GietzenerKimilieiiblätter Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger Jahrgang 1938 Zreitag, den 12. August Nummer 62 Pallaft Ein Tierleben in afrikanischer Wildnis. Von Cherry Kearton. Copyright by I. Engelhorns Nachf., Stuttgart. 2. Fortsetzung. Die Leopardin hat in ihrer ganzen Länge in der niedrigen Höhle neben ihren beiden Jungen gelegen: sie springt im Nu auf und antwortet mit einem kurzen schroffen Knurren: es liegt wie eine Frage darin und gleichzeitig die Versicherung, daß sie da ist und ihn gehört hat. Dann stellt sie sich in den, Eingang der Höhle und blickt in ängstlicher Spannung seitwärts den Hügel hinab. Während der folgenden Tage bleibt der Leopard in seiner Höhle, wo die Jungen wie Kätzchen um ihn herumspielen, während „sie" auf die Jagd geht, von der sie das eine Mal ein Perlhuhn, das andre Mal eine kleine Antilope oder einen Pavian mitbringt. Die Wunde heilt nur langsam, und der Leopard verspürt auch keine Lust, sich Bewegung zu machen, es sei denn, daß er an seiner Pfote herumleckt, sich manchmal rastlos von einer Seite auf die andre wälzt oder gereizt auffährt, wenn eines der Kleinen ihm beim Fangballspielen mit einem Pallahbein zu nah kommt. Doch nach einer Woche ist er endlich wieder auf den Beinen. Da oben steht er auf dem Hügel, schaut hinab ins Tal und beobachtet die Antilopen- und Gazellenherden in der Ferne, an die er sich, wie er weiß, noch nicht heranmachen kann. Es kommt der Tag, wo die Kleinen, die zusehends gewachsen sind, den Eltern schon bis zum Rand der Felsplatte folgen und zum erstenmal einen Blick in die Welt da draußen tun dürfen. Hoch oben über ihnen schweben in der Lust die Geier: die warten darauf, daß die Bahn für sie frei wird, um sich über die Reste der halbverzehrten Pallah dort hermachen zu können. Plötzlich streicht einer mit rauschendem Flügelschlag ganz niedrig über den Felsen hin, die Kleinen erschrecken und ducken sich ängstlich; aber sobald er hochsteigt, bekommen sie schnell wieder Mut, stellen sich nebeneinander hin und beobachten ihn, wie er da oben kreist. Wenn sie einmal größer sind, wird alle Geierangft von ihnen gewichen sein — ja, dann werden sie, den Bauch katzenhaft an den felsigen Boden geschmiegt, sehnlichst darauf warten, daß einer mal so ganz nahe heran- kommt; vorläufig aber machen einem diese blitzschnellen Geschöpfe, die so plötzlich vom Himmel herabgestürzt kommen, noch angst und bange, und man muß immer wieder schutzsuchend zur Mama laufen. Uebrigens beherbergt der Hügel noch einen andern Bewohnern das ist das alte Nashorn. Noch nicht ganz hundert Meter weiter abseits haust es in einem Dickicht aus Büschen. Nashorn und Leopard sind sich weder Freund noch Feind. Sie leben wie Nachbarn, von denen der eine sich nicht in die Privatangelegenheiten des andern mischt. Jeder hält sich streng an seinen eigenen Wechsel hügelabwärts; mit geschmeidiger Anmut sucht der Leopard sich seinen Weg durch und über die Felsbrocken; mit weniger Anmut rutscht das Nashorn seinerseits einen steinigen Abhang hinunter. Außer der Nachbarschaft ihrer Behausungen haben sie tatsächlich nichts miteiander gemein. Der Leopard treibt sich weit umher, wenn er auf Raub ausgeht, und holt sich seine Beute, wo es ihm gut dünkt; das Nashorn nährt sich vom Gras und Blattwerk eines ganz bestimmten Streifens in der Steppe, dem es stets auf demselben Weg zustrebt, und den es stets, um am Fluß zu trinken, auf einem andern ganz bestimmten Weg wieder verläßt; es ist ein ausgesprochenes Gewohnheitstier, indes der Leopard sich ganz den gegebenen Umständen anpaßt. Endlich ist es soweit, daß der Leopard wieder selber auf die Jagd gehen kann, solange er sich an niedere Grasstrecken hält; im Wald, oder wenn er zu springen versuchen wollte, würde es jedenfalls anders sein. Aber das ist eine Frage der Zukunft; zunächst hat er vor, die Beute, die er von seinem Hügel aus weit dort hinten erspäht hat, zu beschleichen. Mit leichtgleitenden Bewegungen verfolgt er die Richtung, die er sich eingeprägt hat und wendet sich von Wald und Fluß weg den fernen Bergen zu. Etwa anderthalb Kilometer weiter liegt eine kleine Mulde, in der eine Akaziengruppe steht. Dorthin kommt manchmal eine Gazellenherde zum Rasten, das weiß er; gerade heute früh, als er die Steppe von fern mit den Augen absuchte, hat er sie wieder dort gesehen. Wie manchesmal hat er sich dort seinen Tribut geholt! Warum sollte er heute nicht auch Glück haben? Schon sieht er, indem er eine leichte Bodenerhebung hinankriecht, die Bäume vor sich. Am äußersten Ende der Baumgruppe äsen dicht aneinander gedrängt die Gazellen; er wird sich also anschleichen müssen, daß die Bäume ihn verdecken und der Wind seine Witterung in eine Richtung trägt, wo keins der Tiere sie wahrnehmen und die andern warnen kann. Tiefgeduckt gleitet er im Grase, das ihm zum größten Teil über den Rücken reicht, weiter vor; in seiner Erregung denkt er nicht mehr an die Schmerzen, die ihn vierzehn Tage lang gepeinigt haben. Er hat schon ein einzelnes Tier aufs Korn genommen — es ist ein Bock mit herrlich gebogenen Hörnern, der ihm von der ganzen Herde am nächsten steht. Jetzt nur noch unbemerkt bis zum letzten Baum kommen; dann wird er springen! Die Gazelle zeigt keine Spur von Argwohn. Friedlich knabbert sie an dem kurzen Gras, das sie im Verein mit ihren Stammesangehörigen im Lause einer Woche schon fast ganz abgeäst hat. Manchmal schnuppert sie in der Richtung, aus der der Wind