SietzeilerZamilienbMer Nummer 88 Geigen Wasser ________Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang <958 zr-«°g, de» jj. November Der Zollbeamte wandte sich höflich an Meroven: „Verzechen Sie, Herr Kapitänleutnant, können Sie etwa über den Wert dieser beiden Hunde aussagen?" Christine sah Meroven flehentlich an: „Ich habe die Hunde von einem Bekannten geschickt bekommen, Herr Lebensretter! Man will hun- dertfünfzlg Mark Zoll von mir haben pro Stuck. Bitte, sagen Sie doch, daß diese Hunde dort in Aegypten so häufig wie anderswo die Hammel sind!" Meroven wandte sich an den Beamten: „Gibt es denn da keine Vorschriften?" „Es gibt schon Vorschriften, aber solche Hunde hat ja noch kein Mensch hier gesehen!" „Wieviel wollen Sie denn gutwillig zahlen?" fragte Meroven. „Gutwillig? Also schön, zehn Mark für den Hund." Meroven sah den Zollbeamten an: „Ich glaube, das wird in Orb- nunfl gehen", sagte er. „Wir haben ja mit solchen Dingen viel zu tun! Solche Hunde sind ja nicht einmal zur Zucht zu gebrauchen! Ich glaube. Sie können die gnädige Frau mit zwanzig Mart davonkommen lassen. „Gott ja, die Enkelin", sagte Christine. „Dann habe ich Sie einmal, als der Himmel noch voller hmg ... oh, gnädige Frau, dann habe ich Sie einmal aus dem gezogen!" Er sah sie prüfend an als stelle er sich die schmale, zarte Mädchengestalt vor, die da im Badeanzug vor ihm gestanden hatte, mit blauen Lippen und merkwürdig großen und erfahrenen Augen. Auch Christine sah das gleiche Bild. Sie sah einen sonnenbraunen -Kann mit der weißen Seglermütze, der sie frech musterte/ Wer konnte den Tag vergessen! Es war der Tag, da der Krieg ausbrach. Sie sehen sich beide in die Augen. Christine reichte ihm die Hand. Er drückte die Hand kräftig, aber er gab ihr keinen Handkuß. „Es ist lange her, Frau ..." „Von Milotti , sagte Christine. „Damals wollten Sie über die Elbe schwimmen, Frau von Milotti! Inzwischen sind Sie verheiratet, inzwischen haben wir den Krieg verloren ... ach, was ist inzwischen olles geschehen!" an"ml§" irgendwelche Schwierigkeiten haben sollten, wenden Sie sich ihrer Börse einen Zwanzigmarkschein und stellte sitz vorhanden "war. Si?be°rgeld 7ls"einz1ge/'L »fäSÄÄÄg »ÄiSf'aüW'6ilrl1""' ■*>. m-° w helfen!°"""°" 6iC' 0näbi0c brau, ich darf Ihnen doch ein bißchen Hunde kurz und fragte über die Schulter: „Haben Sie draußen einen Wagen?" ' „3a, meine Freundin wartet auf mich." . ?ius halbem Aiege blieben die Hunde stehen und stemmten ihre Keine hüt>m’ir2h°ben •^n^ine .tra,“[te 'hre Köpfe und klopfte sie leise?, Kinder tut mir das nicht an, wir können hier nicht übernachten!" ' Meroven duckte sich neben ihr nieder und sprach leise auf die fiunbe Mch-BaNchisK^ l°gte « u"b "«nn führte’ er »h B Die Hunde spitzten die Ohren. „Was ist das für eine Zauberformel?" fragte Christine. S*,e b"*k" "* “,s 1,1 aRerooen blieb weiter in der Hocke. Sein Gesicht war dem von Chrl- st'ue ganz nahe: „Es ist das ewige Wort von Aegypten, es heißt Trink- mrft r ^0°," £ort •?- wie man in änderen Ländern Abend und ,Papa sagt, oie Horen es vom Morgen bi- zum . . ,^'itine erhob sich: „Herr Meroven, ich glaube, die Hunde aehen 1 tzt wieder weiter, ohne daß mir Gewalt anzuwenden brauchen!"^ sie eUetzlich teuer.^" ".zenb!" sagte Meroven. „Im übrigen sind „So hätten Sie gelogen? Das glaube ich nicht!" ^i^s7°^"c.^aniwortete die Frage nicht. Er sagte: „Gnädige Frau, wie ist es -ihnen inzwischen ergangen? Ich habe oft an Sie denken müssen, w'e Sie da standen! Wie eine junge Flußgöttin aber eine febr fkhrnh9C .blußÄottm. Es war ja der letzte Tag des Friedens, man prägt i be ^unde em. Ich glaube, ich habe Ihnen auch einmal von Konstantinopel geschrieben. Ich war auf einem ganz großen Kasten." ='5a"'«Ja0te ^hristlne, Sie haben mir geschrieben. Ich war (ehr stak, auf d,e Karte. Aber Sie haben recht: Es ist sehr langi he^" 10 13 '^?rs sch mir als Lebensretter die Frage erlauben ..." ,lSie dürfen! Mein Mann ist Maler." „Sie wohnen natürlich hier in Berlin?" . ä sagte Christine, „wir haben eine kleine Villa draußen in ffohb und "Wald'" ,eflt bei Neubabelsberg mitten zwischen Eisenbahnen „Wenn es Ihnen recht wäre, Frau von Milotti würde ich Ihnen gern einmal einen Besuch machen und Sie bitten, mich Ihrem Herrn ^',?U nd "wo "sind^S i efo n ft ?'