SietzenerKmiilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger Jahrgang 1958 Montag, den \1. September Nummer 7| Ein Tierleben in afrikanischer Wildnis. Von Cherry Kearton. Copyright by 3. Engelhorns Nachf., Stuttgart. (Schluß.) Goliaths Ende. Größenwahnsinn. — Störende Nachbarn. Di« Herausforderung. — Gefährtin in Not. Der Angriff. — David und Goliath. — Der tote Riese. Die Geier halten ein Fe st mahl. Nach seinem Sieg über das Nashorn wuchs die Anmaßung des Riesen ins Ungemessene. Jene Lanzenspitze, die ihn bei seinem ersten Zusammenstoß mit den Menschen getroffen hatte, hatte nätnlich — ohne daß es ihm selber recht zum Bewußtsein gekommen wäre — noch mehr zurückgelassen als eine Rarbe und steife Muskeln: sie hatte sein Selbstbewußtsein erschüttert! Bis dahin hatte er sich auf seine Riesengröße und Stärke, durch die er allüberall Schrecken verbreitete, nicht wenig zugute getan; und mit Genugtuung erfüllte ihn die Tatsache, daß — mochte auch manches Tier in übergroßer Scheu ihm davongehen — kaum je eins ihm entwischte, wenn er einmal nach stillgeduldigem Lauern plötzlich zum Angriff vorging. Damals noch ganz beseelt vom Vertrauen auf seine eigene Ueberlegen- fjeit, hatte er seinen Angriff auf jenes Eingeborenenweib unternommen, da» sich am Ufer bei der Brücke noch etwas verweilt hatte, und die Beute war ihm nicht nur dicht vor der Schnauze entwischt, nein, er hatte auch noch einen unangenehmen Denkzettel an diese Niederlage mitbekommen, der ihm immer noch zu schaffen machte, obgleich schon Monate darüber hingegangen waren. Die Wirkung, die die Wunde in seinem Unterbewußtsein gezeitigt hatte, zeigte sich alsbald: als er nämlich mit den beiden andern Krokodilen einige Tage später auf die Rückkehr der Eingeborenen lauerte, hatte er es doch für gut gehalten, seinen Platz in einer gewissen Entfernung zu wählen; er hatte sich nicht getraut, den „Strauß" zu verfolgen, und als dann die Männer wieder- kamen und noch mehr von diesen Speeren mit den eisernen Spitzen mitbrachten, hatte er nicht nur die Flucht ergriffen, sondern auch auf der stelle beschlossen, sich anderswo anzusiedeln. Im Flußbecken, seiner neuen Heimat, wo es friedlich zuging und das Jagen ein leichtes Spiel war, gewann er nach und nach fein altes Selbft- »ewußtfein teilweise zurück und betrachtete es als eine Selbftoerständ- ichkeit, daß die beiden kleineren Krokodile ihn fürchteten und ihm nach Möglichkeit auswichen. Aber auch da noch war er seiner selbst nicht »sehr so sicher wie einst, und als das Erscheinen der Paviane am Fluß Jagd für ihn immer schwieriger gestaltete, wurde er unsicher und i-audernd, bis schließlich der grimmigste Hunger ihn zu kühnerem Vorgehen zwang. Aber jetztl Wie stand er jetzt da! Siegreich aus gigantischem Kamps woorgegangen, hatte er mit einem Schlage sein ganzes Selbstgefühl wieder. Welches von allen Tieren flußauf und flußab konnte wohl eine olche Tat oorzeigen? Wo war das Geschöpf, das sich vermessen hätte, mes der größten Landtiere anzugreifen, oder wenn ja — das imstande Emesen wäre, die ungeheure Last dann noch in die Flut herunter- mziehen? Außerdem war es gut, sich gemeinsam Mit der Gefährtin von diesem 'sstgen Leichnam zu nähren, der sie nun noch auf lange Zeit hinaus uit Futter versorgen würde und der so groß war, daß er aus der Ufer« ®eüer etzte Schlag eines Pendels. Der Körper legt sich aus die Seite, rE über Sa liegt der.Riese - totl Der gewaltige Rumps ragt m seiner ganzen Länge aus dem seichten Wasser. Die Paviane, die aus ihrem Felsen kauern erheben ihr übliches Geschrei als sie den Körper des Krokodils ans Ufer treiben sehen Dann, als ihnen die völlige Leblosigkeit ausfällt, gestikulieren sie ausgeregt. Ihr Lärmens Schreien und Schnattern geht noch eine Welle so weiter bis schließlich die gänzliche Regungslosigkeit des toten Körpers h 3ntUnberoeraS'e6i!a gelbe -aut des Bauches zu oberst gekehrt liegt der Tote da Ein einzelner Schakal kommt zum Trinken sieht ihn liegen, I ffünt Zurück ins sichere Gebüsch, ohne erst seinen Durst zu ftiUen. Ein Geie! hoch oben in den Lüften wird aufmerksam und ^;Acn° Sie^ ellen (=pjn D[nb[idier Sturz in die Tiefe ist für andre das Zeichen. Sie eilen herbei flattern einen Augenblick über der Stelle, schwingen sich dann herab' und landen. Eine kurze Weile hocken sie abwartend. Dann als sie ganz sicher sein können, daß das Krokodil da vor ihnen wirklich tot ist kommen sie