kommt, aber mehr gewohnheitsmäßig als mißtrauisch; dann senkt sie ihren Kopf wieder, um weiterzufressen. Und immer näher und näher rückt der Leopard heran — jetzt ist er schon am ersten Baum vorbei, Stückchen um Stückchen schiebt er sich vorsichtig und lautlos vorwärts, den Blick fest auf die Beute geheftet. Da! Jetzt hat er den Fuß des letzten Baumes erreicht! Zitternd vor Mordgier will er vor dem Sprung noch einmal feine ganze Kraft zusammenraffen: die Muskeln spannen sich, die Klauen pressen sich dicht an den Boden, der Leib bebt in unbezähmbarer Erregung, die Augen starren geradeaus. Und jetzt springt er los! Aber da fährt ihm plötzlich ein schmerzhafter Stich durch die Tatze — Für den Bruchteil einer Sekunde wird fein Blick von der Gazelle abgelenkt und in eben diesem Augenblick schaut das Tier auf und macht einen großen Satz. Zeit zum Davonlaufen war keine mehr, der reine Schreck ließ es zur Seite springen, und dieser Satz hat es aus der Sprung- richtung des Feindes und in Sicherheit gebracht. Nun aber ist kein Halten mehr; in dem Augenblick, wo der Leopard an der Stelle landet, an der gerade vorher noch die Gazelle gestanden hat, ist die ganze Herde schon auf und davon und jagt durch die Steppe ins Weite. Und der Leopard? Er denkt nicht an Verfolgung. Seine Art zu jagen besteht in einem Uebertiften des ahnungslosen Wildes; entweder beschleicht er es, ober er lauert ihm im Hinterhalt auf, bis es, nichts Böses ahnend, nah genug herangekommen ist. Nicht einmal im Vollbesitz seiner Kräfte würde es ihm einfallen, einem Tier nachzusetzen, das er einmal im Sprunge verfehlt hat; geschweige jetzt, wo er merkt, daß mit verwundeter Pfote selbst das Anschleichen nicht so einfach ist. Aber abseits der Akaziengruppe weiß er einen dicken Baum mit einem ganz besonders starken Ast. Auf dem hat er schon oft gelegen und vorbeikommenden Tieren aufgelauert. Dahin macht er sich nun auf; angelangt, setzt er mit einem Sprung hinauf und beachtet nicht weiter den abermaligen stechenden Schmerz, der ihm das Bein heraufschießt. Die Klauen fest an den Ast gedrückt, die Schnauze auf die Tatze gelegt, so liegt er der Länge nach ausgestreckt da oben und harrt der Dinge, die da kommen sollen. Die reizende kleine pallah. Die Jüngste der Herde. — Erste „Gefah r". Eine Lust zu (eben. — Ihr Freund. — Innere Warnung. Der gelbe Blitz. — Einsam und allein. Wenn der Tag vorrückt und es immer heißer wird, ziehen Herden von Antilopen und Gazellen langsam, aus die Bäume zu, die mit ihrem Schatten locken. Sieh, da kommen vierzig Zebras grasend über die Ebene. Ein Dutzend Pallahs, voran ein alter Back als Führer, hält sich nah zusammengedrängt dicht hinter ihnen. Die schwerfälligen Zebras bringen die Schnauzen gar nicht weg vom Boden. Außer zweien, die in einem gewissen Abstand — eins rechts, das andre links — mit der Herde gleichen Schritt halten; es sind die Wachen, die ununterbrochen nach drohender Gefahr Ausschau halten müssen. Die Pallahs haben keine eigenen Wachttiere ausgestellt, sie verlassen sich auf die größere Herde vor ihnen; wenn diese unruhig wird, dann wissen sie schon, daß etwas lös ist. Daß sie während des Fressens ständig auf ihrer Hut sein müssen, stört sie nicht ein bißchen in ihrer fröhlichen Laune. Im Weiterwandern springen sie munter und lustig vor und zurück, wie es ihnen gefällt. Die Jüngste in der Herde ist erst ein paar Wochen alt. Ganz besonders anmutig ist sie mit ihren schlanken Beinen, dem zierlichen Hals, der lichten Streifung ihres Fells und den hauchzarten großen Ohren am feingeformten schmalen Kopf. So jung ist sie noch, daß es erst gestern war, wo sie zum erstenmal einen Begriff davon bekommen hat, was „Gefahr" ist. Mit andern Tieren aus ihrer Herde war sie zum Trinken auf die Sandbank gekommen; dort hatte sie, wie von einer inneren Stimm? gewarnt, plötzlich den Kopf gehoben und aufs Wasser hinausgeblickt. Und was mußte sie sehen? Eine ganz abscheuliche Gestalt war aus der Flut ausgetaucht und mit kleinen, boshaft funkelnden Augen unaufhaltsam auf sie zugekommen. Sie — zu Tode erschrocken — war geschwind fort- gesprungen, die Gefährten gleich hinter ihr drein. Genau weiß fie’s ja nicht, worin nun eigentlich die Gefahr bestanden hat; aber eins ist sicher: nie wird sie sich allein ans Flußbecken wagen — nie! Und auch bann, wenn die andern rings um sie heil verleiht. Unter Pavianen. herumstehen sollten, wird sie immer aufs Wasser hinausstarren müssen, ob da nicht auf einmal wieder so etwas Absonderliches und Schreckliches emvorsteiat. Schade! — Gibt es denn wohl etoasijcrrlicijercs, als am Ende eines recht heißen Tages seine Nase ins Wasser zu stecken und noch ein Weilchen am User zu rasten, während vorn nahen Fluß her eine wunderbar erquickende Kühle dringt, die einem durch den ganzen Körper zu ziehen scheint? Ja, es ist schon eine Lust, zu leben! Schon ist's, am kurzen Gras zu knabbern und dann unversehens an eine Stelle zu geraten, wo es ganz besonders saftig schmeckt. Schön ist s, mit Brudern und Schwestern lustig umherzuspringen und dann M den heißesten Stunden sich unter den Bäumen auszuruhen. Nur am Fluh gibt es so fürchterliche Dinge! An diesen scheußlichen Kopf mit der großen Schnauze muh sie immer wieder denken, manchmal mitten in der fröhlichsten Stimmung; dann fährt sie schaudernd zusammen, oder es geschieht, daß sie plötzlich mit einem Satz aus dem Schlaf aufspringi: dann halte ihr geträumt, sie habe nicht fortlaufen können, fei