GietzeimZainilienbMer ________Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger Jahrgang 1958 5=== Montag, den 13. Juni Lady Hefter Stanhope EINE FRAU OHNE FURCHT don Maria Josepha Krück von poturzyn Copyright by Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart 5. Fortsetzung. Tod für Trafalgar. Allmählich erst, als das Jahr 1805 zu Ende ging, sickerten die authentischen Nachrichten durch bis London: Europa hatte sich nicht gerettet wie England, weil die Mächte des Kontinents um den Anteil an künftiger Beute feilschten — zögerten, schwankten ... Indes französische Truppen vor Ulm über die Oesterreicher siegten, vor Austerlitz gegen zwei Kaiser — der Korse selbst Wien besetzte und Preußen zu Schönbrunn mit ihm verhandelte — um den Preis von Hannover! Pitt war in Bath, ein schwerer Anfall von Gicht hatte ihn nieder- gestreckt, eine Kur schien unumgänglich für ihn — für das Land ... Aber er fuhr aus, empfing seine Minister, arbeitete bis in die Nacht wie in London ... Europa war verloren, wenn die Koalition nicht neu Zustande kam — verloren an das Chaos durch die Völkergeißel Napoleon! Fünfundsechzigtausend Mann hatte Pitt nach Hannover geschickt, das Erbland seines Königs zu verteidigen, nie hatte der Kontinent eine solche Anzahl englischer Streiter gesehen. Aber Friedrich Wilhelm ließ sich Hannover von Napoleon versprechen — die Truppen Englands standen eingekeilt zwischen Franzosen, Preußen und der vereisten Weser. Jtütfberufung forderte König Georg ... Die Opposition des Parlaments verhöhnte Pitt. Ein neuer Anfall von Gicht kam, heftiger als zuvor; er aß nicht mehr und lebte von Portwein. „Die Kur ist unnütz bei solcher Lebensweise! stöhnten die Aerzte. Ihm war es recht, er fuhr nach Hause, in das kleine Besitztum von Puiney Heath, wo er Downingstreet nahe war und Hefter sich nach ihm sehnte. Zwei Tage dauerte die Fahrt. Mechanisch griff er in die Bibliothek nach Büchern, die ihn unterwegs zerstreuen konnten — die Kabinettsgeschichte Katharinas der Großen zog er heraus und die Geschichte des Dreißigjährigen Krieges von dem Deutschen: Schiller ... Preußen! Da war wieder die Sorge um dieses Land, das die Zunge an der Waage blieb; er wollte Friedrich Wilhelm Holland und Belgien bieten, einen verbindenden Landstrich dahin und jährliche Subsidien für jeden Mann, Oer aus der Schule Friedrichs des Großen gegen Napoleon zu Felde stand ... Die Heilige Koalition mußte gelingen! Aber der Preußenkönig beharrte auf Hannover — und König Georg hatte seinem Kanzler verboten, auch nur den Namen seines Stammlandes auszusprechen! Als Pitt in London an kam und Hefter zur Treppe sprang, taumelte sie zurück, ehe er sie sehen konnte, schloß die Tür hinter sich und siel auf oie Knie ... Da war das Zeichen, riesengroß auf seiner Stirn ... Tod für Trafalgar! tönte es mit jedem Schlag ihres Herzens, und ein höhnendes Echo gab es zurück. — Die Heilige Koalition scheiterte an Hannover. Napoleons Niederlage zur See folgten Siege zu Lande. Am 19. Januar des neuen Jahres "Wen die englischen Truppen aus Hannover zurückberufen werden; lechzigtausend Soldaten waren umsonst auf den Kontinent geschickt; eine Million Sterling verloren an Oesterreich, dessen Kaiser auf der Flucht JJor dem Korsen in Preßburg saß; eine Million an Rußland, das nach ver Niederlage von Austerlitz seine Truppen abberief ... Und die Parlamentseröffnung am 22. Januar stand vor der Tür! Minister kamen und gingen in Putney Heath, holten Rat von einem Menschen, dessen Geist nur ein übermächtiger Wille noch auf Erden ■Heft. Pitt sprach über Indien, Preußen, die Whigs und Napoleon mit 6lner Heberschau und prophetischen Klarheit wie nur je. Zwischendurch, rcenn die Besuche das Zimmer verließen, schlich eine Frau zur Tür herein und kniete an seinem Lager. .... --Du wirft zuletzt auf dem Kontinent gewinnen wie auf dem Meer!" ttusterte sie mit aller Inbrunst. Wette: „Ja — Trafalgar ... Aber jetzt brauchst du nicht über Geschäfte zu sprechen — es wird noch genug Zeit sein dafür ... Hefter,' nmd, erzähl mir von dir!" Seine Stimme, die weiche, herrliche Stimme, aus der seine gaizze peele klqng, war gebrochen und seine Augen wußten um den Tod. Aber Hefter sprach so, wie er es liebte — trotzdem in ihrer Brust eine Satte Am Abend des 2. Januar 1806 war es. Sie legte die Lippen auf die feinen und fühlte die Hand auf ihrem Scheitel — eine lange Weile. „Ich danke dir, Hefter, und ich segne dich —" Dann ging sie hinaus, ohne Wort, ohne Träne. Die letzte Nacht, das wußte sie, gehörte England. „.."fester, liebe Seele — ist sie schon weg ...? Wo ist Hefter?" flüsterte er. „Ich weiß, sie liebt mich —" James Stanhope, der junge Neffe, wachte bei ihm. Er antwortete mast. Die Stimme wurde leiser. Die Frage erlosch „Woher kommt der Wind? Von Osten? ... Horch? Bringt er Nach- richt von Berlin?" Bischof Tomiine, der alte Lehrer, kommt: „Wollen Sie das Sakrament empfangen?" ,Lch habe so wenig gebetet im Leben — soll ich jetzt damit be- ginnen? Ich werde nicht würdig sein ... Gott und der Menschheit habe ich dienen wollen — wenn auch mit Fehlern ..." Drei Stunden vor Sonnenaufgang, am Morgen des 23. Januar, als S)efter tranenlos und nur mehr halb bewußt in ihrem Zimmer lag, "orte James Stanhope die letzten Worte: „Mein Land! Wie taffe ich mein Land zurück!" ... " * * Im eröffneten