näher. Milans und Marabus gesellen sich zu ihnen, cmck der Schakal stellt sich in Gesellschast andrer Gefährten wieder e.n Alle Angst ist weg; bürgt ihm doch der Anblick der Ge.er dafür, daß bet (Befürchtete tot ift. Das |oll ein Freien geben. ~ » Bald ist der ganze Kadaver von einer lebendigen gesiederten -ecke umgeben- das wogt aus und ab, als die Schakale sich 3" nähern versuchen und die Bogel sie nicht heranlassen wollen, das ^"ert wirbAt und plustert sich, als die Geier sich abmühen, die zähe -aut zu durchbacken als sie sich alle untereinander um kleine Brocken zanken und die besonders Betriebsamen geschäftig über den toten Körper hin- und her sich an der Geschwindigkeit zu ergötzen, mit der sie vor ihm Wuchteten, I das Gesicht der eigenen Macht und Ueberlegenhe.t ^auszukosten. Aber spielerei^ Äen Ende? ihr? Wirkun7??schtte"' daß diese beiden er- s nichl mehr er bekri"b die Verfolgung jetzt mit bestimmten -.nterge- danken.--- — Als das Krokodilweibchen wieder einmal durch das Becken schwimmt, merkt es plötzlich, daß mit dem Riesen, der wieder hinter ihr her ist, etwas Besonderes los sein mutz. Sonst schwamm er immer yernli$ g- 'lassen hinter ihr her, ein kurzes Stück entfernt von ihrem Schwanzende, sie mochte sich wenden ober ihren Kurs andern, -eute aber machte er lick, mit einem Male seine größere Schnelligkeit zunutze, treibt sich neben b> 7d r vor ihr her umkreist sie, und in seinen Augen, die er unab= läffia aus sie gerichtet hält, lieft sie deutlich eine Drohung, -at sie sich no» vor kurzem dabei beruhigt, daß er allem Anschein nach keinen andern Zweck verfolgt, als sie zu belästigen, so fühlt sie letzt. ihre alte Anait in voller Stärke wiederkehren. Ist er doch mehr als hoppelt so arost w"e sie und auch ihrem männlichen Gefährten an Große weit über. Wohl weih sie, daß auch er nichts andres ist als em Krokodil wie fie selber; aber sie betrachtet ihn voll Ekel und Widerwillen als ein abscheuliches Ungeheuer. Als sie nun die Drohung versteht, die ihr höhnisch aus seinen kleinen bösen Augen entgegenblitzt, wahrend er sich im Kreis um sie herumtreibt, macht sie plötzlich kehrt und slieht aus ihren Gefährten zu; die Angst steigert ihre Schnelligkeit. Sofort dreht auch der Riese bei, schwimmt ihr zu Seite. kreuzt vor ihr her, bleibt zurück, holt sie schnell wieder em und peitscht in wackiiender Wut das Wasser auf. . „ Das andre Krokodil, das eben geschäftig 'st, den Körper eines lungen Sebras unter den überhängenden Zweigen fortzuziehen, sieht den durch den Riesenschwanz hochgeschleuderten Gischt und weih sofort: die Ge- sähriin ist in Rot! Im Nu läßt es den Kadaver fahren und schwimm zur Mitte des Beckens. Bei feinem Nahen halt der Riefe»sofort mit Kreisen inne. Kaum einen Meter vom Schwanz des Krokodilwelbchens entfernt stößt er jetzt plötzlich vor, kommt von der Seite dicht an sie heran und schnappt gehässig zu; seine Zahne bohren stch °ber- und unterhalb ihres linken Vorderbeines in die -aut ein, bringen durchs Fleisch bis auf die Knochen, die sie krachend zermalmen, um sich meim onbergreifenb wieder zu schließen. Dann re,ßt der Wütende sich plotz uh mit einem Ruck los, Blut sickert ihm zwi chen den Zahnen hindurch, und ™n groß? roter Fleck breitet sich auf dem Wasserspiegel neben dem verwundeten Krokodil aus. k Das zweite Krokodil hat das hastige Zuschnappen wohl bemerkt und im Näherkommen sieht es noch kleine Tropfen Bluts aus des Riefen Gebiß sickern. Wuterfüllt haut es mit dem Schwanz ms Waffer und ^"^An Stärke" und Schnelligkeit ist es kein ebenbürtiger Partner für den Riefen. Wenn es jetzt die Flucht ergriffe, wenn es versuchen wollte, sich in die sichere Bucht zu retten — der Riese wurde es einholen und ihm die mörderischen Zähne ins Fleisch hauen, noch ehe es imstande wäre, zu wenden und sich zur Wehr zu setzen. Es gibt nur eine Möglichkeit, mit dem Riesen fertig zu werden: es selber muh zum Angriff vorgehen! Denn in einem Punkt ift es seinem Gegner überlegen: kleiner von Gestalt, ist es wendiger und kann den Feind schneller und müheloser an einer empfindlichen Stelle packen. Der Riefe stellt sich sofort und schwimmt dem Angreifer mit aus- gerissenem Rachen entgegen. Doch dem kleineren Gegner fallt es nicht ein den Zusammenstoß abzuwarten; er wendet, schwimmt "ach l'n‘® hinüber, wendet wieder und schießt dann mit Blitzesschnelle vor, um mit seinen Zähnen einen weniger geschützten Körperteil außerhalb der