GietzeimZaimIienbMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1938 Montag, den (2. Dezember Nummer 97 Ner Korbmacher von Sankt Stephan Lin heiterer Liebesroman von Alfons o. Lzibulka Gopyrigfjt by J. G. Eotta'sche Buchhandlung Nachfolger, -Sttittgarl 1. Fortsetzung. Vorhin, als sie Jyie Stimme des Hadik hinter dem Schimmer der Lichter erkannte, ist ihr etwas eingefallen. Hat doch einen Leutnant, der Hadik, den er adrniriert und der etwas für die Hartenberg wäre! Den könnte man doch nach Schlesien schicken! Wenn wieder niarschiert werden muff, brauchte man ohnehin einen Offizier, der die Regimenter alarmiert in Mähren, Böhmen und Schlesien. Da könnte er doch schon morgen retten, oder noch besser übermorgen gleich mit dem Postwagen der Hartenberg fahren. „Rabenau" notiert die Kaiserin zwischen Geschütz unib Armeekorps. Jetzt erst kommt der Kanzler $u Wort. Die Monarchin nickt. Dann faltet sie das Papier zusammen, erhebt sich. Es ist spät geworden. Sie will noch arbeiten und ihre Kinder sehen. Sie sagt tur,): „In drei Tagen ist wieder Konferenz. Da will ich den Plan für den Fel'd.zug haben —" Leiser fügt sie hinzu :„Auch den Defensionsplan von Wien? Sie reicht dem Marschall die Hand zum Kusse. Tief neigen sich die Generale und Minister. Die Kaiserin geht. An der Tür bleibt sie noch einmal stehen, blickt über die sich neigenden Perücken und ruft freundlich: „Komm Er dann noch in einer halben Stunde zu mir, Hadik!" Sein Kat, anzu- greifen, hat ihr gefallen. Wieder knallen am unteren Ende des Tisches die Tschismen und klirren die Sporen. Vom Staatskanzler Kaunitz gefolgt, verläßt sie den Raum. Der kleine, vierschrötige Panduren general Andreas von Hadik trat in das Arbeitskabinett der Kaiserin. Als er mit stampfendem Schlag an der Türe hielt, sah sie von ihrer Arbeit auf: „Komm Er nur näher, mein lieber Hadik! — Und steh Er bequem — ich bin nicht der Daun —" Sie lachte und lehnte sich in ihren Armstuhl zurück.. Der Lichtkreis der Kerzen, die auf ihrem Schreibtisch flammten, umschloß mit seinem wärmenden Schein General und Kaiserin. „Er ist also mit der Intention, erst bei Olrnütz zu defendieren, nicht einverstanden?" „Ich bin überhaupt gegen das Defendieren, Ihrs Majestät!" Die Monarchin nickt zustimmend. Kaunitz mochte recht haben. Aber eigentlich schade, daß dieser Hadik kein Feldherr war. Immerhin konnte es nicht schaden, seinen Rat zu hören. Wegen der Disziplin und des Respekts war das vorhin im Beisein des Marschalls Daun wohl nicht gegangen. Die kleine dicke Exzellenz war ohnehin schon wild geworden. Die Kaiserin lächelte, als ihr einfiel, daß sie Daun im stillen den gleichen Namen gegeben, mit dem ihn der preußische König zu nennen liebte. Aber auch beim König entsprang dieses Scherzwort mehr der Achtung als dem Spott. Denn auch der König hielt viel von ihm. Rur fllriöser hätte Maria Theresia manchmal ihren Daun gewünscht, hart und zustoßend wie das alte Raubvogelgeschlecht der Wildgrafen bei Rhein, aus deren Sippe er stammte. Sie fragte: „Ueberhaupt nicht defendieren, Hadik? Also Angriff, aber wie?" „Ehe man angreift, muß man wissen, was der Feind tut, wo er steht, was er will. Das kann nur Reiterei. Reiterei ist das Auge des Feldherrn. Ein Kavalleriekorps, an die sechzig Schwadronen, nach Schlesien, dem König entgegen. Ein zweites über die Lausitz bis dicht an Berlin. Ein drittes über Polen in den Rücken des Feindes. Dazwischen auf allen Straßen und Wegen, durch alle Brüche und Moore Patrouillen und Streifparteien —" In kurzen, oft abgehackten Sätzen entwickelt der Feldmarschalleutnan-t seinen Plan. Aufmerksam hört die Kaiserin zu. War nicht dumm, was der General da sagte. Bielleicht irrte sich Kaunitz doch! Prüfend glitt ihr Blick über die breite, untersetzte Gestalt des Generals, ruhte forschend auf seinem eckigen, schnauzbärtigen Antlitz, aus dem sich die Nase wie ein Geierschnabel zwischen den Falkenaugen wölbte. Hadik übte keine Kritik. Dazu war er zu sehr Soldat. Aber es war doch herauszuhören, daß er den Generalissimus für allzu bedächtig, für zu schwerfällig und vorsichtig hielt. Mochte schon so fein, wie Kaunitz sagte, daß man Daun einen General zur Seite stellen sollte, der den Teufel tm Blute hatte. Ob es nicht doch dieser Hadik war! Schweigend hörte Maria Theresia zu. Sie schob sogar gehorsam die Akten zur Seite, als der General jetzt, unbekümmert um alle Etikette, eine abgegriffene, von den Feldlagern schmierige Karte aus der Tasche seiner Reiterhase zog und sie bedächtig über den Schreibtisch der Kaiserin breitete. Ohne lange zu fragen, trat er neben die Monarchin, rückte den hohen silbernen Leuchter in eine Ecke und begann, mit einer Art Zimmermannsblei Striche und Pfeile auf die Karte zu zeichnen: Aufklärungsziele und Anmarschwege für Regimenter, Patrouillen und Streifparteien. Er glühte förmlich, der General. Er sprach von Reiten und lieber» fall, von Radasdys und Zielens Husaren, von seinen eigenen Reitern und den Kürassieren des Seydlitz. Von feinen Feinden sprach er mit Wärme und Stolz. Aber was die Armee, was Daun tun sollte hinter diesem Schleier spähender, jagender, raufender Reiter, davon sprach er «ficht. Du Kaiserin fragte ihn auch nicht. Wieder einmal hatte dieser kühle, rechnende Kaunitz recht behalten: ein Feldherr war Andreas von Hadik nicht. Aber Maria Theresia genügte er . auch so. Rur den Namen „Laudon", den ihr vorhin der Si-qaatskanzler genannt, unterstrich sie auf dem Zettel, auf dem schon der Name „Rabenau" stand. Dann sagte sie: „Magnifique, Hadik! Ich werd'» dem Daun sagen..