?" TO°nat ein paar Ia9e *" Berlin." „3n Hamburg an der Elbe, hinterm großen Ozean . " "S>e hatten eine entzückende Schwester!" „Die habe ich noch Sie hat inzwischen große Kinder, aber sie ist noch immer puppenlustig. Sie müßten uns einmal besuchen " „Uns?" fragte Christine. „Tja, es ist eine ziemlich große Villa da auf der Elbhöhe, und da ich Junggeselle bin, wohne ich in der ersten Etage, und das Schwesterchen nut ihrem rotweinnasigen Mann wohnt unten." ' ftCrt>Mncn prüfenden Blick. Ihr Kostüm war etwas ab- ^°H°ndschuhe waren nicht in Ordnung, sie hatte es außerdem feit acht Tagen immer wieder verschoben, zum Friseur zu gehen Sie merkte, daß sie vor Merger rot wurde. Sie wandte plötzlich ihren Kopf voll zur Seite und sah Meroven an. p Die Hunde drängten jetzt nach vorwärts. Sie hielt sie zurück: .Herr Meroven es ist merkwürdig, daß ich Sie immer treffe, wenn sich irgenb !d,leben ?Eals war ich sehr kindisch, ich wollte über die stimmen und hatte mir das als Zeichen gestellt. Ich hatte mir gedacht. Wenn ich glatt heruberkame, dann würde ich als Krankenschwester m den Krieg dürfen, statt dessen bin ich beinahe ersoffen. Sie holten mich dann von dieser widerlichen glitschigen Kette fort. Aber Se haben mir übrigens nicht das Leben gerettet, das hat dieser alte Ewer getan, der da ankert«." „Und jetzt" fragte Meroven. Christine von ^Milotti Roman von Rolf Brandt Copyrkght by August Scherl Nachfolger, Berlin 15. Fortsetzung. eweÄFiÄiiär* 8r™'b,nn mn6 * mM> ÄiWÄä re «• Ä’SÄi'* **" Wu N - ,f>n an: „Sehen Sie, das ist es, man muß sich ent- gegenkommenl Was sollte ich mit so teuren Hunden machen?" Sie wandte sich an den jungen Herrn von der Lufthansa- Sie feben mir aus als ob Sie Hundeverltand hätten" ” hnfii*ra.UfrJCUCk ich die Bestien ja nicht", sagte der junge Herr £eben!" "® f " l)abe ,d) fo ctroa3 überhaupt noch nicht in meinem Bon der Tür kam eine Stimme: „Es sind Armand-Hunde!" Viecher/ " m n^er" Gr ftrei*ette die beiden Hunde. „Prachtvolle /Aber sehr billig, mein Herr", sagte Christine Sie bekam einen prüfenden Blick, sie bekam einen zweiten Blick sichr"irre?"° "®rtm(eht von Rucktasch, wenn ich mich nicht Christine suchte in dem fremden Gesicht. Sie hatte den Mann ge- ±n'r m’Ä “n0c bcr s»n, es war nicht in der kurzen Zeit, da sie ®„elUtoafue»m-tmachte es mußte lange her fein! Er hatte ihr gefallen, aber er hatte sie in einer unangenehmen Lage getroffen „Erlauben Sie daß ich mich vorstelle? Meroven! Sie sind doch Fräu- lein von Rucktasch? 7 u -"AS- ^,'ße KÖ* Milotti, ich bin verheiratet. Aber es ist riditia mein Mädchenname ist Rucktasch." ™ 01 „Die Enkelin ..." marL aina nicht anders, Angela, es sind wirklich sehr seltene und edle Gundel Man kann ihnen nicht solchen Mist umbinden. Angela, ich bin {ehr verrückt, schimpf mich doch, Angela!" , ... „Warum soll ich dich schimpfen, Christine, du kannst doch nicht ""^Da"nn muß ich sorgen, daß wir hier herouskommen! Ich habe |d)11 ®cnnbbu j?tz? noch'fluchen würdest, müßte man dich wirklich Sl)n- ^^hr"Ln7,eL N Ls, Sm"die H^d ihrer Freundin und suhr I fidi mit der fremden Hand über das Gesicht. . ... „Angela", sagte sie, „glaube nur Gutes von mir! Ich muß mir jetzt "^Christin? hätte"viele Wege zu gehen. Merooen stellte ihr seinen Waoen zur Verfügung, einen schweren Acht-Zylinder-Wagen mit einem ausaezeickneten Fahrer. Sie fuhr vor den Geschäften vor bei denen sie damals hatte arbeiten lassen, als das Geld keinen Wert hatte. Sie verbandelte ruhig und sachlich mit den Geschäftsführern. Sehen Sie ich will Ihnen hier für Ihren kleinen Empfangs,alon ein "Bild malen, es wird genau in den Raum paffen, ein Franlen- bildnis Sie können überall erzählen, es wäre von der Enkelin von Ruck- ?äsch glauben Sie mir, das macht sich gut. Heber den Preis brauchen mir gar nicht zu sprechen, ich weiß, wie das heute ist. Liefern S e 3”Einern6' eleganten Schuhgeschäft versprach sie ein schönes Pastellbild. Der Inhaber erklärte, darüber ließe sich reden, aber es' mufete bann natürlich das Schuhwerk, und was damit zu tun hatte, besonder CHristine^ lächeite, sie lächelte jetzt immer: ..Selbstverständlich können mir das machen, es kommt gar nicht darauf an. Aber fünf Paar Schuhe b'as« iX duich 'm™. |ie t««W« «ldir Stl.ib.r, «»»>,<. W&Ä ««».»°°»,> N Md, f». .1«. m«iS füTdn.n S-IdL ,-z.n 2Im,,ika. »«I mir ®er arm nach drüben kommt oder zumindest arm aussieht, Hai schon verloren. Ich will durchaus nicht verlieren!" "Du «JA ett. 3m übrigen bitteich dich, das" Therna nstcht Ihr zu berühren. Ich habe verschiedene Themata °^Es'w^°?°chcht "leicht, mit dieser neuen Christine fertig zu werden Sie^bedankte sich in einem sehr liebenswürdigen,f/^ °u Beveridge, sie s aber'S W schön" aber leider reiht teUe5,1%te$^Sey“w 7ach En?l°nd, nach Heresord Castle auf ^°CH°rift5e° malte dazwischen an den be^teUthe|npr®;lb”nmi“n;5^Xe£■ Sie bat Milotti oft, die Leinwand zu grundieren, damit es schneuer 9*n9ffis ist eine Fabrik von Kitschbildern, mein Lieber, aber wir.schreiben" tapfer „Rucktasch" darauf. So gut ich Großvater kenne, wird oben ." sie wurde einen Augenblick ernst, „zwischen seinen himm liicken Wolken lachen und mich verstehen." Sie ließ zunächst die Möbel, die auf dem Speicher lagerten, alle einpacken; außerdem jedes Blatt und jedes Stück Leinwand, das ,e hie Hand des Großvaters berührt hatte ... woxia» „„h. Die Kleider wurden fertig, die Schuhe waren geliefert. Wasche un Strümpfe verschwanden in den Koffern. Die