Siehener Zamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger Jahrgang 1958 Montag, den II. Juli Nummer 53 Lady Hester Stanhope EINE FRAU OHNE FURCHT Von Maria Josepha Krück von poturzyn Copyright by Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart 12. Fortsetzung. Einer der ersten war der Abbe Desrnazure, der in Dar Dschun um Audienz bat. Er wurde bewirtet, ein Französisch sprechender Dolmetsch tat ihm alle Ehre an. Aber er wartete vergebens, Mylady sehen zu dürfen. Ein so heiliger Mann dürfe nicht dem Anblick einer Sünderin ausgesetzt werden, ließ sie sagen: hernach müßte er gewiß barfuß zum Berge Karmel wandern, und daran wolle sie nicht schuld sein... Abbe Des- mazure war nicht gekränkt. Er trug im Kopf das Bild einer Gottsucherin und wollte ihr Wahrheit bringen. — Ein zweites Mal, auf dem Heimweg, meldete er sich wieder. Daraufhin ärgerte sich der französische Konsul über so viel Langmut und ließ den Landsmann kurzerhand abschieben. — Ein junger Engländer, Mr. Banker, hatte mehr Glück. Er wurde vorgelassen. Iw ersten Hof, zwischen zwei langen Wällen, herrschte Stimmung und Bild einer Festung: albanische Soldaten standen und lagen herum, spielten, rauchten. Durch bewachte Türen wurde man zu einem zweiten Hof geführt, in dem die Pferde warten mußten. Bon hier ging es, unter verschiedenen Führern, durch Bäume und Häuser, Gänge, Arkaden, zum Pavillon der Herrin. Der Janitschar verschwand, ein griechisch gekleidetes Mädchen erschien und klatschte in die Hände. Zwei Türen öffnen sich unsichtbar, ein Borhang hebt sich, Licht strömt ihm voll ins Gesicht. Er ist geblendet. Langsam erholen sich die Augen. Eine Gestalt sitzt gegenüber, im weißwallenden Gewand mit slam- mendrotem Turban, dem Lichte abgekehrt, in Rauchwolken gehüllt. „Setzen Sie sich", sagt eine volle Stimme. Bankes blickt in ein blasses, sehr edles Gesicht mit sonderbaren Augen. Er weiß nicht, ob er der Zeitung schreiben wird, daß sie schön sei: majestätisch wäre das richtige Wort. Zweifelsohne ist sie gut erhalten, man würde ihr vierzig Jahre geben — allerdings sitzt sie gegen das Licht. — „Sie wollen nach Palmyra reisen", hört er sie sprechen. „Mylady, es ist meine Absicht. Doch höre ich, daß man Schwierigkeiten durch die Beduinen bekommt ohne Empfehlung." „Empfehlung hilft nicht. Sie müssen einen Brief mitbringen. So habe ich es mit Scheich Nassr ausgemacht. Wer sich nur mündlich auf mich beruft, soll nicht gehört werden. Aha, der Scheich! Das wird wohl ihr Intimus sein ... „Würden Mylady die Güte haben, mir einen Brief mitzugeben?" fragt er laut. Sie überhört. Kaffee wird serviert, und die Pfeifen werden neu gestopft. Von den beiden Sklavinnen ist die eine auffallend hübsch. Mylady spricht sehr viel und sehr lebhaft. Bankes ist etwas zerstreut. Der Ritt war anstrengend, die Hitze ist groß — und offen gestanden — was sie sagt, interessiert ihn nicht besonders. Er hat erwartet, daß sie den Koran zitiert, von Geistern berichtet oder Schlangen beschwört und ihm die Frage beantwortet, ob die Drusen ein goldenes Kalb anbeten. Indes spricht sie von der Außenpolitik Englands, von Mehemek Ali, dem Vizekönig Aegyptens — mit bemerkenswerter Sachkenntnis, doch ohne jede Sensation. Er kommt auf Palmyra zurück. ' . Sie müssen wissen", sagt sie, „ich habe bei meinem Weggang aus der W - das Versprechen erhalten, daß ein Brief mit einem Siegel von mir ,o viel gelten wird wie ein Paß. Außerdem, wenn jemand mir so nahe steht, daß die Araber sich auf ihn verlassen können wie auf mich selbst, wenn ein Reisender teilnehmen soll am Kampfspiel und Kamel- fleischessen, — wird er zwei Siegel mitbringen... „Ganz recht", antwortet der junge Mann zerstreut — „und wann darf ich den Brief von Eurer Ladyschaft erwarten?" „Sie können ihn mitnehmen, morgen früh, wenn Sie weiterreiten. sie. ie= Banker überfiel die Neugier, Halbwegs auf dem Weg in die Wüst Für wen hatte Lady Stanhope ihn