GiehenerZamilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1938 Zreitag, den <5. Juli Nummer 5^ Lady Hefter Stanhope EINE FRAU OHNE FURCHT Von Maria Josepha Krück von poturzyn Copyright by Deutsche VerlagS-Anstalt Stuttgart 13. Fortsetzung. Madden wanderte weiter durch Syrien, nach Aegypten und suchte Beweise für das, was kein Europäer gelten läßt, was die Geschichte kennt, der Osten erlebt: Magie! Zuletzt wurde er an einen koptischen Mönch verwiesen. Der wollte lange nicht sprechen. Endlich verriet er: „In der Wüste, nicht weit vom Roten Meer, in einem Kloster, sind alle magischen Schriften der Welt eingeschlossen. Aber kein Fremder wird je Zutritt erhalten." Dr. Madden ging nach England zurück, mit leeren Händen. Aber er pries in den Kreisen um Bulwer Lytton das Märchenschloß Dar Dschun, wo in rosenumwachsenen Kiosken stumme schwarze Sklaven erlesenes Essen servierten und jeden Abend nach sieben Uhr „eine Frau von ungewöhnlicher Geisteskraft zu sprechen begann. Was immer die Absonderlichkeiten von Lady Hefter Stanhope gewesen sein mögen, ich bin gewiß, daß wenige Frauen sich gleich ihr eines wahrhaften Genius und keine einer größeren, tatkräftigen Menschenliebe rühmen können". Die Schulden und der Bizekönig. Mehemet Ali hat sich im Jahre 1805 zum unabhängigen Statthalter des Sultans in Aegypten gemacht; daraufhin seine Herrschaft bis Arabien, Nubien, Kordofan ausgedehnt und in achtjährigem Krieg die fanatische Sekte der Wahabiten, die sich für die einzig wahren Mohammedaner halten, aus der heiligen Stadt Mekka zurückgedrängt. Sein Ehrgeiz geht weiter. Die Kämpfe Emir Beschirs, seines Günstlings, waren nur ein Auftakt im großen Feldzugsplan gegen die Türkei. Mehemet Ali, der ägyptische Vizekönig, will Syrien erobern, dreißigtausend Soldaten ziehen nordwärts. In den Städten munkelt man, er werde bis vor Konstantinopel marschieren und sich selbst zum Sultan machen. Die Pforte rührt sich nicht. Schon steyen die Aegypter vor Akkon. Akkon ist letzter Widerstand. Wenn Akkon fällt, ist der Weg frei nach Konstantinopel. Im Rücken des Paschas von Akkon aber steht Lady Stanhope ... , Der Vizekönig von Aegypten ist schlau, er hat aus den Kämpfen des Drusenfürsten gegen die Sill gelernt: in aller Form sendet er Offiziere nach Dar Dschun. Ob Mylady ihm die Ehre erweise, sich in seinen Kämpfen um Syrien neutral zu verhalten? Nein, Mylady erweist nicht die Ehre! Auch der große Pitt hat sich nie um den Wechsel von Ministern und Parteien in Kolonien und fernen Ländern gekümmert. Er hat es mit dem Sultan gehalten, dem rechtmäßigen Beherrscher des türkischen Reiches. Auch Hefter erklärt sich feierlich für den Sultan! Mehemet Ali ist nur fein Vasall ... Und war nicht auch Zenobia einst gegen die Aegypter?! Leider, sie bedauert, aber sie kann an das Glück eines Usurpators nicht glauben. Man sehe Napoleon! Die Offiziere verabschieden sich kühl. Lady Stanhope aber rüstet. — Sie kennt in allen Städten und Dörfern alle Kaufleute, Wucherer, Gewürzkrämer, Barbiere ... Keiner ist da, der nicht einmal von ihr geheilt, belehrt, beschenkt worden wäre. Unter Türken und Juden und Drusen, unter ehemaligen Dienern, die reihum im Land Gastwirte, Fremdenführer, Schneider und Wasserträger sind, sitzen ihre Agenten. So hat sie sich einen ausgedehnten Stab von Berichterstattern herangebildet. Sie kommen als Bettler verkleidet nach Dar Dschun, empfangen Befehle, bringen die neuen Nachrichten; die Tätigkeit von Walmer, wiedererstanden in türkischem Land, ein orientalisch verkleidetes Bild der Wacht am Kanal. Ihre Agenlen müssen unermüdlich tätig fein, dürfen keine persönlichen Ideen haben, müssen wenig sprechen und absolut ge- horchen. . . Mylady kennt auch die Scheiche von Syrien, die der Drusen und Araber; sie korrespondieren zu Dutzenden mit „ihrer Freundin der Sitt imb legen Wert darauf, wenn ein Fremder mit ihrer Empfehlung kommt, zu sagen: der Empfang gelte dem Freund von Mylady. Briefe, die Hefter nach England schreibt, enthalten weit bessere Informationen über das Land als die der britischen Gesandtschaft bei der Pforte; sie zeugen, o meint Frederic Lamp, der später Viscount Melbourne, von überragender politischer Fähigkeit und feinstem diplomatischem Instinkt. Es fehlt auch nicht an Politikern, die solche Frau für ihre Zwecke nutzen wollen. Aber unter ihnen allen ist kein Pitt, der „mit einem Haar die arabische Stute zu leiten" versteht. Sie kämpft; aber auf eigene Faust. Ihr Reich heißt Dar Dschun, und Königin ist sie selbst. Einer der Agenten hat sich mit Wasserträgern anzufreunden, die in der Armee Ibrahim Paschas, des ägyptischen Feldherrn, aus- und eingehen Da klebt nächtlich ein Ohr an dem Feldherrnzell, hört die Pläne besprechen — kommt zu Giovanni zurück, dem „Bettler" aus Dar Dschun. Am selben Tag hat Lady Stanhope den Aufmarschplan! Aber man muß auch den Stand des belagerten Akkon ergründen. Eine Bauersfrau bringt den Belagerten Nahrung nach Akkon, sie weiß Briefe und Stimmungsberichte durchzuschmuggeln wie niemand selbst — alles gegen zweihundert Piaster im Jahr. Vor Ibrahim erfährt Hefter, daß die Frauen von Akkon revoltiert haben und Uebergabe der Stadt verlangen. Der Winter 1832 wird besonders hart. Die Kadaver der Gefallenen faulen in den Sümpfen, Fieber bricht aus. Im Norden ziehen die Soldaten des Sultans heran, der endlich gegen den