Bilder waren' gemalt Meröven traf sich mit ihr. Sie aßen zusammen in einem kleinen eOffLi?tineriieb1ebra?tam essen, und Merooen liebte es, ein gutes Mahl zusammenzüstellen. Sie hatte abgelehnt, ihn am Abend zu tr<^2(m Abend, Meroven, wenn man zusammen ist, und man ißt gute Dinge und man trinkt einen guten gelben Wem, und man trinkt viel leidit auch ein Glas Sekt, Merovenl dann beginnt man von seinen Träumen zu sprechen, und das soll man nicht, Meroven, wenn man drei ^'nd^^h grQU Christine, Sie sind doch noch so entsetzlich jung! ".Entsetzlich ja, jung nicht!" sagte Christine. -Ebenfalls mochte ich mich nicht am Abend mit Ihnen ohne meinen Mann treffen. „Wir werden uns ja bei der Uebersahrt genug aussprechen tonnen , sagte Meroven, „auch des Abends." ' a (Schluß folgt.) November. > Bon Ruth Schaumann. " „Jetzt geht es mir wieder gar nicht gut. Man tauft keine Dilder 5 mehr hier in Deuifchland und ... "Ach'wir^wölle^^uchören! Waren Sie einmal drüben in Amerika?" "3* ”n fast jedes Jahr einmal in Reuyork. Wir haben ,a nut ziemlicher Mühe unsere Werft wieder aufgebauh wir, haben uns spezialisiert es wird Sie nicht interessieren, Tankdampfer. Christine blieb wieder stehen. Man sah schon den^Haupteingang vor dem die Freundin mit dem Auto wartete: „Meinen «le, Herr Meroven, «*» "™,:n *»*%*«; er i(t eine merkwürdige Frau geworden. Sie hat tolle Augen, unerhört mei chl -h Augef hch ie! Man sollte sich in acht nehmen, so v.el hm- dnzusehenl Sie hat wunderschöne Beine, Und sie hat eme Stimme, d.e "7sKhm!Ä an, als ob Sie Maler wären und ich nicht Malerin", '°^°Jch"will"Jhnen sagen, Frau von Milotti ... Ist Ihr Mann übrigens ^^RAn! Vielleicht einmal ursprünglich. Sie waren Oesterreicher und bann Preußen. Ganz blond, ganz blauäugig. Aber was wollten Sie a8elIia man hat wenn man von Europa kommt, in Amerika wenig Chancen, obwohl sie dort augenblicklich in Gelb schwimmen, eie sprechen englisch?" "All'o°mit°fem^ämen Rucktasch können Sie natürlich drüben etwas anfänqcn es ist ein Weltname, und es hängen wohl über em Dutzend Bilder Ihres Herrn Großvaters drüben in den Galerien und m e n paar Palästen. Wenn Sie es richtig anfangen, konnten «>e Crfo g hatte hier einmal eine kurze Zeit einen Gefellschaftsersolg und Cin^a9s°fönn?eU^Ren. ffien^nIs^’nen recht wäre könnte ich Ihnen sogar etwas helfen, nämlich ich könnte Ihnen die Passao^e verbilligen und Ihnen drüben ein paar Empfehlungen geben. Haben Sie noch Lil- ber„2ßir haben°noch dn Bild und eine ganze Anzahl von Zeichnungen. "Möbel und ^ine "Palette.^ Christine wurde jetzt wirklich rot, als sie STlaÄ TÄgen. Angela rief schon,von weitem: „Wo bleibst du, Christine? O mein Gott, sind das Tiere! Christine reichte Meroven die Hand: „Es ist Schicksal .sagte sie,.,ich nehme Ihre Hilfe an! Wollen Sie morgen zu uns herauskommen? Christine^stelltf'vor. Meroven half die Hunde unterbringen, was nicht leicht war. Christin« kletterte mit den beiden hinten auf den Notsitz und fegte die Arme um die mächtigen Nacken. Meroven sah dem Wagen nach. Die großen, merkwürdigen Hunde, köpfe und dazwischen ein blasses Frauengesicht mit großen Augen und ""TKslV?»»X"Ä'-m»ich»l' mll »«"»oydlLln Kurfürstendamm zu halten. Sie flieg aus und nahm die beiden Hunde mst in den Laden. Sie rief in der Ladentür zuruck: „Hab keine Angst, 1"’& 'XrmnÄni’lir»urM. 61. N» >«•« -unk.6«. Halsbänder, sie hatten prachtvolle Seinen, und Christine besah noch zwei Durch der Tür beschlagene Scheiben Bettelt schon das Eichhorn bang, Bunter Vögel wirres Treiben Spricht von Hunger statt Gesang. Unser Knabe bringt drei Fische, Ehe Frost den See zerscherbt. Doch dem Brot auf unferm Tische Ist ein Kreuzbild eingekerbt. Und es hängt im Korngeslecht« Ihm ein gleiches an der Wand. Warum legst du deine Rechte Zagend mir zur linken Hand? Wohl: der Winter naht als Schweigen, Und im Schweigen kommt der Tod, Doch Vertraun bleibt unser Eigen Und ein Kreuz in unserm Brot. Die Stadt. Eine Parabel von Albrecht Schaefser. Ein Geist ergriff und entführte mich in eine glänzende Stadt von der er mich wissen liefe, daß sie auf einem Stern soundsovielter Große im Bilde der Plejaden gelegen sei. Allda wanderten wir umher und ich begann ein Staunen, wie ich es nicht gekannt hatte, zu empfinden b um Anblick der nicht zu beschreibenden Erhabenheit jener Bauten, der Maze stüt jener Brücken, des ruhigen Pompes jener Tore der Aschwungenen Großartigkeit der Straßen und der ruhmvollen Weite gärtnerischer An- lagen..Hier sah ich Bildwerke aus mir unbekannten Sternen und Metallen von strahlender Farbigkeit und von einer Schone einem Ernst und einer Großherzigkeit ihres gemeißelten Lebens, daß der Atem mir '1 och'bin 'Andacht''1)er(unlen vor der Statue eines Jünglings ober Geniusses. Der mir der Inbegriff des Göttlichen zu fein schien sah ich ein Menschenpaar kommen, dessen weibliche Gestalt die