gehalten? Für einen, der „ihr ncch stand"? Er öffnete die Briefumschläge und fand den Brief Myladys an den Sohn der Wüste — einmal gesiegelt! Hexe! Nur ein einziges Siegel hatte sie ihm gegönnt! Er zerriß den Brief. Allein würde er den Weg ebensogut finden. v _ r, ... Mit der Fürsprache des Paschahs von Damaskus in der Tasche erschien er östlich Harnah in der Wüste. Reitende Beduinen stellten sich in seinen Weg, Nassr, der Häuptling im lächerlichen Lammsfeld, verlangte elfhundert Piaster. Am nächsten Tag noch einmal soviel. Bankes verweigerte, drohte mit dem Pascha von Damaskus. — Die Araber sperrten ihn in ein Zelt. Nach Wochen erst, gegen ein hohes Lösegeld, wurde er frei — ohne Palmyra gesehen zu haben! Bankes kehrte nach England zurück. Und in den Zeitungen erschien ein Artikel über Lady Hefter Stanhope, die sich ein Vergnügen daraus mache, Reisenden die Wege in die Wüste zu versperren. Ja, auch Leon de Jaborde, der Sohn eines Pariser Verlegers, stellte in einer französischen Zeitung fest, daß Lady Stanhopes Wohnung den desolaten Zustand ihres Geistes offenbare, die schlechte Dienerschaft den Ruin ihrer Finanzen. Er kritisierte alles, von der Monotonie der Landschaft, dem Anzug der Sklavinnen, der Besuchsstunde zu Mitternacht bis zu ihren Ansichten. Diese seien ein Gemisch von tausend Unsinnigkeiten, von geschickten Arabern für gutes Geld aufgebunden, von ihr wiederholt, um in Europa berühmt zu werden! „Ich habe den Adamsapfel erfunden, ich kann ihn zeigen, sagte sie mir; und sie brachte weihe Auberginen! Das Lachen fällt mich an, ich verliere meinen Schlaf, der mich vorher, ich muß es gestehen, überkommen, und ich finde einen Vorwand, mich zu verabschieden..." So stand zu lesen. „Eine alte Verrückte", nennt er Lady Stanhope. Die Formel war kurz und gut, sie stand in Zeitungen gedruckt und kursierte durch Europa. Allerdings — die Zahl der Neugierigen wurde nicht verringert dadurch. Auch wußte man, daß^ihre Meinung Talisman bedeutete und die Türen der Einheimischen öffnete oder schloß. — Inzwischen hat Hefter Stanhope landwirtschaftliche Pläne. Der Aufstand der Drusen ist verebbt, die Flüchtlinge aus Dar Dschun sind ent- fassen, Emir Beschirs Herrschaft über den Libanon ist gesichert. Aber die Bauern kehren in verwüstete Dörfer heim, der Boden liegt brach. Hunger droht. Mylady läßt in den Feldern des Tales eine lila blühende Pflanze bauen und verbreitet die Kunde, die Wurzeln seien Nahrung. Mylady weiß in vielem Bescheid, sie ist ein gottgelehrter Weiser; aber daß man diese Knollen aus der Erde efsen soll — bas glauben die Drusen nicht, auch nicht die Maroniten. Sie hungern lieber. Eines Abends stehen vor den Feldern Diener der Mylady mit Waffen. Es ist verboten, diese Felder zu betreten! Verboten, von den Früchten zu essen! In der ersten Nacht stehlen sich junge Bauern heran, scharren, stehlen. In der zweiten kommt eine ganze Schar von Dieben... Am Morgen ist ein Feld kahlgeplündert. Ehe die Woche vergeht, haben alle Dörfer im Umkreis Kartoffeln gegessen — und sind nicht daran gestorbenl Hester hat die Nahrung für den Winter gesichert. Dr. Meryon schreibt sehnsüchtige Briefe aus England, London gefällt ihm nicht mehr so recht, er fühlt sich beengt und ist bereits einmal reuig nach Dar Dschun zurückgekommen. Aber nun hat er geheiratet, und Mrs Meryon läßt sich nicht darauf ein, in die Wüste zu reifen wegen einer Frau, die in bezug auf ihre Sitten mehr als verdächtig erscheint. Elisabeth Williams, die Treue aus Pitts Haus, ist der einzige Europäer auf Dar Dschun. Sie hilft die stehlenden Diener bewachen, ihre Faulheit überwinden. Die Dienerschaft! Sie ist das trübste Kapitel im Libanon. Dreißig Diener sind es, Männer und Mädchen, streng durch Draht voneinander getrennt wie im Harem. Zwar hängen sie mit abergläubischer Ehrfurcht an ihrer „Sitt", deren göttliche Sendung keiner bezweifelt. Sie lassen sich von ihr