Reichweite des feindlichen Rachens zu bearbeiten. Aber auch der Riese wendet und entschlüpft so, wenn auch weniger behende, der ihm drohenden Ge- fahr. Dem Gegner, der seine Absicht durchkreuzt sieht, bleibt letzt nichts andres übrig als gewaltig mit dem Schwanz auszuholen und ihn krachend aus dem Schädel des Riesen etwas unterhalb und hinter dem llct^r"! ftreftaelaae hält den ganzen Tag über an, ungeachtet der Somienhitze, die sich allmählich zur unerträglichen Glut steuert, um bann langsam wieder bahinzuschwinben und schließlich der Abendkuh m weichen Au? den Büschen tritt eine -erde Pallahs; am Rande der Sandbank bleiben sie stehen, halb in Erwartung des Warnrufs der Vaviane Als nichts erfolgt, trippeln sie vor, um beim Anblick der freffenben Geier da am Ufer abermals stehen zu bleiben. Die Bogel,. aufgescheucht durch das plötzliche Erscheinen der -erde, erheben sich flotte rtib für einen kurzen Augenblick in die Luft. Und da, als es |e unvermutet des toten Riefen ansichtig wirb, durchzuckt es das 3ungfte ber cherbe die reizende kleine Pallah, noch einmal wit heißem Schre . Die älteren Gefährten bleiben regungslos fteben0^0^^ »war, doch ohne Furcht, da die Geier sich roicber zum Mahle mebergelaffen haben. Da nähert bie kleine Pallah sich facht und stellt sich dicht neben den L^ll bock Derselbe Sinn, ber den Pavianen verraten hat, daß der V00 au? der Sandbank erschienen ist (was sie dann von der Schar meben gehender Geier bestätigt sanden) — derselbe Sinn sagt auch ihr, warum H W geradeswegs zum Wasser sührt, und schreitet zu einer Ecke der Sanbbank, wohin ihm feine Anvertrauten folgen. Noch einmal schaut er nach dem tvte?Kntkodil"hin? dan?senkt er den Kopf zum Trinken, Andre^-e^en, Zebras, Kuhantilopen und Gazellen, einige Perlhühner, Strauße, War zenschweine und Elenantilopen drängen sich gleichermaßen an den Sei en- rändern der Sandbank und meiden die Spitze m.t ihrem grauenhaften Freßgelage -ie und da wendet ein zum Platzen ooUgefreffcner ® 8 ga um AU trinken; danach torkelt er mit verzweifeltem Fstigelfchlaget?über die Sandbank und versucht, den überschweren Körper nom Ä"u erheben. Allmählich begeben sich d.e ®e.er emer nach bem anbern fort, schwingen sich enblrch in die Luft und fliegen ihren Niftplätzen zu, die sie zwischen den Felsen oder in den Baumen h Später folgen Marabus und Milans langsam nach. Die Döllerei des Tages ist beendet^ Aber in der Nacht werden-yänen und Schakale kommen und sich um die Reste scharen, dann wen neue Tag dämmert, werden die Geier s'.ch "Em ^"^11^0 u 1 bei dem nun stark verminderten Aas mederlasien wahrend noch andere von weither herbeieilen, zu denen tue Nachricht durch den Wald ge brU11 nb" an diesem zweiten Morgen werden nur noch ein Knochen - achtlos am Rande der Sandbank verstreut - non bem zeugen, dessen Raubgier so lange Zeit das ganze Tal m Furcht unv I Schrecken gehalten hat. Aegeni Die unheimliche Still«. — Donner, Blitz und Wasser- ftröme. — Das neue Leben. — Pallah ist gluckl ch- Die Sonne gebt an einem finster blickenden -immel unter, der voll blaugrauer Wolken hängt. Als der letzte rötliche Streft zu Weiß verblut das wiederum von Grau verdrängt wird, legt sich «ne Stt r Tal, die nur durch das leise Klagen eines auskommenden Windes unte L’r°?r wirkn »ill dahin, ganz unter dem Druck ber lastenden I Schwüle und des drohenden Unheils, das in der Lust liegt. Tue P ' Wäre ber Fall umgekehrt verlausen: hätte der Schwanz des Riesen mit voller Kraft ben anbern getroffen, so wäre dieser umgehend betäubt worden und ber Tob burch bie scharfen breieckigen Zahne wäre ihm sicher gewesen, noch bevor er das Bewußtsein wieder erlangt hatte. Ader die Wucht dieses kleineren Schwanzes reicht nicht aus, den Riesen zu betäuben, und hat nur die Wirkung, daß dieser leicht ins Schwanken gerät noch mehr in Wut kommt und feft entschlossen ist, dem andern (o- schnell wie möglich den Garaus zu machen. Sem «chwanz fahrt wie rasend von einer Seite auf die andre, peitscht das Wasser, rührt die glatte Fläche zu Wogen auf und versendet nach allen Richtungen ganze Wolken von Sprühregen. Auch das kleinere Krokodil ist ganz ein- gehüllt in einen steigenden und faUenben Nebel von Schaumspritzern, den es mit bem wild hin- und herschlagenden Schwanz selber hervorbringt. So gleicht das Wasser um die beiden herum einem tosenden Strubel. Wieder wendet ber Riese *ünb. beschreibt bazu einen weiten Bogen, roicber