Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1958 Montag, den 15. August Nummer 65 Vnllnh Ein Tierleben in afrikanischer Wildnis. Von Cherry Kearton. Copyright by 3. Engelhorns Nachf., Stuttgart. 3. Fortsetzung. Ganz triebmäßig hält sie sich im Laufen an die fliehenden Paviane; dann bleibt sie mit zitternden Gliedern hinter einem Busch stehen, bereit, wenn's sein muß, noch weiter zu flüchten. Unterdessen ist der Gepard noch näher herangekommen, aber nach ein paar Schritten zaudert er; der Anblick der sechs großen Paviane stimmt ihn doch etwas bedenklich. Er weiß: wenn er denen in die Nähe kommt, werden sie den Kampf mit Todesverachtung aufnehmen. Ueberdies ist von der Pallah nichts mehr zu entdecken. Lohnt es sich da überhaupt? Als ob es nicht anderswo Beute genug gäbe, die noch leichter zu haben iftl — Der gefleckte Bursche trollt sich lieber und schlägt sich seitwärts in die Büsche. Noch einige Minuten geht das aufgeregte Geschrei der Paviane weiter; dann gibt der Führer seiner Schar durch ein Zeichen zu verstehen, daß die Luft wieder rein ist. Da setzen denn die Mütter ihre Ladies wieder ab, die Kleinen beginnen wieder zu spielen, und die Pavian- männer versammeln sich am Fuß eines Baumes zu einer Gruppe und fangen an, alle durcheinanderzuschnattern wie in lebhaftem Meinungsaustausch. Nur die kleine Pallah rührt sich nicht von der Stells. Sie weiß: sie hat in großer Gefahr geschwebt, und zweifellos würde der Gepard sie gepackt haben, wenn der alte Pavian nicht gewesen wäre. Sein Warnruf war das erste Zeichen von Anteilnahme, das sie von feiten eines anderen Tieres erfahren hat, seit sie von ihrer Herde abgekommen ist. Und schon suhlt sie sich zu den Pavianen hingezogen wie zu Freunden. Sie werden es nicht nur zulassen, daß ste bei ihnen bleibt — sie werden sie auch vor Gefahr warnen, ja — wenn es darauf ankommt, sogar verteidigen! Wenn sie bei i h n e n bleibt, dann wird sie endlich in Sicherheit und nicht mehr dem Gefühl schrecklichster Verlassenheit ausgeliefert sein! — So bewegt sie sich denn ruhig äsend mitten unter ihnen umher. Inzwischen ist die Redeschlacht der Paviane bis zu einem Punkte gediehen, wo sie In eine allgemeine Schlägerei auszuarten droht. Aber der Alte ist auf seinem Posten, und kaum fällt der erste Hieb, da ist er schon von seinem Hochsitz heruntergeklettert, um für Ordnung zu sorgen. Bei seinem Erscheinen stieben die Zänker auseinander, sausen ins Geäst hinauf und kommen erst wieder zum Vorschein, als der Alte sich von neuem auf feinen Ausguck zurückgezogen hat. Sie fangen an zu spielen, als wenn nichts geschehen wäre — und die Eintracht ist wiederhergestellt. Lang dauert's nicht, da stößt der alte Pavian von oben wieder ein kurzes Bellen aus. Es klingt anders als der erste Warnruf von vorhin, ist aber auch ein Alarmzeichen; irgend etwas muß wohl nicht ganz geheuer sein. Die Paviane, ungewiß, was denn los ist, halten sich einen Augenblick fluchtbereit; — dann meldet der Alte wieder, daß die Gefahr vorüber ist, klettert bald danach von seinem Baurn herab und ordnet den allgemeinen Aufbruch an. Die Mütter drücken zärtlich ihre Kleinen an sich, die größeren Paviankinder krabbeln rittlings auf die Hinterteile ihrer Mütter, und alle ziehen über die Lichtung davon. Dabei lassen sie sich Zeit und halten sich öfters auf, um kleine Wurzeln ober Pflänzchen aus der Erde zu rupfen ober Steine urnzubrehen, unter benen sie Insekten ober Skorpione zu finben hoffen. Die kleine Pallah hält Schritt mit ihnen unb fühlt sich geborgen wie lchon den ganzen langen Tag nach nicht. Hunger und Durst hat sie gestillt, unb nun hat sie auch noch Schutz gefunben! Alles wirb gut gehen, Mange sie bei den Pavianen bleibt. Am äußersten Ende der Lichtung erhebt sich in einiger Entfernung ein großer Felsen. Auf der einen Seite ragt er in scharfen