieder ein Kind, das dritte, das in Ratsamsstein zur Well kommen soll, feit sie Dieter Notz in seine Heimat geholt hat. Er hat nicht viel gefragt, er hat sie einfach mitgenommen, und Lexe ist aufgeblüht unter feinem Lachen. Die Kinderstube in Raifamsstein scheint nicht leer werden zu sollen; sie können gar nicht genug haben, sagen sie, die Lexe und der Dieter. Es soll lärmen und toben im Notzhause. Es soll auf der Ziehharmonika orgeln und auf der Blockflöte blasen, trommeln und singen und krähen aus immer wieder vollen Kinderwagen. Irene wird froh, wenn sie an diese Fülle des Segens denkt. Der Krieg kostete viele Leben, aber der Wille der Natur ist stärker als alles Sterben. Alte Geschlechter versinken, neue Geschlechter erheben sich. In der Gruft zu Waldhausen steht Alexander Ezehs Sarg, aber die schweren Eichenturen sind geschlossen, und Stephan Ezehs Frau denkt nicht an den Tod, wenn sie den Erben in seinem kleinen Wagen an der Tür der Gruft vorüberfährt. Auf dem Friedhof zu Dapper ruht Bernd Wallnitz, aber im alten Hause hinter den Kastanien, jenseits des Gatters, hat Conrads Frau zwei Söhne geboren, und der Aelteste von ihnen heißt wieder Bernd. Das Leben ist stärker als der Tod. • Eine neue Generation wächst heran zu neuen Aufgaben. Die Zeit geht weiter und kennt nur einen Befehl: Vorwärts. Streben, Arbeiten, Sich-Erhalten. Ziele haben und Ziele erreichen. Was sind der Zeit Gräber? Irene blickt auf das Kreuz. Es ist kein Schmerz mehr in ihr. Sie will nun zurück in die Heimat. Sie will wieder deutsche Aecker sehen, wieder die Hand über deutschen Roggen halten und den Wald rauschen hören. Denn der Boden hat seine alte Kraft nun zurückgewonnen, der heilige Boden, der seine Kinder nährt Sie werden wieder säen und wieder ernten im ewigen Wechsel des Lebens, das unser aller ' 'ier ist. Nicht die Gräber rufen Irene Czeh, das Leben ruft sie, das ‘eben. Irene Czeh steht auf. ,Zch komme", sagt sie. Und unten am Strand des Meeres wiehert ein Pferd. — Ende. — neue Savoyardenlnaben. Bon Lina Staab. Durch den stillen hügeligen Garten treiben sich die kleinen Savoyarden, rufend mit dem runden Kindermund. Auf der Treppen steinernes Geländer breiten sie aus Kasten seidene Bänder, Spiegel, Kämme — Tand, verspielt und bunt. Fröstelnd und aus leeren Augen spähend, den verstimmten Leierkasten drehend zu dem Lied, das müde ward und alt, mit der Frucht die Murmeltiere lockend, struppig, krank zu ihren Füßen hockend — allen Heimwehs traurige Gestalt. An die Hüte, rund und aufgebogen, düster in die Snabenftirn gezogen, legen sie zerstreut die braune Hand, und die fremden farbigen Kokarden schweben ob den scheuen Savoyarden — Sterne hell aus ihrer Kindheit Land, und mit steinern zarten Blattgefiedern wächst aus ihrer Sehnsucht armen Liedern märchenmächtig, groß der Heimat Baum. Treu und tröstlich wölbt er seine Zweige, alles Heimweh flieht und geht zur Neige, schmilzt vor eines Himmels blauem Traum. Eugenio von Gavoy. Don Walter von Molo*. I. Als unerwartet warmer Wind über das dichtverschneite bayerisch« Gebirge gekommen war und die Schlittenfahrt mit Musik an einen der vielen zugefrorenen Seen verhindert hatte, beriet der junge Eugen den bayerischen Kurfürsten dahin, eine Saalunterhaltung mit verteilten Rollen' zu veranstalten. Aus den nahen Waldungen mutzten die Hofjäger viele hohe Fichten und Tannen holen, die im großen Konzertsaale lieblich duftend aufgestellt wurden, und die Hofmaler richteten auf der Bühne die Leinwandfassade eines ländlichen Gasthofes auf. Die Kavaliere und deren Damen nahmen im Parkett ihre Plätze ein, und der Kurfürst zeigte sich als Fuhrmann. Er hatte sich