Parlament erhob sich Grenville zum Vorwurf gegen bie Regierung. Da brachte ein Bote die Todesnachricht aus Putney Heath Grenville stockte, schwieg und setzte sich. Heber seine Wange rollte eine Trane. König Georg gewährte Pitts einzigen Wunsch an sein Land, für Hefter Stanhope zu sorgen. „Man gebe ihr die höchste Pension, die eine Frau erhalten kann", schrieb er eigenhändig. Fox aber, der zur Regierung kam, bat die Nichte des gestorbenen Gegners, ihr eine Jahresrente überweisen zu dürfen. Hefter weinte nicht, als sie ihn mit königlichem Prunk in der West. mmster-Abte, beerdigten — nicht, als sie feine und ihre Sachen in Downingstreet packte; auch nicht, als sie hörte, daß der Antrag auf Er- richtung eines Denkmals für den Helden ihrer Seele mit knapper Stirn- menmehrhett durchgegangen war ... Sie schien es zu übersehen, daß Menschen, die vorher bis zur Erde gedienert, jetzt an ihr vorüberfuhren. (Erft nach Wochen, als sie Lord Melville wiedersah und gewahrte, daß die Brauen des harten Schotten weiß geworden, brach sie in Tranen aus. 1 Der Schiffbruch. Zwei Jahre lang hatte Hefter Stanhopes Glück gedauert. Vier Jahrs von nun ab wußte England nicht viel mehr von ihr, als daß sie ihren Brüdern Charles und James das Haus führte, alte Freunde Pitts empfing, umgeben von Bildern des berühnsten Toten; Einladungen nach Irland ablehnte und sich im Sommer nach Wales vergrub. Geflissentlich mied sie die große Welt, die sich darin gefiel, nunmehr von der ,/armen Hefter Stanhope" zu sprechen, die schon zweiunddreißig Jahre alt war, keinen Mann und keinen eigenen Wagen hatte. Schließlich, als Charles, der kleine hübsche Bruder, als Offizier in Spanien fiel und zugleich General Moore mit Hefter Stanhopes Namen auf den sterbenden Lippen — beschloß sie, das Land zu fliehen, das für fte eine einzige schmerzhafte Erinnerung geworden, zu Ende getragenes Schicksal. „General Moores Tod ist schuld", wisperten jene, die immer alles wußten; ,^ewiß hätte er sie doch noch geheiratet." Hefter hörte weniger denn je auf das, was jene Kreise sprachen, in deren Mitte sie einst gelebt. Eine bohrende Sehnsucht nach Freiheit trieb sie hinaus in die Welt, nach Süden, Osten, irgendwohin. Allzu groß konnte das Gefolge nicht fein mit ihren 1200 Pfund Pension im Jahr. Ein junger Arzt, Dr. Meryon, frisch von den Studien gekommen: Miß Williams, die treue Zofe aus den Tagen mit Pitt; ein paar Bediente noch, das mußte genügen. James, der Bruder, kam bis Gibraltar mit. Er war der einzige, der ihr geblieben aus der ganzen großen Familie. Denn Lord Stanhope hielt die Tore von Chevening verschlossen für seine Kinder, die sich „entschlossen hatten, auf öffentliche Kosten zu leben"; und Philipp Henry, dem Namensträger, konnte sie nicht vergeben, daß er, wenige Monate nach Pitts Tod, sich mit dessen Gegnern zu Tisch gesetzt. Es war ein stürmischer Vorfrühlingstag, Februar 1810, als Englands Küste in den grünen Wellen versank. Sollte sie trauern? Das Vaterland hatte ihr Pitt genommen, und Pitt war England gewesen für sie. — Drei Wochen schon dauerte die unruhige, oft unterbrochene Fahrt; der Abend sank über einem Märztag. Das Schiff stieß hart auf Grund, saß fest... griechischen iötter aus Althen fei. Während das Schiss langsam durch ionische Gewässer gleitet, liegt Hefter königinnenhast auf Deck, empfängt als Pitts Nichte türkische Beys und behauptet, dah manövrierende Schiffe weit interessanter seien als öie jerbrodjenen Steine an Öen Ufern von Hellas, jämmerlich fchmutzl^e zwer ».u«...«. ...itg, Napoleons Scharen drängten bis Italien, in Sizilien sah die letzte habsburgische Königin von Neapel auf der Flucht, Engländer wurden nicht willkommen geheißen m sran- zöfischem Machtbereich, Schiffe für Reifende gab es nicht. ■ Menschen feien die Griechen, die sich von ihren türkischen Herren peitschen lassen! Korinth, das elende Dorf, in dem ein Europäer sich das Fieber holen kann — wozu sollte fle es betreten? Michael Bruce lächelt. Für ihn, den Schüler des berichmten Archäologen Gell, steigen die Götter Griechenlands aus beugowgelbenTrum- mern, über die schweigsamen Gewässer haucht unsterblicher Geist. In dielen Tagen ist Bruce, der Junge, älter und reifer als Hefter Stanhope mit ihrem gänzlichem Mangel an Wissen und erbarmungs- losen Gegenwartssinn. Wenn sie in der Stille des MM^s Anker legen, im dämmernden Abend über das herrlichste Land der beschichte reiten, weih Michael Bruce, dah er mit all seiner Jugend der bewunderten Frau etwas zu geben hat. 'jlm 35. Jahr ihres Lebens würde Pitts unnahbare Nichte erstmals zur Frau. Die Nächte sind heiß, und Athen liegt im Mondschein. nur je. ... ... Was sie dem Mann schenkte, der ihre Liebe gewonnen, ist nicht tn Briesen niedergelegt. Man erfährt nur dah Michael Brütt sagt, Lady Hefter Stanhope sei „das überlegenste Geschöpf in der Welt. Byron, der um Sligos willen Lady Hefters Abende besuchte, 0^0 darum nicht von seiner Meinung ab, daß eine intelligente Frau das langweiligste Ding auf Erden fei; aber er hütete sich, es vor Bruce zu lagen,denn Bruce, der- Kenner der Künste war e>n treuer Leser byronscher Gedichte! Lady Stanhope dagegen e'lte in diesem Punkt durchaus nicht das Urteil ihres Freundes. „Ach , konnte sie sagen, „Byron ist ein wohlerzogener Junge wie andere auch. Und was seine Poesie an belangt — pah, Verse schreiben ist das Leichteste, was es gibt, und wer weiß,^vielleicht hat er irgendwo ein Buch gesunden, das niemand kennt, und alles davon abgetriebenI" Heber solches Urteil lachte Bruce, dah er sich die Seiten hielt, und Hefter war mehr denn je überzeugt, daß sie richtig geraten. Als es Herbst wurde, fuhren sie über das funkelnde Meer, durch den Bosporus. Es ist etwas Fernes an Hefter Stanhope, das die Passagiere scheu und die Diener gehorsam macht. Michael Bruce aber hat leuchtende Augen. > . In Pera mieten sie ein Haus, Bruce läßt den Schnurrbart wachsen, kaust Pferde ein, und für Englands Konstantinopler, Gesandten enttteht die Frage: Wie verhält man sich zu dieser menage ä deux von vaoy Hefter Stanhope? Es ist hier so wie anderswo: Engländer verkehren unter sich, die übrigen Europäer meiden ihre Gesellschaft, Napoleon Zuliebe, und die Türken mischen sich nicht unter die Ungläubigen. Man trinkt Tee, ißt Toast und klatscht, während man ums Goldene Horn reitet. Pitts Nichte scheint auch hier nicht geneigt, im Verborgenen gu leben- An einem Freitag erscheint der Beherrscher aller Türken öffentlich auf seinem Gang zur Moschee. Lady Stanhope reitet mit ihrem Freunde Bruce an der Seite — unverschleiert, im Herrensitz! Wie — das ist noch« nicht geschehen? So wird es zum erstenmal [ein! Don den Wassersprengern bis zu denen, Ne mit Peitschen ins Publikum hauen, zu den goldbehängten Würdenträgern, laht sie .keinen au> den Augen. Auch als der Sultan kommt, in der plötzlich fürchterlichem Stille, auf milchweißem Zelter, versunken in Gold und Edelgestem, schau» sie kühn in sein Gesicht. Aber es sällt kein Blick und kein Wort NC Belästigung. . Warum regt sich der Botschafter von England auf? Ist er Sittenrichter von Berus? — Nein, er sei verantwortlich für das Geben britischen Untertanen! — Pah! Geben! Sie sieht wohl, dah leine Spion® ihr olqcn und erzählt es ihm ins Gesicht. Ja, sie schreibt nach London, daß dieser junge Mann noch nicht so recht für feinen Posten an ocu Pforte tauge. Ader auch andere Briefe gehen aus dem Hause Gabt) Stanhopes ~~ nach Gibraltar und nach Malta. Sie bekennt ihrem Bruder James unu General Dates die Freundschaft mit Michael Bruce. Das war in-de selben Wochen? als Ne letzten Blätter von den Baumen fielen e> kalter Wind durch undichte Fenster blies und Bruce Glückwünsche empfing, daß er erobert, was andere umsonst bestürmt. Weich, wie er die Frau noch nie gesehen, ging sie durch Ne Raunrn ein wenig blaß und hustend von der Kälte; noch immer nicht erlaum sie ihm, familiär zu fein vor andern. Aber für solche die l-harfer hort m, wurde es deutlich, dah der junge Freund leise und höflich Nc 3U9 ergriff; dah sie Frau war für ihn, wenn auch in seinen Augen schönste und glängenbfte, Ne es gab. 1 (Fortsetzung folgt.) Da, eines Tages, erschienen in Gibraltar zwei neue Ge-fichter. Drei Stunden zuvor war eine Jacht im Hasen gelandet. . Qroet Abenteurer", tönte es an Hefters Ohren, „Ne gewagt haben, von einem königlichen Schifs zwei Matrosen herunterzuholen und auf ihrer Jacht anzustellen — ein Hohn auf die britische Marine, em Delikt in unfern kriegerischen Zeiten! Sie leugnen die Tat, und niemand kann sie ihnen beweisen." Myladys Gesicht blieb nicht ernst. „Wie heißen diese hoffnungsvollen Geute?" stord Sligo, ein Ire, der sich für einen Archäologen ausgibt, und Michael Bruce, der Sohn des Gonboner Bankiers Crawford Bruce, zusammen vierundvierzig Jahre alt. Das ganze Mittelmeer belästigen sie, als sei es der Sportplatz für zwei reiche Jungens ..." Als die beiden, trotz ihres Rufes wohl empfangen, zum Diner am Tisch des Gouverneurs sahen, ruhten Gaby Stanhopes Blicke forschend aus ihnen. Sie sahen gut aus, und in dem auffallend hübschen Gesicht von Michael Bruce stand ehrliche Bewunderung, während er sich vor Lady Stanhope verbeugen dürfte, deren Name in England berühmt gewesen, als er noch zur Schule gegangen. Was Mylady in Gibraltar zu tun gedenke? Und ob sie nicht mit ihnen kommen wolle? fragte er artig. ,^zch bin nicht immer ein guter Kamerad', wich Hefter aus; „und überdies find Sie doch in Gorb Sligos Gesellschaft." „Oh, wenn es nur das ist", meinte Bruce. lieber Gorb Sligos schulbigem Haupt zog sich ein Unwetter zusammen, es wurde unausweichlich, baß er Gibraltars britischen Hafen verlieh. Michael Bruce aber blieb zurück. Mylady Stanhope hatte eingewilligt, dah er sie nach Malta begleite. . Malta! Wie oft hat sie den Namen gehört, den Namen des Zank- apsels zwischen England und Bonaparte. Die Glocken läuten in Ga Valette, Kanonen feuern Salut, es ist Ostern. In Ehren empfängt sie der Gouverneur, General Dates; dunkel, voll vergangener Pracht ist der Palast des Großmeisters der vertriebenen Johanniter, in dem er ihr Wohnung bietet. Aber Mylady wählt eine kleine Wohnung im ehemaligen Haus der französischen Ritter. Empfänge, Paraden, Diners zu sechzig Gedecken zwischen englischen Lords und neapolitanischen Grafen; Ritte durch blühende Drangen mit dem Gouverneur, der behauptet, niemals geistreichere Unterhaltung gehabt zu haben; und -unzertrennlich an ihrer Seite ein junger Mann, der mit all seiner Impertinenz und Cambridger Bildung nur Blicke hat 'für Gabt) Hefter Stanhope ... Ein seltsames. Fieber schleicht in Hefters Blut. Dbet ist es nur die eigene Straft, die sich aufbäumt