Zacken empor, auf der andern Seite fällt er, teilweise mit Erde und Gras bedeckt, ganz allmählich ab. Dort sind die Paviane zuhause. Eine Anzahl Meiner Höh- ten im Felsgestein bilden ihren Unterschlupf. Kaum find sie angenommen, ba geht es gleich mit Blitzeseile den Steilhang hinauf, von Zacke zu Zacke — unb bie kleine Pallah bleibt ganz allein am Fuß bes Felsens zurück und fühlt sich roieberum ganz verlassen; benn so wie bie Paviane farm sie nicht springen. Ader verlieren will sie die neuen Kameraden um keinen Preis, und lo trippelt sie um den Felshügel herum unb sucht nach einem Weg, den üe erklimmen könnte. So entdeckt sie auf der andern Seite den sanft aufwärts führenden Hang, auf dem sie nun endlich bis dicht unter den Gipfel ZU einer flachen Felsplatte gelangen kann. Dort legt sie sich nieder, froh in dem Bewußtsein, daß vier von den Pavianen ganz in ihrer Nähe !>nd; und nicht weit davon hört sie di« andern in ihren Höhlen schnattern So kommt die Nacht. Die kleine Pallah schläft. Doch da schreckt sie mit einemmal auf — einer der Paviane hat ein gellendes Geschrei erhoben, und sofort geht auf dem ganzen Felsen ein wahrer Hexensabbath tos: sämtliche Paviane keifen, bellen und kreischen durcheinander-- Aber was ist denn nur geschehen? — Ganz verängstigt drückt sich die kleine Pallah eng an das felsige Gestein. Da wird sie gerade noch gewahr, wie unten im Mondlicht die gefürchtete gelbe Gestalt eines Leoparden vorbeihuscht, den Körper eines halbwüchsigen Pavians zwischen den Zahnen--- Feuer! Fröstelndes Erwachen. — Eine trauernde Mutter. Nachmittagshitze. — Die Rauchwolke. Eine rätselhafte Gefahr. — Der schützende Block. Entfesselte Urgewalt. Die Nacht war sehr kalt. Aber sobald es Morgen wird kriechen die Paviane aus ihren Schlupfwinkeln hervor unb besetzen bie Felsnasen und Vorsprunge auf der ©teilfeite, um sich die Sonne auf den Pelz brennen ZU lassen. Halb erfroren wie sie sind, hocken sie zunächst noch stumm und ,n sich gekehrt da; doch dann wird es zusehends wärmer, und da beginnen bie Jungen denn em schönes Spiel: sie stoßen unb puffen sich gegenseitig oon einem Felsblock hinab unb krabbeln umgehend wieder nach oben, worauf dasselbe Spiel von neuem losgeht — der eine pufft den andern' wird wieder gepufft und fo fort. Nun kommt auch allmählich Leben in bte größeren Paviane, denen es inzwischen auch wärmer geworden ist Der Alle übernimmt wieder sein Wächteramt; außer ihm werden noch zwei andre Männchen auf Felsvorsprüngen untergebracht, um das Tal drunten und den grasbewachsenen Abhang auf der andern Hügelseite zu beobachten. Seit dem nächtlichen Ueberfall bes ßeoparben herrscht ein Seift ber Unruhe auf dem Hügel. Die Asfenmütler schnattern unb keckem norf; heftiger als sonst und geben noch sorgfältiger auf ihre Kleinen acht. Eben purzelt eines von ber untersten Felsstufe hinunter — aber anstatt wieder heraufzuklettern, steuert es auf einen Baum los, um sich Früchte ZU mchen; doch da saust seine Mutter bereits in heller Aufregung den Felsen hinab, um es zu holen. Und bas Warnungssignal „Gefahr im Anzug erfolgt in einer Häufigkeit, bie verrät, baß bie Nerven ber Wachen aufs Aeußerste gespannt sinb. Auch bie kleine Pallah fröstelt beim Erwachen und erinnert sich mit Schrecken bes nächtlichen Geschreis und feiner Ursache. Wie sie noch so auf ihrer Felsplatte liegt, kommt ihr zum Bewußtsein, baß ber junge Pavian gerabe aus ber Höhle bicht neben ihr geraubt worben ist. Seine Mutter kauert noch vorn am Felsrand; sie läßt die Hände zwischen den Knien herabhängen und ist in ihrer hoffnungslosen Trauer so erstarrt in dieser Stellung, daß sie sich nicht einmal rührt, wenn die Alarmrufe ertönen. Sie ist auch die Letzte, als der Alte feine Schar zusammenrust, um den täglichen Beutezug anzutreten, der sie heute vielleicht bis zum Fluß fuhren soll. Jetzt