Gießener ZamilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1938 Freitag, den 14- Januar Nummer 4 Die Insel üer fünf Millionen Pinguine Von Lherrg kearton Deutsche Rechte durch 3. Engelhorns Nachf., Stuttgart Nachdruck verboten Schluß. Hier tut sich wiederum die Frage auf, inwieweit ein Pinguin seine Gefühle mit dem Blick auszudrücken oder wie er seine zärtlichen Gedanken sonst mitzuteilen vermag. Sicher ist auf alle Fälle, dah diese „jungen Leute" beiderseits eine gewisse Befriedigung aus einem der- artigen,Austausch von Blicken gewinnen. Sie umarmen einander nicht — wie dies die Ehegatten tun; sie schauen einander bloß in die Augen, wobei der männliche Bogel die Brust aufplustert, um zu zeigen, was für ein feiner Kerl er ist. Hierauf macht der Besucher, mit seiner Eroberung zufrieden und anscheinend ohne seine Huldigungen weiter treiben zu wollen, der Dame im nächsten Nest seine Aufwartung, in der Hoffnung auf denselben Erfolg. > Mitunter aber erfährt er auch einen ganz andern Empfang. Manche der Schönen, die noch keine so moderne Lebensanfchauung und folglich eine andere Auffassung vom echt weiblichen Benehmen haben, starren ihn eisig an ober wenden den Blick überhaupt von ihm ab, so daß. ihm nichts übrig bleibt, als beschämt abzuziehen. Manchmal auch — und gar nicht so selten — taucht, während er gerade mit seinem bestrickendsten Lächeln der Dame im Nistloch den Kopf entgegenreckt, aus der Tiefe der Schatten des Chegemahls auf. Das ist natürlich sehr peinlich. Männer sind bei solchen Gelegenheiten ekelhaft überflüssig und sind überdies imstande, die Absichten des Besuchers mißzuverstehen. Erklärungen sind in diesem Falle schlimmer ajs nutzlos; man hat keine andere Wahl als sich zu stellen, als habe man nicht im Traum daran gedacht, das Nett zu besuchen, und sich rein zufällig über den Rand gebeugt. Also setzt der enttäuschte Schwerenöter eine Überzeugende Unschuldsmiene auf und stolziert von dannen — zu alledem noch genötigt die nächsten drei Nester zu Überschlagen, um den nachblickenden argwöhnischen Ehemann davon zu Überzeugen, daß er nur auf einem harmlosen kleinen Bummel begriffen ist. Der Schein muß in solchen Fällen um jeden Preis gewahrt werden/ also blickt er sich erst aus beträchtlicher Entfernung verstohlen um. Sieht er bann, baß die Luft rein ist, so verwandelt er sich wieder in den unternehmungslustigen jungen Gent und strebt auf der Suche nach weiteren Eroberungen auf das nächste Nistloch zu. Oesters kommt ein weiterer Typ vor, der ersichtlich den Ehrgeiz hat, der Insel mehr Glanz zu verleihen: der selbstgefällige Geck, der davon durchdrungen ist, daß seine bloße Anwesenheit alle, die ihn sehen, beglückt. Auch sein Urbild wandelt natürlich unter den Menschen. Während wir aber geneigt sind, so jemand höchstens lästig zu finden, war auf der Insel der Pinguine — wie auch die Vögel selbst darüber denken mochten — der „Fatzke" eine ständige Quelle der Belustigung für mich. Er warf sich gern in Positur und man konnte ihn oft in den komischsten Stellungen sehen, mit hochgerecktem Körper und auf die Seite gelegtem Kopf. Eines dieser Tiere tauften wir in einem leichtfertigen Augenblick „Percy den Unwiderstehlichen", und ich muß sagen, kein anderer Name paßte so zu ihm. Doch obwohl seine Selbstzufriedenheit für ihn selbst eine Quelle der Freude zu sein schien, konnte dies nicht in gleichem Maße von der Dame behauptet werden, die als sein Ehegespons das Unglück hatte- stets in seiner Nähe weilen zu müssen. Zweifellos hatte die Aermste schon lange mehr als genug von seinen Possen; diesen Eindruck machte sie wenigstens, und gelegentlich bewies sie es unzweideutig. Es war ihr nicht schwer, eine gute Ausrede dafür zu finden, daß sie sich nicht sonderlich um ihren Gatten kümmerte, denn kürzlich waren zwei Eier angekommen. Doch sie machte nicht einmal den Versuch zu verhehlen, wie ungemein er sie anöbete, sondern kehrte ihm samt seinen bewundernden Satelliten beim Brüten glattweg den Rücken zu. (Sonderbar ist immerhin, daß so ein Wichtigmacher, wie ekelhaft ihn die Allgemeinheit der Menschen oder Pinguine auch finden mag, doch, stets ein paar Bewunderer finden wird, die jede seiner Bewegungen entzückt verfolgen. Dies ist wahrscheinlich der Grund, warum wir ihn nie los werden: er kann stets eines Publikums sicher fein.) ' „Percy der Unwiderstehliche" stand also ein paar Schritt von seinem Haus entfernt, bot feine Schönheit erst dem einen, dann dem andern seiner Bewunderer dar, legte den Kops bald auf diese bald auf jene Seite, warf sich in die Brust, watschelte hin und wider und verdrehte und verbog dabei seinen Körper zu den groteskesten Formen. Und die ganze Zeit über strahlte ihm auf der ein.»n Seite seine treue Gefolgschaft zu, während seine Frau auf der andern ihre Geringschätzung für fein Gehaben dadurch betonte, daß sie nicht die geringste Notiz von ihm nahm. An der Art, wie sie mit steiferhobenem Hals und gerade vor sich hin» starrenden Augen dalag, merkte ich, daß sie genau wußte, was vorging, und sich mächtig zusammennahm. Plötzlich aber riß ihr die Geduld mitten durch. Sie stand auf — und die Wut, mit der sie geladen war, läßt sich daran ermessen, daß sie darüber ihre Eier auf Gedeih und Verderb den Ibissen und Möwen auslieferte — kletterte aus dem Nest heraus und stürzte sich auf ihren Mann, packte ihn am Genick und versetzte ihm die verdiente Tracht Prügel. Im Augenblick ihres Angriffs stand er mit dem Rücken