GiehenerKmiilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1958 Hreitag, den lZ. Mai Nummer 37 Herz Im ÄW Noman von ^ans- tun Sie doch auch." „ „Bei uns ist das doch was ganz anderes. „Warum denn?" „ „Weil wir nichts haben, und chr habt was. Glauben Sie denn, daß Sie was bekommen werden, wenn St« «ns totschlagen?" „Natürlich." „Und was werden Sie bekommen? - Nun ist der andere stumm. Er denkt nach, wie Bernd vorhin nach- gedacht hat, aber er findet keine Antwort. Schließlich bricht es bei ihm durch: „So kann's doch nicht weitergehen. Einer hat alles und der andere nichts. Einer hat die Arbeit, und der andere kann sich ausruhen. Einer hungert, und der andere hat zu fressen, soviel er will. Einer kann immerzu befehlen, und der andere muß immerzu gehorchenl Bernd läßt diefen Aufschrei ruhig verklingen. Er ficht auf undstritt ganz dicht vor den Mann, der da auf feinemHolzstoß hockt und schwer atmet. Nein", sagt er, „so kann es nicht bleiben und soll es auch nicht bleiben.'Aber eines muß bleiben: daß der eine besiehlt und der andere, gehorcht. Sonst gibt es keine Ordnung." I Ein Ringen beginnt, ein Ringen des Offiziers, des Soldaten Bernd Wallniß um die Seele dieses Mannes. Er spricht auf chn ein, er horcht I in ihn hinein, er läßt ihn reden, er steht ihm Rede. Er fitbst wird sich I In diesem Kamps erst klar, um was es eigentlich geht: um bie Schichtung I der Menschen, um ihr Recht ans Arbeit, um ihr Recht a>Ü Verdienst, um Ihr Recht aus das Leben ihrer Seelen. Die gleichen Rechte sind es, d e I er auch nicht missen will und die alle haben müßen, di-: in der Linie liegen, aus der heraus der Kamps um das Vaterland und sirr das Vater- I land geführt werden muh. „Arbeit gibt es nur in der Ordnung", sagt er. I „Verdienst gibt es nur in der Ordnung", sagt er. „Recht gibt es nur in der Ordnung", sagt er. I „Daß wir wieder Ordnung in Deutschland aufrichten, das ist es, I ll,°Unti der Mann vor ihm wird stiller. Er widerspricht nicht mehr mit dem Saß: „Die andern haben gesagt ..." Er hört zu. . Schließlich fragt ihn Bernd: „Wollen Sie zuruck zu denen da draußen?" Er schüttelt den Kopf. „ . „Dann gehen Sie nach Hause. Sie sind frei. „3d) kann nicht." "©le1 würden mich totschlagen. Sie würden denken, ich hätf sie »erraten." „Wo wollen Sie denn bleiben? „fiter." ”3d) weiß nicht. Vielleicht. So schnell geht das doch nicht." Bernd reicht ihm die Hand. „Kommen Sie mit 'rauf. Keiner von uns «t Ihnen etwas." „Wirklich nicht?" „Wenn ich es Ihnen sage." „Gut. Ich komm' mit. {trift Krüger heißt der Manu. Er ist nur wenige Jahre jünger als Bernd Eine Stunde fpäter sitzt er am Tisch und schiebt die Patronen, die hier Splelsiguren sind, zwischen den Kreidestrichen hin und her. Um Mitternacht bekommt die Waä)e Kassee. Bernd reicht chm feinen Feldbecher. „Da, trinkl" , „ , . . Ist ßut", sagt der wieder, und nach einer Weil«: „Bei den andern haben wir auch Mühle gespielt. Aber da hatten wir ein Brett." „Es geht dock) auch so." „Gewiß geht» auch so." , ,, Vier Tage liegen sie noch In Weißensee. Die Bartstoppeln wachsen Bernd ums Kinn wie den andern auch. Ueber die Wunde zieht lidj der erste Schars. Er fpricht viel mit Fritz Krüger, vom Krieg, von Krugers Frau und von dessen Beruf. Metalldreher ist er, und Bernd nwife a erlei von dieser Arbeit. Sie hatten fa auch Metalldreher in den Schillings- werken , v m . Also war es wenigstens zu etwas gut, denkt Bernd. Fritz Krüger weiß auch ein Lied, das sie alle nicht kennen. Es wurde nur bei seinem Regiment gesungen. Nun lernen sie es. Am fünften Tage kommt ein Polizeiabteilung. Ihr Führer teilt mit, daß die Rädelsführer feftgenommen und die fiauptgefahr befeitigt ist. Die Freiwilligen dürsten abrücken. Sie ziehen die Wachen und Posten ein, treten vor ihrem Gebäude an und marschieren ab. Fast hundert Mann sind ste jetzt, da alles bei- lammen ist, fast eine Kompanie. Und Krüger steht neben Wallnitz im Glied. Ihr Marschtrili ist seft, ste singen, als sie in die erste Straße ein- biegen, In jene Straße, aus der die Ausrührer gegen sie ansturmten. Bernd blickt sich um: da liegt die Post von Weißensee, ejn fiaus nrfe tausend ander«, aber für chn birgt es ein Erlebnis. Der Abschied fallt ihm schwer. Als ste am Schloß vorüberkommen, steht er nicht, wie vor fünf Tagen, nach den Fenstern Im dritten Stock, er sieht