geht es in eiligen Sprüngen und Sätzen den Abhang hinab; bald wimmeln sie unten am Fuße bes Felsens herum, wo sie sogleich anfangen sich Zwischen Büschen, verstreuten Felsblöcken und einzelstehenben Bäumen ihre Nahrung zu suchen. Da verläßt auch bie kleine Pallah ihren Ruheplatz auf dem gleichen Weg, den sie am Abend vorher gekommen ist. Bald hat sie die Paviane eingeholt und weidet nun mitten unter ihnen Der Alte zeigt immer noch eine schärfere Wachsamkeit als gewöhnlich. Den andern stets um ein Stück voraus, erklimmt er immer und immer wieder einen Baum, um den Boden ringsum abzusuchen, klettert wieder herab, setzt seine Wanderung ein kurzes Stück fort, um abermals an einem Stamm hochzugehen, während die andern Wachen zu beiden Seiten des Trupps feinem Beispiel folgen; und als sie gegen Mittag zum Trinken an den Fluß kommen, hält er immer noch Wache; denn nicht einmal die kleine Pallah, die furchtsam und unruhig neben ihm trinkt, hat größere Angst vor Krokodilen als die Paviane! Doch heute geschieht nichts. Zwar wird, während sie trinken, zweimal der scharfe Warnruf ausgestoßen, worauf bie Kleinen schleunigst zu ihren Müttern huschen, einer sich sogar voller Entsetzen bis aus eine Akazie flüchtet unb bie Pallah vor Schreck säst zu Stein erstarrt; aber jebesmal folgt gleich hinterher bas Signal „Gefahr vorüber" — unb ber Wasserspiegel träufelt sich im Kielwasser abziehender Krokodile. In der Nachmittagshitze ruht die kleine Pallah, während Zebras, Kuhantiloven, Gnus unb Gazellen, beren Wachen in geringer Entfernung auf dem Ausguck stehen, unter den benachbarten Bäumen umherstehen e' darauf bedacht, in dieser ihr noch tr nicht allein zurückgelassen zu Die Löwenjungen. In der Höhle. — Gefahr vorüber. Jagd in der Dämmerung. — Günstige Gelegenheit. Löwen Mahlzeit. — Behagliches Familienleben. Wenn der Tag sinkt. Den beiden Löwenkindern war all das so plötzlich und überraschend gekommen und sie können sich noch gar nicht erklären was denn eigentlich geschehen ist. Nicht weit von ihrer Behausung hatten sie neben ihrer Mutter miteinander im Gras gespielt, als plötzlich der Vater erschienen war; bei seinem aufgeregten Brummen war Mutter sofort ausge- Ivrungen und dann waren sie alle in ungewohnter Hast weit fort zu einem großen Felsenhausen geeilt. Dort hatte Mutter sie rntt der Schnauze in eine kleine Höhle gedrängt und streng darauf geachtet, daß sie ganz in der hintersten Ecke blieben, wo es so niedrig war daß s - kaum aufrecht stehen konnten. Sie selbst hatte sich quer vor sie hingelegt und jedesmal, wenn sie von Neugier geplagt abwechselnd einander auf den Rücken gekrabbelt waren, konnten sie sehen, daß Vater im Eingang kauerte und daß sein Rücken vor Erregung zitterte. Dann begaben sich immer seltsamere Dinge. Die Luft war mit einemmal zum Ersticken heiß und mühsam zum Einatmen, daß sie husten und würgen mußten. Dazu drang von außen em prasselndes und knackendes Geräusch herein. Als das Würgen im Hals losging, roor ihr erster Gedanke gewesen, ins Freie hinauszurennen und dem Rauch, der die Hohle erfüllte, zu entrinnen. Der Kleinere von den beiden hatte als erster Der sucht, über Mutters Beine hinwegzusetzen; doch da hatte !sie sich umgedreht und ihm knurrend zu verstehen gegeben, daß er sich das ja nicht noch einmal einfallen lassen solle. Aber dann wurde es mit dem Gehn ste und Gewürze immer schlimmer, und die Hitze ward immer toller, nein, das wollte der Kleine sich nicht gefallen lassen. Als er dann abermals den Versuch machte, koste es was es wolle, an der Mutter vorbei ins Freie I zu gelangen, bekam er ihre Tatze zu spüren. Daraus war ihnen nichts weiter übrig geblieben, als ihre kleinen Schnauzen dicht ins Fell der Mutter zu drücken. Ganz bänglich uno unbehaglich war ihnen zu Mute, als sie Vaters tiefes zormges Gebrull hörten und spürten, wie