stürzt er vor — mit ungeheurer Schnelligkeit Zwar, aber man- gelnber Gewandheit im Manöveneren. Es ist ber Kamps Zwischen Goliath und David: dort die ungeschlachte Riesenstärke — hier Behendigkeit gepaart mit List. Das kleinere Krokodil schwimmt wieder vor, um bem Ängriss bes Großen zu begegnen; so streben sie Rachen gegen Rachen aufeinanber zu. Da, ehe ber Riese noch begreift, was geschieht, breht der andre scharf links ab und maast bann bfttz chnell eine Wen- bung, inbem er die vorwärtsfchleßenbe Bewegung plötzlich abftoppt. Bon der' Triebkraft feiner ungeheuren Geschwindigkeit vorgeschnellt, schießt der Riese an ihm vorüber und kann erst beginnen zu drehen als es schon zu spät ist. Diesen Augenblick benutzt das andere Krokodil:unge- söhrdet durch Zähne und Schwanz des Feindes — stoßt es Ach vor und beißt den Riefen in den -als. Die Zahn« schlagen durch die -aut, nahe der befreundeten Zebraherde, trippeln scheu und ängstlich einher, ungewiß, von welcher Seite die Gefahr hereinbrechen mag Sie drangen sch dicht aneinander, suchen Trost in der Gemeinschaft, heben die Kopse, iitn in der Lust zu schnuppern, stohen sich, wenden sich em ubers andre Nal zurück, um mit unerklärlicher Unruh« in die Dunkelheit zu starren. Plötzlich — wie um den Anbruch einer neuen Jahreszeit anzukundi- »n — rollt der Donner. Wieder und wieder wird die Finsternis, die L über das Tal ausgebreitet hat, durch zuckende Blitze zerrissen. Mit inmal setzt Regen ein: schwere Tropfen sollen; immer dichter prasse n L mit zunehmender Stärke herab. — Jetzt fallen sie nicht mehr einzeln - nein! wie eine mächtige Sturzwelle schießt das Wasser aus den zer- lissenen Himmeln zur Erde! Wo vorher noch d»e,e fast umrd.sche Stille gebrütet hat, da krachen jetzt mit vhrenzerreißendem Getose doe Bonner« schläqe begleitet von anhaltendem dumpfen Rollen in der Feme. Blitz folgt auf Blitz; kaum ist ein greller Schein verzückt, schon. ist em anderer ba Die Finsternis ist ganz verdrängt; schwarz, gespenstisch und hager stehen die Bäume in der abenteuerlich erhellten Nacht. Auf der ausqedörrten Erde bilden sich Ströme von Wasser; ein« getrocknete Bongos beginnen sich zu füllen; die flachen Bodenmulden in Jem welligen Gelände sammeln das Wasser auf und fchwellen zu Tümpeln an. Die Tiere schauern und beben; sie lassen die Kopfe hangen und der Regen trommelt ihnen aufs Fell. In gedrängten Hausen stehen sie beieinander. Sie haben keine Wachen aufgestellt; ist dies doch kems von ben Uebeln, denen sie sich durch die Flucht entziehen konnten! Der Lowe bat in seiner Schlucht Schutz gesucht; Leopard und Gepard liegen unter überhängenden Felsstücken, und neben ihnen schießen die Wasserstrome in kleinen Kaskaden herab. Rudel von wilden Hunden kauern unter Bäumen eng beisammen. Das Unwetter ist Herr des Tals und alles Lebendige beugt sich ihm. Aber noch keine zwei Stunden sind vergangen, da hort der Regen auf. Fern von den Bergen her kommt der dumpf brummelnde Widerhall des immer noch grollenden Donners. Ader kein Blitz durchzuckt mehr die Dunkelheit und an die Stelle jener unheimlich brütenden Stille und des darausfolgenden Gewittersturms mit feinem Krachen und Toden tritt nun die Ruhe neuen Friedens. Horch! Hort ihr das „Schuhuuh der Eule, die sich in ihrem Unterschlupf zwischen den Blattern regt? Da das gellende Auflachen der Hyäne! Gleich drauf stoßt em Slippfdjltefer, öer aus feinem Bau herausgekommen ist und nun ms erwachende Tal Wnunteräugt, feinen Ruf aus. Die Pallahs schütteln sich, reiben die Flanken gegeneinander, strecken die Köpfe in die frischkühle Lust und brechen auf. Bei den über Nacht entstandenen Wassertümpeln bleiben sie stehen, trinken nach Herzenslu t dann geht es weiter. Wie sie so dah,nz,ehen, fangt b,« Jüngste unter ihnen auf einmal an, hoch in die Lust zu fpringen, vorwärts — fe taarts, wieder und wieder. Fort ist alle Angst, vorbei die Äeit der Emsamke t! Mit dem Regen ist die Wett wie neu geschaffen, unbein neues Leben hat auch für sie begonnen: ihre Sehnsucht hat sich erfüllt, sie ist mit den Ihren vereint und — namenlos glücklichl Att-Ottakring. Bon Josef W e i n h e b e r. Was noch lebt, ist Traum. Ach, wie war es schön! Jüngre werden kaum jene Zeit verstehn, wo das Kirchlein stand und die Häuser blank unterm Giebelrand hatten W-ing-rank. Und im Herbste gar, wenn der Äaische Duft, hing im blauen Klar der beschwingten Lust! Bon den Hügeln schlicht