männliche wider ihren Willen herbeizuziehen schien; und widerwillig erhob der Mann seine Augen zu dem Marmorgott. Er fiel aber im Augenblick wie vom Blitz getroffen dem Weibe zu Füßen und vsef unter strömenden Tranen. „Ich bin nicht würdig, zu sehen! Ich bin mcht würdig, zu leben! Kannst du Geliebte, das Leid vergeben, das ich über dich gebracht habe, o erlaube daß ich bereue, erlaube, daß ich mich bessere, nur entziehe mir deine Liebe nicht, und lafe uns noch einmal von vorn anfangen Ihre Auaen voll glücklicher Tränen weideten dankbar emporgehoben in den stillen Zügen des Marmors, während ihre Hande den Knienden liebkosten. Ich konnte, während mein Führer mich zum Weitergehe veranlaßte, mich der Bemerkung nicht enchalten, daß dies diewunde - barste von allen Städten sei, in der die Bildwerke Jollen Emslufe auf die Seelen hätten, daß diese sich wandelten und zerknirschten Wir gelangten indessen auf einen kleinen Platz von überaus woh tuenden Verhältnissen. Um eine Art Rednertribüne war eine Anzahl Menschen geschart; mich hinderte geraume Zeit die Farbigkeit und schöne Faltung ihrer Gewänder, mich um das zu kümmern, was aus der Empore vor sich ging. Ich hatte aber noch kaum die Gestalt eines männlich mächtigen und ernsten Sängers erblickt, die Silberstimme einer Leier und erste halb gesungene, halb gesprochene Worte vernommen, so ließ ihre Süße mich bis in das Mark erschauern. Nach einer Weile des Zuhörens suhlte ich es über meine irdische Kraft gehen, und ich seufzte, mich windend: „Wie ist es möglich, daß diese hier es mit Gleichmut ertragen?" Der Geist erwiderte: „Weil sie unschuldig sind." Indem brach in meiner Nähe ein Mann durch hinter ihm Stehende sich in ungestümen Bewegungen Bahn. Mein Führer ergriff ihn am Kleide und fragte ihn, dessen Gesicht sich in heftiger Bestürzung und fast zum Weinen verzerrte: „Wohin so eilig?" Der versetzte, indem er sich losmachte, atemlos: „Ich hatte es vergessen, ich habe noch einen alten Feind meiner Jugend, der mir übel wollte. Ich will eilends hin und ihn bitten, mir zu vergeben, daß ich ihn unwollend reizte." Er entfernte sich rasch, und ich rief zum zweiten Male aus: „Welche Stadt, mein Geist, wo Gesang imstande ist, die Gemüter zu guten Handlungen zu bewegen!" Der Gänger hatte geendet, und ich folgte meinem Geist durch die Wunder der Straßen weiter, bis ich mich im -Schatten uralter Bäume eines Gartens befand, den ich für einen Gedächtnisort oder Friedhof hielt, weil an den Stämmen an goldenen Ketten marmorne Tafeln in zierlichem Oval hingen. Namen glänzten in Gold aus den Tafeln; ich hörte die Stimme eines unbekannten Vogelfängers in verträumtem Plauderge- sang, unendlich Frieden verbreitend, und ich las über jedem der Namen auf den Tafeln ein goldenes P. und ein T. Auf meine Frage nach der Bedeutung erwiderte mein Führer folgendes: „Es ist", sagte er zu meiner Verwunderung, „lateinisch. Hier ruhen sie alle, deren Werke dein Erstaunen in dieser Stadt gebildet haben, Sänger und die Bildner in Stein und die Maler, die !8aumet|ter, Brückengründer und auch die Gärtner und Erfinder schöner Gewandung. Sie alle werden in dieser Stadt unter dem Namen begriffen, zu dem du die erste jener Settern ergänzen mußt: Poela." „Und das T?" fragte ich wißbegierig. „Es entspricht", erwiderte er, „dem laureatus, das ihr auf der Erde dem Poeta gesellt. Dies T heißt: Torquatus." „Wie?", fragte ich erschrocken, „werden diese gequält, statt daß sie bekränzt würden?" „So hast du noch nicht begriffen, daß hier alles anders ist als bei euch? Folge mir nach." Wir gelangten in das Freie und vor ein riesiges und sehr ernstes Gebäude. Durch das Tor betraten wir eine niedrige Eingangshalle, von der Treppen ausgingen in einer außerordentlichen und nachdenklichen Stille. Gestalten tarnen und gingen, die mir infolge einer Gefaßtheit und Klarheit des Ausdrucks Pfleger von Kranken oder Aerzte zu fein schienen. Mein Begleiter fragte eine weibliche, die ein Brett voll edler Geschirre vorübertrug: „Darf man die Kammern sehen?" Sie erwiderte freundlich: „Hier steht alles offen für alle." Eine Treppe emporgestiegen, fanden wir uns in einem Flur von unendlicher Länge und voller Türen. Mein Geleit öffnete die nächste und ließ mich eintreten. Hier sah ich einen Mann, dem von einigen jener gefaßten Gestalten die Haut vom Rücken geschält wurde, was sie mit ruhiger Emsigkeit besorgten. Ich sah seinen Mund von Knebeln verdeckt, seine quellenden Augen und gewann die Tür. Draußen sagte der Geist: „Die gelöste Haut wird wieder geheilt; dann folgt eine andere Stelle. Solches sieben Jahre lang." Ich schrie: „Das ist Wahnsinn!" ..Still!" sagte er, „wer wird hier Lärm machen! Tritt ein." Er hatte eine andere Tür ausgeschlossen, und ich gewahrte in einem mächtigen Reifen, der durch eine mir verborgene Kraft in einer schleudernden Bewegung war, eine angefesselte gelbe Gestalt, die aus hochgeklappten Augenlidern stierte. Der Geist deutete auf eine Tafel an der Wand und sagte« „Eine Woche lang schlaflos; dann Ausruhen, wieder Schlaflosigkeit. 