GietzenerZamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger ahrgang (958 Montag, den 14-März Nummer 2\ Herz Im HM Roman von Hans-Äafpar von Zobeltttz Copyright bu deutsche Serlags-Anstatt, Ätuttgatt 7. Fortsetzung. Er Ist älter geworden, dachte sie, denn ein grauer Schimmer, den sie »och nicht kannte, lag über seinen Schläfen, aber sein Gesicht war das leiche wie einst: schmal, hager, langgestreckt, die Nase kühn, groß und erwde, die Backenknochen stark, die Stirn kantig und hoch, die Haut geraunt und trocken wie Pergament, die Augen graublau und seltsam cht, wie die der Menschen vom Meer. Sein schon sommerlich Heller inzug betonte die Breite seiner Schultern. Ja, es war doch der William •ruce von damals, von ... wie lang war es her? — zehn Jahre, ein — elf. ' Sie gleicht noch immer dem Bild, das sie mir einst schenkte, dachte er. ir trug es in seiner Brusttasche, und ost hatte er es in all der Zeit, die so leer verströmt war, hervorgezogen und lange betrachtet. Die könig- lhe Schlankheit ist ihr geblieben, die stolze Haltung, die saubere Blond- I st des Haares, dies vornehme Schmalwangige und dies kühl Schmal- Ibptge. Und wie einst wölben sich die hochgeschwungenen Brauen über Sm etwas tiefliegenden Augen. Sie ist schön wie damals. Was tut es, diß ein paar Falten die Mundwinkel umspielen? Sie fanden keine Worte, sie sahen sich nur an. Dann löste sie die Spannung, ohne es zu wollen: rein gefühlsmäßig hob sie ihre Hände und streckte sie ihm entgegen. Er tat die beiden Schritte, die sie noch trennten, Hub ergriff die Hände, die ihn riesen. Es war nicht der übliche Hand- jelag, es war unendlich viel mehr: eine Gebärde des Sichwiedersindens, |s Sichwiederhabens. Tiefes Vertrauen lag in diesen Händen, die sie ihn bot, Liebe lag in seinen Händen, die ihre nun umschlossen. Und das Wort kam von seinen Lippen, aus das sie unbewußt und dich in ihr schwingend so lange und so schmerzvoll gewartet: „Sri." Sie sank zu ihm hin, wie ein müder Mensch nach weiter Wanderung sth in das Gras einer weichen Wiese fallen läßt. Ihr Kopf fand Ruhe an seiner Schulter. Sanft und voll Vorsicht löste er seine Rechte aus ihrer Linken, be- d-cht, die Lässigkeit ihrer Seele und ihres Körpers nicht zu stören. Weich mb behutsam strich er über ihr Haar, legte die kühle Fläche seiner Hand in ihr Genick unter den dicken blonden Knoten; dort ließ er sie eine teile verharren, ehe sie um ihren Hals weiterglitt zum Kinn, das er mfpannte und gegen sich aufrichtete. Jede dieser Bewegungen war beherrscht von jener sicheren ritterlichen zirtheit, die er von je besessen, öle ihm überliefert war aus dem Blute derer, die einer Elisabeth oder einer Stuart gedient hatten, und mit der tt sie besiegte — damals. Sie folgte dem Willen seiner Hand, hob das Gesicht zu ihm aus. Ganz weit öffnete sie die Augen und suchte seinen JBlicf. Leise be« Bt gten sich ihre Lippen. „Ich war krank, William, vor Sehnsucht." Sie ließ sich in seinen Arm gleiten, ihr Kopf siel ties ins Genick, Billenlos. „... nach dir ... nach feiner Hand ..." Es war kein Sprechen mehr, nur ein Hauchen. Er beugte sich über sie und küßte ihre Lippen. Die Arme hob sie und legte sie um seinen Hals, sie lehnte sich an ihn, dornst das Gefühl in ihr stärker, sicherer wurde, das Gefühl des Ge- krgenfeins, und das Wissen: alle Einsamkeit ist zu Ende. „Run ist alles gut", sagte er. Sie hörte die Worte, faßte aber nur ihren Sinn, nicht ihren Klang, hie Laute, seine Sprache Seinen Kopf zog sie wieder zu sich herab. Lange standen sie so. Bis er sich aufrichtete, suchend durch das Zimmer Ist, das ihm fremd war. Zu einer kleinen Bank führte er sie, dicht vor tinem Fenster, durch das die Sonne dieses Frühlings schien. Er setzte sich ihr gegenüber und nahm von neuem ihre Hände in die leinen. „Ich danke dir, Jri, daß du gekommen bist. Ich habe auf diese Stunde Pvartet, all die Jahre. Ich liebe dich heute,' wie ich dich immer ge- lielst habe." Wieder vernahm sie nur den Sinn seiner Worte. Ihr Herz pochte, sie hörte jeden Schlag. Sie wollte antworten, aber hr Hals war verschlossen. Dann füllten sich plötzlich ihre Augen mit Tra- Jeir, mit ungewollten, ungewünschten Tränen, die aber nicht überfloffen, Indern heiß an den Lidern haften blieben. Sie entzog ihm ihre Hände, die nun, nach dem Taschentuch suchend. über den Stoff ihres Kleides hafteten, aber nichts fanden. So legte sie die leeren Finger beider Hände auf ihre Augen, zu gleicher Zeit auf beide Augen, um die Last dieser Tränen fortzuwischen. Sie mußte sich die Worte abringen: „Verzeih, William, ich kann noch nicht denken. Roch nicht über diese Minute hinaus." „Du sollst nicht weinen." „Nein — nein, du hast recht: ich soll nicht weinen, ich darf auch nicht weinen, jetzt nicht ... jetzt nicht." Sie schluchzte auf. Sie hatte plötzlich ihr Spitzentuch in der Rechten und drückte es gegen den Strom, der nun endlich befreiend über ihre Wangen rann. Er war hilflos gegenüber diesem Ausbruch. Er bat, und es war fast ein Flehen: „Weine nicht — weine nicht." „William", sagte sie, und ihre