kam der Hauer Sang, da die Stadt noch nicht grau ins Grüne drang. Heut ein Steinbezirk wie ein andrer auch, und nur sanft Gebirg schickt wie einst den Hauch, Hauch von Obst und Wein in die Gassen aus, und der Sonnenschein liegt auf altem Haus. Da und dort ein Tor hat noch breiten Schwung, Bufchen grün davor lädt wie einst zum Trunk, und im Abend wird längst Vergangnes nah, spielt ein Bursch gerührt Ziehharmonika. Bismarck auf eigener Schotte. Von Gerhard Schäke. Schönhausen, Friedrichsruh und Varzin sind in Verbindung mit betrt Namen des Altreichskanzlers jedem Deutschen ein Begriff geworden. Daß Bismarck in der idealsten Form den Typus des echten Landmannes verkörperte, daß er zeit seines Lebens mit ganzem Herzen an der Scholle hing, daß er in (einem wahren Wesen Gärtner, Waldsreund und Jäger und voll tiefen naturhaften Empfindens war — das wißen nur diejenigen, die ihn aus feinen Briefen und den Briefen feiner Zettgenoffeir näher kennenzulernen versuchten. v. Als zwanzigjähriger Göttinger Student berühren ihn die Fragen von Garten, Hof und Haus schon recht empfindlich, er hört den Vater über di- Zinslasten der Hypotheken stöhnen, und er muß als künftiger Mit- verwalter und einstiger Erbe an Abhilfe denken, die nur möglich ist, wenn in Gärten unb. auf den Feldern Erträge erzielt werden die yi« gleich reich und gut sind. Er belegt Vorlesungen in Chemie, besaht sich mit theoretischen und wissenschaftlichen Fragen der Pflanzenkunde, Züchtungen und Landwirtschaft. Nach der Studienzeit geht er mit Feuereifer an die Arbeit, bezieht ständig Bücher, Zeitschriften und Kataloge, um sich auf dem laufenden zu halten. Wenn er nachts studiert und gelernt hat, geht er tags über Land, besucht Märkte, Messen und Ausstellungen, nimmt gerne Lehren an und erkundigt sich über Gemüse, Obst und Blumen bei den Nachbarn, denen besonders gute Züchtungen glucken. Selbst von alten Schäfern und verhutzelten Kräuterweiblem holt er ferne Sßcisbßit > Solange nicht die ganze Last der Wirtschaftsführung des umfangreichen Schönhauser Besitzes auf ihm lastet, bemüht er sich, den Dingen auf den Grund zu kommen. Leistungssteigerung ist ihm ein selbstverständliches Ziel. Und wenn er oft mit den Nachbarn herumsitzt und politisiert unb fachsimpelt, fo zieht er daraus Nutzen: „Ich höre sie mit verstänbiger Miene an denke darüber nach unb träume nachts von Drefchhafer, Mist unb Stoppelroggen." Er scheut sich nicht, selber Hand anzulegen; mit beiden Beinen steht er auf seinem Besitz, er ist mit Begeisterung Bauer. Mit 29 Jahren erhält er Schönhausen unb Kniephof als Erde; zugleich wachsen die politischen Aufgaben unb Ziele. Die Jahre vergehen, unb le tiefer er in der Politik steckt, um so stärker bricht das Gefühl für die Natürlichkeit des Landlebens durch. Mit 40 schreibt er: „. und im hicksten Walde, wo einen keiner finbet und kein Telegraph hinreicht, wirb mir erst behaglich; ich habe oft rechtes Heimweh nach dem Landleben. In Pommern gehört ihm der Besitz Varzin; die landwirtlichen Pflichten werden immer größer. Er ist niemals der Junker und der große Herr, der bloß die Pacht eintreibt, ohne sich zu sorgen, ob und wie es geht Er kümmert sich um alles, um die Pachtrückstände, die Schuldentilgung, die Vögel, die im Winter gefüttert werden muffen, die Hühner, di- nicht genug Eier legen, lieber Bodenverbefserungen, Entwässerungen und Neuanlagen hält er mit Forstmeistern, Gartenleuten und Verwaltern Beratungen ab. Er weiß die ständige körperliche Erneuerung durch। die Natur zu schätzen, er freut sich, wenn er durch die hohen Glastüren gehen kann und mit ein paar Schritten mitten im Garten «st In Berlin pflegt er seinen Gästen stolz zu erzählen: die Kartoffeln, d,e ihr hier eßt, sind von meinen pommerschen Aeckern, das Beerenobst kommt aus Schonbaufen unb Blumenkohl, Salat, Spargel und Gurken sind auch auf mei- nem Boden gewachsen. Die Fliebersträuhe, die er versehen t, stammen nicht aus einem Ladengeschäft, sie werden aus Varzin besorgt. Selbst die Pilze, die er in seinen Wäldern hat, läßt er nicht umkommen. Er übersieht die Kleinigkeiten nicht, er weiß sie zu schätzen er kennt ihren Wert unb er kann ganz gut rechnen: „Der Garten hat bisher 103 Taler in biefem Jahr gekostet unb 40 bis 50 werden mit Graben und Einernten wohl bis Weihnachten dazukommen, außerdem die Feuerung. Man mutz Wen ms er feiner Frau Johanna über Varziner Erholungsstunden schreibt um zu