zum Nest, so daß er nicht wissen konnte, wer ihn so anfiel. Doch er nahm sich nicht die Zett, das erst festzustellen. Sobald er freikam, raste er davon, so schnell er konnte. Für diesmal war ihm gu seine WichUgmackerei gründlich ausgebläut worden. Das-Publikum zerstreute sich natürlich im Nu; dies pflegt ja bei solchen Anlässen stets der Fall zu fein, wie uns unsere Geschichtsbücher immer wieder erzählen, wenn sie vom Sturze großer Männer berichten. Und es ist anzunehmen, daß der Kavalier das nächste Mal, als er sich anschickte, vor der gleichen Gesellschaft seine Faxen zu machen, zum, Schaden noch den Spott erfufjr. Zunächst einmal war dem unwiderstehlichen Percy freilich die Lust an jeglichen Faxen gründlich vergällt, ha stand er, ein über die Maßen bestürzter Pinguin, auf dem Sandstrand, wohin er in vollem Galopp geeilt war, und sann darüber nach, durch wen und warum er so verhauen worden war. Es dauerte eine gute Stunde, bis er wieder hügelaufwärts wackelte. Inzwischen aber — so schloß ich aus der außergewöhnlichen Zaghaftigkeit, mit der er sich feinem Nest näherte — mußte ihm der wahre Zusammenhang wohl endlich aufgegangen sein. Siebzehntes Kapitel. Rückblick. — Die Schaulustigen. — Das „Schwarzer-Mann"» Spiel. — Pinguine und Kinder. — Hut ab vor den Pinguinen. Während ich die Setten dieses Buches über die Pinguine wieder durchblättere, fühle ich den Wunsch in mir aufsteigen, den hervorstechendsten Zügen des Pinguincharakters noch einmal und besser gerecht zu werden. Ich habe versucht, die sorgliche Mühe zu schildern, mit der die Pinguine ihr Heim bauen und ausstatten; die unverbrüchliche Zuneigung, die sie ihrem Gefährten schenken; ihre Opferwilligkeit als Eltern; die ganze Art und Weise, wie sie mit den Schwierigkeiten des Lebens fertig zu werden suchen. Ich glaube, gezeigt zu haben, daß sie die meisten Eigenschaften besitzen, die wir für gewöhnlich als Wesenszüge des Menschen zu betrachten pflegen: Geduld, Ausdauer, Mut, Beharrlichkeit und Liebe für einander. Genau wie unsereiner haben sie eine ausgesprochene Individualität, und der Gedanke, dah ein Pinguin genau so handeln könnte wie jeder andere, ist unvorstellbar. Und dennoch befolgen sie gewisse festgelegte Lebensregeln: sie halten sich ein für allemal auf den vorgeschriebenen Wegen zwischen ihren Nistplätzen und dem Meer und treten ihre Wanderung auf diesen Wegen tagtäglich wie auf Verabredung zu offenbar bestimmten Stunden an. Pinguine kann man sich überhaupt nicht anders vorstellen als in Verbindung mit dem Meer. Ich denke mir, sie betrachten ihre Jnselaufenthalte viel weniger als eine genußreiche Ferienzeit als im Lichte einer nicht zu umgehenden unerfreulichen Notwendigkeit. Nur während ihres täglichen Besuches am Wasser kommt ihre ganze Lebhaftigkeit und Daseinsfreude zum Durchbruch. Auf dem Lande spielen sie selten, während sie im Wasser den halben Tag im Spiel verbringen, und dennoch glaube ich, daß für ihr Temperament, wie für das unserige das Spielen eine wirkliche Notwendigkeit ist. Das zeigt sich jedesmal, wenn sie irgendetwas Ungewöhnliches entdecken. Sie sind auch in erheblichem Maße neugierig, jedoch häufig ohne daß sie damit irgendeinen Zweck verbinden. Wird einmal ein altes Faß vom Sturm an Land gespült, so schlägt vielleicht ein Pinguinpaar sein Heim darin auf; vorher aber werden Hunderte sich einfinden, um die Merkwürdigkeit als solche zu bestaunen, sie zu umkreisen, hineinzulugen und. sie von jedem Winkel aus zu betrachten. Nicht einen Augenblick glaube ich, daß das Wohnungsjäger sind; sie haben schon Häuser, mit denen sie vollauf zufrieden sind, und das umständliche Verfahren des Umzugs zu Vierteljahrsbeginn, das uns soviel Geld und Mühe kostet, ist bet den Pinguinen ganz unbekannt. Nein, das ist es nicht. Es hat sich nur einfach die Nachricht verbreitet, daß etwas Neues und vielleicht Interessantes eingetroffen ist — und folglich eilt jeder hin, um mit dabei zu fein. Es muß eine ungeheure Aufregung unter den Eingeborenen der Insel hervorgerufen haben, als ich mein Zelt dort aufschlug. Den ganzen Tag lang und während mancher Nachtstunde stellten sich Besucher ein. Manchmal standen die Schaulustigen vor dem Eingang in langer Reche Schlange — ich meine das ganz buchstäblich — zu allem l^inzu kam natürlich noch der Kitzel der Ungewißheit darüber, ob die Riesen rn ihrer Burg von guten oder schlimmen Absichten beseelt waren, so daß die Besucher darauf gefaßt sein mußten, jeden Augenblick die Flucht zu er» greifen. Daß sie sich dabei aber wirklich vor mir fürchteten, glaube ich nicht Davon merkte ich nie eine Spur, wenn wir uns draußen begegneten. Aber jedes Kind weiß ja, wieviel lustiger es ist, wenn man sich beim Betreten einer Höhle vorstellt, sie beherberge vielleicht einen dreiköpfigen Riesen: und aus eben demselben Standpunkt stehen nach meiner Ueberzeugung die Pinguine. Ein Dutzend etwa pflegte stch im Gänsemarsch vor mein Zelt hmzu- stellen und mit unendlicher Vorsicht näherzurücken. Der zweite von vorne tippte dann wohl, weil er ein wenig zu eifrig und daher zu hastig war mit der Flosse seinen Vordermann auf den Rücken: und sofort fuhr dann der Führer herum und schaute ihn voller Entrüstung an: „Du könntest auch ein bißchen mehr achtgeben, ich dachte wahrhastig schon, der -Riese hätte mich beim Kragen!" Dann geht es wieder voran, Schritt um Schritt, mit behutsamen Blicken und jederzeit gewärtig, zurückzuspringen — und wieder fühlt der