Stimme bekam Farbe und Glanz zurück, „laß mich meinen. Ich bin doch eine Frau." Das Tuch sank in ihren Schoß. Die Tränen perltest, aber ihr Mund lachte und blühte. Es war Frühling in Wien. Durch schmiedeeiserne Barocktore sah man in Parks, die überschäumten vom ersten lockenden Grün. Bunte Markisen hingen über zopfigen Balkonen, und die Stephanstürme stachen in einen lichtblauen Himmel, in dem weiße Federwölkchen schwammen. Wenn die Wache über den Graben marschierte, klangen die Märsche wie Walzer von Strauß. Die Fiaker hatten Blumen ins Kopfzeug ihrer Gäule gesteckt und klapperten mit den Guldenstücken, die sie lose in den Hosentaschen trugen, denn die Herren waren freigebig mit Trinkgeldern in dieser, schönsten Zeit. Irene und William fuhren zur Jause in die Sri au, und der ganze Prater schien ihnen voll Lachen. Sie grüßten hinüber zur Minni Oedeny, die mit Poldi Rostiz am Nachbartisch saß, zum Prinzen ODessaM, der mit der Gräfin Kolowrath flirtete, zum alten Baron Sanner, der allein hinter seinem Schwarzen hockte, seine lange Virginia zerkaute und an seinem grauen Schnurrbart zwirbelte, wenn ein besonders hübsches Komtess erl in dünnem Frühlingsfähnchen vorüberging. Sie fanden den Alten scharmant, die Kolowrath schön, die Oedeny reizend. Sie liebten die ganze Welt. Irene stellte fest, daß es nirgend so guten Kaffee gäbe wie in Wien, und war nicht einmal böse, als Olli Czeh mit ihrem Mann nachkam, sich an ihren Tisch setzte und sagte: „Ich muß doch mal nach unferm Hausgast sehen, denn daheim ist er ja nie." Irene stand bei der Spitzer und probte Kleider an, hellblaue Kleider in allen Schattierungen, denn William hatte gesagt, sie dürfe nur Hellblau tragen. Und nahm dann doch ein lichtgrünes, weil die Farbe sie an eine Birke oben im Wiener Waid erinnerte, unter der sie gesessen. Sie drehte sich vor dem Spiegel und fand das Kleid entzückend. Als ihr der Preis genannt wurde — „Echt Pariser Modell", sagte Frau Spitzer zur Entschuldigung — dachte sie: Er hat ja gar keine grauen Schläfen, und ich bin ja noch gar nicht über dreißig, ich bin fünfundzwanzig — höchstens. Sie schloß ihre Perlen ein und kaufte sich auf der Kärntner Straße eine Halskette aus Halbedelstein, nur weil sie farbig war und glitzerte. „Sieht mir die Kette, Olli?" fragte sie abends. „Du bist wie ein Kind, Reni." „Laß mich's doch fein." „Ich gönn's dir." Sie ritten zusammen an der Donau entlang nach Bisamberg und hinaus nach Kloster Neuburg. „Sieh, William, wie die Kirschen blühen." — „Das sind ja Aepsel, Jri." — „Nein, es sind Kirschen oder höchstens Pflaumen. Ich will, daß es Kirschen sind. Wenn sie reif sind, reiten wir wieder her und kaufen uns einen ganzen Korb voll. Dann such' ich dir die beiden schönsten aus, die darfst du essen. Und den Rest verschenke« wir an die Kinder im nächsten Dorf. Ja, William?" „3a, Jri." Abends aßen sie bei der Sacher. Er war im Frack und sie in großer Toilette. Ihr Hals blühte frei, seitlich ihrer stolzen Schultern pufften sich kleine Aermel, ihre Brust faß in einer ganz knappen, engen Korsage, und ihre Taille war schlank wie die Olli Czehs. Der Rock bauschte sich weit und streifte den Boden. Sie war selbst über sich erstaunt, weil sie spürte, daß viel Frauliches, Mütterliches hier in Wien von ihr abglitt. Er reichte ihr die Speisekarte. Sie sah nicht hinein. „Ein Backhänderl will ich, und dann eine Mehlspeisen, William. Ich will nur Wien." Ihre Stimme hatte etwas von dem weichen Klang angenommen, der rund um den Stephansdorn von allen weiblichen Sippen fang. Sie bummelten durch die Straßen. Sie zog ihn vor ein Schaufenster. „Du, den Schutenhut möcht' ich haben. Wir gehen hinein, und ich probier' ihn auf, und bann mußt du ihn mir schenken. Ja?" Er lächelte. „Ja, Jri." Sie sah ihn an. „Bist du auch glücklich, William? Sag's mir gleich, sag's mir hier, hier auf der Straße." Sie freute sich, daß er verlegen wurde, daß er nicht bin austonnte aus feinem steifen Angelsachsen- tum. „Brauchst'- nicht zu sagen, William, ich glaub' dir's auch so.' Dann stieg sie heimlich zu „Maria am Gestade hinaus und fegte sich ganz vorn, dicht am Hochaltar, nieder und lächelte hinauf zum roten Schimmer der einigen Lampe. „Verzeih mir, Gott", betete sie, „aber ich bin so glücklich." Sie wollte noch weiterbeten, aber sie kam nicht über diesen Satz hinaus, obgleich sie lange, lange die Hände gefaltet hielt. Sie hatte viel nachzuholen, diese Gräfin Irene Czeh, von dem, um was sie das Leben bisher betrogen hatte. Sie hatte keine Jugend gehabt, als sie noch die Freiin von Ellsleben war. Mit fünfzehn hatte sie Schwarz getragen um den Vater, mit siebzehn hatte sie die Mutter zu Tode gepflegt, in Trauerkleidern halte sie das Gnadenbrot einer armen Hofdame gegessen, die harte Kost immerwährender Bereitschaft zum Dienen und Sichbeugen, mit neunzehn hatte sie, ohne gefragt $u werden, heiraten müssen, und mit zwanzig ihr erstes Kind unter dem Herzen getragen. Nun zeigte der Frühling in Wien ihr, was Jugend ist. Und sie griff nach dieser Jugend mit dem Herzen einer reifen