am Ufer stehen geblieben, bis das Ungeheuer ganz nah herangekommen war---- Die Zebras sind jetzt seitwärts abgeschwenkt und streben auf eine große Baumgruppe nahe am Flusse zu; die Pallahs aber haben es auf eine Stelle abgesehen, wo sie schon häufig in Gesellschaft einer kleinen Gazellenherde gerastet haben; eine Anzahl Akazien steht dort betfany men, die schönen Schatten werfen, und überdies ist der abgesonderte Platz wie geschaffen gegen plötzliche Ueberfälle. Der alte Le'.tbock hat alsbald festgestellt, daß der Platz heute leer ist; aber dte Gazellenherde kann noch nicht lange fort sein. Der Boden da ist schon fast ganz ab- qcgraft, aber das ist nicht von Bedeutung; der Ort lockt sie ja weniger des Futters wegen als um der Kühle und Ruhe willen, die er spendet. Der Alte hat seine Schützlinge jetzt Ms zu den Bäumen geleitet und da liegen sie nun alle um ihn herum. Es mag wohl drei Stunden später sein, da fährt die kleine Pallah plötzlich mit dem seltsamen Gefühl, daß eine Gefahr in der Luft liegt, aus dem Schlaf hoch, springt auf die Füße und sichert unruhig umher; aber alles schlaft oder ruht in ungestörtem Frieden. Nur ein ganz junges Tier — ein Bock — ist bei ihrer Bewegung aufmerksam geworden, kommt auf sie zugetrottet und legt seinen Kopf an den ihren; so stehen sie wohl eine Minute lang beieinander. Dann trottet oas junge Bäckchen wieder zum Rande des Busches zurück. Die klein« Pallah folgt ihm; sie ist immer noch in Unruhe, obwohl sie sich gar nicht vorstellen kann, von was sie eigentlich wach geworden ist, noch woher ihr dies unbehagliche Gefühl kommt. Ganz ähnlich zumut ist ihr's wie vor kurzem, als das Krokodil aus dem Wasser auftauchte. Wieder ist die quälende Vorstellung da, daß sie weit, weit fortlaufen möchte und sich doch nicht vom Fleck rühren kann; Angst mahnt zur Flucht, Neugier heißt sie bleiben! Sie ist wenigstens nicht allein: der kleine Pallahbock neben ihr ist ihr Freund, und in seiner Nähe fühlt sie sich geborgen. Nicht weit von der Akaziengruppe steht ein einzelner Baum mit weit ausladenden Aesten. Dorthin zieht es den kleinen Bock, der feiner Begleiterin jetzt einige Schritt vorausläuft. Ihn treibt feine Angst, nur eine gewiße Rastlosigkeit und dann der Wunsch, mit der kleinen Pallah, die da hinter ihm herfolgt, anzudändeln. Außerdem ist es heiß, und unter dem großen Baum gibt es noch besseren Schatten; dort könnten sie sich niederlegen. _ _ , Jetzt ist er gleich am Ziel; seine kleine Freundin ist noch einen Augenblick zurückgeblieben, um ein Büschel Gras abzubeißen. Da laßt ein plötzlicher Schrei des Entsetzens sie schnell aufbstcken; im nächsten Augenblick schon hat sie sich zur Flucht gewendet, sieht aber noch eine langgestreckte gelbe Gestatt auf dem Rücken des Böckchens landen, steht gewaltige Tatzen jein Fell straffen und fletschende Zähne sich in seinen Hals graben. Da packt sie eine ganz unbeschreibliche Angst; sie läuft, wie sie noch nie in ihrem Leben gelaufen ist — wohin? Sie weiß es nicht. Sie wird auch nicht gewahr, daß die ganze Herde in der entgegengesetzten Richtung flüchtet. Nur e i n Gedanke erfüllt sie: Fort von dieser unheimlichen Erscheinung mit dem gefleckten Fell und den furchtbaren Zähnen! Nichts mehr hören müssen von den kläglichen Todesschreien des armen Freundes. Erst nach langer Zeit hält sie im Laufen ein und wagt zurückzu- fchauen. Kein Tier weit und breit! Nichts als offene Steppe, di« Berge in der Ferne und dort drüben der grüne Baumgürtel, der den Flußlauf begleitet. Da erst fällt ihr die Herde ein. Sehnsucht befällt sie. Sie fürchtet sich plötzlich, fo ganz allein zu fein. Ach, was gibt es doch auf der Welt für schreckliche Dinge! Da kommen sie aus dem Wasser herauf — da springen sie von den Bäumen herunter! Sie verficht ja noch nicht, was und wie das alles ist; aber eines weih sie jetzt: sie bringen den Tod! Und da steht sie nun und hat keine Freunde mehr, die sie beschützen und die sie lehren könnten, wann sie in Sicherheit und wann in Gesahr ist. Während mehrerer Minuten ist sie völlig wie benommen durch dies Gefühl der Vereinsamung. Dann brennt ihr die Sonne so arg au den Rücken, daß sie beschließt, wieder zu den Akazien zurückzukehren; oenn sonst ist kein Schatten in erreichbarer Nähe zu entdecken. Vielleicht wird sie dort auch roieber auf die Gefährten stoßen. Ja, ganz gewiß sind auch sie wieder an den Platz zurückgekehrt und sie wird sie wiederfinden, vereint in friedlicher Gemeinschaft, die allein Schutz und Sicher- Pallah aus der Suche — Di« fremde Herde. Zug zur Tränke. — Die Lichtung. — Unter Pavianen. Der rettende Warnruf. — Endlich in Sicherheit. Der Felshügel. Aber ach, sie find nicht da! Da mag die kleine Pallah auch nicht grasen. Suchend streift sie umher, unter den Bäumen — über sonnen- beschienene Flecken; aber so viele Tier« sie auch sieht, es ist keines von ihrer Art darunter. In dem spärlichen Schatten der drei dünnen Akazien dort lagert eine Herde Gnus. Nicht weit davon haben sich an dunkler beschattetem Platz ungefähr fünfzig Zebras, ein paar Kuh- antilopen und einige Gazellen zufammengefunden. Halb versteckt hinter Akazien stehen vier Giraffen und rupfen an den obersten Blattern, während ein altes Nashorn den einen Baum dort ganz für sich allein beansprucht. „ , ... .. . . Doch was hat die kleine Pallah von all den vielen Tieren, die dort auf verhältnismäßig kleinem Raum versammelt sind! Mutterseelenallein ist und bleibt sie trotzdem! Und