gegen Schmerz und Verzicht? Der Name dieser Zauberinsel bringt burch die unfaßbar stillen Nächte zu ihr, geflüstert von Pitts weicher, sorgender Stimme. Und am Tage läßt sie sich die Hände küssen von einem Mann, der zwölf Jahre jünger ist, der von Bewunderung fpricht und Giebe meint und doch die enge Grenze niemals überschreitet, die sie ihm zieht. Malta erzählt von der englischen Gabt), die in Mondscheinnächten am Arm „ihres Geliebten" durch die Gärten geht und so stolz ist, dah sie keine andern Einladutigen annimmt als die des Gouverneurs, General Dakes. Was kümmert sie der Klatsch! Ihre Seele bleibt stumm, ohne Ziel und ohne Schau; aber über bas zartgefärbte stolze Gesicht der Bierund- dreißigjährigen zieht der Schein einer neuen Jugend. Das Thermometer steigt auf 85 Grad Fahrenheit. In den ersten Augufttagen, als eine Fregatte vor Ga Valette anlegt und bereit ist, Passagiere nach Griechenland mitzunehmen, sagt Hefter kurz entschlossen: „Gut, fahren wir nach Athen." Und nicht einmal Dr. Meryon ist erstaunt, daß auch Mr. Bruce damit gemeint ist. Griechenlands Hauptstadt ist voll von Engländern. Sie graben alle, sammeln und führen nach Hause, was sie können. Nur einer, der junge Gord Byron, der dichten soll und kürzlich großes Aussehen erregt hat, weil er den Hellespont durchschwommen, ist anscheinend zu Sportzwecken N Grieckenland. Er springt, braunaelockt, dilbschön Ns auf em lahmes Bein vom Molo im Piräus, als Lady Stanhope landet. Wieder auftauchend, mustert er kritisch die hochg^achsene Landsmännin m ihrem scharlachroten Kleid. Ein gefährliches Dmg! schätzt er und bedauert den Cambridger Kommilitonen Michael Bruce. . m Zieh dich an und komm nach", ruft- ihm Gorb Sligo zu. Aber Byron weiß gleich, bah er diese Gesellschaft nicht oft beehren wird. Meryon, der Arzt, rückt an feiner Brille, als Sligo verkündet, Mnlndv werde mit Mr. Bruce ein Haus bewohnen — er selbst mit ihm ein anderes Gorb Sligo, ber untadelige Gentleman, scheint nichts dabei ‘ finden so hat Meryon, natürlich, dasselbe Urteil Aus dem Aden- teurer des Mittelmeers, Sligo, wirb ber glänzendste Chaperon, der sich denken läßt. Nur — Mylady wünscht weder Verschleierung noch Ruck sicht. Dffen empfängt sie an Brucens Seite jeden Abend in 'heem Salon und zeigt sich mit ihm rings um die Ruinen von Athen so stolz wie Gord Sligo, ber inzwischen mit bewaffneten Albanern, gi Köchen, Dragomanen und europäischen Dienern marmorne @i griechischer Erbe gräbt, um fein irisches Heim bamit zu fchmückm, verbreitet zwischen Zante und Patras, daß er eine englische Prinzessin erwarte, die in Begleitung eines jungen „Mylord" unterwegs nach „(Eine Sandbank!" ^Wo sind wir?" KW-E, iw ».«< sie auch jetzt noch Neles Wort? Mochte ihr bestimmt sein, an dieser Küste 811 Des^Morgen" wurde das Schiff wie durch ein Wunder wieber flott. Gibraltar, die englische Felsensestung, tauchte auf. James nahm Abschied. Er mußte sein Regiment erreichen. Drei Meilen nördlich kämpften^ Spanier und Engländer gegen das napoleonische Frankreich. Er hatte sem Kiel erreicht — und sie selbst? Zu welchem Ende lebte sie noch? Die englische Garnison war klein wie ein Gefängnis. In dem alten Kloster, ber Residenz des Gouverneurs, erwarteten die Herren der königlich britischen Armee, dah Mylady ihnen die Zeit verkürze. Dr. Meryon, der junge Arzt, blickte ehrfürchtig aus feinen wahngen Augen, wenn Ne Herrin geruhte, ihn zu den Einladungen mitzunehmen, im Innersten noch mit der Tatsache beschäftigt, dah ber Atlas, nicht wie er tn Dxforb angenommen, eine Spitze, sondern eine Kette war 8 Schien nicht alles wie eine höhnische Erinnerung an Söalmer: Ne Ossiziere, die Festung, die Gespräche um Bonaparte wahrend des Essens ...? Nein, hier wollte sie nicht bleiben. _ . .. ; Aber im Mittelmeer herrschte Krieg, Nap Windgespräch. Von Christian Morgenstern. Hast nie die Welt gesehn? Hammersest — Wien — Athen? „Nein, ich kenne nur dies Tal, bin nur so ein Lokalwind — kennst du Kuntzens Tanzsaal?" Nein, Kind. Servus l Muß davon! Köln — Paris — Lissabon. Wiener Eindrücke. Von Wolfgang Goetz. Wer im Herbst vorigen Jahres in Wien war und heute wieder dort einkehrt, staunt. Das letztemal stockte die Feder, und der halbsertig« Artikel flog in den Papierkorb. Es war zu schmerzlich, niederzuschreiben, was aus der herrlichen Stadt geworden war. Vor Jahren ging es noch an, aber dann ging es mehr und mehr hinab. Wir schworen uns nach dem Erlebnis zu: Nie wieder Wien. Oede Speisehauser, abends kaum ein Mensch mehr auf der Straße, in den Kaffeehäusern mehr Kellner als Gäste, die Zeitungen zwar immer noch in glänzender Aufmachung, aber gefällt mit widerlich breit aufgemachten Sensationsnachrichten und albernen Lügenmeldungen, daß man sich schämt«, nicht Analphabet zu sein. Schlimm und herzzerreißend. Und heute: Schon wenn man von Passau her die — eingleisige! — Bahn hinunterfährt zum Sterbeort des selten anständigen Cäsars und Philosophen Mark Aurel, schaut man auf: Arbeiterkolonnen, lachend, scherzend, grüßend. In Linz auf dem Bahnhof großzügige Bauarbeiten. Dann, wie es Nacht wird, beschleicht einen wieder das traurige Gesühl vom Herbst: kaum ein Licht. Die Straßenbeleuchtung kümmerlich, die Laternen geben keinen Schein. Wer dort wandelt, kann sich, auch ohne sanfte Benedelung, nur im Zickzackkurs bewegen. In Wien