< illnb wo wird Er sein Stabsquartier hoben?" Hadik stieß den Finger in die Karte, nahe der preußischen Grenzet „Vorerst in Groß-Jaunitz, Ihro Majestät ..." Die Kaiserin sah betroffen auf. Iaunitz? Das war doch das Schloß vom alten Hartenberg? Dort sollte er ja hin, der Rabenau. Manche Ehen scheinen wahrhaftig im Himmel geschlossen zu werden. Maria Theresia lächelte. Der General deutete dieses Lächeln anders: „Halten zu Gnadem Ihro Majestät, es ist nicht wegen der brillanten Quartiere ..." Die Monarchin schüttelte belustigt den Kopf: ,Lrh weiß, Hadik. Ich kenn Ihn doch .... Und das meine ich auch nicht. Mir ist nur etwas ein* gefallen ... Wann will Er reiten?" „Je eher, desto besser! Meine Reiter und Panduren müssen in Schlesien stehen, noch ehe der König in Berlin daran denkt .,." Die Kaiserin runzelte die Stirn: „Er weiß, daß ich seine Panduren nicht mag!" „Der König auch nicht, Ihro Majestät!" Seine Augen blitzten fröhlich. würde sich über die Majestät."' Urlaub abgebrochen, Maria Theresia lachte: „Dann nehm Er sie halt in Gottes Namen mit!" Sie wurde wieder ernst: „Ich werde Ihm die Befehle aurfertigen -lassen für die Regimenter in Mähren ... Hat er noch einen Wunsch?" „Wenn Ihro Majestät befehlen wollten, daß mir der Hofkriegsrat eine Stafette stellt, die die Regimenter alarmiert ..." „Schön! ... Das heißt .. Er weiß doch, Hadik, daß wir keinen Ueberfluß an Offizieren haben hier in Wien ... Und ein Offizier muß es wohl sein ... Schick Er doch den Rabenau! Er hat mir doch gejagt, er sei sein bester Offizier. Der könnte doch schon übermorgen reiten und auch gleich für seinen Stab die Quartiere machen. Oder hat der Rabenau hier keine Pferde? Dann soll er mit der Eilpost fahren!" Postsghrten sind langweilig. Die kleine Hartenberg ” ' ........ Gesellschaft freuen. „Nun, was meint Er, Hadik?" „Der Leutnant von Rabenau hat Urlaub. Ihro „Urlaub? Hat Er in seinem Leben noch keinen Hadik?" „Halten zu Gnaden, aber Ihro Majestät haben dem Leutnant selbst den Urlaub bis über den Fasching zu verlängern geruht." Die Kaiserin antwortete nicht gleich und spielte nachdenklich mit dem Krayon. Wenn der Rabenau bis über den Fasching in Wien blieb, würde das Stabsquartier des Hadik wohl längst nicht mehr in Groß- Jaunitz sein. Aber was war da zu tun? Urlaub von der Kaiserin selbst war eine zu hohe Gnade, als daß man ihn nehmen durfte. Aber vielleicht ging es doch, daß der Rabenau ritt. Maria Theresia meinte: „Wer weiß, ob’s dem Rabenau gar so contre coeur ging ... Töt nicht mehr viel versäumen, mein ich. In der Burg ist der Fasching ja doch zu Ende. Hab nach Leuthen die Lustbarkeiten ohnehin nur erlaubt, damit mir die Wiener nicht Trübsal blasen .. " Sie blickte nach der Uhr, die auf der spiegelnden Kommode zwschen den beiden Leuchtern stand, in denen noch die Kerzen steckten, die damals vor zwei Wochen das Mädel, die Brand, gebracht. „Ich dank Ihm schön, Hadik. Das mit der Stafette vorn Hofkriegsrat will ich mir noch überlegen ..." Als der General rückwärtsschreitend an der hohen,, weißen Türe noch einmal stramm steht und den roten, goldgeränderten Dreispitz seitwärts schwingt, sieht sich die Kaiserin nach ihm um: „Sag Er, hat der Rabenau am Ende eine Liaison hier in Wien?" Der General denkt: wär kein Leutnant, wenn er sie nicht hätte. Laut aber tagt er: „Ich weiß nicht, Ihro Majestät." Maria Theresia droht ihm lachend mit dem Finger: „In solchen Affären haltet Ihr Offiziere zusammen wta die Kletten — ob General oder Leutnant ... Geh Er nur, Hadik! Und sag Er mir noch Adieu, ehe Er zu seinen Panduren nach Iaunitz reitet!" Ueberlegend, langsam ging Hadik die Marschallsstiege hinunter. Was hatte die Kaiserin bloß mit dem Rabenau? Wollte wohl wieder einmal eine Ehe stiften? In Iaunitz lebte doch diese kleine Hartenberg, die den Winter über bei der alten Wotf in dem Haus« neben dem Kerzelmacher roobnte. Hadik blieb auf dem ersten Treppenabsatz stehen. Die beiden Grenadiere unten am Tor. die schon »um Prasentierariss angesetzt Hutten, schulterten wieder ihre Gewehre. Bor dem Haus« neben dem Kerzelmacher stand doch der Rabenau alle Tage Posten. War s also am Ende doch wegen der Hartenberg und nicht wegen des Wachszieher- mädels? Halte die Kaiserin nicht gesagt: „Wer weih, ob s ihm gar so contre coeur ging, dem Rabenau ..Aber warum hatte er danni IM Dienstreglement das Kapitel „Heiratskonsens für die kaiserlichen Ofti- »iere studiert? Wenns das Komtessel war, war ja der Konsens schon im voraus erteilt. Hadik beschloß, ihn selber »u fragen. Rascher ging er die weihe, schimmernde Treppe hinunter. Der Prästnliergnft der Grenadiere klirrte. Hatte der Rabenau nicht heute wieder Wachtdienst? Oder war es gestern gewesen? Hadik schritt durch die hohe, hallende Torfahrt, in der die qualmenden Fackeln sich vor dem Schneewinde duckten, zur Wacht- stube hinüber. Er war ja nicht im Dienst. Er brauchte ja nicht weiter zu fragen, wenn der Leutnant sich wieder abfentiert haben sollte. Der General hatte sich geirrt. Der Wachtdienst der Kompanie Bärenklau war zu Mittag abgelaufen. Da ging Hadik durch das milchige Dunkel der Durchgänge, Gäßchen und Torbogen, in