Jahrgang (938 Montag, -en H- November Nummer 89 GießenerKimilieubMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger itotti ... , , - ' • • ~ vuiuu; uu iiitu Ulli, «ri? -!!1 ,lner ®linute abginge. Türen schlugen, drei Kinder- Abteüfenster — der Zug fuhr ... köpfe am Älsteilfenster — |ul,u ... Als Christine abfuhr, standen alle Freunde mit Blumen auf dem loaynjteig. fie zu ihnen. „Ihr fahrt bald auf einem großen Schiff, das wird herrlich let"' auf dem Schloß werden Schafe und Hühner und Kühe sein und bald werdet ihr Mutti Wiedersehen!" Milotti preßte ihre Hand: „Christine, es ist mir nicht recht so! Chri» stipe, wollen wir es nicht noch ändern?" 1 ’ h.„6"^eis'^an5/ roiI rool*en 8«r nichts ändern! Du weißt im übrigen, du dich auf mich verlassen kannst! Die Beoeridges werden von dir entzückt |ein glaube mir! Du brauchst ja nur ein paar Lieder zu fingen und sie werden dich yinreißend finden. Was willst du mehr, Hans?" „Christine, es ist bitter, glaube es mir!" „Hans, man sucht sich eine Rolle nicht aus! Wir haben oft genug äaruber gesprochen. Es ist doch so, Hans, daß man vom Schicksal ge- nommen wird unsere Seele ist unser, Hans, aber nicht unser Erlebnis." C. S Vorsteher in der roten Dienstmütze machte darauf aufmerksam, OQß OCT ,,«>!<» tu Atnac STDter-.-... . t < < ’ t , Xoman von Rolf Brandt Copyrkght by August Scherl Nachfolger, Berlkn (Schluß.) 9n„M^r'!^lne schweigend. Eine ganz feine Röte zog sich von den WmL 'S k H5 La,t “ Sie miei>erM unb nun . Christine legte den Finger über den Mund und senkte ihn dann «in wenig bis in die Höhe ihrer Schulter, so, wie sie es getan hatte, als )ie noch em ganz junges Mädchen war: „Wir müssen nun nicht weiterreden. Seien Sie nicht böse!" „Ich bin aber böse", sagte Meroven. Sie legte ihm beide Hände flach über den Tisch entgegen: „Meroven! Vieber, unausstehlicher Meroven, seien Sie nett, wir müssen jetzt schweigen!" D Er legte leicht seine Hand auf die schönen, langen Finger: „Ach, Frau Christine, schweigen mir!" Nach diesem Gespräch wollte Christine nicht, daß man die Einladung nach Hamburg annahm. Milotti und die drei Jungens sollten ursprünglich dort warten, bis sie kabeln würde, daß man sich in Neuyork träfe. Es ging nun nicht mehr, daß man es so einrichtete. Merovens Gefühl war nicht mehr verhüllt, man durfte die Einladung nicht annehmen. Sie schrieb an Beveridge. Sie lachte ein paarmal, als sie den Brief stilisierte: „Mein lieber Beveridge! Cs war so rührend, daß Sie uns einluden. Sie glauben nicht, wie wich diese Einladung gefreut hat, sie zeigte mir, daß Sie eine sehr nette und sehr kluge Frau haben, denn Sie haben ihr doch bestimmt erklärt, daß Sie einmal etwas für mich übrig gehabt haben. Das ist ein paar Jahre her, Beveridge! In den Jahren ist es mir nicht fo sehr gut gegangen, und ich habe oft an Ihre Abschiedsworie denken müssen. In einem hatten Sie unrecht: Ich bin mit meinem Mann sehr glücklich. Ich lege Ihnen die Bilder von meinen drei Jungens bei. Der Aelteste heißt Christoph. Sie sind alle blond und alle sehr luftig und gut. Es ist wunderschön, drei Jungens zu haben, Beveridge, aber es ist heute schwer in Deutschland, für sie zu sorgen. Ich habe darum den Rat eines alten Freundes befolgt und werde nach Amerika gehen. Es gibt dort Möglichkeiten für mich, die mich in Deutschland bei der politischen und wirtschaftlichen Entwicklung- nicht tragen. Die Gesellschaft, auf die es ankommt, ist republikanisch eingefärbt bis auf die Knochen. Der Name Rucktasch bedeutet für sie keine Empfehlung. Es ist nicht gut, in diesem Deutschland einen Großvater zu haben, hinter dessen Sarg ein Prinz schritt. Drüben ist es ja anders. Darin hatten Sie recht. Ich muß kämpfen, aber ich finde es schön, daß man kämpfen kann. Aus Ihrem Briefe kam aber außer der Erinnerung ein Ton von Kameradschaft, die ja zwischen uns war. Darum, und und weil ich in Not bin, nehme ich Ihre Einladung für meine drei Kinder an. Milotti, den Sie ja im Grunde leiden können, wird sie begleiten. Ich weiß, Sie werden lächeln, wenn Sie diese Zeilen lesen, das ironischste Lächeln, das Sie auf Lager haben. Sie brauchen nur zu fabeln, daß Sie Kopfschmerzen hätten oder daß Ihr jüngster Kater krank sei, ich werde es verstehen und immer finden, daß Sie recht hätten. _ Sie werden merken, Beveridge, daß mein Schiff in sehr stürmischer See ist. Sie werden merken und verstehen, wie Sie sich auch entscheiden wögen, es wird gut fein, und ich danke Ihnen für das Lebenszeichen. Die beiden Hunde aber werde ich mit nach Amerika nehmen. Sie find sehr dekorativ, und ich wünsche dort so aufzutreten, nicht arm, mit drei Kindern und einem besorgten und unpraktischen Mann. Ich grüße Sie, Beveridge! Leben Sie wohl!" Christine stand am Lehrter Bahnhof und küßte die drei Jungens. Den Jüngsten hielt sie eine ganze Weile im Arm: „Seid tapfer!" sagte I I ^ür seine letzten Pfennige hatte Heinrich Schüttewald einen ganzen Strauß Rosen gekauft. Rottenbach versprach, dafür zu sorgen, daß der Verkauf der Villa richtig zu Ende geführt würde. „Sie können sich auf mich verlassen, Frau Christine", sagte er „.. Dann waren da zwei Zunge Schauspieler, die fangen ein Abschieds- ,/en' ‘,ni)em fie d>e Gitarren dazu nachmachten. Es ging