aufständischen Aegypter mobilisiert hat; im Mai ist Akkon zusammengeschossen, es bleiben kaym zweihundert Menschen am Leben. Die letzten, halbverhungerte Frauen, verkrüppelte Soldaten, verstörte Kinder, flüchten nach Dar Dschun. Wohin sonst? Alle werden sie aufgenommen; sie liegen auf Terrassen, Dächern, Galerien, an einem Abend werden siebzig neue Decken für Verwundete gebraucht. Ibrahim, der siegreich nach Norden zieht, Herr ist bis über Hamas) hinaus, hat einzig Dar Dschun nicht bezwungen. Und Dar Dschun wird ein Herd der Empörung! Aber die Warte der ägyptischen Abgesandten bleiben immer nach sanft. Seine Herrlichkeit, der Vizekönig, wünscht nichts als die Neutralität der Sitt ... Und — die Auslieferung der obersten Empörer ... „Ich werde sie alle verteidigen — nicht im Namen von England, sondern im eigenen! Wie ein armer Araber, der die unglücklichen Opfer nur mit feinem eigenen Leben ausliefern würde. Es gibt keine Mittel, mich weichen zu machen, als über meinen Körper zu schreiten!" Mehemet Ali zieht es vor, nicht über den Körper einer Frau hinwegzuschreiten — dieser Frau! Im Mai 1833 kommt unter dem Schutz europäischer Mächte ein Waffenstillstand zustande. Danach wird der Aegypter rechtmäßiger Herr über ganz Syrien; die europäischen Konsuln haben seine Macht anzuerkennen. Lady Stanhope gehört nicht zu jenen, die sich fügen. Dar Dschun, ihr Reich, hält zu Konstantinopel! Mehemet Ali ist am Ende seines Rates. Er wird einen Engländer im Kampf gegen die Engländerin gebrauchen. „Lady Stanhope ist schwieriger als ganz Syrien", klagt er dem britischen Generalkonsul jn Kairo. Und das sagt er mir! denkt der Vertreter Großbritanniens. Laut fragt er: „Was wünschen Hoheit, daß Id) ihr schreibe?" „Wenn Eure Exzellenz nur die Namen meiner Feinde erfahren könnten, die zu ihr flüchten!" Der Generalkonsul verschweigt, daß er diese Bitte schon einmal vergeblich gestellt, und verspricht sein Bestes. Aber auch diesmal antwortet Mylady: „Seit wann ist es Gewohnheit der Konsuln, ihren Vorgesetzten Befehle zu erteilen?" Kein Name wird ausgeliefert. — Nun erscheint Ibrahim Pascha selbst, der siegreiche Feldherr, in Dar Dschun. Von ihm heißt es, daß er dösen Zauber versteht und im Kriege kugelfest ist. Lady Stanhppe hat Ibrahim einmal in Aegypten gesehen, und er hat ihr nicht gefallen. Sie verweigert seinen Besuch. Ibrahim zieht ab, es bleibt dabei: Dar Dschun ist nicht zu erobern. Die Sitt hat gegen den Drusenfürsten gesiegt, sie triumphiert auch über Aegypten und den eigenen Konsul. Die Macht, der sie sich beugt, ist nicht gefunden. Der Aegypter benötigt für Syrien ein Heer von dreißigtausend Soldaten. Es werden Steuern ausgehoben, unbarmherzig. In Aleppo müssen sogar die Bettler herhalten und wandern mit diesem Motto wehklagend von Tür zu Tür. Ibrahim trinkt mit einem Scheich und sagt im Rausch: „Ich stehle, du stiehlst, er stiehlt, wir stehlen ..." Der Scheich ist auch nicht mehr ganz nüchtern: „Ergänzen wir: ich täusche, du täuschst, wir täuschen..." Jetzt ist es klar: Mehemet Ali begnügt sich nicht mit Syrien; er will Konstantinopel erobern! Was männliche Beine hat, wird ausgehoben, Knaben bis zu zwölf Jahren kommen ins Heer. Ibrahim läßt erschießen, verbannen, er- hängen, einhundertachtzig syrische Ortschaften stammen auf. Emir Beschir, der Drusenfürst, ooth Golde Aegyptens gekauft, fordert im Frühling fein eigenes Volk auf, sich Seiner Hoheit dem Vizekönig Aegyptens nnder- standslos zu ergeben. Darauf marschiert Ibrahim in Eilmärschen mit sechstausend Mann über den Libanon. Die todesverachtenden Drusen sind überlistet — ohne daß ein Flintenschuß fiel. Im Triumph erklärt Ibrahim: „Diese Hunde von Drusen hatten keine einzige Kugel sür uns! Das Wort wird ausgefangen, in Dar Dschun erzählt. Hefter empfangt einen drusischen Scheich: . . , ... „Was, Hund von einem Drusen, du hast nicht eine einzige Kugel für Ibrahim?" , , , . m ,, - Sie ahmt Ibrahims Stimme nach, seinen Tonfall, ferne Geste ... Der Druse zieht sich zurück, mit verdüsterter Stirn. Wo ein Druse erscheint, ruft es ein Diener der Sitt ihm ins Gesicht, Mylady selbst wiederholt das Wort grollend vor einem Offizier des Aegypters. „ ... Der Funke springt auf, in den lauen Nächten, bei den Gefangen der Drusen, unter Weibern und Kindern ... Der Funke kommt aus Dar Dschun. Mehemet Ali knirscht mit den Zähnen: welche Macht wird diese Fraü bezwingen? Er ahnt nicht, daß diese Macht gefunden ist und eben beginnt, die Schlinge um Myladys Hals zu legen. — In den letzten Jahren hat die Sitt nicht nur die Zinsen für die Bürgschaft des Paschas von Akkon zurückgestellt, sie mußte auch viel Geld neu aufnehmen, um ihr Flüchtlingslager zu ernähren, zu kleiden. Längst sind alle Kostbarkeiten verpsändet. Ihre Gläubiger füllen die Küstenstädte. Sie haben lange gewartet, lange vertraut. Nun ist ihre Geduld am End«. In den Basars von Saida, von Beyruth, murren die Wechsler, und die Türken spötteln. „Ich will dir raten: nimm den Schuldschein und trinke^ ihn in Limonade! Es wird das einzige fein, was du je dafür erhältst." Mehemet Ali, der Herr des Landes, lächelt... Geld macht Mylady sterblich! Begreifen Ihre Exzellenzen, die Herren Konsuln, nicht, daß es Zeit wird zu zahlen? Höchste Zeit? Und wie sie begreifen! Eine Engländerin, die Schuldner von syrischen Wechselgaunern wird, ist ein öffentliches Aergernis für