der Schrecken, der sitzt ihr noch in allen Gliedern: beim leisesten Geräusch zuckt sie zusammen. Zwar braucht sie ja vor keinem der Tiere hier Angst zu haben, denn die beachten sie nicht — schenken ihr auch nicht die geringste Aufmerksamkeit; aber wenn o ein Gnu schnaubt, möchte sie immer gleich davonjagen, und wenn eine lebhaft« Gazelle plötzlich ausspringt, dann meint sie nicht anders, als daß ein Feind auf sie losftürzen wolle. All diefe Aengfte aber stehen zurück vor dem einen inbrünstigen Wunschgedanken: die eigene Herde wiederzufinden! — Einmal verraten ihr untrügliche Zeichen, daß hier noch vor kurzem Pallahs vorbeigekommen sind. Und sogleich macht sie ich auf, der Spur zu folgen. — £i Freude! Sind denn das nicht die Vermißten, die da hinten frieM sich unter Bäumen grafen? Ach, es sind auch Pallahs, aber ihr gänzlich remd. Eine Weile hält sie sich noch in ihrer Nähe, hofft sie noch es !önnten am Ende doch die eigenen Gefährten dabei fein und sie wieder- erkennen. Als jedoch zwei von ihnen ganz dicht herankommen, um sie zu beschnüffeln, geben sie ihr kein Willkommszeichen und scheinen ebensowenig für sie übrig zu haben wie Zebras und Gnus. Auch ihnen ist der Fremdling, den man wohl dulden mag, solange er einem die faftigen Grasstücke und die schattigsten Ruheplätze nicht streitig macht, den man aber nicht in die Herde auszunehmen gesonnen ist. Also verläßt di« kleine Pallah diese Herde wieder und wandert weiter; Augen und Nase suchen begierig das Gras nach Spuren ab, bie Aufschluß geben könnten über den Verbleib der Ihren; sie schnt sich *0 Wiedas Umherstreifen dürftig macht! Eine Spur, di« zum Fluß hinführt, macht sie sich gleich zunutze; bald trifft sie wieder auf eine Gnuherde, die auch dem Wasser zustrebt. Sie gesellt sich zu ihnen, auch wieder Fremdling unter etwa zwanzig Tieren, die gewohnt sind, unter sich zu leben. Zwischen den Bäumen und Büschen hindurch laufen noch andre Spuren in der gleichen Richtung, und auf diesen streben Strauße. Kuhantilopen, Gazellen und Wasserböcke herbei. Jetzt aber vereinigen sich alle diese schmalen Spuren zu einem einzigen breiten Pfad. Aus dem schiebt sich eine Herde Elefanten höchst geruhsam vorwärts, alles, was ihnen in den Wog kommt, eingehend mit den Rüffeln untersuchend; voran marschiert ein mächtiger Elefantenbulle, Kühe und Kälber im Ge- B. Hinter den Elefanten drängen sich all die andern Tiere, voller er, rasch ans Wasser zu kommen; aber ehe die Elefanten nicht abgezogen sind, trauen sie sich nicht vor. Dort, wo der breite Pfad aus dem Buschwerk herauskommt und sich in unzähligen kleinen Spuren über die Sandbank hin verzweigt, machen die Elefanten zunächst einmal halt; da wird erst einmal der Rüffel voll Sand genommen und der Sand über den eigenen Rücken gestäubt. Ungeduldig harren all die kleineren Tiere im Hintergrund. Nur die kleine Pallah trippelt beherzt links an den Elefanten vorbei, von denen einige schon anfangen, sich mit Wasser zu bespritzen; ganz allein wagt sie sich bis an den Rand der Sandbank vor. Als sie nun mit einemmal das Flußbecken fo offen vor sich liegen sieht, steht blitzartig wieder die Erinnerung auf an das letztemal, wo sie zum Trinken hier war, und furchtsam äugt sie nach dem User gegenüber: sollten da wieder diese grauenhaste Schnauze, diese kleinen lauernden Augen----? Aber nein! — glatt bleibt der Wasserspiegel, nur dort leichtes Wellengekräusel, das di« Elefanten beim Trinken ver- Ursachen. Das gibt ihr wieder neuen Mut; fast möchte sie glauben, sie habe die schreckliche Erscheinung, die ihr da immer durch den Sinn spukt, in Wirklichkeit gar nicht gehabt. Ganz behutsam taucht sie die Schnauze ins Wasser und trinkt in langen Zügen. Ach, das erfrischt! Aber jetzt heißt es wieder zurück in den Busch! Wie beruhigt fühlt sie sich, daß sich nichts Schreckliches ereignet hat. Hat sie doch joden Augen.- blick gewähnt, es müßten diese starren Augen wieder auftauchen; aber nichts hat sich gerührt, in Muße hat sie sich satt trinfen können und ungefährdet ist sie durch das dichte Ufergobüsch bis zum nächsten Baum zurückgowandert. Doch wenn sie sich jetzt auch ruhiger und weniger von Gefahr bedroht fühlt als vorher — das beklemmende Bewußtsein völliger Einsamkeit bleibt. Wieder wandert sie von Herde zu Herde, unbehelligt, aber auch nicht freundlich beroi(Kommt. Der Gedanke an die Nacht mit ihren vermehrten Gefahren steigert nur noch die Sehnsucht nach der tröstlichen Nähe ihrer Herde. Im Umherschweisen kommt sie jetzt über eine Lichtung, die sich durch ein Waldstück hinzieht. Da will sie etwas verweilen, um ein wenig zu grasen. Unter den Bäumen haben sich Paviane niedergelassen: die Paviankinder spielen, von ihren Müttern behütet; ein alter Pavian, der Führer der Schar, kauert auf einem hohen Ast und versieht sein Amt als Wächter. Bewegt sich da nicht etwas ganz heimlich zwischen den Büschen am Rand des Wäldchens? Die ruhig vor sich hingrasende Pallah dreht ihm gerade den Rücken zu, und so bemerkt sie nicht den Gepard, der geduckten Leibes herankriecht, bie funkelnden Lichter starr auf die erhofft« Beute gerichtet. Aber dem alten wachsamen Pavian auf feinem Ast entgeht es nicht, daß sich da hinter einem Busch — etwa vierzig Meter entfernt — etwas Gelb-Braunes bewegt. Schon schreit er los; es ist das kurze keisende Gebell, mit dem die Paviane höchste Gefahr an« melden. Da erheben die Jungen ein angstvolles Gezeter, huschen zu ihren Müttern, springen hoch an ihnen