alles sehr (djnell, man lachte viel, die Blumen türmten sich im Netz, die vielen Koffer lagen im Packwagen, eine junge, elegante Frau in einem fabel» hast geschnittenen Reisekostüm mit kleinem dunkelblauem Hut ah aus dem Wagenfenster, winkte mit der Hand, bekam plötzlich für einen Augenblick unsichere Augen, lächelte aber dann mit Anstrengung und rief: „Rottenbach! Lieber, alter Rottenbach! Es wird mir gut geben wir sehen uns wieder!" Man lebte auf diesem Dampfer zwischen den Jahreszeiten und zwischen den Kontinenten. Man lebte in der Stadt Nirgendwo in einer Zauberstadt, die mit Wunderkräften über ein dunkelblaues sprühendes immer neues und verändertes Element zog. Christine konnte stundenlang unbeweglich am Bugspriet sitzen art verbotener Stelle, und zusehen, wie die mächtige weiße Welle' sich entfaltete, aufrauschte und wieder im Dunkelgrau ober im Dunkelblau des ewigen Hassers zerrann. Der Wind war salzig und schmeckte auf der Zunge. Der Wind war ein junger Bruder, der alle Gedanken fort» trug, der Wind war so, baß er einen in die Arme nahm, so stark in die Arme, daß man den Unfug der Menschen vergaß. , Aber Christine wußte, daß schon diese Ueberfahrt zu der Schlacht gehörte, die man gewinnen wollte. Sie trug bei dem ersten Ball an «yrd eine strahlende Toilette. Sie zeigte an jedem Tag ein neues Kleid unb neue Schuhe. Sie saß ba in einem blauen Rock und einer hellblauen Dluse unb in weißen Wildleberschuhen, ein Bild für eine amerikanische Modezeitung. Sie trug ein hellblaues Wollkleid, das die schöne, schlanke Lickte ihrer Figur zur gewagten Wirkung brachte. Sie war liebenswürdig, sie kokettierte mit den Männern, und sie lächelte mit den Frauen, sie saß in der Bar, sie nahm an den Borte spielen teil, sie flog, ein bunteiroter Pfeil, von der federnder Brücke in das Schwimmbassin: sie tanzte mit Deutschen, mit Amerikanern, mit Engländern. Sie zeichnete ein paar Karikaturen, die sie verschenkte, sie malte ein Bild des Kapitäns „zur Erinnerung", und sie malte den niedlichen Jungen eines amerikanischen Millionärs, der mit an Bord war, und schenkte die Skizze der Mutter. Merdoen sagte zu ihr: „Sie fechten tapfer, Frau Christine. Das ganze Schiff spricht schon von der Baronin von Milotti, der Enkelin des alten Rucktasch, des großen Malers. Passen Sie auf: Wenn wir landen, werden schon die Reporter da fein. Sie schlagen sich gut ... aber eigentlich hatte ich mir gedacht, daß ich ein wenig mehr von Ihnen haben dürfte auf dieser Ueberfahrt." Christine tanzte mit Meroven. Er war schweigsam, machte, als die Musik schwieg, feine kurze Verbeugung und fragte: „Jetzt kommt der amerikanische Oberst, bann folgt der Konsul, bann biefer kanadische Weizenkönig, den ich nicht ausstehen kann, bann ... Darf ich mich in einer Stunde wieder melden, Frau Christine?" „Nein, Sie dürfen mir den Arm geben und mich aus dem Saal führen! Wir wollen uns das Meer an sehen, ich habe für heute genug. Wir wollen Ferien machen, Meroven." Sie standen auf dem Bootsdeck, der Ozean atmete mit großen, schweren Atemzügen. Zuweilen brach sich eine Welle etwas stärker und blitzte silbern im nächtlichen Lichte auf. Ganz leise zitterte das Tempo der Maschinen durch den Schiffskörper. Die Milchstraße funkelte ein fünftes weißes Licht hernieder. „Ach, Meroven, so fährt man durch die Nacht seiner Träume!" ist, sage mir, daß du Meroven legte langsam die S)anb um ihre jjüften. _ _ Christine fühlte diese starke, gut« Hand. Sie sah sein männliches Gesicht, sie sah den Ausdruck der Augen. „Meroven, mir hatten doch C*9 Da* n)urbe der^Druck der Hand stärker: „Eigentlich, Christine? Er zog sie an sich heran. Sie wehrte sich mit keiner Geste. Als er den Kopf niederbeugte, bot sie ihm Sie Sippen. . fieiriricf) 9JZcroD8n, ft>*träumen n)tr! Sie süßte ihn heiß und leidenschaftlich und legte ihren Arm um leinen Nacken. Sie küßte ihn wieder und wieder. . , Der salzige Wind' ging durch ihre Haare, er lag wie ein Mantel einer strahlenden sungen Frau, in immer neuen und totbaren Ko- ftUT&ine' aß mit Reportern und mit Herausgebern, sie tras sich /»it Kollegen sie" lieh sich einladen. Um ihren großen, kühnen Knabenmund stand immer ein Lächeln, in ihren Augen war eure wache und uder- ^S'Sen^nad) ihrer Ankunft arrangierte William Parker die aroüe Auktion für sie. Der Auktionator stand in der großen Halle, vor eine mächtige Büchse mit Glyzerin. Der Mann schrie ununterbrochen als fei man in einer riesigen Zirkusvorstellung Er erzählte von jeden, Stuhl eine lange Geschichte. Als die PaleUe zur ^usb'etung kam, überschlug sich seine Stimme wie in einem ekstatischen Rausch Er mußte ein paar Löffel Glyzerin nehmen, um überhaupt weiter- schreien zu tonnen- „Sie sehen an dieser Palette noch die Farben, die den Ruhm des Meisters durch die Welt L-tragen haben. Meine Damen und Herren! Diese Palette ist das Sinnbild der Große diese Palette ist eine Erinnerung, wie sie noch niemals, solange Amerika entdeckt wurde, in dieser Auktionshalle ausgeboten worden ist!" . Christine stand in der Nähe des Auktionators in einem Kalkweißen Kleide, Las au" Raten von William Parker aber mit einer schwarzen Gürtelschleise und mit einem feinen schwarzen Besatz garniert war. „Sie müssen so etwas wie Trauer