GietzenerZamilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger ...... Jahrgang ^938 Montag, den H.gebrmn Nummer (3 Oer Lanövogt von Greifensee Novelle von Gottfried Keller Schluß. Die guten Frauen seufzten ordentlich auf, als die Erzählung zu ihrem Tröste fertig war; sie hatten zuletzt atemlos zugehört; denn der Landvogt hatte so lebendig geschildert, daß man die nächtliche Wiese und den Ring der wilden Kriegsmänner im roten Fackellichte statt des blumen- unb becherbedeckten Tisches im Scheine der Frühlingssonne vor sich zu sehen meinte. „Das war freilich eine unheimliche Versammlung, eine solche Kriegs- gemeinde", sagte der Landvogt, „sei es, daß sie den Angriff beschloß oder daß sie ein Bluturteil fällte. Aber nun ist es Zeit", fuhr er mit veränderter Stimme fort, „daß wir diese Dinge verlassen und uns wieder uns selbst zuwenden! Meine schönen Herzdamen! Ich möchte euch einladen, nunmehr auch eine kleine, ober friedlichere Gemeinde zu formieren, eine Beratung abzuhalten und ein Urteil zu fällen über einen Gegenstand, der mich nahe angeht und welchen ich euch sogleich vorlegen werde, wenn ihr mir euer geneigtes Gehör nicht versagen wollt, das seinen Sitz in so viel zierlichen Ohrmuscheln hat! Vorerst ober mag das Publikum hinausgehen, da die Verhandlung geheim sein muß!" Er winkte der Haushälterin und ihrem Adjutanten, und diese entfernten sich, während er die Stimme erhob und, von etwas verlegenem Räuspern unterbrochen, weiter redete, auch die zehn weißen Ohrmuscheln mäuschenstille standen. „Ich habe euch, Verehrte, heute mit dem Sprichworle: Zeit bringt Rosen! begrüßt, und sicherlich war es wohl angebracht, da sie mir ein magisches Pentagramma von fünf so schönen Häuptern vor das Auge gezeichnet hat, in welchem die zauberkräftige Linie geheimnisvoll von einem Haupte zum anderen zieht, sich kreuzt und auf jedem Punkt in sich selbst zurückkehrt, alles Unheil von mir ab wend end! „Ja, wie gut haben es Zeit und Schicksal mit mir gemeint! Denn hätte mich die erste von euch genommen, so wäre ich nicht an die zweite geraten; hätle die zweite mir die Hand gereicht, so wäre die dritte mir ewig verborgen geblieben, und so weiter, und ich genösse nicht des Glückes, einen fünffachen Spiegel der Erinnerung zu besitzen, von keinem Hauche der rauhen Wirklichkeit getrübt; in einem Turme der Freundschaft zu wohnen, dessen Quadern von Liebesgöttern aufeinander gefügt worden sind! — Wohl sind es die Rosen der Entsagung, welche die Zeit mir gebracht hat; aber rote herrlich und dauerhaft sind sie! Wie unvermindert an Schönheit und Jugend sehe ich euch vor mir blühen, keine einzige scheint auch nur um ein Härlein wanken und weichen zu wollen vor den Stürmen des Lebens! Vor allem wollen wir erst hierauf anftoßen! Eure Herzen und eure Augen sollen lange (eben, o Salome, o Figura, Wendelgard, Barbara, Aglaja!" Sie erhoben sich alle mit geröteten Wangen und lächelten ihm holdselig' zu, als sie ihre Gläser mit ihm anklingen ließen; nur Figura flüsterte ihm ins Ohrt „Wo wollt Ihr hinaus, Schalksnarr?" „Ruhig, Hanswurstel!" sagte der Landvogt, und als sie wieder Platz genommen hatten, fuhr er fort: „Aber die Entsagung kann sich nie genug tun, und wenn sie nichts mehr sindet, ihm zu entsagen, so endigt sie damit, sich selbst zu entsagen. Dies scheint ein schlechtes Wortspiel zu sein; allein es bezeichnet nichtsdestoweniger die bedenkliche Lage, in welche ich mich durch die Verhältnisse gebracht sehe. Die Bekleidung oberer Staatsämter, die Führung eines großen Haushaltes lassen es nicht mehr zu, daß ich ohne Schaden unbeweibt fortlebe; man bringt in mich, diesen unverehelichten Stand aufzugeben, um an der Spitze einer Herrschaft, als Richter und Verwaltungsmann selbst bas Beispiel eines wirklichen Hausvaters zu fein, und was es alles für Redensarten find, mit welchen man mich bedrängt. Kurz, es bleibt mir nichts anderes übrig, als meinen stillen Erinnerungssternen zu entsagen und der Not zu weichen. Werf' ich nun meine Blicke aus, fo kann natürlich nicht mehr von Liebe und Neigung die Rede fein, die von dem Pentagramma gebannt sind, sondern es ist bas kalte Licht ber Notroenbigkeit und gemeinen Nützlichkeit, bas meinem Entschlüsse leuchten muß. Zwei wackere Geschöpfe sind es, zwischen denen das Zünglein der Wahl inne steht, und die Entscheidung habe ich euch zu- gedacht, geliebte Freundinnen! Ein weltkundiger Berater und geistlicher Herr hat mir gesagt, ich soll entweder eine ganz erfahrene Alte ober aber eine ganz Junge nehmen, nur nicht, was in ber Mitte liege. Beide find nun gffunben, und welche ihr mir zu raten beschließt, die soll es unwiderruflich fein! Die Alte, es ist meine brave Haushälterin, Frau Marianne, welche meinen Haushalt bis anher trefflich vorgestanden hat; etwas rauh und räucherig ist sie, aber brav und tugendhaft und doch einmal schön gewesen, wenn es auch lange her ist; sie braucht nur den Namen zu wechseln, und alles ist in Ordnung. Die andere ist die junge Magd, die uns beim Essen bedient hat, eine roeitläufige Anverwandte ber Marianne, die sie zur Hilfe und Probe herbeigezogen hat; es scheint ein sanftes und wohlgeartetes Kind zu sein, arm, aber gesund, wahrheitsliebend und unverstellt. Weiter sag' ich in diesem Punkte nichts, ihr versteht mich! Nun erwäget, beratet euch, tauscht eure Gedanken aus, tut mir den Liebesdienst und stimmet dann friedlich ab; die Mehrheit entscheidet, wenn keine Einstimmigkeit zu erzielen ist. Ich gehe jetzt hinaus; hier ist ein ehernes Glöcklein; wenn ihr das Urteil gefunden habt, fo läutet damit, fo stark ihr könnt, damit ich komme und mein Schicksal aus euren weißen Händen empfange!" Nach diesen Worten, die er in ungewöhnlich