es in der Hohle zusehends heißer und stickiger wurde. Einmal kam ein glühender Windstoß herein und fegte den Rauch hinaus, und der Kleinere, der in dem Augenblick gerade die Vorderpfoten auf Mutters Rücken gestemmt hatte, sah über Vaters Kopf hinweg die Außenwelt, die sich so wunderlich verändert hatte: da tanzte und huppe und flackerte es rot und gelb zwischen dicken grauen Rauchschwaden! Dann kam ein zweiter Windstoß und drückte wieder allen Rauch herein, der Kleine sprang hurtig herunter und steckte hustend die Nase in eine freie Stelle zwischen des Bruders Leib und der Mutter Rücken. So hatten sie eine ganze Weile dort gelegen, als sie merkten, daß dir Lust allmählich etwas klarer wurde. Und jetzt erhob sich die Mutter, schritt zum Ausgang der Höhle und legte sich gerade hinter Vater nieder. Der sprang ein paar Minuten danach auf die Füße, und da wußten die Kleinen, daß es Zeit zum Aufbruch war. " Sich dicht bei der Mutter haltend, traten sie hinaus. Was sie sahen, versetzte sie in Staunen: die Erde war nicht mehr braun und glatt uno mit hohem wogendem Gras bedeckt; soweit sie sehen konnten, war al schwarz und stoppelig, und sogar die Felswand wies schwarze Streif auf. Ja, sie waren noch nicht weit gekommen, da bedeckte diese Schwa z auch ihre eigenen Beine und Gesichter. (Fortsetzung folgt.) keine Nahrung gefunden. , .... Ratlos steht sie da. Soll sie versuchen, dicht an die Felswand gedruckt am Rand des Feuers vorbeizulaufen? Soll sie bleiben, wo sie ist? — Da springt in einiger Entfernung ein Gepard vom Festem herab. Instinktiv duckt sie sich wieder in ihr Versteck, damit der Gefürchtete in feiner eiligen Flucht vor Feuer und Rauch sie nicht entdecke. In großen Sätzen fliegt er durch die äußersten Feuerausläufer hindurch auf den Fluß zu. Gleich darauf schießt eine Pythonschlange vorbei und verschwindet in einer Felsspalte. Dann tauchen zwei Zwergantilopen auf, die es im Gras nicht mehr hält, bleiben auf dem steinigen Feld stehen und blicken hilflos zu den hohen Felszacken auf, die sie nicht erklettern können, rasen zuruck, stoßen wieder auf vordringende Flammen und rennen nun wie besinnungslos im Kreis herum; in ihrer Aufregung sehen sie den einen engen Dnirchschlups dicht beim Felsen nicht, durch den sie immer noch entwischen könnten. , , . .... ,s Jetzt wälzen sich die zwei Feuerstrdrne auch auf das fteinige Feld zu, das vor dem Versteck der Pallah liegt. Gierig verzehren sie die kleinen Büschel trockenen Grases, die dort noch wachsen, und vereinigen sich dann zu einer neuen Feuerbahn. Jetzt hascht die Flamme einen größeren Busch und lodert hoch empor, die Felswand schwärzend. Verzweiseltes Geschrei der Paviane in ihren Höhlen. Die Kleinen klammern sich an ihre Mütter — die Männchen richten sich mit gefletschten Zähnen auf, einer Gefahr entgegen, die weder mit Krallen noch Zahnen zu bekämpfen ist. Die kleine Pallah zwängt sich hinter den schützenden Block zurück, soweit es nur gehen will. Dort liegt sie mit roeitaufgeriffenen Augen, offenstehendem Maul und wildklopfendem Herzen — atemlos. Immer und immer wieder dröhnt von unten aus dem Tal der Huf- donner stampfender Herden; in das Wehgeschrei der Paviane knattert das Geprassel der Flammen, und einmal auch ist das tiefe Zorngebrull eines Löwen zu vernehmen. . . Aber mit der Zeit sterben die Flammen ab. Hier und da liegen verstreut grauweiße stammartige Gebilde; da sind gestürzte Bäume verbrannt und haben ihre Umrisse in Asche zuruckgelassen. Mitunter bl ast der Wind hinein und facht die verborgene Glut darin an, daß plötzlich die helle Lohe herausschlägt; aber da die Flamme keine Nahrung mehr findet, verlöscht sie gleich wieder. Hier ist die Gefahr jetzt vorüber, aber jenseits des Felshüaels wälzt sich der Feuerstrom wild lodernd weiter fort, eine verkohlte Bahn hinter sich lastend. Als