England! Briefe, Bogen, Memoranden füllen sich, gehen hin und her zwischen Kairo und London. Aber warum so viel Aufhebens? Selbstverständlich, erklärt Hefter, wird sie zahlen! Zwar sind ihre Schulden auf vierzehntausend Pfund Sterling angewachsen — es ging nicht anders, sie hat für Hunderte von Menschen durch drei Jahre sorgen müssen — natürlich: müssen! Wer hätte sonst für die Menschen gesorgt? — aber ein irischer Oberst ist soeben in diesen Wochen verstorben, dessen Erbin sie ist. Sobald die Formalitäten des Güterverkaufs erledigt sind, wird sie genügend Geld haben, um alles zu regeln. Dr. Meryon wird nach Syrien gerufen, die Erbschaftsangelegenheiten müssen mündlich besprochen und dann schleunigst durch ihn erledigt werden. Meryon schisst sich ein, erleidet Schifsbruch, kehrt zurück; Mr. Meryon kann das Meer nicht vertragen, auch locken sie die Wildnis und die tyrannische Herrin von Dar Dschun gar wenig. Endlich, im Juli 1837, kommt er mit Frau und Kind — entgegen dem ausdrücklichen Befehl Myladys, keine Familie mitzubringen, denn — Hefter liebt Ehefrauen nicht und hält einen verheirateten Mann für den elendesten Sklaven der Erde. Sie hat in ihrem ganzen Leben nur drei Frauen gekannt, die ihre Männer nicht behinderten. Mrs. Meryon muß irgendwo im Nachbardorf schlafen, und der Doktor wird jeden Tag zu ihr nach Dar Dfchun herüberreiten. „Ah, Doktor", empfängt sie ihn, als fei er gestern von ihr geschieden, „setzen wir uns und sprechen wir." Mylady sieht noch immer imponierend aus, aber wehmütig bemerkt Meryon, daß sie zur Orientalin geworden ist, den Turban nicht mehr ablegt — sie läßt sich sogar die Haare abrasieren —, keinen Tee mehr trinkt und im Garten seinen Arm nimmt — was in all den sieben Jahren der Reise nicht ein einziges Mal vorgekommen! Ja, die irische Erbschaft ... Meryon bedauert zutiefst — aber er kann nicht glauben, daß sie anderswo als in Myladys Einbildung existiert. „Doktor, ich bitte Sie, der Oberst hat doch Mr. Pitt seinerzeit als Generalerben eingesetzt!" „Aber nun hat der Oberst doch Mr. Pitt um einundzwanzig Jahre Überlebt." „Na eben. Jeder weih doch, daß ich Pitts Erbin bin — also werde ich den Oberst beerben." Meryon hofft, daß Mylday recht behalten möge, wie so oft. Nur — er zweifelt. „Was sind Sie doch für «ine alte Unke geworden", meint Mylady, kein Wunder — ein verheirateter Mann! Unter dem Pantoffel stehen Sie gewiß auch. Ja — wer seinen Bart an eine Frau verkauft!" Ach, sie ist immer noch dieselbe. Dennoch — er fühlt, wie ihr Zauber ihn neu umfängt — dieses Weib voll strahlender Kraft und unzerbrechlichem Mut gibt es nur einmal aus der Welt — den Göttern sei Dank! Er wagt an die enormen Ausgaben zu tasten, eben ist er wieder drei Mauleseln begegnet, die Kleider, Konserven, Möbel in die verarmten Dörfer bringen. „Sie werden mir erlauben, der einzige Richter darüber zu sein, wie ich mein Geld verwenden soll", antwortet sie. „Schenken mag Ihnen überflüssig erscheinen — mir ist es Leben. Kommen mir nicht mehr auf diesen Punkt zurück." — Der Herbstwind heult durch alle Ritzen, die Dächer von Dar Dschun sind nicht mehr regenfeft. Gäste werden nicht empfangen, Mylady hat kein Geld für europäische Besucher. Die Abgewiesenen verstehen sich zu rücken mit Europas wirksamster Waffe: dem Zeitungsbericht. Indes sitzt sie und erzählt Meryon stundenlang, nächtelang aus ihrer Jugend, von den Londoner Salons, von dem kugelfesten Feldherrn Ibrahim, von stehlenden Dienern und eigenen Taten. Und — nach all ben Jahren des Schweigens, gestaut wie «ine Kraft, die alles überflutet, kommt Pitts Name wieder auf ihre Lippen Nachts um zwei ober drei reitet Meryon heim zu feiner Frau, Oie in Tränen aufgelöst, krank vor Furcht, unter arabischen Dienern auf ihn wartet. Dann schreibt er, was die Herrin erzählt, in sein Tagebuch, denn trotz allem — er glaubt an eine Sendung dieser Frau, die in alterndem Körper eine rätselhaft brennend« Flamm« wahrt. Rings um Dar Dschun reitet es durch die Nächte. Dor Ibrahims Soldatenaushebungen flüchten Drusen, Mohammedaner, Christen — sie alle wollen dem Aegypter nicht dienen. Alte Väter werden erschlagen, well die Söhne flüchtig sind, Mütter an den Haaren aufgehängt, bis sie die Kinder verraten. Die Drusen reißen sich selbst die Augen aus, schneiden sich Daumen ab — sie waren ein freies Volk und sind überlistet worden! . , m ... Die Städte leeren sich, di« Wälder und Berge sind weit, alte Graber und Kreuzfahrerburgen bieten Versteck. Inmitten des Libanon liegt der Lejda, ein Berg mit Abgründen, Wüsten und erloschenen Kratern. Nach und nach verschwinden die Drusen, achttausend zähtt man weniger. Man sagt: sie sind im Lejda. Die ägyptischen Regimenter gehen vor; sie treffen verlassene Dörfer, die Sonne bescheint Täler, in denen sich kein Hauch von Leben zeigt. Endlich gewahrt man Flüchtlinge in der Ferne. Die Aegypter verfolgen sie empört, die Vorhut wird abgeschmtten — der Augenblick ist gekommen ... ,. „Hund von einem Drusen — hast du keine Kugel für Ibrahim? zischt es von harten Lippen. ‘ Aus Löchern und Höhlen, hinter Felsen und Wassern zielen die Drusen ... Nur wenige verletzte Aegypter, die das Entsetzen verstört, entkommen; die letzten werfen die Waffen fort. Unter dem ersten Schuß der „Drusenhunde" sind sünshunderk Aegypter gesallen. Hefter glüht unter der Nachricht des Sieges. Zwar leert sich