ernstem Tone gesprochen, verließ er so rasch bas Zimmer, daß keine der Frauen Zeit sand, ein Wort dazwischen zu werfen. So saßen sie nun erstaunt und schweigend auf ihren Stühlen gleich fünf Staatsräten und sahen sich an. Sie waren fo Überrascht, daß keine einen Laut hervorbrachte, bis Salome zuerst sich faßte und rief: „Das kann nicht so gehen! Wenn der Landvogt heiraten will, so muß man ihm für etwas Rechtes sorgen! Er ist jetzt ein gemachter Mann, und ich will bald gesunden haben, was für ihn paßt; auf dieser Marotte darf man ihn keinenfalls lassen!" „Das ist auch meine Ansicht", sagte Aglaja nachdenklich; „es muß Zeit gewonnen werden." „Dos glaub’ ich, bu-nämft ihn am Ende noch selbst", dachte Salome; / „aber es wird nichts daraus, ich weiß ihm schon eine!" Laut sagte sie: „Ja, vor allem müssen wir Zeit gewinnen! Wir wollen klingeln und ihm eröffnen, daß wir jetzt nicht entfcheiden, sondern den Ratschlag verschieben wollen!" Sie streckte schon die Hand nach der Glocke aus; doch die jüngste, Barbara Thümeysen, hielt sie zurück und rief mit ziemlich kräftigem Stimmlein: „Ich widersetze mich einer Verschiebung; er soll heiraten, das ist wohlanständig, und zwar stimme ich für die alte Haushälterin; denn es ist nicht schicklich, daß er jetzt noch ein ganz junges Ding zur Frau nimmt!" „Psui!" sagte jetzt Wendelgard, „die ölte Rassel! Ich stimme für die Junge! Sie ist hübsch und wirb sich von ihm ziehen lassen, wie er sie haben will; benn sie ist auch bescheiden. Und wenn sie arm ist, wird sie um so dankbarer sein!" Gereizt wendeten Salome und Aglaja zusammen ein, daß es sich zuerst darum handle, ob man heute eintreten oder verschieben wolle. Noch gereizter rief Barbara, sie stimme für bas Eintreten und für bie Alte; wolle man aber verschieben, so behalte sie sich vor, unter oen ehrbaren unb bestandenen Töchtern ber Stadt selbst auch eine Umschau zu halten; es gebe mehr als eine würdige Dekanstochter zu versorgen, deren schone Tugenden und Grundsätze dem immer noch etwas zu luftigen und phantastischen Herrn Landvogt zugut tonwnen würben. Es gab nun ein beinahe heftiges Durcheinanderreden. Nur Figura Leu hatte noch nichts gesagt. Sie war blaß geworden und sie fühlte ihr Herz gepreßt, daß sie nichts sagen konnte. Obgleich sie sonst alle Streiche und-Einfälle des Landvogts sogleich verstand, hielt sie doch den jetzigen Scherz, gerade, weil sie jenen liebte, für baren Ernst; sie sah endlich herangekommen, was sie längst für ihn gewünscht und für sich gefürchtet hatte. Aber entfchlossen nahm sie sich endlich zusammen und erbat sich Gehör. „Meine Freundinnen!" sagte sie, „ich glaube, mit einer Verschiebung gewinnen wir nichts; vielmehr halte ich dafür, daß er bereits entschlossen ist, und zwar für die Junge, und von uns aus Courtoisie unb Lust an Scherzen eine Bestätigung holen will. Daß er die Frau Marianne heiratet, glaub’ ich nie und nimmer, und sie sieht auch gar nicht danach aus, als ob sie einem solchen Vorhaben entgegenkommen würde; dazu ist die Alte zu klug. Wenn wir aber nichts beschließen oder, was gleichbedeutend ist, ihm die erwartete freundliche Zustimmung verweigern, daß wir morgen die Anzeige seines Entschlusses erhalten werden!" Die kleine Versammlung überzeugte sich von der mutmaßlichen Richtigkeit seiner Ansicht. „So schlage ich vor, zur Abstimmung zu schreiten", sagte Salome; „wie alt ist er eigentlich jetzt? Weiß es niemand?" „Er ist beinahe dreiundvierzig", antwortete Figura. „Dreiundvierzig!" sagte Salome; „gut, ich stimme für die Junge!" „Unb ich für bie Lilie!" rief die Tochter des Proselytenschreibers, die zarte Grasmücke, bie in 'dieser Sache so hartnäckig schien, wie einer ber Redner jener blutigen Kriegsgemeinde von Greisenfee. „Ich stimme für die Junge!" rief dagegen die schöne Wendelgard und schlug leicht mit der flachen Hand auf den Tisch. „Und ich für die Alke!" sagte Aglaja mit unsicherem Ton, indem sie vor sich hinschaute. „Jetzt haben wir zwei junge und zwei alte Stimmen", rief Salome; „Figura Leu, du entscheidest!" Schlittenfahrt. Volksweise. Ach, seins mein Lieb, so sei mir hold, Um eins will ich dich bitten, Kans du mir ein gespiegeltes Roh, Dazu ein gemalten Schlitten, too fahren wir mit Schallen, So fahren wir mit Schallen, To fahren wir mit Schallen, Di« Gäßlein allenthalben, Feins Lieb, laß dir's gefallen. Ach, seins mein Lieb, so spar mich nit, Ich bin dazu gewachsen. Rimm nur dein Müsflein in ine Hand, Ich schau dir über die Achsel, Weih zugeschneites Osterlamm, Mein Röhlein rasselt mit dem-Kamm, So fahren wir mit Schallen Die Gäßlein allenthalben, Feins Lieb, loh dir's gefallen. Das Geheimnis der Goldgrube. Ein Tatsachenbericht von Waldemar Keller. Dies ist die Geschichte des belgischen Goldsuchers Gaston Joannes van Steck, der im Sommer vorigen Jahres in den Santa Moria-Bergen an der Grenze der mittelamerikanischen Staaten Costarica und Panama einen geheimnisvollen Tod sand. Die Auszeichnungen folgen nüchtern den Berichten, die der Regierung von Panama vorliegen, zu deren Hoheits» gebiet der Schauplatz des Geschehens, die Provinz Ehirique, gehört. Joannes van Steck, ein bejahrter Monn, hatte ein Leben lang damit Sgebracht, in den Dschungeln der Santa Maria-Berge nach der ver- o 11 enGoldgrube „La Estrella" (Der Stern) zu suchen, einer alten spanuchen Mine aus der Zeit der Konquistadoren, über deren phantastische Ergiebigkeit viele Erzählungen noch heute im Umlauf sind. Die Suche war mit größter Gefahr verbunden, denn die Eingeborenen, fest überzeugt davon, daß ein Fluch auf dem seit vier Jahrhunderten ver» fchütteten Bergwerk laste, verfolgten sorgsam die Unternehmungen der Glücksjäger. Es gab eine Zeit, in der sie überhaupt