GiehenerZamilienblAter Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger Jahrgang 1938 __________ Samstag, den 16. April Nummer SV Oster lieb. Von Josef Weinheber. Am Himmel wandert kühl und fern der Hirtenstern. Auf einer goldnen Flöte klingt sein tiefes Lied. Durch blauen Brückenbogen zieht die stille Schar, di« Herden schimmern silberblond in ihrem Seidenhaar. Der Hirte trinkt im dunklen Quell, der Quell versinkt, und heimathell im Süden steigt der Mond. Das Nortener Feuer schöner als das Parenser? Ihr seid wohl nicht klug! Wie eine brennende Scheune, so groß war es, ja, eine richtige Feuersbrunst, hinter der das alte Kloster Marienstein, grau und böse über den heidnischen Unfug, aufgrimmte. Aber eine Feuersbrunst ist doch noch lange kein Osterfeuer, wenn ihr das nicht seht, dann seid ihr eben nicht Fachmann in Osterfeuern, seid womöglich gar keine Hannover inerl Ein kluger alter Pastor in Holstein sagte mir einmal: „Die eigentlichen Menschen, das sind bloß die Völker um die Nordsee herum, bei uns die Hannoveraner und anderen Niedersachsen, — alles ander« ist bloß eine billige Imitation des Lieben Gottes!" Allerhand für einen alten Pastoren, nicht wahr? Aber was ein Oster- feircr ist, könnt ihr anderen wirklich nicht beurteilen, so weit mutz doch jsder denkende Mensch dem geistlichen Herr« recht geben. Osterfeuer in Parensen. Von Borries Freiherrn von Münchhausen. Sagt, was ihr wollt, aber unser Parenser Feuer war doch das aller- schänstel Ihr denkt wohl, weil ich selber Parenser bin, und als hiesiger Dynast" mir einen deftigen alten Steinhäger dabei geleistet habe, — Gott bewahre! Ich sage es ohne alle Heimatverliebtheit: Unser Parenser Osterfeuer war das schönste im ganzen Leinetale, ja! Ostern ist hierzulande noch eine Sache, wirklich, ist ein Fest wie vor tausend Jahren, als es noch das Ende des Kienspans in der dick vom Torf durchqualmten Diele bedeutete, das Ende der winterlich festverschlossenen und moosverstopften Fensterläden, das Ende von so viel Külte und Dunkelheit, Not und Nordwind. — Früh fängt es natürlich mit dem Kirchgang an. Unser Kirchlein ist freilich nur ein klimperkleines Dingelchen, aber wie es im Liede heißt: Das Morgenglöckchen schepperte fast wie Spott, Dock auch im Klang der kleinen Glocke ist Gott! Und in den kleinsten Kirchen wohnt er gewiß am liebsten. Und das Harmonium klingt ein wenig dünn und gläsern, und die Stimmen singen in der durchsichtigen Mundart der Heimat „Aufer- !-landen, aufers-tanden", und der grauhaarige Herr Pastor legt seiner leinen Schar eindringlich und eindrücklich das Evangelium auseinander. E» ist alles sehr lucherisch und voll heimlicher Hattung wie alles in Niedersachsen. Und ein wenig rührend ist es auch, von den mächtigen Aäpfen der Konfirmandinnen vorn bis zu dem schneeweißhaarigen Schäfer auf der letzten Bank hinten. Das Rührendste aber an unserer Kirche ist ein Doppelgrab draußen auf dem verwahrlosten und verwilderten Kirchhofe. Zwei gußeiserne Kreuze stehen dort, die sicher den Ertrag einer halben Ernte gekostet haben, und was darauf steht, das ist kein vom Pastor ausgesuchter Bibel- wruch und auch kein Satz aus dem Katalog einer Grabdenkmal-Firma. Einer armen, alten Witwe war chr einziger Sohn gestorben, und was dar bedeutet, können wohl bloß die Mütter eines brennend und abgöttisch geliebten einzigen Kindes ermessen. So starb sie dem Sohne hastig und verzweifelt nach ... Auf den beiden Kreuzen aber reckt sich je eine Hand zur anderen auf dem anderen Kreuze hinüber, und unter der einen steht: „Mutter, wo wir bleiben, da bleiben wir beide!" Und unter der anderen Hand: „Und reichen uns dort die Händel" Ist das nicht wunderschön in seiner ganz leise plattdeutsch gefärbten Innigkeit? Das Mittagessen, hurra, das Mittagessen! Es gab wie alljährlich ein Osterlamm, es schmolz auf der Zunge und war vom Zarten das Zarteste, vom Delikaten das Delikateste. Ich habe den Verdacht, es war bloß mit Sahne grohgezogen und fett gemästet, unmöglich hätte es von was anderem jo köstlich schmecken können. Und doch war etwas am Tische, das noch köstlicher war, das war der Kranz von sechs Kindern, fünf Jungen und einem Mädchen, alle weizenblond, alle die Backen wie Milch und Blut, alle mit glänzenden blauen Augen wie die glücklichen Eitern neben mir. Im Meßbuch der katholischen Kirche steht irgendwo die schöne Weissagung: Filii tui erunt sicut novellae olivarum in circuitu mensae tuae, — deine Söhne sollen sein wie die Zweiglein des Oelbaums rings am Rund deines Tisches. Meinem lieben Pächter ist das Wort aufs lieblichste in Erfüllung gegangen, wenn ihm auch die blanken Ruten der Eschen an der Seine drüben passender als Bild scheinen werden als das graustaubige Holzwerk vom Jordan. — * Und dann das Eiersuchen im Parke! Wißt ihr, wie es aus einem zehnjährigen Jungen herausschreit, wenn er das erste silberumwickelte Schokoladene! in der Astgabel der Eibe entdeckt? Keine Ahnung habt ihr, wenn ihr nicht daneben gestanden habt und dabei vom Schrecken halb gelähmt zusammengefahren seid! Ich dachte, er wolle es bis Bovenden hm Mitteilen, i wo, bis Weende schrillte es durch die kühle Sonne des Vorfrühlingstages! Und