selbst erfreut man sich des angenehmen Entsetzens, das die blanke Schrecklichkeit einzugeben'imstande ist, besteigt eine Toxi, die „im Reich" bereits seit zwei Jahrzehnten ein sauberes End« aus dem Autofriedhof gesunden hätte. Aber dieses Vehikel, das schon dem römischen Generalstab bei den Markomannenkämpfen treffliche Dienste leistete, bringt uns durch lichte Straßen, erfüllt von Menschen. Es flammt von Lichtern. Und Menschen, Menschen, Menschen. Im alten lieben Hotel, wo einst Friedrich Hebbel ersten Ruhm erlebte, findet man gerade noch Unterkunft. Dann gehts in das hübsche ungarische Stüberl. Da hatten wir im November auch gesessen; nun kann nur die Autorität eines eingefleischten Stammgastes Plätzchen besorgen. Tags darauf flaniert man wieder. Der Fremdling muß in Wien flanieren, da und dort stehen bleiben, in die eine und andere der vielen schönen Kirchen treten, ansonsten er sich überslüssig vorkommt. Für den Fremdling ist Flanieren Arbeit. Das böse letzte Mal stand man nur herum und sagte sich: das alles hat keinen Zweck mehr, vorbei — ein dummes Wort —, zuckte die Achseln/versuchte einen bei aller Qualität schlecht schmeckenden Frühschoppen, erhob sich wieder, weil das verfluchte: Es war einmal, ständig im Brägen wiederkehrte, und stand dann wieder herum, angeekelt, angebettelt von widrigen bedauernswerten Gestalten. . Wohl und gut. November ist nicht Mai. Doch da ist noch anderes. Wien hats immer mit den Frauen gehabt. Die Dame, die Heuer die Wiener Mode macht, heißt Hoffnung. Die schönste aller Pupperln am Arm flaniert man sich so durch den Vormittag und Nachmittag. Der Abend ist erfüllt von Pflicht. Aber nach getaner solcher findet man weit draußen, in einer Heurigen-Kneipe, noch muntere Tischnachbarn. Mit der Sperrstunde wird es infolgedessen nicht sehr ernst genommen. Rumpumpurn und Tschindera. Wir lachen wieder. Ins Auto hinaus in die Berge, zu den — verschiedenen — Heurigen. Wenn der Chauffeur Werner Krauß heißt, kann man sicher sein, unbedingt in die besten geführt zu werden und die stillste Ecke mit dem schönsten Blick über dies geliebte Land zu finden. Man erkennt: das alte Oesterreich ist wieder da, noch nicht ganz: nein, so schnell geht dgs nicht. Es reibt sich norf) em wenig die Augen. Aber gerade das Erwachen ist ja em wundervollster Genuß. Wenn der Chauffeur Werner Krauß heißt, ist solch eine Rundfahrt von großem Genuß, allerdings auch ein wenig anstrengend. Zum Beispiel entführt uns der fliegende Mantel gen Gienermg — der Heurige sei jedem empfohlen, gleichviel, wo „der Buschen" aussteckt und man betritt eine Höhe, wo ein Zitherspieler sitzt. ..... ~ Ein Zitherspieler — hier müssen wir weit zuruckgre,fen Jeder Mensch ist sein eigner Musikant. Der kleine Wolfgang Amadeus Mozart brüllte wie ein Äufgespießter, wenn er eine Trompete horte. Anderen geht e mit der Zither so, wenigstens „Schreiber dieser Zellen . Der Chauffeur verhieß, es sei wundervoll. Feinsinnig verschwiegen wir unser Grauen und ergaben uns in ein unabwendbares, wenngleich schreckliches Schicksal. Da sitzt ein Mann, der aussieht, als ob er mit d«m Schubert-Franzi und dem Schwind und dem Schober und der ganzen Gesellschaft brav hatte verkehren können. Ein herrlicher Mann — und spielt Zither, selbstverständlich halten wir uns in ängstlichem Abstand, aber unser Chauffeur drängt, wir müssen uns an den Tisch des Mannes setzen, der da herum- pinkt und -zinkt. Es geht. Es geht tatsächlich Dieser nicht mehr allzu junge Mann • holt aus dem Instrument die tollsten Wirkungen bereu»- Ringsumher heilige Landschaft, man ahnt die Donau dm Steffel. Man ahnt nur und spürt, daß einem Tränen über die welken Wangen perlen, was den Chauffeur ungemein erfreut Gewiß war hier ein wenig Alk Y mit im Spiele, aber ahne denselben hätten wir sicherlich noch melmehr Männerzähren vergassen. So schlimm ist es nicht, als wir uns von diesem wahrhaften Musikanten verabschieden, spielt er uns noch: „Sag beim Abschied leise Servus! Wir behalten di« Haltung. Es hat also doch nicht am Alkohol geleg«n, der unterdesien sich gemehrt hat. Wir bewahren sie noch weiter« Stationen, noch in dem Zimmer, da zu Heiligenstadt der Compositeur 'Louis van Beethoven ein gewisses Testament schrieb. Frech tritt man in das Haus und wird von einer hübschen Frau empfangen: „Ja aber bitt schön. Hier hat er gewohnt. Kommens nur rein!" Die Zimmer, darin der letzte Titan mit sich und seinem Schicksal rang, sind mit jener behaglichen Bürgerlichkeit ausgestattet, die bei aller Gleichgültigkeit erfreut. Hier ist das beste Oesterreich. Bon den alten Möbeln ist nichts mehr vorhanden. Aber der Raum ift’s, und man fragt sich wieder einmal, was denn dies ungeheure Wort Raum sagen will. Hier hat er geatmet und gewirkt und gekämpft, der Louis van Beethoven. Man legt sich mit den Ellenbogen aufs Fensterbrett und fragt sich: Hat er hier auch gelegen? Berühren deine Unterarm« die seinen? Verflucht nochmal. Vermutlich hat er „beim" anderen Fenster hinausgeschaut, wenn er überhaupt hinausgeschaut hat. Er hatte ja was anderes zu tun. Was brauchte er die Süße und Stärke der Natur, da sie in ihm felbften war! Hoch gelobt! Und dann rauschen wir wieder in öie Stadt und gehen zu Bett. Eigentlich hätte man im Griechenbeisl noch ein Pilsener als Magenabschluß einnehmen sollen, aber gnä Frau sind