ebtill wenn nnie, 1 ■oben i| ab= 1 lonil. 'Mn, j chmsl Ab--1. ijti» i > bi. iachl- I bort । :nfen, । veit» ergtn itener i* itfe I »litt jityj Stabt wedv Heal! »n, i dü aalen, Veils wie tot(ei | any mgüt' rettet i e ft omijil I “f.., i uni! r un< || Ebene,! Stell I vppeit!| !8etti hi ins sch»i>- lorge«, Kraft |t wie | Stell itjnem n 3"' 5 alle Zlini1 iS# bsils , mH ie n«! irf «b n iinv 15 a»1 and--'- tn n" itiüH” t*ie * -en r te< di- 5' sre»^ etnW straft er d«s KuB reiuiw1 Auhs itf, 3“1 r elf» feier» er »s _ B ,t c* immt» n«1! tittt»11 GietzenerKimilieMMer Unlerhaltungzbeilage zum Gießener Anzeiger ^«'8 ^^^^^^^Zreitag, den Christine von ^TMotti Vornan von 9to(f Brandt Lopyrkght by August Scherl Nachfolger, Berlin 7. Fortsetzung. CRiriJtine drehte sich um: „Das Bild ist von Ihnen?" i, 'r5aJ tagte Milotti es ist ein Jahr alt. Es ist unter merkwürdigen Umstanden entstanden Ich war beim Seebataillon ... Aber ich habe vorhin gemerkt, Sie lieben keine langen Geschichten!" V „3ft das mit Ihrem Atelier wahr?" fragte Christine. Milotttn zuckte jetzt die AchseNi: „Wenn Sie mir nicht glauben, gnädiges Frau em, erlauben Sie, daß ich Sie hinunterbegleite. Es gibt kann'" * n gutes kleines Hotels das ich Ihnen sehr empfehlen Lehmen Sie es mir übel, daß ich mißtrauisch war?" Milotti antwortete nichts. rtr»$?r‘?rine fte bleich und häßlich und feindselig. Die^Kleider waren abgetragen dte Bewegungen waren hastig und ausdruckslos. Ein paar jünger« Manner sahen sie frech an, aber sie blickten nicht nach den Augen, son- dern nach der Figur. Die Beleuchtung war schlecht. Die Straße lag Im Halbdunkel. Ueber den Asphalt wehten in dem immer stärker aufkommenden Winde , Papierfetzen, Reste von Plakaten und Handzetteln. Christine fröstelte. Sie sah aus dem Straßenschacht nach oben. Da Sterne'" frernbes' kaltes Blau, in dem glitzerten hart und fern die Mein Gott, wie einsam man war! Sie wurde ein paarmal gestoßen, sie murmelte: „Verzeihung!", niemand antwortete ihr. Die große Stadt kam ehr vor wie ein häßliches Ungeheuer, das bereit war, über sie her- zusallen. Sie hatte ferne sehr helle Jugend gehabt, aber jetzt erschien m“,5, ein Paradies, aus dem sie entflohen war, der Garten, die Btllenstraße, das kleine Zimmer und die alle Henriette. Es lag alles so fern, und man brauchte doch nur heute einen kleinen Weg hinzu- tm^enm-b,a,nrL.roar, "^ts geschehen, als daß ein Bild an der Wand fehlte. Vielleicht meinte es der Vater auch ganz gut in feiner Art. Was h°"e er davon, wenn er es nicht gut meinte, er hatte ja nur die eine -Locgterl Sie ging weiter sie atmete schwer. Rein! Es gab in dem Lesebuch, bas sie nicht ausstehen konnte, in diesem Lesebuch für die Unterprima, As sie aus dem Fenster geworfen hatte, als sie die Schule verließ, ein Gedicht, der Kuckuck wußte, von wem! Vier Zeilen von dem Gedicht kannte fte auswendig! w „Die Reue fei der Narren! Nur das ist lebenswert! Im Tode auszuharren. Beim Groll, beim Stolz, beim Schwert!" Cs ist scheußlich, daß man kein Junge ist! dachte sie. Beim Groll, beim Stolz^ beim Schwert! Diese Bande hatte es mit allem besser, dies« Manner! Well fte lange Hosen tragen, können sie die Welt regieren« Dieser Milotti hatte gute und anständige Augen. Man würde ihm sogar helfen tonnen. Cs war doch lächerlich, daß er diese Bilder nicht verkaufte! Vorlaustg hatte man außerdem Geld. In zwei Monaten war man einundzwanzig Jahre. A-h werde den Milotti heiraten! Er ist ein bißchen zu hübsch, aber er hat Talent, und anständig gekleidet scheint er auch zu fein! ' Da war der Delikatessenladen. Ach, es war eine lustige und hübsche Sache, für jemanden einzukaufenl w Der Kaufmann war freundlich; obwohl der Laden voll weiblicher w - -- -W” «A. Ja0te Christine, „Sachen, di« man wirklich essen kann." ' -aste der Kaufmann, „wir haben doch jetzt wieder fast alles!" „Ich weiß , sagte Christine, „also, was ist alles?" ,Lum Beispiel haben wir ausgezeichnetes Corned beef." „Geben Sie eine Büchse", sagte Christine. „Dann haben wir französische Sardinen." „Geben Sie zwei Büchsen. Haben Sie Butter?" „Gnädige Frau!" Der Kaufmann krümmte sich, dann flüsterte er: d i D?°k!"" ^oUanb Konfervenbutter, die Büchse kostet allerdings „Geben Sie zwei Büchsen." „Ich könnte Ihnen außerdem ein Kommißbrot geben, Proviant." amerikanischer „Sehr gut", sagte Christine. „Auch Reis ist frisch eingetroffen." „Geben Sie zwei Pfund", sagte Christine. „Sehr wohl, gnädige Frau." Der Kaufmann flüsterte jetzt fast: „Wir haben auch Weizenmehl, gnädige Frau." „Sehr gut, geben Sie fünf Pfund", sagte Christine. „Das kann ich nicht, gnädige Frau, aber drei Pfund." , Rechnung machte über zwanzig Mark, als Christine das stattliche Paket empfing. 