nun das Durcheinandergerenne vom Herren- Hause bis zum Teichel Aber Waltraud ist natürlich die fixeste, die blon- den Locken zittern ihr vor Eifer ums Köpfchen, und selbst wenn sie sich lekundenlang über den großen Sammelkorb neben der Kastanie bückh, 1° trippeln ihre Füße, als wollten sie auch im Stehen ja keinen Schritt versäumen. Ach, und die Ente! Das muß ich noch erzählen: Am erstauntesten war nämlich eine weiße Ente, die vom Gutshofe her durch eine ihr wohlbekannte Zaunlücke hereingekommen war. Sie fand ein Silberei im welken Gras, sie stutzte, sie guckte mit schiefem Kopfe nach oben, wie eine alte Dame, die nicht weiß, ob sie eine Neckerei Übelnehmen soll. Und dann ging sie kopfschüttelnd weg und sagte sehr ungehalten: „Na, na, na!" Ja, das war das Ostereisuchen, und das war die Ente! — Das Feuer vom Hardenberge wäre auch ganz schön gewesen dann am Abend? Laßt mich mit dem Hardenberger Feuer in Ruhe! Wie ein Dolch, so stand es spitz und dürftig neben der mächtigen Ruine meiner Gutsnachbarn, viel zu klein vor dem mächtigen Bergzuge. Ihr habt eben unser Parenser Feuer nicht gesehen, jeder kann ja schließlich auch nicht von Parensen [ein, — leid tut ihr mir. Leid! — Damit die Zeit bis zum Abendessen ein bißchen schneller vergeht, trinken wir Kaffee. In sechs weitbauchige Tassen und in sechs riesige Näpfe voll köstlicher frischmolkener Milch tauchen gleichzeitig zwölf Stücke des herrlichen Schmand- kuchens, von dem die Eingeborenen rühmen, daß er weder in Moringen, geschweige denn in Göttingen (dem hochnäsigen Weisheitsnestel) nachzumachen wäre. Im Altenburgischen preisen sie ihren Quarkkuchen, — na, Quart ist ja auch auf der Welt, und wer Kuchen daraus machen will, dem sei es unoerwehrt. Aber Schmand, das ist Sahne, schiere, bitte Sahne, — da urteilt selber! Zum Abendbrot wird der erste Schinken angeschnitten,, ihr wißt, der vom Novemberschwein. Man sagt Hierlands, er müßte erft den Kuckuck rufen hören. Nun, dies Jahr hatte der Kuckuck eben nicht den richtigen niedersächsischen Kalender im Kopse gehabt, denn drüben im Solling wie drüben im Eichsfelde — keine Spur von Kuckuck! Aber es war Ostertag, und also der Tag des Schinkenanschnitts im Hannoverlande, wir wußten es besser als der Kuckuck, und wir behielten recht. Zart und milde war der Schinken mit einem feinen Ruch nach Birkenfeuerrauch. Und eine leise Wehmut der Erinnerung an das, allen Anwesenden noch so lebhaft vor Augen stehende Schwein verwehte schnell, — wo sechs Kinder am Tisch« sitzen, hat immer der Schinken recht und nicht das Schwein. Nun aber hinaus auf den Festplatz zum Holzstoß! Wie ein großes Zimmer so hoch und breit ist er aufgetürmt, denn die Dorfjungens wissen, was sich gehört und was sie dem Rufe von Parensen schuldig sind. Unten ist alles mit Stroh ausgestopft, und innen ist vorsorglich eine Art Kamin offen gelassen. Das Gerüst muß nach uralter Ueberlieferung eigentlich ein Rost auf neun Pfählen, und die Buchen dazu müssen —ja, wie sag ich's meinem Oberförster —, die Buchen müssen g^estohlen fein, so verlangt es das heilige Herkommen. Laßt uns die Sitten der Vorfahren hochhalten, auch wo sie uns schmerzen! Von außen lehnen dürre Stämme und wirres Astwert gegen den Haufen, und hoch über allem schaukelt im Märzwinde aus Lumpen und Sackleinen der böse Wintergott, der heute verbrannt wird. Und da lodern auch schon die Flammen vorm dunklen Walde auf, jauchzen hinauf in den funkelnden Sternenhimmel, jubeln über das weite Seinetal hinüber zu den Feuern von Reyershausen und Eddigehausen, oa« Lütgenrode und Hevesen. 3n dieser Stunde wird mit einem Mal fte Wnze alle ^(mnoocrfant) lobenvlg, In dieser Munde brennen die Feuer ja auch am Süntel und am Harze, in den Weserbergen, vorm Ith und am Hils. Und im Frühlingssturme brausen droben die alten Götter über ihre alte Heimat, Tor und Freya und der wilde Wode. Unser Parenser Feuer aber ist wirklich das schönste meilenweit, — wir Parenser wissen es, und das ist die Hauptsache, denn wir stehen durchaus im Mittelpunkte der Welt und unserer eigenen Begeisterung. Höchstens drüben an der Ruine Pleß, wo die Göttinger Studenten ihren Holzstoß haben, verstehen sie es ebensogut. Aber dafür haben wir schönere Fackeln. Die Fackeln, das sind zweimannslange Stangen, die an der einen Seite mehrfach eingespalten werden. Hattet ihr zur Goelheseier euern Eckermann oorgenommen, statt über „Goethe und die Feuerbestattung", „Goethe und Illinois", „Goeche und die Schmalzsabrikation" Vorträge zu hören, so würde ich schreiben können, daß die Fackelstangen geschlachten wären. Denn so benannte und erklärte der Lüneburger Heidesohn dem greisen Dichter die Herstellung eines gerechten Flitzbogens, mit dem die beiden dann im Garten hinterm Frauenplane Pfeile schossen wie zwei glückselige Jungens. Also, eingesplittert sind die Stangen und mit Teer und Oel schön sastig getränkt. Man zündet sie am großen Feuer an und schwingt sie dann in weiten Kreisen um sich herum. Ein wunderhübscher Anblick ist das, rings im Lande um die mächtigen Feuer, die waagerecht kreisenden, glühenden Funken vor den Bergen. Ein echt niedersächsisches Vergnügen ist es! Denn wegen der Länge