die Luft sich allmählich abkühlt, wagt die kleine Pallah sich zögernd so weit hervor, daß sie ins offene Land hinausschauen kann. Da sieht sie zwischen den Steinen die schwarzen Brandstellen, wo das Feuer beinahe die nackte Erde übersprungen und den Fuß des Hügels erreicht hätte, dahinter aber die wobl anderthalb Kilometer breite brandige Strecke, zu beiden Seiten eingesäumt von kurzem braunen Gras — die Bahn der Zerstörung. Sie sieht die beiden Zwergantilopen, die plötzlich in ihrem Kreislauf innehalten, als sie merken, daß die Gefahr vorüber ist, und die nun miteinander über bas verkohlte Erdreich zu dem Grasland in der Ferne stürzen. Die kleine Pallah weiß jetzt, daß auch sie gerettet ist. Aber sie kann sich noch nicht gleich entschließen, ihren Platz zu verlassen. Wie sie noch zaudert, kommt von einem nahen Hügel rechts eine ganze Stirnen« familie. Sogar sie, die Herren von Busch und Steppe, die wenig oder nichts von irgendeinem andern Tier zu fürchten haben, sind doch in Angst und Schrecken versetzt worden von diesem gefährlichen Feind, der öder liegen. Die Paviane haben sich in das trockene Laubwerk der Bäume zurückgezogen; fogar den Kleinsten ist es zu heiß zum Spielen. Möglich hebt die Gnuwache den Kopf und schnuppert in der Lust herum. Die nächststehenden Tiere, die sogleich die Warnung ausnehmen, heben ebenfalls die Köpfe und stehen abwartend da. Andere Herden werden aufmerksam, ein paar Paviane klettern von den Baumen und bleiben zögernd stehen. Die junge Pallah springt eilig auf die Fuße. Alle Augen gehen in ein und dieselbe Richtung, als ganz dort hinten über einer leichten Bodenerhebung eine Rauchwolke erscheint Jetzt gibt es kein Halten mehr! Zebras, Kuhantilopen, Gnus und Gazellen machen iofort kehrt und galoppieren vor dem Feuer davon; die Paviane machen sich auf den Heimweg, und die kleine Pallah schließt sich ihnen wieder an, denn sie ist ängstlich daraus bedacht, in dieser ihr noch gan^ unbekannten rätselhaften Gefahr nicht allein zuruckgelassen zu "^rsie Paviane haben es gut: die können sich in ihren Höhlen verkriechen; aber die Felsplatte, auf der die Pallah übernachtet hat, hegt ungeschützt in der prallen Mittagshitze; das übersieht sie gleich mit einem Blick und pringt schnell wieder zum Fuß des Hügels hinab. Ein großer Felsbrocken der wohl vor vielen Jahren einmal von der Hohe des Gipfels herabgestürzt fein mag, scheint ihr einigen Schutz zu versvrechen, Himer ihm legt sie sich nieder und preßt sich flach auf den Boden, denn sie meint, nur auf diese Art dem neuen geheimnisvollen Feind, der hinter ihr her ist entgehen zu können. Sieht sie doch in dem Feuer, das sie ängstlich van ihrem Versteck aus beobachtet, nichts andres als ein furchterweckendes Lebewesen, desgleichen sie noch nie zu Gesicht bekommen hat. Inzwischen breitet sich bas Feuer immer mehr aus. Fast anderchalb Kilometer breit ist die Front, auf der es sich daherwälzt. Das dürre Gras knistert und knattert in den Flammen, die stellenweise bis an die vier Meter emporlodern. Der von einer steifen Brise aufgewirbelte Rauch legt sich wie eine dicke Decke darüber. Unaufhaltsam kommt das Feuer naher, frißt sich weiter an den halbmeterhohen Halmen, von denen nur noch kleine verkohlte Stoppeln zurückbleiben. Jetzt bekommt es aber die junge Pallah wirklich mit der Angst zu tun — der böse Feind rückt immer näher, ja, er wird bald den Hügel erreicht haben und sie in ihrem Schlupfwinkel aufftöbern! 