243mal, wie ich lese, hat dieser es schon Überstanden und wird in Bälde gesiegt haben." Ich sah noch viele Kammern. Einen sah ich in völliger Finsternis gefesselt, geknebelt, versiegelter Augen und Ohren, stumm, taub, blind, 3 Jahre lang. Ich sah die Marterungen der Wollust, des Hungerns und Dürstens, sah Gebrannte, Gesottene und Erfrierende, und ich sah solche, die auf mir geheimnisvolle Weife seelisch gefoltert wurden. Als es mir unerträglich wurde, führte der Geist mich auf einen »Altan hinaus, wo ich mich zitternd und schweißgebadet in der Nachtkühle und dem gewaltigen Firmament gegenübersand. Er sagte: „So ist es bei euch Einem jeden, ob echt ober unecht, bemüht ober nicht bemüht, ob er Dieb, Heuchler, Betrüger, Schlemmer, Hanswurst ober Unzüchtiger sei, ist es erlaubt, seine Gemachte der Oessentlichkeit seilzubieten, wovon sie nimmt, was ihr beliebt, die sie behält oder vergißt, und wofür sie nach Gefallen gewährt: Ehre, Gut, Geld, Grabsteine, Nachruhm. „So ist cs hier: Wer sich dem hohen Rate zur Uebemahme einer Dichterschaft ankündigt, wird zunächst aus seine Fähigkeiten der Enthaltsamkeit und des Ertragens auf eine Weife geprüft, die kein Irdischer überstünde. Alsdann darf er in eine jener Zellen, und die Marter beginnt, die seiner Anlage entspricht, will sagen: die härteste für ihn ist. In Pausen von Jahren erhält er so viel Freiheit, um ein Werk ferner Kunst zu schassen, das darauf geprüft wird auf feine Wirkung. Wer keine Fortschritte macht, wird verstoßen. Nun lasse dir sagen, daß von allen, die sich zur Marter anbieten, die Hälfte nach kurzer Zeit erliegt, sei es dem Tode, fei es der Schwäche des Verzichts, lieber der verbleibenden Hälfte liegt ein Gesetz, das verbietet bie Schwelle anbers als tot ober siegreich zu verlassen, unb von ihr bleibt abermals bie Hälfte auf dem Platz. Der Rest —" . , „Geist, Geist!" beschwor ich ihn schaubernd, „willst du sagen, daß Hunderte, Tausende sich zu dem Unerträglichen drängen?" „Der Rest , fuhr er fort, „der Unzählbaren auf diesem Stern, welche brunftig sind nach dem Verrichten der höchsten Kunst, die Herzen ihrer Brüder und Schwestern zur Wandlung und zur Handlung zu bewegen: dieser Rest erlangt bas Heil. Er übt seine Kunst, für feine Notdurft ist gesorgt, er heißt Torquatus; niemand, der ihm begegnet, barf es wagen, den Blick in seinen schmerzlos geworbenen zu tauchen. Dich, wenn du ihrer einen getroffen hättest, würbe fein Auge sinnlos gemacht haben. Endlich erreichten sie bie ewige Ruhestatt in jenem Hain, ihr Name und ihr Werk bie ewige Lebendigkeit im Herzen ihres Volkes." Der Geist schwieg. Ich blickte aus schwerer Beklommenheit zu den Scharen der Sterne auf, die bas unendliche Dunkel umher mit strahlender Sicherheit erfüllten, unb es kam, daß ich fragte: „Kannst du mir bie Erbe zeigen, mein Geist, bah ich sie sehe unter diesen Sternen?" Er verneinte. „Sie ist zu fern unb zu klein, unb überdies hat sie kein eigenes Licht." „Zu klein", murmelte ich, „zu fern, und kein eigenes Licht ..." Zum erstenmal muhte ich da begreifen, daß meine Erde nicht wirklich ist, und mir sank das Herz. Frontsoldaten hinter Stacheldraht. Von Georg von der Bring. Während der fchicksalsschweren Novembertage des Jahres 1918 kommt ein deutscher Hauptmann, aus der Flucht aus der französischen Gefangenschaft, in ein schweizerisches Barackenlager. Inzwischen ist nach den unendlichen Leiden und Opfern der Waffenstillstand geschlossen worden. Die folgende Darstellung, die wir mit Genehmigung des Verlags Gerhard Stalling, Oldenburg i. O. / Berlin, veröffentlichen, ist dem Buch „D e r Goldhelm" von Georg von der Bring, das wir früher besprochen haben, entnommen. Die Bitterkeit jener Tage wird hier in gleicher Weise offenbar wie der trotz allem unbesiegte Glaube an die Größe und Unsterblichkeit des deutschen Volkes« Und — schon gut, schon gut! Das Herz des Fähnrichs schlug einen Trommelwirbel. Er tat einen Sprung von der Schwelle der Baracke auf den Laufsteg hinüber und schrie: „Herr Hauptmann! Donnerwetter noch mal!" Und schon war er bei ihm unb hielt die Schultern des großen Mannes gepackt und suchte nach Worten und fand keines und konnte nur immer wiederholen, was er schon gesagt hatte: „Donnerwetter noch mal! Donnennetter!" Dieser Mann im dunklen Zivilanzug war der Hauptmann Eggers. Nun war er doch noch gekommen. Aber auch jetzt, da er ihn erkannt hatte, muhte der Fähnrich in seinem Gesicht suchen; es war ein beinahe fremdes Gesicht, das er sah; es schien älter, viel älter, ernster, sehr ernst, kaum glaublich verändert. Es war, nach einer Trennung von zwölf Tagen, wie ein Wiedersehen nach Jahren. Und der Hauptmann? Empfand er bas gleiche? Er gab Weihgraf kurz die Hano, drückte sie fest unb sagte: „Da ist der Fähnrich! Wohlbehalten, gut! Zwar habe ich ihn trotz allem schon in Deutschland vermutet.