denen nur da und dort das matte Licht einer Laterne im Schneetreiben schwankte, hinüber zur Himmelpfortgasse, zu dem kleinen Palais, in dem die Rabenau den Winter über zu wohnen pflegten. Mit dem alten Baron war er befreundet. Sie hatten zusammen als Kornetts noch unter dem Prinzen Eugen am Rheine gedient. Die alte Rabin freilich mochte Hadik nicht. War ihm zu hochmütig, das Frauenzimmer, behandelte selbst Generale und Minister en Canaille, wenn sie nicht von hohem Adel waren. Aber man ah vorzüglich bei ihr. Und von der Michaelerkirche schlug es gerade sieben. Um halb acht wurde soupiert. Nach dem Souper machten di« Rabenau mit zwei Gästen ihr Spielchen L'hombre. L'hombre konnte Hadik nicht leiden. Besonders nicht, wenn man um Kupfergroschen spielte. Wenn er schon hin und wieder in des Teufels Gebetbuch blätterte, in der Langweile schlechter Quartiere, im Zelte, dann sollten auch die Dukaten rollen. L'hombre erschien ihm langiweilig wie Zuckerwasser. Da war ihm der Karlowitzer schon lieber, der rubinrot in einer blitzenden Karaffe auf einem indianischen Tischchen stand. Hadik schob das Tischchen samt Gläsern und Flasche näher an den Karnin heran. Dann rückte er Mei hohe, grüngepolsterte Sessel ans Feuer, dah die hohen Lehnen die Sicht gegen das Zimmer verdeckten, in dessen Mitte die Spielenden sahen. Es war überflüssige Vorsicht. Die einzige, die noch scharfe Augen hatte, war die dürre Rabin und die sah ohnehin mit dem Rücken zum Feuer. Neben dem alten, asthmatischen Baron aber hätte man, wenn er Karten spielte, einen Sechgehn- pfünder abfeuern, können, ohne daß er es merkte. Der General fetzte sich, stemmte die Beine in dem roten, goldverschnürten Tuch und den blitzenden Tschismen behaglich gegen den Feuerrost, entzündete umständlich seine Tonpfeife — auch der Holländer des alten Rabenau in dem bauchigen, weißblauen Topfe aus Delft war gut — und winkte bann den Sohn des Haufes heran, der höflich, aber sichtlich gelangweilt als Kiebitz hinter einem der Gäste stand. Der Leutnant kam und wollte Haltung annehmen. Hadik winkte ab: „Mach Er keine Sachen! Setz Er sich einmal da neben mich!" Er sah zu, wie der junge Rabenau das Glas füllte, tat einen Zug aus der Pfeife und sagte leise: „Wir marschieren nämlich wieder, Rabenau!" „Schon, Jhro Exzellenz?" Sehr erfreut schien der Leutnant nicht zu sein. Er starrte ins Feuer. Das hatte sich Hadik gleich gedacht. Er sprach weiter: ,,©aa Er, Rabenau, Er kennt doch das Schloß Groß- Üaunitz?" Hadik lieh den Namen wie ein Stück Zucker auf der Zunge zergehen. Dann sah er den jungen Offizier erwartungsvoll an. Rabenau blickte aus, fchüttelte den Kopf: „Groh-Jaunitz? — Nein, öfjro Exzellenz, ich habe nie davon gehört." „So, ich dachte nur." Der General griff nach seinem Glase und trank. Dann sah er durch den Qualm seiner Pfeife auf die rötlichen Lichter, die über das Leder seiner Stiefel fpielten. Die Hartenberg war es also nicht. War alfo doch die Wachszieherin. Damit wurde der Kasus freilich nicht leichter. Hadik stellte das Glas hin und wischte sich den silbergrauen Schnurrbart: „3d) brauche nämlich einen Offizier, der für mich in Groh-Jaunitz Quartiere macht und zugleich die Regimenter in Mähren und Schlesien alarmiert. Der Offizier M fchon übermorgen oder spätestens Dienstag reiten. Und ich weih mir keinen. Obwohl es doch von Offizieren wimmelt in Wien. Schade, Rabenau, daß Er noch Urlaub hat." Der Leutnant von Rabenau richtete sich auf, es fiel ihm schwer, aber er sagte stramm: „Wenn 3hro Exzellenz befehlen, reite ich natürlich!" Dann starrte er wieder ins Feuer. Dienst war Dienst. Was lieh sich da tun? Hadik schmunzelt« und betrachtete wieder feine Stiefel am Feuer. Er dachte, wie doch soldatische Zucht und militärischer Komment selbst die Liebe zu bezwingen vermögen. Wenn einem diese Liebe auch gerade das Herz zerreiht, wie bet dem Rabenau da. Aber Hadik war nicht hart, wenn es nicht sein mußte. Er klopft« die Pfeife aus, goh fein Glas voll, legte die Hand auf den Arm des Leutnants und sagte lächelnd:' „Ich weih, Rabenau. Aus Ihn kann ich mich verlassen. Aber es wird nicht nötig sein. Die Quartiere kann auch ein anderer machen. Er kommt uns nach, wenn der Fasching zu Ende ist. Nur halt Er's Maul darüber, dah wir marschieren, auch feinem Mädel gegenüber!" Leiser setzte er hinzu: „Soll leben, sein Mädel!" und lieh das Glas an das (eines Leutnants klingen. Hadiks Strenge war gefürchtet. Er konnte manchmal wie der Satan fein. Da halfen auch keine Beziehungen und keine Freundschaft der Bä ter. Aber außer Dienst war er ein gütiger Mann und verstand einen Spaß. Er konnte sich denken, daß der Rabenau jetzt nicht gern« aus Wien ging. Jetzt, da doch das Mädel wahrhaftig den Schatz hatte, den er ihm damals in der Antikamera der Kaiserin gewünscht. Ob es freilich noch fo ganz in Ehren war? Er war doch seiber einmal Leut- n<1 %erÖ6 Feldmar schalleutnant Andreas von Hadik war niA so leicht zu verblüffen. Davon konnten Freund und Feind manches Lied! singen. Aber vielleicht hätte er doch zum erstenmal In seinem Leden nicht den Mund aufgebracht vor Verwunderung, wenn er gewußt hätte, daß der Leutnant Ernst Christoph von Rabenau und die schone Elisabeth Brand noch kein üßort miteinander geredet hatten. Himmel und Eide flammten in strahlender Helle. Jedes Schnee- kristall war eine Sonne für sich. Wie ein