zu seinem Nebenmann Fritz Krüger und weiß: das in der Post von Weißens«« war nur ein Anfang. Am gleichen Abend nod) kehrt er In die fiohenzollernstrahe zurück. Nicht für lange Zeit, das erkennt er klar. Noch fühlt er die fiöndedrücke der Kameraden, und ihr „Aus Wiedersehn" klingt in seinen Ohren. (Schluß folgt.) Der Dichter. Bon Hermann Hess«. Keiner atmet der Garten im Tau der Nacht, Stiller brandet vom Tale die Stadt heraus, Blumen schimmern im Dunkeln Geisterhaft blaß wie aus Träumen her. Mir allein, der ich müde der Sonne bin, Kühlt auch der Abend die brennend« Stirne nicht, Mir verschmachten die Sinne Dürstender als am Tage noch. Ungestillt verzehrt mich die Leidenschaft, Di« ich des Tags mit soviel Listen betrog. Ach, nun steht sie verzweifelt Aus der kurzen Betäubung auf. Liebe atmet der Baum und Liebe der Mond, Liebe träumen die Blumen im schwarzen Laub; Nur ich Einsamer dürfte Liebelos in der lachenden Welt. Mädchen bleiben und Männer bezaubert stehn, Wenn durchs Gebüsch meine einsame Laut« tönt. Und in Liedern verblutet Statt in Liebesarmen mein Herz. Dichter und Vogelwelt. Don Dr. L. Gebhardt. In seinem besinnlich-heiteren Vogelbuch vom „Thomas am Zaun« und seiner Kumpanei" meint Philipp Gottfried Maler mtt vlel Grundr „Seit bansend Jahren gehört die Nachtigall zu dem poetischen Bewu^- sein unseres Volkes". Sogar in Grimmelshausens krausem „Sim- plicissiinus" steigt die rührende Bitte auf: Komm, Trost der Nacht, o Nachtigall Laß deine Stimm' mit Freudenschall Aufs lieblichste erklingen! Auch die zarte Mär vom Wunderstein, dessen sich d«r Zeisig bedient, um (ein Nest den Blicken der Neugierigen zu entziehen, finden wir in dieser rauben Schilderung einer verwilderten, lewersullten Zeit, ße* selben Märchens erinnert sich (Päter £ t) am Hf o in ,4Met wehmütig romantischer Schattenaeschichte. Doch soll hier nicht daoon d!« Rede sei» daß und wie die Poesie das Leben des leichtbeschwingten Vogeloolkchens verklärt. Wir wollen vielmehr von Dichtern sprechen, deren Beziehung zur Vogelwelt im allgemeinen nicht bekannt Ist, und die auch nur aeiegentlich verraten, daß fi« gute und z. T sogar ganz hervorragende Vogelkenner waren ober sind. Unserer Betrachtung geht kein« systematische Sammlung voraus. Sie hält nur'fest,.was der Boged freund mehr oder weniger zufällig entdeckte und erhebt daher nach keiner Richtung den Anfprud; auf Vollständigkeit. Blättern wir einmal bei Theodor Storm. Von Jugend an hatte er einen besonderen Blick für das Leden unserer heimischen Voge. Die Liede zur Natur und ihrem gefiederten Volke Ht bei ihm Erbteil des väterlichen Blutes. Der als Bauernsohn in die Stadt verpflanzte Vater war bekannt als großer Vogelfreund. Die Ferien verbrachte t^r Sohn ost in der ländlichen Heimat des Vaters. Dort streift« er durch Feld und Äulch und ging auf den Dohnenftieg zum Krammetsvogelfang. So lernt« er Ichon im Kindesalter, wozu Neigung und Veranlagung ihn «nreftten Er erwähnt daher, z.B. in „Ein grünes Blatt unb (pater in »Aqui» submersus“ eine Gattung der heimlichen Ornis, die dem Laien m au- gemeinen nur dem Namen nach bekannt ist und uns infiolgebcffen der Literatur (o gut wie nicht begegnet. Es ist die Grasmücke Die stiel mütterliche Behandlung dieser Voaelfonn mag daher kommen, daß unsere lieblichen Gras- oder Grauschlüvfer (die Hertunst des Namens ist nicht vollkommen klar) außerordentlich bescheiden und unauffällig gefarttuno dazu sehr versteckt lebend« Buschvögel sind. Unter unseren drei Lerchenarten ist die Heidelerche im Gegensatz zu Feld- und Haudenlerd)- kein der mcn(d)lid)en Kultur folgender Vogel. Da sie Oedflad)«n bevorzugt, weiß von ihr gewöhnlich nur der Vogeltundige. Storm pricht in „Ein grünes Blatt" auch vom Lied dieser Sängerkönigin „in unsichtbarer Hohe". Die zierliche Frllhnovelle „Immens««" bringt die Gegenüberstellung von Hänfling und Kanarienvogel. Unschwer können nur woyi erraten, daß hier ein« vom Dichter zart angedeutete symbolische Gegenüberstellung beabsichtigt ist. Aresonders ausfallend ist das in „Bomr Basch" verwertete Motto: Die Wirkung des Bogelliedes. Es ist in dieser Form sonst aus dem deutschen Schnsttum wohl kaum bekannt. Der Dichter erweist sich in dieser Novelle als ein außerordentlich genauer Kenner der Dompsasfenadrichtung und -Haltung. . Als der schwerblütige