begreifen, wie tief diese Naturliebe ist: „Wenn ich gefrühstückt und gezeitungt habe, wandere ich in Jagdstiestln in die Walder, bergsteigend und fümpferoatenb, lerne Geographie unb entwerfe Schonungen Sobalb ich heimkehre, wirb gesattelt unb dasstlbe Geschäft fort gesetzt. Es gibt doch sehr dicke Büsch« hier auch Balken und B ocke, Wüsteneien und Schonungen, Bäche, Moore, Heibe, Ginster, Rehe, Auer- hähne, undurchdringliche Buchen- und Eichenauffchlage und andere Dinge an denen ich meine Freude habe, wenn ich dem Terzett von ~aube, Jyity £ und Weih lausche ober bie Klage ber Pächter über bie Untaten der Sauen büre " In einem späteren Briefe lieft man: „Ich aß Hecht unb Hammel, beut' Hecht und Salb, auch Spargel, ber besser ist als ber Berliner. Der Frost hat junge Buchen an Walbecken gebräunt, manche Etchbusche ge schwärzt. Schlimmer ist es beinen Rosen ergangen, von ben bod^tam migen3finb sechs ober acht bisher ohne Lebenszeichen. Im Felbezeigt ber Roggen stellenweise geringe Frostschattierungen, b,e Kartoffeln, Pom merns Trost, scheinen gesund. Deine Erlplantage ,m Weißen Moor war anaeroachien aber erfroren. Der schwarze Boden unte$«.ben blühenden Kiefern ganz weiß von beifolgenden Blüten, drei Fuß hoch wie blühende ^Jn der ständigen Wechselfolge feiner vielseitigen Berufsgeschäfte braucht er Ruhe, Pausen ber Sammlung unb Besinnung. Da stürzt er jid) irt bas Leben eines ßanbmannes, lauscht bem Roren ber Hirsche^ dem Klopfe, ber Spechte, hört auf den hastigen Schlag ausgescheuchter Rebhühner, stz auf dem Anstand, denkt und wägt. Seme Freunde verblusft der Ueber9a"9 von nackten Tatsachen zu dichterischem Schwung, wenn er °w Abend erst von Politik und dann von seinen Garten, Frühbeeten und Feldern fpr cht. Wenn ich gut schlafe, träume ich von ben Tannenschonungen die frisch grün im Frühjahr stehen, feucht vom Regen, darüber Triebe wachen, dann wache ich erfrischt auf. Hier kann man ftunbenIang tm ®agen unb auf Bänken lungern und ins Gras fiteren, ohne Gedanken und ohne unb will sich den politischen Ausgaben nicht verschließen «r fühlt, bah bie Nation ihn braucht. Er bagegen braucht bie Natur. V tische Fragen vergleicht er gern mit Erfahrungen von Gart nbau F d- wirtschaft unb Tierleben. Die Fürstin Bismarck hebt Maröchal-Niel-Rosen, sie pflegt Ihre Rosenanlagen und sorgt sich um leben Stamm, der nlchl gedeihen will. Und der Mann, dessen Gesicht das bekannteste seiner Zeit geworden ist, teilt diese Neigungen: man könnte glauben, ein Dichter habe diesen Brief geschrieben, den der Siebzigjährige als Mitteilung an die Frau richtet: „Es ist sehr schön hier, wenn auch der Flieder drei und die Eichen hier sechs Tage gegen Berlin zurück sind. Die Dornblllte ist genau wie in Berlin. Keine Nachtigall, aber ungezählte Grasmücken, Stare und dergleichen, namentlich der Kuckuck, den ich in Berlin noch nicht hörte. Der Mühlenstau ist ein richtiger Reinsall, macht sich aber fürs Auge sehr schön. Der früher natürliche Sumps, Modder und Wasser gemischt, ist durch Kunst und Kosten um einige hundert Schritt nach oberhalb verschoben und das klare Wasser so viel größer. Die Mühle mahlt, regnet aber durch. Der Roggen steht etwas dünn und die Gerste braucht mehr Regen. Die Karpfenteiche sind sehr fein geworden; die neuen Pflanzungen wieder zu tief in der Erdet" Verdrießen den Herrn Reichskanzler die Geschäfte einmal gar zu arg, dann erzählt er Keudell seine Wünsche: „Ich möchte hier gern meinen Kohl bauen und ein volles Jahr keinen Menschen weiter sehen als meine Frau und meine Kinder." Und wenn er an den Garten seiner Jugend zurückdenkt, so weiß er nach fünf Jahrzehnten noch, wieviel ihm der bedeutet hat: „Wie klein ist doch der Garten, der meine ganze Welt war, und ich begreife nicht, wo der Raum geblieben ist, den ich so oft atemlos durchlaufen habe, und mein Gärtchen mit Kresse..." Nach der Entlassung wird er vollends zum Landmann, so wie er sich's immer erträumte: „Es war das Ideal meiner jungen Jahre, mich als Greis im Garten mit dem Okuliermesser sorgenfrei vorzustellen." Auf den täglichen weiten Spaziergängen nimmt er alles in sich auf: die Schwäne, Reiher und Enten auf den Teichen und Mooren, die hundertjährigen Eichen. Er fragt nach dem Gemüseertrag, dem Wildbestand und überblickt die Schonungen. Büsche und Hecken blühen: die leuchtenden Farben der Stauden glühen hoch über den weiten Blumenteppichen. Und wo er hinblickt, in allem