Dar Dschun, die Drusenflüchtlinge kehren in ihre Dörfer zurück — sie, die nackt nach Dar Dschun geflüchtet, mit denen Hefter drei Jahre lang ihr Brot geteilt, kritisieren schließlich den Stoss der geschenkten Kleider, raubten alles Silberzeug und ließen chr Asyl kahlgeplündert hinter sich — dennoch schickt die Sitt ganze Karawanen von Lebensmitteln und Hausrat in die ausgebrannten Dörfer nach und beschäftigt ein Heer, um die zerstörten Hütten auszubauen. Dabei fehlt ihr selbst gegen Ende des Monats der letzte Piaster, ihre Zimmer haben Locher im Boden und stürzende Decken, die Mattatzen faulen, der Käse hat Würmer. Ein alter Bauer bringt ein Kännchen Del, weil er weiß, daß die Sitt keines mehr hat. Meryon ringt die Hände. Immer noch helfen — und dabei selbst verhungern! ,Zch kann jetzt nicht an diese Bagatellen denken", tadelt Mylady, „Geld kann das alles wieder ersetzen, und wenn Gott will, werde ich solches erhalten. Noch immer würde ich nicht mit dem Herzog von Buckingham oder Devonshire tauschen, ich habe sie beide über einen Verlust von zehn Guinees seufzen sehen." „Gewiß — aber dafür waren sie nicht am Ende der Welt!" „Pah, wenn ich wissen will, was in Konstantinopel oder London vorgeht, dirigiere ich meine Gedanken dorthin, und eine Viertelstunde danach rollt sich alles vor mir ab, wie in Wirklichkeit." Meryon schaudert. Sie ist verrückt! Zwar ist sie durch Lamartine, den Dichter, dem es noch kürzlich geglückt ist, empfangen zu werden, neuerdings durch ganz Europa berühmt geworden; er hat von ihr als der überragendsten Frau gesprochen, die er je gesehen, sie die Circe der Wüste genannt, laut ihr zärtliches Lächeln gepriesen und den strahlenden Blick, „der etwas Göttliches hat". Auch Kinglake, der englische Dichter, bestätigt, daß sie „normal sei in jeder Richtung, ausgenommen in ihrer Metaphysik". Dennoch — Meryon kann den Zweifel nicht mehr besiegen. Wenn einer der Diener dabei ertappt wird, ihre Pferde zu reiten, werden die Tiere augenblicklich erschossen, allerdings nicht ohne daß ein zärtliches Lebewohl in ihre Ohren geflüstert wird. Ganze Ziegenherden werden getötet, weil der Hirte jene Tiere verwechselt hat, die allein der Herrin Milch geben dürfen. Ein Verbrechen ist es, wenn je ihre Teller, Tischtücher oder Gläser irgendeinem andern Menschen vorgesetzt werden, und sei es der geehrteste Gast! Meryon sieht, daß Mylady eine schwere Lungenreizung hat, Asthma und Erstickungszustände, oft findet er sie erst gegen Abend außer Bett. Er wagt frische Luft zu empfehlen, wünscht, daß sie eine europäische Dienerin zur Pflege kommen läßt. Aber seit James, der Bruder, den sie einst geliebt, sich im Gram um seine tote Frau fern in England erhängt hat, überschreitet Mylady nie mehr die Wälle von Dar Dschun. Selten geht sie im Garten spazieren, ganz zu schweigen davon, daß sie sich jeden Mittwoch einschließt, weil „Mittwoch ein dunkler Tag" sei! Niemand weiß, was sie dann tut, man könnte ebensogut erfahren, womit der Mann im Mond sich beschäftigt. Denn gewiß ist es nur eine ihrer Launen, wenn sie erklärt, di« Sterne seien des Nachts ihre Lehrer, und jeder einzelne sage ihr mehr als alle Bücher der Menschen, die doch nur den Kopf verdrehen und die Augen trüben. Meryon kommt schlecht an mit seinem Rat: Bewegung in freier Luft. Wohlgemerkt, nicht als Arzt hat sie ihn kommen lassen, sondern als Freund und wirtschaftlichen Berater. Sie ist ihr eigener Arzt, und außerdem gibt sie keinen Pfennig für die europäische Medizin. „Ein Arzt muß mit der grünen Hand geboren fein, verstehen Sie. Sonst ist alles umsonst ... Jawohl! Mit der grünen Hand, sagen die Araber. Oder glauben Sie, daß jeder ein Bildhauer sein kann, ein tfelbj Herr ober ein Staatsmann? Sein Stern ist es, der ihn dazu macht. „Ja, ja", nickt Meryon. (Fortsetzung folgt.) versetzende Musik. , , . In einer lebendigen Sprache wird immer der Zusammenhang noch fühlbar und erkennbar sein zu dem ersten Quell der Sprache überhaupt, zu dem hallenden Laut, den übermächtiges Gefühl ungestaltet noch, hm- ausschrie Wie da das Gefühl in die Kehle drängte, die Luft als Schall hinauspreßte und plötzlich den Rohstoff befaß zuberdem, J? und der Musik — das ist ein Vorgang, mag er weit in d e Fruhzeit des Menschengeschlechtes zurückgreifen und vielleicht Jahrtausende der Mit Wicklung gebraucht haben, so groß und gewaltig, daß er n mythischer Erstmaligkeit, wie die Herabbringung des Feuers, vor unserem ruck schauenden Auge steht. Dieser Vorgang klingt überall in der Dichter ,t nsie die Hevabbringung de- Feuers, vor unserem rück- Auge steht. Dieser Vorgang klingt überall in der Dichter- 'Pra&nahört man in manchen durch unendliche Entwicklung noch so veränderten Wörtern den frühen Menschen hindurch, wie er Laute n ch zuahmen sucht und sich freut, wenn es chm gelingt. Ist nicht aus Wor Oie Nacht. Don Friedrich Hölderlin. Ringsum ruhet die Stadt, still wird die erleuchtete Gasse, Und mit Fackeln geschmückt raschen die Wagen hinweg. Satt gehn heim, von Freuden des Tages zu ruhen, die Menschen, Und Gewinn und Verlust wäget ein sinniges Haupt Wohl zufrieden zu Haus; leer steht von Trauben und Blumen, Und von Werken der Hand ruht der geschäftige Markt. Aber das Saitenspiel tönt fern aus Gärten; vielleicht, daß Dort ein Liebender spielt oder ein einsamer Mann Ferner Freunde gedenkt und der Jugendzeit; und die