Norddeutsch« einst den von ihm verehrten un° bewunderten Mörike besuchte, erzählte er dem schwäbischen Freunoe von feines Vaters Liebhaberei für Vögel. Da hörte er aus dem Munve des Schwaben, daß dieser auch Freude an solcher Art von bescheidenem Naturerleben habe. Mörike zeigte später dem Gaste zwei Rotkehlchen, me im Käfig vor dem Fenster standen. Auch einige kleinere Gedichte beweisen- roie sehr Mörike« Neigung ihn in das Gebiet 6er Vogelliebhaberei führten. „Auf den Tod eines Vogel" und das neckische JBogcUleb stten als Beifpiele genannt. Allbekannt Ist der „Turmhahn von Cleoersun doch", fi'er erzählt uns der gemütvolle Pfarrer mit viel Vefchaulichte' u. a., daß er einen ganzen Samstagnachmittag (einem Fritz einen Meisti schlag zimmerte. Er war also nicht nur der femnerolge Lyriker, fonbe aud; ein wirklicher Fachmann und Praktiker auf dem Gebiete der Voge Haltung. , , Der zweifellos größte Kenner unterer Dogelwelt ist Heinrich S t i o e Aus Schritt und Tritt begegnen wir in allen seinen Werken den neo l vollsten Schilderungen unserer gefiederten Welt. Vielfach sind Vogel o Mittelpunkt seiner Novellen. Die Erzählung, in der Herr Dusedann, der zweiunddreißigjährige Junggeselle, auf dem Wege über die bei ihm plötzlich erwachte Vogelliebhaberei sein« Braut findet, heißt „Rotkehlchen". „Der Neuntöter" (das ist der Titel einer der schönsten Seidelschen Novellen) gibt als frischgefangener Käfiginsasse durch die Sangeskunst seiner Kehle dem dahinsiechenden Malerfreund Böhlau erneute Schaffenslust und verklärt ihm die letzten Lebenstage. S)ier ist der Ingenieur Seidel als der Spender des Frühlingsboten der echte Vogelwirt vom alten Schrot und Korn. „Odysseus" ist, wie der Untertitel selbst sagt, „eine Bogel- und Menschengeschichte". Seidel war nicht nur Vogelliebhaber, sondern regelrechter Ornithologe. In seiner Jugendgeschickte „Von Perlin nach Berlin" hören wir, wie er in der „garten- und wasserreichen" Stadt Schwerin die Vogelstudien anfing. In seinen alten Tagen noch trieb es ihn, „durch Büsche zu kriechen und auf Bäume zu klettern, um Vogelnester zu suchen, zur großen Verwunderung nüchterner und verständiger Leute über solch kindliches Tun". Sein Lieblingsvogel war der Pirol. In seinem letzten Buche „Reinhard Flemmings Abenteuer" ist ganz besonders schön die Schilderung des von Pirolen wimmelnden Kirschgartens. Des Dichters ornithologische Neigungen waren so groß, daß er 1888 zu Vogelbildern von Giacomelli den Text (darunter auch mehr oder weniger gelungene Gedichte) schrieb. Das Buch — es hat den Titel „Natursänger" — hat jedoch in der Fülle des ornithologischen Schrifttums nur noch antiquarischen Reiz. Unter unseren zeitgenössischen Dichtern ist Ernst W i e ch e r t ein vertrauter Freund der heimischen Vogelwelt. Mit den Vögeln und den anderen Tieren der ostpreußischen Landschaft ist der masurische Försterssohn ausgewachsen. Unter des Vaters Leitung lernte er mit sieben oder acht Jahren schon, den Haubentaucher mit der Kugel zu schießen. Wildenten, Sperber und Tauben holte er aus dem Fluge herunter. Der Hühnerhabicht, der Milan, der Schreiadler, sie alle wurden seine Deute. Mit dem zahmen Kranich gar verknüpfte ihn aus dem elterlichen Hof für kurze Zeit ein rührendes Band von Liebe und Anhänglichkeit. Dem gereiften Manne erscheint es heute, als sei er dem Herzen Gottes niemals näher gewesen, als in den Stunden, in denen die kindliche Hand über das Gefieder dieses Kranichs glitt. Nur der königliche Fischadler, bei dessen schwermütigem Schrei sich zum erstenmal das ;,Unnennbare" in ihm rührte, blieb der Sehnsucht des jugendlichen Jägers versagt: dafür ist der Dichter dem großen Vogel heute noch dankbar. Denn er ist für ihn das Stolzeste und Unerreichbarste geblieben, was ihm die Heimat auf ein« gütige Weise vorenthielt, „damit die Hand nicht entweihte, was nur der Seele gehören sollte". Wundersam sprechen diese Erinnerungen zu uns in „Wälder und Menschen". Daneben lasse man die Stelle in der .Hirtennovelle" auf sich wirken, wo ,cher Ruf des Pirols mit süßer Eintönigkeit über den Wald gefallen war", während das Kind Michael vor dem toten Vater und dem „Soldaten" unter den gesplitterten Besten des niedergebrochenen Baumes ftanb. Dann beachte man die Rolle, die der Wiesenschnarre (dem Wachtelkönig, crex, crex, d. Verf.) in der „Majorin" zugedacht ist. Nicht weniger als llmal spricht der Dichter von dem einsamen Vogel, der mit seinem unermüdlichen Ruf „über der Ernte wacht": Auch er bindet den so unheilvoll verwirrten Jäger Michael, dieses Opfer des Krieges, und der afrikanischen Gefangenschaft, an die ostpreußische Heimat: „Eine Wiesenschnarre ruft hinter dem Feld, und es ist gut, auch ihr zuzuhören, dem eintönigen und so einfachen Ruf, in dem alle leisen Geräusche der Nacht zusammenströmen als in einem Mittelpunkt, dem allein zu sprechen erlaubt ist, in dem großen Schweigen der Felder und Wiesen." Die Fülle des Vogelwissens, über die Wiechert ganz offenbar verfügt, stellt das in den Schatten, was viele andere Dichter gelegentlich über ihre Beziehungen zur Vvgelwelt durchsickern lassen. Hans C a r o (fa erzählt in „Führung und Geleit", daß er z. B. die Nonnenmeise, die Blaumeise und den Kleiber erst im Krankenftiibchen des langsam sterbenden und doch so glaubensstarken Goldschmieds kennenlernte. Wenn er aber vom Schnabel der Nonnenmeise zu berichten weiß, daß er „von eifrigen Hämmern oft wie ein Meißel quer abgeschlisfen ist", und daß der Kleiber „5, 6 Körnchen auf einmal nimmt, um seine heimliche Vorratskammer zu bedenken", so zeugt das von einer überdurchschnittlichen Beobachtungsgabe des Dichters. Den rotrückigen Würger lernt Angermann („Geheimnisse des reifen Lebens") kennen, als der In feinem Garten brütende Vogel eine Katze angreift. Er hört bei dieser Gelegenheit von den „grausamen Gewohnheiten", die man diesem Vogel nachsagt. Gerechterweise fügt er hinzu, daß er bzw. Cordula noch keine Untat ihm nachweisen könnten. Daß Earossa einen offenen Blick für Vorgänge in der Vogelwelt hat, beweist eine andere Stelle in „Geheimnisse des reifen Lebens". Dort erzählt er, wie durch mitleidige Menschen die am Fuße der Alpen von eisigen Herbststürmen auf dem Zuge überraschten Schwalben planmäßig gesammelt werden, um mit „großen Luftschiffen" über das Gebirge nach Italien befördert zu werden. Eine kleine anmutige „Betrachtung" über unsere Vögel, hak Otto G m e l i n geschrieben. Sie heißt „Was da singt und klingt..." und verrät viel ornithologische Senntniffe. Sie ist so recht geeignet, in stillen Minuten im sommerlichen Garten gelesen zu werden, zur kurzen Unterhaltung und Belehrung, nicht zum Studium. Auch in den Werken von Frauen stoßen wir auf oft recht deutliche Spuren von Vogelkenntnissen. So klingt Josefa Berens-Totenohl Im „Femhos" das traurig-süße Lied des Kreuzschnabels aus dem Fichtendickicht, „als finge er fein eigen Herzeleid". Damit findet sie eine recht treffende Kennzeichnung dieses bescheidenen Gesanges, den die weitaus meisten unter uns noch nie gehört haben. Besonders gut beobachtet die Dichterin an der Stelle, wo sie den alten Müller erzählen läßt, daß das Spatzenweibchen innerhalb weniger Tage sich den dritten Gatten zu- gelegt hat. Die Wissenschaft weiß, daß es mit der f»genannten Gatten- treue bei unseren Vögeln nicht weit her ist, und daß, wenn während der Brutzeit ein Teil ausfällt, der überlebende schnell einen anderen Partner entnimmt: Der Vogel dient rein triebhaft der Arterhaltung. Josefa Berens- Totenohl zeigt hier jedenfalls, daß ihr die sentimentale, vermenschlichend« Tierbetrachtung fern liegt, di« mit ethischen und moralischen Werturteilen arbeitet. Don Her Höhe Ihres Lebens hakt dl« Schwelzerkn Marko M afrv Rückschau auf das eigene Wachsen und Werden und nennt diese Arbeit voll reifer Weisheit „Sinnbild des Lebens". Mit besonderer Liebe gedenkt sie dabei des naturverbundenen Vaters. Das Allerschönste, so meint war es doch, wenn sie mit ihm im dämmernden Morgen auszog zum Frühgesang der Vögel. Seiner gütigen Führung gelang es in der Tat, sie mit all den Stimmen der kleinen Sänger vertraut zu machen: „Nach und nach lernte ich sie alle kennen und auch den Gesang der Naheverwandten unterscheiden, den männlich goldenen der Singdrossel vom weid« lichen dunkleren der Amsel, den flimmernden der Gartengrasmücke vom leuchtenden des Schwarzkopfes, lernte die zwitschernden schmelzenden Stimmen von Garten- und Hausrotschwänzchen trennen und die Ruf» der sieben Meisen und lernte hineinlauschen in das süße Geschwätz dev Laubsänger". Di« Dichterin verfügt aber nicht nur über ein ganz um gewöhnliches Maß von feldgrnithologischem Wissen. Sie