bezahlen, beschenken, belehren, ohrfeigen und verprügeln. Aber sie leisten alle zusammen nicht soviel rote fünf Europäer, stehlen mit vollendeter Kunstfertigkeit. Doch Mylady hat es versucht: kein Franzose und Engländer geht nach dem Libanon in Dienst, wo nachts die Schakale schreien und hinterrücks Kugeln sgllen. Eines Tages erkrankt Hefter an Lungenentzündung. Sie spuckt Blut, acht Tage lang, trotz der arabischen Mittel. Sie verliert Blut, daß ein Pferd davon sterben könnte. Miß Williams wacht zu Tode erschrocken... Am fünften Tag legt sie sich selbst mit Fieber. An einem Morgen im Mai, als Hefter läutet — kommt keine der Dienerinnen — auch Elisabeth Williams nicht mehr... Da schwinden Hefter Stanhope die Sinne. — Ein alter Bauer bringt durch die Türen, findet Mylady kalt und starr, verblutet, verhungert — die Dienerschaft verstört und flüchtig... Hefters eiserner Körper genas. Aber Elisabeth Williams stand nicht mehr auf. Sie wurde im Garten begraben, ihre Türe vermauert. Scheu stahlen sich die Diener daran vorbei. Miß Williams hatte noch in Pitts Hause gedient, Hester meinte um sie. — Mr. Barker, der britische Konful in Aleppo, vertrat die Ansicht, Lady Stanhope sei die tapferste und klügste Frau, die es je geben könne — nur — seit einiger Zeit müsse auch er zugeben, daß es mit ihrer geistigen Gesundheit nicht immer in Ordnung fei. „Schreibt sie mir da nicht einen Brief, ich solle Aleppo verlassen, I binnen einem Jahr würde die Stadt zerstört!" Er berichtet dies während eines Diners m seinem Hause. Lesseps ist angeredet, Napoleons Freund, und Wolff, ein Engländer, der eben aus einer Missionsreise begriffen ist. „Hat sic nicht auch gesagt, unter einem Stein, gehütet von einem schwarzen Drachen und einem Magier liegen alle Schätze der Welt ver- 9 „Dann sollte sie lieber damit ihre Schulden zurückzahlen", lachte Barker; „übrigens — ihre Zukunftserkenntmsse hat sie meist von General Loustaunau, dem sranzösischen Narren, den sie durchfüttert, weil er angeblich Napoleons Flucht aus Elba auf die Stunde genau geweisfagt hat. Sein Sohn, der sich kürzlich vertrank, genoß Myladys Freundschaft, weil seine Sterne mit den ihren harmonisieren sollten!" Barkers Dolmetsch wird gemeldet, er kommt von Dar Dschun zuruck. „Derche", ruft der Konsul, „Sie können uns ja die neuesten Nachrichten von Lady Hefter bringen." Der Levantiner zögert. „Nun?" fragen alle. „Lady Stanhope hat mich gewarnt, noch einmal hierher zuruckzu- kommen... In weniger als vierzehn Tagen würde die Gegend durch ein Erdbeben verheert." „ , ... „Aha, die Gefahr ist schon näher geruckt", lacht Barker, und die Feier nimml ihren Fortgang bis in die Nacht. — Wenige Tage darauf verließ Wolff mit einer Karawane Aleppo. Gegen Abend breiteten sie ihre Teppiche unter Zelten. Wolff zog die Bibel aus der Tasche, um einigen zusammengelaufenen Arabern vorzulesen — als er etwas unter sich in Bewegung fühlt... Es ist die Erde... Sie bewegt sich horizontal — man hört Heulen und Donnern. Bor seinen Augen zerfällt das Dors Juseea wie ein Kartenhaus. „Gott ist der größte! rufen die Araber und rennen zu ihren Gehöften. Sehr bald kommen sie wieder: „Unsere Häuser sind fort, unsere Werber und Kinder — unser Dich — alles!" Sie fliehen, die Mäntel über die Köpfe gezogen, zu der ewigen Mutter ihrer Wüste... t r.. £ Immer noch bebt die Erde. Aleppo, Antiochia, Hamah werden zerstört, die Dörfer zwanzig Meilen weit im Umkreis fallen ein, sechzigtausend Menschen liegen unter Trümmern. Wie durch ein Wunder entgeht Konsul Barker mit einer kleinen Tochter dem Tod. — Angesichts dieser Bestätigung revidiert der Prediger seine Meinung über Lady Stanhope. Er soll eine Botschaft aus England mitbringen, schreibt er nach Dar Dschun. Die Antwort von Mylady ist nicht schmeichel- ^^„Licht reist schneller als der Ton, daher kann das oberste Wesen nicht seinen Kreaturen erlaubt haben, zweitausend Jahre in Dunkelheit zu leben, bis bezahlte