und klammem sich krampfhaft an ihrer Brust fest. Der Führer und die andern Männchen stellen sich wehrhaft mit gefletschten Zähnen auf; die kleine Pallah aber springt hurtig vor und ist im Nu außer Gefahr. (Fortsetzung folgt.) August. Bon Rudolf ®. Binding. Ernster AugustI Verfingst du mit dörrenden Stürmen di« Liede? Brechen Wellen des Meers ein in die Müde der Augen? Zittert das Licht aus zu hoher Wölbung des Aethers? oder wehrt sich das Herz übermächtiger Glut? Nun sind die Felder geleert. Die Wälder verdunkeln. Lichter, süßer und liebender hat uns der Mai einst umarmt. Wehre dich, HerzI Sammle das Süße in dir. Sammle es heimlich zum Süßesten. Jetzt reist di« süßest« blutend — reist die Brombeere unter dem Dornengerank. ^ch vergesse dich nicht, große Klußorgel! Von Anton Schnack. Dieser Tage fuhr der bekannte Kettenschlepper des Main- slusses, am obersränkischen Main „Moikuh" genannt, in der Würzburger Gegend „Meekuh" und in der Frankfurter Landschaft „Maakuh" geheißen, zum letztenmal mainauswärts, um die Kette, die .ungefähr 314 Kilometer lang ist und aus 4 700 000 Gliedern besteht, aus dem Main herauszunehmen. Ueberall stand eine große Zahl Zuschauer an den Usern des Flusses, um dieses Schauspiel zu verfolgen. Ein herrliches Stück fränkischer Flutzpoesie ist damit beendet. irklatschten Haaren von < . i eusenfischer am Rockkragen gepackt und ...... „ k '-eerkübel geschleift wurde, bis das Wasser wieder aus der Knabengurgel 1 ("laufen war. I Welche Ufer waren das? Weidenbuschumsäumte Ufer waren es bei < amberg und Haßfurt, wo, der Aussprache gemäß, der herrliche Schlep- | )cr die „Moikuh" hieß. Ein anderes Ufer gehörte der von Weinbergen starteten und Weizen und Korn durchdufteten Landschaft bei Dettei- *nd) am Main, das um die Jahrhundertwende noch wie eine von Merian zurllckgelassene Kupferstichstadt aussah, ein behäbiges fränkisches I Müein, sonnenheiß in blauen und von heftigen Gewitterstohen abge- | Mossenen Sommerwochen, trauben- und mostsühgerüchig, wenn «ep- Miber und Oktober eine von Nebeln durchwehte Seidenluft über das Endliche Flußtal spannten. In den am rechten Flußuser angelegten Weinbergen waren wir dann bei fröhlicher Traubenlese. Tief unten -inkte uns die schmale ausstaubende Straße nach Mainstockheim und Ringen; wir aber, hoch droben in der Hügelwand, schnitten mit Reren und krummen Messern die Trauben von den Stocken oder S udeten Holzstöße aus dürren, verwetterten Weinbergslatten an, war- l*1 dazu dürres Gras, das unter den Schlehenbüschen wuchs, und die ° n steinigen, steilen, schmalen Pfad säumten, weiß und schaumend in dr frühlingsblühenden Zeit und nun im Herbst bläulich dunkelnd im । nchen Behang von herben Schlehenkugeln. Und wahrend also die Feuer- 1ngen knisterten, lärmten die Handböller der be>m 9. Kgl. Bayer. 3n- Jhm, dem Kettenschlepper, gebührt dieser von einer heimlichen Trauer eschattete Nachruf, es gebührt ihm gewiß dieser Nachruf, man läßt einen »lchen ja oftmals auch im Nachdenken für einen Menschen aufglänzen, !er den und jenen Eindruck gemacht hat, Eindruck durch Taten, durch Lühnheit oder Milde, durch Können oder Schönheit. Und wie die . Stimmen von großartigen Sängern und die Stimmen von liniendurch- urchten Schauspielergesichtern plötzlich erlöschen, süße oder erschütternde Stimmen, die bezwangen, wenn man sie hörte und noch lange in der I Seele nachzitterten, weil sie einmal Zauberhaftes ausstrahlten, Ver- Wenbes und Erregendes, so war mir, meinem Bruder und der mir in- snischen unbekannt gewordenen Schar von einstigen Schulkameraden, echen und behenden Franken, die dunkle und heulende Stimme des Schiffes, die Stimme über dem Mainwasser, die an die altertümlichen i enfterscheiben klirrende Stimme, die durch des kochenden Flußnebel «chende und warnende Stimme, die in den graublauen Abenddämme- I tungen unheimliche Stimme, die in den taublitzenden Sommermorgen I p Abenteuern und Knabenstreichen ausrufende Stimme, die Stimme, liie von Wasserreisen erzählte, von Flutzgeheimnissen, von musikdurch- I Lernten Hafenkneipen und von buntwirbelndem, gefährlichem Leben. I Diese Stimme hat eine an den Mainufern verspielte, vertobte und erträumte Kindheit begleitet, eine in Franken ausgewachsene Jugend, |l:e trotzig war und voll heimlicher Laster, die Mut hatte und Geheirn- k Life, und dieser Kindheit und Jugend hat das Schiffsgeheul in vielen I lcayren und an vielen Tagen zugerufen, Tage einer Jugend, der das 1 llußwasser geliebtes und vertrautes Element war, und aus dem der I! nabe des öfteren halberfosfen, triefend und verschlammt, Mund und j kaudj voll Wasser, herausgezogen wurde, an den nassen, zufammen- ! irklatschten Haaren von einem fluchenden Sandschöpfer ober von einem I s eusensischer am Rockkragen gepackt und ans User zu Fischlagel und santerieregiment in Würzburg gedienten Knechte und Gesellen, breitmäulig waren die Schüsse, angeschwärzte Papiersetzen ringsum streuend, und dreifach gebrochen rollte das Echo durch die Schlucht und beschleunigte die Hasenflucht, Schüsse, die bann in dem plötzlich um die Flutz- kehre kommenden und langezogenen Geheul der „Meekuh", so hieß nun der Schlepper im Herzen von Franken, verschluckt und verdrängt wurden. Der dumpfe Ton, der einen brummenden und summenden Hummelklang halte, dann wieder aussetzte, um wieder, aber schon näher, unter Kettengerassel und Schaufelwirbel zu lärmen und zu dröhnen, war ein wunderbarer Ton, der in die dahinsterbende Demut