Frau. Sie sah in den Spiegel und freute sich, daß sie schön war. Es schmerzte sie nicht mehr, wenn Olli am Bett ihres Jüngsten stand. Sie wußte ja nun, aus welcher Quelle der Glanz floh, der um Olli strahlte. Sie neidete keinem Wiener Mädel sein Lachen. Sie lachte selbst. Einmal — in Schönbrunn blühte schon der Flieder — schritten sie beide auf die Gloriette zu. Die Wasser spielten, es plätscherte und rauschte. Die Sonne malte einen kleinen Regenbogen in das Gesprüh eines Springbrunnens. „Wie groß ist deine Liebe, William?" fragte sie. Er wußte keine Antwort. Sie sah nach oben. „So hoch wie der Himmel?" — „Ja, Iri." — „So sprudelnd wie die Wasser?" — „Ja, Sri." — „So bunt wie der Regenbogen?" — „So bunt wie du, Iri, so klar wie deine Seele und so groß wie dein Herz." Sie waren richtige Liebesleute beide. Drei Tage waren sie oben aus dem Semmering. Sie fanden einsame Wege in den Bergen, sie sahen in die Täler hinab und zu den verschneiten Höhen hinauf. ,Zst dein England auch so schön?" fragte sie. — ,Lch weiß nicht, denn ich kenne es nicht mit dir." Sie bot ihm ihren Mund. Und er küßte sie. Abends, im großen Kreis der Menschen, sagte er: „Gräfin" und sie: „Sir William". Und sie liebten dieses Spiel des Versteckens und der Lügen vor der Welt. Sie tanzten. Alle Herren warteten darauf, daß auch sie einmal für ein halbes Hundert Walzertakte die fchöne Gräfin Czeh tm Arm halten könnten, aber sie wartete nur auf den langsamen, ruhigen Bostonschritt, den William sie nach den alten Melodien Lanners und Strauß' und den neuen von Fall und Lehär führte. Als sie wieder hinabfuhren, war für wenige Augenblicke die Frage in ihr: Heißt dieser Zauber wirklich William Bruce oder ist es Wien, das mich verzaubert? Und sie antwortete sich selbst: „Es ist William Bruce." — Erst als sie wieder in WaldH ausen war, wußte sie die Wahrheit: Ich selbst war es — ich ganz allein. Das war einen Monat später oder zwei. Sie trug wieder Schwarz innerhalb der Mauern des alten Czehschen Schlosses und innerhalb der Grenzen des Deutschen Reiches. Ihre bunten Kleider waren in Wien geblieben, sie hatte sie Ollis Kammerfrau geschenkt. Aber in ihr blieb ein Leuchten und in ihren Augen ein Glanz. William Bruce war schon weit fort Er saß wohl jetzt an Deck des Dampfers, der ihn nach Kapstadt führte, seinem neuen Amt entgegen. ,Lomm mit mir", hatte er gesagt, „wir lassen uns daheim trauen, in der kleinen Kirche von Dreadsord. Dann gehen wir in die Welt. Die Welt ist England, und England ist die Welt. Wir werden überall zu Hause sein." „Nein, William. Die weite Welt ist mir keine Heimat. Ich habe dich lieb, und ich danke dir. Ich gehöre nun wieder woanders hin, gerade weil du wieder einmal in meinem Leben warst. Hast du Günter gesehen mit seinem braunen Fohlen vor der Grust der Czehs? Dort ist mein Platz, William. Günter gehört nach Waldhausen, und ich gehöre zu den Kindern. Man darf einmal mit wachen Augen träumen, William, aber man darf nicht mit träumenden Augen durch fein ganzes Leben gehen wollen." „Ich werde dich immer lieben, Iri." „Ich auch dich." Sie hatten sich noch einmal geküßt. „Ich komme wieder, Iri." ,^Ich werde auch dann keine andere Antwort für dich haben." Die Berliner Gefellschaftssaison fetzt ein. Heidenberg kommt eines Tages zu Wallnitz, um mit ihm zu beraten, in welchen Häusern sie in diesem Winter Besuche machen und in welche Ministerien, Botschaften und Gesandtschaften sie zum Empfang gehen wollen; die Liste der Empfangsnachmittage liegt im Kasino ihres Regiments aus. Sie haben seit Jahren den gleichen Kreis und werden zu den gleichen Diners und Bällen eingeladen; man kennt sie überall als Freunde. Wallnitz wehrt ab. „Das mußt du diesen Winter allein durchsechten, Erich." Er braucht seine Abende für die Vorbereitung zur Kriegsakademieprüfung. Er will, er muß arbeiten: Taktik, Kriegsgeschichte, Geschichte, Erdkunde, Sprachen. Es wird viel gefordert, und der Wettbewerb ist groß. Fünfzehnhundert Offiziere melden sich für das Examen an, aber nur hundertfünfzig werden einberufen. Da genügt nicht, daß man gute Arbeiten schreibt, man muh bcffere schreiben, bessere als ein- tausenddreihundertfünfzig andere. Bei soviel Nebenbuhlern heißt es sich heranhalten; da nützen auch Namen und Verbindungen nichts: man bekommt eine Nummer zu gewiesen, die schreibt man an den Kopf der Arbeit; die prüfenden Generalstab sosfiziere wisien nicht, wem „ die Nummer gehört. Es geht hart auf hart. In diesem Jahr hat Wallnitz keine Zeit für Tanzabende, auf denen die Jugend für die Tanze im Schloß eingeschult wird, und ähnliches. ,Zch glaub«, dies Feld überladen wir Jüngeren", sagt er. Heidenberg ist traurig. „Was soll ich denn ohne dich anfangen? (rin paar Bälle wirst du doch mitmachen? Du kannst doch nicht jeben Abend büffeln?" sagt en "Laß'mtt^dir reden, Bernd. Ich weiß, es muß auch Menschen wie dich'geben, Menschen, die alles mit dem Kops machen wollen. Ich kann nicht über Büchern sitzen, ich muß meine Kerls vor mir haben. Wenn ich hinter dem MG. hocke und den Leuten beibringe, wie sie