dagegen. Wieder mal ein« verpaßte Gelegenheit. Wir trösten uns am nächsten Tage: unser Chauffeur entfernt uns gen Klosterneuburg. Cs werden in diesem Jahr viele Leute „aus’m Reich" nach Wien fahren — der Reichsdramaturg sagte knapp und kurz: „Ich stelle fest, daß alle Leute in Wien sind" — und man muh sie auf dieses Stift Klosterneuburg aufmerksam machen. Von der riesigen Anlage ist nur ein kleiner Teil vollendet. Er ist schön genug. Ich denke an Würzburg. Die ach so selig verstorbene Mainlinie hat wohl betrachtet nie bestanden, wenigstens nicht in der Architektur. O diese Kirche! Wie die Chorstühle sich fälteln und auftun, ein entzückendes Spiel. Endlich ist da der Altar des Nicolaus von Berdun. Wer warst du, großer Mann? Unser gelehrter Führer weiß auch nichts Näheres. Er hat diesen Altar geschmolzen und gepuntzt. Gold und Blau imb Blau und Gold. Voll tiefsten Sinnes sind die kleinen Bilder angeordnet. Er war nicht nur ein Künstler, dieser Nicolaus von Verdun, sondern auch ein Mystiker. Geht hin, liebe Leute und seht euch das Wunderwerk an. Meister Nicolaus war ein Deutscher, auch wenn er im Adreßbuch von Verdun (Jahrgang 1150) zu finden ist. Pilgert hin und schaut euch das an, ihr nehmt einen Eindruck mit euch, wie ihn kein anderer euch vermitteln kann. Der Abschied wird euch so schwer werden wie uns. Aber unser gelehrter Führer tröstet uns ein wenig: „Wissen Sie, wir sind so glücklich Über Ihre Bayern", sagt er, „das sind ja Prachtjungens! Und brav!" „Jetzt müssen wir nach Gumpoldiskirchen", sagt der Chauffeur, und nach einem vorzüglichen Wiener Schnitzel von der Größe eines Boxerhandschuhs — man bringt es nur mit höchster Willensanspannung hinter den Schlips, aber was soll man machen — geht's wieder durch den Wiener Wald. Hier liegt Lenau, sagt der Chauffeur, der sich zum Cicerone auswächst. Er weih nicht, wo er liegt. Es ist gleichgültig. „Weil auf mir, du dunkles Auge . Amen. Serpentinen bergauf und bergab. Zwischen den Tannen, den schwarzen, lichte Birken. Jede Sekunde ist vollgepfropft von Glück Wir streifen Wien, wo es nicht eben am schönsten ist, obwohl gnä Frau behaupten: „Hier sind sogar die abscheulichsten Häuser schon. Ich vermeid« durch eisernes Schweigen einen betrüblichen Chezwist Mödling: Das ist Sache für sich. An der schönen Kirche ist eine Tasel, die verkündet, daß an dieser Stell« dunnemals fast di« ganze Bevölkerung von den Türken-hingemacht wurde. Das „fast" hat mich gerührt. Von wegen der darin ausgesprochenen Odjekttvität. Welch angenehm« Zett! Warum muß ich nur an den Nicolaus von Verdun denken und sein -heiliges Gelübde? . .. ... m . Aber da ist Gumpoldiskirchen. Mitten dorn steht em römischer Meilenstein; später wurde er als Pranger benutzt, was dieses stolze Gebilde nicht recht verdient hat. Meine diesbezügliche Anfrage wurde von der Säule hochmütig abgelehnt. Aber das schönste: durch die Straßen laufen Bächlein. Gleich kann man die Wäsche ein wenig spulen. Das Stadttern hat fast nur einstöckige Häuser. Man faßt hin und wieder in die Dachrinne. Plötzlich bremst vor uns eine „Pupperlhutschen". Ein netter, junger Mann springt heraus, rast über die Straße und neigt sich vor unferm Chauffeur. „Herr Staatsfchauspieler Krauß, dürft ich Ihnen um cm Autogramm bitten. Unser Chauffeur — wir sind zu Fuß diesmal — macht Schippchen, feixt und schreibt dann auf dem Rücken des Antragstellers einen Sinnspruch. Hätte der Unselige gewußt, daß auch ich noch da war na ja Leicht aber nicht besonders beleidigt, schreite ich zum Heurigen, wo alle Eitelkeit erstickt und nur noch Land und Licht die Seele einfangen. Wir wollen am nächsten Tage ins Burgenland. Aber es gießt. Chauffeur streikt infolgedessen und hat recht. Wir . mummen uns em und trippeln über Pfützen ins Museum, zu den Breughels, zur Tasfel t)o*gelobt des Norcius A D., zu den Tintorettos, zum Titus des Rembrand Wieder roill's über die welken Wangen rieseln. Was ist es um Bilde r? Sie können schlecht sein oder gut. Aber dieser Titus! Da zuckt ein Lächeln um die Lippen des lesenden Jünglings (die Buchblätter!), vor dem sich die Mona Lisa, falls sie noch existieren sollte, schämen darf. Hier'ist mehr. Von dieser braun-weißen Leinwand springt uns eine so gewaltige Liebe entgegen. Jeder Pinselsttich kündet: Titus, mein Titus, mein geliebter Junge — Höchste Religion, Liebe- zu verewigen. Lange, lange, sind 1>e tot, der Titus und hinterher der Papa. Es ist unvorstellbar Wir kennen ia allerlei Rembrandts — allein hier ist das Höchste erreicht. Man stelle sich vor: der Junge kiest etwas vor, und Hendrikie hort zu, und der Dapa, der sich freut. Gleich daraus nimmt er eine Leinwand und malt. Und aus-dich, den Späten, stürzt aus Del und Lanwand all die Seligkeit eines Größten der Großen herab. Wem gelang das? Man kann vor diesem Bilde ein« neue Aesthetik ausstellen. Kunst kommt von Können. Das ist nun so. Aber man betradjte die Bilder, die neben dem Titus hängen Zwei Porträts, ein Mann und eine Frau (besser ein Herr und eine Dame). Meisterlich gemalt, aber man möchte fast bedauern daß sie echt sind Sie strömen Kälte aus. Auftrag, vermutlich sehr gut honoriert. Zwei Selbstporträts, wie stets von einer erschreckenden Dbjettimtat, di« ihren furchtbaren Gipfel in dem letzten, dem Cantanjen-Porträt findet (jetzt in Köln, Gott sei Dank, und