lernte auch dis Pflege der einheimischen Käftgvögel, denn der Vater richtete sich in ihrem elften Jahre eine große Vogelstube ein. Ein ganzes Kapitel ,Käfige" widmete sie diesem Erlebnis. Allerdings darf nicht unerwähnt bleibe», daß die Dichterin gerade in diesem Abschnitt ihres Buches den Vögeln Empfindungen und Gemütsregungen zubilligt, die sie in Wirklichkeit nicht besitzen. Parus major ist der wissenschaftliche Name für die Kohlmeise. Daher kommt der Titel von Ruth Schaumanns männlichem Buch „Der Major". Der Kadett Jobst von Matchen (er fällt als Major im Weltkrieg) hat eines Tages diesen tiefsinnigen Spitznamen weg. Daß seine Kameraden ihn so nennen, ehrt ihn. Als er mit Mumps schwer erkrankt bar- niederlag, rettete er eine Kohlmeise aus dem Schnee. Wir aber dürfen annehmen, daß die Dichterin nicht ohne vogelkundliche Kenntnisse ist« Sonst hätte sie kaum die Systematik der Ornithologie als Quelle benutzt, Ist es ein Wunder, wenn unter den vogelkundigen Dichterinnen — last not least — Ina Seidel zu nennen ist? Sie ist di« Nicht« und gleichzeitig Schwiegertochter Heinrich Seidels. Ihr Vater, Hermann Seidel, der Braunschweiger Chirurg, war wie sein Bruder ein leidenschaftlicher Tier- und Vogelfreund. Als Kind las Ina Seidel im Elternhaus daher schon Brehms großes „Tierleben". Die Erinnerung an die Zeit, da sie die von der Persönlichkeit des Vaters bestimmten Eindrücke empfing, legt sie in „Meine Kindheit und Jugend" nieder. Sie gedenkt in diesem Zusammenhang nicht nur der Vogelstuben in Haus und Garten, sondern auch der Rotkehlchen, die in der Kinderstube überwinterten« Die in jungen Jahren geknüpften Beziehungen zur Vogelwelt spiegeln sich wider im „Weg ohne Wahl". Merulas Vater war nicht nur Astronom und Meteorologe, sondern auch Zoologe. Und weil er unter den Vögel» bi« Singdrossel (Turdus musicus) — wir nennen sie heute philomelos —< i und die Schwarzdrossel (Turdus merula) besonders liebte, hatte er den beiden Kindern diese Namen gegeben. Unvergeßlich sind Merula die Waldspaziergänge mit dem verehrten Vater. Da sieht sie nicht nur den Fischadler, sie entdeckt auch das Nest der Beutelmeise. Wenn Ina Seidel sich gerade dieser, bei uns so überaus seltenen Meisenart entsinnt, bann dürfen wir wohl vermuten, daß hier di« Erinnerung an den eigene» Vater wirkt«: Hermann Seidel war nämlich in den 70er Jahren einmal . die Feststellung gelungen, bah dieser Vogel in seiner Heimat bei Güstrow i brütete. Das blieb bis heut« der einzige sichere Brutnachweis für Remia ! pendulinus in Mecklenburg. Worpswede. Landschaft aus Licht. Don Manfred Hausmann. Zwischen Bremen und der Nordsee, am Fuße des 52 Mele») hohen Weyerberges, der sich als einzige Höhe aus der ebenen Fläche des Teufelsmoores erhebt, liegt Worpswede, die alte Moorbauernsiedlung, das junge Künstlerdorf. Waren es um die Jahrhundertwende vornehmlich die Maler, bie ben Ruhm des weltverlorenen Dorfes in alle Fernen trugen, so haben sich ihnen in neuerer Zeit Schriftsteller, Musiker und Kunsthandwerker in ähnlicher Gesinnung beigesellt. Was sie, bei aller Verschiedenheit ihres Seins und Wollens, eint, ist bie Sieb« zu ber großen, wind- und lichttiberwehten Landschaft, in bet sie leben. Eine Landschaft, die lediglich aus dem Zusammenklang von Hamm« Niederung, Weyerberg und Teufelsmoor besteht, würde gewiß als etwas Herrliches weit und breit gelten, aber bie Worpsweder Landschaft wäre sie nicht. Der wesentliche Bestandteil, ber Fluß und Weide, Hügel und Wald, Torfstich und Gehöft erst recht eigentlich zu dem macht, was man unter „Worpsweder Landschaft" versteht, der allem miteinander erst ben ganzen Zauber, bie ganze Verzauberung, bie ganze Einzigartigkeit unter den sonstigen Gegenden, man darf wohl sagen ber Erde, mitteilt, fehlt ja noch: das Licht. Nicht das Licht schlechthin, sondern das merkwürdig gebrochene, flimmernde, wehende, durcheinanderspielende Licht des Worpsweder Himmels, das bie Farben tiefer und dunkler aufglühen läßt und dis Welt, indem es den Dingen ihre Härte und Wirklichkeit nimmt, in einen schwebenden Traum verwandelt. Mag die Pariser Atmosphäre ihrs leichte und kühle Silbrigkeit, die Amsterdamer ihre schwermütige Feuchte, die Venezianische ihren geheimnisvollen Goldton haben, in dem Licht, mit dem Worpswede begnadet ist, strömen und sickern alle drei