schießen müssen, und wenn ich dann sehe, wie aus einem Bauernjungen oder Fabrikarbeiter ein guter Schütze wird, dann bin ich glücklich. Oder wenn ich in den Stall komme, und alles ist blitzblank, und die Stallwache hat keine Angst, weif der Laden eben wie von selbst in Ordnung ist, wenn ich mit Kalleweit über sein Ostpreußen oder mit Brettnagel über seine Arbeit in seiner Fabrik in Essen schwatzen kann, dann bin ich in men..in Element. Aber abends muh ich 'raus: Gesellschaften mitmachen, tanzen. Das ist der Ausgleich." „Abends lerne ich am besten." „Aber zu euren neuen Nachbarn, zu Schillings, wirst du doch wenig- ftcns Q?l)cn.w Wallnitz überlegt eine Weile, während Heidenberg weiterredet, und sagt schließlich: „Zu Schillings, ja, da muß ich wohl hin." So ist Wallnitz eines Samstags mit Heidenberg aus dem Nachmit- tagsempfang der Frau von Schillings. Es find viele Menschen im Haus in der Motzstraße: Damen in radgroßen Hüten, Herren tm Ueberrod ober Cut. Sie trinken Tee, knabbern Kuchen, stehen herum und klatschen ein bißchen, um schließlich aufzubrechen, denn sie wollen noch zu anderen Empfängen, die auf den gleichen Tag angesetzt sind, und auf denen es im Grunde nicht anders aussieht als hier Bernd hat Lore Schillings anfangs nur flüchtig begrüßen können, sie hatte Haustochterpflichten. Aber dann steht sie plötzlich vor ihm und reicht ihm noch einmal die Hand. „Also doch den Weg zu uns gesunden, hoher Herr? Ich dachte schon, wir würden Sie in diesem Winter nicht bei uns sehen." „Sind Sie mir noch böse?" fragte er. ,Zch — warum?" ,Zch habe mich am Dapperschen Wald recht töricht benommen." Sie lacht. „Und nun wollen Sie sich bessern?" Ganz langsam entfernen sie sich von den anderen, schrägen den Saal und treten in den Wintergarten. Ein kleiner Springbrunnen rieselt in seiner Mitte, eine Gruppe Korbsessel steht hier. Sie kommen ins Schwatzen. Lore erzählt von den Morgenitzer Brandts und chren Zwillingen, und er lobt chren Sechzigkilometerritt. So sind sie mit ihrem Gespräch mitten in der Neumark. Da wird Bernd ernst, er muß an die Ellern denken. Vater ist bei ihm gewesen, ehe er die gleichen Wege gehen muhte, die einst der alte Dransow gegangen war: ins Militärkabinett und nach Hamburg. Nur war er weicher gewesen als jener: Conrad hatte sich noch von der Mutter verabschieden dürfen. Es hat viel Tränen gegeben in Dapper. Das sind trübe Gedanken. Sie wollen nicht hierher paffen und nicht zu Lore. Bernd steht auf, er kann nicht weiter von der Heimat sprechen. n;ber an den nächsten beiden Samstagen ist er doch wieder im Schillingsschen Haufe. Es zieht ihn hin, eigentlich gegen feinen Willen. Das erstemal ist der Kreis größer, das zweitemal ist er allein mit Lore und ihren Eltern. Da nimmt er sich am dritten Samstag vor, bestimmt nicht in die Motzstrahe zu gehen; er verabredet sich für diesen Wend mit Hilde, die er vierzehn Tage nicht gesehen hat, setzt sich nach dem Mittagessen mit Büchern und Karten an seinen Schreibtisch, um Befestigungslehre zu arbeiten: Festungsbau, Grabenbau, Brückenschlag und was alles dazu gehört. Er ist zufrieden: eine [einer Taktikarbeiten ist sehr gut ausgefallen, er ist bei ihr nicht in eine Falle gerutscht, die gestellt war; fast alle Kameraden hatten sich in der Aufgabe für den Angriff entschloßen, weil Angreifen, Zupacken meist das Richtige ist, aber eben nicht immer; dieses Ma! war die Lösung Verteidigung gewesen, und er hatte sie richtig gesunden. Er hat auch ein Lob für die Abfassung seiner Befehle bekommen: knapp und klar. Er wird es fchon schaffen. Er nimmt heute den Abschnitt „Behelfsbrücken" vor, das ist ein zäher Stoff: Holzmaße, Verwindungen, Schrauben, Nägel; er macht ein paar technische Zeichnungen, entwirft eine Brücke für leichte Fahrzeuge über einen Bach von sechs Meter Breite, überdenkt die Uferbefestigungen und errechnet die Unterzüge. Um vier läutet der Fernsprecher. Es ist Lore. „Kommen Sie Heute?" — ,Hch sitze mitten in einer Arbeit." — „Ach, kommen Sie doch." Es schwingt etwas in ihrem Ton, das ihn nicht „nein" sagen läßt. Und bann ist noch ein frohes Lachen da, das ihm Im Ohr bleibt, als er sich wieder über [eine Arbeit beugt. Erft viel später fällt ihm ein, daß er an diesem Tage zum erstenmal eine Verabredung mit Hilde nicht einhielt. An diesem Abend zieht ihn nach Tisch Herr von Schillings in «inen Kreis älterer Herren. Don Politik ist die Rede, und Schillings ist nicht gut auf die Politik zu sprechen, die Bülow treibt; er hat sich wegen der Rohstossversorgimg seiner Werke an einem Unternehmen in Marokko beteiligt und war weder mit der Kaiserfahrt nach Tanger im Vorjahr noch mit dem Ausgang der Konferenz in Algeciras zufrieden. (Fortsetzung folgt.) Ltrians "Reife um die Wett. Von Matthias Claudiu». Wenn jemand eine Reise tut. So kann er was verzählen; Drum nahm ich meinen Stock und Hut Und töt das Reisen wählen. Zuerst ging's an den Nordpol hin; Da war es kalt, bei Ehre! Da dacht ich denn in meinem Sinn, Daß es hier besser wäre. In Grönland freuten sie sich sehr. Mich ihres Orts zu