Bergesgipsel glitzernd in leuchtendem Weih, stand das hohe Dach von Sankt Stephan über fern Basteien und Mauern, über den Gaffen, Palästen und Bürgerhäusern. Aus dem Hochamt strömten die Menschen, verweilten rwch ptau- beruh am Kirchentor ober strebten in sonntäglicher Gelassenheit allein, zu zweien oder dreien ihrem Festbraten zu. An den (onnenfhrrenben Buden an der Dommauer, um die sich kreuzenden ©änsten und Schlitten wogte es bunt und farbig wie auf der Brücke des Grohherrn zu Stambul über dem Goldenen Horn. Alle Völkerschaften aus den weiten Reichen der Kaiserin konnte man sehen und hören: Burger und Bürgerinnen, Kavaliere in roter und grüner und lichtblauer Seide, Damen des Adels und hohe Beamt«, ungarische Husaren, deutsche Dragoner, Zeitungsverkäufer und Bücherkrämer aus Augsburg und Leipzig, Händler mit böhmischem und venettanischem Glas, würdige Ratsherrn und Doktoren aus Wetzlar und Regensburg in schwarzen Talaren und weihen Perücken, slowakische Bäuerinnen, Deputierte und Senatoren aus Antwerpen, Brüssel und Bremen, walachische Hausierer, riesenhaft« Dalmatiner, Türken in gelbem und weißem Turban, deren Väter noch vor zwei Menschenaltern ihr Allahgeschrei vor den Mauern geheult, neapolitanische Dudelsackpfeifer, italienische AbbSs, Domherren aus Aachen und Trier, Tiroler in spitzen, grünen Hüten mit ihren Kräutern und Wurzeln, kurbayerifche und sächsische Offiziere, stutzerhafte Patrizierföhne aus Mainz und Köln, niederländische Spitzenhändler, welsch« Limoni- und Pomeranzenverkäufer, schwäbische und pfälzische Dauern, die auf Hungarn karrten, wallonische Reiter. Durch das bunte Gewimmel bahnte sich der Schlitten des Johann Kirndorfer langsam feinen Weg zum Wachszieherhaus. Schon draußen, auf dem Glacis, hatte er die Pferde in Schritt fallen lassen. Auf der Heimfahrt wollte er der List zeigen, was fahren hieß. Er hatte es sich in den Kopf gefetzt, dah fein Franzi die schone Demoiselle Elisabeth Brand heiraten müsse. Doch auf die Reize seines Sohnes allein verlieh er sich nicht. Es konnte nicht schaden, ihr den Kirndorserschen Reichtum gleich beim erstenmal greifbar vor Augen zu führen. Darum blitzten und funkelten heute die seidig schimmernden Gäule auch im Paradegeschirr. Im Schlitten selber lagen zwei neue Fußsäcke aus Bärenfell und neue wollene Decken. Der Kirndorfer selbst prangte In seinem kostbarsten Pelz: russischer Zobel auf dunkelgrünem flandrischen Tuch. Gab nicht viele Magnaten, die einen schöneren hatten. Den Kutscher, den Joseph, hatte er heute nicht mitgenommen. Im Schlitten konnte er ihn nachher nicht sitzen lassen, und auf dem schmalen Kutschbock war für Mei nicht Platz. Als die Pferde vor dem Wachszieherhause hielten, pfiff er durch die Finger zum Standplatz der Miet- fchlitten hinüber, an der Ecke des Grabens. Den Pfiff des reichen Kirn- dorfer kannten die Kutscher fchou. Dienstfertig kam einer gelaufen. Der Weinkönig warf ihm noch von der Höhe seines Bocks ein Geldstück zu und befahl: „Halt mir derweil die Roh! Dein« Häuter gehen schon nit durch. Di« san froh, wanns stehen können. So zwei Roh wie die meinen solltst halt haben, was?" Umständlich kletterte er vom Bock, beruhigte sein Fettherz durch etliche rasselnde Atemzüge und schwankte ins Haus. Aus der kleinen Türe, die vom Laden ins Treppenhaus führte, kam gerade pfeifend die List. Im Sonntagsstaat. So wie sie damals bei der Kaiserin gewesen war: in blauem Reifrock und rotem Schnürleib, dem pelzverbrämten Jäckchen und der schwarzen Haube keck überm Ohr. Das Verbot für den Laden galt heute nicht. Der war jo gesperrt. Der Nußdorfer Weinkönig hielt ihr die Tatze hin: „Was sagens zu dem Tag, Demoiselle List? Grad wie bestellt! Was? — Oder warens heut noch gar nit auf der Straßen?" „Freilich, Herr Kirndorfer, grab sind der Vater, die Frau Taut und ich aus der Stephanskirchen kommen", antwortete die List vergnügt. Heute war sie guter Laune. Der Kirndorfer hatte fchon recht: Schlittenfahren tat sie für ihr Leben gern. Und daß man am Abend so frühzeitig zu Hause war, daß sie den Leutnant vor der Domkantorei nicht versäumte, dafür wollte sie schon sorgen. Auch hatte dieser Leutnant gestern, als er ging, noch einmal die rote Rose zum Munde geführt. will überlegt fein!" (Fortsetzung folgt.) Grund genug,, daß ihr di« Wett heute gefiel. Väterlich und fieaesgewih tätschelte Johannes Kirndorfer die Hand der Demoiselle: „Js der Vatter auch schon so weit? Da können wir ja gleich fahren —" Aus dem ersten Stockwerk klang Flötenfpiel, womit Aloisius Brand di« Note seines Herzens zu verklären versuchte. Die Lisi lachte: „Freilich is er fertig, der Herr Vater. Tut sich nur die Zeit mit Musizieren vertreiben. Gehens nur naus zu ihm. Ich muß noch zur laut in die Küch." „Gebens nur acht, daß der Drack>en nit Feuer speit!" Während Elisabeth Brand sich den Kops zerbrach, warum der Weinprotz heute so gnädig war, arbeitete sich Kirndorfer mühsam, aber voll Zuversicht die schmale hölzerne Treppe empor, die steil und fchnurgerade, ohne Absatz und Kehre zur Kerzelmacherwohnung führte. Endlich stand er schnaubend im Wohnzimmer, rieb sich vergnügt die krebsroten Hände und sagte laut, unbekümmert darum, daß Aloisius Brand gerade eine süßeste Kanüle ne blies: „Na, was sagst jetzt? Deine List lacht ja heut übers ganze G'sicht. Und da hast du g’meint, sowas wohl nicht viel