Brunnen, Jmmerquillend und frisch, rauschen an duftendem Beet, Still in dämmriger Luft ertönen geläutete Glocken, Und der Stunden gedenk rufet ein Wächter die Zahl. Jetzt auch kommet ein Wehn und regt die Gipfel des Hains auf, Sieht Und das Ebenbald unserer Erde, der Mond Kommet geheim nun auch, die Schwärmerische, die Nacht kommt; Voll mit Sternen und wohin wenig bekümmert um uns Glänzt die Erstaunende dort, die Fremlingin unter uns Menschen, Ueber Gebirgeshöhn traurig und prächtig herauf. Oie Sprache des Dichters. Von Wilhelm von Scholz. Ich erinnere mich daran, daß man uns in der Schule etwas von „poetischer Lizenz" erzählt hat, was mir nie recht hat einleuchten wollen. Poetische Lizenz — das sollte soviel heißen wie: der Dichter darf sich der Sprache gegenüber mancherlei herausnehmen, was dem Prosaisten und dem nüchternen Mann des Alltags, wenn sie die Sprache anwenden, verboten ist. Der Dichter sollte die Worte im Satz ohne weiteres gegenüber den Forderungen des richtigen Satzbaus umstellen dürfen, wenn es ihm den Reim ermöglichte, oder auch veraltete Formen anwenden, wie „liebet" statt „liebt", wenn er einen Versfuß mehr brauchte; gewagte, selbst unsinnige Bilder und Vergleiche sollten ihm gestattet sein, wenn sie nur seiner Leidenschaft, seinem Ueberfchwang gemäß wären. Und was der Torheiten mehr sind, die Dichter begehen und die Schulmeister (hier in ungutem Sinne) gerne als Recht der Dichter aushecken. Ich sage gleich: von diesen armseligen Notbrücken, mit denen man den Dichtern einen Dienst zu erweisen dachte, aus führt kein Weg zum Verstandms der Dichterfprache und ihres tiefen Unterschieds von der Alltagssprache. Man denke sich einmal einen Vorzeitmenschen, der aus Mitteilungsbedürfnis, statt mit Worten zu schreiben, in grobem Umriß das Ding zeichnete, das er nicht benennen konnte (ein Vorgang, der noch m unserem Ausdruck „etwas bezeichnen" erhalten ist), ein Haus also so hinstrichelte, wie es unsere Kleinsten, wenn sie eben den Griffel halten, zusammenkritzeln — und daneben dann die kunstvolle Zeichnung oder Malerei eines wirklichen Künstlers, der durch sein Werk niemandem eine bloße Mitteilung machen, sondern einen Eindruck, ein äußeres und inneres Geschautes aus reiner Freude daran, wie. erregend schön und gegenwärtig es ist, festhalten und wiedergeben möchte; dann hat man Alltags- sprache und Dichtersprache nebeneinander. Die Alltagssprache ist ein reines Verständigungsmittel zwischen den Menschen, die Dichtersprache ist Ton in der Hand eines Bildhauers, Farbe in der Hand eines Malers, Saiteninstrument m der des Musikers. Sie will nicht, wie die Alltagssprache, Mitteilungen, Berichte, Erklärungen weitergeben, sondern Freude, Gefühl, Anschauung, tiefe Lebenserkenntnis, ja Glück ausstrahlen. Die Worte des Dichters klingen und singen, sie malen sie gestalten, selbst wenn sie im Hinblick auf ein gewandtes Sprechen oder Schreiben nur zu stammeln scheinen. Das Stammeln des Dichters kann rn seinem Suchen unendlich sinnenhafttt, gefühlsstarker Ausdruck fein. Wenn der junge Goethe unbedenklich so ein paar Verse hinsetzt: „Denn mein Herz hat groß und viel, Begehr, was doch in der Welt an Freude war, allen Sonnenschein und alle Bäume, alles Meergestad' und alle Träume in mein Herz zu fassen miteianöer — so ist das hingestammelt und doch tausendmal schöner als manch wohlgefügtes Gedicht und ist echteste lyrifche Dichtung. „ .;ht Aber abgesehen davon, daß die Sprache des DMers sich be^ht alles so zu sagen, daß es als Wirklichkeit gefühlt wird daß das Wort mit feinem Zauber alle Erinnerungen und Erlebnisse in unswachrch.an denen sich nun unsere Phantasie belebt und °u- denen sie d.e Bilder zu der Dichtung schafft — abgesehen davon gibt_bie Sprache des ters dem Lesenden ober Hörenden Bewegung, Schwung, Rhythmus. Sie ist wie eine mitziehende, die Seele und fast den Körper in Schw g g ten wie „dunkel", ,Humps", „hohl", die raumfjaftc Dämpfung, die der Ton in Höhlen, unter Gewölben erfährt, deutlich gegeben? Dem wird die Dichterjprache immer nachtrachten. Denn die lebendige Sprache, wie sie der Dichter haben muh, fchasst, wenn sie ohne gedankliche Zersetzung aus dem Innern des Menschen hervorgeht, nicht bloß die leicht in die Mittel der Sprache zu übertragenden kennzeichnenden Laute nach, sondern mit ihrer Hilfe stellt sie auch Gesichts- und Gefühlsvorstellungen sinnenhaft dar. Ich glaube, daß in der Zeile „Scheiben klirren in Scherben" weit mehr als der bloße Gehörsvorgang in die Vorstellung gezwungen wird; daß mit dem Eindringen des „r" statt des „i" in das Wort „Scheiben" das unmittelbare Dasein des Gesichtsbildes der zersplitternden Glasflächen durch den klanglich entsprechenden Ausdruck aufs höchste unterstützt wird. Die starke innere Gesichtsvorstellung erzwang sich unmittelbar das gemäßefte Wort. Eichendorfs erweckt einmal den Gesang der Wolkenfrauen irrt Winde, das unwillkürliche Erklingen einer Melodie durch eine Verszeile, die fast nur aus langen und kurzen, von selbst melodisch-rhythmisch stimmenden I-Lauten besteht: „Die singen im Wind ihr Lied —" Wie diese verhältnismäßig einfachen Sinneneindrücke vermag die Sprache in immer feinerer Bereitung zuletzt auch rein geistige Vorgänge sinnlich lebendig zu machenl Der Dichter muß eben mit dem Gefühl in feiner Sprache weit zurückgetaucht fein bis zur sinnenhaften Klanggeburt des Wortes