Führer, wie ihn etwas berührt. Wieder fährt er herum, und diesmal beginnt er Reißaus zu nehmen. Dann halt er inne, merkt, wie die Dinge liegen — „Mein Gott, hast du mich aber erschreckt! — und nimmt seinen Platz an der Spitze der Schlange wieder ein. Da mir die Rolle des Riesen zuerteilt worden ist, muh ich natürlich mein Verhalten danach einrichten. Man darf ja nicht etwa all die Kinder — all die Pinguine — durch Wildheit erschrecken. So bleibe ich im Schatten und beobachte Ml. Als aber endlich der Kolonnenführer sich mit seinem rechten Bein bis in das Zelt hereinwagt, kann ich der Versuchung nicht länger widerstehen und werfe ein Zeitungsblatt nach ihm. Sofort rennt alles davon. Glücklicher- oder unglücklicherweise, je nachdem wie man es auffaßt, hat der Wind das Zeitungsblatt mit hinaus- gerissen, so daß es dem Pinguin das ganze Gesicht einhüllt. Er kann nichts sehen und glaubt vielleicht einen Augenblick lang wirklich an all die Schrecken, die das Zelt angeblich beherbergt. Doch dann fällt das Papier zu Boden. Er beugt sich darüber und wüßte gern, was es ist. Und dann fällt ihm ein, daß er ja überhaupt das Geheimnis des Zeltes noch nicht gelöst hat — und schon macht er kehrt. Die andern schließen sich ihm von neuem an; das Spiel beginnt von vorn. Einmal knüpfte ich ein Khakituch an einen Bindfaden und legte es gerade vor dem Zelt auf den Boden. Sogleich kam ein Pinguin herbei, um es genau zu besichtigen. Ein Ruck an der Schnur und das Taschentuch war fort. Wie oft hatte ich dieses Spiel mit Kindern gespielt! Run spielte ich es mit Pinguinen. Kinder und Pinguinen benahmen sich vollkommen gleich: zuerst machte ihnen das Spiel einen Heidenspaß, und immer wieder wollten sie das Taschentuch zu erhaschen suchen — bis sie es müde wurden und sich ärgerten, weil es nicht gelang. Pinguine und Kinder — sie unterschieden sich in keiner Weise. Ich habe in diesem Buche die Pinguine mit allen möglichen Menschentypen verglichen (und ich hoffe, daß die Betreffenden das als Kompliment auffassen): mit alten Herren, flotten Großstadtherrchen, jugendlichen Müttern, gesetzten Matronen. Arn allermeisten aber gleichen sie den Kindern. Mehrere Jahre lang hielt ich eine zärtlich geliebte Schimpansin, und oft fiel mir auf, eine wie ungemeine Ähnlichkeit sie innerlich mit einem Kind hatte, das sich sehnt, mehr zu begreifen, als im möglich ist. Diese Sehnsucht bleibt den Pinguinen erspart: sie haben das Gemüt von Kindern und sind damit restlos zufrieden. Sie spielen mit Leidenschaft „Schwarzer Mann", zu Lande sowohl-wie im Wasser; sie gehen leidenschaftlich gern auf Entdeckungsreisen; sie zeigen sich gern'; sie folgen instinktiv einem Führer. Sie lassen sich sehr leicht „von Stimmungen unterliegen"; sie zanken sich viel miteinander herum, und wenn sie kämpsen, geschieht es mit großer Entschlossenheit; sie lieben ihr Zuhause und ziehen sich in Stunden der Pefahr (o rasch wie' möglich dorthin zurück. Doch obwohl sie ganz die Einstellung von Kindern haben, führen sie ein Erwachsenendasein mit Krankheit und Kummer, Schicksalsschlägen, Gefahren und Verantwortlichkeit. Das Leben ist für die Pinguine nicht einfacher als für uns, wenn sie auch wahrscheinlich weder unser Empfindungsvermögen noch unser Gedächtnis haben. Wenn man aber auf der einen Seite Tragödien mitansieht, wie ich sie in zwei Kapiteln dieses Buches geschildert habe, und anderseits Zeuge der Ausgelassenheit der Pinguine im Wasser und ihrer unerschöpflichen Neugier für Neues und Interessantes wird, kann man gar nicht anders, als Sympathie und Freundschaft für diese Geschöpfe fassen, die uns selbst so sehr gleichen — und mehr noch unfern Kindern. Kennzeichnend für Tiere ist, daß sie es nicht mögen, wenn man über sie lacht. Solange sie sehen, daß wir mit ihnen zusammen lachen wollen, fühlen sie sich glücklich; ganz anders, wenn sie merken, daß sie selbst die Ursache unserer Heiterkeit sind. Ich bin jedoch geneigt, die Pinguine für die einzige Ausnahme von dieser Regel zu halten. Wenn man über sie lacht — und wer könnte schließlich umhin, über sie zu lachen? — so legen sie den Kops auf die Seite und sehen einen an, und schließlich macht es säst den Eindruck, als hielten sie das Lachen für eine Ehrung und diese Grimasien für die Art und Weise des Menschen, ihrer Intelligenz Bewunderung zu zollen. Nach einer Weile pflegen sie dann in ihrer jeweiligen Beschäftigung fortzufahren, ab und zu aber blicken sie immer wieder auf, wie um zu sehen, ob ihnen noch immer Huldigungen dargebracht werden. Und ich meine in der Tat, daß die Pinguine Huldigungen oder zumindest Zeichen der Bewunderung eher verdienen als gedankenloses Lachen. Nicht einen Augenblick möchte ich irgendwen davon abhalten, über den oft ausnehmend komischen Ausdruck der Pinguine zu lächeln; aber ich hoffe auch, daß es diesem Buche gelungen ist, als Hintergrund zu der Erheiterung Verständnis für diese so originellen und liebenswerten kleinen Geschöpfe und Würdigung ihrer wirklichen Dualitäten zu er- wecken- Winier im Dorf. Bon Heinz A. Heilsberger. Weißverschneit sind Feld und Saaten in verlorner Einsamkeit. Und es schlummern tief die Katen, hier im Dorfe schläft die Zeit. Unterm grauen Dämmerhimmel ducken sich die Giebeldächer, und am Sims der Sachsenschinnnel schaut in tote Eulenlöcher. Dunkler Ställe warmer Brodern lockt die kleinen Dogelherzen, die des Winters kalter Odem ausgescheucht aus frohem Scherzen. Durch den Schnee getretne Spuren schlängeln