Wetterglas wäre stark gefallen. „Hebbt Jt »t hele Schah an» Ein leises Quaken chlobohm reichte mir die Flinte, stieß das Boot ab und em. Dann nahm er das Stakruder und stakte uns lang« auf sich hatte, sagte aber, daß sie den Gleich darauf eine ganz vermeiden. „Mojn tagen?" „3d> hoffe, daß sie Er stampfte schnell tenb, hinter ihm her. Als wir ins Freie Schlobohm meinte, es würde heute auch!" Wir hatten Südwestwind, das Aber verfud)en könnten wir's ja mal. dicht halten." voran, ich tappte, hin und wieder ins Leere tre- kamen, erkannte ich hinten am Horizont einige voraus sogar so etwas wie Lichter. Das war Dunkelheit. , , .. Wir glitten an Schilfinseln entlang, die auf der Flut schwammen und mit ihr stieaen und fielen. Es begann leise zu klingeln. Regentropfen schlugen ins Wasser. Das Klingeln verstärkte sich und verwan- delte sich schnell in ein Rauschen. Ein Regenschauer rauschte über U"%hh’ überquerten wir das eigentlicl)e Bett der Hamme des breiten Moorflufses, der mitten durch die Niederung zog. Da der Wind in der Richtung des Flußbettes blies, entstanden ganz schone Wellen. Das Boot chaukelte. 3ch kniete unwillkürlich nieder und hielt mich an den Bordkanten fest. Mit Staken war jetzt nichts mehr zu machen. Die WasserOie Entenjagd. Erzählung von Manfred Hausmann. Kelsen am (Sa. Von Hedwig Forstrevier, Felsen bist du, ruhend In dir, Stark von den Kräften der liefe. Vom Himmel herab sprühen im Regen, 3m Tau, in Sonne die Wethen des Lichts. Harten, wandeln, glätten den Fels, Geben Gestalt dir. Aber die Welle, Die eilig-bewegte, spielt dir zu Füßen, Drängt an die Knie in weiblicher Zartheit, Schaum versprühend, wie Seide flutend, Sagt dir des Elementes Geheimnis: Kraft der Quelle und Stchverströmen, Tiere zu laben und Felder zu tranken, Daß sie blühen und Früchte tragen. — Dein ist das Lauschen, das große Beharren, Stummes Wachsen aus Schichten der Erde, Aber der Welle Teil das ewig-melodische Raunen Und du duldest gelassen ihr Tun. — Es schmilzt euch zur Einheit Sturm, der euch beide erfaßt, Licht, das euch göttlich umglänzt. stand. Der Regen hatte ausgehört, die Lust kam schwer und kalt übers Wasser. Ich schauerte zusammen. „Kriegen noch mehr Regen", sagte Schlobohm. „Will mol bat Water ut den Veerknee moken." Da sah ich erst, daß neben uns, halb aus den Damm gezogen, ein Boot lag, vier Knie ober Spanten lang, ein Seelenverkäussr, wie die Leute es hierzulande nennen. Wir holten das lange, eisenbeschlagene Stakruder hera'us und schöpsten bas Boot mit einer allen Konservendose leer. Born auf der Ducht lag eine zufammengerollte Schilsbecke und hellere Stellen, links . „ Osterholz. Aber was mochte das rechts für ein Schein fein? Schlobohm sagte, es wäre das Torswerk Teuselsmoor, bas mit Nachtschicht arbeite. Ganz links war eine besonders ausgedehnte Helligkeit: Bremen. 3ch merkte, daß mir nicht mehr querfelbeln gingen, sondern einer Art von Fahrweg folgten, der sich als Damm in die überschwemmte Hammeniedrung hineinschob. Rechts von uns plätscherte schon das Wasser. Ein fahler, kaum wahrnehmbarer Schimmer lag darauf. Links zog sich ein Graben hin, aus dem schwarze Pfähle herausragten. Schließlich hielten wir am Rande der großen seeartigen Niederung, die jetzt im November, wo man die Flutschleusc bei Ritterhude geöffnet hatte, von der Scharmbecker Geest bis zum Weyerberg hin unter Wasser ein Brett. Schlobohm warf seinen Rucksack in das Boot, ertönte. „Was ist das denn?" „De Lockente." Obwohl ich nicht wußte, was es mit der Lockente ich: „Ach sol Selbstverständlich! — Wundert mich ganzen Weg über so still gewesen Ist." Als Ich mich gegen fünf Uhr in der Frühe durch Gesske Schlobohms Hofgatter zwängte, war es noch stockdunkel. Ein leiser Nieselregen siel. Ich bog um die Hausecke. Da war ein Fenster hell. 3ch klopste an die Scheibe. Schlobohm schob die Gardine zur eeite, blickte mit zusammen- gefnlffenen Augen hinaus, ohne mich zu sehen, und winkte ins Ungewisse. Dann hängte er sich seine Flinte um und tappte, nachdem er die Petroleumlampe ausgeblasen hatte, auf die Diele. '' machte die Haustür „pang" und noch einmal „pang". „Moini" sagte ich ins Dunkel hinein. „Das Ist ja fluchte Finsternis!" 3ch^kletterte ins Boot und hockte mich schleunigst nieder, da es sehr kippelig war. Schlobohm reichte mir die Flinte, stieß bas Boot ab unb schwang sich hinein. Dann nahm er bas Stakruder und stakte uns lang« fam vorwärts. Die Wellen gluckerten, in der Ferne hinter der Geest brummte ein Dampfer, hin und wieder trug der Wind Eisenbahnrollen herüber. Jetzt pfiff die Kleinbahn in Weyermoor. Nicht lange danach gingen die Lichter am Bahnhof Worpswede an. Wir sahen den Dam- merschein des Zuges dahinschweben, langsamer werden hallen. Dann wieder ein Pfiff. Der Bahnhof erlosch. Der Zug verschwand in der tief« betrug hier vier Meter und mehr. Schlobohm mußte wricken. Bald waren wir am anderen Rande des unruhigen Gebietes angelangt. Das Wasser wurde wieder still. 