2kA, wäre sie doch statt mit den Pavianen lieber mit Zebras und Gnus geflohen! Fest entschlossen, jetzt zu laufen, soweit sie die Füße tragen, springt sie auf — und da muh sie sehen, daß eine breite Feuerzunge schon zu ihrer Linken vorgedrungen ist und bereits an der Wand des Felsens leckt — sie blickt nach rechts: das gleiche Bild! Nur geradeaus, wo der Boden steinig und mit vielen kleinen herabstürzenden Blöcken besät ist, hohen die Flammen mit unwiderstehlicher Gewalt dahergefegt kommt, nur stellenweise von Felsblöcken in Schach gehalten, und dem sich nicht einmal ein Lowe widersetzen kann. Bor vielen Jahren einmal — er war noch ganz klein gewesen — hatte der Löwe sich auf einen kleinen brennenden Gras- buschel gestürzt, hatte den Flammen mit Zähnen und Krallen zu Leibe gehen wollen; aber da war nichts zu packen gewesen —nur schrecklich weh hatte es getan! Diese Erinnerung hat sich ihm unauslöschlich ein« geprägt. Später ist es ihm bann nie wieder eingefallen, auf anruckende Flammen loszugehen, sondern er hat immer gemacht, daß er forttom; der Anblick und das verwirrende Geräusch der zuckenden, hupfenden und prasselnden Lohe hat ihn seither immer aus der Fassung gebracht. Auch heute wieder! Er war gerade durchs hohe Gras geschlichen und hatte sich halb spielend an eine Antilope herangepirscht, da entdeckte er plotz- sich über einem Hügel Feuerschein. Ohne einen Augenblick zu verlier em stürmte er zu der Löwin und führte sie mit den Jungen in den Schutz der Felsen; dort tarierten sie sich so lange nieder, bis sie es mögen konnten, am Fuße des geschwärzten Hügels entlang über die Steppe wieder zu ihrem Bau zurückzukchren. Bei ihrem Wiederauftauchen stößt der alte Pavian sogleich seinen durchdringenden Warnruf aus, dem ein allgemeines Gekreisch der ganzen Schar antwortet. Aber die Löwen achten nicht daraus. Zu gegebener Zett werden sie sich schon wieder einen Pavian holen, ebenso rote sie auch auf Pallahs wieder Jagd machen werden; jetzt aber haben sie es sehr eilig, nach Hause zu kommen, fort von dem Feuer, das noch immer jenseits des Hügels über die offene Steppe rast. Noch eine Stunde nach ihrem Verschwinden liegt bie kleine Pallah in ihrem Versteck und wartet ängstlich aus neuen Alarm. Aber alles bleibt ruhig. Das Feuer frißt sich noch langsam weiter, erstirbt aber schließlich, als 'bei hereinbrechender Nacht der Wind nachlabt. Die erhitzte Erde erkaltet. Kleine Schlangen kommen aus den Erdlochern, aus vielen Felsritzen und Spalten, in bie sie gekrochen sind, heraus und machen sich wie schon vorher die beiden Zwergantilopen auf den Weg zu den vom Feuer verschonten Grasstrecken. Die Paviane beruhigen , aUmahllch, und endlich kommt auch bie kleine Pallah hinter ihrem Felsblock hervor — wie angewurzelt bleibt sie eine Weile stehen und blickt staunend in bas seltsam-schwärzliche verbrannt« Land hinaus. Im Hochsommer. Von Hermann Hesse. Weites goldnes Aehrenmeer Wogt im Wind aus reisen Stengeln. Husbeschlag und Sensendengeln Läuten fern vom Dorfe her. Warme, düfteschwere Zeitl Zitternd in der Sonne Gluten Wiegen sich di« goldnen Fluten Reif und schon zum Schnitt bereit. Fremdling, der ich ohne Pfad Suchend pilgere auf Erden, Werd' ich reif erfunden werden, Wenn auch mir der Schnitter naht? Goldrausch in Australien. Von Heinrich Hauser. (Nachdruck verboten.) „Kalifornien ist aus Gold gemachtl" lautete der Refrain des bekann- tjten Seemannsliedes um die Mitte des vorigen Jahrhunderts. Das (terüdjt von den sagenhaft reichen Goldfunden in Amerika drang auch mct) Australien. In das neue Ophir zog ein Goldsucher aus Sidney, Edvard Har- (xioes. Er hatte auf den Goldfeldern keinen befonberen Erfolg, bemerkte a er mit Erstaunen, daß die goldführenden Berge dort drüben eine anfallende Ähnlichkeit hatten mit denen seiner Heimatlandschaft in Neu- k.idmales. Ausgerüstet mit etwas praktischer Kenntnis von Gestein und und mit den allereinfadjften Geräten zum Goldwäschen, der „Pfanne" md der „Wiege", kehrte er heim und zog mit einem Begleiter in jene Serge, die denen von Kalifornien so ähnlich sahen. Er hatte sagenhaftes OCütf; schon auf dem Grund der ersten Schüssel, die er auswusch, ent- tatte er den gelben Schimmer. Außer sich vor Freude, hieb