sich in schmalen Pfaden in die winterlichen Fluren, die zu edlem Weidwerk laden. Schulweg in Wien. Von Max Mell. Von dem alten Wien, dem Wien der gartenreichen Borstädte, um die sich noch Wall und Graben als äußere Befestigungslinie der Stadt, der grüne „Linienwall", zog: von diesem nun auch schon völlig verschwuw» denen Wien habe ich in meiner Kinderzeit noch ein gutes Stück gesehen. Mein Schulweg führte mich fast durch die ganze Ausdehnung einer sol» chen Vorstadt, ihre Hauptstraße entlang, in der es damals noch zahlreiche niedrige, ost recht gedrängt stehende Bürger- und Handwerkshäuser gab; aber auch der Ausgangspunkt dieses Schulwegs wie fein Endziel waren Denkmäler einer viel älteren Zeit. Der schönste geräumige Platz, den mein täglicher Weg zu erreichen hatte, ist immerhin noch heute wenig verändert. In seiner Tiefe steht die breite, reichgegliederte Gestalt einer großen barocken Kirche und die klösterlichen Vaillichkeiten, in denen auch Schulen sind, schließen sich ihr zu beiden Seiten mit ernsten Fronten, sparsamen Fenstern, kleinen Portalen an. Aber woher ich kam, ich möchte sagen: das Reich, aus dem ich mich alltäglich dorthin in die Schule aufmachte, von dem konnte ich an feiner alten Stätte nichts mehr zeigen, kein Ziegelstein, kein Halm ist davon übrig. Ich sage das Reich, denn das war es: einer jener großen abgeschlossenen Bezirke, deren die alten Städte nicht wenige schufen, geistlicher wie profaner Art und mei- , ftens mit dem Raum nicht sparend; ja, zu dem Kloster- und Kirchenplatz war es also in seiner Art ein Gegenstück, das alte Blinden-Jnstitut, zu dessen Leitung mein Vater berufen war und in dem er und feine Familie auch die Wohnung hatten. Es war ein weitläufiges, einstöckiges Gebäude aus der Zeit Maria Theresias, mit einem großen Hof und eigenem hübschen Kapellenbau, auf drei Seiten umschloß es ein großer Garten, voll merkwürdiger Gcfrtenhäuschen und Steinvasen, voll prachtvoller „< Bäume, voller Landschaft; er stieg an einzelnen Stellen zum Limenwall an, einer Grenze, welche die jenseitigen Häuserzinnen weit hinausschob und an Weite und Freiheit nichts zu wünschen übrig lieh. Und hier nun eine Bewohnerschaft, die, wie in einem Gemeinwesen, abgestuft war, eine große Anzahl blinder Kinder, für deren Erziehung und Ausbildung hier alles eingerichtet war, dann die Anzahl derer, die sie leiteten, betreuten, besuchten; ob auch manche in ein jammervoll gekürztes und beschädigtes Dasein gerufen, doch viel Jugend, mit all ihrem frohen Lärm und ihrer Lust: es war ein Reich für sich, und durch Oertlichkeit und durch die Wohngenossen voll Sonderbarkeiten, Geheimnisse, Abenteuer, und durch seine sich von selbst ergebende Geschlossenheit einer Burg gleiches. Aus diesem Reich sollte ich nun hinaus in ein Leben mit anderem Gesicht, mit anderer Ordnung und ungleich mehr Zwang und Pflicht, als ich bisher kannte. Es konnte nicht anders fein, als daß ich mich empfindlich gestört und aufgescheucht fühlte und auch erbitterten Widerstand versuchte. Es war vor meinem bevorstehenden Schulbesuch natürlich längst gesprochen worden; ich hatte mir aber, offenbar im Anschluß an die Eindrücke unseres Reiches und obwohl man mir gewiß schon einmal ein Schulgebäude gezeigt hatte, ganz eigene, niemandem verantwortliche Vorstellungen von dem, was „Schule" hieß, gebildet; worin zwar die begehrenswerten Bleistifte und die beliebten „Planbretter" eine Rolle spielten, die aber alles in die freie Natur verlegten und also vermutlich dauernd Schönwetter voraussetzten. Nun brachte mich meine Mama in die Schule, und es war nichts von dem, was ich mir vorgegaukelt hatte, wahrzunehmen, statt dessen aber etwas Fremdes, Riesiges und vor allem Dunkles, dem ich ausgeliefert wurde und das ich zu bewältigen hätte; und es war auch ein dunkler, regnerischer Septembertag, an dem ich die grauen, hochansteigenden und wuchtigen Mauern und den endlosen Korridor, der da in ein Dunkel ging, vor mir sah. Meine Mama bracht« mich in die Klasse, übergab mich dem Lehrer, empfahl mich ihm und war mir auf einmal abhanden gekommen, die Türe war geschlossen, und ich befand mich in einem Zimmer, das ich samt den darin Anwesenden nicht kannte und wo ich lieber nicht bleiben wollte. Wie kommt es nun, daß ich, der es ja selber war, welcher klein und blaß und wie ein Verirrter zwischen den Schulbänken entlang und unaufhaltsam am Katheder vorbeiging — wie kommt es, daß ich mich selber sehe, so als ob meine Augen damals außerhalb meines Körpers, etwa irgendwo in der Decke des Schulzimmers, gewesen wären und mir selber zugesehen hätten? Sind zwei in uns? Ich sah mich, als ob ich ein anderer wäre. Angst. lichen Stadt. Wir verbrachten einen großen Teil der Nacht damit, mich ein wenig in die für mich fo fremden Finessen des Holzgeschäfts einzu- weihen; am folgenden Morgen händigte mir Johnston mit einem Scherz seinen Revolver em, und ein paar Stunden später saßen er und seine Frau im Eisenbahnzug. Da ich nun allein im Hause war, zog ich aus meinem Zimmer in das Erdgeschoß hinab, wo ich bequemer wohnte und von wo aus ich aufjer» dem bessere Aufsicht über das ganze Haus führen konnte. Ich nahm auch das Bett des Ehepaares in Gebrauch. Einige Tage gingen dahin. Ich verkaufte Planken und Bretter und brachte jeden Abend das am Tage eingenommene bare Geld nach der Bank, wo ich eine Quittung darüber in mein Buch eintragen lieh. Cs befanden sich also keine anderen Menschen im Hause, ich