1 So werden wir wenigstens nicht verhungern, dachte sie. Das Paket war schwer, ihr war es aber leicht, sie schwenkte es hin und her. Sie lief fast zurück und raste die vier Treppen empor. Oben stand sie vor der verfchloffenen Ateliertür. Daß er dumm ist, konnte ich mir vorstellen; warum ich nicht an den Schlussel dachte, weiß ich nicht! Schön! Sie setzte sich auf die Treppenstufen und wartete. Zuweilen flammte das Licht auf, -menu-iu den Tür fang er: ist in meinem Widerwillen zu Schlafzimmer." „Dann holen Sie, bitte, das Tischtuch. Milotti lächelte: „Das Schlaszimmer scheint Ihren „Marschieren ist not. Marschieren muß sein, Und gehn wir in den Tod, So gehn wir nicht allein. Es sind zuviel Franzosen Am deutschen Rhein. Und gehn wir in den Tod, So gehn wir nicht allein ... Wir enden noch die Not Am deutschen Rhein." nicht?" „Nein",x sagte er. . „ , , . . Sie lies zu ihrer Handtasche, entnahm ihr ein Taschentuch und tupfte ihn sorgfältig damit ab: „Sie müssen entschuldigen, Milotti, Sie haben vollkommen recht, ich bin eine furchtbare Göre! Aber ich war im Augenblick lustig, ist das so schlimm?" Sie streckte ihm die Hand hin: „Wir wollen nett und vernünftig und kameradschaftlich fein!" „Soweit es geht", sagte Milotti. „Ich roeröejnir Mühe geben!" " " und trugen die Fischerboote, aber es war 1. stand vor einer blauen Samtportiere, -v* ---, ... dem Blau. In ihren Augen aber stand Ablehnung und Furcht Diese hell blauen Auaen brannten so stark gegen den dunklen Samt, daß der Eindruck der Abwehr sinnfällig wurde. Liefe Augen sind wunderschön! Kmderaugen in einem Mädchengesicht, dachte Christine. Er hat s,e sicher geliebt! Was geht es mich an, wen er geliebt hat, was geht es mich an,«»cn er liebt? Las letztere geht mich schon an. Wenn hier ein Modell austaucht, ^TOilotti ries aus dem Nebenzimmer: „Madame est servie!“ Christine merkte, wie sich Milotti beim Essen Zwang antat und vorsichtig die Sardinen aß und kleine Stückchen Brot m btt Hand nahm. Dann machte er sich plötzlich eine mächtige Kommißbrot,chnitte zwei Finger dick mit Corned beet zurecht und biß herzhaft hinein. Nach den ersten paar Bissen lehnte er sich zurück, sah Christine mit offenen, freimütigen Augen an: „Der Teufel hole das Lügen, Rucktasch! Ich habe, muffen Sie wissen, richtigen Hunger gehabt. Kohldampf!" Er trank eine Tasse Tee mit ynem Ruck: „Tee mit Zucker habe ich auch schon lange nicht getrunken. Sehen Sie: Ob 'ch malen kann kms steht dahin, ich habe auch an Ihrem Gesicht gesehen, daß es dahinsteht, aber, daß ich meine Bilder nicht verkaufen kann, das ist gewiß! „Das werde ich übernehmen", sagte Christine. „Sie sind so ungefähr das großartigste Mädel, das es gibt!" sagte Milotti. „Lesen mich da im Tiergarten auf ..." „Benutze Sie als Sofferträger!" Ach, während ich diesen lächerlichen kleinen Koffer trage, beginnen Sie zu zaubern. Die Sachen gibt es doch eigentlich gar nicht. Die, Schurken wollen uns doch weiter hungern laffen! Aber davon will ich heute abend schon gar nicht reden. Hören Sie einmal, ich muß Sie nun ernstlich vermahnen! Sie haben auch Käse! Woher haben Sie Käse? „Born Kaufmann", sagte Christine. „Es ist auch Proviantkäfe, vielleicht von den Engländern, das andere ist von Amerika." „Die müssen da schieben am Rhein! Feder Tommy ein Millionär! Er ging in das Atelier und kam mit einer Laute wieder. Noch in der Sie stellten zusammen die Teller auf ein Tablett ganzen Herrlichkeiten in das Arbeitszimmer. „Ein Tischtuch haben Sie nicht?" {ragte Christine. „Doch, es waren welche hier. Der Wäscheschrank „Ich wurde gerade eingesegnet, während Sie auf Ihre verruchten ^Warum verrucht?" fragte Milotti „Ach, als ich auf mein erstes Fest ging wir hatten zusammen die Gände ausgemalt, da kam lange nach ^Mitternacht Exzellenz Rucktasch. Er kam w.e em Fürs . D diönften Masken waren um ihn. Er war schon alt, er kam in der Maske eines Biedermeier-Geheimrats, in der Hand er einen Stock mit einem goldenen Knauf, neben ihm faß so eine Rotblonde ... Es ist komisch, daß id)' mit ferner Enkelin hier stehe! „Es ist auch komisch", sagte Christine, „unb Sie sollten langst die Büchsen aufgemacht haben, statt mir jetzt ... ....... Sie brach ab und ging schnell in das Atelier, denn sie sah plötzlich wie eine Vision bas Bild des Großvaters, schon alt, noch nut dem letzten sanften Glanz in den Augen — und immer umgeben rum Frauen. Sie wußte plötzlich, warum der Vater fo streng war und fo ernft ... Sie ging an den Bildern entlang. Kritisch prüfte fieJBtlb für Bild. Immer war die Farbe gut, sehr oft die Zeichnung fchlecht. Das