sehen, Und setzten mir den Trankrug her; Ich aber ließ ihn stehen. Die Esquimaux sind wildund groß, Zu allem Guten träge; Da schalt ich einen einen Kloß Und kriegte viele Schläge. Nun war ich in Amerika; Da sagt ich zu mir: Lieber! Nordwestpassage ist doch da; Mach dich einmal darüber! Flugs ich an Bord und aus ins Meer, Den Tubus festgebunden, Und suchte sie die Kreuz und Quer Und hab sie nicht gefunden. Von hier ging ich nach Mexiko; Ist weiter als nach Bremen, Da, dacht ich, liegt das Gold wie Stroh; Du sollst 'n Sack voll nehmen. Drauf kauft ich etwas kalte Kost Und Kieler Sprott und Kuchen Und fetzte mich auf Extrapost, Land Asia zu besuchen. Der Mogul ist ein großer Mann Und gnädig über Maßen Und klug; er war itzt eben dran, 'n Zahn ausziehn zu lasten. Hm! dacht ich, der hat Zähnepein Bei aller Groß und Gaben! Was hilft's denn auch noch, Mogul sein? Die kann man so wohl haben. "ich gab dem Wirt mein Ehrenwort, Ihn nächstens zu bezahlen; Und damit reist ich weiter fort Nach China und Bengalen. Nach Java und nach Otaheit Und Afrika nicht minder; Und sah bei der Gelegenheit Viel Städt und Menschenkinder; Und fand es überall wie hier, Fand überall 'n Sparren, Die Menschen grade so wie wir Und ebensolche Narren. Mumme Mules Wunschlag. Von Haus Friedrich Blunck. Irgendein Tag im Frühling ist dazu ausersehen, daß atfe Bettler und Armen ihre gerechten Wünsche aussprechen dürfen. Es ist der Tag, an b m auch die Unterirdischen ein gleiches Recht haben, und liegt um den Maien. Die Wichtelleute wissen natürlich besser als unsereins damit Bescheid, la war einmal ein sehr kluger Mann unter ihnen, der hatte die Men- [d)en und zumal den alten Landstreicher Prachermann gern und ließ dem Freund lagen, er würde am Tag der gerechten Wünsche nach oben ümmen und Weib und Kinder mitbringen, damit sie sich den Menschen gleich am blauen Himmel ergötzten. Er hieß also, als es so weit war, seine Frau sich schön machen, ließ |it die sieben Kinder bürsten und klopfen und kleiden, zog seine weiße Hase an, schnitt einen Stecken und kroch wahrhaftig in der Frühe mit btn Seinen aus dem Heidberg, um Prachermann zu treffen. Der alte Bettler aber, der ihn erwarten sollte, hat in seinem Graben die Zeit verschlafen, und darüber wäre beinahe ein Unglück geschehen, ich muß es ttd) erzählen! Als der Unterirdische, Mumme Mule hieß er, nämlich so seines Weges geht und den Freund straßauf, straßab vergeblich sucht, bekommt «k Durst. Er kehrt deshalb in einer Wirtschaft ein, hebt, selbst kaum zwei Fchuh hoch, Frau und Kind auf die Stühle und will mit dem Wirt ein ^sprach beginnen Der erstaunt sehr über die neuen Gäste und möchte wssen, ob es an ihnen etwas zu verdienen gibt. Er nickt höflich, zieht tu Kappe und fragt, auf wen der Herr warte. Auf feinen Freund Prachermann, sagt Mumme Mule keuherzfg. Nun ist der alte Landstreicher dem Wirt aber sehr wohl bekam«; Prachermann kriegt bei ihm nichts mehr zu trinken, und Mumme Mule hat es, sobald er den Namen nennt, mit dem dicken großen Mann verdorben. Der Kröger wird unfreundlich, er fragt, woher man komme, und erkundigt sich sogar, ob der Gast denn auch zahlen werde, was er bestelle. Die Frage erzürnt Mumme Mule, er will gerade erbost weitergehen, da fängt die Gartenmusik an. Nun haben die Wichte ja zu nichts mehr Lust, als noch unseren Geigen zu tanzen. Mumme Mule tut also einen vergnügten Schleifer, er hebt Frau und Kinder von den Stühlen und will in den Tanzsaal. Es laufen aber nur einige kleine Mädchen herbei und schreien und fassen sich an den Händen und reigen im Kreis um ihn. - Die großen Leute kümmern sich gar nicht um den Fremden, nur der dicke Kröger läßt ihn nicht aus den Augen. Da wird Mumme Mule sehr ärgerlich, ihm fällt ein, daß er seinen Wunschtag hat, er zaubert dem Wirt einen doppelten Bauch und allen schreienden Kindern und allen Leuten, die ohne ihn tanzen, eine zwiefache Nase an. Als der Knirps nun weiter seines Weges stapfte, kam ihm auf der Landstraße ein gelehrter Herr entgegen, der sich auch mit den Seinen im Grünen ergehen wollte und sich über die sonderbare Begegnung sehr verwunderte. Aber er war doch ein höflicher Mann, zog den Hut und fragte den Knirps nach dem Woher und Wohin. Ja, hat Mumme Mule gesagt und hat Vertrauen zu diesem Fremden gefaßt, er gehöre eigentlich zu den Unterirdischen, aber er wolle auch einmal in der Sonne spazierengehen, weil es just ein Festtag der Menschen fei. Die Frauen haben sich währenddes hochmütig angeguctt, und die Kinder haben mit kleinen Steinen nacheinander geworfen. Aber der Gelehrte und der Unterirdische haben vom Leben unter und über der Erde ein ernsthaftes Gespräch begonnen. Und Mumme Mule hat beweisen wollen, wieviel schöner und gleichmäßiger und gegen Frost und böse Wetter geschützt man doch in den Höhlen der Tiefe lebe, wieviel klüger überhaupt alles unter der Erde als über der Erde fei. Als er das aber sagte, hat der andere ihm solche Reden verwiesen, er hat zornig erklärt, daß der Mensch das Höchste aller Dinge fei und ein ewiges Leben habe. „Oho", hat Mumme