der Stangen braucht jeder sehr viel Platz, jeder steht sehr allein, plaudern kann man gar nicht dabei, die Sache erfordert ziemlich viel Kraft, und jeder hat durchaus sein Genüge an sich selber und feinem eigenen Feuerwerk. Weithin die Hude hinab und die Halb hinauf bis zum Walde springen die Jungens und die Mädchen. Und wenn die Fackeln erlöschen, so finden sich auch wohl ihrer zweie hier und dort zu einem nächtlichen Osterspaziergange, der gewiß nicht weniger kurzweilig ist als jener berühmte nachmittägliche, von dem geschrieben steht: Sie wurden rot, sie wurden warm Und ruhten atmend Arm in Arm, Juchhe! Juchhe! Und Hllft an Ellenbogen ... Und die großen Feuer im Hannoverlande verglühen. Ein letztes Zucken und Widerscheinen in den Wellen der Harste, ein letzter Jubelruf, als die letzte Fackel weiten Schwunges hoch in den Nachthimmel stiebt, ein letztes Mädchenlachen aus den Buchen der Lieth. Dann ist der Oster- tag vorbei, die alten Götter wehen leise hinüber, zurück in die einsamsten Täler des Sollings, in denen sie das Jahr bis zum nächsten Opfertage verträumen. Und nun sind alle Osterfeuer tot. Aber so schön wie unser Parenser Osterfeuer war kein anderes, nein, Nicht ein einziges, dabei bin ich, und dabei bleibe ich, und wenn ihr mir die Feuer von ganz Hannover aufzählt. Es war ja unser Osterfeuer! Oestliche Ostern. Von Friedrich Reck-Malleczewen. Sie werden das alles, in einem milderen Klima, schwer begreifen. Die Weichsel aber ist nun einmal ein tiefer, Völker- und auch klima- scheidender Strom, und wer, aus dem winterlichen Ostpreußen kommend, sie passierte, um „ins Reich" zu fahren, der erzählte, heimgekehrt, von Veilchen, die er „vorgestern im Tiergarten" habe blühen sehen, während in Masuren bei 20 Grad Frost alte Herren mit roten Pontac-Nasen ihren Burgunder aus Gläsern tranken, die wie gestielte Goldfischbassins aussahen und einen entsprechenden Inhalt faßten. Ich blätterte in alten Tagebüchern: ich habe am 9. März 1907 in Masuren 42 Grad Frost gemessen und bin im gleichen Jahre am 8. April im schweren Schlitten über den See gefahren. Kam aber erst einmal das große Tauen, so kam es auch gleich mit 500 PS, und dann war bei dem tiefen, tiefen Bodenfrost und den grundlosen Wegen solch ein Gut, das sieben Kilometer von der russischen Grenze entfernt lag, von der Welt abgeschnitten, und die Ofter- gäfte, die da tarnen, hatten abenteuerliche Reisen hinter sich und blieben dementsprechend der Sicherheit halber gleich bis Pfingsten da. Ostern dort oben? Der giftig-schwüle Föhn, der heute im Chiemgau den letzten Schnee schmelzt, der war das nicht ... Es war eine keusche, würzige Frische, die nach Tauwasser und junger Sonne roch, weit trug von den Hügeln der Blick über die sarmatische Ebene, tief und schwer bis zu uns herüber klangen von jenseits der Grenze die Glocken der russischen Garnisonkirche. Die Bäche traten aus, die Fohlenkoppel war ein See, wir selbst waren tagsüber unsichtbar und durchpilgerten den Ostermorgen mit dem Hechtspeer und zapften für den Ostertrunk eine der gigantischen schwarz- silbernen Birken an. Wir waren ja wohl auch, wieder einmal, auf Quarta hängengeblieben, und Tante Slngeligue behauptete, wir würden noch im Zuchthaus enden. Wir fanden Tante Angeliques Sprache unfein und ließen unteren Aerger über sie aus an dem Predigtamtskandidaten Wiebe, der zur Aufbesserung unserer lateinischen Kenntnisse engagiert worden war: wir sattelten unsere Ponnys und kamen die steile Treppe hoch in das über der Brennerei gelegene Elevenzimmer geritten, wo wir die Nachhilfestunden „genießen" sollten. Hatte sich was mit Genuß! Wir stampften mit schwerem Hufschlag ins Zimmer und mitten hinein in den Humanismus, der Kandidat Wiebe faßte es als Kundgebung einer verborgenen Mißachtung auf, fand auch, daß die Szene sich nicht mit dem „Ernst des Lebens" vereinbaren ließe und beschwerte sich, die Tante aber verprügelte uns mit ihrem Sonnenschirm. Als er sich während dieser von der Schirmindustrie keineswegs vorgesehenen Verwendung öffnete und wir die Tante auf dieses Faktum aufmerksam machten und auch in Erinnerung brachten, daß man „mit jo was* doch nM prügele, wnrtte fTe ros, gcrtt uns ?echk und steMe Re Zeremonie ein. Abends gab es Hecht, der mit viel Speck gespickt und in Rahm gebraten war, und es war ein Gast da, der, frisch aus Kanada gekommen, furchtbar bestaunt wurde, und Onkel Roger, der einst auf der weltenfernen Insel ein Gut gehabt hatte und nicht über die Peripherie feiner kimmerischen Insel hinausdenken konnte — Onkel Roger also sandte folgende Sentenz in die Lüfte: „Als junger Mensch, da wollte ich ja auch mal nach Amerika. Aber man hat mir denn ja auch gejagt, daß man da nicht mit eigenen Pferden hinfahren könnte, und daß der Kaiser von Amerika den baltischen Adel nicht so recht leiden kann. Und da bin ich denn zu Hause geblieben." Jawohl, so war Onkel Roger. Und so mar Ostern in Masuren. Es ist schon ziemlich lange her. Vielleicht ist's heute anders! ♦ Am Ostersonntag war Wasja gestorben. Wir wissen bis heute nicht, wer er gewesen ist. Wasja war vor vielen Jahren — lange vor meiner Geburt — über die Grenze gekommen, wir hatten ihn