Luder arbeitet nicht genug! dachte sie. Da war das Aktbild'eines iunaen Mädchens, das war bester. Nicht so gut rote die ausf»hrenden Fischerboote, aber es war hinreißend in der ^^«9 Das lunge Mädchen stand vor einer blauen Samtportiere, ihr bloßes Haarig w'^Galb^or unteren Etagen Leute nach Haufe kamen. Sie horte Stimmen schallen, Türen klappten, einmal kam eine Folg» von Kiaviertönen heraus. Komisch, dachte sie, die leben da nun, spielen Klavier die esten wahrscheinlich auch holländische Butter, die Büchse zu drei Mark^nkan weiß nichts von ihnen, man wird nie etwas von ihnen wissen ... Wir sind eine sonderbare Rasse, eine Herde, die sich zusammendrangt und sich um Futter schlägt und nichts voneinander weiß! Die Pferde, die stellen sich zusammen und fühlen sich nahe, selbst die Kühe kennen sich alle. Es ist blöde so eine große Stadt! Aber auf dem Lande möchte ich eigentlich auch nicht leben! Sie begann wieder zu frösteln, erhob sich und ging vor der Tür ““^^^“milotti heirate? Ich glaube, es war voreilig, den Entschluß zu fassen Aber er braucht jemanden, das ist sicher, so kommt er nicht weiter! Ohne Mantel, und in der Küche war doch sicher gar nichts. Sie ging aus und ab. Der Fahrstuhl rasselte der Lichtschein kam heran Milotti öffnete die Tür, stand strahlend und lachend in dem hellen Licht:' „Da sind die Sachen, Madonna", sagte er. „Ich bin keine Madonna!" . „Das wird sich zeigen", sagte Milotti. „Sie haben eine Madonna 3U lieber Herr von Milotti, «ir wollen gute Kameraden sein, recht gute Kameraden, wenn Sie wollen! Den wir sind ja beide nichts als Enkel, das haben mir ja schon festgestellt. Aber Madonna! Dafür muffen Sie sich andere Mädchen suchen!" _ v o„ „Haben Sie denn etwas Nahrhaftes bekommen, Madonna? "Mehr, als Sie an diesem Abend esten können!" ,',Die Küche ist rechts." Er trug ihren Koffer in das Herrenzimmer. Christine stellte ihr großes Paket auf den Küchentifch. Sie fah sich um. Da war ein großer weißer Schrank, in dem schien«i die Teller zu fein. Wie man den Gashahn andrehte, war unerfindlich. So viel sie an den Hähnen arbeitete, es strömte kein Gas aus den Röhren. Sie schrie: „Milotti! Milotti!" Er kam in die Küche, aber er schien nur zu Albernheiten aufgelegt. Er nahm eine Sardinenbüchse und sagte: „Ach, das ist etwas sur Großfürsten, für chinesische Prinzen ober für indische Rad sch as! Wo haben Sie diese Sardinen aufgefunden? Woher haben Sie das Kommißbrot? Ach, Fräulein von Rucktasch, wie heißen Sie eigentlich?", „Mein Gott, Sie sollen einen Sardinenöffner suchen! „Haben wir nicht", sagte Milotti. „Sie werden doch dann vielleicht einen Nagel haben, mit dem Sie diese Büchse öffnen?" „Ja, das ginge!" „Wie macht man bei Ihnen Tee? Er öffnete einen der weißen Wandschränke und holte einen großen Teekessel heraus. „Das Wasser kommt aus der Wasserleitung, wissen Sie das wenigstens?" sagte er. Christine ging an die Leitung, ließ das Wasser fltefcn und hielt plötzlich den Strahl mit dem Daumen fest zu. Sie lenkte ihn mit bemerkenswerter Schnelligkeit auf Milotti, der über und über naß wurde. Sie find ein drolliges Mädchen", sagte er. „Das ist mein einziger Anzug." Er wollte sich auf sie stürzen, hielt aber im letzten Augenblick inne. Er blieb vor ihr stehen und fah ihr luftig in die Augen: „Sie sind ein ausgesprochen leichtsinniges Mädchen, wissen Sie bas?' „Warum?" fragte Christine. „Ich vertraue Ihnen, bas ist alles." „Ich bin aber schließlich auch ein Mann außerdem, verzeihen Sie schon! Wenn wir uns jetzt geprügelt hätten ..." „So wäre bas unfair von Ihnen gewesen." Muß ich mich also widerstandslos von Ihnen naßspritzen lasten? Christine sah sich hilfesuchend um. Ein Küchenhandtuch haben Sie auch Er setzte sich neben Christine und begann ohne Uebergang bas tolle Sturmlieb: . . „Immer van birre van dirre dorn dane Trommelt's wie Sturmmarsch im Winbl" Er fang das französische Chanson von der dantiniere vom 9 Regiment, er sang ein bretonisches Fischerlieb, es war erstaunlich, wie groß sein Pro- ^ChrisUne hatte bas Essen zurückgeschoben, sie saß in einem der tiefen Sestel. Das Licht floß sanft von ber Decke, und die fchone dunkle Stimme von Milotti ging durch den Raum. So träumt man, so sitzt man auf einem Schiss und gleitet die Elbe entlang, unb bie Elbe wird breiter und breiter, und dann fließt man mit dem Schiff hinaus in den Ozean, wo die hellrote Abendröte zu Hause stt und die weihen Wolken. Sie hören gar nicht zu", sagte Milotti, „und ich sing« Ihnen meine schönsten Lieder! Wie heißen Sie eigentlich mit Vornamen? Ich wurde toi? Melusine nennen." „Ach, Sie haben gar keine Ahnung von mir, wenn Sie das