nicht tu Amerika). Weiter die Mutter: Jeder Pinselstrich eine Grübelei, fast eine Psychoanalyse: was ist da mir, Rembrandt, überkommen? Ja: Weib, was habe ich mit dir zu schaffen? Und dann eben der Titus. Alle Gewalt, deren ein großes Menschenherz fähig ist, hineingeschmettert, mit einer alles überflutenden Glut. Kunst kommt von Können, aber! Und hätte der Liebe nicht ... Jedoch, die Liebe allein macht's auch nicht. Die neue Aesthetik scheint doch noch nicht ganz geboren zu sein. Rasch verschwindet der Tag unter solchen Gedanken. Und dann geht's wieder nach Norden. Bauernaufstand. Ballade von Börries von Münchhausen Die Glocken stürmten vom Bernwardsturm, Der Regen durchrauschte die Straßen, Und durch die Glocken und durch den Sturm Gellte des Urhorns Blasen. Das Vüfselhorn, das lange geruht, Veit Stoßperg nahrn's aus der Lade, Das alte Horn, es brüllt nach Blut Und wimmerte: „Gott genadel" Ja, gnade dir Gott, du Ritterschaft! Der Bauer stund aus im Lande, Und tausendjährige Bauernkraft Macht Schild und Schärpe zu Schande. Die Klingsburg hoch am Berge lag. Sie zogen hinauf in Waffen, Auframmte der Schmied mit einem Schlag Das Tor, das er fronend geschaffen. Dem Ritter fuhr ein Schlag ins Gesicht Und ein Spaten zwischen die Rippen, — Er brachte das Schwert aus der Scheide nicht Und nicht den Fluch von den Lippen. , Aufrauschte die Flamme mit aller Kraft, Brach Balken, Bogen und Bande, — Ja, gnade dir Gott, du Ritterschaft: Der Bauer stund aus im Lande! Der Dichter Hermann Graedener. Von Walter Polland. Der österreichische Dichter Hermann Graedener wurde kürzlich mit der Goethemedaille für Kunst und Wissenschaft ausgezeichnet. „Wir brechen auf in neue Jahrhunderte, hier und heute. Es ist ein Augenblick, der so wohl wie nie war, der so wohl kaum wieder kommen wird. Ergreift ihn, gebietet und gehorcht — nach eurem eigenen Seelc- Geist-Faust-Gesetz. Zwei Jahrtausende des Fremden sind hinter euch, es ist an euch, das Zeitalter des Eigenen zu beginnen." Dieses Wort Hermann Graedeners ist die Forderung eines genialen schöpferischen Menschen, der fordernde Anruf eines kämpferischen Mannes an sein Volk: den Mann und dieses Volk verpflichtend. Und der so spricht, hat sich das Recht hierzu nicht in den sanfarenschmetternden Tagen des Sieges erdichtet. Nein! Er hat dieses Recht für sich erkämpft in geistiger Einsamkeit zu einer Zeit, da das deutsche Volk, in einem materiellen Scheinwohlstand befangen, seine ureigensten seelischen und geistigen Kräfte nicht erkannte. Da und dort standen Menschen, denen ein neues, vorerst nur erahntes Gesetz eingeboren war, Rufer in einer Wüste, traumhafte Erahner eines Umbruches in ihrem Volke. Hermann Graedener gehörte zu ihnen. Um 1910 dichtete er seinen „Utz U r b a ch", jenen Bauernkriegfries, der tu einem zeitlosen, aufwühlenden Denkmal deutschen Kämpfertums um Reinheit und innere Freiheit wurde. Graedener hat für dieses Werk sich selbst eine eigene Sprache geschaffen. Klingen aus der herben Musik dieser Sprache auch manchmal bekannte Töne alter Formen oder der schwäbischen Mundart auf, so müssen wir doch immer wieder die große sprachschöpferische Kraft dieses Dichters bestaunen, der diese ans Alte erinnernde Form kraft eigener, aus seinem hohen Kllnstlertitm gerechtfertigten Selbstherrlichkeit erdichtet hat, um sie dem Stoff gemäß sein zu lassen. Rauschend und dröhnend, wie ein im Sturm brechender Forst, setzt diese Sprache schon auf der ersten Seit« ein, und das Bewunderungs- würdige ist nun, daß der Dichter, obwohl er sich olle formellen Steige- rungsmöalichkeiten selber vorweggenommen hat, diesen Ton durchhält in gleicher Spannungskraft bis zur letzten Zeile. In diesem Werk erkennen wir bereits einen der wesentlichsten Züge Graedeners: die Historie ist ihm nicht schablonenhaftes Vorbild, sondern nur Anlaß, um In vollkommener dichterischer Freiheit dem von ihm als richtig erkannten deutschen Weltbild Form zu geben. Dabei entspricht es aber seiner ritterlichen, im tiefsten Sinne adeligen Haltung, daß er die Geschichte und ihren Sinn nicht vergewaltigt. Auch dann, wenn er einen wesentlichen Abschnitt in der deutschen Geschichte aus Grund seiner neuen, arteigenen Erkenntnisse oblehnt, läßt er die in ihm wirkenden guten und starken Kräfte gelten. Aber nicht allein das dichterisch und geschichtlich Einmalige ist es, das wir im „Utz Urbach" erkennen. Graedener hat hier nicht ein Buch geschaffen, das mit irgendeiner Gattungsbezeichnung erschöpfend zu kennzeichnen wäre. Der zeitlose Sinn dieses Werkes liegt darin, daß es dem begnadeten Dichter gelang, entscheidend in den mythischen Raum vorzustoßen. Dieses Buch ist nicht nur seherisch, weil es schon zu jener Zeit von einem Volk im großen Reiche sprach, sondern besonders deshalb, weil darin dem Dichter mit dem Schmiedutz eine jener wenigen Gestalten deutscher Dichtung gelang, welche Sinnbilder sind des deutschen Suchers und Kämpfers, des ewig wiederkehrenden Mahners zu Freiheit und Recht. Es hieße, dem Dichter und seinem Werke unrecht tun, wollte man nur vom Männlichen und Kämpferischen seines Werkes sprechen. So wie Graedener bis in. die letzte Faser seines Herzens ganz Deutscher ist, so klingt auch in dieser seiner ersten großen Dichtung nicht nur die männliche und kämpferische, sondern auch die zarte Saite deutschen Wesens an. Als