war ganz allein. Ich bereitete mir mein Essen selber, molk und besorgte Johnstons zwei Kühe, buk Brot, kochte und briet. Es war recht einsam in diesem großen Hause für einen einzelnen Menschen von einigen zwanzig Jahren. Da waren stockdunkle Nachte und es gab keine Nachbarn, bis man in die Stadt hinabkam. Aengstlich war ich aber nicht, es tarn mir gar nicht in den Sinn, ängstlich zu fein. Und als ich zwei 'Abende hintereinander ein verdächtiges Geräusch an dem Schloß der Küchentür zu hören meinte, stand ich auf, nahm die Lampe und untersuchte die Küchentür von innen und außen. Aber ich fand nichts Verdächtiges am Schloß. Und ich hatte den Revolver auch nicht in der Hand. Aber es sollte eine Nacht kommen, in der mich eine so haarsträubende Angst befiel, wie ich sie weder vor- noch nachher erlebt habe. Und noch lange Zeit nachher konnte ich das Erlebnis dieser Nacht nicht verwinden- Cs war an einem Tage, an dem ich mehr als gewöhnlich zu tun hatte, ich schloß mehrere große Geschäfte ab und arbeitete bis spät in den Abend hinein. Als ich endlich Schluß machte, war es so spät geworden, daß es bereits dunkelte und die Bank geschlossen war. So konnte ich denn dis Bareinnahme des Tages nicht abliefern. Ich nahm alles Geld mit in das Zimmer und zählte es: Es waren 700 bis 800 Dollars. Wie gewöhnlich setzte ich mich auch an diesem Abend hin, um an einet Arbeit zu schreiben, es wurde später und später, und ich saß,0a und schrieb; es wurde Nacht, die Uhr wurde zwei. Da hörte ich plötzlich abermals das geheimnisvolle Geräusch an meiner Küchentür. Was war das? Das Haus hatte zwei Türen nach außen, eine, die in die Küche führte und eine andere — die eigentliche Haustür — die auf einen Vorplatz vor dem Zimmer führte. Diese letzte Tür hatte ich der Sicherheit halber von innen mit einem Sperrbalken verrammelt. Die Jalousien im Erdgeschoß waren ein Patent, sie waren so dicht, daß man von außen absolut keinen Schein der Lampe sehen konnte. Und jetzt bringt also von der Küchentür her ein Geräusch an mein Ohr. Ich nehme die Lampe in die Hand und gehe dorthin. 2ln Der Tur bleibe ich stehen und lausche. Draußen ist jemand, es wird geflüstert und im Schnee vor der Tür schleicht etwas hin und her. Ich lausche eine ganze Weile, das Flüstern hört auf und gleichzeitig scheint es mir, als entfernten sich die schleichenden Schritte. Dann wurde alles still. Ich gehe wieder hinein und fange wieder an zu schreiben. Eine halbe Stunde verging. . . Da fahre ich plötzlich in die Höhe — die Haustür wurde etngerannL Nicht nur das Schloß, sondern auch der Sperrbalken innerhalb der Tuk wurde zertrümmert, und ich hörte Schritte auf dem Vorplatz gerade vor meiner Tür. Der Einbruch konnte nur mittels eines starken Anlaufes und mit vereinten Kräften mehrerer Personen ausgeführt fein, denn der Sperrbalken war stark. , , . Mein Herz schlug nicht, es zitterte. Ich gab fernen Ausruf, keinen! Laut von mir^aber ich fühlte die Bewegung meines Herzens bis oben in meinen Hals hinein, es hinderte mich, ordentlich zu atmen. In den ersten Sekunden war ich fo bange, daß ich kaum wußte, wo ich war Da fiel mir plötzlich ein, baß ich bas Gelb retten müsse, ich gmg in die Schlafstube, nahm meine Brieftasche aus meiner Tasche und steckte sie unter die Matratze im Bett. Dann kehrte ich in das Zimmer zurück. Diese Handlung nahm sicher keine Minute in Anspruch. _ ,r , Vor meiner Tür wurde gedämpft gesprochen und an dem Schloß wurde herumgearbeitet. Ich holte Johnstons Revolver heraus und untersuchte und sehe es noch, wie ich dem Lehrer im Vorbeigehen sagte: ich will nach Haus, und seh« mich dann wieder, wie der Lehrer mich an einem Arm in die Klasse zurückzuziehen bemüht war, während ich mich verzweifelnd und weinend mit der freien Hand am Türstock der schon geöffneten Lür festhielt. Merkwürdigerweise sehe ich nicht mehr, wie dieser Kamps, den meine Mama zuletzt beruhigte, in mir selbst zu Ende ging: mein Gefühl von damals ist mir ganz gegenwärtig, aber rote ich es überwinden konnte und wieso ich mich fügte; ist mir nicht in Erinnerung geblieben. Jedenfalls, ich fand mich mit dem Schulbesuch ab, und ich weiß von den nächstfolgenden Tagen sogar noch bas Beglückende, das die Straße im milden Herbstsonnenschein hatte. So früh hatte ich sie kaum je vorher betreten der weißdurchfonnte Nebelglanz entzückte mich und machte mir den Weg zur Freude; ein neues Stück Welt ging mir auf. Auch in der Schule tauchten mit dem unvergeßlich geliebten „Ast, Nest, Fisch" der ersten Bilderfibel tatsächlich Dinge auf, die mich fesselten. Nur daß die zu Hause immer fo einfach und lieblich waren, während man m der Schule den schwierigen Umweg über das unreine und lastende Mittun von Lehrern und Mitschülern zu machen hatte. In das richtige, heitere Bilderbuch, das mein Schulweg war, lebte ich mich allmählich em, und sehe ich heute noch die Lehrzimmer immer dunkel und wie voll Nebel und des Gaslichtanzündens bedürftig, so erscheint mir die Josephstadter Straße nur hell. Sicher trug dazu bei, daß damals noch ein großer Teil der Häuser, namentlich in dem der inneren Stadt abgekehrten Teil, niedrig und klein war; und das heitere Klingeln der Pferdebahn, die bis vor unsere Gartenwand fuhr und dort umspannte, war gerade das richtige Maß an Straßenlärm, das sich dort schickte. Es klang zum Hufschlag des Pferdes und zum bedächtigen Gerumpel des kleinen Straßenbahnkastens anmutig und melodisch. Einen so langen Schulweg mußte