zusammen. Woran es liegt, am Moor oder an der Nähe ber See, an bestimmte» Luftströmungen ober an Veränderungen des Dunstraumes, die ber Berg bewirkt, steht dahin. Es ist nun einmal so. Und dos soll uns genügen. Kein Wunder, daß eine solche Landschaft schon seit langem die Künstler, die ja — die Maler vor allem, aber auch, wenngleich verhüllter und weniger unmittelbar, die Musiker und Dichter — daraus aus sind, den Traum der Welt am Abglanz ber Erscheinungen darzutun, angezogen hat und noch immer anzieht. Als gegen Ende des vorigen Jahrhunderts bie fünf „Alten" die wundersame Schönheit der Landschaft rund um de» Weyerberg entdeckten, da waren es nicht nur Vie Brucken und Torf- tchitfe, die Strohdächer und Eichengruppen, die Moorgräben und Birken- reihen, die ihnen immer neue Ueberraschungen bereiteten, sondern vor allem das unvergleichliche Glimmen und Glänzen, das sich vom J)un= mel auf dies Gebreit niedersenkte und es verklärte. Wie denn auch ihre Bilder, jedes auf seine Weise, davon erfüllt sind. Und wenn noch heute den guten und ehrlichen Kunstwerken, die von hier ausgehen, seien es, Bilder, Melodien, Photos, Gegenstände des Kunsthandwerks oder Dichtungen — auch jenen, die thematisch nichts mit Worpswede zu tun haben — ein feiner Duft anhastet, kaum spürbar oft, aber doch vorhanden, der sich draußen in der Fremde als etwas Besonderes eben als etwas Worpswedisches aus den sonstigen Arbeiten heraushebt, dann rührt auch das wohl von dem Weben und Walten der Atmosphäre her, die alles, was hierzulande entsteht, mit zarter Innigkeit durchdringt. Besucher, die aus der lebhaften Formenwelt der Mittelgebirge oder der südlichen Gegenden des Vaterlandes nach Worpswede kommen, gestehen wohl zu, daß die Größe und Weite unserer Landschaft nicht ohne Wirkung auf sie bliebe, halten aber zuweilen mit der Befürchtung nicht zurück, diese einfachen Linien, diese waagerecht hintereinander geschichteten Farbstreifen, diese Ausblicke ins Ferne und Grenzenlose möchten, wenn sie einem Tag für Tag vor Augen stünden, doch an Reiz verlieren, ja geradezu langweilig werden. Nun, da frage man einmal diejenigen, die es wissen müssen, die Maler, die alten zuerst, die bereits ein Menschenalter hier verbracht haben! Sie werden sagen, daß sie noch nicht einmal an zwei Stunden die gleiche Landschaft erblickt hätten, geschweige denn Tag für Tag. Ehe man eine landschaftliche Stimmung auch nur skizzieren könnte, habe sie sich schon wieder in eine vollständig andere verwandelt. Abermals liegt es am Licht. Anderswo ist das Landschaftsbitd fest gefügt, himmelan und ringsum. Da haben Fels und Kluft, Bergwand und Sturzbach, Waldtal und Landstraße, Kuppe und Wiesenhang ihre beherrschende Geltung. Bei uns indessen, wo das Licht, und noch einmal das Licht den Charakter der Landschaft hervorbringt, genügt an einem trüben Tag eine hellere Stelle im Gewölk, die an der Sonne vor- heizieht, um alles von Grund auf zu verändern, genügt, wenige Minuten später ein tieferer Schatten, um die Welt abermals umzufchaffen, genügt, wenn Narer Sonnenschein strahlt, ein Zirrusschleierchen, eine weiße Kette von Schäfchen, eine vorüberschwimmende Haufenwolke, um - drei verschiedenen Landschaften zu einem schwebenden Dasein zu verhelfen. Bon den Tagen gar nicht zu reden, an denen durcheinanderwogende Wolkenzüge mit Lichtbahnen, Rauchfetzen, Fallstreifen, feuchten Sonnenblicken und nachtschwarzen Regenwänden über die Ebene eilen. Eine solche Landschaft des ewigen Wechsels kann einfach nicht langweilig werden, zu keiner Stunde, in keiner Jahreszeit, unter keinen Umständen. Selbst nicht bei schlechtem Wetter. Denn es ist die Frage, ob sie nicht Kbe dann ihre äußersten und gewagtesten Schönheiten offenbart. Man jedenfalls darüber streiten, wann sie sich bewegender ausnimmt, in Bläue und Sonnenglast oder verschleiert vom matten Silber einer Hagelbö, hinter der die Ferne noch in goldenen Pastellfarben cmf- leuchtet, im graublauen Dunst eines Frühlingstages oder im aufreißenden und wieder zusammendampfenden Rebel eines Herbstmorgens mit der Totenstille und dem Betropfe von Baum und Strauch, im Frieden eines rosa überhauchten Abends oder im unvorstellbaren Getümmel eines dahinrasenden Nachtgewitters, wenn die Ebene weithin in blauen, Ala und rötlichem Geifterlicht aufflammt. Es ist eine