steckt ein Teil •— und nicht der schlechteste — von seinem Wesen und seiner Art. Gtorchenbotschaff. Von Eduard Mörike. Des Schäfers sein Haus und das steht auf zwei Rad, Steht hoch auf der Heiden, so frühe wie spat; Und wenn nur ein mancher so'n Nachtquartier hättl Ein Schäfer tauscht nicht mit dem König sein Bett. Und käm ihm zu Nacht auch was Seltsames vor. Er betet fein Sprüche! und legt sich aufs Ohr; Ein Geistlein, ein Hexlein, so luftige Wicht, Sie klopfen ihm wohl, doch er antwortet nicht. Einmal doch, da ward es ihm wirklich zu bunt: Es tnopert am Laden, es winselt der Hund; Nun ziehet mein Schäfer den Riegel — et schau! Da stehen zwei Störche, der Mann und die Frau Das Pärchen, es machet ein schön Kompliment, Es möchte gern reden, ach, wenn es nur könnt! „Was will mir das Ziefer? — Ist fo, was erhört? Doch mir ist wohl fröhliche Botschaft beschert. Ihr seid wohl dahinten zu Hause am Rhein? Ihr habt wohl mein Mädel gebissen ins Bein? Nun weinet das Kind und die Mutter noch mehr, Sie roünfd)et den Herzallerliebsten sich her? Und wünschet daneben die Taufe bestellt: Ein Lämmlein, ein Würstlein, ein Beutelein Geld? So sägt nur, ich käm in zwei Tag oder drei, Und grüßt mir mein Bübel und rührt ihm den Brei! Doch halt! Warum stellt ihr zu zweien euch ein? Es werden doch, hoff ich, nicht Zwillinge fein?" — Da klappern die Störche im lustigsten Ion, Sie nicken und knixen und fliegen davon. Hoppe mit dem »graben Striche Erzählung von Alfred Gehn er. Ein langer ^Sonntag ist um. Hoppe, der Reparaturschlosser vom Dienst, hat ein Tagewerk verrichtet, das trotz Del und Schmier eine durchaus sonntägliche Erscheinung zum Gegenstände hatte, eine fabrikneue Lokomotive nämlich, so neu, daß die Laufräder noch zinnoverrot, die Flanken noch grün, das Gestänge noch blank und die Armaturen noch mit Holzwolle umwickelt sind. Hoppe mußte das neue Ding für den nächsten Tag betriebsfertig machen; er hat Gewinde gewaschen, Kurbeln und Hebel gängig gemacht, alles nochmal nachgesehen, hat dann den bunten Koloß unter Dampf gesetzt, hat ungeduldig das Ansteigen des Druckmessers verfolgt, bis er endlich, während ihm vor freudiger Spannung das Herz klopfte, am Regulator rücken konnte und sich das eiserne Wunder von der Stelle bewegte. So ist er denn in allen Gangarten spazieren gefahren, ist über die hohe Straßenbrücke, dem Hauptgleis« folgend, bis an den fernen Berg gedampft, hat wie cm kleiner Junge mit der neuen Lokomotive gespielt und ausgiebig die Pfeife dazu erschallen lassen. Mer abends Ist Hoppe verärgert. Er steht In seiner Werkbude am Schraubstock und befeilt ein handbreites Eisenstück; tut weiter nichts, als eine spiegelglatte Fläche zu feilen. Unaufhörlich führt er das feingeschuppte Werkzeug mit leichtem, ebnendem Strich über das einge» spannte Stück Eisen, aber immer wieder ist ihm die blanke Fläche nicht vollkommen winklig und eben. Er feilt, um zu feilen, müht sich mit endloser Geduld, er übt die große Schlosserkunst, er feilt den graben Strich. Er feilt, um feinen Aerger zu vergessen, nämlich darüber, daß er heute abend nicht ausgehen kann, denn sein Kollege, der ihn ablösen sollte, ist wohl pünktlich, aber singend und den Hut im Nacken aus der Stadt heimgekehrt und kann in diesem Zustand unmöglich den Nachtdienst versehen. Hoppe feilt und feilt. Kurz vor neun Uhr spannt er das Eisenstllck aus, wirft es in die Ecke und fährt mit der Sonntagsloko- rnotive auf die hohe Gleisbrücke. Unten auf der Straße pendelt wartend ein Mädchen auf und ab. Hoppe wirft kleine Kohlenftücke hinunter, lang anhaltend zieht er die Dampfpfeife, bis das Mädchen endlich zu ihm herauf schaut und ihn erkennt. „Kann nicht abkommen heute", brüllt er hinunter", — „ausgeschlossen, habe Dienst!" Das Mädchen antwortet etwas, aber Hoppe versteht hier oben nichts. Er winkt nochmal, dann fährt er weiter in der Richtung, in der die Dampfsteuerung eben steht, fährt langsam voran, immer weiter ... Die gute Maschine ist ihm ein Trost, wie sie so gleichmäßig pulsiert. Nichts Nervöses ist in ihrem Takt und Atem. Sie rollt die Steigung hinaus, als wäre es nichts, die tausend Zentner, die sie wiegt, bergan zu bewegen. Hier auf der langen Geraden könnte er das Äenltl einmal ganz aufziehn, könnte den Dampfbullen einmal mit aller Kraft los- rennen (affen. Aber Hoppe tut es nicht, er hat keine Lust, er läßt di« sechshundert PS gehen und begnügt sich, mit Maßen über die lange