andeuten", hatte William Parker gesagt. Sie trug einen großen Florentinerhut mit schwarzem Bande, so mie ihn das junge Mädchen getragen hatte, das auf dem berühmtesten Frauengemälde des Großvaters in die UnsterbWkeit der Bilder geschritten war. Ihr Haar glänjte rötlich, sie trug lange schwarze Hand- ^**Das erste Gebot für die Palette war bereits sünshundert Dollar. Christine lächelte. Sie wußte selbst nicht mehr, ob es die echte oder eine falsche Palette war, die man versteigerte. Sie hatte auch gar keine Zeit, darüber nachzudenken, denn jetzt kam der Schreibtisch des Großvaters $ Da trat Christine vor: „Halt! Für tausend Dollar gebe ich den Schreibtisch von Christoph von Rucktasch nicht her!" Sie erhob die schwarz behandschuhte Hand, ihre Augen sahen kühl und großartig in die Menge. Ein paar junge Leute vorn, die aus Neugierde, und um sich die Zeit zu vertreiben, an der Auktion teilgenommen hatten, klatschten in die Hände; die Reporter verließen chnell den Saal. In den Abendblättern standen große Schlagzeilen: „Christine von Ruck- tasch, Enkelin des berühmten Malers, unterbrach Auktion! Gibt Erklärung, daß der Schreibtisch eine zu kostbare (Erinnerung fet, ein Geschenk des Kaisers. Die Baronin von Milottt, wie die Enkelin des Meisters jetzt heißt, hat unter Tränen den (Saal verlassen. Sie kann sich von der groh- artiaen Erinnerung ihrer Jugend nicht trennen. . ' | Am Abend war ein Kunsthändler aus Chikago bei Christtne und bot ihr ohne alle Umstände zehntausend Dollar für das kostbare Stuck. Cr machte ihr auch den Vorschlag, eine Malschule zu eröffnen. „yaw uno yalb!" sagte er. „Furdie ersten drei JahregebenSie nur die Hälfte der Summen, die jede Schülerin oder jeder Schuler zahlt. Ich schicke Ihnen nur reiche Leute, und Sie dürfen nur Preise nehmen, vor *D*er*Kam^lvar hart, der Kampf mit den Menschen, die liebenswürdig und kindlich waren, die naiv und grausam waren und ganz anders auf iedes Wort eingingen, als man es erwarten konnte. Die Einsamkeit stieg manchmal so hoch, daß man meinte, man muß nun in ihr ertrinken. Christine sah die Bilder ihrer drei Jungens. C lächelte manchmal für sich allem, wenn sie die Bilder lah r-nd sichvor^ stellte, daß sie mit den dreien eine Treppe hinabsteige, eine Treppe, in einen großen Garten führte. Sie dachte an nichts außer an die Sich 1,61 man mrchte immer die Suppen ausessen, die man si^ eingebrockt hatte. | Wenn man wollte, ging es einem dabei ganz gut, man mußte nur rvoll Die Schisssglocken schrillten, die Beamten tarnen an Bord die Pässe wurden gurü cf gegeben, die riefigen Fallreeps senkten sich aus die Mauer des Piers Ein grauer, nebliger Morgen. Aus dem Nebel Millionen und Millionen strählende gelbe Augen, böse gelbe Augen aus den Hochhäusern fern über dem Hasen. Sirenenheulen, Rufe. Die Schiffskapesie spielt, es klingt schon fern und verweht. Die Passagiere der ersten Klasse verlassen k^as Schiss. . f 'Christine trägt ihren kleinen Handkoffer; das große Gepäck, die vielen großen Schrankkosser werden folgen. Sie sieht den Nebel, der fast wie dünner Regen niederträufelt, sie sieht auf die fremden Gesichter dort unten, sie preßt die Lippen zusammen. . . . . Sieben ihr steht Meroven. Sie gibt ihm die Hand: „Heinz, ich danke dir! Laß mich nun allein den Weg durch diese Stadt gehen, ich mutz es allein tun, Heinz, ich will es auch allein tun! Ich habe ^esen Abschied im voraus gewußt, in der Minute, als wir dort oben standen. Leb wohl. $e*Sie drückte ihm feft die Hand und sah ihm fest und klar in die Augen: „Du bist der liebste Mann, den ich kenne!" Nun begann Christine von Milotti, die als junges Mädchen Christine von Rucktasch hieß, ihren Kamps um ein neues Stuck ihres Lebens. , , , Sie gab schon in der Hotelhalle die Unterredungen, die sie auf dem machte ihr auch Schiss versprochen hatte. Jawohl, sie sei die Enkelm von Christoph von | JJalb und h Rucktasch, sie habe Bilder von ihm mitgebrachtl Sie wolle sich Amerika ansehen, nach dem sie seit ihrer Kindheit eine große Sehnsucht gehabt habe, sie liebe die freie und große Art der Amerikaner, sie liebe diese Gesichter, die alle den kühnen Ausdruck einer neuen und lebendigen Welt hätten! O ja, sie wolle auch malen, viel malen! Sie freue sich auf die neuen Eindrücke, auf die Hellen Stirnen und die blauen Augen. Sie erzählte Anekdoten von ihrem Großvater, so die Geschichte von dem letzten Silbe d.es alten Kaisers. Sie hab« eine silberne Locke geerbt die der Kaiser dem Meister damals geschenkt hab«. Sie zeigte den Smäragdring, den der alte Herr ihrem Großvater selbst an den Singer gesteckt hatte. Wie gut, daß sie den Smaragdring in der Not damals M Deutschland nicht verkauft hatte! . „ .. x;. Ihr Bild erschien in der Neuyorker Presse ihr Bild ging durch d e hundert Zeitungen und Zeitschriften der großen Konzerne. Das Bild Vor ^diesem Schreibtisch hatte sie mit einer Schiefertafel gesessen, bas klang heran aus den Erzählungen ihrer Jugendzeit, und hatte geübt nach der Fibel: „i" nach einem großen Ei, das >n der Fibel^aufgemalt war, „e" nach einem großen störrischen Esel Als bas „e mit ben kleinen Fingern nicht recht gelang, war der Großvater hinter st« getreten und hatte mit dem Griffel einen lustigen Esel auf die