der fränkischen Herbstlandschaft paßte, der schon oft gehört worden war, aber immer wieder von klangbegierigen Knabenohren mit Herzklopfen und heimlichem Schauer vernommen wurde, Stimme eines vorweltlichen Riesentieres, Stimme eines Ungeheuers, die, wenn sie breit und gewalttätig brüllte, die Schulbuben in der Volksschule zu Dettelbach am Main beunruhigte, und es war eine größere Gewalt in der Stimme der „Meekuh" als in der Stimme des Lehrers, der ans Fenster trat und eine Weile mit verklärtem und verwandeltem Gesicht hinauslaufchte, und wir alle, die eng und muffig in den Bänken faßen, wo die biegsamen jungen Rücken gekrümmt wurden, hätten ebenfalls verklärte Gesichter und die Gedanken derer waren allesamt am Mainufer als aufgeregter und kribbelnder Haufen oerfammelt, der dem auf dem Verdeck hin- und herfchiehenden Hund, einem Spitz, heiseres Gekläff zubellte, ganz nach Knabenart, und dabei den Gang der Kette beobachtete, di« wasier- iropfend aus dem Mainspiegel herauskam und bann von den eisernen Trommeln auf dem Schiff aufgewickelt wurde und am Ende des Schiffes wieder in den Fluß hinunterrasselte, um aus die Sohl«, aus den Grund zu sinken. Und wenn wir der Schule entronnen waren, die sich in dem berühmten spätgotischen Dettelbacher Rathaus besand, verziert von einem wunderbaren Erkerchörlein und versehen mit einer stolzen und prächtigen Freitreppe, ja, nach Schulschluß und zur Ferienzeit schwammen wir wie junge Hund« hinter der „Meekuh" her, um einen Glanz, einen Fetzen des Glanzes zu erhaschen, der im Kielwasser des Schleppers glitzerte; denn dort, woher der dustere und lärmende Schlepper kam, war nicht ein verwinkeltes und enges Frankenstädtchen, sondern die unendliche und abenteuerreiche Welt, die Ferne war dort, es waren dort die üppigen Städte, der Rhein, das ebene Holland und das Meer. Und wir hielten bei diesem Wort den Atem an — Meer war das Ungeheuerste, was es für uns gab. Für die Knaben der Gegenwart ist allerdings nun die große Flutz- orgel erloschen, endgültig und immerdar; zum letztenmal fuhr der rasselnde Schlepper mainaufwärts, zum letztenmal war seine dumpfe Stimme zu hören, zum letztenmal rasselten eisern die Ketten, Ketten von dreihundertvierzehn Kilometer und noch mehr Länge und aus vier Millionen siebenhunderttausend Kettengliedern bestehend. Jahrzehntelang lagen diese Millionen von Gliedern auf dem Grunde des Mains, und cs rauschte das lehmgelbe, die Wsesen überflutende Frühlingshochwasser darüber, kalte, frostige Winter schleiften klirrende Eisschollen vorbei und die Schatten der Frankenwaldflöße ,trieben zur Sommerzeit über sie weg. Schlüpfrige Aale gr^ndelten an der Kette, Flußmuscheln klebten am Metall, und auch das^rtrunkene Mädchen ruhte bet ihr von vielen Kümmernissen aus, weil es, Tod suchend, ins Wasser sprang, um bei dem Manne nicht ein ganzes Leben zu vertrauern, den die Eltern, verbohrte, engstirnige, und an Geld und Gut klebende Eltern, für fein Frauenleben bestimmten. Das ist diese Kette, ein wasserumströmte, sisch- schwanzumspülte, fanbumtnifterte Kette, und ich wieberhole es noch einmal, weil es so groß und verwirrend klingt, viermillionensiebenhundert- tausenb Glieder zählend, englisches Erzeugnis, weil damals, als die Kette aus Geheiß des bayerischen Königs, des Ludwigs, gelegt wurde, die deutsche Industrie solche Ketten noch nicht herstellten konnte; und damals waren noch die Wasserwesen im Fluß, der schmerzlich singende Wassermann und die fischschuppige Nixe, und ihnen war die Kette glitzerndes Spielzeug, und auch für uns, für die Knaben, war es größtes Abenteuer, die eiserne Schlange beim Wassertauchen zu sehen und mit zaghafter Fingerspitze zu berühren. Und nun wird die Kette Kilometer nach Kilometer heraufgehoft und Kilometer für Kilometer begleite ich sie, und an den von Wasser und Schlamm angegriffenen Gliedern erhasche ich Vielfaches von ihrem geheimnisvollen Leben unter Wasser, von Felsenschnellen und strudelnden Sandstrecken, von chrem Weg unter Brückenbogen, von untergegangenen verfaulten Schelchen und hängengebliebenen Fischnetzen, von römischen Stechgabeln, schwedischen Reiterpistolen und rostzerfressenen Hellebarden aus dem Bauernkriege. Aber bas ist noch nicht alles, das sind Beigaben auf irgendwelchen zufälligen Wegen und bei irgendwelchen zufälligen Begebenheiten hinunter zu ihr auf die Sohle des Maines gesunken, das andere, was noch an ihr hängt, ist Menschenhatz, heißer, fast aufrührerischer Menschenhatz, zwar schon lange her, aber doch einmal blutgiftig, herzecht und lebendigschwärend gewesen, wie nur Hatz gegen ein neues Ding, einen neuen Weg, einen neuen Gedanken, eine neue Erfindung fein kann. Es war der Hatz der damaligen Schiffer, Fährleute, Sandschöpfer, Häcker, der Holländer- flöher und der nur bis Aschaffenburg fahrenden Weitzflöher, und noch vieler anderer mit eingeschlossen. Es war ein Hatz, der sich in Einsprüchen an den König Luft machte, in Verwünschungen und Flüchen, in erregten Versammlungen, in Steinwürfen und in geballten Fäusten. Man hat den Rauch des Schleppers für die Ursache von Viehseuchen gehalten; man beschuldigte ihn, wenn ein Kind in den Main fiel und ertrank ober ein Flöher vom Floß ober ein Fischer vom Kohn, Teufelswerk wurde die „Meekuh" genannt und für die Verhängnisse, die ein Fluh bringt, verantwortlich gemacht. Es ging auch das Gerücht von der Ueberflüffig- keit der Eisenbahn, weil der Schlepper die Frachten billiger und schneller nach