allen Fremden zu Leibe gingen, die sich zeigten, bis eine Strafexpedition der Panama- Regierung diesem Jagen ein Ende machte. Nachdrücklich jedoch schworen die Indianer, dah jeder Weih«, der eine Goldader entdecke, auch in Zukunft fein Leben verwirkt hab«, koste es, was es wolle. Der Belgier Joannes van Steck war ein Mensch, der nach dem Grundsatz handelte: Alles oder nichts. Während die eingeborenen Schatzwächter mehr und mehr ansingen, den Kopf zu schütteln, weil sie Stecks jahrzehntelange fruchtlose Bemühungen kannten, suchte er planmäßig weiter und geriet im Juli 1937 drei offenbar trächtigen Minen auf die Spur. Eine davon mußte, wie er annahm, „La Estrella" sein. Er machte sich sofort daran, feine Entdeckung zu kennzeichnen, um das Besitzrecht verteidigen zu können. Bei dieser Arbeit geschah das Abenteuerliche: der Boden rutschte ihm unter öen^ Fußen weg, er fiel in einen niedrigen Tunnel. Mit HUse der Taschenlampe tastete sich van Steck durch den alten Minengang; wie er später erzählte, kam chm unwillkürlich di« Erinnerung an jene Redensart, die von dem Bevorzugten des Glücks sagt, daß sie in eine Goldgrube fallen. War er tatsächlich hineingesallen? Er sollte bald belehrt werden. In einer Ausbuchtung sand er blockartige Metallstücke aufgestapelt, grauweißer Staub lag darauf, er pustete ihn weg — es war reines Gold! Achtzig Goldbarren, fertig für die Münze, hatten hier feit den Tauen des Balbao ihrer Bestimmung geharrt; Joannes van Steck war der Auserlesene, der sie ans Tageslicht befördern sollte. Er wog die Barren in der Hand, einen nach dem anderen. Er kannte die Gewicht«. Ungesähr für drei Millionen Dollar Gold ... Gewiß, von Steck war berauscht. Aber er hatte Gegenwartsfilm genug, um sich genau einzuprägen, was er sah. Reben dem Goldberge lagen verrostete Helme und Harnische und ein paar halbverwitterte Schwerter. Die Marke, die er auf einer der Klingen entdeckte, vermochte er bald daraus den Behörden bis ins kleinste zu beschreiben, und man selbst im Donner der großen Schlachten, deren Schauplatz seine engste Heimat war, entging ihm kein nächtlicher Feuerschein kern spähend^ Kosak oder Pandur« im Morgengrauen. Als die Sturmfluten sich endlich verlausen hatten, wechselte er, malend, jagend und reckend hauftg seinen Aufenthalt und starb im Jahre 1818 im Schlosse zu Andelftngen an der Thur. Von jener letzten Zeit sagt sein Biograph: An warmen Sommernachmittagen blieb er allein unter dem Schatten der Platanen fitzen, zumal während der Ernte, wo die ganze kornreiche Gegend von Schnittern wimmelte. Er sah denselben gern von seiner Höhe zu. Wenn sie bei der Arbeit sangen, pflückte er wohl ein Blättchen, begleitete, leise daraus pfeifend, die fröhlichen Melodien, welche aus dem Tale heraufschwebten, und entschlummerte zuweilen darüber, wie ein müder Schnitter aus Lmer ©urbe. . Im Spätherbste feines siebenundsiebzigsten Lebensjahres, als das letzte Blatt gefallen, sah er das Ende kommen. „Der Schütze dort Hai gut qezieltl" sagie er, auf das elfenbeinerne Tödlein zeigend, das er von der Großmutter geerbt hatte. Die Figura Leu, welche noch im alten Jahr- hundert gestorben, hatte das feine Bildwerk von ihm geliehen, da es ihr Spaß mache, wie sie sich ausdrückte. Rach ihrem Tode hacke er es wieder an sich genommen und auf feinen Schreibtisch gestellt. Die 'Frau Marianne ist im Jahre 1808 abgeschieden, ganz ermüdet von Arbeit und Pflichterfüllung; ihrer Leiche folgte aber auch em Grabgeleite, wie einem angesehenen Manne. „Ich bin für die Jungel" sagte diese, und Salome ergriff sofort die Glocke und klingelte kräftig. . .. Es dauerte ein paar Minuten, ehe Landock erschien, und es herrschte eine tiefe Stille, während welcher verschiedene Gefühle die Frauen be° roegten. Figura vermochte kaum ein paar schwere Tranen zu verbergen, die ihr an den Wimpern hingen; denn sie hatte sich an die Meinung gewöhnt daß Landolt ledig bleibe, und wußte jetzt, daß sie die Emsam- feit ganz allein tragen müsse. Dieses Berbergen half chr ein Einfall Wendelgards zuwege bringen, welche, die Stille unterbrechend, ausrief, sie schlage vor, dah der Landvogt die Alte küssen müsse, ehe man ihm das Urteil eröffne; er werde dann glauben, das Urteil laute für die Marianne, und man werde an seinem Gesichte, das er schneide, entdecken, ob es ihm Ernst gewesen fei, sie zu heiraten. Der Vorschlag wurde gul- geheitzen, obgleich Figura ihn bekämpfte, weil sie dem Landvogt die unangenehme Szene ersparen wollte. In diesem Augenblick öffnete sich die Tür und er trat jeierhcf) herein, die Frau Marianne am Arm, welche possierliche Verneigungen und Komplimente nach allen Seiten hin machte, gleichsam als wollte sie sich zum voraus in gute Freundschaft empfehlen. Dabei ließ sie in schalkhafter Laune durchbohrende Blicke bald auf diese, bald auf jene der anmutigen Richterinnen fallen, fo daß diese ganz zaghaft und mit bösem Gewissen dafahen. Der Landvogt aber sagte: . . Zn der sicheren Voraussicht, daß meine Beistanderinnen mich auf den Weg der ruhigen Vernunft und des gefetzten Alters verweisen, führe ich die Erkorene gleich herbei und bin bereit, mit ihr die Ringe zu wechseln!" Wiederum verneigte sich Frau Marianne nach allen Richtungen und die Frauen am Tische wurden immer verblüffter und Neinlauter. Keine wagte ein Wort zu sagen; denn selbst Aglaja und Barbara, die für die Alte gestimmt, fürchteten sich vor ihr. Rur Figura Leu, voll Trauer über den tiefen Fall des Mannes, der wirklich eine verwitterte Landfahrerin heiraten wollte, die längst schon neun Kinder gehabt, erhob sich und sagte mit unwillig bewegter Stimme: ,Zhr irrt Euch, Herr Landvogt! Wir haben beschlossen, daß Ihr die junge Base dieser