für einen russischen Deserteur gehalten, wenn seine Manieren nicht die eines Kavaliers gewesen wären, Tante Angslique hat mir kurz vor ihrem Tode (unb fi« hat fast das hundertste Jahr erreicht) erzählt, daß irgendein Gast in Wasja, der gerade (was fehr, sehr selten geschah) auf den Hof gekommen war; einen früheren Petersburger Garde-Obersten erkannt haben wollte. Ich weih nicht, ob es richtig ist, ich weih bis heute nicht, wer er war. Er trug einen langen, silbernen Bart und trug sich ärmlich, aber unendlich sauber, er bekam von Tante Angölique die Imkerei, die freilich nur eine tief im Walde gelegene Bretterbude bei den in ein paar Fichtenstämmen residierenden Bienenstöcken war, zugewiesen; ich habe ihn dort bis in meine Jünglingsjahre besucht. Dem Kinde erzählte er Tiermärchen von dem russischen Bauern und dem Bären, der in seiner Sprache der „Honig» wisser" hieß, er erzählte von dem Riesen Gangut, und wie der Bauer vor seinen Wagen, um das Pferdchen zu schonen, Schwan, Krebs und Fisch spannte und wie infolgedessen das Fuhrwerk nicht so recht vom Fleck kam. Diese alten russischen Märchen hörte ich von ihm, und Wasjas Augen strahlten dabei, wie Augen nur nach einem gut verbrachten und gut zu Ende gehenden Leben strahlen können. Später wurden die Gespräche ernster, später, als ich heranwuchs. Ein Nachbar war gestorben; da Wasja so gut wie nie seinen Wald verlieh, hörte er es erst fünf Monate später aus meinem Munde. „Er ist einen schweren Tod gestorben, er hat sehr leiden müssen; nun, so hat er auf Erden abgezahlt, und Gott ist ihm gnädig gewesen." Da es mir nicht einging, was der arme Mann denn gar fo viel sollte gesündigt haben, stellte ich Wasja zur Rede und erhielt seltsame Antwort. „Lebe du einen einzigen Tag, Söhnchen. Wieviel hast du, ehe es Abend wird, beleidigt, wieviel mal Gott gekränkt, wie oft die Hand ausgestreckt nach fremden Dingen, wie oft deine Zunge nicht gehütet! Denk nach, Söhnchen, denk nach. Aber fürchte du dich, Bruder, deswegen nicht ... leb du nur jo gut du kannst. Tief fallen muh, wer sehn will, wie hoch Gott thront." Das mar Wasja. An einem Dfterfamstag, ein paar Jahre vor dem Krieg, schickte er einen gerade aus dem Wald gekommenen Jungen al» Boten, daß er sterben wolle, und man möge ihm einen Pfarrer schicken, gleichgültig, welchen Bekenntnisses. Tante Angelique schickte den Gutsgeistlichen (den sie, nebenbei gesagt, wegen seiner ewigen Bitten um Gehaltserhöhung ihren „Bettelmönch" zu nennen beliebte), der geistliche Herr mar nicht gleich zur Stelle und konnte in den Abendstunden erst die Jmkerhütte erreichen und sand Wasja tot. In feinem Feiertagsanzug auf feinem Bett ausgestreckt in der blitzsauber gekehrten Hütte, mit einer Sterbekerze in der Hand. Silberbärtig und so schön, wie der Mensch ist, wenn hinter ihm ein wohlverwaltet Leben liegt, ja, genau so. Wir wissen nicht, wer er mar. Wir glauben nicht, daß hinter ihm irgendeine romantische Geschichte mit irgendeiner großen Schuld steckt — ach nein, daran denkt niemand von uns, roenn er heute noch von dem alten Manne spricht nach so viel Jahren ... Wir glaubten, daß er einmal ein reicher, vornehmer Mann gemesen ist, dem das Leben plötzlich leer und schal vorkam, und der von allem bisherigen fortging, um über sich selbst nachzudenken. Wer da einmenbet, daß man ein Leben tätiger und beifpielsmeife durch eine Generalagentur für Suppenwürfel vertreiben kann, mag, objektiv gesehn, recht Haden, gehört aber einer anderen Welt an, mit der nicht viel anzufangen ist. Gut ist der Acker, der emsig Weizen trägt, siehe, gut ist aber auch das Moor und der Sumpfmald, wo die Natur ruhen will. Ja, das alles fiel mir ein, bei dem alten Onkel Wasja, der irgendwo in einem masurischen Wald unter einem Holzkreuz schläft, nachdem er abberufen wurde an einem stillen feierlichen Ostersonntag. Ich weiß, wie gesagt, nicht, wer er gewesen ist, unb niemand wirb bas Geheimnis seines schon sagenhaften Lebens enträtfeln. Ader ich benke nun oft, baß es gut wäre, fo zu scheiben. Unb bah ber Tob zu ihm kam als Lohn für ein weife verwaltetes gütiges Leben. Föhn ging bie ganze Nacht, kam aus ber Gebiraslücke des Jnniales, blies über den See, blies mir ben Schlaf fort. Schwül ist's heute unb süß unb schwer bie Stift, unb ber Gärtner bringt ben ersten Krokus, unb am Hause verschwinben alle bie aeaen bie Schneeverwehungen errichteten winterlichen Schutzbauten, unb bie Belagerung, bie jeber einsame Hof im Chiemgau alljährlich zu bestehn hat, ist gesprengt. Sie ist gesprengt, ber Poltganq ist keine Norbvolarerpebition mehr, Berliner Verleger brauchen sich nicht mehr über Verzögerunaen in ber Korresponbenz zu beklagen, bie Weae tragen schon ben Waaen, bie ersten Autos, beladen mit ben im Winter rar gewordenen Münchner Freunden, bie werben nun wohl auch balb über ben Höhenzug gerollt kommen. Im Dorf hat’s. was nach meinen Chiemgau-Erfadrunaen auf beftänbiges, warmes Frühlingswetter hinbeutet, bie erste große Rauferei gegeben. Es geht, wieber einmal alles ben orbentlichen Gang. Die Heimat ist vor vielen, vielen fahren versunken — Ostern dort ist nicht Ostern hier, es ist hier ein fröhlicheres unbeschwerteres Ostern — es ist gut so, wie cs ist. Es ist neue Helmak, aber es ist geliebte Heimat, um nichts gäbe ich sie her. Es ist keine Tante Angälique mehr da und kein burgundersroher Onkel Roger — aus den weiten Flächen und Höhen- zugen, die ein unermeßlich eigenes Jugendreich begrenzten, sind sechzig Morgen geworden, Onkel Roger hätte es „den Erdinhalt einer Ziqarren- schachtel" genannt. Aber was wußte der von diesen stillen Winkeln und diesem unirdischen Blick auf meine Berge, die als Wächter über den Hängen stehn. Es ist gut, wie es ist — ich will die Erinnerungen nicht als Last tragen. Krauen am Grabe. Von Ruth Schaumann. Sie sahn ihn nicht erstehen Und wissen doch: er lebt. Des Siegels Bänder wehen. Sie aber gehn auf Zehen, Von Weidenzweigen überschwebt. Sie sahn die Linnenbanden, Und ein gefiedert Licht Sang hell: Er ist erstandenl Eilt hin: O Welt, wir fanden Sein Leben in den Gräbern nicht. Sie sahn sich an und schwiegen Einander in der Kniee Paar, Aus junger Halme Wiegen Zwei frühe Lerchen stiegen, Der großen Sonne Siegen Inmitten ihrer Flügel war. Oie Geburt des Dramas aus der Osterliturgie. Von Dr. Paul Junghans. Das deutsche Drama ist aus den geistlichen Spielen der mittelalterlichen Kirche hervorgegangen, uni> gerade im Osterfest mit der feierlichen Verkündigung und sinnbildlichen Darstellung der Auferstehungsgeschichte liegt sein eigentlichster Ursprungsort. Diese Herkunft erklärt sich aus der rmbestrittenen Vormachtstellung der Kirche, die der geistliche und geistige Mittelpunkt des gesamten volklichen Lebens bildete, von dem alle gestaltenden erzieherischen und künstlerischen Kräfte ihren Ausgang genommen haben. So formten sich auch Dichtung und Darstellung aus der kirchlichen Liturgie, di« sich in der Verkündung des Wortes nicht erschöpfte, sondern bei festlichen Feiern die Heilige Geschichte des ganzen Volke sinnfällig vor Augen führen wollte. Zunächst hatte die Osterfeier in der Kirche einen epischen Charakter entsprechend dem Evangelium, wenn auch bald Priester und Chor in siettgem Wechselgesang Teile des biblischen Textes mit Verbindunzs- ftrophen liturgisch zusammenfügten. Erst allmählich wurde die Textgestaltung und Gliederung dramatischer; es bildeten sich aus dem Text des Markus-Evangeliums dialogische Gesänge der Gruppen der drei Marien, i>ie zur Grabesstätte kommen und den Engeln, die hier Wache halten. Roch waren kein mimisches Spiel und keine Szenerie vorhanden, noch trugen die mitwirkenden Priester ihr Ornat. Aber bald gestaltete sich dieser Wechselgesang zur religiösen Spielhandlung, und bei der Frühmesse des Ostersonntags nach dem dritten Responsorium zog der Chor in seierlicher Prozession zu einer bestimmten Stelle neben dem Altar, die durch das am Karfreitag aufgestellte, in ein Tuch gehüllte Kreuz als Christ Grab bezeichnet war. Dort teilte sich der Chor, die eine Gruppe sang die Worte der Marien, die andere die Worte der Engel im lateinischen Text, wie er uns in einer St. ©alter Handschrift des Mönches Eutilo aus dem 10. Jahrhundert überliefert ist. Er lautete in der lieber« setzung: „Wen suchet Ihr im Grabe, Ihr Christinnen?" — „Jesus von Razareth, den Gekreuzigten, Ihr Himmlischen." — „Er ist nicht hier; er ist auferstanden, wie er gesagt hat. Gehet hin, verkündet es, daß er «us dem Grabe auferstanden." Aus dieser Szene, die im Mittelpunkt der liturgischen Osterfeiern lag, entstanden die lateinisch-deutschen Osterspiele. Zunächst traten aus ten Chören einzelne Personen hervor, die in kurzen Messegewändern und mit Palmenzweigen in den Händen die Engel darstellten, die sich am Grabe niedersetzten. Zu ihnen tarnen drei andere Kleriker in weiten wallenden Gewändern als Marien langsam herangeschritten, nach dem Verdorbenen ausspähend. Die Engel richteten die Frage an sie, wen sie lichten, die Marien antworteten, und bei dem „Er ist erstanden!" der Engel stimmte der ganze Chor den Hymnus an. Zu dieser ersten Szene les Osterdramas traten nun immer neue Hymnen und Sequenzen hinzu. 8ald wurden alle Gesänge des Ostergottesdienstes mit dem Spiel verkünden. Immer sichtbarer wurden di« einzelnen Handlungen gemacht. Die Frauen traten heran, das leere Grab zu sehen. Die Decke wurde emporgehoben, und die im Grabe befindlichen Linnen sowie das Schweiß- tich wurden der Gemeinde beim Absingen der entsprechenden Bibelstellen jejeigt. Die nächste Stufe der Entwicklung brachte die Loslösung der einzelnen Person von der Gruppe. So traten in einer lateinischen Öfter« feier aus Trier zum erstenmal die drei Marien als Einzelcharakter« hervor und beantworteten jede für sich die Frage: „Sag an, Maria, was bu unterwegs gesehen". Zu der Grabesszene kam in einer Augsburger ?eier der Wettlauf des Johannes und Petrus zum Grabe nach dem Text des Johannes-Evangeliums hinzu, der von zwei Klerikern aus- geführt wurde. Aber erst durch die Einführung Christi, der der Maria Magdalena erscheink, wurde die kirchliche Osterfeier 3um wirklichen Drama', dessen reich ausgebildete Gliederung die einfachen liturgischen Formen bereits sprengte, wie in einem Nürnberger Spiel des 13. Jahrhunderts !chon deutlich zum Ausdruck kommt. Und noch eine andere Kraft ist dort spürbar, die die Kirche nicht zu bannen vermag: In die lateinischen Hymnen tönt mächttg ein deutscher Gesang hinein, das gewaltige Oster- lied: „Christ ist erstanden!" 