man anfangs natürlich, schon wegen etwaiger Straßenübergänge, geleitet werden. Manchmal hatte ich mit meinem älteren Bruder den Weg zu gleicher Zeit. War dies nicht der Fall, so mußte, solange ich in der ersten Klasse war, anderweitig für meine Begleitung und Abholung gesorgt werden. Dafür erboten sich in unserem Haus, in dem es dienstbare Geister genug gab, vor allem zwei Marien, die im Institut angeftellt waren und diesen Gang uy'chwer mit anderen Wegen und mit Einkäufen verbinden konnten. Aeußerlich waren ste einander nicht ähnlich. Sie waren recht die Frauentypen, wie sie damals vom Land in die Kaiserstadt rn Dienst gingen. Die eine kräftig, braun und böhmisch, das Beste an Ammengesicht, das man sich vorstellen kann: die andere kleiner, zierlicher, blond, bayerisch. Da man ■ sie nicht beide Marie rufen konnte und die jüngere aus Bayern war, hieß sie nur die „Schwabin". Die „Wäschebewahrerin-Marie" und die „Schwabin" waren in der Grundlage ihres Wesens nahe verwandt; sie besaßen beide einen Schatz von Mütterlichkeit in ihren Herzen, und eine Wärme ging davon aus, welche die unendlichen Reserven zu haben schien wie eben nur Mutterherzen, die ausreichten für die große Anzahl von blinden Knaben und Mädchen, deren alljährlich neue eintraten. Wie wichtig waren die beiden für das Haus! Die zielsicherste Leitung, der beste Unterricht gehen ins Leer«, wenn nicht Menschen gefunden sind, die den Ins affen einer solchen Anstalt in den nächsten Betreuungen Behagen zu geben wissen und den Kindern ein heimeliges Gefühl, geborgen zu fein, mitteilen können. Das vermochten diese beiden liebenswerten Frauen in vollem Maße — an den fremden Kindern, da ihnen das Leben versagte, eine eigene Familie zu gründen. Beide, die Marie Mora- wetz und „d Schroabin", sind chr Leben lang dem Hause treu geblieben; der letzteren, überlebenden, konnte mein »ater, obwohl sie nur als Hausmädchen eingetreten war, die „definitive" Anstellung damit den Genuß eines Ruhgeßaltes sichern. Auch wir Kinder des Direktors fühlten uns zu den beiden sehr hingezogen, wie denn überhaupt alle die Bewohner des alten Hanfes eine einzige große Familie bildeten. Einmal hatte ich beim Nachmittagsunterricht im ,,Schreiben", das mir die geringsten Schwierigkeiten bereitete, eine arge Niederlage zu verzeichnen, die meinem Selbstgefühl sehr weh tat. Ich zählte zu den Besten der Klaffe und faß in der ersten Bank. Der Lehrer diktierte uns das Wort Pfau. „Gut überlegen, was ihr schreibt. Der erste Laut ist kein einfacher, der besteht nicht nur aus einem Buchstaben. Also nachdenken, was es sein wird, und sehr achtgeben!" Ich fühlte diese Mahnungen nicht an mich gerichtet. Das kannst du den anderen sagen, ich hab s nicht nötig; wir kennen uns aus, uns kann nichts passieren! Und so schrieb ich siegesgewih, und der Lehrer stand vor meiner Dank. Er beugte sich nach einer kleinen Zeit zu mir herab und rief auch schon erbost: „No also! Da habens roir’s! Eigens sagt man es und macht darauf aufmerksam — aber nein, achtgeben tut ihr nicht!" Ich starrte auf meine Schrift. Da stand tatfächlich: Pau. Ich war wie vom Donner gerührt, es war mir unfaßbar, wie das hatte geschehen können. Ich wußte das Richtige und kannte die Gefahr und tat genau das, worüber ich mich erhaben dünkte. Wie Blei lag mir diese Beschämung in den Gliedern. Als die Schulglocke vier läutete, tat das wunde Ehrgefühl noch mehr weh, weil man doch gebemütigt heimkam und ein wenig Angst, daß es irgendwo bekannt würde, auch mitspielte. Ich hoffte, es würde mich niemand abholen! Allein als wir in Zweierreihen aus der Klasse marschierten und oben beim Ausgang auf der Stiege einen Augenblick stillstanden, bis der Lehrer uns endgültig entließ — die ersten zwei leuchteten immer hinunter wie die Türme einer Wallfahrtskirche von ihrem Berg —, da erspähte ich unten in der Schar der wartenden Mütter und Dienstboten die guten ländlichen Züge der „Schwabin". Fest hängte ich mich ein in sie und trieb sie an, daß wir nur bald vom Platz und der Piaristengasfe davonkämen, durch welche di« entfesselten Schulklassen rauschten. Und meine Angst war nicht unberechtigt. Richtig stürmte der Brumovski an uns vorbei, einer der Schlimmsten und Schlechtesten aus der letzten Bank; er zog mir ein spöttisches Gesicht und rief ftn Vorbeilaufen „Pau, Pau!" , „ . Da war ich nun verraten. Ich meinte, ich müßte versinken, und fügte: „Glauben's S' ihm nicht, Schwabin, was der rebt!" . Doch sie brummte nur mit der Ruhe ihres guten Gewissens im Gesicht: „Aber so a Bua, so a unartiger“ x Der mit daß bis Die Dörfer, durch die- wir fahren, find bunt. Sie bestehen fast nur aus einer Dorfstraße, und diese nur aus einstöckigen Holzhäusern mit einer ebenerdigen Galerie. Nach der Straße hin ist das Haus nur Schattenhalle. Ein Erdstreifen mit zwei unterbrochenen Fluchten von Holzgalerien, das ist hier eine Dorfstraße. Die Häuser sind jedes in einer anderen Farbe angestrichen. Das Dorf ist bunt wie eine Schüssel Ostereier. Und wir tauchen ins laute Havanna. Im Meer der Gassen verirrt, schaue ich nach unserem Leuchtturm aus: der Kirchturm in der Nähe unserer Wohnung endet in einer gewaltigen Marienstatue, die nachts durch verdeckte Lichter zu ihren Füßen hell erleuchtet ist: Maria, stella nautarum... Bor der Hütte aber blühen die schönsten tropischen Blumen, und hinter ihr umrascheln die langen Bananenblätter auf baumstarken Stauden, ihre eigene, lang herabhängende, melancholische