Würzburg und Bamberg bringen würde. Wie so manche vorgefaßte Meinung, war auch die Meinung von der Schädlichkeit des Mainschleppers und seiner Kett« falsch. Es steht fest, dah die Technik manche Kreaturen und allerhand Natur zerstört hat, sie hat vor allen Dingen das Wasser des Flusses zerstört, das wiesengrüne, dunkelsamtene Wasser, sie hat die Tiere vertrieben, den Fischreiher, den Kolkraben und viele Fische vernichtet, Hunderttausende von Fischen starben seitdem, und die Fischer von damals haben es vorausgesagt und haben um Brot und Verdienst gebangt, aber die „Maakuh" oder „Meekuh", Prachtstück aus einer Generation stählerner und eiserner Tiere, schwarz und ölbeschmutzt, schwerfällig und doch kraftgeladen, war nicht ausschlaggebend für da^ Massensterben von Fischen, die seitdem mit den Bäuchen nach oben, vergiftet von grünschillernden und violetten Abwässern und Schlammgasen, den Main hinunterschwammen und auch weiterhin hinunterschwimmen werden. Sie war auch nicht ausschlaggebend für den Schaden an den Weinbergen, für die man damals fürchtete, weil sich an feuchten Tagen, die den Rauch ins Tal drückten, der rußige Teufelsschwanz auf die gelb- und goldbäckigen Beeren schlug und einen schwarzen Ueberzug auf die saftigen Kugeln malte. Geschadet hat sie nur der Demut jener Manner, die, das Zugseil über der Schulter, die beladenen Kähne maincmfwarts zogen, Schritt für Schrit auf dem schönen Treitelweg, der von tausend Füßen ausgetretene Weg, um den die Weidenbüsche schwankten und das geknickte Schilf seine dürren Fahnen legte. Ein herrliches Stück uralter Fluhpoesie, das gleich einem Saum am Main sich hinzog und von den Schweißtropfen der Männer benäßt wurde, wie vom gewitterlichen Regen, wie vom morgendlichen Tau. Ihre Klage wurde von dem herrischen Brummen der Schleppermaschine verweht und zugedeckt; denn Stegeszüge sind grausam und kennen keine Gnade. Um so größer wurde bei ihrem Rus und Ton das Herz aller am Maine wohnenden Knaben geweitet und erregt und im Schaum, den die Schaufelräder schlugen, fanden sie badende und tauchende Lust. An Belinden. Von I. W. von Goethe. Warum ziehst du mich unwiderstehlich, Ach, in jene Pracht? War ich guter Junge nicht so selig In der öden Nacht? Heimlich in mein Zimmerchen verschlossen. Lag im Mondenschein, Ganz von seinem Schauerlicht umflossen. Und ich dämmert ein; Träumte da von vollen goldnen Stunden Ungemischter Lust, Hatte schon dein liebes Bild empfunden Tief in meiner Brust. Bin ich's noch, den du bei so viel Lichtern An dem Spieltisch hältst? Oft so unerträglichen Gesichtern Gegenüber stellst? Reizender ist mir des Frühlings Blüte Nun nicht auf der Flur: Wo du, Engel, bist, ist Lieb' und Güte, Wo du bist, Natur. Das Gewitter. Von Georg Britting. Als Katharina nach dreioiertelstündiger Fahrt nachmittags um drei Uhr bei hellem Sonnenschein den kleinen verstaubten Bahnhof verließ, der trostlos allein neben der Straße stand, kein Haus sonst weit und breit, und sich anschickte, nach Pflengenreuth zu gehen, eine Stunde Wegs war wohl noch bis dorthin — oh, sie kannte den Weg wohl gut, wohl sehr gut, kannte wohl jeden Baum der hundert Bäume, die den Weg säumten, jeden Baum, im Sommer und im Winter, sie war ihn auch oft genug gegangen, diesen Weg, weiß Gott! oft genug, wohl zu oft, öfter als gut war, in den letzten zwei Jahren, bei jeder Witterung —, stand dort, wo Pslengenreuih lag, das von hier aus noch nicht zu sehen war, es war von einem flachen Höhenzug verdeckt, stand dort am blauen Himmel über Pflengenreuth eine düstere schwarze Rabenwolke, die ein Gewitter anzeigte. Katharina mochte wohl hoffen, noch vor Ausbruch des Unwetters das Dorf zu erreichen, und sie war durchaus in der Stimmung, auch ein Gewitter, das sie zu überraschen käme, nicht zu scheuen, war durchaus in der Stimmung, ein solches sogar herbeizusehnen, und so ging sie festen Schrittes dahin, mitten aus der Landstraße, mitten in der prallen Sonne, nicht am Rand der Straße, links oder rechts, wo Baumschatten gewesen wäre, links und rechts, ging gerade, als sei sie Jfjr Ziel, auf die große schwarze Rabenwolke los. Der Wolkenvogel wuchs rasch, seine Flügel, gelb und weißlich gerändert, schwangen immer breiter im Himmel, und bald wohl war seine licsschwarze, ungeheuer gewölbte Kehle über ihr, und der Vogel flog weiter fort und über sie hinweg, dahin, wo sie herkam, ins Sonnige, ins Blaue, und wer weiß wohin rauschend und dunkeldrohend zu fliegen ihm der Wind befahl! Katharina, die Lehrerin, ging nach Pflengenreuth zu dem Mann, den sie liebte, und sie hatte nie zuvor einen anderen Mann geliebt, sie ging zu dem Lehrer von Pflengenreuth, den sie liebte, der sie aber nicht mehr liebte, und sie ging zu einer letzten Unterredung mit ihm, die herbeizuführen wohl sinnlos war, ganz und gar sinnlos, vor der er sich fürchtete, er hatte es ihr geschrieben, die auch sie fürchtete, das hatte sie ihm geschrieben, die sie aber als notwendig empfand, die aber unbedingt statt- finden mußte, auch wenn sie sich beide davor bangten, und wenn sie sich fragte, was sie ihm wohl jagen wollte, ihm, dem Geliebten, der es noch immer und auf immer war, wenn sie ihn auch nicht mehr so nennen durfte, künftighin, so fiel ihr nichts weiter ein als dies: Ich möchte jetzt sterben! Sie ging unter der dunklen Wolke dahin, die Straße lag im Wolken- schatten jetzt, aber wenn sie nach linkshin blickte, war über einem fernen Nadelwald noch Sonne, lag über dem Wald