8 81 Schon früher waren durch die Teilnahme von Laien Stücke deutscher Sprache in die lateinischen Texte eingedrungen, und mit der Sinn- sälligkeit der Handlung und ihrer realistischeren Bereicherung kam ein volkstümliches Element hinzu, das seinen natürlichen Ausdruck in deutscher Sprache suchte. Dor allem waren es die „fahrenden Kleriker", die Vaganten, die sich an den Spielen beteiligten und sie schließlich allein aussührten, die die weltlichen Züge der kirchlichen Osterfeier noch ver» stärkten. So fügten sie dem Wettlauf der Apostel zum Grabe den Auftritt des ungläubigen Thomas an, dem Christus erscheint. Dieser Thomas wurde zu einer populären Figur, ebenso wie der neueingeführte Salbenkrämer, der den Marien aus dem Weg zum Grabe seine Waren an» bietet. Als Wunderdoktor und Quacksalber spielt er mit seinem lustigen Schalksknecht Rubin und seinem Unterknecht Puster- oder Kasterbalk eine burleske Jahrmarktsposse auf. Aber auch die feierlich-ernsten Szenen der Osterhandlung werden ausgestaltet. Die Auferstehung Christi wird dar- gestellt, Christus selbst steigt aus dem Grabe empor, die Siegesfahne in der Hand, und singt selbst das „3d) bin auferstanden". Und neben ihm erscheinen als ausgeprägte Charaktere Pilatus, die Wächter und die Hohepriester Kaiphas und Hannas, die an der Spitze der Juden unter Äbsingung hebräischer und lateinischer Text« zur Beratung ziehen. Der Auferstehung Christi folgt die Darstellung seiner Höllenfahrt zur Befreiung der gefangenen Seelen und sein Kampf mit den Teufeln, mit Luzifer und Satanas. Burleske Teufelsspiele werden in das Osterspiel eingefügt, in denen die Teufel versuchen, die durch Christus geleerte Hölle wieder nach Kräften zu füllen. Damit weitet sich das Osterspiel im 15. Jahrhundert zum Weltdrama aus, das durch Himmel und Hölle, und von der Erde bis zum Paradiese führt. Hier ist schon erfüllt, was in Goethes „Faust" im Vorspiel auf dem Theater gefordert wird: „So schreitet in dem engen Bretterhaus Den ganzen Kreis der Schöpfung aus Und wandelt, mit bedächt'ger Schnelle, Vom Himmel durch die Welt zur Hölle!" Längst war das Osterspiel aus der Kirch« verwiesen worden und aus dem Gotteshaus ins Freie übergesiedelt. Die lateinischen Gesänge und Sprüche, die noch geblieben waren, wurden frei in deutsche Reimpaare übersetzt, und ein naiv-schalkhafter Geist umspiele die Sätze der Vulgata. Die Bühne war nun auf einem Gerüst inmitten des Marktplatzes; die Schauplätze lagen neben- und übereinander, von allen Seiten konnte das andrängende Volk das Spiel sehen. Sck)on war man bestrebt, einen gewissen Prunk in der Ausstattung zu entfalten; man stellte schwebende Engel dar und auf erhöhten Gerüsten, von denen Versenkungen in die Tiefe hinabführten, und der Höllenrachen öffnete sich den verdammten Seelen mit all feinen Schrecken. Da der Platz groß war, konnte der Text nicht moduliert werden, aber Mimik und ©estik unterstützten die Darstellung, und die feierliche Handlung erhielt gerade durch die statuarische Gehaltenheit etwas sehr Einprägsames. Auch an den Geldbeutel des Zuschauers wurde nun im Spiel am rechten Platz, im Innsbrucker Osterspiel zum Beispiel durch Johannes, zugunsten der Spieler appelliert. „Sie haben nichts zu essen, ihnen sollt ihr bringen Braten, Schinken und auch Fladen: Wer ihnen gibt seinen Braten, die will Gott heute und immer gut beraten; wer ihnen gibt seinen Fladen, den will Gott in das Himmelreich laden." So hat sich aus der Urform der kirchlichen Liturgie am Osterfest das große Welttheater entwickelt, und damit ist zugleich das Heraustreten des sich mit neuen Kräften ausbreitenden Volkstums aus dem engeren kirchlichen Raum gekennzeichnet. Auch in Sprache und Spiel findet es einen eigenen Ausdruck und eine eigene Form. Ueberragenb in Frömmigkeit und Weltlichkeit, in urwüchsiger Kraft und theattalifcher Buntheit aber bleibt das aus einzigartigem Gemeinschaftsgeist erwachsene österliche Spiel uns erhalten als erstes Drama aus deutschem Volksgeist. Ewigkeit im Frühling. Von Hedwig For st reute r. Ruhige Felderbreiten, darüber das Grün hinweht. In den sonnigen Lüsten jubelnd die Lerche steht. Runde Sumpfdotterblume spiegelt ihr Angesicht Im gekräuselten Bache; sieghaft flutet das Licht, Licht, von Schwalben durchschossen und von Staren durchschwtirmh. Süß von Drosseln durchsungen, hell von Finken durchlärmt. Kinder spielen am Graben, tanzen und springen zu zweit, Und wie um Vogel und Blume ist um sie Ewigkeit; War schon vor vielhundert Jahren Tanzen der Kinder Brauch, Flogen die Bienen am Raine, blühte der Weihdornstrauch, Wiegte auch damals wie heute sonst sich das junge Korn, Bog sich über dem Walde silbern des Mondes Hom, Ging mit der grauen Herde Schäfer den sttllen Gang, Kamen die jungen Stimmer taumelnd den Weg entlang Einer ift’s, der den Wandel ewig im Gleichmaß hält, — Wird das Heute so stille vor dem Herzschlag der Welt. Herz im HW Roman von Hans-Äaspar von Zobeltiy Copyright by Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 