aus den Dingen. Oer gestürzte Adler. Von Otto A l f ch e r. Manchmal tarnen ihm leichte Schleierwolken entgegen, er glitt in sie hinein ohne Schwingenschlag; dann war plötzlich ein Jagen und Schießen um ihn, während er sonst in der Luft stille zu stehen schien und nur, das Rauschen des Windes in den weitgespreizten Schwungfedern ihm sagte, daß er flog. Aber das milchige Treiben währte immer nur kurz, schon lag wieder die Sonne auf seinem Gesieder, die Tiefe öffnete sich; eine kleine, ferne Bergwelt mit waldverschloffenen Schluchten und glänzenden Triften. Mit leuchtenden Felsgipseln, die zu ihm emporgriffen, ohne ihn doch je erreichen zu können. Diese Ferne der Erde, dieses Luftmeer, das ihn von ihr trennte« welches er zu verkleinern oder zu vergrößern vermochte, wie er wollte, war ihm die tragende Kraft, das Bewußtsein seines Wesens, jenes Herrschergefühls über Weite und Tiefe und allem, was sich dort unten bewegte. Denn trotz der Tiefe, die ihn von der Erde schied, war diese immer gleich offen für ihn. Seine scharfen Augen hoben alles, was sich uniert regte, klar und deutlich zu ihm empor, und, obwohl man auf der Erde nichts mehr von ihm im fernen Blau sah, erkannte er jebes Huschen einer Eidechse, das Schwirren eines Vogels von Busch zu Busch, ja selbst den Umriß eines Hasen, der sich gleichfarbig im trockenen Grase gedrückt hatte. Der Steinadler zog jeden Tag die gleiche Sttecke. Wenn die ersten Sonnenstrahlen die Felswand trafen, wo er feinen nächtlichen Einstand hatte, warf er sich über die Tiefe hinweg, schraubte sich rasch höher und zog dann einen Bergrücken entlang, dessen einzelne Gipfel bis zum Sommerbeginn Schnee in den Runsen trugen. Hier, im Gebiet der Latschen, fand er feine Beute: Birkhühner und Hafen, die der Morgen an die Sonne lockte und manchmal auch ein Geißkitz, das sich zu weit von der Muttergeih fortgewagt hatte. - Der Tag war ganz klar geworden. Ferne nur, über einer Niederung stand noch der Morgendunst. Da sah der Adler plötzlich einen Schneehasen über einen freien Grat wechseln. Mit angelegten Schwingen schoß er im Sturzflug dem Hasen nach, ihn noch zu schlagen, bevor er jenseits den Waldrand erreichte. Schon war er dicht über dem Hasen angelangt, als plötzlich unter einer Schirmbuche ein Mensch hervorsprang und ein Ge. wehr anlegte. Der Steinadler schwenkte jäh ab, da ein peitschender Knall und ein stechender Schmerz in den Muskel feiner linken Schwinge traf. Wohl Überschlug er sich einmal in der Luft, fing sich aber wieder auf, und da der Schwingenknochen nicht gebrochen war, ließ er sich über das Tal hinweg einem Bergkegel zuqleiten. Seine Kraft ließ rasch nach, er begann zu schwanken, wollte im Wipfel eines alten Baumes inmitten des Kegels aufbaumen, verfehlte aber den Baum und stürzte in das Gewirr niederen Gestrüppes ab. . Im Gezweig verfangen, sank er langsam durch seine Schwere tiefer, erreichte zwar den Boden, war aber so dicht vom Gesperre umgeben, daß er sich kaum zu regen vermochte. Bestürzt schaute er umher. Noch-nie hatte er sich in einer solchen Lage befunden, selbst als Iungyogel sah er stets über den Rand des Horstes hinweg die blauende Weite, hier aber war nicht einmal eine Spur des Himmels zu erblicken. Auf ^mmal empfand er dieses Gesangensein wie eine furchtbare Gefahr, und trotz seiner verwundeten Schwinge, die er nicht einzuziehen vermochte, begann er sich durch das Gestrüpp zu arbeiten. So kam er denn auf eine Stelle wo ein Fallbaum eine Lücke in den Wald gerissen, die Sonne blendend hereinreichte und oben, freilich nur begrenzt, sich der Himmel fpannte. Er schwang sich auf einen aufragenden Ast und, obwohl ihn rings dicht der Wald umstand, hatte er doch nicht mehr dieses furchtbare Bewußtsein einer rettungslosen Gefangenschaft. ■ Nun erst betrachtete der Adler seine Umgebung. Er befand sich M einem Graben von Blättergrün, zu seinen Fußen der Waldboden, über sich der Himmel fern und fremd und keine Möglichkeit, sich in die Weite hinaus zu schwingen. Um sich, unter sich ein ständiges Geraschel, ein Rauschen, Summen und Zirpen, das ihn wie eine Mauer umfmg, ihn mit qeschäfttger Nähe bedrängte. Wandte er feine wilden, scharfen Augen abwärts, so stießen sie gegen den Boden, prallten wie blind davon ab und fanden nicht die blauende Tiefe mit der wunderbaren Beruhigung des Hinweggleitens über sie. Er hatte das Gefühl, als fei für seine Schwinge fein Platz mehr, es gab für ihn kein Steigen und Sinken des Fluges, in feuer abbrennt uni> !lls wir dann mit dem Löwen- Weine faßen, den fein Keller auf ein altes Tor, Dächern treten dem Auf blankgescheuertem Tisch funkelt in der niedrigen Wirtsstube vor mir der Frickenhausener Wein im Römer. St. Kilian hat fein. Wort gehalten. Der Wein ist gut. Er heißt Zeit und Gegenwart vergessen. Jr der nachmittäglichen Stille der Wirtsstube brummen und summen die Fliegen. Draußen auf der Straße, spinnt der Sommer seine Fäden von Mauer zu Mauer. Lange habe ich droben aus der staubigen Straße gestanden, die zur St. Kilianskapelle und hinaus in die Weinberge führt, und mich in dieses urdeutsche Bild versenkt. Der fränkische Weinbauer, der mit seinem Ochsengespann an mir vorüberfuhr, mag sich wohl verwundert haben, wie man da so stehen bleiben und sich in eine Landschaft versenken kann, bis sie einem ganz aufgeht, einem zum Erlebnis wird. Er mußte sich immer