dunkelviolette Blüte, der oberhalb der Kranz grüner Bananen gehorsam nachreifte. Es gibt kleine, am Wege gesehene Ereignisse auf Reisen, man passiert im unvermeidlichen Streckeneinerlei aus der Fahrt in die exoti eben Räume unscheinbare Oertlichkeiten, die uns Weise und Art der Men chen und Eigentümlichkeit der Landschaften auf das Eindringlichste erleben lassen, die für die überschauende Erinnerung aus der Reihe des Gesehenen und Erlebten heraustreten und alles Offiziell-Charakteristische verdunkeln. Wir vergessen sie niemals. — Wie ich nicht die Stunde jenes roten Nachmittags in der Mulattenhütte. Und dann kehrten wir von der Dreitagefahrt „heim", nach Havanna durch breite Annnasfelder, in denen auf rotem Grund die gelbliche, scharfblästrige Ananas gezogen wird, in ihrem schönen, strengen symmetrischen Bau, scharf ausgerichtet in ihren Reihen, die schönste Feldfrucht, die man sich denken kann. Hinten im roten Feld steht die weiße einfache Ackerbauerhütte, Schwarze in weißen Kleidern lehnen lässig in der offenen Tur. Ueber die Hütte streckt sich in der abendlichen Windstille die * Königspalme, streckt feierlich ihre Wedel in den Abendfrieden hinaus. An Kreuzwegen liegt eine Schenke, die Warenhaus zugleich ist. 'Biele kleine Pferde stehen davor, und Reiter auf Pferden, xdie mit ijerab ""e" t>c<’an9‘>n kommen von allenthalben auf die Fahrstraße . Gleich wird das Auto da fein, das die Milch für die Hauptstadt etnfammelt. 3n den Hainen der Palmen, deren weiße, geisterhafte Stämme von der Abendsonne rötlich angeglüht sind, erheben die am Tage schweigenden Vögel ihre Stimme, man hört fremdartige Rufe, man wird eine neue Bogelfprache in neuen Ländern erlernen müssen. Nur die Spottdrossel, mit ihrem Talent, andere Bogelstimmen nachzuahmen, kennen wir schon heraus. Verantwortlich: Dr. Hans Thhriot. — Druck und Verlag: Brüh Ische Universitätsdruckerei A. Lange, Gießen. rohr ist Kubas Reichtum, nach der Marktkonjunktur für Zuckerrohr richtet sich Blüte ober Krise der Staatsfinanzen der Republik wie der Privatleute. Der Stand des Zuckerrohrmarktes spiegelt sich in den Gesichtern der Kubaner, ihre gute Laune bestimmt der Zucker. Hat man sich durch einige Freundlichkeit herkömmlicher Redensarten bei Halten am Wege Zutrauen ober Zuneigung ber bräunlichen ober schwarzen Insulaner erwarben, so schenken sie einem eine geschälte Stange von Zuckerrohr, an ber man auf ber Weiterfahrt über bem Steuerrad kaut. Es ist dasselbe patriarchalische Geschenk wie in Serbien ein Gläschen Zwetsch- genfchnaps ober in Griechenlanb eine Schale Wein. Die Königspalme! Das ist Kubas Charakterbaum. Hoch unb gerade ist ihr Stamm, hellgrau, oft weißlich, in halber Höhe zu einer Verdickung an- und wieder ausiaufenb; und bann enbet plötzlich der weißgraue, aus feinen Kreisen sich aufbauende „Stamm", um sich in einem hellgrünen, glatten, schlanken Halse fartzusetzen, ber sich halb zum schönen Kopf ber dichten Wedel entfaltet. Aus bem Hcllsanfatz entspringt ber nackte gelbe, bis rötliche Blütenstand, er sieht aus wie eine feine, duftige Halsbinde, wie das „Fichu" eines Stutzers der Rakakozeit. Der Bau steht in der Landschaft, namentlich an den (jetzt im Winter trockenen) Wasserläufen der sommerlichen Regenzeit, findet sich aber auch zu Hainen und Wäldern vereinigt und ersteigt in Trupps unb allein die Flanken ber nieberen, aber scharf verwitternden (daher diente de perro, Hundszahn genannten) Kalkzüge im Rückgrat der Insel, und steht oft allein und majestätisch oben auf dem Grat vor dem himbeerroten Abendhimmel. Die^Königspalme verdient den Namen des königlichen Baumes. vafrrt auf Kuba. Von Josef Ponten. Das ist eine große .anfei, ihre Länge kommt etwa ber Erstreckung der deutschen Seeküsten gleich, die Breite aber mag im Mittel nur die der Provinz Pommern sein — es ist deutlich, daß der milde Einfluß des umgebenden Meeres überallhin unb ausgleichend wirkt. Eines warmen Meeres! So ist denn Kälte auf Kuba fast unbekannt, bas Klima nähert sich hier unter bem Wendekreis dem tropischen, das außer durch Wärme und Feuchte durch Vereinfachung der Jahreszeiten und große Stetigkeit gekennzeichnet ist. In Havanna ist es im Mittel 26 Grad warm, die Warme steigt im Sommer nicht über mittel 28 und fällt im Winter nicht unter mittet 22) Grad. Unb auch absolut genommen: sehr selten steigt das Thermometer an einem einzigen Tage über 32, unb sehr selten sinkt es unter 10 Grab. Diese Milbe des Himmels wird Gestalt in manchen Zügen üon Charakter und Lebensweise der Menschen, im Hausbau und anderem. In Havanna sind die Straßen des alten spanischen Stadtteils eng, ein j)aus sucht den Schotten des anderen wie Schafe sommers in einer offenen Hürde, die Stockwerke sind unmöglich hoch, Türen unb Fenster sehr schmal, das häusliche Leben spielt sich hinter schönen im Fenstergewände stehenben Gittern, unbekümmert über die Sicht ber Straße ab Wo aber bas Haus in ber Sonne steht, z. B. an ber Uferstraße Malecon, einer ber schönsten Uferstraßen, bie ich kenne, ober an ber Promenadestraße tßrabo mit ihrem marmornen Wanbelgong unb den vielen bronzenen , wen inmitten (bald wird es in der Welt mehr bronzene Löwen geben als lebendige), da bilden seine Fassade nur Vorhallen und Soggien darauf lebt unb wohnt man, im Sommer wirb ba auch geschlafen. Die Fahrt ins kubanische Land hinaus muß sich auf die kleine Pro- vmz Havanna beschränken, nur 150 bis 200 Kilometer sind bis jetzt für ^^utomobtl bequem fahrbar. Wonach