er seinem Simeraben auf die Schulter: „Mein Junge, ich werde ein Baron fein m-d du wirst geadelt werden und unseren alten Gaul da, den wird man o: sgestopft in einem Glaskasten ins Britische Museum stellen!" * Als die Nachricht nach Sidney kam, wirkte sie auf die Stadt wie eine btuumpumpe, Männer aller Berufe verließen ihre Arbeitsplätze und s-ömten nach .Hphir" — so hatte Hargraves seine Fundstelle genannt. Victoria entsandte einen solchen Strom von Goldsuchern, daß die Monie Gefahr lief, gänzlich zu veröden. Ja, aus der ganzen Welt kam Schiffsladung auf Schiffsladung von Goldsuchern, Männer, die nur einen febanten im Kopf hatten: das Gold, Männer, die sich den Teufel darum tinmerten, ob fie genügend Wasser oder Nahrung finden würden. Jn- nrhalb von sieben Jahren wurde die Bevölkerung Australiens mehr als »rdoppelt. 1850 waren es vierhundertfünfzigtausend Seelen gewesen, 1'57 über eine Million. Der eigentliche Goldrausch währte auf fast allen Goldfundstellen nur trz. Die Lager haben die Eigentümlichkeit, daß die reichen Erze an der Zerstäche liegen und immer mehr verarmen, je tiefer man der Ader m ton Boden folgt. Jede neue Entdeckung ging wie eine Rakete hoch, iizendein mächtiger Goldklumpen weckte phantastische Hoffnungen, Oie tlenfo schnell wieder erloschen. Kein anderes Goldgebiet der Welt hat so feie große Einzelfunde zutage gefördert, wie Victoria. Von den zwölf Mßten Goldklumpen besaß der kleinste drei Kilo Gewicht. Die großen Goldklumpen tragen alle Namen, der mächtigste war der „Holtermann ,, ti» kleiner Berg von sechs Zentner, und der „Wellcome von Ballarat tog immer noch sechseinhalb Kilo. In der Phantasie der Menschen wirk- In sie wie ein Fieber, Lokomotivführer liehen ihre Maschinen stehen, Postbeamte verliehen ihre Schalter, niemand wollte sich mehr rm nüchternen Alltag abschinden, wo es auf den Goldfeldern Hunderte und Tau- smde von Äark an einem Tag zu gewinnen gab. * Schwindel und Betrug fehlten nicht, doch es kam genug ®olb 3uta9*; ihn dem australischen Wirtschaftsleben einen riesigen Aufschwung zu 8'ten. Ein Goldfeld nach dem andern wurde entdeckt, die reichten erst d-eißig Jahre nach den ersten Funden, und zwar m Westaustralien. Em Goldsucher, der an einer Wasserstelle von Eingeborenen kampierte sam- nelte als erster zwischen Frühstück und Mittagessen für 3w°lfl)undert «-art Goldkörner auf. Das Denkmal dieses Mannes „Paddy steht heute ® f der „reichsten Duabratmeile der Welt". In Bronze gegoss , s tz Paddy auf einem Felsen, den Pickel an der Seite, die Wasierkanne in der Nb. Natürlich hatte Westaustralien von Anfang an nicht hinter Neu- pbmalss und Victoria zurückstehen wollen: um Gold,zu entdecken, berief y westaustralische Regierung den ersten „Fachmann Australiens, nam- jenen Hargraves, der die Lager von Neu-Sudwales erschlossen hotte. Hargraves reifte auch überall herum, war aber nach den geologischen Neiden überzeugt, daß man in Westaustralien fern Gold ^den wurde. 8" hielt sogar in London vor der geographischen Geiellschast einen Bor- Ug mit dem Titel: „Der nicht goldführende Charakter der roeftauftrali |t| en •®efteinsbilbung." * [ Genau zwanzig Jahre später fanb man bas erste westaustralische Ä-L h den Kimberley-Bergen. Die Geschichte dieser Entdeckung ist groiesk » e die von so vielen Goldfunden: Ein Farmer,unge hob eines Tages einen Stein auf, um nach einem Vogel zu werfen. Der Stein war gelb unb so schwer, bah er dem Jungen auf fiel; es war ein Goldklumpen. Der Bürgermeister des nächsten Ortes mit Telegraphenstation geriet aus dem Häuschen. Er richtete ein dringendes Telegramm an den Gouverneur, unterbrach sich mitten im Schreiben, und das Telegramm ging unooll- tändig ab. Es lautete: „Ich habe die Ehre, Eurer Exzellenz zu melden, laß heute ein Junge einen Stein aufhob, um nach einem Vogel zu wer- en. Der