3n der Ferne dunkelten Schatten: die Gehoster von Teuselsmoor mit ihren gewaltigen Baumgruppen. Im Osten zeigte sich eine Andeutung von Grau am Horizont. Der Regen flog vorbei, wir glitten in einen Schilfwald hinein. Er sah so feft und undurchdringlich aus, als wäre er nie zu überwinden. Aber als das Boot sich herandrängte, ging das Schlls leicht auseinander, lieh uns durch und schlug hinter uns wieder zusammen. Wir glitten gleichsam über Land. Bald öffnete sich eine neue Wasserfläche, dann kam wieder ein Schilf- wald, großer Und dichter noch als der erste, und schließlich wilder offenes Wasser. Die Oberfläche war blank und glatt mit einem Hauch von Dämmerung daraus. Schlobohm zog das Stakruder ein und holte die Lockente aus dem Rucksack hervor. Sie quakte ein bißchen, beruhigte sich aber schnell wieder und hatte nichts dagegen, bah Schlobohm ihr einen Strick, dessen anderes Ende an einem Ring aus Kuhhorn befestigt war, ums Bein band. 3n der Wand des Hornrlnges sah eine drehbare Drahtöse, von der abermals ein Strick ausging. Schlobohm nannte die ganze Einrichtung, die er selbst erdacht und angefertigt hatte, einen Umläufer. Nachdem er sich überzeugt hatte, dah bas Wasser hier nicht tiefer als anderthalb Meter war, bano er einen Backstein an den Strick und warf ihn über Bord. Dann setzte er die Ente aus. Sie schüttelte Ihren Schnabel, legte ihr Gefieder zurecht, wackelte mit dem Schwanz unb schickte sich an, vergnügt davonzurudern. Daran wurde sie freilich alsbald durch den verankerten Strick gehindert. Es blieb ihr nichts anderes übrig, als im Kreise herumzuschwimmen. Wäre der Ring mit der drehbaren Oese nicht gewesen, so hätte sie Schlinge aus Schlinge in den Strick gelegt unb sich allmählich unter Wasser gezogen. Mit zwei kräftigen Stakschüben drängte Schlobohm das Boot ins Schilf zurück, wo es festsaß. Wir legten uns auf die feuchten Bodenbretter, rollten die Schilfbecke über uns, so daß wir nur mit den Kopsen ein bißchen herausguckten, Schlobohm an dem einen und ich an dem andern Ende. Schlobohm bewegte sich noch eine Weile unter der Decke hin unb her, ächzte verhalten und brachte schließlich einen Zigarrenllummel zum Vorschein, den er kalt, wie er war, in seinen Mund steckte. Dann flüsterte er, ich dürfte mich von jetzt an aber nicht mehr rühren. Keinen Laut! Sonst würde nichts daraus. 3ch versprach, mich still zu halten. Zuerst kam es mir unter der Schilfdecke ganz gemütlich vor. Als aber nach einiger Zeit mit dem auffrischenden Wind ein Pladderregeii einsetzte und die nasse Kälte von unten her langsam durch die Kleidung in den Körper drang, wurde ich anderer Meinung. 3ch fror und zitierte. Wie sollte ich bas nur aushalten? Es bedeutete immerhin einen gewissen Trost für mich, daß auch Schlobohm anfing, ungeduldig zu werden. Nachdem er, ohne den Zigarrenstummel aus dem Munde zu nehmen den Regen und die Kälte mit leisen, aber sehr unfreundlichen Ausdrücken bedacht hatte, ging er dazu über, zärtliche Laute nach der Lockente hinüberzusenden, mehr durch die Nase als durch den Mund, wodurch er ihnen einen besonders zärtlichen Tonsall mitteilte. Er konnte es offenbar nicht mehr abwarten, bis die Ente von selbst Lust verspürte, sich vernehmen zu lassen. Sie antwortete denn auch mit einem zaghasten „Rüp, räp". Sogleich erhoben sich in einiger Entfernung einige andere Entenstimmen. 3ch unterschied ein behäbiges „Wack, wack", ein düsteres „Quook, quook" und ein beinahe lachendes „Weck, weck". Dann trat wieder Stille ein. Mit einem Male wehte ein leises, samtweiches, unwirkliches Rauschen auf. Schlobohm hob seinen Kops mit einem Ruck eine Kleinigkeit in die Hohe und tastete nach seinem Gewehr. 3ch folgte der Richtung seines Blickes und sah, daß jenjeits der offenen Wasserfläche eine Kette von Stockenten über dem Schilf austauchte. Sie wendeten sich rauschend nach halblinks und verschwanden. Schlobohm legte sich wieder zurück. Der Himmel wurde heller. Sein Abglanz schwebte grau auf dem Wasser. Es fing wieder an zu regen. Zwei Sturmmöoen flogen mit heiserem „Kliä, tliää" vorüber, ein Zeichen, daß draußen auf der Nordsee schlechtes Wetter herrschte. Hoch oben zog unhörbar ein Keil von Gänsen hin. Da ertönte abermals das weiche, wundervolle Rauschen und verlor sich wieder. Da, noch einmal! Ein herrlicher Laut in der Lust, dies wehende, körperliche Anrauschen und Vergehen! Jedesmal richtete Schlobohm seinen Kops etwas auf, so daß die Augen über die Schilsdecke hinsunkelten, und jedesmal schob er seine Lippen mit dem Zigarrenstummel etwas vor und bewegte sie wie ein Säugling beim Schmatzen. Aber jetzt wurde es ernst. Mit hartem Klatschen stieg ein Pärchen auf und kam angestrichen. Die Ente mit lautem „Wak, wak" voraus, der Erpel mit mattem „Räp, räp" hinterher. Ehe Schlobohm noch anschlagen kontne, ließen die beiden sich schon in der Nähe der Lockente nieder. Schlobohm brachte mit äußerster Vorsicht sein Gewehr In die richtige Lage. Er sluchte nicht er atmete nicht. Nur seine Augen und die saugenden Lippen mit der Zigarre lebten. Noch konnte er den Hagel nicht hinüberschicken, ohne gleichzeitig seine Lockente zu gefährden. Aber das würde ja wohl nicht mehr lange dauern. Die drei Tiere schienen fürs erste Gefallen aneinander zu finden Sie begrüßten sich und ließen sich auf eine lebhafte Unterhaltung ein: „Wäk, wäk — wak wak — räp räp'7 Schlobohms Gesicht wurde immer roter vor Ungeduld und unterdrücktem Fluchen. Was er wohl gesagt haben würde, wenn er gewußt hätte, daß ich es im Grunde meines Herzens mit dem Entenpärchen hielt und hoffte, es möchte so schlau fein, sich nicht allzu weit von der Lockente zu entfernen? Er versuchte vorläufig erst einmal, den linken Arm, der das Gewehr stützte, vom Bootsrano auf die Ducht zu senken. Der