“ „Unb ich den Herrn Hauptyrann ebenfalls!" rief Weihgraf. „Ich ebenfalls! Aber so, wie es gekommen ist —" „Na also, Fähnrich . sagte ber Hauptmann. Er schob den begeisterten Jüngling zur Seite unb betrat die Kopfstube. Weihgraf folgte unb schloß bie Tür. Oberleutnant Bobor ftanb beim Knödelbacken. Eben wischte er sich die Hänbe an einem Tuche ab. Seine schwarzen Augen ruhten auf dem Ankömmling, unb sie lächelten, sie grühien ihn schon jetzt. Der Fähnrich stellte vor. Der Hauptmann nickte kurz. Er sah sich um. Dann sagte er: „Eine Baracke, wie ich sehe." „Wie in ber Sologne", ergänzte Weißgraf betlommennen Herzens. Er hatte gut verstauben, was es heißen sollte, baß bies „eine Baracke" fei. Eine Baracke innerhalb eines Drahtzaunes, bas war für einen Hauptmann Eggers so etwas wie ein Weltuntergang. Unb ber Fähnrich ftanb ratlos ba unb erwartete in biefer Minute „bas Schlimmste"; was er erwartete, wußte er zwar nicht. Aber noch ereignete sich nichts Derartiges. Der Hauptmann ließ sich von ihm bas Bett zeigen — bas vierte in ber Kopfftube, bas einzige, bas noch frei war — zog sich Mantel unb Jacke aus, bajib ben verdrückten Kragen ab unb legte sich auf bie Decken. Das geschah unter völligem Schweigen. Der Fähnrich stand neben dem Bett und schaute zu. Ihm zitterten die Knie. Er wagte kein Wort zu sagen. Der Hauptmann schob die Arme unter den Kops unb lieh ben Blick auf bem Gesichte bes jungen Soldaten ruhen. Und dieser erwiderte den Blick des Mannes, und er dachte nach, ob ihm nicht ein echtes Wort einfiele, das jetzt am Platz fein möchte. Und während er feinen Kopf quälte, merkte er, daß der Mund des Hauptmanns zu zucken begann. Jeder Zug im Gesicht dieses Mannes war gespannt, und alles hielt er in feiner Gewalt, sogar die Augen, die nicht unfreundlich schauten — aber bas, was er nicht in ber Gewalt hatte, waren bie Lippen, so schmal er sie auch machte. Die Lippen waren es, bie ihn verrieten, sie zuckten in Unmut unb Zorn. Unb plötzlich sagte er eisig: „Was schauen Sie mich benn so entsetzlich unschulbig an! Gehen Sie boch!" Bobor, ber sich roieber an sein Geschäft begeben hatte, hörte es; er hob den Kopf ufib starrte erschrocken gegen bie Wanb. Auch der Fähnrich erschrak zunächst. Aber bann verstaub er unb dachte: Da zeigt es sich schon, was biefem Mangel an Herzlichkeit zugrunbe liegt — es ist bie volle Hingabe an bas, was man liebt. So finb mir Deutschen. Noch ftanb er vor feinem Hauptmann, eingehüllt unb umglüht von solcher Gewißheit. Mochte Eggers ihn aufsuchen, soviel er wollte; es war genau richtig Aber der tat es nicht, sondern lag mit geschlossenen Augen: so blieb es: so mochte es in alber Ewigkeit fortbauern. Und der Fähnrich trat zu dem Ungarn hinüber und half ihm veim Knödelbacken. Sie sprachen nicht. Clemens Weißgraf hatte erst in dieser Minute die ganze Tragweite dessen, was gestern — heute geschehen war, ersaht, er begriff es an dem Benehmen dieses außerordentlichen Soldaten, von dem Sagen berichtet hatten, damals, als er noch in der Front stand; den die Soldaten der fremden Divisionen kannten, der nichts — nie und nimmer Nichts gefürchtet hatte. , . . Mehrl Mehr! Nichts aefllrchtet hatten viele. Tapferkeit war ringsum in voller Blüte gestanden." Hier aber, bei diesem Hauptmann Eggers kam noch ein zweites hinzu: er war ein Deutscher! Ein Deutscher? Das waren auch sie, all die Tapferen! Mehr! Mehr! Er trug das Deutsche in sich, wie es durch die Jahrhunderte aus uns gekommen ist, wie es sich in den Besten dieses Bottes aeoffenbart hatte zu allen Zeiten. Er war nicht nur Soldat und Deutscher und aus einer alten Familie, die zu Goethes Zeit und früher mitten in den Wechselfällen deutscher Kultur und Geschichte gestanden hatte — er war mehr. Immer noch mehr war dieser Mann mit dem schmalen Gesicht und den bernsteinfarbenen Augen — Um was aber war er mehr? Um was noch ragte er hervor? Der Fähnrich fand auf diese Frage keine Antwort. Er buk brav seine Knödel fertig, und die zwei taten es immer noch ohne ein einziges Wort, der Bodor aus Budapest und der Weißgraf aus Niedersachsen. Und Weiß- graf hätte nicht einmal sagen können, woher dieser Hauptmann Eggers gebürtig war. Er stammte aus Deutschland, das war genug. Das waren die halb verwirrten, halb übersichtigen und erhobenen Gedanken des jungen Deutschen beim Knödelbacken. Als er sie zu Ende gedacht hatte, überkam ihn eine rätselhafte Freude, eine Ruhe ohne Maß, ein lächelndes Erstaunen vor der Größe und Unsterblichkeit des Vaterlandes. Er mußte an sich halten, um nicht vor Glück zu singen oder zu sprechen, oder hinzugehen zu jenem, der auf dem Bette lag und da war. Jener aber, der dort lag und die Augen geschlossen hielt, er