Bürgermeister von I." Der Gouverneur drahtete zurück: „Und was geschah mit dem Vogel?" Die reichste Meile der Welt bei den beiden westaustralischen Städten, die so verwirrend ähnliche Namen tragen, nämlich Kalgoorlie und Cool- jarbie, hat bisher für zweieinhalb Milliarden Gold gefördert. Die reichten Lager, die an der Oberfläche, sind heute erschöpft, die Zeit der Goldgräber ist vorbei. Große Gesellschaften mit riesigem Kapital und der ganzen Maschinerie des modernen Bergbaus fördern heute aus Schächten, die bis in tausend Meter Tiefe reichen. In den besten Jahren hat die goldene Meile hunderttausend Kilo Gold gefördert, in den letzten Jahren fünszigtausend. Golbgräberstädte wuchsen unb vergingen, beides über Nächt. Sind die Lager erschöpft, dann ziehen Trecker und Ochsen die Häuschen auf Schlitten weg — wenn sich bas lohnt, nur bie Fundamentspfähle bleiben zurück, zerbrochene Winden, verrostete Kessel, Gräber von Hoffnungen, unb Gras wächst wieder in der Hauptstraße. In einer so toten Stadt waren schließlich nur noch zwei Hotelbesitzer übriggeblieben, zwei Iren, Pat und Dan. Sie hatten wohlgefüllte Keller, aber keine Kunden mehr. Dan ging aus seiner Bar in das gegenüberliegende Lokal von Pat: „Schlechte Zeiten, Pat, hier sind zwei Schillinge, mein letztes Geld, komm' laß uns einen trinken." Das taten fie denn auch, und Dan ging in feine eigene Bar zurück. Cs dauerte keine Viertelstunde, da besuchte ihn Pat: „Schlechte Zeiten, Dan; hier diese zwei Schillinge sind tatsächlich mein einziges Geld, komm, laß uns einen heben." So wanderte denn das Zwei-Schillingstück täglich Dutzende von Malen zwischen den beiden Bars hin und her, und all die vielen konsumierten Whisky-Flaschen wurden mit ihm bezahlt. In der kurzen Glanzzeit einer Goldgräberstadt hatte eine Minen- gesellschaft aus noch ziemlich stark goldhaltigem Abraumgestein eine Kirche ausführen lassen, glänzende Reklame sowohl für den Reichtum der Ge- fellschaft wie für ihre Frömmigkeit. Der Reichtum der Mine verging chneller als man gedacht, bie Stabt wurde verlassen, der Pastor blieb, und da die bankrotte Gesellschaft ihm kein Gehalt mehr bezahlte, strengte er eine Klage an. Aus dem Bankerott indessen war nichts herauszuholen. Da griff der Geistliche zur Selbsthilfe — indem er feine goldhaltige Kirche verkaufte. Das Kirchenschiff deckte das rückständige Gehalt und der Glockenturm die Heimreise. hornig mit hervorstehenden Knö- liche Augen sprachen von einem Weit draußen im Busch leben die Prospektoren, bie dem Gold verfallen find, und bas sind wohl die interessantesten Menschen, bie man in Australien treffen kann. Einen von ihnen wollen wir schilbern. Sein graues Haar, fein Gesicht, seine Kleiber waren braun von Staub, aber seine Erscheinung war angenehm, ein aufrechter Mann, auf stille Weise würdevoll. Seine Hände waren hornig mit hervorstehenden Knöcheln, tief gefurcht das Gesicht, freundliche Augen sprachen von einem ^"^Ja?ich°bin mein Lebtag hinter dem .Gewicht' hergewesen. Bin jetzt 75. Bin nach Westen gekommen, als der Kimberley-Goldrausch losging. — Nein, ich hol nicht viel heraus; ein paar Unzen ab und zu. Grade genug fürs Essen. Ich will's Ihnen mal zeigen." ; Er ging zu feinem Lager — ein alter Sack als Windfang um einen Busch geworfen. Er brachte eine kleine Glasflasche zum Vorschein, die ungefähr zehn Gramm Gold enthielt, Körnchen wie Stecknadelköpfe bis zu Erbsengroße. ~ , „Sehen Sie den Hügel da? — Da hat man früher Diamanten gefunden. ’s gibt noch viel Diamanten hier herum, man hat bloß nie ordentlich nachgegraben." Rings um sein Lager lebten viele Vogel, sie waren ganz zahm. Er holte ein bißchen Brot und rief sie. Sie sammelten sich um ihn wie zahmes Geflügel, saßen auf feinen Schultern unb auf feinen Händen, ließen aber keinen Fremden nah heran. Sie waren feine Nächsten und liebsten $r