guten Frau heiraten sollt und hoffen, daß Ihr unteren Rat ehret und uns nicht in den April geschickt habt!" ,Zch fürchte, es ist doch geschehen!" sagte der Landvogt lächelnd, trat Bn Tisch und klingelte mit der Glocke, indessen die Frau Marianne ein aUenbes Gelächter erhob, als der Knabe, der die Magd gespielt hatte, in feinen eigenen Kleidern erschien und vom Landvogt den Damen als Sohn des Herrn > Pfarrers zu Fellanden vorgestellt wurde. „Da mir nun die Alte verboten ist und sie, ihrem Gelächter nach zu schließen, sich nichts daraus macht, die Juyge aber sich unter der Hand in einen Knaben verwandelt hat, so denke ich, wir bleiben einstweilen allerseits, wie wir sind! Verzeiht das frevle Spiel und nehmt meinen Dank für den guten Willen, den ihr mir erzeigt, indem ihr mich nicht für unwert erachtet habt, noch der Jugend und Schönheit gesellt zu werden! Aber wie kann es anders fein, wo die Richterinnen selber in ewiger Jugend und Schönheit thronen?" Er gab ihnen der Reih« nach die Hand und küßte eine jede auf den Mund, ohne daß derselbe von einer verweigert wurde. Figura gab das Zeichen zu einer mäßigen Ausgelassenheit, indem sie freudevoll rief: „So hat er uns also doch angeschmiert!" Mit lautem Gezwitscher flog das schöne Gevögel auf und fiel an dem kleinen Seehasen vor dem Schlosse nieder, wo ein Schiff bereit lag für eine Luftfahrt; das Schiff war mit einer grünen Laube überbaut und mit bunten Wimpeln geschmückt. Zwei junge Schiffer führten das Ruder, und der Landvogt faß am Steuer; in einiger Entfernung fuhr ein zweiter Rachen mit einer Musik voraus, die aus den Waldhörnern der Landoll- schen Schützen bestand. Mik den einfachen Weisen der Waldhornisten wechselten die Lieder der Frauen ab, welche jetzt herzlich und freudefromm bewußt waren, daß sie dem still das Steuer führenden Landvogte gefielen, und (ein ruhiges Glück mitgetroffen. Musik und Gesang der Frauen ließ ein leises Echo aus den Wäldern des Zürichberges zuweilen widerhallen, und das große, blendend weiße Glarner Gebirge spiegelte sich in der luftstillen Wasserfläche. Als der herannahende Abend alles mit (einem milden Goldschein« zu Überfloren begann und alles Blaue tiefer wurde, lenkt« der Landvogt das Schiff wieder dem Schloff« zu und legte unter vollem Liederklange bei, so daß di« Frauen noch singend ans User (prangen. Ihrer warteten im Schlosse vier muntere junge Leute, welche Landolt aus den Abend zu sich berufen hatte. Es wurde ein kleiner Ball abgehalten; Herr Salomon tanzte felbft mit jeder der Flammen einen Tanz und gab beim Abschied jeder einen der Jünglinge zur guten Begleitung mit, der Figura Leu aber den artigen Knaben, der die junge Magd gespielt hatte. Während der Abfahrt ließ er die Kanonen wieder abfeuern und sodann bei zunehmender Dunkelheit die Fahne auf dem Dach einziehen. „Run, Frau Marianne", fragte er, als sie ihm den Schlaftrunk brachte, „wie hat Euch dieser Kongreß alter Schätz« gefallen?" „Ei, bei allen Heiligen!" ries sie, „ausnehmend wohl! Ich hätte nie gedacht, daß eine so lächerliche Geschichte, wie fünf Körbe find, ein so erbauliches und zierliches End« nehmen könnte! Das macht Ihnen so bald nicht einer nach! Nun haben Sie den Frieden im Herzen, soweit das hienieden möglich ist; denn der ganze und ewige Frieden kommt erst dort, wo meine neun kleinen Englein wohnen!" So verlief dies« denkwürdige Unternehmung. Später erhielt der Obrist die Landoogtei Eglisau am Rhein, wo er blieb, bis es überall mit den Landvogteien ein Ende hatte und im Jahre 1798 mit der alten Eid- genossenfckmft auch die Feudalherrlichkeit zusammenbrach. Er sah nun die fremden Heere sein Vaterland und die schönen Täler und Höhen feiner Jugendzeit überziehen, Franzosen, Oesterreicher und Russen. Wenn auch nicht mehr in amtlicher Stellung, war er doch überall mit Rat und Hilfe tätig, stets zu Pferd und unermüdlich; aber in allem Elend und Gedränge der Zeit wachte sein künstlerisches Auge über jeden Wechsel der tausenderlei Gestalten, die sich wie in einem Fiebertraume ablösten, und Nlte fest, daß es sich um das Fabrikattonszeichen eines mittelalterlichen Aassenschmiebes in Toledo handelte. sorgfältig deckte van Steck das Lock, durch das er in die Mine gefallen war, mit Schlingpflanzen zu und eilte nach David, der nächsten ecren Stadt, wo er feine Ansprüche eintragen ließ. Um allzu großes ehen zu vermeiden, verkleinerte er sie und gab den Darrenwert mit einer Million Dollar an. Aber auch diese Ziffer genügte, um die Fantasie in Bewegung zu fetzen; wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Kunde, „La Eitrella" fei wiedergesunden worden, und die Regierung von Panama, di auf Grund der Gesetze berechtigt ist, die Hälfte aller Schätze zu fordern, nahm sich der Sache an. In Eile wurde eine Expedition zusammengestellt, deren Aufgabe war, ten Fund zu bestätigen. Sie bestand aus einer starken Polizeiabteilung, den Gouverneur der Provinz Ehirique, Dsoar Teran, und dem Polizei- chis Nicolas Saget Unterwegs enthüllte van Steck diesen Herren die tolle Wahrheit über die Goldhöhle. Man begab sich zunächst nach dem Slüdtchen El Voloan, das etwa zehn Kilometer von der Mine entfernt ist, schlug sich von dort durch die Dschungel, und mühelos führte der alte Waldläufer die Truppe zu dem mit Buschwerk gut verkleideten Schacht- eiiugang. Es sei alles unberührt, sagte er. Dann kroch er als erster in be i Stollen hinab. Die Frage, warum die anderen ihm nicht sofort gefolgt sind, ist un- schver zu beantworten: sie waren befangen, die Scheu vor der Handlung hatte sich ihrer bemächtigt. Hier stand man vor dem berühmtesten, glichzettig aber auch berüchttgsten Goldgrab der letzten vier Jahrhun- be te, schaurige Sagen