war so fern von der Freude, wie der Mond von der Erde ist. In feiner Tasche steckte eine Zeitung, und in dieser Zeitung war in Druckerschwärze ein Urteil über fein Volk gefällt worden. Wenn er in dieser Stunde nicht starb, so mußte er einen unsterblichen Kern haben. Ihm war es.aber so, als stürbe ^r. Deutsche Musiker der Gegenwart. Von Dr. Erwin Kroll*. Hans Pfihner. Dieser Meister ist der deutscheste unter den lebenden Komponisten seines Vaterlandes. Seine Werke und Schriften offenbaren ihn als Bannerträger einer Romantik, die der deutschen Musik bester Teil ist. Will man Psitzners Künstlertum kurz beschreiben, so kann man sagen: es ist in allem, auch in der Wirkung auf die Welt, das gerade Gegenteil der Art des anderen großen Spätromantikers, Richard Straußens. Dieser vom Erfolg verwöhnte Klangzauberer haftet mit seiner Kunst am farbigen Abglanz des Lebens, Pfitzner dagegen, der stets um Anerkennung ringen mußte, ist weniger ein Meister der Farbe als der Zeichnung und möchte mit seinen Klängen zum Hintergründigen zum innersten Sinn der Zeit Vordringen. Nicht die Romantik Liszts, sondern die Webers, Schumanns und Brahms' klingt in seiner Musik weiter. Hier ist Singen, aber auch Sinnen, Suchen nach der blauen Blume, holdes Sehnen und Schwärmen, aber auch herbstliches Grübeln und ein Entrücktsein über den Tag hinaus. Der Meister spricht einmal von dem „Nachdenklichen, Übermütigen, Tiefernsten, Zarten, Kräftigen und Heldischen" der deutschen Art. Dies alles ist nicht nur in feiner großen Kantate „93 o n deutscher Seele" Klang geworden, auf die sich jene Worte zunächst beziehen, wir spüren es auch sonst in seinen Werken. Psitzners Wesen war von jeher abgestimmt auf eine romantische Mischung von Sehnsucht und Ironie, von Nach-innen-Hineinhorchen und Nach-auhen-sich-Abfinben. Den jungen, darbenden Musiklehrer, den späteren Kapellmeister, Komponisten und kampffreudigen Schriftsteller erfüllte je länger um so mehr das Gesühl des Unbefriedigtsein durch das Weltliche. Um so unbeirrbarer ging er seinen Weg; er glaubte an seine Sendung. So hat er, wie seine Opern, z. B. sein geniales Jugendwerk „Der Arme Heinrich", vor allem aber die unvergängliche Be- kenntnisschöpsung „Palestrina" beweisen, im Sinne des Wagnerischen Weihespiels und mit deutlicher Hinneigung zu Schopenhauerscher Weltverneinung musikdramatisch gestaltet, aber die Gesetze dieses Gi stattens sind nicht so sehr ausdrucksbedingte als absolut musikalische, sinfonische, und das Orchester wurde dabei immer mehr linear ausge- lichtet. Wie der Komponist aber in einem Sonett vom Wagnererbe als der „Selbstbesinnung auf das eigene Wesen" spricht, so fand er dieses Wesen auch in der Rückschau auf die früheren Romantiker wieder, deren begeisterter Herold er in Wort und Tat wurde. Der Musikschriststeller Psizner ist mehr als ein genialer musikalischer Denker, er wächst zum Se: inieister der Nation empor. Seine romantische Kunstlehre aber wur- zcl: .> im musikalischen Einfall, der, Geschenk schöpferischer Gnade, alles Foiinen, alle musikalische Arbeit möglichst in seinen Eingebungsbereich zti- e.i müsse. ..ach seine Lieder und reinen Instrumentalwerke sind lebendiger 93e= rovifür die persönliche Gültigkeit solcher Einfallsästhetik. In seinen Liedern hat er — anders als der inhattsbeherrfchte Hugo Wolf — dem aus der jeweiligen Gesamtstimmung des Gedichtes geschöpften Einfall Vzl. den Einführungsaufsatz in Nr. 86 vom 4. November. und fernen sormarganischen Möglichkeiten alle Einzelheiten des Textes unterzuordnen g-wußt. Seine Jnstrumentalwerke — von der köstlich überschwenglichen Cellosonate an bis zu der leidenschaftlich kühnen, wundervoll geschloffenen Cis-moU-Ennfonic — sind wahre Wundergebilde formorganifchen Verknüpfens und Aufbaues, Nicht daß sich Psitzners Künstlertum in Weltflucht und Kampf er- chöpfte. Es gibt neben dem tragisch gespannten, dem „jenseittgen", auch einen weltlichen, diesseitigen, heiteren Pfitzner. Eines fehlt freilich auch diesem völlig: die (schon von Weber gerügte) „verfluchte Sucht, zu ge« allen", und deshalb wird seiner Kunst denn auch der laute, lärmende Beifall niemals beschieden fein. Aber sie hat von jeher auf die „Stillen im Lande" gewirkt, und auch unsere Jugend bemächtigt sich ihrer Immer mehr. Sie weiß, daß dieser so oft als rückschrittlich verschriene Spatromantiker mehr als einmal zu Bindungen gelangt ist, deren anatole Kühnheit auch „modernstes" Erdreisten in den Schatten stellt. Sie begreift an seiner Kunst, daß es auch in der Musik nicht so sehr auf den Buchstaben als auf den Geist ankommt. Sie ahnt, daß in Psitzners Tönen über alle zeltgebundene Romantik hinaus Zeitloses, Ewiges schwingt. Noch ein weiteres aber lehrt uns — alte wie junge — diese Kunst: daß Neues nicht ohne Bindung an das Alte geschaffen werden kann, und daß dieses Neue, um zu dauern, sich mit