16. Fortsetzung. Während Lexe schreibt: .Herrn Hauptmann Bernd von Wallnitz, II. Bataillon Garde-Füsilier-Regiment, 3. Garde-Jnfanterie-Divifion", fragt sie: „Wie alt ist denn der Junge da draußen?" „Bier Monate." „Haben Sie noch mehr Kinder?" „Noch einen Jungen, er ist schon acht." Lexe blickte auf. Di« Frau ist älter als i leicht Ichon etwas darüber. Aber das Gefich! frisch. Und gute, gepflegte Hände hat sie, es ist eine Freude ihr zuzusehen, wie sie die Kleinigkeiten zusammenlegt und einordnet. Dann bleiben Lexes Augen an den Blumen haften: Ob ich sie wohl bitten kann, einen gelben Stern dazuzupacken? „Soll ich die Adresse aufkleben, gnädige Frau?" „Das wäre sehr nett." Auf dem Kassenpult steht eine Flasche mit Leim, dicht neben dem Strauß. Die Frau nimmt das Päckchen und die Adresse und geht zum Pult; Lexe folgt ihr langsam. Für Augenblicke ist der Strauß zwischen den beiden, so daß Lexe nicht sieht, wie die andere die Anschrift liest und daß ihre Hände plötzlich still neben dem kleinen Paket ruhen. Auch als sie dann ihr wieder gegenübersteht, kann sie nicht in das Herz dieser Frau hineinblicken, die jetzt denkt: Das also ist seine Frau. Bernds Frau, Sie fühlt nur einen prüfenden Blick, den sie nicht versteht. Sie weicht ihm aus, sie wird ein wenig rot und weiß nicht warum. Sie sieht wieder zu den Blumen, dann auf die Sachen, die nun zu Bernd gehen sollen, und dec Wunsch, eine Blume einzulegen, ist von neuem wach. Da lächelt die Frau. Sie greift in den Strauß und pflückt zwei gelbe Sterne. „Soll ich sie hineintun? Es ist so hübsch, wenn eine Blume in solchem Päckchen liegt." Sie zögert, ehe sie weiterspricht: „Darf ich mir die Bilder wohl einmal ansehen?" „Aber gewiß", sagt Lexe, „es sind doch Kriegskinder, wie Ihr Junge." Lebhaft wird sie, und Stolz wacht in ihr aus. Sie läuft um das Pult herum, steht nun neben der Fremden, ganz dicht, die Arme, die Schultern berühren sich. Sie erklärt: „Das ist Jürgen, er wurde im Mai fünfzehn geboren. Wir sind nämlich kriegsgetraut." Wieder steigt die Röte in ihr auf. „Und das ist Mädi, sie hat noch keinen richtigen Namen, sie soll erst getauft werden, wenn mein Mann Urlaub erhält. Ich hoffe, es wird bald sein. Er bekommt jetzt eine neue Generalstabsstellung." Sie spricht und spricht und wundert sich gar nicht, daß die andere die Bilder so aufmerksam betrachtet und daß es ihr fast schwer fällt, die kleine Tasche wieder zu schließen. Ganz behutsam legt sie die Blumen auf das glänzende Leder, hüllt alles noch einmal in Seldenpapier und streicht liebevoll über die Adresse, ehe sie den gaben um das Päckchen knüpft. Das ist also seine Frau, das sind seine Kinder, denkt sie. Sie hätte noch so viel zu fragen, aber sie bringt nur eine Frage über die Lippen: „Wohnen Sie ständig hier, gnädige Frau?" „Nein, ich bin nur zu Besuch in Potsdam. Sonst wohne ich in Schlesien, bei meiner Mutter in Waldhausen. Aber das werden Sie nicht kennen." Es brennt ihr auf den Lippen zu rufen: Doch — doch. Ich weiß, du bist die Tochter der Gräfin Irene Czeh, um die wir uns damals gestritten haben, ich und Bernd... Aber sie sagt nichts. Es ist ja alles richtig gewesen, wie es kam. Es muß jeder da bleiben, wo er hingehört. Die kleine rührend junge Frau vor ihr ist glücklich, ist stolz auf ihren Mann, ist stolz auf ihre Kinder. Und sie selbst ist auch glücklich — ja, und auch stolz auf Mann und Kinder und auf ihr Geschäft, das sie tapfer hindurch- leitet durch die schwere Zeit. „Was bin ich schuldig?" fragt Lex«. Si« möchte sagen: Nichts, gar nichts. Ich schenke es dir, schenke es Bernd, wie ich ihm die Blumen schenke dort in dem Päckchen in deiner Hand. Aber das geht ja nicht. Sie nennt einen Preis und nimmt die Kriegsscheine entgegen. Dann stehen die beiden Frauen gemeinsam an dem Wagen. Der Kleine schläft noch seinen Kinderschlaf. „Wo steht Ihr Mann?" erkundigt sich Lexe. „Ec ist Wachtmeister beim zweiten Garde-Feldartillerie-Regiment, bei dem er früher aktiv gedient hat hier in Potsdam, bevor er das Geschäft eröffnete." ,Lst er gut durchgekommen bisher?" „Er war zweimal verwundet, aber nicht schwer, Gott sei Dank." „Und wo ist sein Regiment jetzt?" „In den Argonnen, glaub' ich. Sie dürfen ja so wenig darüber schretben. Er hat es aber leichter zur Zeit, scheint es." ,H)!ein Mann ist gerade aus der Flandernschlacht herausgezogen Wie Kriegsfrauen so miteinander sprechen. „Und wie geht es Ihnen?" „Das Geschäft läuft ganz gut. Rur die Ware ist knapp. Da helfe ich mir mit Strickereien und Schneidern. Man muß nur wollen dann kommt man schon über die Zeit weg." Noch einmal sieht Lexe in den Wagen. „Ein süßer Junge " Dann reicht sie der Frau dir Hand. ,Zch dank« Ihnen, Frau Kreuschner." Die andere hält die Hand etwas länger fest, als es wohl sonst üblich. „Hilde Kreuschner", sagt sie und noch einmal ,Hilde". Vielleicht merkt sich Bernds Frau den Namen, vielleicht schreibt sie ihm von den Blumen oder erzählt es ihm, wenn er auf Urlaub kommt, zur Taufe. Die Hände lösen sich. Lexe geht die Straße hinab, der Friedenskirche zu; sie geht schnellen Schrittes mit ihrem federnden jungen Gang. Als sie an die Ecke kommt, dreht sie sich um und blickt zurück. Da