Arm mußte ihm eingeschlafen sein ober aus irgend einem anderen Grunde weh tun. Er schnitt die fchauerlichsten Fratzen. Der Tabaksaft lief ihm aus den Mundwinkeln heraus. Langsam u nb Und Tu auf, o Himmel, wie du uns gesagt. eines Hirten greife Rechte geigt, eines Pilgers dünne Flöte klagt, eines Weibes klare Zähre tropft, Herz um Herz am Rand der Krippe klopft: Und Und Und wäre eigentlich schade um den Umläufer, Ich schlug vor, wir könnten ja eben noch einmal zurückfahren ihn holen, „Ne", sagte er und stakte weiter, „nu nicht mehr," Krippenrand. Von Ruth Schaumann, Der Stern, der uns das Kind im Stalle zeigt. Ist wieder hingetreten aus der Nacht, Bergmann der Engel, aus dem finstern Schacht, Demantbeladen steht er bleich und schweigt. Und beide Tiere, warm zum Stroh geneigt, Daraus das Licht des kleinen Knaben lacht, Knien abermals, von Schindeln überdacht, drehte» er den Ellbogen zur Seite, legte sich dann aus die rechte Huste, um den Arm aniüften zu können. Es gelang noch immer nicht. Er legte sich noch weiter herum. Da rutsche der Ellbogen herunter und bumste auf die Ducht. Im nächsten Augenblick strich das Entenpärchen ab. Als Schlobohm sich endlich aufraffte und aus beiden Rohren hinter ihm herschoß, war es schon io weit weg, daß ihm der Hagel nichts mehr tat. Poff, poff. Ich atmete erleichtert auf. Aber was ging denn mit Schlobohm vor? Seine Augen traten aus dem Kopf heraus, er würgte und schlug sich heftig mit der Hand in den Nacken und sah alles in allem so aus, als wäre er am Ersticken. Gerade wollte ich ausspringen und ihm zu Hilfe eilen, als er das Kinn an die Brust legte und schluckte und noch ein-, mal schluckte und bann, nach einem keuchenden Atemzug, ein dumpfes ,Lotz bi den Sunnerteil!" hervorstieh. „Was ist denn um Gottes willen los?" fragte ich. „Twelfdufend Granaten und Bomben noch mol, jetzt hew eck ok noch min Zigarrn dolslucktl" Glücklicherweise prasselten eben ein paar Bläßhühner mit herabgebogenem Kopf vorbei, die Schlobohm ablenkten, so daß er nicht merkte, wie ich die Schilfbecke bis über meine Nass hochzog, um meine unehrerbietige Gemütsbewegung zu verbergen. „Hett ken Zweck mehr", sagte er hustend, „de Regen hett.allns ver-. durben, Möt bi lüttchen an denken, no Hus to fohrn. Verdammter Schietkrom!" Ich versuchte, ihn ein bißchen zu trösten: „Na, Herr Schlobohm , sagte ich, „nun grämen Sie sich man nicht. Es war doch ein ganz schöner Morgen, so die Dämmerung, das Wasser, die verschiedenen Lichter am Horizont. Ich bin Ihnen wirklich dankbar, daß Sie mich einmal mitgenommen habtn." Aber Schlobohm wollte nichts davon wissen. Er schnaufte vor Wut, feine Augen sahen böse drein, die Adern an seinen Schläfen waren geschwollen „Qunge, Junge, wie is bat blot möglich! Da is blot dat verdammte Beest an schuld! Töv man, du verfluchtet Aas!" Er trieb das Boot aus dem Schilf heraus auf die Lockente zu, die sich keines Unrechts bewußt war, ergriff sie, drehte ihr ohne weiteres den Hals um und warf sie mitsamt dem Umläufer und dem Ankerstein in hohem Bogen ins Schilf. „Verdammtet Himmelherrgottfakraments- beeft." Ich sagte kein Wort. Ich rollte die Schilfdecke zusammen und setzte mich darauf. Schlobohm stakte los. Als wir ein paar hundert Meter zurückgelegt hatten, meinte er, es Weihnachten am Frauenplan. Der Heilige Christ bringt Goethes Enkeln ein Puppentheater. Von Ludwig Sternaux. Der Alte hält im Diktieren inne. Draußen klirrt der Winter, die kleinen Fenster der Arbeitsstube tragen Eisblumen. Weihnachten? Goethes Gedanken weiten ganz woanders. Es ist Faust, der da am Ofen lehnt, versunken in die Welt faustischer Gesichte. Die großen dunklen Augen, blind für die wirkliche, schweifen in Mütter-Fernen ... John, der Schreiber, blickt auf. Seit erstem Morgenlicht schon fliegt seine Feder ohne Pause über das Papier, so unaufhaltsam strömen ihm aus seines Herrn Munde heute die Verse zu. Was hat der Alte, daß er plötzlich stockt? Fehlt ihm ein Reim? Totenstille. Nur die Pendüle unter dem Pfeilerspiegel tickt. Da ein Klopfen an der Tür. Goethe erwacht. „Genug für heute, John!" Und fragend zu der Tür hin, die lautlos sich mit schmalem Spalt geöffnet hat: Nun?" Es ist Friedrich, der Diener, der zaghaft den Kopf hereinsteckt: „Exzellenz verzeihen ... aber der Herr Hafrat Kirms iasf-n sich nicht abweisen ... Exzellenz hätten ihn bestellt, es wäre dringlich!" ,Kirms ... natürlich!" Und als müßte er's dem Sekretär deuten: „John, warum hat Er mich nicht erinnert? Es ist ja Heiliger Christ heute! Auf morgen!" Cs ist nicht Kirms allein, der vorn im Büstenzimmer wartet. Auch der alte Kulissenmeister vom Theater ist mttgekommen. Und Goethe ist auch gar nicht überrascht, daß ein paar Bühnenarbeiter da ein mächtiges, fast mannshohes Gestell anschleppen ... ach, schleppen ist zuviel dcfagt, im Gegenteil, es scheint so leicht und zerbrechlich daß sie sogar sehr behutsam damit umgehen müssen, und die weißen Götterbilder blicken verwundert aus ihren toten Augen auf das kunterbunte Etwas, das da in ihrer erlauchten Mitte steht. „Kirms!" wiederhoU Goethe frohgelaunt. „Natürlich! Mit dem Theater für die Kinder!" Das Puppentheater, das er für Walter und Wölfchen, die Enkel, die kleinen Theaterendhufiaften, auf Weihnacht in Auftrag gegeben, hier ist es, und da ist der Greis, der eben noch Faust war, auf einmal nur ein Großvater