Graedener im Jahre 1914 der soldatischen Pflicht seinem Volke gegenüber genügte, wurde er aus einer reichen Arbeit herausgerissen. Die Anfänge eines Sickingen-Dramas, die Ansätze zu ein/m dichterisch philosophischen Werk lagen vor. Nach dem Kriege erschienen zunächst seine Verle .Weltweihe", die später, zusammen mit den „Deutschen Deutungen von der Edda bis heute" und mit Gedichten und Sprüchen aus dem Lebenswerk des Dichters vereint, unter dem Titel „Ein Volk geht zu Gott" herausgegeben wurden. Was uns in diesem Werk vom Dichter geschenkt wird, ist eine dichterische Kostbarkeit, ist vor allem das wegweisende geistige Antlitz eines suchenden Menschen. Es ist geformt und gestaltet ans der inneren Ber- pflichtung des Dienstes an der deutschen Seele. Und es ist endlich ein ehrlicher Versuch, mttzuhelfen, dem seelischen Ringen unseres Volkes Richtung zu geben Ein breiter Teil unseres Volkes befindet sich heute in einem Zustand der Losgelöstheit von bestehenden religiösen Anschauungen. Es fehlt daher nicht an Versuchen — oft mit untauglichen, selten mit tauglichen geistigen Schöpfungen —, diesen Zustand zu beseitigen und wieder eine metaphysische 93eranterung neben der politischen zu bilden. Daß bei der Wertung des Werkes jener Männer, die daran arbeiten, es nicht wesentlich ist, ob man ihr Schaffen in ollen Einzelheiten bejahen kann, ergibt sich aus der angedeuteten Lage. Mit seinem Buche „Ein Volk geht zu Gott" unternimmt es auch Graedener, einen Weg in den metaphysischen Raum zu weisen. Als sprachliche und dichterische Leistung ist das Buch überragend: ebenso als weltanschauliches Bekenntnis, als das es frei von jeder Dogmatik zu den tiefsten und reinsten feiner Art gehört... Dies wird auch jener bestätigen, der im einzelnen dem Gvaedenerschen Weltbild nicht zu folgen vermag. Im Zentrum seiner metaphysischen Schau steht — von ihm selber so genannt — sein „Seele-Geist-Faust"-Gesetz. Das Jnnentum des deutschen Volkes ist, worum es ihm in erster Linie geht. Geist und Faust haben der Seele, eben diesem Jnnentum, zu dienen, ihre Rechtfertigung kann immer nur aus der inneren Beziehung zu den seelischen Werten unseres Volkes erbracht werden. Es wird daraus klar, daß Graedner in schärfstem Gegensatz steht zu jedem Intellektualismus, aber auch zu jenem tandsknechtlichen Kämpfertum, das den Kampf allein um des Kampfes willen liebt, ohne nach dem dahinterftehenden völkischen Sinn zu fragen. Mit seinem Sickingendrama „Neues Reich" hat Graedener der jahrhundertealten Sehnsucht des deutschen Menschen nach dem Reich.Ausdruck verliehen. Der vergebliche Kampf Sickingens um die Reichseinheit wird gestaltet. In Wahrheit ist dieses Drama weit mehr als die Gestaltung eines großen Schicksals: es ist das Bekenntnis eines Volkes zu feiner ihm gemäßen Form, dem Reich, das ein Reich ohne Grenzen ist, eines, das überall da lebendig ist, wo ein deutscher Mensch atmet und schafft. Angesichts der Tatsache, daß das Drama „Neues Reich" im Jahre 1933 als reichswichtig erklärtes Festspiel in Queidersbach aufgeführt wurde, erübrigt es sich, ein lobendes Wort über seine Bühnenwirksamkeit zu sagen. Mit der Novelle „Der Esel, Sancho Pansas letztes Abenteuer" weist uns Hermann Graedener ein neues, doch nicht minder liebens- und verehrungswürdiges Gesicht seines Schassens: weisen, geistvollen Humor. Doch auch hinter dieser Novelle steckt ein tiefer, weiser Sinn. Es wird hier offenbar, wie es oft im Leben (ein mag, daß ein Mensch wirre, absonderliche Umwege gehen muß, um geläutert zu gutem und innerem Ausgeglichensein zu finden. Aber bereits mit dem nächsten Buche kehrt er zu seiner ihm im Letzten gemäßen Aufgabe: der historischen und weltanschaulichen Dichtung zurück. In der Vision des Stäatsrates von Zabemdorff, „Traum von Blücher, Porck und Stei n", wird deutsches Heldentum, dem das Gesetz vom Reich innewohnt, leuchtend emporgehoben. Der Geist des Buches wird bereits durch das Motto: „Gehorchendem (Bott, der die Volkheit befohlen" erschöpfend umrisfen. Die großartigen Züge der stolzen Selbstherrlichkeit des „Utz Urbach", die sich nur dem Gesetz, nach dem sie angetreten, verpflichtet weiß, treffen wir hier wieder an. Und hier stoßen wir wieder auf das Seele-Geist-Faust-Gefetz des Dichters und Denkers Hermann Graedener. Fordernd erhebt er seine Stimm« und legt leuchtend dar, daß Kampf nur dann sinnvoll ist, wenn die Führer des Volkes sich der seelischen Auswirkungen und Hintergründe, um deret- willen gekämpft wird, bewußt sind. Auch der erst in Teilen fertige Erzherzog-Karl-Roman will den Gedankengängen dienen, daß die Weihe, welche einem Kriege zuteil wird, in dem Maße größer wird, als das Volk, das diesen Krieg'führt, Kultur-, Geistes- und Seelenguts zu verteidigen hat. Die Paarung feiner im besten Sinne nordischen Gedankenwelt mit feinem oft feurig stürmenden Temperament, scheinh verständlich aus bar Abstammung des Dichters von väterlicherseits norddeutschen und mütterlicherseits süddeutschen Ahnen. Mit beispielgebender innerer Leidenschaft steht der Mann und Dichter im Dienst seines deutschen Volkes; bereits vor Jahrzehnten griff er mit feinem Werk über die Grenzen weit hinaus, das innere Reich, das größere Deutschland umspannend. Derantwortltch: Dr. Hans Thyriot. - Druck und Verlag: Drühlfche UniverfttälSdruckeret R. Lange, Gießen.