Bahn zu ziehen, deren Schienen im Scheinwerferlicht weithin aufblinken und iließend unter ihm vergehen. Nicht mehr weit von der Kurve entfernt, mit der das Gleis im stumpfen Winkel abbiegt und sich schräg voraus in das weite nachtblaue Gelände erstreckt, dorthinten aus dem dunklen Fahrdamm sieht Hopp« etwas, das sich bewegt. Genau ist es nicht zu erkennen; er kann nicht glauben, daß etwa ein Zug es sei, denn dann müßte er doch die Lichter sehen. Zudem fahren hier Sonntags überhaupt keine Züge und außerdem bewegen sie sich bei weitem nicht so schnell wie das, was er da ankommen sieht. Dennoch ist es ein Zug, Hoppe hört bereits das Rollen Auf der Abbaustelle hat sich ein ganzer Leerzug losgezerrt, ist ins Rollen geraten, jagt bereits die Förderstrecke hinunter, und zwar auf demjenigen der beiden Gleise, auf dem Hoppe mit seiner Maschine liegt. „Abspringen und davonstürzen!" denkt er im ersten Schreck. Aber nur der Schreck springt ab. Hoppe selbst könnte nun erst recht abspringen, aber er kann es doch nicht, jedenfalls tut er es nicht; er tut etwas ganz anderes, ja er hat bereits, ohne zu überlegen, etwas ganz anderes getan: er hat umgesteuert und die Maschine fährt nun aus Leibeskräften rückwärts, sie nimmt Reißaus vor der Katastrophe. Sie ist keine O-Zug-, sondern eine Güterlokomotioe, der entfesselt« Zug ist erheblich schneller. Zunehmend wird der Abstand kleiner; lauter, wilder wird das Rollen, schlingernd und gefährlich, wackelnd rast der Wagenstrom hinter der slüchtenden Lokomotwe her, kommt immer näher, ist schon da und stößt sie an. Die Feuertür fliegt auf, Kohlen stürzen zwischen Hoppes Beine, Hoppe glaubt, mit seiner gerammten Maschine durch die Luft zu torkeln, aber es ist diesmal noch gut gegangen, die Maschine ist zurückgeprallt, ist nicht entgleist, aber auch dem Zug hat es nichts getan, er ist schon wieder da, rennt schon wieder gegen di« Maschine an, die zwar wiederum einen Luftsprung zu machen scheint, aber an Geschwindigkeit gewonnen hat, wie anderseits der rasende Gegner infolge der wiederholten Nasenstüber von seiner Wucht etwas ein- büßte. Damit saßt Hoppe auch schon den Entschluß zum Sieg! er will versuchen, die schier unwiderstehlichen Energien, mit denen die blinde Wagenmasse sich angeladen hat, aufzufangen und allmählich abzuwürgen. Der Zug rast, seine schweren Eisenglieder donnern im Dunkel, Hoppe gibt Gegendampf, es Hilst nichts, gibt vollen Gegendampf, so daß das Maschinengeläus vorwärts dreht, schleift, sich fängt und wieder schleift. An jedem Schienenstoß kann die Maschine herausfliegen, kann das Unglück geschehen, kann sich ein Berg, ein Schrotthaufen aus Wagenkasten und -achsen über ihr auftürmen. Weiter geht das Treiben und Wehren, es rast bereits über die Straßenbrücke und nähert sich schon bedrohlich dem Ende, dem Ende des Schienenstranges. Wie ein Stier, der überwältigt werden soll, bockt und stemmt sich die massige Maschine, immer noch getrieben mit aller Kraft gegen die Vernichtung. Das Tempo läßt nach, die Gewalt des Ansturmes löst sich auf, es wird stiller, ruhig wird das Rollen, der Ausbrecher hat sich fügen müssen. Hoppe kann jetzt mit ihm machen, was er will, er zieht die Bremse, der Zug steht. Hoppe steigt aus. Ich habe den Hoppe gut gekannt. Wieso das Mädchen dazu kam, sich In ihn zu verlieben, ist mir nicht ganz klar, denn er war häßlich und außerdem langweilig; man konnte gar nicht mit ihm reden. Es ist ihm aber nachzusagen, daß er ein vortrefflicher Schlosser war, so seyr ein Schlosser, daß es ihm wohl nicht sonderlich erschienen wäre, wenn er eines Morgens beim Wachwerden Hände aus Eisen, statt aus Fleisch und Knochen gehabt hätte. Seine Pfoten sahen ohnehin wie Schraub- S'tfe aus, und überhaupt war der ganze Kerl eine Art menschlicher erkzeugmaschine, oder ein lebendiges System aus Hebeln, Zangen und Schraubenschlüsseln, je nach der Beanspruchung, und war dieserart mit allen technischen Dingen leibhaftig verwachsen, wie er es ja in diesem Falle als Maschinist bewies. Er roch dauernd nach Stauferfett oder Petroleum, und sein Gesicht glühte, aus Zorn oder Eifer, wenn er, wie oft, am Schraubstock stand und den graSen Strich, nämlich das Feingefühl der werkenden Hand schweigend übte, eine sehr unscheinbare Sache, unscheinbar wie Hoppe selbst und wie so viele seinesgleichen. Derantwortltch: Dr. Hans Thyrtot. — Druck und Verlag: Vrühlfche Univerfttätsdruckeret «.Lange, Gießen.