tun: Melusine, ums Himmels willen! Ich sollte eigentlich Christoph heißen, aber es ist nur eine Christine geworden." Er nahm ihre Hand und küßte sie. „Das ist gegen die Abmachung", sagte Christine. „Und das ist spießig", sagte Milotti. „Sie haben recht, es ist spießig." Christine ließ ihm die Hand. (Fortsetzung folgt.) erreGen?" , Nein", sagte Christine, „aber Sie selbst haben gesagt, baß es nicht aufgeräumt fei. Unaufgeräumte Schlafzimmer sind nicht sehr nett, finden Sie nicht?" . .... , Ach was ich finde und nicht finde, ,st wenig wichtig! Wenn man draußen war, hat man einige Begriffe verloren! Sie sollten' eigentlich nicht hier sein. Es sieht sich alles so hübsch an in der Nachmlttagsfonne, und man hat ja feinen Galgenhumor, aber ..." „Ich habe es ja fo gewollt", sagte Christine. Er holte das Tischtuch und half ihr beim Telleraufstellen. Der Hammer und ein paar alte Nägel waren in der friesischen Truhe, Die voller Gerümpel steckte. Obenauf lagen zwei Faschingsanzuge, eine Kolombine und ein Pierrot. Christine griff danach, aber die billige Seide war in den Jahren brüchig geworden und zerschlih unter ben Fingern. Sie warf das weiße, grün umsäumte Kostüm zurück. .Ich habe die Truhe überhaupt noch nicht geöffnet. Wo mag die Kolombine fein?" fragte Milotti. „Der Pierrot .jedenfalls ist tot. Es war der letzte Künstlerball, wissen Sie, draußen m der Akademie! Ich war damals fo alt, wie Sie jetzt wohl find. Es ist eine Ewigkeit Herl Gewißheit. Von Ina Seidel. In mir ist das Herz des Vaterlandes, Und ich weih es, Land, du wirst bestehn! Denn ein Herz so blütenoollen Standes Kann nicht untergehn. Unter deinen Sternen liegend, Die die Sterne find der ganzen Welt, Mich an deinen Boden schmiegend. Der mich nähr^und hält. Fühl ich mich ins Ewige gerettet lieber Zeit und Raum, Weih ich unauflöslich mich verkettet Zwischen Stern und Baum. Gudetendeutsche Kulturträger. Von Hans Sturm. Die Musiker. . Kaum übersehbar ist die Fülle der Kulturleistungen des Sudeten- deutschtums auf fast allen künstlerischen und wissenschaftlichen Gebieten; und alle diese Kulturleistungen wuchsen aus der deutschen Landschaft und der deutschen Stammeseigenart. Dies trifft in besonderm Maße aus die Musik zu. „Ich bin und bleibe ein Kind der böhmischen Wälder", hat Christ o f W i l l i b a l d G l u i gesagt, und er ist es geblieben in Italien, in Hrag und erst recht in seiner langen Pariser Schafsenszeit. Er ist nicht nur der bedeutendste Opernkomponist aus sudetendeutschen Gauen, er ist ber große Erneuerer der deutschen Oper schlechthin, dessen Wirken bestimmend wurde für die späteren Meister. Sein Aufstieg ist bewunderungswürdig. Seinen Ruhm begründeten zahlreiche italienische Opern, und erst als anerkannter Meister konnte er an die Erneuerung der deutschen Oper gehen. Er hat es unternommen, „die Musik zu ihrer wahren Bestimmung -zurückzufllhren, das ist: die Dichtung zu unterstützen, um den Ausdruck der Gefühle zu verstärken ..." So wurde er in gewissem Sinne ein früher Vorläufer Richard Wagners. In Wien hatte sein Ruhm begonnen, nach Wien kehrte der Alternde zurück, dazwischen lag ein Weg voll Gold und Ehren: Marie Antoinette hatte ihn zum Hof-Kompo- siieur ernannt, der Papst verlieh ihm den Orden vom Goldenen Sporn und damit die Ritterwllrde, K l o p st o ck wurde lein Freund, Wieland tröstete ihn bei einem Todesfälle, seine späteren Opern gingen über alle großen Bühnen — und doch blieb Gluck, der ein Grandseigneur geworden war, ein rechtschaffener deutscher Mann, der sich überall Respekt zu verschaffen wußte, auch beim Kaiser, als dieser einmal mit seinem ■»ruber Gesänge aus der taurischen Iphigenie „zerstümperte". Und warum? Weil er zeitlebens blieb der Försterssohn aus Weidenwang, der dem Vater barfuß di« Büchse in den Wäldern trug, der Sonntags den böhmischen Bauern als „Waldgeigerlein" ausspielte und einen Hut voll Eier dafür erhielt. Ein weiter Weg vom Waldgeiger bis zum Ritter v. Gluck, der die Forderung nach dem musikalischen Gesamtkunstwerk stellte, die dann ein späterer erfüllen sollte. Simon Sechter ist der bedeutende Musiktheoretiker des Sudetenlandes. Er ist 1788 in Friedberg im Böhmischen geboren, wurde in ®ien Schüler von Kozeluh, leitete 1811 den Musikunterricht im Wiener Blindeninstitut, wurde später Mitglied der Hoskapelle und schließlich 1824 Hvforganist; 1851 fand er eine Anstellung als Lehrer für Harmonie und Kompositionslehre am.Konservatorium der Musik- sreunde. Neben seinem Dienst und vielen Unterrichtsstunden fand er noch Zeit, sein heute noch wichtiges Hauptwerk, „Die Grundsätze der musikalischen Komposition" in drei Bänden zu