unendliche Landschaft, unendlich im Raum und unendlich im zeitlichen Wandel der Erscheinungen. Wer dieses Großen und Himmlischen erst einmal so richtig innegeworden ist, der wird hinfort auch die Einzelheiten und kleinen Dinge nicht anders als eingebettet in den atmenden Rhythmus des Lichts sehen können: die gesammelte Kraft einer Eiche etwa, die rührende Anmut eines Wollgrasflöckchens, die Gewachfenheit und das Schweigen eines baumumraufchten Gehöfts, das seidige Fliehen des Wassers über ein Klappstau, die Blüten eines Baumgartens mit den absinkenden Weiden und Hecken dahinter, das Moos auf einer verwitterten Backsteinmauer, die düstere Fläche eines Torfstiches, den schwerem Flug eines Fischreihers durch den Abend, die luftumflossenen Gestalten der Moorbauern bei ihrer niederkrümmenden Arbeit und die ruhigen, hellen Augen der Kinder. ©er Apottofatter. Von Rudol'f Kreutzer. Als ich noch ein Knabe war und in die unteren Klassen der Lateinschule ging, wohnte in der Sendlingerstraße in einem schönen und vornehmen Hause der Herr Rackl, der Finanzrat Erwin Rackl, ein stattlicher, freundlicher Mann in mittleren Jahren, mit einem blonden, wehenden Vollbart und funkelnden Brillengläsern. Ich kam oft in sein Haus, denn er war ein Freund meines Vaters, und ich hatte zruveilen eine Bestellung auszurichten oder etwas zu ihm zu bringen, aber auch wenn ich nichts auszurichten oder zu bringen hatte, ging ich gern in fein Haus und erfand leicht irgendeinen Vorwand, denn die schöne und noch sehr junge Frau Rackl, hatte immer, wenn ich kam, ein kleines Geschenk, eine kleine Freude für mich bereit. Es war dies aber nicht etwa der einzige Grund für meine häufigen Besuche, sondern es gab im Hause Rockel eine Kostbarkeit, einen Schatz, wie es mich dünkte, eine Schmetterlingsfammlung, die ich nicht oft genug sehen und bestaunen konnte und vor der meine eigene bescheidene Sammlung allen Glanz verlor. Da staken in einem großen hölzernen Kasten unter dem blitzenden Glasdeckel, starr und reglos, mit vorgestreckten Fühlern, die vielen Falter, die schmalen Leiber van feinen, kaum sichtbaren Nadeln wie von hauchdünnen, silbernen Lanzen durchbohrt und breiteten die tote Pracht ihrer samtenen, goldgeschmückten Flügel wie schöne Sinnbilder des Vergänglichen vor meinem staunenden Blick, die scheuen, lautlosen Gäste der Sommerwiesen, die unbegreiflichen Farben und Wunder meiner Knabenträume: Admirale, bunt und leuchtend wie die Flaggen der Schiffe auf dem Meere, Kaisermäntel, kostbar und prächtig wie Brokat, Perlmutterfalter mit Flügeln, die schimmerten wie von Juwelen, schwer- wütige Trauermäntel und lustig blitzende Bläulinge. Einer aber war unter ihnen, ein scheuer und fremder Gast, ein Niegesehener auf den Fluren der Heimat, der aus den einsamen Höhen der Berge kam, und der den Namen eines Gottes trug, ein Apollofalter, und ich wurde nicht müde, den Fremdling immer wieder anzuschauen, der mir schöner und lichter dünkte, als alle die Farbenwunder, die ihn umgaben. Da'spannten sich aus dem flaumigen Samt feines Leibes die glaszarten, zerbrechlichen Flügel und es war, als ginge keife noch der Atem über sie hinweg und bewegte zitternd die blutdunklen, rubinroten Kreise, die wie purpurne Monde an den Flügelrändern sünkelten und mitten durch Den kühlen, silbrigen Glanz der schöngerundeten Schwingen lief geheimnisvoll gläsern das unfaßbar zarte Geäst der Adern, ein unausdenkbares, traumhaftes Gewirr von hauchdünnen Linien und Figuren, die einander tastend suchten, sich ineinander verschlangen und wieder auseinander strebten. Ost faß ich, über den hölzernen Kasten gebeugt, reglos mit froh erschrockenem Atem und immer, wenn ich auf das gebreitete Flügelpaar des Apollofalters blickte, fo schien es mir, rote eine aufgetane stille Frage an meine Seele, auf die ich keine Antwort wußte, wie ein sichtbares Gleichnis eines unsagbar Schönen und Beglückenden, das wie ein Geheimnis in das ewige Leben der Schöpfung verwoben war und von dem ich fchaudernd ahnte, daß es ferne und noch unerkannt, auch in meiner Seele wohne. Einmal, an einem schulfreien Nachmittag, war ich wieder im Hause des Finanzrates. Ich saß, wie immer, über den Schmetterlingskasten gebeugt, versunken im Anblicke des schönen Falters, und plötzlich stand Frau Rackl neben mir, und indem sie mir die Hand leicht