sucht das Auge zuerst in der Landschaft Natürlich nach Tabak. Die Namen Havanna und Kuba ver- knupsen sich jedem unwiderstehlich mit dem Wart Tabak. Tabak ist eine einheimische Pf anze Amerikas, und das Wart ist indianisch. Aber auffälliger und anscheinend häufiger als der Tabak ist das Zuckerrohr In hohen raschelnden Stauden bedeckt es die Felder. Man braucht es nicht einmal zu säen, die abgefdjnittene Staude schlägt wieder aus. Das Zuckerihn; er funktionierte. Meine Hände zitterten heftig und meine Beine konnten mich kaum tragen. Meine Augen fielen auf die Tür, sie war ungewöhnlich solide, eine Bohleniur mit starken Querbalten; sie war sozusagen nicht getischlert, sondern gezimmert. Diese massive Tür machte mir Mut, unb ich fing roieber an zu benten — was ich bisher wohl kaum getan hatte. Die Tür ging nach außen, folglich war es eine Unmöglichkeit, sie einzurennen. Der^ Vorplatz war auch zu schmal, um genügenben Raum zu einjm Anlauf zu gewähren. Dies fiel mir ein unb ich fühlte mich plötzlich mutig, ich schrie hinaus, baß ich jeben, ber eindringe, tot niederstrecken würde. Keine Antwort. Um meine Augen an die Dunkelheit zu gewöhnen, für den Fall, daß die Fenster eingeschlagen würden und die Lampe erlosch, blies ich die Lampe sogleich aus. Ich stand nun im Dunkeln, die Augen auf die Fenster gerichtet, den Revolver in der Hand. Die Sache zog sich in die Lange. Ich wurde immer kühner, ich nahm keinen Anstand, mich als Teufelskerl zu zeigen, und ich schrie: Nun, was haben Sie denn beschlossen? Wollen Sie gehen ober kommen? benn ich will schlafen! Da antwortete nach einer kleinen Weile ein erkälteter Baß: Wir wollen gehen, du Hundsfott! Und ich hörte, wie jemand den Vorplatz verließ und in den Schnee hinausknirschte. Der Ausdruck „Hundsfott" ist das nationale Schimpfwort Amerikas — wie übrigens auch Englands — und da ich es nicht auf mir fitzen lassen konnte, daß man mir dies Wort zurief, ohne daß ich eine Antwort gab, wollte ich die Tür öffnen und den Schlingeln nachschießen. Ich hielt indessen inne, ich dachte nämlich im letzten Augenblick, möglicherweise habe nur ber eine Mann ben Vorplatz verlassen, währenb der andere darauf wartete, daß ich die Tür öffnete, um mich dann zu überfallen. Deshalb ging ich an eins der Fenster, ließ die Jalousie mit Blitzesschnelle an die Decke hinaufrollen und sah hinaus. Ich glaubte einen dunklen Punkt im Schnee zu erkennen. Ich riß das Fenster auf, zielte so gut es ging auf den dunklen Punkt und schoß. Klick! Ich schoß nochmals. Klick! Rasend erledigte ich den ganzen Zylinder, ohne zu zielen, endlich ging ein einziger, armseliger Schutz ab. Aber der Knall war stark in ber frosterstarrten Luft, und vom Wege her hörte ich Rufe: Lauf! Lauf! Da sprang plötzlich noch ein Mann von bem Vorplatz in ben Schnee hinaus, ben Weg entlang unb verschwanb in ber Finsternis. Ich hatte richtig geraten: es war noch einer dagewesen. Und diesem einen konnte ich nicht einmal hübsch Gute Nacht sagen, denn es war nur ein elender Schuß in dem Revolver gewesen, und den hatte ich verbraucht. Ich zündete die Lampe wieder an, holte das Geld aus dem Bett und steckte es zu mir. Und jetzt, nachdem alles überstanden war, war ich so jämmerlich feige geworden, daß ich es nicht wagte, mich in dieser Nacht in das Ehedett zu legen, ich wartete noch eine halbe Stunde, bis es zu dämmern begann, bann zog ich memen Ueberzieher an unb verließ das Haus. Ich verbarrikadierte die zertrümmerte Tür, so gut es ging, schlich In die Stadt hinab unb schellte im Hotel. Wer die Spitzbuben waren, weiß ich nicht. Aber so {Tange um mein Leben bin ich niemals gewesen, wie in dieser Nacht in der Präriestadt Madelia. Es ist mir auch seither mehrmals passiert, wenn ich erschreckt wurde, daß ber Schlag meines Herzens bis oben in meinen Hals hinauf gehämmert unb mir meinen Atem behindert hat — das ist ein Ueber- bletbfel aus dieser Nacht. Nie zuvor hatte ich eine Ahnung von einer Angst gehabt, die sich auf so außergewöhnliche Weife äußern kann. Ich will nun einen Besuch in einer Mulattenhütte erzählen. ___ Weiße ist so hach angesehen, daß selbst der Mischling aus Weiß unb Schwarz noch ein Adeliger ist, unb bas schöne Mädchen in ber Hütte uns ausdrücklich versicherte, sie sei eine Mulattin, nicht zu verwechseln einer Negerin. Die Hütte stand auf einem leuchtend roten Boden, die weißgestrichenen Bretterwände rosa schimmerten, sie waren auch zur halben Höhe rötlich gefärbt vom rückspritzenden Wasser ber Regenzeit. Die Hütte beftonb aus mehreren offenen, aneinander geschobenen Holzbrettchen ohne Türen unb mit natürlichem Estrich, bas glückliche Klima erlaubt eine solche allseitig offene Wohnung, nur bas Fenster bes Schlafraums ber beiden Töchter war vergittert. Alles war peinlich rein, in der „guten Stube" schwankten im leisen Luftzug die amerikanischen Schaukelstiihle, und neben dem großen, schwitzenden, amphoraähnlichen Wasserkrug schlief der Hund. In der Schattenhalle vor der Hütte aber war ein besonderer Raum als Kapelle eingerichtet, da thronten im blumenreichen Altar die Jungfrau, der heilige Joseph und Peter, und an Fäden hingen vom Dächlein die Altarziborien: wächserne Beine, Arme, Füße, Köpfe, je nachdem die Heiligen bei Leibesschmerzen geholfen hatten. Vor dem offenen Kapelleneingang aber hingen vom Holz- gefperre ber Schattenhalle große Schwämme in natürlicher Vafenform, in ben Poren steckten schöne Blumen, alle Morgen werden die Schwämme genäßt.