wieder kopfschüttelnd umdrehen. stören. Eln Brunnen plätschert am Straßenrand, und hinter blumengeschmückten Fenstern klopft ein Schuster das Leder weich, dabei einen lustigen Marsch pfeifend. Nur hin und wieder mahnt der Stundenschlag der Turmuhr, der zitternd in die Stille, den ländlichen Frieden füllt, an das Weiterschreiten der Zeit. Und die Stadttore mit den hohen Linden oder Kastanien davor und den kleinen, niedrigen Sandbänken, sie find ein Idyll. Ost dünkt einem, die Schildwache in der himmelblauen Uniform, mit dem Strickstrumpf in der Hand, sei nur für einen Augenblick weggegangen, um irgendwo pflichtvergessen mit einem Mädchen über den Gartenzaun zu plaudern, und die große, schwere Flinte müsse noch am Tor lehnen. Eine steinerne Brücke wölbt sich über den Main. Ein Heiliger schaut von ihr herab auf die Fuhrleute, die mit ihrem Wagen über sie rumpeln, daß es wie ein fernes Gewitter dröhnt. Hinter der Brücke greifen eine Reihe Türme über hohe Dächer und ein Wall von alten Bäumen in den Himmel. Abgeschlossen wie eine kleine Festung grüßt Ochsenfurt mit wuchtigen Wehrtürmen über den Fluß. Es ist das Typische bei diesen kleinen Mainstädten, daß eine jede noch heute ein geschlossenes Ganze bildet. Da steht kein Haus abseits an der Straße, da liegt kein Weiler oder Gehöft im Grunde, es ist, als würden in diesem Maingau Sonderlinge nicht geduldet. In Ochsenfurt entzücken neben den hohen Stadttürmen und Toren, die wunderliche Namen, wie Klingenturm, Taubenturm, Zentturm, führen, vor allem die auf einer Terrasse stehende große Pfarrkirche im romanisch-gotischen Ueberaangsstil und das prächtige Rathaus und viele, feingeschmiedete Wirtschaftsschilder. Es wohnt unendlich viel Kultur in diesem Mainstädtchen, auf dessen leicht ansteigendem Markt sich das bunte Leben des Wochenmarkts breit macht, und in dessen Schenken die fränkischen Bauern bei Bier und Wein laut redend zusammensitzen. Am Ende des Marktplatzes ist noch ein Pranger und das Halseisen zu sehen, in dem zum Gespött der Menge so mancher Schuldner, schlechter Geselle, und so manches zänkische Weib gebüßt haben. * Und dann Frickenhausen mit seinen Weinbergen im Rücken, seinen engen Gassen, mit der zerfallenden Stadtmauer, die das graue Städtchen so mütterlich umschließt. Da steht inmitten dieser ländlichen Idylle das wundervolle alte Rathaus mit dem geduckten Haubenturm, der steinernen Treppe und dem alten Brunnen. Es sieht so gar nicht nach Amt und Würde aus. Eher wie ein lustiges Weinhaus mit Sang und Klang, in dem man die Grillen und Sorgen im Kreise froher Zechgenossen verscheuchen kann. Juli. Von Theodor Storm. Klingt im Wind ein Wiegenlied, Sonne warm herniedersieht, Seine Aehren senkt das Korn, Rote Beere schwillt am Dorn, Schwer von Segen ist die Flur — Junge Frau, was sinnst du nur? Am Abend überschreiten wir die eiserne Brücke, die von Segnitz nach Marktbreit führt. Die Stadt, die zwischen Rebenhügeln und bewaldeten Höhen wie in eine Wiege gebettet ist, zeigt mit ihren alten Bauten einstige Wohlhabenheit. Heute ist sie einer der vielen Orte im Frankenlande, deren Schönheit alljährlich die Maler anzieht und ihnen viele Motive bietet. Wundervolle Winkel, Straßenzeilen mit Ausblicken Wundervolle Winkel, Straßenzeilen mit Ausblicken die breite, behäbige Kirche, Amtshäuser mit hohen Auge malerisch entgegen. Und steigt man hinauf in die Weinberge, zur zerfallenen Kapelle, vor der die Jugend Johannisfeuer abbrennt und weit ins Maital leuchten läßt, da blüht wieder einmal jene blaue Stunde in einem auf, in der man mit dem frommen Matthias Claudius spricht: „Es gibt was Bessers in der Welt als aü’ ihr Schmerz und Lust". Unten liegt die Stadt mit Giebeln und Türmen, Erkern und Winkeln. Der weiße Rauch kräuselt sich aus vielen Schornsteinen in den Feierabend. An der Stadt vorbei fließt der Main, ein silbernes Band im Abendlicht. Eine beglückende Ruhe ist über die weite Mainlandschaft aus- gegoffen, eine Ruhe, die froh und heiter stimmt. In dem alten fränkischen Gasthof „Zum Löwen", dessen Geschichte bis ins Mittelalter zurückreicht, und der in seinem Innern einem kleinen Museum gleicht, sind wir zur Nacht geblieben. Der Löwenwirt hat so manchen Freund an Malern und Künstlern aller Art, die alljährlich bei ihm Einkehr halten. Davon zeugt manches Bild an der Wand, davon spricht manche Zeichnung und manches gute Wort im dicken Gästebuch, das wir durchblättern und uns freuen, wenn wir auf einen bekannten Namen stoßen. Als wir dann mit dem Löwen wirt plaudernd beim besten fränkischen „v„ ........... hergab, da sind auch wir seine Freunde geworden. Bis in die tiefe Nacht hinein erzählte er von „feinen Künstlern" und zwischendrein erklang manches lustige Lied zur Laute, die er meisterlich zu schlagen ver- ftanb. Sein „Wianer Fiakerlied", das er mit einer Herzlichkeit fang und pfiff und begleitete, wie ich sie selten gefunden, ist mir tagelang nicht aus den Ohren gekommen. Der Mond goß sein silbernes Licht über die alte stille Stadt und wachte über den Straßen und Gassen und zeichnete wunderliche Giebel aus das Buckelpflaster, als wir uns endlich mit freundschaftlichem Gute- Nacht-Gruß trennten und dem wackeren Wirte, dem Urtypus aller deutschen Gastwirte, baldiges Wiederkommen gelobten. Am anderen Morgen aber lockte uns Rothenburg. das notwendige Maß der Entfernung fehlte ihm, und ihm