wurden lebendig, es gruselte den Leuten, selbst 6fr aufgeklärte Herr Gouverneur wollte gern den Zuruf van Stecks ab- warten. Dieser Zuruf kam jedoch nicht. Statt dessen hörten die Expe- timsteilnehmer, am Rande des Minenschachts versammelt, unter der &be einen Schuß fallen. Und es spricht für sie, daß sie nicht ausrissen, sondern tätig mürben. Hastig stiegen einige Polizisten mit ihren Lampen in die Tiefe. Da lag »an Steck mit einer blutenden Kopfwunde, und neben ihm lag fein Rtvolver. Weiter vermochten die Männer nichts zu gewahren. Weder Gld noch Harnische oder Schwerter waren hier verborgen, und die An- Mme, van Steck habe Selbstmord begangen, als er sich seines Schatzes beraubt sah, wurde von allen geteilt. Naturgemäß übte das unerwartete Ereignis eine nachhaltige psychologische Wirkung aus, man wollte diesen Drt des Schreckens so bald wie möglich verlassen. Deshalb ordnete der Ä noerneur an, die Leiche des Erschossenen in der Nähe zu begraben. Ciliger, als sie gekommen, machte sich die Expeditton davon. Es wurde eine unbehagliche Heimkehr. Die Dschungel lebte. Hinter Hem Dusch, hinter jedem Strauch bewegte es sich, Tausende von Jn- bi«nem mußten es sein, die den Rückzug der weißen Männer beob- «lhteten. Sie griffen nicht an, sie vermieden es fogar, sich zu zeigen, aber mn kann verstehen, daß der Gouverneur Teran froh war, als er sein Haustein unbehelligt wieder in zivilisierte Gegenden gebracht hatte. Die Regierung von Panama jedoch ließ dem Beauftragten ihre Un- Mriedenheit deutlich fühlen. Sie enthob ihn feines Postens, ebenso den Ptlizeichef, und sandte eine neue Expeditton aus. Denn ein Verhör ergab di, merkwürdigsten Tatsachen. Van Steck hatte die Schußwunde links am Hinterkopf — und welcher Selbstmörder schießt sich in den Hinterkopf ind noch dazu in die linke Seite, wenn er, rote van Steck es war, Rechtshänder ist? Außerdem sagten verschiedene Polizeifoldaten aus, die Kugel, bit den Goldsucher getötet habe, fei doppelt so groß geroefen wie diejenige, die aus dem Revolver abgefeuert wurde. Die Frage nach Fußspuren konnte niemand beantworten, auch hatte man den Stollengang richt abgesucht. Umgehend setzte sich die zweite Erkundungsabteilung in Marsch, mit der bestimmten Weisung, die Leiche herbeizubringen, damit fit obduziert werden könne. Die Polizisten, die den Trupp begleiteten, waren dieselben. Aber so sehr sie auch suchten, sie konnten das Grab van Stecks nicht roieberfinöen. Ae Stelle, wo sie ihn in die Erde gesenkt hatten, fanden sie wohl; es mar jedoch kein Grab mehr da. In dem Minengang konnten mit Dichtigkeit Hunderte von Fußspuren nachgewiesen werden, alles war nhbergetrampelt. Offenbar hatten ganze Heerscharen von Indianern das Aid beiseitegeschafft. Durfte man nach diesen Aufklärungen noch>glau- ben, van Steck habe sich selbst erschossm? ... Das Rätsel ist bis heute nicht einwandfrei gelöst worden, aber die Wahrscheinlichkeit spricht für Mord. Es will vielleicht nicht viel bedeuten, ich alle, die van Steck kannten, eine Selbstentleibung glatt ausschalten; beachtenswert ist schon, daß sie auch eine Sinnesoerroirrung entschieden verneinen. Möglich wäre ja gewesen, daß die achtzig Goldbarren einer Wahnidee ihre Existenz verdankten, aber van Steck hatte durchaus nicht sie ein geistig, Verwirrter gehandelt. Er hatte, nach feiner Rückkehr «äs den Santa Maria-Bergen, eine Anleihe von zweitausend Dollar «irgenommen zur Erschließung der Minen; er hatte ferner einen Photo- jripben engagiert, der den Fund im Bilde festhalten sollte, und war in allem genau und kühl berechnend vorgegangen. Man konnte ihn nicht einmal einen Phantasten nennen, viel weniger einen Verrückten. Die Zeugnisse dafür, daß er durch Meuchelmord ums Leben kam, sind in der Hauptsache die Jndianerfuhspuren. -- Man könnte sich allerdings auch denken, eifersüchtige Nebenbuhler *1 flirten ihn umgebracht. Aber die einzige Karte von dem Weg zur Gold- Mde trug van Steck in seinem Kopse, und nur die Eingeborenen waren enger ihm die Wissenden. Sicherlich haben sie ihren Schwur wahr ge- Wcht, den zu töten, der das Gold findet. Ein heimlicher Schütze, in bem Minengang verborgen, hat aller Vermutung nach hinterrücks sein Eiwehr in demselben Äugenblick abgefeuert, als van Steck mit dem Neoolver auf einen zweiten schoß. Hätten der Gouverneur Oscar Teran i! inä der Polizeichef Nicolas Saget mehr Schneid gehabt, dann wüßten vir heute wohl mehr. Die Indianer sind stumm. Der Arm der Panama-Regierung er- tkicht sie nicht. Aber sie haben gezeigt, daß sie da find, und kaum wird ihr jemand wiedererblicken, den verfluchten Schatz der Grube „La . Islrella", verscharrt im Dickicht, bewacht von tausend scharfen Augen. Die zweckmäßige Weltstadt. Eindrücke einer Filmschauspielerin in Jteugorf. Von Susi Lanner. Es war einmal ein kleines, mit feinem Alltag in der Jofefstadt recht unzufriedenes Mädchen, das den heftigen Wunsch verspürte, auszuwandern. Am liebsten nach Amerika! Nach Neuyork. Endlich war es soweit. Die „Bremen" stach in See. Mit einer Filmgesellschaft, die eine luftige Angelegenheit zu drehen gedachte. Benannt „Spiel an Bord". Das ist schon längere Zeit her. Aber ich erinnere mich deutlich, was für Herzilopsen ich hatte, als die Freiheitsstatue aus Nebelschleiern hoheitsvoll sich erhob — und wir Reisenden fürs erste in die Quarantäne tarnen. Was ich beim ersten flüchtigen Besuch von meiner Traumstadt Neuyork sah, war verwirrend, aber wenig. Ich mußte mich damit begnügen, den Kopf in den Nacken zu legen und die erdrückend hohen Wolkenkratzer anzustarren. Ich sah den Central-Park und die Straße der Millionäre. Wir hasteten durch ein paar noch weitaus hastigere Eß-Lokale, in denen jeder (ein Gericht (o schnell herunterschlang, wie man das in einem Automatenbetrieb ohne persönliche Note eben tut. Und ich kostete nacheinander sämtliche Mixed drinks, bis mir übel wurde. Fahrplanmäßig mußte die Rückfahrt wenige Tage später angetreten werden. Wenn ich bas trotz meiner Ernüchterung hinsichtlich des ganz und gar nicht märchenhaften, statt dessen schrecklich eiligen und vernünftigen Neuyorks schweren Herzens tat, so hat das persönliche Gründe. Mein x immer spottbereiter Kollege und Partner Victor de Kowa behauptete seinerzeit, ich hätte mein „süß verkitschtes Wiener Praterherz" vermutlich zwischen den Wolkenkratzern verloren. Nun lebe ich feit langen Wochen wieder in Neuyork. Und ich hatte Gelegenheit, der Stadt meiner sehnsüchtigen Kinderträume gründlich ins Herz zu schauen. Völlig entzaubert liegt Neuyork täglich vor mir. Ich wohne, wie alle, die sich keinen Palast leisten können, in einem Appartement. Diese üblichen Neuyorker Wohnungen sind winzig — richtige Puppenstuben! Ueberhaupt nicht zu vergleichen mit den Berliner Wohnungen, deren große Räume ich so liebe. Alles hier, also auch die Einrichtung und Ausgestaltung dessen, was der Neuyorker „fein Heim" nennt, ist sachlich und auf Zweck gestellt Eingebaute Schranke und Model sorgen dafür, daß von dem wenigen Platz nichts vergeudet wird. Noch überraschender wird es die Europäerin berühren, daß jede Arbeit, die in der Wohnung zu verrichten ist, von ganz speziellen Handwerkern ausgeführt wird, die untereinander streng darauf halten, sich gegenseitig um keinen Preis der Welt ins Handwerk zu pfuschen. Ein Fensterputzer beispielsweise würde es niemals über sich bringen, etwa gleichzeitig den Teppich abzukehren, und keine Maid (wie die Bedienerinnen hier heißen!) würde jemals auch nur ein Paar fremde Schuhe putzen. Ebenso lehnt sie es ab, die Fenster zu reinigen. Um auf die Schuhe zurückzukommen: wer sich nicht selber aus das Putzen versteht und sich bisher aus sein Mädchen verlieh, kann in Neuyork mit schmutzigem Schuhwerk das Haus verlassen. Nicht einmal in den größten Hotels ist es üblich, feine Schuhe, wie bei uns, abends vor die Tür zu stellen. Die Männer haben einen anderen Dreh herausgefunden: sie lassen ihre Schuhe meistens beim Friseur, zugleich mit ihrer all- morgendlichen Rasur, reinigen. Was mich in einer so konsequenten Stadt wie Neuyork etwas wundert! Ich habe mir inzwischen ongewöhnt, meine Schuhe selber zu putzen. Und wenn sie gar zu schmutzig sind, dann Helsen die zahllosen „Shoe-Shine-Shops“ (Schuhputzläden). Wobei ich gleich auf das Modeproblem dieser Weltstadt zu sprechen komme. Pelze sind hier ganz unerschwinglich. Auch Schuhe sind verhältnismäßig kostspielig. Statt dessen kann man billige Kleider und Hüte haben. Denn in dieser Stadt, in der die Frauen sämtlich darin miteinander wetteifern, die Schönste und Schickste zu fein, wurde es dank der rührigen Geschäftsleute Üblich, soeben gezeigte teuerste Modelle flink zu spottbilligem Preise zu probieren. Auch die Hüte. So kann derselbe Hut beispielsweise zwei Dollars kosten — ober zwölf. Und nur sachverständige Frauen sehen den Unterschied. Im übrigen: alle Frauen sind hier stark geschminkt. Jede ist eine Künstlerin im „make up“. Geht tatsächlich mal eine Frau über den Broadway, die kein bißchen ausgemacht ist, so fällt das angenehm auf. Auch die Frauen bekommen sekundenlang ein beinahe „eigenes" Gesicht. Aber in der nächsten Sekunde zücken sie den Lippenstift und malen mit behutsamen Strichen an ihrem wunderschön geschwungenen, glanzenden, roten Mund herum. Ob es eine bescheidene kleine Fabrikarbeiterin ist oder eine verwöhnte große Dame — die Kosmetikindustrie hat alle Hände voll zu tun! Ja — und dann die Neuyorker Hausfrauen! Sie führen ein ideales Leben, haben alle modernen Behelfe zur Verfügung, um ihre zierlichen Wohnungen sauber zu halten. Das Kochen ist schon gar kein Problem, da alles in Büchsen" zu haben ist, von der pikantesten Suppe bis zum Gemüse- und Fleischgericht. Nichts wird zu Hous hergestellt. Und die Neuyorker Flurnachbarin würde vermutlich runde Augen bekommen, wenn eine deutsche Hausfrau ihr mal zeigen würde, was ein richtiger Braten nach Hausmannsart ist. Mag fein, daß sie sich, angesteckt von fooiel Tatenlust in der Küche, selber daran macht, beispielsweise Rouladen oder Gulasch zu fabrizieren. Kann aber genau so gut sein, daß sie den Kopf schüttelt und ihre deutsche Kollegin einen altmodischen Dickkopf nennt, der alles besser können will. In sehr wenigen Häusern gibt es übrigens Dienstboten. Statt dessen kommt täglich auf zwei, drei Stunden eine „coloured woman", rote Oie Negerinnen hier heißen, um aufzuräumen. Ich glaube, daß die deutschen fleißigen Hausfrauen, denen der Sinn nach Behaglichkeit steht, nicht so restlos begeistert von der Neuyorker Lebensweise find. Besonders nicht, wenn sie hören, daß es hier gar nicht üblich ist, gemütliche Tee-oder Kafseestunden abzuhalten. Will man einander einladen, bann hauptsächlich zum Lunch, und zwar wegen der kleinen Wohnungen in ein Restaurant oder Hotel. Nur zu den beliebten Cocktail-Parties bittet die Neuyorker Hausfrau in ihre Wohnung. In diesem Falle sitzen und stehen eine Unmenge Leute umher, kennen sich gegenseitig kaum und trinken sich vergnügt einen Schwips an. Nachmittags zwischen 5 und 8 Uhr! Sehr oft ist es so, daß der Gastgeber nicht einmal eine Ahnung hat, wer eigentlich alles bei ihm hübsche Gläser zerschlägt und die Flaschen leert. Denn die Amerikaner haben die naive und nicht jedem einleuchtende Sitte, ungeniert ihre eigenen Freunde zu solchen Parties mitzubringen. Man serviert dann hauptsächlich Whisky und eine schwer zu vertragende Sorte von Phantasie-Cocktail, bei