steht die Frau noch immer am Wagen ihres Kindes. Lexe winkt, und di« Frau winkt wieder. Plötzlich fällt Lexe ein: Hilde — das ist eigentlich so ein einfacher Name, wie Bernd ihn haben will. * Im März 1918 bricht die große deutsche Offensive vor, auf die Millionen die letzte Hoffnung setzen. In den ersten Apriltagen läuft Lexe, mit der kleinen Hilde auf bem Arm, zu Irene und schwenkt die Zeitung: „Da, Mutter, lies!" Sie zeigt auf den Heeresbericht. Und Irene Czeh lieft, lieft ganz langsam. „Im Luftkampf schoß über den feindlichen Linien Leutnant Graf Czeh drei englische Flugzeuge ab." „Freust du dich denn nicht, Mutter? Bist du nicht stolz auf Günter?" „3a", sagt Irene und läßt die Zeitung sinken, „sehr stolz, sehr." Doch beim zweiten „sehr" ist ihr, als ob sie die Lippen nicht mehr schließen könne, so bebt ihr Kinn. Und dann ist eine Karte von Günter da: „Liebe Mutter, ich schaffe es noch. Wie der siebzehnjährige Eberhardt bei Jena..." Noch ein anderer lieft den deutschen Heeresbericht und den Namen, Sir William Bruce, und er weiß, daß dieser deutsche Kampfflieger Irenes Sohn ist. Und wenige Tage später lieft er wieder einen Bericht, diesmal einen englischen; er steht in keiner Zeitung, er gehört zu den vielen Schriftstücken, die vom War-Office Ins Foreign-Office gelangen. Der Sohn des Lord Morrifton ist Im Luftkampf mit einem deutschen Flugzeug zusam- mengestoßen; beide Maschinen sind, zu einem Trümmerhaufen geballt, westlich Albert gefunden worden; den Engländer haben sie tot, den Deutschen schwerverletzt aus dem Gewirr von Metallrippen, Drähten und Verspannungen geborgen. Der Name des Deutschen ist genannt: Leutnant Graf Czeh. Nichts hält William Bruce, nicht fein Dienst, nicht die Arbeit, die in diesen Tagen, in denen der deutsche Durchbruch zu gelingen und die Einigkeit der Kabinette in London und Paris zu sprengen droht, besonders wichtig und dringend ist. Er rast im Auto zur Küste, es gelingt ihm, die Uebersahrt nach Frankreich beschleunigt zu erzwingen. In Boulogne braucht er fast Gewalt, um einen Kraftwagen zu bekommen, er will nach Amiens. Vielleicht kann ich ihn retten. Ich will für ihn sorgen, ich muß es. Die besten Aerzte werde ich heranschaffen. Nicht zum erstenmal ist er während des Krieges auf französischem Boden, nicht zum erstenmal hinter der Front, doch eine solche zitternde Erregung hat er noch nie verspürt. Alles spricht vom Vormarsch der Boches — er haßt dies Wort —, alles ist voll Sorge und Angst. Die Straßen sind durch marschierende und fahrende Kolonnen fast verstopft. Englische Truppenteile kreuzen sich mit französischen; aber von Einigkeit ist nichts zu spüren. Flüche fliegen hinüber und herüber, man beschimpft sich in Sprachen, die man wechselseitig nicht versteht. Noch nie ist William Bruce so klar geworden, rote grundverschieden die Wesensart der beiden verbündeten Völker ist und wie dünn das Band, das sie zusammenhält; schon die Furcht vor einer Niederlage scheint es zu zerreißen. Er gelangt unter ungeheuren Schwierigkeiten nach Amiens, denn man will ihn, den Zivilisten, nicht durchlassen. Die Franzosen sind unliebenswürdig und wollen die Papiere des britischen Auswärtigen Amtes nicht anerkennen. Er dankt seinem Schicksal, daß er wenigstens die Sprache des Landes voll beherrscht, denn das ist seine einzige Hilfe. In Amiens fragt er sich nach dem Kommando der englischen Flieger durch. Er weiß, zwischen den Fliegern herrscht eine ritterliche Kameradschaft, die auch dem Gegner gerecht wird; man wird wissen, wo der ver- rounbete Feind liegt. Er hat sich nicht geirrt: man ist unterrichtet, man begreift sogar, was ihn herführt, man kommt ihm in jeder Weise entgegen; hier im englischen Lager kennt man seinen Namen und feine Stellung. Einige telephonische Rückfragen klären die letzten Zweifel: der junge Deutsche lebt noch, er ist in einem englischen Lazarett in besten Händen, aber es steht ernst um ihn, sehr ernst. Ein Dienstauto fährt vor. Wieder geht es über Land, wieder ist dar Bild das gleiche: Kolonnen — Kolonnen, feindroärts strebend und von der Front kommend, verstopfte Straßen. Von fern tönt das dumpfe Rollen der Geschütze und mischt sich mit dem Knarren der Wagenräder, dem Stampfen der Marschttitte, dem Singen der Mannschaften, den Befehlen, die geschrien, den Flüchen, die gebrüllt werden. Die Stimmung ist nirgends gut; es ist Gefahr im Anzuge: der Deutsche will den Eisenring sprengen, den die verbündete Welt um sein Land legte. Es dunkelt, als der Wagen vor einem zweistöckigen Haufe hält, von besten Dach die Fahne des Roten Kreuzes weht. Eine ehemalige Schule scheint es zu fein. Der englische Arzt führt William Bruce vor eine Tür. „Wir haben ihn allein legen können. Der Raum wurde frei. Es geht mit ihm zu Ende." „Keine Hoffnung?" „Nein. Das Rückgrat ist angebrochen. Schwere innere Verletzungen." Der Arzt nennt einige lateinische Namen. .Leidet er sehr?" „Wir hatten ihn unter Morphium", sagt der Arzt kurz. „Darf ich eintreten?" "Bitte." (Fortsetzung folgt.) Derantioortlich: Dr. Hans Thhriot. — Druck und Derlag. Brühlsch« UntversttätSdruckeret Ä. ßawfl«, Gießen. sie selbst, dreißig wohl, viel- i ist immer noch hübsch und