ein unwirkliches, gläsernes Licht, ein Vogelpaar hob sich jetzt aus dem Wald empor, hing unbeweglich in der Luft, kurze Zeit, und machte sich in schönen Schwüngen dann eilig davon. In die Bäume an der Straße war jetzt der Wind eingefallen, er drehte kleine Wirbel aus dem Straßenftaub, die fauchend um ihre Füße quirlten; sie ging, es fielen die ersten Tropfen, und aus dem Schwarz der Wolke leuchteten schweflige Lichter entfernter Blitze. Der Regen wurde stärker, ein Knurren lief über den Himmel, Donnerfchläge schallten jetzt, nun rauschte der Regen herab, Katharina war bald ganz und gar durchnäßt, aber sie ging, sie ging. Der Lehrer von Plengenreuth, der unruhig am offenen Fenster dar heraufziehende Unwetter beobachtet hatte, schloß das Fenster, als die ersten stürmischen Tropfen ihm ins Zimmer sprangen, und war unschlüssig, ob er Katharina, die ihm ihr Kommen angezeigt hatte, mit einem Schirm entgegengehen sollte, und ging einmal vorerst nicht, weil sie vielleicht doch klug genug gewesen war, im Bahnhof unter Dach und Fach das Gewitterende abzuwarten. Aber sie war nicht klug, Katharina, die Lehrerin, sie ging mitten auf der Straße, es war auch keine Möglichkeit, sich zu schützen vor dem Regen. Auch wenn sie am Straßenrand unter den Bäumen gegangen wäre, hätte das wenig geholfen, dick troff das Wasser von den Blättern, aber sie suchte auch gar keinen Schutz, sie hätte jeden Schutz verschmäht. Sie ging, sie ging im Schwarzen und Wehenden und Nassen, und die Blitze waren jetzt näher und waren über ihr, Wasser schwamm über ihr Gesicht, vielleicht waren auch Tränen dabei, das meiste aber war Hegen» wasser, sie ging, und wenn sie dem Geliebten dort in Pflengenreuth dem geliebten Lehrer von Pflengenreuth doch nur sagen wollte, daß sie zu sterben begehre, so konnte ein Blitz sie daran hindern, es ihm zu sagen, indem er ihr diesen Wunsch rasch und feurig erfüllte, und so schloß sie die Augen, faltete die Hände vor dem Leib und ging, ging wie eine Blinde, mit den suchenden Tritten einer Blinden, und sagte inbrünstig und laut und in dem Ton, wie Wallfahrer beten, sprach schluchzend das gotteslästerliche Gebet: „Komm, Blitz! Komm, Tod, Komm Sarg!" Noch durch die herabgelassenen Lider ahnte sie den grellen Schimmer der Blitze, die sie umzuckten, aber sie öffnete die Augen nicht, ging und ging, der Donner dröhnte in ihren Ohren, und sie betete immerfort und immer lauter und lauter wertend, um durch den Donner die eigene tröstende Stimme zu hören, lallte und rief und schrie ihre böse Litanei: „Komm, Blitz! Komm, Tod! Komm, Sarg!" Da brach ein Krachen nieder, Schmettern, daß sie wankte, schon glaubte, das Schicksal habe ihr den Willen getan, ihr das tötende Feuer geschickt, aber das Schicksal hatte keinen Blitz für sie, mußte sie erkennen, das Schicksal gab ihr nicht, noch nicht, mußte sie verspüren, den Tod, den sie begehrte; daß sie lebte, noch lebte, mußte- sie verspüren, und so gab es ihr wohl auch nicht den Sarg, den sie herbeibetete und herbeischrie. Sie öffnete die Augen, öffnete sie gerade jetzt, als sie in ihrem eintönigen Singsang bei den Worten war: „Komm, Sarg!" und da lag vor ihr am Straßenrand ein weißer Sarg, ein weißer Halzsarg, das Wasser lief an ihm herab, es war ein schöner gelblichweißer Holzsarg, ein Sarg für einen erwachsenen Menschen, nicht vielleicht ein Kindersarg. Da lag am Straßenrand also der Sarg, den sie herbeigefleht hatte, und jetzt hob sich der Sargdeckel langsam und verschob sich, und ein blasses Gesicht sah aus dem Sarg, und ein Gesicht erhob sich weih über den Sarg; der im Sarg lag, hatte sich erhoben, und er rührte die Lippen, der Tote, denn in Särgen liegen doch nur Tote, aber was der Tote ihr zurief, verstand si« nicht, und vielleicht nahm sie an, der Tote wollte ihr Platz machen, weil sie so inbrünstig nach einem Sarg gerufen hatte. Der im Sarg lag, ging vielleicht gern wieder zurück ins Leben, während sie doch gern an seine Stelle wollte, vielleicht tauschte der Tote ganz gern mit ihr! „Komm, Sarg!" sagte sie noch, als ihr Herz aussetzte, als sie umsank gegen einen Baum, tief fiel, sehr tief fiel, und im bodenlosen Schwarzen unendlich und auf immer versank, die gefalteten Hände noch vor dem Leib, ein schwaches Lächeln noch auf den Lippen, weil der Sarg und mit dem Sarg der Tod nun doch noch zu ihr gekommen waren. Der Schreiner von Pflengenreuth, der den von ihm gehobelten Sarg zur Bahn hatte bringen wollen und vor dem Regen Schutz in dem Holz» gehäuse gesucht hatte und erschrocken war von dem gewaltigen Donner- schlag und aus dem Sarg gespäht hatte, bleich, und mit bleichen Lippen ihr zugerufen hatte: Der Blitz muß aber eingefdjlagen haben! Der Schreiner van Pflengenreuth stieg nun vollends aus der bleichen Kiste, stand nun doch auf der Straße im Regen, im nachlassenden Regen, blickte zum Himmel auf, wo die Walken durcheinander drängten und schon wieder Blaues sehen ließen, sah vom Sarg, neben dem der Sargdeckel lag, wie em zweiter Sarg, auf feinen kleinen zweirädrigen Karren hin und vom Karren weg verständnislos zu der hingesunkenen Frau im Straßengraben, und sah von Pflengenreuth her einen Mann mit aufge» fpanntem Regenschirm sich nähern, und war feinem Schicksal nun doch nicht entkommen, das es gewollt hatte, daß er an diesem Sommernadj- mittag vom Gewitterregen eisig durchnäßt werde. Deranlwörtlich; vr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Vrühlsche Universitätsdruckerei R. Lange, Gießen.