veröffentlichen. Sechter stützt sich hauptsächlich auf Rameaus Theorie des Basse fondamentale. Daß Sechter nicht nur Theoretiker war, sondern auch selbständig arbeiten konnte, beweisen seine zahlreichen Kirchenmusiken, Messen, Gradualien, Offertorien; manches davon schrieb er in den alten Kirchentonarten, z. B. ein wohlklingendes Tedeum. Hiervon erschien nur einiges im Druck, während von seiner weltlichen Musik vieles veröffentlicht worden ist: Fugen, Präludien und andere Orgelstücke, zwei Streichquartette (das Weite behandelt in finniger Form die vier Temperamente), Klavier- pariationen u. a. Im Jahre 1844 wurde feine burleske Oper „Hitsch- hatsch" uraufgeführt und soll öfter wiederholt worden fein. Sechters »auernöe Bedeutung liegt in feiner vielseitigen Lehrtätigkeit, er gilt mit Recht als einer der einflußreichsten Lehrer des 19. Jahrhunderts auf dem Gebiete der Komposition, zu feinen Schülern zählen u. a. Döhler, Pauer, Vieuxtemps, Thalberg, Anton Bruckner, der ihm -alles verdanken zu müssen" glaubte, und Franz Schubert. Sechter Wb nach einem arbeitsvollen Leben in Wien am 10. September 1867. Wenn Franz Schubert auch in der Wiener Vorstadt geboren 111 so gehört er doch noch voll zu den „böhmischen Meistern" (so nannte Jon damals alle aus dieser Ecke kommenden guten Musiker), denn sein wer stammte aus Mährisch-Altstadt, und das Wesen seiner eigentlichen steirnat atmet in feinen herrlichen Liedern und Volksweisen, die in isinem Volke immer lebendig bleiben werden; sie sind eben klangge- »orbene Sehnsucht des deutschen Menschen nach heimatlichem Glück im killen Frieden fröhlicher Gemeinschaft. Franz Schubert ist, darf man 'l9«n, der deutsche Urmusikant, der Sechter verehrte. Gluck liebte und rns das Schönste gab, was er zu geben hatte: das deutsche Lied. Malerei — Baukunst — Plastik. Um bas* Jahr 1000 sind die Deutschen, gerufen von den slawischen durften und Großen, schon heimisch im Tschechenlande; im Jahre 1ÖD4 MHI,^u!g He>nrich II den Herzog von Boleslaw vor starken feind, uchen Ueberfallen und rettet damit das Land vor asiatischer Ueberfrem* bung. Boleslaw ruft die Klosterleute als Kulturbringer, Bürger und r" ! btadtegründer die Kaufleute der Hanse bringen Handel unb WanbJ, bergbaukundtge Arbeiter und ländliche Siedler schaffen ?^5^"'Ul>chkeiten für die Nachkommenden. Böhmens Herzöge heiraten m ehiUhr tha*chs^' ln. Prag gilt das Nürnberger und Magdeburger ö J^Iei in Prag arbeitet an der Veredlung der neu- mnThÄ' fL-wche, unb als Karl IV. 1355 zum Kaiser gekrönt wurde, SeU[Jd) U™ ’L öen böhmischen Landen die tragende und be- stimmende geistige Macht. Als weitblickender Staatsmann pflegte Karl IV. besonders die Künste, indem er erste Meister heranzog. In dem Stift Hohenfurch im Böhmer Wald wurden um 1350 die neun großen Altartafeln vollendet, die zu den besten Leistungen der abendländischen Malerei des 14. Jahrhunderts zahlen und in ihrer Grundauffassung bereits auf bas einmalige- Meister- roert bes Genter Altars Hinweisen. Den unbekannten Maler nennt man ben Me i st e r v o n H o h e n f u r t h; man weih von ihm nur, daß aus feiner Werkstatt viele tüchtige Arbeiten bis nach Schlesien und Süd- deütschland gingen. lieber ihn hinaus wuchs zwanzig Jahre später der Meister von ■1 V 1 u 4 a u ebenfalls em Unbekannter; er schuf ähnliche Slltartafeln rote ber Hohenfurcher, aber er war ein noch mutigerer Neuerer in der Gestaltung und ein Meister der Farbgebung. Unter Karl IV. arbeitete auch Peter Parier in Prag, der zu den größten Baumeistern aller Zeiten gehört. Er kam aus der Dornbau- yutie in Köln und führte nicht nur den begonnenen Bau des Prager Domes nach eigener Planung weiter, sondern gab auch der baulichen GesMltung Prags sein Gepräge. Er und seine Nachkommen bauten viele Kwchen in der Altstadt und in der von Karl IV. gegründeten Prager Neustadt; Klosterbauten, der Pulverturm unb die Moldaubrücke mit ben beiden wuchtigen Türmen sind Meisterwerke der Parier. Der geniale P°ter Parier war auch ein tüchtiger Bildhauer; dies beweist sein mäch- ‘'9es Grabmal für den Premystiden Ottokar I., das im St.