Schiefertafel gezeichnet, einen Esel, der vor Vergnügen mit atten mer Fußen ausschlug. Aber ihre eigenen „e" waren dadurch nicht besser geworden. Da hatte der Großvater das große „Rt" unter den Efel gesetzt und hatte geraten .. Sie sah plötzlich, wie in emer Vision, sein Gesicht, sie sah fein Lächeln und den starken Glanz der grauen Augen ... Er hatte gesagt: „Christinchen, bringe die Tafel zu deinem Lehrer, so, wie sie ist, er wird deine „«" schon durchgehen lassen." Der Lehrer hatte die Tafel genommen und hatte gesagt. „Rucktasch, bestelle deinem Großvater eine Empfehlung verstehst dch eine Empfehlung, und ich ließe bitten, ob ich die Tafel behalten dürfe. Du hast ! ° Sann 'hatte ^ihr^der Lehrer eine große Tafel Schokolade geschenkt. | Oh, was muhte sie für schöne „e" gemacht haben .. - . . | Der Auktionator aber schrie: „Dies ist der ©cf)reibti[d), an dem der unsterbliche Meister seine Briefe diktiert hat, di« Briese an Seme Majestät den Kaiser und König Wichelm L, den Gründer des germanischen Aber" e*s^ zeigte sich, daß die Millionäre und die Kunsthändler, di« Snobs und die Aufkäufer, die ba in dem arofjen Saal umherstanden uno saßen, die Ide« hatten, daß für einen Maler ein Schreibtisch nicht viel bedeute. Die ersten Gebote waren zögernd. Langsam steigerten sich die Summen, bei taufend Dollar blieb der Preis stehen. Der Auktionator brüllte zwar mit der ganzen Kraft feiner Lungen, eine solche Gelegenheit, ein historisches Stück zu erstehen, das höchstens noch mit dem historischen Schreibtisch verglichen werden könne den Napoleon aus St. Helena benutzt habe, eine solche Gelegenheit dürfe niemand vorübergehen lassen. Aber niemand meldete sich. Er hob den **^Si*?*schritten°auf und ab. Sooft. Meroven anfangen wollte zu sprechen legte ihm Christine die Hand auf den Mund. Endlich nahm er die Hand, küßte sie und hielt sie fest in der seinen: „Christine, wir sind in zwei Tagen in Neuyork!" „Das weih ich, Heinrich Meroven. „Christine, ich liebe dich!" „Das weiß ichl" Christine schwieg und preßte jeden Finger seiner Hand mit kurzem, festem Druck. Sie fuhr ihm durch das Haar, sie streichelte sein« Wange, sie lehnte sich an ihn und ließ sich von ihm küssen. „Christine, sage mir, daß dies kein Traum mich nie verlassen willst!" „Das kann ich dir nicht sagen. Heinz, es ist em Traum! "Christine, ich bin nicht ein Mann, du wußtest es, mit dem man bist ein Mann. Wer ich bin, wußtest du auch! Du wühlest alles, Heinz sei nicht so töricht, frage nicht Ich kann nicht antworten. Meroven blieb vor ihr stehen. Er nahm ihre beiden Hände: „Chr^ stine, so geht das nicht! Mir ist das Geben nicht sv leicht geworden, ich habe nicht umsonst etwas Letztes aufgespart, weißt du, Christine, wovon man nicht gerne spricht, wenn man sich schlagen muß unb roenn man kämpfen muß: ein bißchen Herz, weiht du, mein Herz weißt du Es ist über mich gekommen, Christine, ich habe mich gewehrt, obwohl , ich mit einem Blick sah, wie deine Ehe aussieht! Weiht du, Chnsttne, dah ich oft an dich gedacht habe, an das kleine Mädchen da, das ich nur ein paar Minuten gesehen hatte?" „Heinz, das redest du dir jetzt em. „Du weißt genau, daß es dies gibt, Christin«, du weiht, wie es sehr bald mit mir stand, als ich dich Wiederwahl" Heinz wenn du nicht träumen willst, wollen wir uns gegenseitig nicht quälen. Wenn das Schiff festmacht in Neuyork am Pier ist der Traum zu Ende. Ich habe ihn mir erlaubt, ich habe ihn dir erlaubt ... Heinz, Gründe sind gleichgültig, sie sind anders für dich als für mich. Es ist möglich, daß ich Fehler gemacht habe in meinem Leben dann muß ich dafür geradestehen. Heinz, dies ist mein letztes Wort, das du hören kannst darüber: Ich habe drei Jungens, drei entzückende Jungens die ich liebe und mit denen ich glücklich sein willl Das kann man nicht wieder ändern, Heinz!" Heinrich Meroven wollte antworten. Sie legte ihm die linke Hand auf den Mund und streichelte über feinen Arm: „Schweige, Heinz Meroven! Man muh einen Traum rechtzeitig austräumen. Sieh, Heinz, es ist ein bitteres Wort, ich weiß es, aber id) muß es aussprechen. Man mutz entsagen, man muß entsagen können, weil man sonst ja doch nie wieder mit sich selbst ganz glücklich wird. und mußte wissen, daß Träume jenseits des Tages zu liegen haben. Am besten, man schasste alle Träume ab! Es war schwer mit den Schülern, aber es ging. Ihr erstes Porträt, das sie ausstellte, war ein ungeheurer Presseerfolg. Sie hatte es gemalt in dieser Stimmung, in der sie jetzt häufig war, so, als ob eine fremde Macht ihr den Pinsel führe. Das Gemälde, unter dos fk den Namen Rucktasch schrieb, hatte Aehnlichkeit mit der Malweise des Großvaters, aber es hatte merkwürdig heitere und klare Farben. Christine wußte selbst nicht, woher sie diese neue Farbengebung hatte. Nach einem halben Jahr kabelte sie nach England an Milotti, indem sie gleichzeitig die Schisfsplätze bestellte: "£rro,l?,r!e Dich mit der .Bremen'. Bringe deutsche Erzieherin mit, die gut Englisch spricht. Freue mich unmenschlich aus die Kinder ..." — sie zögerte, dann schrieb sie weiter: — und Dich." Sie gab das Telegramm dem Boy, damit er cs zur Post brächte. Dann ging sie zu ihrer Klasse. Die jungen Amerikaner und Amerikanerinnen verehrten