war, als müsse er gleich irgendwo anprallen und zerschellen. Tage vergingen ihm so. Der Adler blieb auf seinem Standort, als sei er daran festgebunden, nur manchmal ergriff er eine Maus, die ihm zu nahe kam, verschlang sie, bann verharrte er wieder reglos, als lausche er einem fernen Kommen, das noch nicht nahe genug war, um es mit seinen Fängen zu erfassen und für sich festzuhalten. Wenn aber der Wind den Ruch der Weite hereintrug, so bäumte sich sein Stolz auf, er hätte die grüne Mauer seines Gefängnisses durchbrechen mögen, um sich mit wildem Schrei in jene Weite hinauszustürzen, ohne die er nicht (eben konnte. Bis er dann eines Morgens fühlte, daß das, was er kommen gehört hatte, draußen irgendwo stand und auf ihn wartete. Da maß er mit den Blicken die Höhe der Röhre, die ihn rings umschloß, dann sprang er auf den Boden hinab und begann unter dem Gestrüpp hinweg zu kriechen. Immer weiter drang er vor, eine bestimmte Richtung einhaltend, als sähe er ein Ziel vor sich. Seine verwundete Schwinge hinderte ihn nicht- mehr, denn sie war inzwischen so weit geheilt, daß er sie an den Körper anlegen konnte, obwohl er bisher noch keine Möglichkeit gefunden hatte, ihre Kraft zu prüfen. Da aber lichtete sich das Unterholz, öffnete sich vollständig, und er stand am - Rande einer Felswand, die jäh in eine lichte Tiefe sank, erst von einzelnen Baumwipfeln getragen, die aber immer mehr zusammenfanken, um sich zuletzt ganz unten in einer Schlucht zu verkriechen. Der Adler stieß einen Schrei aus, als riefe er die Weite heran, die grenzenlos vor ihm tag. Dann breitete er die Schwingen und warf sich hinab, ohne zu erwägen, ob ihn die Tiefe nicht sogleich verschlingen würde. Aber seine Schwingen trugen ihn. Der Wind kam ihm entgegen und hob ihn auf, immer höher, da begann er sich emporzuschrauben, hoher und hoher, einer still stehenden Gruppe lichter Wolken zu. Bis er auf einmal in sie eintauchte, sie durchbohrend über sie hinauskam und nichts mehr unter ihm war als ein graues Wogen: über ihm, vor ihm aber die blaue Unendlichkeit. Und in diese schoß er nun hinein, als müsse er für immer der Erde entfliehen, die es versucht hatte, ihn an sich zu fesseln. Kleine Frankenstädte am Main. Bon Martin Weise. Am Tage hatte uns Würzburg, die Stadt lebendiger Kunst, alle ihre Schätze gezeigt. In der Abenddämmerung standen wir auf der Feste Marienberg und schauten über die alte Mainbrücke, von der die Heiligen von ihren Postamenten lächelnd aus die vorbeihastenden Menschen und den Strom herabblicken, in die Straßen und Gassen und Hose, die zwischen bunten Häuserwllrseln dämmern. Der Chor der Kirchenglocken kündete der Stadt Feierabend. Und dann saßen wir beim Bocksbeutel in einer der vielen dämmrigen Weinstuben und sprachen noch einmal über die Wunder der alten Bischofsstadt: die Malereien des Meisters Anton von Würzburg, die ebelgeformten Plastiken des großen Tilmann Riemenfchneider in der gotischen Marienkapelle und in Musxen, den Reichtum an Kirchen und Bürgerhäusern, und die Residenz, die der technische Genius des Frankenlandes, Balthasar Neumann geschaffen, den prächtigen Hofgarten, den der phantasieoolle Peter Alexander Wagner mit Putten, Faunisken, Savoyardenknaben geschmückt hat. Zu mitternächtlicher Stunde aber trat St. Kilian, der heilige Schutzpatron der alten, türmereichen Stadt, die wir samt ihrem Wein reichlich gelobt, zu uns und tat uns kund, daß auch anderorts am Main ein guter Tropfen gedeihe, der des Probierens wert fei. Seinem Rate folgend, find wir am anderen Morgen am Main hin- ausgezogen, die Stadt mit ihren vielen Wundern und die Feste Marienberg mit dem schnurrigen Kerl von Kastellan, der uns mit seiner Führung eine frohe Stunde bereitete, hinter uns lassend. Schon nach einer Stunde Wanderns auf weißer Landstraße, die sich durch das breite Maintal windet, steigen die Weinberge von Randesacker silbergrau auf, und bröckelnde Mauern zu ihren Füßen wandern mit der Straße, in gleicher Länge, mit den gleichen Krümmungen. Winzerhäuschen stehen wie Wächter zwischen den grünen Rebreihen. Dicht an der Straße schaut von einer grauen Mauer die Mutter Gottes milden Antlitzes herab und grüßt den Wanderer. Ihr Bild ist ganz Gnade, ganz mütterliche Güte. Die Sonne steht über steil aufsteigenden Hängen, weiße Wolkenballen ziehen satt und schwer über die weite, lichte Land- schast. Und dann steht man plötzlich vor einem kleinen Frankennest mit Stadtmauer und Stadttor. Unter dem Tor hemmt man seine Schritte und ist entzückt von dem bunten Bild, das sich dem Auge erschließt. Da stehen behäbig und versonnen die breiten Giebel der Häuser an der Straße: die Gasthofe strecken ihre Wirtsschilder vor, — alte, gute Handwerkskunst — und, täuscht man sich, ist es Wirklichkeit, einige hundert Meter an der Häuserzeile hin, da weitet sich wieder ein Tor mit Ti/rrn «ni> Uf)r und Glocke, und breite Lindenkronen schauen hinter ihm über trte Mauer. Das kleine Nest ist schon zu Ende. Dahinter geht wieder die Landstraße mit gesegneten Obstbäumen hinaus ins Land, einem neuen Ort mit Türmen und sommerlicher Verschwiegenheit entgegen. Ochsengespanne ziehen gemächlich über das holprige Pflaster, und Ganse lassen sich inmitten der Straße bei ihrer Visite durchaus nicht Der«ntwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Derlag: Brühlsche Universitätsdruckerei R.Lange, Gießen.