-Veits-Dom Aufstellung sand, und für das Parier die auch für damalige Verhältnisse Eletne Summe von 15 Schock Groschen erhalten hat. Aus der Parler- Hutte gingen noch viele Arbeiten hervor, die aber nur im Entwurf von Peter Parier stammen, so z. B. die ritterliche Gestalt des heiligen Wenzel und die 31 Büsten im Triforium unb am äußeren Chorumgang des Domes. Manche dieser Bildwerke verfielen ebenso wie viele Altartafeln in dem über Böhmen hereinbrechenden unseligen Hussitensturm Etwa dreihundert Jahre später wurde in Eger Balthasar Neumann geboren, der ein würdiger Nachfolger der Parker genannt zu werden verdient. Wenn man einmal auf dem weiten Residenzplatz in Würzburg gestanden hat, auf dem sich der langgestreckte, von adligem Leben beseelte königliche Bau erhebt, ober wenn man unter ben lichten Gewölben ber Kirche in Vierzehnheiligen beren kunstvoll geglieberte Zielstrebigkeit überdacht hat, bann begreift man ben schöpferischen Geist bes Artillerie-Obristen, Oberingenieurs unb Baubirektors Balthasar Neumann, der seine meisterlichen Werke hoch über fein Jahrhundert hinaus- hob und für die folgenden Zeiten richtungweisend blieb. Immer wieder bewundert man feine stützenlose Einroölbung des Treppenhauses, seine Formung „des Raumes in Räumen" unb feine starke Vergeistigung ber materiellen Grundlagen, bie dem Innen und Außen alles Trennende nimmt, und begreift bann, daß diesen Subetendeutfche unvergänglich in die Geschichte ber deutschen Baukunst eingehen mußte. Abermals dreihundert Jahre später wuchsen im Böhmischen zwei Erneuerer des Bauwesens auf, Adolf Loos und Jofef Maria Olbrich, die beide auch die Innenarchitektur sozusagen neu begründeten. Olbrich geboren 1876 in Troppau, starb allzufrüh 1908, nachdem er sich in Wien, Darmstadt, Köln und Düsseldorf bereits als ein Fertiger erwiesen .hatte. Er war eine starke Begabung, die Neues suchte und fand. Er scheute, wie Menzel, keine noch so große Mühe, sich etwas zu erarbeiten, dies wissen wir aus feinen wertvollen Briefen und aus über 6000 Zeichnungen, die er in Rom und auf Studienfahrten von alten Bauwerken gemacht hat. Ob er ein Landhaus baute oder ein Warenhaus, ob er eine Vase entwarf oder eine farbige Fächerfpitze, aus all feinen Arbeiten leuchten Kraft, Wohllaut und Heiterkeit, Haupttugenden deutscher Art. — Adolf Loos kam aus Brünn (1870), bildete sich in Dresden, arbeitete als Maurer unb Zeichner in amerikanischen Großstäbten und kämpfte dann in Wien dreißig Jahre „aegen spießigen Kitsch" und „für das Schöne im Alltag". In einem feiner interessanten Bücher sagt er, „ich habe die Menschheit vom überflüssigen Ornament befreit", der Leitspruch feines Denkens und Tuns war das Nietzsche- Wort: „Das Entscheidende geschieht trotzdem!" Einen tapferen Kampfgenossen hatte er in dem Sudetendeutschen Josef Hoffman (Pirnitz bei Jglau), dem Gründer der „Wiener Werkstätten". Als sudetendeutscher Plastiker wäre neben Hugo Lederer, dem Schöpfer des Hamburger Bismarckdenkmals, und dem zu früh gestorbenen Anton Hanak vor allem Franz Metzner zu nennen, der aus dem Handwerk hcroorging. Außer dem handwerklichen Können sind die baukünstlerischen Grundlagen feines bildnerischen Schassens unb eine uns so recht männlich anmutenbe herbe, innere Größe bie besonderen Merkmale seiner Kunst. Seine bekanntesten Arbeiten sind bie gewaltigen Bildwerke bes Leipziger Völkerschlachtbenkmals, in benen ihm bie Vereinigung der (Elemente absoluter unb malerischer Plastik gelang; hierdurch wird sein Schaffen zu einer denkwürdigen Tat von großdeutscher Bedeutung. Zu erwähnen wären noch der Plastiker, Radierer und Maler Richard Teschner aus Eger, der in Wien lebt und eine gewisse „geistvolle Romantik" pflegt, dann der aus Karlsbad kommende Karl Themann, bekannt durch gute Architekturholzschnitte, und schließlich der Maler-Graphiker und Buchkünstler Walter Klemm; er illustrierte unter anderem „Faust", „Reinecke Fuchs", „Grimms Märchen" und gilt als ein Meister des neuen deutschen Holzschnittes. Oie Liebe. Von Friedrich Hölderlin. Wenn ihr Freunde vergeßt, wenn ihr die Euer» all, O, ihr Dankbaren, sie, euere Dichter schmäht, Gott vergeb' es, doch ehret Nur Me Seele der Liebenden. Denn, o saget, wo lebt menschliches Leben sonst. Da die knechtische jetzt alles, die Sorge, zwingt? Darum wandelt der Gott auch Sorglos über dem Haupt uns längst. Doch, wie immer das Jahr kalt und gesanglos ist Zur betriebenen Zeit, aber aus weißem Feld Grüne Halme doch sprossen, Ost ein einsamer Vogel singt. Wenn sich mählich der Wald dehnet, der Strom sich regt. Schon die mildere Luft leise von Mittag weht Zur erlesenen Stunde, So ein Zeichen der schönern Zeit, Die wir glauben, erwächst einzig genügsam noch. Einzig edel und fromm über dem ehernen, Wilden Boden die Liebe, Gottes Tochter, von ihm allein. Set gesegnet, o sei, himmlische Pflanze, mir Mit Gesänge gepflegt, wenn des ätherischen Nektars Kräfte dich nähren, Und der schöpfrische Strahl dich reift. Wachs' und werde zum Wald! eine beseeltere, Vollentblühende Welt! Sprache der Liebenden Sei die Sprache des Landes, Ihre Seele der Laut des Volks! Blutsbruderschaft. Erzählung von Eberhard Meckel. Seitdem sie