auf die Schulter legte, fragte sie mich, ob sie mir vielleicht den Apollosatter schenken sollte. Ich blickte verwundert und fast erschrocken in bas stille, gütige Gesicht, das sich zu mir niederbeugte, und wagte nicht zu antworten. Da ging Frau Rackl aus dem Zimmer, und als sie nach einer Weile zurückkam, da hatte sie eine schmale Schachtel in den Händen, auf deren Boden sie ein kleines Korkplättchen befestigt hatte. Dann hob sie den gläsernen Deckel des Kastens aus den Angeln, und mir war, als hätte sie mit einem Zauberschlüssel das Tor zu einem Geheimnisse geöffnet, ich sah ihre schönen, schmalen Hände behutsam nach dem Falter greifen und ihn aus dem bunten Kranze der übrigen Schmetterlinge lösen, und bann war er plötzlich aus bern Kasten unb in ben feinen behutsamen Hänben ber Frau Rackl, er blitzte unb funkelte im hellen Lichte der Sonne, das durch das offene Fenster fiel, unb es war, als rege er leise die scheuen, vorgestreckten Fühler, aber bas war wohl nur in meiner Einbilbung ober weil mein banger Atem sie bewegte. Auf einmal aber hielt ich bie kleine Schachtel in ben Händen, in die Frau Rockel den Falter gesteckt hatte, unb ich würgte einen ftammelnbcn Dank hervor unb lief ohne Gruß aus dem Zimmer, lief bie Treppe hinab ins Freie. Als ich jedoch in bie nächste Straße einbog, ba staub an ber Ecke der Karl Haider, ein grober unb ungeschlachter Junge, ber mit mir in bie Volksschule gegangen war, unb mit bem ich manche Knabenrauferei zu bestehen gehabt hatte. Ich tat, als hätte ich ihn nicht gesehen unb versuchte an ihn vorbeizukommen, aber er hatte mir schon ben Weg verstellt unb begehrte zu wissen, was ich in ber Schachtel hätte, bie ich fo behutsam trage. Ob ich denn immer noch mit Maikäfern spiele, fragte er mich höhnisch, da ich die Schachtel zu verbergen suchte, und er wolle doch sehn, was ich ba Kostbares nach Hause trüge, unb babei griff er nach ber Schachtel unb versuchte, mir sie zu entreißen. Ein ohnmächtiger Zorn ergriff mich und zugleich eine heiße Angst um ben Besitz bes Falters, und plötzlich hob ich bie freie Hanb unb schlug mit ber Jaust mitten in bas Gesicht meines Peinigers unb bann lagen wir am Boben unb wälzten uns im Kampfe, unb als die Rauferei zu Ende war und ich verschmutzt und verstaubt aufftanb, ba lag bie kleine Schachtel zerbrückt unb zerbeult am Boben, und ich griff rasch noch ihr und lies mit keuchendem Atem davon unb wagte nicht, fie zu öffnen und hineinzusehen unb betete im Stillen, daß ein Wunber geschehen unb ber Apollofalter unversehrt fein möchte unb glaubte hoch nicht mehr daran unb hatte doch keine Hoffnung mehr. Als ich bann enblich zu Haufe war, schlich ich still in mein Zimmer und öffnete, indes mein Herz in bangen Schlägen pochte, bie Schachtel unb ba lag ber Apollo?, satter, ber schone Frembling mit dem Götternamen, ber lichteste unb zarteste seiner Brüher, mit zerbrochenen Flügeln unb wie kleine blitzenbe Scherben von Glas lagen verstreut die Reste seiner Schwingen umher, unb ich griff nach bem größten der funkelnden Stücke und betrachtete es lange mit tränenerfüllten Augen, unb als ich es bekümmert wieher zu ben anberen legte, ba sah ich, daß mir an ben Fingern ein feiner, golbener Staub zurückgeblieben war, wie von bem offenen Blütenkelche einer Blume. Dies ist nun schon lange her, und wenn ich zurückdenke, so hat es in meinem Geben feither noch manches Zarte unb Schöne gegeben, an bas sich gerne meine Seele verloren hätte unb bas mir bann hoch wieder unter ben Hänben zerhrach. Manchmal aber will mir scheinen, als fei jenes frühe Erlebnis bes Knaben mir immer nahe geblieben unb als müßte ein ferner Glanz, ein leiser Nachhall baoon für immer in meinem Geben bleiben unb wenn mir je in ben Sorgen unb Wünschen unb Zielen, bie mich fortan umgaben, ein schöner unb lichter Traum verblaßte, ein halbes Bilb zerfiel, so brauchte ich nur zurückzuhenken an jenes Erlebnis aus ber Knabenzeit, ba mir zum erftenmale in meinem Geben bas Wissen von ber Vergänglichkeit alles Schönen von ben zerbrochenen Flügeln eines Slpollofalters zugekommen war, von deren holdem Glanz mir nur noch, wie eine letzte unb kostbare Erinnerung, ein feiner goldener Staub an ben Fingern zurückgeblieben ist. Derantwortktch: Dr. Hans Thhriot. — Druck und Berlag: Brühlsche Untverfitütsdruckeret 2t. Gange, Gießen.