noch, der heißgeliebte „Apa", der mit dem Finger norm Mund besorgt „Pscht" macht und sich lauschend von Tür zu Tür vergewisfert, ob auch im Hause nichts bemerkt ist. Erst dann streckt er dankend den Männern die Hand hin, erst bann sieht er sich das Wunderwerk an, das sie gebracht haben. lieber einem hohen Schranksockel, der mit Buntpapier tapeziert ist und. in Schubfächern die Dekorationen birgt, bas Theater selbst mit gemaltem Bühnenrahmen, mit Rampe und Souffleurmuschel, und zwischen Kulissen und vor einem Hintergrund, der den feuerspeienden Vesuv zeigt, stehen zierlich zwergenklein aus Pappe die Akteurs und Aktricen — das Spiel könnte sofort beginnen. Der Alte strahlt. Ja, ganz so hat er es sich gedacht, im kleinen ganz das Abbild von Cou- drays neuem Hoftheater, das der Enkel ganze Leidenschaft ist: sammelt der eine, Wolf, der auch schon Lustspiele schreibt, doch alle Komödien- izettel, komponiert der andere, Walter, doch gar richtige Dpernarien! Beschäftigung über den Tag hin für den Apa — Ottilie wird geholt, gerührt küßt sie dem Schwiegervater die Hand, Tante Ulla, Frau von Goethes Schwester Ulrike, der gute Hausgeist am Frauenplan, muß das Zaubergerüst bestaunen, der brave Eckermann, mittags zu Tisch, darf es, mit freundlicher Einladung zur Einweihung am Abend, heimlich als Nachtisch genießen und macht nicht schlechte Äugen. „Haben Euer Exzellenz", so forscht er ehrerbietig, „nicht selbst als Kind mit so einem Theater gespielt?" Er weiß es ja, aus „Dichtung und Wahrheit", er will dem Älten auch nur die Zunge lösen. „Nein, mein Guter, mit so ;einem Theater denn doch nicht", ist die Antwort. Und in die frühe Dämmerung malt Goethe da noch einmal die Bilder seiner Jugend, Alf-Frankfurt mit der Kasperlebube vom Christmarkt, bas eigene «Puppentheater, bas letzte Christgeschenk der Großmutter, das mit Saul und David eingeweiht wurde, und leise schwebt durchs Zimmer Frau Ajas mütterliche Gestalt ... Darüber wird die Frau Kammerrätin mit der Bescherung fertig, Herr von Goethe, obwohl in feierlichem Frack schon, um an Hof zu gehen, wie es fein Dienst als Kammerherr erfordert, zündet rasch noch die Lichter an, zarter Glockenton, an Tante Ullas Hand springen Walter -und Wölfchen herein. Auch Alma erscheint, ein rosiges Baby, auf dem Arm der Wärterin. Und dann nur ein heller Doppelfchrei „Apa". Sie haben das Theater entdeckt, die Knaben, sie wissen, nur der Großvater kann es ihnen auf- gebaut haben, nur er ja spricht mit ihnen von derlei Dingen, er ist der große, große Zauberer, der alles vermag. Juno iu ihrer Fensterecke lächelt. Der Mann, in dessen Hirn das ganze große Welttheater Platz hat, wird mit Kindern nun für eine kurze Stunde Glück zum Kind« wieder. Er zeigt den Enkeln, wie an ihrem kleinen Theater der Vorhang auf- und niederschnurrt, wie die Kulissen auszuwechseln, die -Figürchen hin und her zu schieben sind, er kramt mit ihnen in den Dekorationen, die der gute Hofrat Kirms schier in Ueberfüüe von seinen Leuten hat malen lassen . ., der Sockel ist wahrhaft ein Kulissenhaus! Wölfchen glüht, Walter pfeift selig eine seiner Arien vor sich hin. „Und was gibt es zur Eröffnung?" fragt Dr. Eckermann neugierig dazwischen ... „Den Oberon? Die Stumme? Die Zauberflöte?" Die «Knaben klatschen in die Hände, sie sind für Mozart. „Mit den neuen Dekorationen von Schinkel!" scherzt Goethe. Und schon klingen und singen lauter Mozart-Melodien durch das Zimmer. Aber jetzt protestiert Frau von Goethe. .Heute nicht mehr, Väterchen! Die Kinder müssen zu Bett. Morgen ist auch noch ein Tag!" Ein schwerer Abschied. Wie betrunken und taumelnd trollen sich die Knaben ibie Taschen vollgestopft mit Pfeffernüssen, in ihre Mansarde hinauf, Ulrike bläst die Kerzen aus, Friedrich reicht am runden Tisch im Urbino-Zimmer Rotwein und kalten Braten/ wie es der Hausherr «abends liebt. Und nun wird Goethe wieder Goethe. Spricht von Büchern, «von der Farbenlehre, von neuen Kupfern, die aus England gekommen find, lieft einen Brief von Zelter vor, der eine frische Sendung märkischer Rübchen anfünbigt. „Wo mir ber August bleibt?" seufzt Ottilie. Das ist Flor um diese stille Stunde, die Schellengeläut vom Frauen- plan herauf noch stiller macht, und Eckermann, Trübes ahnend, ne’-ib« «schiedet sich. Doch noch im H-nausgehen begegnet ihm Herr von Goethe, ,es war sein Schlitten. Groß, strahlend, wirklich: ein schöner Mann, «so steht er, das weite Cape mit den goldenen Troddeln halb noch um die Schultern, plötzlich in ber Tür, und Ottilie fliegt ihm an den Hals, zieht ihn aufs Kanapee, fcfientt ihm ein. Er berichtet, wie gnädig wieder Serenissimi Gnaden und Jhro Kaiserliche Hoheit, die Frau Großherzogin, gewesen sind, während er sich selbst berichten läßt, was «die Kinder zu ihrem Puppentheater angegeben haben. Friedlich rinnen «die Minuten, wie draußen friedlich der Schnee fällt. „Geben und Nehmen", murmelt Goethe leise vor sich hin, „Hoffen und Empfangen!" Fragende Augen. „Hast du etwas gesagt, Vater?," «Der Alte schüttelt nur, schwerfällig ausstehend, den Kopf: Gute Nacht, Kinder!" Aber noch norm Schlafengehen schreibt er drüben an seinem «Stehpult die gleichen Worte in das Tagebuch. Und der Mond, der über «sein Bett wandert, läßt wieder das Antlitz Fausts leuchtem Verontwvrtlich: vr. Hans Thhriot. — Druck und Verlag: Brüh Ische Universitätsdruckerei A. Lange,Gießen.