sie abgöttisch. Sie korrigierte, sie stand hinter den Plätzen, dann ging sie an das Fenster. Ihr Profil stand, ein scharfer und kühner Schatten, gegen das Helle Licht. Sie sagte: „Sie müssen alle noch viel eifriger werden. Es ist eine so sehr ernste Sache, mit der Sie sich beschäftigen. Manche bQS ganze Leben. Ich weiß, daß Sie es nicht tun wollen, aber vielleicht wird der eine oder der andere von Ihnen noch zu der lieber- zeugung kommen, daß es eine gute Sache ist, sein Leben dem Ernste in der Kunst zu opfern, eine gute Sache, die sehr frei macht." Sie sah in den Augen ihrer Zuhörer Freundlichkeit aufblitzen, aber sie wußte, daß keiner sie eigentlich richtig verstand. Cs ging ihr auch darum, von sich ein Bekenntnis abzulegen, nachdem sie nun den schweren Weg schritt. Es war wie ein Traum, und es war eine zärtliche und heilige Wirklichkeit, als sie fuhr, um den Dampfer zu erwarten. Die Kinder sprangen ihr entgegen, sie kniete zwischen ihnen. Die jungen, lebendigen Münder preßten sich auf ihr Gesicht, die kleinen Arme legten sich um ihren Nacken, sie wurde beinahe zur Erde gerissen. „Du bist die beste, die klügste Mutti!" „Oh, Kinder", sagte Christine, „Mutti ist ein bißchen müde, ihr seid so sehr stürmisch!" ' Sie gab Milotti die Hand und sagte ihm: „Du hast es sicher schwer gehabt, Hans!" Sie reichte ihm den Mund, wandte sich ab und sah auf die Burgen und Schlösser, auf die steinernen Wolken, aus die Hochhäuser von Neuyork. „Es wird immer noch nicht leicht sein, Hans, aber wir schaffen es! Wir schaffen es auch, daß wir mit den Jungens einmal wieder ohne Heimweh in Deutschland sind!" Sie nahm die beiden Jüngsten an die Hand, sie schritt den Pier entlang mit den langen, schlaksigen Schritten, sie sah in eine unbestimmte Ferne. Die kleinen Hände lagen fest in den ihren. — Ende. — * . a Als Buch erschien der Roman „Christine von Milotti" von Rolf Brandt im Scherl-Äerlag. Das Märchen von den schiefen Absätzen. Manchmal, wenn ein Gast bei uns ist, höre ich im Verlauf der Unterhaltung plötzlich die Klage: Wie schrecklich nüchtern, wie sachlich, wie un- romantisch unsere Zeit doch ist! Ich nicke dann gewöhnlich meiner Frau zu, die sich darauf sofort erhebt und das Zimmer oerläßk. „Unromantisch nennen Sie die Zeit, in der wir leben, mein Lieber? Ich will Ihnen einmal etwas sagen: Unsere Zeit ist, wie auch jede andere Zeit, stets in dem Maße poesievoll, in dem wir sie, beziehungsweise die Menschen, die in ihr leben, sehen wollen." Ich wähle absichtlich diese ein wenig aufgeblähte Ausdrucksweise, um den mit der Welt Hadernden einige Sekunden lang in stilles Nachdenken zu verstricken. Hat er sich dann endlich gefaßt, und erwidert er mir, daß es wohl nicht immer auf die Menschen allein ankomme, sondern daß die Welt, in der sie lebten, die Dinge der Umgebung ihres Alltags eine weit größere Rolle spielten bei der Beantwortung der Frage, ob, und in wie weit eine Zeit romantisch zu nennen wäre; ist inzwischen meine Frau wieder ins Zimmer getreten. Sie trägt ein Paar braune Damenhalbschuhe in der Hand, die sie wortlos vor unseren Gast hinstellt.. „Nun, und was halten Sie zum Beispiel von diesen Schuhen?" frage ich den völlig Ueberraschten. „Schuhe gehören zweifellos zu den Dingen, die aus dem menschlichen Alltag nicht wegzudenken sind. Erscheint es Ihnen möglich, daß in diesen Schuhen ein Stück der von Ihnen so schmerzlich vermißten Romantik steckt?" Unser Besucher betrachtet, immer noch ein wenig erstaunt, die vor ihm stehende Schuhe. Bedächtig schüttelt er den Kops: „Weder ihrer Form, noch der Farbe, noch ihrem Material nach haben sie mir etwas zu sagen. Es ist ein vollkommen gewöhnliches Paar Damen- halbschuhe, strapazierfähig, wie mir scheint, sicher nicht mehr neu, auch in bezug auf die Mode, so viel ich davon verstehe..." „Das Paar ist vor mehr als zehn Jahren gekauft!" verrät meine Frau lächelnd. ....... Plötzlich, während er genauer Hinsicht, beginnt der Gast belustigt zu fchmunzeln: „Die Absätze, allerdings, die Absätze dieser Schuhe sind ja ganz toll schief!" Und dieser Ausruf bildet bann stets für meine Frau das Stichwort, ihre Geschichte zu beginnen, die wir „Das Märchen von den schiefen Absätzen" getauft haben. „Es war einmal ...", helfe ich ihr anfangen. Und sie fährt fort: .. • e;n sehr armes Mädchen, nicht älter als achtzehn Jahre, dar diese Schuhe (sie zeigt mit dem Finger daraus) aus dem Schrank Nahm U"d « chrocken ausrief: Oh, wie seid ihr schies! Dabei hatte es feink traurigen Blick auf die völlig niedergetretenen und verunstalteten Absätze gerichtet. Man muß nun nicht denken, daß das Mädchen so ganz arm geme(en wäre, daß es überhaupt 'nur dieses einzige Paar Schuhe besessen hatte Oh, nein! Das Mädchen war in einem Büro angestellt, konnte auf öer Schreibmaschine klappern, und wenn es auch nicht viel Geld war, das es dafür erhielt, so hatte es sich doch schon drei Paar andere Schuhe kaufen können, allerdings nur ganz leichte. Diese genügten ihm da es feommer war, und weil es lange Zeit nicht regnete, vergoß das Mädchen, die festen Schuhe zum Schuster zu tragen. Und als dann plötzlich zu regnen anfing, waren die Absätze immer noch schief. Und das war ein großes Unglück. Es war ein Unglück, weil das