Mule geantwortet, „wir leben solange wir wollen, ist das nicht besser?" „Oho", hat der Gelehrte geeifert, die Unterirdischen hätten eben die Sehnsucht nicht, das hätte er gehört, und die Menschen wären jetzt schon so weit, hoch durch die Lüfte zu fliegen. Ach, hat Mumme gesagt, das wäre etwas Uraltes und längst erfunden, der Herr brauche nur einmal über sich zu schauen; das fliege zehnmal besser und von jung an als alles Menschengezücht. Der Gelehrte hat das Kinn erstaunt nach oben gedreht, hat jedoch nur eine alte Krähe gesehen. Mumme Mule aber hat dem hochmütigen Kopf gewünscht, daß er stehenbliebe, wo er stand. Da hat der arme Herr, den Hals in die Luft gestreckt, seines Wegs laufen müssen. Mumme Mule hat eigentlich.genug von den Menschen gehabt, aber er hatte versprochen, den armen Prachermann zu besuchen. Er ist deshalb weiter die Straße fürbaß geschritten und ist an einen Platz gekommen, da war ein Zirkus aufgeschlagen. Die Leute haben natürlich gemeint, der kleine Mumme Mule und die Seinen gehörten dazu; auch der Besitzer des Zirkus ist der fremden Gäste gewahr geworden, er hat es sich nicht entgehen lassen, solch Volk, an dem er reich werden konnte, mit oder gegen seinen Willen einzufangen. Ja, der lange Kerl ist einfach auf Mumme Mule zugegangen, hat mit festem Griff feine Hand gepackt und gesagt, sie könnten gleich einen Vertrag miteinander machen. Dem Kleinen hat es fast den Atem genommen, weil der Lange so rauh marschierte, und die Frau und die sieben Kinder haben nicht folgen können. Solche Behandlung hat Mumme Mule nun wieder so gekränkt, er hat dem Fremden im Lausen einen Riesenbuckel angewünscht, nur um etwas zu Atem zu kommen. Da ist der Mann mitten auf dem Weg erbärmlich ftehengeblieben und hat sich kaum auf den Beinen halten können. „Frau", hat Mumme Mule erklärt, „die Menschen gefallen mir nicht, wir wollen nach Haus." „Nun", hat die geantwortet, „hab ich's dir nicht stets gesagt? Gehen wir nach Haus!" Als der Unterirdische nun feinen Weg durch die Heide trottelte und noch immer viele Neugierige hinterdrein liefen und doch vorsichtig aus- wichen, weil es jedermann schlecht bekommen war, mit dem Kleinen zu verhandeln, da ist endlich auch der arme Prachermann, den Rock zerrissen, einen Stock in der Hand und einen Riesensack auf dem Rücken, zu ihm gestoßen. Er hatte schwer zu tragen. Ach, der Arme hatte an all den armen verzauberten Menschen gemerkt, daß fein Freund Mumme Mule vor ihm die Landstraße gewandert war. Und dem alten Prachermann war aufgegangen, was er mit feiner verschlafenen Morgenstunde angerichtet hatte. Das Gewissen hat ihm geschlagen, er hat sich einen Sack erbeten und alle bösen Dinge, die Mumme Mule eben den Menschen angezaubert hatte, gegen ein kleines Trinkgeld in den Sack auf seinem Rücken gewünscht. Ja, als er nun zuletzt noch den armen Zirkusmann bettelnd und weinend auf dem Weg stehen sah, hat er vor lauter Mitleid auch dem den Buckel abgenommen, obwohl sein Sack davon fast zu schwer geworden ist. Dann erst hat Prachermann mit viel Mühe Mumme Mule einholen können, sie haben sich herzlich begrüßt, und der Kleine konnte prahlen, was alles er ausgerichtet. Dabei hat er auch wissen wollen, was der Freund auf dem Rücken trug. Der Bettler hat gelächelt und einen alten Schlehenbusch am Weg gerufen. Und er hat alle Dinge, eins nach dem andern, ausgepackt und dem Holz angewünscht. So hat der arme Busch erst einen Bauch gekriegt, danach einen Kopf im Genick und an die hundertzwanzig Nasen, die haben nadelscharf im Stamm gesessen. Endlich hat Prachermann den Buckel hervorgeholt, und Mumme Mule, der erst sehr böse sein wollte, hat über den Busch lachen müssen, so krüppel- krumm hat der ausgesehen. Dann sind Mumme Mule und Prachermann und Frau und Kinder in ein schönes Kartoffelfeld gegangen, haben sich noch einmal alles von Anfang bis zu Ende erzählt und haben es sich bequem gemacht und eine schöne warme Stunde in der Sonne liegen wollen. , ,, , Daraus ist jedoch nichts geworden. Die Menschm hatten, geschwätzig wie sie sind, die Obrigkeit von den wunderlichen Begebnissen unterrichtet, und die ist mit Zeugen gekommen, um zu erfahren, wer den Schabernack ausgeheckt hätte. Vor dem bunten Rock aber hatte Prachermann solch entsetzliche Angst, er hat nicht mehr daran gedacht, daß er doch seinen Wunschtag hatte, ihm ist nicht eingefallen, daß ihm der tapfere Mumme Mule zur Seite stand, er hat mit einem Schreckensruf den Freund an der Hand gefaßt, hat Reißaus genommen und ist in das erste beste Fuchsloch eingefahren. Mumme Mule, Weib und sieben Kinder hinterdrein. Und ich muß sagen, ich habe Prachermann bis heute nur selten wiedergesehen. Immer geht er im Bogen an mir vorüber, wenn ich ihm einmal begegne, obschon er doch weiß, daß ich ihn gern aushorchen möchte. Und vom alten Mumme Mule, der sonst immer so freundlich mit uns Menschen war, habe ich auch seit jenem Maitag kein Wörtlein mehr gehört. Ich will mich morgen abend einmal vor den Fuchbau legen, vielleicht läßt er sich wieder blicken. Auf eine Lampe. Von