dessen Genuß manches Grünhorn Funken vor den Augen und Atemnot verspürt. Die Hausfrau reicht dazu aufeinandergeklappte, rindenlose Weißbrotschnitten, die gut belegt sind. Auch eine Unmenge Käsegebäck! Und alles macht wenig Arbeit. Es ist mir ausgefallen, daß in Neuyork fast überhaupt kein Wein getrunken wird. Der waschechte Amerikaner beginnt meistens nach kürzester Zeit ungeniert nach der Whiskyflasche zu schielen. Bier ist dafür sehr beliebt. Die kühle amerikanische Miene verklärt sich, wenn das Wort „Wienerin" fällt. Was mir als Lokalpatriotin mächtig schmeichelt. Leider machen sie sich in Neuyork recht verbogene Vorstellungen von meiner Heimatstadt. Wien — das bedeutet für einen Amerikaner wohl Grinzing, wo den ganzen Tag gesungen, geflirtet und gelacht wird. Berlin imponiert ihnen sehr. Sie sprechen von einer ungeheuer eindrucksvollen, sehr sauberen und ordentlichen Stadt, die alle bewundern. Noch ein Wort über die amerikanischen Bahnen! Es gibt ebenfalls nur eine Klasse, aber sie ist gepolstert. Alles wunderbar komfortabel und praktisch. Ausgesprochener Luxus: die Pullman-Wagen mit ihren drehbaren Sitzen, den kleinen Tischen, aus denen Lämpchen stehen. Befremdlich für eine an Ordnung gewöhnte Europäerin: die Schlafwagenabteile haben keine Türen. Nur Vorhänge. Unheimlich ist die Geschwindigkeit, mit der die Züge sausen. Was auch für die mit Getöse dahinpolternde Untergrundbahn gilt. Alles in Neuyork geht schnell. Alles in Neuyork ist gigantisch. Das feenhafte Lichtermeer auf den berühmten Straßen, riesige Wolkenkratzer, riesiger Verkehr. Ebenso groß sind auch die Extreme. Märchenhafter Reichtum wohnt neben unendlicher Armut! Man hat das Gefühl, eine winzige Ameise zu sein — ganz, ganz klein und schrecklich unbedeutend. Und wenn man darüber nachdenkt, dann bekommt man plötzlich brennende Sehnsucht. Nach Deutschland und nach den-Freunden dort ... Volksdeutsche Oichtergestalten. Von Erich Langenbuche r. Durch Geburt und Werk istRobertHohlbaum den volksdeutschen Dichtern zuzurechnen. Wenn er heute auch als Bibliotheksdirektor in Deutschland lebt/ so wurzelt doch das Werk im Erlebnis der sudetendeutschen Heimat und der österreichischen Geschichte. In einer Landschaft, „die still und geduldig wartet, bis sie erkannt und geliebt wird", verlebte Hohlbaum seine Jugendzeit, der Großvater war Förster, ein Mann, „der mich immer irgendwie an einen Hirsch erinnerte, in Gang, Haltung und Blick". Diese ausgeprägte Gestalt ist nicht ohne Einfluß auf Hohlbaum geblieben, denn der Großvater „steckte voll Anekdoten und Geschichten" In Jägerndorf, einem kleinen sudetendeutschen Städtchen, wurde Hohlbaum vor fünfzig Jahren geboren. Dieser Stadt verdankt er den „Geist der Arbeit": „Wenn ich mich manchmal der Faulheit ergeben will, dann denke ich an die Scharen der Tuchmacher, Schlosser, Eisendreher, Tischler und Gießer zurück, die auf den Pfiff genau in ihre Fabrikräume strömten, und schäme mich ein wenig vor ihnen." Die Wendung zum späteren Beruf erhielt er durch ein altes Geschichtswerk: er glaubt, daß ihn dieses Buch geschichtlich denken lehrte. Als Student erwuchs ihm das Erlebnis des Grenzlandes, „ich fand zum Deutschtum, dadurch wohl auch den Weg zum Dichter". Als sich Hohlbaum als Student „geistig sattgefressen" hatte und sich abwenden wollte von allem, was etwas zu tun hat mit Schreiben und Lesen, entstand die erste Arbeit: Sechs Geschichten des akademischen Lebens vom Auszug der Prager Studenten bis zum Jahre 1848. Das Werk „Ewiger Lenzkampf" erschien in neuer Bearbeitung unter dem Titel „D i e Prager Studenten". Sehr rasch, unter innerem Zwang, folgen dann andere Werke, ein Zyklus geschichtlicher Novellen, die vereinigt wurden unter dem Titel „Unsterbliche". Er behandelt darin u. a. Kleist und E. T. A. Hoffmann: die musikalischen Novellen vereinigt Hohlbaum in dem Band „Himmlisches O r ch e st e r". Alle Bücher Hohlbaums einzeln darzustellen, ist nicht möglich, erwähnt seien die beiden großen Trilogien. Die erste, „F r ü h l i n g s st u r m", unternahm es, „das deutsche Werden vom Ausgang des Dreißigjährigen Krieges bis zur Goethezeit zu gestalten", die andere, „Volk und Mann"'.stellt in ihren Mittelpunkt den Führer des Volkes. In dieser Trilogie findet sich u. a. der Roman eines Führers „S t e i n", sie wird beschlossen durch einen der besten historischen Romane der Gegenwart „Z w e i k a m p f um Deutschland" — darin geht Hohlbaum der deutschen Geschichte des letzten Jahrhunderts nach, er verknüpft mit ihr das Geschehen in Oesterreich bis zum Jahre 1870. Eine kleine Vorarbeit zu diesem Roman stellt die (seinerzeit in Gießen von Hohlbaum selbst gelesenes Novelle „Getrennt marschieren" dar, deren historischer Hintergrund die Begegnung des Marschalls Benedek und des preußischen Feldherrn Moltke ist. D 1 v Gs mag eingeroenbet werden, daß diese Werke wenig mit dem Volksdeutschen Schicksal zu tun hätten. Hohlbaum geht aber in allen Büchern deut geschichtlichen Werden des Volkes und des Volkstums nach und schasst dadurch die notwendigen Voraussetzungen zur Betrachtung der Volks- tumssragen der Gegenwart. Seine Bücher sind nicht Romane im üblichen Sinn, sie sind Bekenntnisse zur Geschichte des Volkes. Der Dichter selbst bezeichnet sie als Epen, die er in einen großen Zusammenhang hineingestellt sehen will. So finden wir in seinen reifen Werken ein Stück deutschen Wesens, wir wissen aus ihnen um den äußeren und inneren Kampf des Grenzlanddichters, lieber dieses Werk sagt er: „Verantwortlich habe ich mich in meinem Schaffen neben Gott immer nur meinem Volk gefühlt. In seinen Dienst habe ich vom ersten Federstrich all mein Kämpfen und Träumen, all mein Irren und Gelingen