Mädchen verliebt war. Er, den das Mädchen liebte, hieß Thomas. Er war noch ziemlich neu. Aber so viel wußte das Mädchen schon von ihm, daß er über ein so unordentliches Mädchen, das mit schiefen Absätzen zum Stelldichein kam, sicher die Nase rümpfen würde. Und außerdem schämte sich das Mädchen selbst am meisten. Es war schon halb neun Uhr, aber draußen goß es immer noch in Strömen. Ab dreiviertel neun Uhr wollte Thomas Ecke Leopold/Herzoa- straße warten. Die Augen des Mädchens begannen sich schon mit Tranen zu füllen, als es immer noch dort stand mit den abscheulichen Schuhen in der Hand. Soll ich überhaupt nicht hingehen? fragte es sich. Eine Ausrede, eine Entschuldigung erfinden? Das Klügste wäre es! Soll ich ober soll ich nicht? Ihr müßt es wissen! hatte bas Mädchen plötzlich mit den Schuhen zu reden begonnen. Bei euch liegt die Entscheidung. Ihr tragt die Verantwortung, wenn ich nicht hingehe, und er mir deshalb böse ist. Und ihr seid ebenfalls schuld, wenn er mich nicht wehr liebt, denn nicht ich bin alt und häßlich, sondern ihr mit euren verkommenen Absätzen seid es. Die Schuhe schwiegen zunächst, da Schuhe überhaupt nicht reden können. Ader das Mädchen wollte nicht daran glauben. Es streckte die Arme weit aus und kniff feine Augen halb zu. Wollt ihr mir wirklich die Antwort schuldig bleiben? rief es in feiner Verzweiflung. Da muß die Schuhe ganz einfach das große Erbarmen überkommen haben. Denn mit einemmal lachten sie hellauf. Ja wirklich, wie das Mädchen mit halbgefchlossenen, tränenverhangenen Augen die Schuhe eine Weile nicht mehr aus den Augen ließ, war es, als bildeten die kühnen Krümmungen der Absätze einen lachend verzerrten Mund. Schief bleibt schief! Nur Mut, dann wird man selbst ohne Absätze an den Schuhen noch den geraden Weg ins Glück gehen! sagte sich das Mädchen. Oder sagten es die Schuhe? Jedenfalls lachte nun auch oas Mädchen wieder und lieh sich von Schuhen, in denen es jetzt mit [einem ganzen Vertrauen fußte, rasch zu dem Stelldichein mit Thomas tragen. Thomas hatte schon zehn Minuten gewartet, er war deshalb nicht gerade in bester Laune. Inzwischen hatte es auch zu regnen aufgehört. Nachdem sie sich begrüßt hatten, gingen Thomas und bas Mädchen die Leopoldstraße auf und ab. Sie hatten noch keinen Plan, wie sie den Abend verbringen wollten und unterhielten sich darüber. Das Mädchen war dafür, in irgendein Kino zu gehen, weil es dort dunkel wäre und Thomas unter den Stühlen die Schuhe bestimmt nicht gesehen hätte. Aber für das Kino war es leider schon zu spät. Je länger sie so auf der Straße dahinschritten, desto heftiger schlug das Herz des Mädchens. Es wich ängstlich jedem allzuhellen Lichtschein der Straßenlaternen aus und achtete krampfyaft darauf, daß es auch nicht nur einen halben Schritt weit vor Thomas zu stehen kam. Plötzlich befanden sie sich vor dem Eingang zu einem Park. Thomas schlug vor, in den Park zu gehen und auf einer Bank zu sitzen. Ich hole mir noch rasch dort im Kiosk Zigaretten, sagte Thomas zu dem Mädchen, ich komme gleich nach, lieber dem Eingangstor zum Park brannte eine äußerst grelle Lampe. Und weil Thomas, während er zum nahen Kiosk ging, bas Mädchen nicht aus den Augen ließ, konnte es bas Mädchen mit den schiefen Absätzen nicht wagen, den Lichtschein zu durchschreiten und blieb deshalb in der Mitte der Straße sieben. Als Thomas sich dem Mädchen wieder näherte, wurden seine Schritte immer langsamer und bedächtiger. Und plötzlich sagte er: Verdammt, wie konnte ich das nur vergessen, heute ist ja Mittwoch. Eben fällt mir ein, ich muß noch zu einer sehr wichtigen Besprechung mit einem Geschäftsfreund. Sind Sie mir böse, wenn ich Sie jetzt allein lasse? Das Mädchen wußte natürlich sofort, wieviel es geschlagen hatte. Es war ihm also doch nicht gelungen, seine Schuhe vor Thomas zu verbergen. Thomas fragte auch gar nicht beim Abschied, wann sie sich wieder sehen würden Das Mädchen war sehr traurig, weil es Thomas ausrichtig lieb gehabt hatte. Zwei Tage lang weinte es bitterlich, und als am dritten Tag Thomas immer noch nichts von sich hatte hören lassen, nahm es die - Schuhe, die es so schändlich verraten hatten, und warf sie zornig in die Ecke des Zimmers." Bei diesen letzten Worten greift meine Frau gewöhnlich noch den Schuhen, die immer noch vor unserem Besucher stehen, und läßt sie polternd in eine Ecke des Zimmers fliegen. Und das ist das Zeichen für mich, weiterzuerzählen: „Stellen Sie sich vor, wie hartherzig doch ein Mann fein kann", wende ich mich an unseren Gast. „Dieser Thomas zum Beispiel, als er an jenem Mittwoch zu der Verabredung mit dem Mädchen ging, wußte von vornherein, daß er das Mädchen zum letztenmal sehen würde. Das Mädchen gefiel ihm einfach nicht mehr, und er wollte Schluß machen. Er hatte es noch nicht einmal geküßt, aber er wollte es wenigstens ein einziges Mal tun, bevor er es für immer verließ. Und deshalb sagte er auch zu dem Mädchen, wir setzen uns auf eine Bank im Park. Als er sich im Kiosk feine Zigaretten geholt hatte, stand das Mädchen widerspenstig immer noch an der gleichen Stelle. So wohlanständig bist du also, so prüde dachte Thomas verärgert, nein, von dir will ich also schon gle^ nichts mehr wissen! Und er erfand