Eduard Mörike. Noch unverrückt, o schöne Lampe, schmückest du, An leichten Ketten zierlich aufgehangen hier, Oie Decke des nun fast vergessenen Lustgemachs. Auf deiner weißen Marmorschale, deren Rand Der Efeukranz von goldengrünem Erz umflicht, Schlingt fröhlich eine Kinderschar den Ringelreihn. Wie reizend alles! Lachend, und ein sanfter Geist Des Ernstes doch gegossen um die ganze Form — Ein Kunstgebild der echten Art. Wer achtet sein? Was aber schön ist, selig scheint es in ihm selbst. Volksdeutsche Dichtergestalten. Von Erich Langenbucher. „Es ist schwer, ein Deutscher im Osten zu fein* Als 1933 Heinrich Zillichs erster größerer Novellenband „Der Sturz aus der Kindheit" erschien, begegnete uns ein Dichter, der bis dahin wenig bekannt war, gleichzeitig offenbarte sich in den Novellen des Bandes eine Begabung, die durch die Kraft der Darstellung, den Gehalt des Wortes und die lebenserfüllte Schilderung viel erwarten ließ. Zillich bewies sich als ein Künder siebenbürgischen Volksschicksals und stellte sich damit neben Adolf Meschendörfer und Erwin Witt stock. Die Novellen des Buches „Der Sturz aus der Kindheit" gehen um Einzelschicksale der siebenbürgischen Heimat, um die Berührung mit fremder Volksart. Schon mit diesem Band ließ Zillich erkennen, daß er seine dichterische Ausgabe nicht begrenzt sah auf das Siebenbürger Land und seine Menschen, sondern daß er Land und Menschen hineinzustellen versuchte in den Zusammenhang der Völker. Selten ist es einem Dichter gelungen, z. B. die Eigenart des Zigeunervolkes in einer kurzen Novelle auszudrücken wie Zillich in der Novelle toSer Zigeuner". Die Vorfahren Zillichs lebten schon lange in Siebenbürgen, er wurde 1898 in der Nahe Kronstadts geboren. Dort besuchte er die berühmteste Schule der Siebenbürger, das Honterus-Gymnafium, das heute noch von Adolf Meschendörfer geleitet wird. Als Tiroler Kaiserjäger kämpfte Zillich von 1916 bis 1918 an der italienischen Front und nahm am rumänischen Feldzug gegen den Bolschewismus in Ungarn teil. Nach Kriegsschluß studierte er in Deutschland, auch in Berlin und kehrte 1924 .in seine Heimat zurück. Zillich hat, wie Meschendörfer, die Erfüllung seiner Mission nicht allein im Buch gesehen, sondern noch mehr in kulturpolitischer und kritischer Arbeit. Wie Meschendörfer vor dem Kriege seine Zeitschrift „Karpathen" gründete, so schuf Zillich die Zeitschrift „Klingsor", die ein Teil des von Meschendörfer hinterlassenen Erbes übernahm und heute zu einem Forum geworden ist, auf dem siebenbürgifche Dichtkunst und Kulturschaffen sich erheben. Heute lebt Zillich im Reich. Die früheren Werke Zillichs sind in Deutschland leider wenig bekannt- «eworden. Seine erste Novelle „Der Vater" und „Wälder und L a t e r n e n f ch ei n" finden wir im Novellenband „Der Sturz aus der Kindheit". Auch der Roman „Attilas Ende" drang nicht ins Reich. Es entstanden die Geschichtenbände „Siebenbürgifche Flausen" und „Der Toddergerch"; in kleinen Begebenheiten erwächst fiebern bürgisches Landschafts- und Volkstumsbild, werden Sitten und Gebräuche, Alltagstun und Kampf um die Erhaltung der Gemeinschaft lebendig. Den mit den Novellen begonnenen Weg schritt Zillich weiter in den Novellen „Die R e i n e r b a ch m ü h l e", „Der U r la u'b" und „D e r baltische 0 r a f". Der „Urlaub" berichtet von einem Erlebnis aus dem großen Krieg; es geht darin um das stille Heldentum eines jungen Menschen, der, mit dem Urlaubsschein in der Tasche, sich abermals dem Feind stellt, der sich Überwindet und für seine Kameraden eine Patrouille gel^t, die als unvergeßliche Tat diesen Kameraden immer voranleuchtet. In der Novelle „Der baltische Gras" macht uns der Dichter bekannt mit dem seltsamen Schicksal eines Menschen und Soldaten, der in einem früheren Kriege nach Siebenbürgen kommt. Ergreifend ist in diesem Buch die keine Gefahr scheuende Gestalt der jungen Mutter, die durch die Feinde hindurch chr Kind zurückholt. Eines der bedeutendsten Werke des gegenwärtigen deutschen Schrift- tums schuf Zillich in dem Roman „Zwischen Grenz en undZei- t e n". Der Titel erhärtet, was vom Werk Zillichs gesagt wurde, daß es sich nicht beschränkt aus die Gemeinschaft seines Volkes, sondern daß er völkische Pflichten hineinstellt in das übervölktsche Geschehen. Im Mittelpunkt dieser Erzählung begegnet uns ein junger Siebenbürger; Zillich erzählt seine Jugend, seine Schulzeit, entwirft farbige Bilder siebenbürgischen Lebens. Einen wesentlichen Teil des Werkes macht die Darstellung des Krieges aus und der Kampf um die Erhaltung des Volkes nach dem Kriege. Es ist kein Zufall, daß „Zwischen Grenzen und Zeiten" beginnt mit dem Klang der Kirchenglocken der siebenbürgischen Heimat. Auch Grimms „Volk ohne Raum" beginnt mit dem Schall der Glocken. Wenn auch beide Werke in andere Welten führen, so gehören sie doch durch Absicht und Sinn eng zusammen. — Zillich wurde für dieses Werk mit dem auslandsdeutschen Dichterpreis und dem Dichterpreis der Reichs- Hauptstadt ausgezeichnet. Heinrich Zillich weiß, daß die Haltung seiner Werke die