in einen blauen Kittel gesteckt, hielt eine gewaltige Peitsche in der Hand und teilte mit, die Wirtin des Leinwandgasthofes gefalle seinem Fahrgaste, dem Bischof von Passau, so gut, daß er sich entschlossen habe, hier zu übernachten. Darüber freute sich die Wirtin, welche die Gattin des kaiserlichen Gesandten war, und tanzte in ihrer Maskierung singend auf der Bühne herum, wobei sie ihre Beine unter dem kurzen Trachtenrock viel und bettächtlich zeigte, was nicht nur dem Kurfürsten zur Ergötzung geriet. In der ersten Bankreihe sah die junge ftanzösische Schauspielerin in ihrer aufreizenden Pariser Toilette, die ihr der König von Frankreich geschenkt hatte, der gerne Damen für diplomatische Missionen gebrauchte. Als türkischer Diener verkleidet tarn mit einem großen Turban auf dem Kopfe der kleine Eugen von Savoyen und sank mit über der Brust gekreuzten Armen vor dem Bischof von Passau aus die Knie nieder und incldete, daß sich die Wirttn glücklich schätze, den großen Zauberer der Christenheit bei sich beherbergen zu dürfen. Aber vorher, fügte Eugen hinzu, ohne daß dies mit dem Kurfürsten abgemacht worden war, möchte er von Seiner Gnaden getauft werden! Ob er, als heidnischer Hundesohn, denn im Christentum Bescheid wisse? versetzte betroffen der Bischof von Passau. Hoffentlich kennten die Christen, antwortete Eugen, ihren Koran, in dem es heiße: Ich bin nicht gekommen, den Frieden zu bringen, sondern das Schwert. So dächte jedenfalls der allerchriftlichste König von Frankreich. Der ftanzösische Gesandte erhob sich und verließ den Saal; ihm eignete schnelle Erfassung unerwarteter Vorkommnisse. In eurem Buche Esra ist geroeisfagt, fuhr der kleine Eugen von Savoyen zu sprechen fort, daß die verdammt werden, die Weiber an- nehmen, die nicht chres Stammes sind. Wir sind gleichen Stammes! flüsterte die anmutige Gattin des kaiserlichen Gesandten dem bayerischen Kurfürsten zu. Sie legte den Arm um ihn, dah er nicht sehen konnte, wie demüttg die französische Liebesbottn unter ihren langen Wimpern zu ihm emporwarb und zog ihn hinter die Leinwandtüre. Sofort eilten Diener mit auf Stangen vorbereitet gehaltenen nnffen Tüchern im Saale herum und verlöschten alle Kerzen. Schal starrte der trübe Winternachmittag durch die Fenster. Der Bischof von Passau hob die Hand. Unter Rollen und Polter» ging ein großer silberner Halbmond über dem füllen Gasthose aus. Eugen setzte sich vorne auf der verdunkelten Bühne nieder und blies in das Ende einer Gießkanne, die hier herumstmch. So emsig und grauenvoll blies der Savoyer auf feiner Meßkanne, daß der Bischof von Passau kopfschüttelnd davonschritt. Di« Kavaliere, im Halbdunkel zu ihren Damen geneigt, kosten herzhaft. Gewaltsam lachend rief di« Französin zu Eugen empor: Himmel, Prinz! Welche Töne beschäftigen Sie, seit Sie das schön« Paris verließen? Mißtöne, Mitztöne, Madame! antwortete Eugen von Savoyen und ließ höflich die Gießkanne in Ruhe. * Aus der Erstschrift des „Eugenio von Savoy". Wir entnehmen diese Skizze dem Buche „Der endlose Zug" von Walter von Molo, Verlag Holle 8- Co., Berlin. So blieb der bayerische Kurfürst von Frankreichs König, der ihn als Verbündeten gegen den Kaiser gewinnen wollte, abgezogen. Vor dem Rathause in Breslau erzählt« ein Mets kutscher seinem Freund, dem Sänftenträger: Als er damals hier war, fuhr in meiner Kalesche jede Nacht einer seiner Offiziere mit einer anheimelnden jungen Dame bis in die Frühe spazieren. u J Das kenn' ich! Dem Offizier ist in meinem Wagen die Uhr rausgefallen. Damit bin ich zum Prinzen Eugen gegangen. Exzellenz Hoheit, Kaiserlicher Herr Generalissimus, hab' ich zu ihm gesagt, mit dem