schnell diese äußerst unwahrscheinliche Ausrede von einer geschäftlichen Besprechung in der Nacht. Aber nach fünf Tagen kam er doch wieder zu dem Mädchen, das er noch nicht ein einziges Mal geküßt hatte", unterbricht mich meine Frau. , Weil er es einfach nicht fassen konnte, daß dieses Mädchen wirklich nichts hatte von ihm wissen wollen. Er war fast zornig, daß es sich geweigert hatte, sich mit ihm aus eine Bank zu letzen. Jch muß mir das Mädchen einmal ganz genau ansehen, sagte er sich. Und als er es tat, bemerkte er zu seiner großen Ueberraschung, daß er das Mädchen bisher eigentlich gar nicht richtig gekannt hatte. Von Tag zu! Tag gewann er es lieber, und er mußte auch feststellen, daß das Mädchen nicht nur nicht gegen das Küsseri war, sondern sich sogar sehr gerne küssen ließ. Inzwischen hatte meine Frau lächelnd dj^ Schuhe wieder aus der Ecke hervorgeholt. , . Wo* größer war sein Erstaunen, als ihm das Mädchen eines Tages gestand, daß es auch an jenem Mittwochabend, als er sich verärgert von ihm wandte, den gleichen Wunsch gehabt hatte, wie er elbft Und daß nur seine Schuhe es davor zurückgehalten hatten, voran in den Park zu Len Dann habe ich es also nur diesen schiefen Ab aßen zu verdanken, daß ich doch noch zurückgekommen bin! rief er überrascht aus. Denn hatte ich damals schon geküßt, wäre mein Wunsch erfüllt gewesen, und ich hatte niemals Veranlassung gehabt, dich so kennenzulernen, wie lch dich jetzt als meine Frau sehe." Ich nicke und dann weise ich auf die Schuhe: Zum Dank für das, was diese schissen Absätze zuwege gebracht haben, dürfen sie nun ihr Leben lang schief bleiben." Und wenn Thomas und das Mädchen nicht gestorben sind, beendet meine Frau die Geschichte, „so leben sie heute noch.' Christiane. von Matthias Claudius. Es stand ein Sternlein am Himmel, Ein Sternlein guter Art; Das tat so lieblich scheinen, So lieblich und so zart! Ich wußte seine Stelle Am Himmel, wo es stand; Trat abends vor die Schwelle Und suchte, bis ich's sand; Und blieb dann lange stehen, Hatt' große Freud' in mir: Das Sternlein anzusehen; Und dankte Gott dafür. Das Sternlein ist verschwunden; Ich suche hin und her, Wo ich es sonst gefunden. Und find' es nun nicht mehr. Schönheit und Edelrasse nicht allzusehr nachstand. Daß >ene Sage vom Minotaurus, dem Stiergott, einmal wahr gewesen ist, und daß es wirklich eine Dynastie von Minos gab, die zu Knossos Tempel baut« und -eren Wände mit Bildern ihrer längst hinabgesunkenen Leiblichkeit schmückte. t Sehr schön sind diese Menschen, mit gepflegtem, durchgearbeitetem, fast nacktem Körper, kurzlockig, mit dem ebenmäßigsten Gesicht, das sich nur vorstellen läßt, und einer erstaunlichen Anmut der Bewegungen. Die Frauen wie aus einer um viele Jahrtausende späteren Kulturperiode, geschnürt, in steifen Reifröcken und hohen Taillen, mit einem spitzen, oft vorwärts geschwungenen Türmchen als Kopfputz, sehr oer uhrerisch reizvoll und kokett, ein wenig von der gewollt dämonischen Rätselhaftigkeit der mondänen Frau. Es gibt reizende, zierliche Statuetten in denen sie ringelnde Nattern in den weihen Händchen tragen, gleich Schlangengöttinnen eines indischen Götterhimmels. Aber über aller Menschlichkeit dominiert doch der Stier Ueberall auf überlebensgroßen Wandfresken, an unvermuteten Korrldorwendungen und hinter eingeftürzten Lichtschächten, im Mmospalast taucht er auf, und jene unbekannten Barbaren, die immer wieder in drei großen Perio den die minoische Kultur zerstörten und die Gemacher bis auf öte leeren Mauern ausbrannten, mögen nicht wenig erschrocken sein, wenn er ihnen gleichsam als zürnender und drohender Schutzgott |o entgegentrat. Aber man hat auch das Bildwerk eines Stierkopses ausgegraben von solch plastischer Lebendigkeit, daß die vielgerühmten Tiere des Pergamom Tiefes arm und totenftarr dagegen erscheinen. Und auch sonst muß sich das Leben in seinem Zeichen vollzogen haben. Die englischen Forscher, besonders Mr. E v e n s , dem der größte Teil der knofsischen Ausgrabun gen zusällt, glaubten von sich vielleicht jährlich wiederholendenVolks- spielen iprechen zu dürfen, bei denen die behendesten und edelsten Kna den und Jungsrauen nackt unter dem Beifall der Zuschauer über einen in der Arena tobenden Stier sprangen — ein heiteres und harmloses Vorspiel spanischer Stierkämpse. Denn man hat in den Zimmern öer Hofdamen zahllose solcher Nippes-Figürchen gefunden, den elfenbeinernen Körper im Sprung gereckt, an feinen Goldfaden über kleinen steinernen oder bronzenen Stieren hängend. Vor allem aber war der König selber ihm unterworfen. Acht Jahr« der Herrschaft nach seinem Belieben standen ihm frei, aber bas neunte Jahr zwang ihn in die Höhle von Dietal, wo der St.ergott hauste sein mythischer und zeitloser Urahn. Man kann sich denken daß diestr Gang wie ein unerhörtes Fest mit Prunk und Pomp, mck Blumen, Gold und Tieropfern, wohl auch mit dem Blut vornehmer Jünglinge und Mädchen gefeiert wurde. Was in der Höhle sich vollzog, steht nicht einmal auf den Haufen von Tontafeln eingeritzt, deren unbekannte Schristzelchen die Forscher sreilich noch immer nicht völlig entziffern konnten. Aber das weiß man, daß es eine Art von Rechenschaft war, die der Priesterkonig seinem Gott