gestellt, und ich habe ja damit doch nur einen kleinen Teil dessen zuruckgegeben, watz ich ihm in unendlicher Dankbarkeit schulde." „Unfaßbar erscheint mir oft das Glück, gerade in solchen Tagen leben zu dürfen, in denen uns ein grenzenlos weiter Ausblick gewährt wird, in der jener Vorhang zerrissen ist, der vor den Fenstern der muffigen Zimmer unserer Väter hing. Welch ein Leben voll Tiefe und Größe und welch eine Hoffnung, auch selbst einen kleinen Stein für jenen Bau heranschleppen zu können, der jetzt errichtet werden soll." Diese Worte sagt B r u’n o Brehm mit voller Berechtigung, denn kaum ein anderer erlebte so Zerstörung, Zusammenbruch, Ratlosigkeit eines Volkes, und wenige haben mit gleicher Kraft als Dichter daran gearbeitet, aus diesem Chaos Bleibendes zu schaffen. In Laibach in Krain wurde Brehm 1892 als Sohn eines k. u. k. Hauptmanns geboren. Der Vater war Egerländer, die Mutter kam aus dem böhmischen Erzgebirge. Das Offiziersleben brachte es mit sich, daß die Jugend des Dichters ein Wandern durch die verschiedenen Kronländer der früheren Monarchie war. Das blieb nicht ohne Einfluß auf die Entwicklung des Knaben, der dadurch immer wieder in anderssprachige Städte kam, andere Kameraden kennenlernte, sich einfügen mußte, wenn er bestehen wollte. Schon das Aufnehmen der Sprachen und Dialekte mag keine kleine Arbeit gewesen sein. In der Schule habe er sich nie wohlgefühlt. Aber Lebenskraft muß ihn davor bewahrt haben, ein Kopfhänger zu werden, denn: „Ich riß die anderen mit fort, gerade dann, wenn ich selbst am traurigsten war." So war es auch später im Krieg. Es ist wichtige daß Brehm während des Krieges die Bekanntschaft des Fähnrichs Edwin Erich D w i n g e r machte. Die Bekanntschaft blieb auf das Schaffen Brehms nicht ohne Einfluß. Nach dem Krieg, den er als aktiver Offizier mitmachte, bezog Brehm noch einmal die Hochschule, um sich später seinen Arbeiten zu widmen. Bruno Brehms Werk ist heute schon sehr umfänglich, es zeigt die Schaffenskraft des Mannes, der mit feinem Werk der Gesamtheit zu dienen bereit ist. Die Schul- und Gymnasialzeit lebt noch einmal auf in dem Roman „Der lachende (Bott", der zu wenig bekannt geworden ist neben der großen Trilogie. Die glücklichen Tage nach dem freiwilligen Jahr und nach dem Entschluß, Offizier zu werden, schildert Brehm in dem Roman „Susanne und Mari e", von dem der Dichter sagt, daß es eines seiner schönsten Bücher sei, weil er bei der Niederschrift immer seine Frau habe fragen können, ob das, was er schreibe, richtig sei. Einen Teil seiner Kriegserlebnisse legt er nieder in dem Buch „Das gelbe Ahorn- blatt", um in dem Roman „W i r alle wollen zur Opern« redoute" die bittere Nachkriegszeit zu schildern. Dieses Buch scheint ein heiteres Buch zu sein,'doch hat es einen herben und bitteren Kern. In dem kleinen Bändchen „Heimat ist Arbeit" vereinigt Brehm kleine Betrachtungen und Erzählungen der sudetendeutschen Heimat. Neben Abschnitten der Kriegstrilogie haben gerade diese Berichte b*i Dichterabenden immer den größten Eindruck auf seine Hörer gemacht. „Aber das alles schien mir nicht das Richtige, ich sand, daß ich etwas anderes zu tun hätte." Hier tritt ein zweites Mal Edwin Erich D w i n -- g e r in sein Leben, der ihn bestimmt, den Krieg, wie der österreichische Offizier ihn erlebte, zu beschreiben. Seine Ausgabe war wesentlich anders als d>e Dwingers: „Hier, van Oesterreich aus, war nicht jener Krieg dar- zustelleu, den das deutsche Volk, wie man ja bald erkennen wird, dadurch gewonnen hatte, daß es nicht der Vernichtung anheim fiel. Von hier aus war der Untergang eines Staates und einer Zeit zu schildern, deren letzter Vertreter in Europa die alte Monarchie noch gewesen war." So entstand die Weltkriegstrilogie, von der Dwinger sagte, „die ganze Welt sollte diese Bücher lesen, in alle Sprachen müßte man sie übersetzen". Der erste Band „Apis und E st e" mit dem Untertitel „So ging es an", ist ein Werk unbestechlicher Wahrhaftigkeit. Die Ermordung Alexanders von Serbien und feiner Gattin bilden feinen Auftakt, den Weg von Brest- Litowsk bis Versailles geht der Dichter in dem Band „D a s war das Ende". Dari» faßt er das Ende des Weltkrieges auf allen Schauplätzen zusammen, die russische Revolution, Amerikas Ausbruch, die letzten Schlachten in Frankreich, die Intrigen im Lager der Entente. Der dritte Band handelt vom Zusammenbruch der habsburgischen Monarchie, er heißt „W e b e r Kaiser noch Köni g". Der Roman „Zu früh unb zu spät" gibt bas Vorspiel zu ben Befreiungskriegen. Nach Preußens Sturz bei Jena blickt Deutfchlanb auf Oesterreich: ber Dichter stellt bar, wie Oesterreich 1809 zu früh bie Waffen gegen Napoleon erhebt, bei Regensburg an ben Rand des Abgrundes geschleudert wird, um bei Aspern zu siegen. — „Geschichten aus meinem Leben" erzählt Brehm in dem Band „Sie weiße Adlerfeder". (Einige Worte, die ber Dichter als ßeitgebanten über seine zukünftige Arbeit schreibt, mögen ben Beschluß dieser’Darstellung bilben: „Vielleicht oermag ich es noch einmal, ein Buch jener Hoffnung zu schreiben, bie mich erfüllt, unb jenes Glück barzustellen, bas unser aller wartet. Es wirb ein ernstes, em strenges Glück voll Arbeit und Mühen sein. Aber vielleicht werden wir bann vor unseren Kindern die Prüfung bestehen: daß wir alles getan haben, was in unseren Kräften stand, um jene Wunden zu heilen die uns das Schicksal, und die wir selbst uns schlugen. Vielleicht kann ich m meinem nächsten Buch in eine Zukunft blicken, die auf jener blutigen Vergangenheit steht und vom Morgenlicht einer neuen Zeit überstrahlt ist." " Verantwortlich: Dr. Hans Thhriot. - Druck unb Verlag: Drühlfche Untverf itätsbruckerei A. Lange, Gießen.