Vornamen heißt er Franz. So hat ihn jedenfalls die Dame genannt. Und da hat er dich rausgeschmissen? Einen Dukaten hat er mir gegeben und gesagt: Bring' Er die Uhr selber dem Herrn ins Quartier. — Der Eugen kennt jeden einzelnen mit Namen in seiner ganzen großen Armee. Wie hat das Weibsbild geheißen? Das darf ich dir nicht anvertrauen. Wenn man das Wort nicht hält, das man ihm gegeben hat, sieht einen sein Blick durch alle Mauern so lange an, bis man tot ist. — Das ist schon einigen widerfahren. III. Es war im spanischen Erbfolgekriege, daß die Armeen des großen Ludwigs mit einem Male in Deutschland kehrtmachten und dem Rheine zu verschwanden. Viele, die bisher an den Sieg der französischen Waffen geglaubt hatten, schüttelten darüber ihr« Köpfe. Unter diesen Verärgerten war auch ein Dorfschulze im Schwäbischen, der wegen seiner maßlosen Eigenwilligkeit berüchtigt war. Er lachte ungläubig, als er hörte, der Eugen habe die Franzosen wieder ordent- lich verklopft. Er ließ sich auch zu keiner anderen Meinung bekehren, kaiserliche Reiter eintrafen und den verschwundenen Franzosen nacheilten. Dragoner saßen ab, und für deren Pferde forderte ihr General Heu und Hafer. Es sei davon nichts da, und er gäbe auch nichts ab, ordnete der Schulze an, es solle sich keiner der Dorfinsassen unterstehen, gegen seinen Befehl zu handeln, den er damit ausdrücklich für jedermann ausaesvro- chen haben wolle. 8 'r Der kaiserliche Herr General fordere ober! Der kaiserliche General solle sich zum Teufel scheren, erwiderte aufgebracht der Dorfschulze. Er habe doch, ließen sich einige zaghaft vernehmen, den Franzosen erlaubt, zu furagieren? Das sei saudummes Geschwätz! schrie daraufhin der Dorfschulz«, die Franzosen hätten nicht gefordert, sondern genommen, da sei er der Gewalt gewichen: aber wenn es nach der Ordnung ginge, gelte allein seine Entschließung! Und er verbiete, dos geringste auszufolgen, da es unter Deutschen nach der Ordnung geht. Als der entrüstete Schulze wieder zu Atem kam, bemerkte er, daß chn seine Untertanen ängstlich, ja bestürzt anblickten und scheu zurück- nnchen, denn es trat der kaiserliche General selbst vor ihn hin. Der nagte, ob er der Herr Schulze dieses Dorfes sei. Das sei er, wurde ihm hochfahrend geantwortet. Da zog der General sehr höflich seinen goldbetreßten Hut ab' und »at demütig, er möchte doch die große Gnade haben, dazu zu verhelfen, >aß seine abgesagten Pferde etwas Kräftiges zu futtern bekämen. Nein, er gäbe nichts her, und der Kaiser habe in seinem Dorf ebensowenig Recht etwas zu fordern, wie der Herzog von Württemberg oder »« schwäbische Kreisverwaltung, denn hier sei er allein der Herr. Er >ekäme nichts, und wenn er vor ihm auf den Knien herumrutschen sollte. Das Seltsame ereignete sich, daß unerwartet der kleine kaiserliche veneral vor dem Dorfschulzen auf seine Knie niedersank und so beweglich :m Heu und Hafer flehte, daß sich alle über die außerordentliche Bedeu- ung ihres Dorfschulzen verwunderten, vor dem sich sogar ein siegreicher österlicher General erniedrigen mußte. Dann aber begannen sie zu grie- en und ihre Mäuler zu verziehen. Es geschah im Schulzen etwas, das " lernanb, auch er selbst nicht, für möglich gehakten hatte. Unerwartet »ar er in seinem Hochmut so gesättigt, daß ihn durch das immer lauter »erdende Gelächter, mit dem bereits Spottrufe auf ihn eindrangen, die »ute erfaßte. Genehmigt! sprach er großartig, ihr bekommt ausnahmsweise Heck md Hafer, weil euer General weih, was sich vor mir gehört. Daraufhin erhob sich der kleine General mit dem verwitterten Gesicht lttd bedankte sich mit tiefer Verbeugung und mit einem Kratzfuß, wie