ablegte. Und je nachdem sie ausfiel, kehrte °r in der überirdischen Gloriole neuer Gesetze Zurück — oder nie. E'n Sch°t en unter Schatten sprach er bann fortan im Reiche der Unterwelt Recht, so rote er es als lebender Herrscher getan hatte. — Dieser ganze Kult gibt zu benten. Ich sagte vorhin, daß hauptsächlich englische Forscher es feien benen die Ehre gebührt, die heiligen Orte von Kreta, Knossos und Phaestos, Gourmia und Hagia Trida dem Bewußtsein der Menschheit wieder- ■egcben und tausend Dinge des Lebens, von der Wasserleitung bis zur Bratpfanne, vom Relief bis zum goldenen Trichter der Vergessenhei entrissen zu haben. Aber damit ist doch nur der Arbeit kleinster Teil getan. Denn nun beginnt erst das Eigentliche, das Gesetz dieses Sems und dieser Kultur unter den fremdartigen Masken hevauszufuhlen. Das Gesetz des Minotaurus. . Von Annie Franc6-Harrar. Wir haben es längst gewußt, daß es kein Volk gibt, dessen Geschichte brühen in einem phantastischen, von Göttern bewohnten Jenseits beginnt. Und sogar bas wissen wir, baß niemand die Spuren der Gewesenen treuer in sich schließt, als die Erde, die einst diesem Gewesenen unterton war. Und dennoch wundern wir uns immer wieder, daß Altes und Aelte- stes der Kultur uns aufOwahrt wurde, und daß der Begriff des ,äh aus dem Leben gerissenen Pompeji sich heute schon vervielfacht hat aus fremder Erde und in fremden Sippen. Vielleicht muß man wirklich von der stummen Glut eines fanatischen und hossnungserfüllten Glaubens geleitet {ein, um das zu erleben, was Schliemann zuteil wurde: Daß der von ihm über alles geliebte Homer sich plötzlich in seltsame Körperlichkeit verwandelte, und daß für ihn. den rastlos Suchenden, jener unvergleichlich schöne und kostbare mykenische Goldschatz aus altgriechischer Erde ans Tageslicht stieg, von dessen Bewunderung noch vor einem Jahrzehnt die Welt widerhallte. (Heute widerhallt sie von weit weniger sympathischen Dingen.) Spater freilich knüpfen sich die Ausgrabungen auf Kreta leider kaum noch an einen deutschen Namen. Vieles wurde dort blohgelegt. Treppen und Gemächer und Hallen von so edler Form, daß sie als Vorbild der immer noch als harmoniebegründend angejitaunten griechischen Tempel gelten könnten. Eine Kultur vor der Kultur tut sich da aus der Vergessenheit und Sage auf — noch mehr, das Volksmärchen wird zur Wirklichkeit, denn behaupteten die Kreter nicht von je; ihr Monte Jutta berge das Grab des Göttervaters wie ein unsterbliches Geheimnis? Man muß sich mit dem Gedanken vertraut machen, daß in den Tagen der ägyptischen Frühzeit auf Kreta ein unbekanntes Volk lebte, das dem ägyptischen an Kunstfertigkeit und Freiheit des Seinsbegriffes, vielleicht sogar an harmonischer Lebensführung, ganz sicher aber an körperlicher Denn solche Lebensgesetze sind nicht auf ein Volk allein beschränkt, können es gar nicht sein, weil von diesem großen Standpunkt die meisten Völker in ihren Seinsbedingungen sich ähnlich sind roie ein Ei dem anderen Also kann diese Vergöttlichung des Stieres auch nur ein Symbol sein, ein Symbol der selbstbewußten Kraft und des eingeborenen uni> immer wieder verjüngten Daseinswillens. Leicht und einfach löst sich in der Folg« solcher Gedanken das Fremdartig-Exotische ab, wie die Schale von einer Frucht. Der M i n o t a u r u s, der Stiergott mit Menschenleib und gehörntem Tierhaupt — er ist nichts anderes, als bas Prinzip der natürlichen und fruchtbaren Bolkskraft. Er wohnt unterirdisch, denn die Erde der Heimat ist es, die sie alle, Volk und Fürst, tragt und ernährt. Die Jungfrauen, die ihm geopfert werden, sind nichts als die immer neu vollzogene Bereinigung mit [einem Volk, das durch sie weiterbesteht, stark und lebensfähig bleibt. Und der König, der sich von ihm neue Gesetze holt, was er sonst als der Mittler der lebenden Volksmasse mit ihrem ewigen, in sich selbst geschlossenen Prinzip, das, noch ein wenig weiter ins Unpersönliche gerückt, im letzten Grunde nichts versinnbildlicht als den organischen Ausdruck der Natur, in die dieses Volk nun einmal hinein’ geboren ist, und mit welcher den harmonischen Ausgleich zu finden die vornehmste Aufgabe seiner Handlungen sein muß. ’ In diesem Sinn hat jede natürliche Religion ihren Minotaurus, wenngleich er bei jeder eine andere Gestalt zeigt. Der Apis, der heilige stier der Aegypter, die heiligen Affen Indiens, der römische Wolf, der goldene Glückseber der Germanen — in ihnen allen kreist em und dieselbe Funktion: das -Natürliche, heimatliche Volksprinzip in Harmonie mit der gegebenen Umwelt zu bewahren. Van dieser Erkenntnis ab streben sie freilich alle auseinander und erfüllen ihren Lebenskreis mit fremden uno einander feindlichen Sitten. Aber was tüt das? Wer sie einmal besitzt, dem ist die verschollene Kultur des Minotaurus nicht weniger selbstverständlich im Rahmen seiner Umwelt, als der heimische, tausendmal verschüttete und tausendmal auferstandene Glaube an die alten Naiuroo.ter unserer Völker, der so lange Zeit bis zur Unkenntlichkeit vermummt, heimlich in unseren Seelen und Gedanken wohnte und dem die Gegenwart er|f wieder Kraft und Auferstehung verlieh. Verantwortlich: Dr. HanS Thhrlot.Druck und Verlag: Vrühlfche Univerfitätsdruckerei A. Lang«, Gießen.