seinen Wurzeln stets in den Mutterboden des eigenen Volkstums senken müsse. Wilhelm Furtwängler. Dieser Künstler ist nicht nur der größte lebende Dirigent Deutschlands, er hat als Ausdeuter deutscher Musik auch jenseits der Grenzen höchste Anerkennung gefunden. Sein Name sagt uns: Furtwangen das anmutige Schwarzwaldstädtchen, ist die Heimat feiner Ahnen. lL_n.cn und Musikwerke haben sie gebaut und sind zum Wohlstand gekommen, fo daß Kt)on des Dirigenten Großvater Gymnastaldirektvr in Freiburg (Breisgau- wurde. Der Vater war Professor der Archäologie in München und er-ntete als Ausgräber von Olympia Ruhm. Seine Gattin, die aus einem badischen Philologengeschlecht stammt, hat weitere künstle- rische Anlagen in die Familie gebracht. Die Umwege Bülows und Mucks sind Furtwängler erspart geblieben. Van Anfang an hatte seine Erziehung, so umfassend ihre Bildung waren, nur das eine Ziel: den Musiker. Wenn in dem mit einem erstaunlichen musikalischen Gedächtnis begabten Knaben, in dem Jüngling, der schon als Sechzehnjähriger in seiner Vaterstadt Berlin mit eigenen Werken hervortrat, Zweifel lebten, so galten sie der Frage: Dirigent ober Komponist? Zwar ist diese Frage bald zugunsten des Dirigenten entschieden worden, aber Furtwängler hat dem eigenen Schaffen nicht entsagt, und auch als Komponist stellt er die höchsten Anforderungen an sich. Das beweist die Tatsache, daß er seine Werke der Oeffentlichkeit zumeist vorenthielt. Die gewaltige SSiolinfonate, die wir jüngst kennenlernten, ein Werk schöpferischer Ekstase sowohl wie weitgespannten Formens, kommt bei all ihrer Gegenwartsnähe von der Welt eines Brahms her. Damit ist zugleich der Ausgangspunkt des Dirigenten bezeichnet. Wenn er von hier aus auch die ganze Welt der neueren Tonkunst meisterlich ausdeutend durchmessen hat, Brahms' Kunst bleibt seine musikalische Urheimat. Sie entspricht seinem männlichen Wesen am besten, denn Furtwängler geht es mehr um den Charakter als um den schönen Schein der Musik. Weniger als Tänzer, denn als beschwörender, königlicher Priester steht er vor ihr. Bei Schillings, Mottl und Pfitzner hat Furtwängler gelernt. Es galt, Schwierigkeiten des Handwerks, der Schlagtechnik zu überwinden, dämonisch ausbrechende Ausdrucksgebärden zum unfehlbar wirkenden lieber« tranungsmittel bes ausdeutenden Willens zu läutern. Lübeck und Mannheim bringen die Vollendung. 1920 fällt dem jungen Meister ein reiches Erbe in den Schoß, die Konzerte der Berliner Staatskapelle, des Frankfurter Museums und des Wiener Tonkünstterorchesters. Der Tod Ni- kischs (im Januar 1922) schafft eine neue Lage: Furtwängler übernimmt den Taktstock der Berliner Philharmonie und des Leipziger Gewandhauses. Seine Gastkonzerte im In- und Auslande mehren sich. Schließlich findet er den Mittelpunkt feines Wirkens im Berliner Philharmo- nijchen Orchester. Hier, wo Bülow und Nikisch unvergessen sind, führt der Nachfolger neue Glanzzeiten heraus. Die Auslandsreisen der Philharmoniker werden immer wirksamere Werbungen für die deutsche Kunst. Auch die Berliner Siaatsoper und das Bayreuther Festspielhaus versichern sich feines Namens, und dem Ehrendoktor der Heidelberger Universität, dem Generalmusikdirektor der Stadt Berlin fällt die Würde eines preußischen Staatsrates zu. Worauf gründet sich Furtwänglers Sonderrang unter den heutigen Dirigenten? Kurz gesagt: auf die unvergleichliche Weite und Tiefe seiner musikalischen Ausdeutungskunst. Ob Mozart ober Beethoven, Brahms ober Bruckner, Pfitzner ober Strauß, Tschaikowsky ober Debussy.— es ist. als ob ihre Musik unter feiner Stabführung immer wieder neu geboren würde. Denn er hat (es sind feine eigenen Worte) stets „D i e Vision des Ganzen". Er kommt aus der Tiefe, er weiß um die Urgründe jeder Schöpfung, deshalb gibt es an ihrer Oberfläche für ihn kein Raten. Die „richtige" Auffassung ist für Furtwängler Selbstverständlichkeit, und sie teilt sich dem Hörer unzweideutig und zwingend mit. Das Geheimnis der unfehlbaren Wirkung liegt hier in einem tiefen, untrüglichen Wissen um die großen und kleinen musikalischen Zusammenhänge, um die Bahnen der Melodie, den Zug des Rhychmus, die Besonderheiten jedweder Klangverbindung. Jeder Musik fühlt sich Furtwängler nahe. Ob von heute, ob von gestern, es muß nur wirklich lebendige, „große" Musik sein, und sie muß sich in den „fruchtbaren Kontrast" feiner Programme (auch dies ein Wort von ihm) eingliedern lassen, die alles andere fein wollen, als Einheits- oder Stilprogramme. Wie er bann mit der Rechten überlegen führt, mit der linken unendlich beredt deutet und anfeuert, wie der ganze ragende Körper dieses Künstlers in den Dienst bet Klangwerdung gestellt wird — es find für jeden, der ihn gesehen und gehört hat, unvergeßliche Srtebniffe. Der«ntwortlich: Dr. HanS Thhriot. — Druck unö Drrlag: Brühlfche Universität-druckerei R.Lange, Gieße».