sich einmal bet einer Dorsschlacht als Buben gegenseitig furchtbar zugerichtet hatten, bei welchem Kampfe jedoch keiner oen andern unterbekam, waren Alfonso und Perez Blutsbrüder. Das Blut, das damals aus ihren beschädigten Nasen und sonstigen Wunden rann, hatte ihnen gleich nach dem erbitterten Streit dazu gedient, ihre ewige Kameradschaft zu besiegeln; jeder schluckte vom anderen drei Tropfen des roten Saftes, sie schüttelten sicy die Hände, schauten sich fest in die zer- bläuten Augen — und von oa an gckb es kein unzertrennlicheres Paar als die Zwei. Es war ein Ringen aus Ehre gewesen; Alfonso und Perez, beide Ansührer der Jugend ihres Viertels, hatte einer dem andern vorgewor- fen, der armen Witwe des Invaliden Nicolo den Apselgarten geplündert zu haben. Dieser Vorwurf kam der schwersten Beleidigung gleich; nein, Schuftereien gegen Arme, Hilflose und solche, die sich nicht rächen konnten und nur gemeinen Schaden hatten, begingen sie nicht. Sie aoaren Lausbuben mit Moral, die nicht anstanden, etwa dem scheinheiligen, habgierigen Kirchendiener Antonio seinen aus heimlich beiseite geschafften Opserpfennigen gebauten Hühnerstall niederzureihen, dem Schwatzweib Rita die Haustür über Nacht zuzumauern und was dergleichen Singe mehr find — aber die Aepfel der Nicolo hatten sie nicht gestohlen. Bis erkannt wurde, daß der Urheber dieses entehrenden Gerüchtes der wahre Apfeldieb -selbst war, um den Verdacht von sich abzuwälzen, hatten sie längst ihre Scharen aufgeboten und sich halb tot gehauen; sie hätten es ganz getan, wenn nicht in fast letztem Augenblick ihnen die inzwischen ruchbar gewordene niederträchtige Verleumdung in die von Schlägen bald tauben Ohren gebrüllt worden wäre. Da hatten sie voneinander abgelassen, sich als ebrenhaste Gegner erkannt, würdig, auf immer Freunde zu werden. Ihre erste gemeinsame Tat wurde, einige reiche, aber geizige Bauern um die besten Aepfel zu erleichtern und diese in einem Sack der Witwe Nicolo in die Vorratskammer zu schmuggeln. Ueber solchen und ähnlichen Begebenheiten waren Perez und Alfonso inzwischen nun herangewachsen und in der gleichen Weise, wie sie ehrenhafte Laufejungen gewesen, ehrenwerte junge Männer geworden. Kein Tag verging, ohne daß sie sich nicht mindestens einmal und bann aus- 0 sahen. Meist jedoch verbrachten sie die Zeit vom Morgen bis zum 2 zusammen, bestellten gemeinsam ihre Felder, trieben einen kleinen Schweinehandel und teilten in Eintracht Gewinn und Verlust. Da begann eines heiteren Tages Alfonso sich plötzlich auf merkwürdige Art zu veEndern. Er fing an, Perez zu vernachlässigen, beteuerte auf der andern Seite übertrieben ihre Freundschaft, bekam ein unwirrsche- Wesen, magerte ab, der rote Land wein schmeckte ihm nicht mehr, er rauchte alle Zigaretten nur noch halb auf und warf den Stummel, der sicher noch einen Centimo wert war, mit einem träumerischen Blick in die Ferne weg. Was mochte in ihn gefahren [ein? Perez zergrübelte sich den Kopf — aber der Leser hat wohl schon den Grund erraten, denn was anderes kann dahinter stecken, wenn ein Mann seinen besten Freund verrät, abmagert, ihm das Trinken nichts mehr bedeutet, als eine Frau? . ' So verhielt es sich in der Tat. Alfonso war verliebt, vergeblich verliebt in die schöne, aber unnahbare Oriana aus der Stadt, die sich seit Geraumem im Dorf zu Besuch bei Verwandten aufhielt. Aber es war kein einfaches Verliebtfein, kein solches, das man sich mit reichlichem Alkohol an einem Abend aus dem Sinn wegnebelt, nein, es ging tiefer: sehr tief sogar, ganz tief, bis dorthin, wo ein Mann bereit ist, alles aufzugeben, sogar das Leben. Alles Zureden, das Perez aufwandte, half nichts, jede Abweisung Orianas machte Alfonso nur noch unvernünftiger und besessener, er verfiel in Schwermut, tat nichts mehr, wurde richtig krank, so hatte sie ihn gepackt, die größte Macht der Erde, die Liede, gegen die es auch bei den kräftigsten Männern kein Kraut gibt, wenn sie recht zugreift. Doch, es gab ein Kraut: der Tod. Alfonso begann ihn zu erwogen, und je mehr der Gedanke daran, mit dem Sterben seinen Schmerz aus» zulöfchen, in ihm Eingang sand, desto mehr nahm dieser ihn gefangen. Ja. er wollte nicht mehr weiterleben, wollte tot fein vor diefer unerfüllten, unerwiderten Liebe, und nicht nur deshalb, nein, er hatte darüber auch der Blutsbrüderschaft mit Perez nicht mehr gegeben, was er ihr geben mußte, er hatte ihren Bestand gefährdet und sie vor dem ganzen Dorf, das schon ihren drohenden Zerfall.zu belächeln anhub, fragroürbig erscheinen lassen, und dies konnte nur mit dem eigenen Blute gesühnt werden. ' Alfonso verständigte Perez von