Haltung des Siebenbürger Sachsen ist, von der er in dem Werk „Zwischen Grenzen und Zeiten" sagt: „Zum erstenmal spürt Lutz in diesen Klängen die Vielfalt des Ostens als göttlichen Segen. Seines Volkes Not erschien ihm, dem jungen auslandsdeutschen Kriegsmenschen, nicht anders als ein Wille der Vorväter, die nichts ohne Sinn läßt und das Läuterungsfähige, das Große nicht ohne Auferstehung. So hell und scharf erkannte er dies, daß er es ruhig in die wortlose Diese des Herzens finken ließ. Er sah das graue gebogene Tor, atmete heftig und schritt hindurch in das Schicksal der neuen Pflicht und der Zukunft". * Die dichterischen Aussagen Karl Hans Strobls wurden durch den Einfluß des Landes, d. h. des bodenständigen Bauerntums, und den der Stadt, d. h. des abwechslungsvollen und vorwärtsdrängenden Lebens gleichermaßen geformt. Die alte Berg- und Tuchmacherstadt Iglau ist die Heimat des Dichters. Sie liegt mitten in einer Sprachinsel, zu deren Wesen es gehöre, „daß zwischen Stadt und Land ein innigerer Zusammenhang herrscht als sonstwo, da der Stadt die besten Lebenskräfte immer aus bodenständigem Bauerntum zuwachsen". In solchen Sprachinsel- dörfern waren die Ahnen des Dichters, Bauern und Handwerker, seit dem 17. Jahrhundert beheimatet. Wie Robert Hohlbaum besaß auch Strobl im Großvater einen Lehrmeister „mit allerhand Gespenster- und Geistergeschichten, die er den Buben so zu erzählen wußte, daß man an ihrer Wahrheit nicht zweifeln konnte". Obgleich das Leben des Großvaters in die Stadt führte und das vergrößerte Handelsgeschäft den Vater an die Stadt band, verloren beide doch nicht den Zusammenhang mit dem Lande, die Bauern „waren seine besten Kunden, und an den Samstagen und Sonntagen war der kleine Laden gedrängt voll Bauern- roeibern in der malerischen Volkstracht der Sprachinseln". Solche Erlebnisse blieben in Strobls Gemüt haften, sie bringen später Lebendigkeit und Wahrhaftigkeit in seine Bücher. Prag wurde dem Abiturienten „zu seinem Glück, denn was ich Prag alles verdanke, kann ich selbst kaum ermessen. Nicht bloß das fröhliche, unmittelbare Studentenleben dieser einzigartigen Hochschulstadt, sondern auch Stoss und Stimmung und Lebenskraft eines großen Teils meines Schaffens". Nach dem Studium begegnet uns Karl Hans Strobl als Rechtspraktikant in der Heimatstadt Jglau, später als Finanzbeamter in Brünn. Der Beruf, gewählt nach der Neigung des Vaters, trieb aber feine Wurzeln nicht so tief in das Leben des Dichters, als „daß er für mein Werden hätte bestimmend fein können. Sie waren später leicht herauszuziehen, als ich erkannte, daß mir im gleichmäßigen Trott des Äeamtendafeins auf die Dauer doch die Seele zu sehr verstaube". Doch hat dem Dichter das Beamtendasein nicht geschadet, denn „des Dienstes ewig gleichgestellte Uhr war gerade das richtige, um den Ueberschwang zu hemmen. Es schaltete die nötigen Widerstände ein, an denen mein Schaffen erstarkte". Das Jahr 1913 brachte die Wandlung in das Leben Strobls. Sein Verleger Alfred Staackmann berief ihn zur Leitung der Zeitschrift „Turmhahn". Der Kriegsausbruch aber macht der Zeitschrift, die „sich prächtig eingeführt" hatte, ein rasches Ende. Im österreichischen Kriegspressequartier machte Strobl den Krieg mit. Es müßte noch manches mitgeteilt werden von dem bewegten Leben, das Strobl hinter sich hat. Der Kampf gegen ihn und sein Werk in der alten Heimat war wohl der schwerste Teil davon. Heute hat er in Perchtoldsdorf bei Wien eine neue Heimat gefunden. Strobl ist eine der produktivsten und vielseitigsten Erscheinungen des deutschen Schrifttums. Seine Stoffe nimmt er aus allen Zeiten, irgendwo aber münden sie bann in die Heimat, in das Grenzland, dem seine Siebe gilt. Vergangenheit und Gegenwart verwachsen in seinen Büchern zu einer Einheit, die immer packt, weil Strobl ein geborener Erzähler ist. Zunächst sind vom Werk die beiden großen Trilogien zu nennen, die erste „Sie Wünschelrute oder da s unsterbliche Deutfchland" mit den Bänden „Die alten Türme", „Wir hatten gebauet" und „Erasmus mit der Wünschelrute" und die „Bismarcktrilogie", deren Bänden „Der wilde Bismarck", „Mächte und Menschen" und „Die Runen Gottes" heißen. Die Geschichte eines tapferen Mädels während des Krieges und der Nachkriegszeit schrieb er in seinem „Kamerad Viktoria". Das Krakau des Jahres 1909, revolutionäre Unruhen' und eine rätselhafte Frauengestalt stehen im Mittelpunkt des Romans „Prozeß Borowsk a", einen Hus-Roman gibt er in dem Werk „Sie Fackel d e s H u s", den merkwürdigen Weg eines Mannes stellt er dar in „Sie vier Ehen des Matthias Merenus". Sas ist erst ein Teil feines Werkes. Neben Romanen stehen Novellen und Erzählungen, neben den Gedichten Märchen und Erinnerungen. Sie kommenden Jahre werden noch manches neue Werk hinzukommen lassen, „denn diese Zeit, in der wir leben, ist so erfüllt von Kampf und Ringen um neue Werte und Ziele, daß mir nie mehr die Frage kommen kann: „Und dies ist alles?" Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Brühlsche Universitätsdruckerei 21,Sange, Gießen.