seiner festen Absicht, aus dem Leben zu scheiden. Perez erklärte daraufhin sofort, er werde als sein Blutsbruder mit ihm in den Tod gehen. Antonio beschwor ihn, es nicht zu tun, aber Perez blieb allen Vorstellungen gegenüber taub und rotes nur auf das Gesetz ihrer Freundschaft, und so beschlossen beide gemeinsam zu sterben, sich gegenseitig zu töten, wie sie sich gegenseitig immer geholfen und in allen unterstützt hatten. Sie beschafften sich Waffen, gute Pistolen aus der nahen Stadt, ordneten ihre Sachen, trafen letzte Bestimmungen und schrieben einen Abschiedsbrief, sie standen nebeneinander, die Arme gegenseitig auf die Schultern gelegt und grüßten noch einmal die scheidende Sonne, die sie morgen nicht mehr erblicken würden, traten in den Raum, der ihr beider Ende, die Blutsbrüderschaft besiegelnd, sehen sollte, machten sich mit feierlicher Umständlichkeit mit dem Laden der Waffen zu schassen und stellten sich dann einander gegenüber auf, fast Brust an Brust, wobei einer dem andern den todbringenden Lauf genau auf das Herz fetzte. Dann zählten sie auf drei, langsam und würdig, wie es sich geziemt« und drückten zu gleicher Zeit ab. Aber nur ein leises metallisches Klicken und Knacken erfolgte, kein die Lust zerreißender Knall, der Tod und Zusammensturz brachte. Hatten die Waffen versagt? Sie zerrten sie sich gegenseitig aus den Händen, schauten in die Läufe, doch weder Perez fand in Alfonsos Pistole noch Alfonso in der von Perez eine Patrone stecken. Sie maßen sich mit bohrenden Blicken: So hatte keiner geladen gehabt, also jeder wollte des Blutsbruders Leben schonen, von ihm aber, ohne- mit der Wimper zu zucken, den Tod erwarten. Jeder hatte den andern betrogen, betrogen aus Liebe, Freundschaft — gleichviel, es war Betrug, Verrat, wenn auch ein fehr heroischer, dessen Lohn sich im eigenen Sterben zahlen sollte, denn daß der andere nicht ehrliches Spiel triebe, wie wären sie je auf diesen Gedanken gekommen? Sie würden die verwickelte Geschichte mit Denken und Stummsein, aber noch weniger mit Worten lösen, das wurde ihnen, je verbissener und ausgedehnter sie sich anblickten, deutlich; es half nur eines: sich prügeln. Wie auf einen Befehl warfen sie die Pistolen weg, stürzten sich aufeinander mit einem Gebrüll, das alle Kennzeichen einer Erlösung aus dein Schweigen trug, und begannen sich gegenseitig mit Schlägen zu bearbeiten, deren Kraft anzumerken war, daß sie den Betrug an der Blutsbrüderschaft mit Wut ins Nichts zertrommeln sollten; alles war bareingemengt, was sich in jedem Kämpfer aufgefpeidjert hatte, Haß, Siebe, Enttäuschung über den andern, über Oriana und das Leben und die Welt — ja, was wußten Alfonso und Perez schon, was sie in ihre Hiebe steckten, die sie erbarmungslos, wohin es gerade traf, aufeinander faufen ließen! Wie auch immer es war, fo lange Alfonso und Perez auch kämpften, feiner bekam den andern unter, wie seinerzeit, als sie sich zu Blutskameraden gefunden hatten. Und als die Schläge schwächer wurden, matter und matter fielen, ähnelten sie nicht immer mehr den Bewegungen, mit tzenen man dem besten Freunde herzhaft auf die Schultern zu klopfen pflegt? — So ließen sie am Ende lachend voneinander ab; übel genug zugerichtet. sahen sie wahrlich aus. Aber das wie damals wiederum Blut aus Nase und Wunden floß, das war nur gut: Sie konnten also erneut drei Tropfen tauschen, diesmal jedoch als rechte Männer, nicht als Buben. Dann ergriffen sie die Pistolen, luden, traten vor das Haus und schossen in den Himmel, der ihnen morgen wieder die Sonne zeigen würde, die Magazine leer. Nachdem sie sich den plötzlich aufsteigenden Angstschweiß, was wohl geworden wäre, wenn einer von chnen doch richtig geladen gehabt hätte, von den Stirnen gewischt und den Abschiedsbrief zerrissen hatten, beschlossen sie mit erhobenen Schwurhänden, entweder gleichzeitig sich zu verlieben oder gar nicht. Danach stürmten sie durch die Dorsstraße; da ging Oriana, stolz und abweisend, aber doch mit einer den Gruß erwartenden Miene. Doch die Freunde schauten gar nicht zu ihr hin. Leichten Herzens, von verwunderten Blicken über ihr fröhliches, aber zerschlagenes Aussehen gefolgt, zogen sie weiter in die Kneipe, die den vielsagenden Namen „Zum Esel des Sanjfyo" trug und beftcStcn den besten Wein. Wenn sie nicht tranken, die neue Blutsbrüderschaft zu begießen, fangen sie das uralte Lied von den Männern, denen, wenn sie Zusammenhalten, die Welt gehört und das weite Leben. Es hallte laut in die Nacht, die mit Sternen zauberisch hereinbrach ... Derantwortlich: vr. Hans Thyriot. — Druck und Derlag: Brüh Ische Universitätsdruckerei R. Lange, Gießen.