Wanderer es für nötig erachten, ihre krächzende Stimme zu erheben, um sie zu erleuchten." Das Christentum Mr. Wolffs war nicht nach Hefters Art. Sie hielt die Konvertierten Syriens für die schlechtesten aller Menschen: feig, faul, verlogen — Ausgeworfene von Griechenland, Sizilien, Italien — und wünschte sich nicht ihre Vermehrung. Aber es war auch kein Wunder, daß Wolffs Berichte in England nicht für Lady Stanhope warben. Doch unter den Neugierigen, die nach Dar Dschun kamen und von vornherein wußten, was sie sagen und schreiben würden; unter den vielen, die sich bei Lady Stanhope meldeten, weil sie eine Sehenswürdigkeit geworden war — Reisenden aus England, Frankreich, Amerika, Menschen mit fürstlichen Titeln, künstlerischem Beruf, Politiker, Geheimniskrämer und Weltverbesserer —, gab es auch solche, die eine Frage auf dem Herzen hatten. Und sie wurden niemals abgewiesen, auch /als die Zeit kam, da Hefters Gesundheit wankte, ihr Hauswesen unter den Händen zusammengewürfelter Sklaven zerfiel, die Gläubiger drängten — und Zeitungsberichte fabelten, was sie wollten. Kinglake, der englische Dichter, Dr. Madden, ein Wissenschaftler, und Graf Marcellus, der junge Attache Frankreichs an der Pforte, dem das Abendland die wiedergefundene Venus von Milo verdankt, waren unter denen, die Freude brachten nach Dar Dschun. Marcellus ist ein edler Sohn seines Volkes, schönheitskundig und von tadellosen Formen. Verwundert richtet er die Äugen auf das zartfarbene, immer noch schöne Antlitz der Frau: „Wie haben Sie zuwege gebracht, Mylady, was unsere Diplomaten umsonst versuchen: die Araber, sogar die wandernden unter ihnen, zugänglich zu machen?" „Ich weiß es selbst nicht, Graf. Vielleicht, weil ich mich zwei Tage lang nur auf ihre Treue verließ, ganz allein, als Frau, in der Wüste... Die Araber haben noch Ehre. Sie sind tapfer, freigebig und unabhängig — und manche haben durch die Beobachtung der Natur solche Kenntnis, daß man nicht mit ihnen streiten kann. Ich liebe sie... Ein einziger Mann wäre würdig gewesen, Arabien zu befehlen; Europa hat ihn exiliert ... Napoleon!" Die Sonne ging jenseits des Meeres unter, schwarze Wolken lagen aus der Kette des Libanon. Die Frau sah nicht, was am Himmel geschah, ihre Augen blickten nach innen. „Seit dieser Mann nicht mehr auf dem Thron sitzt, ist alles verändert: Spanien hat keinen König mehr, England und Deutschland sind in Parteien zerspalten — die Revolutionen fangen von vorne an... Ich beklage Euch alle in Europa." Graf Marcellus, französischer Attache bei der Pforte, hat als Untertan Ludwigs XVIII. anders zu denken. Aber in dem glühenden Licht des Abends im Libanon sieht er nur die Augen der Frau, sie erscheinen ihm schöner als alle, die er bisher gesehen. „Mylady, kommen Sie nie mehr zu uns nach Europa?" „Europa! Nein! Europa kann mich nicht mehr locken. Ich sehe Natio- '°n dort, die wert ihrer Ketten sind, Könige — unwürdig zu regieren. Bald wird der Kontinent bis in feine Basis erschüttert werden. ..Dann werden viele von euch Zuflucht suchen bei mir... Ich wende das Ohr ab von den letzten Geräuschen, die mich von Europa erreichen, die sehr schwach an dieser Küste verhauchen... Sprechen wir nicht mehr von Europa — ich bin fertig damit!" . Marcellus senkt den Kopf. Ihm ist, als stunden plötzlich in dieser Frau die Völker des Orients auf — in bitterer Enttäuschung, weil das Abendland mit all seinem Können keine Lösung weiß für die Fragen b>es Dftßns. Es wird Mitternacht. Eine schweigsame Sklavin geleitet Marcellus aus dem Pavillon der Herrin über einen Hof. Ein Huhn gackert, Pferde wiehern, schwarze Schatten verschwinden hinter Mauern. Der Boden :st holperig, hat tückische Löcher, Marcellus gewärtigt irgendwo zu verschwinden wie ein Spuk. Ein riesiger Vollmond steigt Uber den Gipfeln des Libanon gleich dem geisterhaften Gegenbild der Sonne. Die Sklavin zieht sich zurück, ein Albaner taucht auf und übernimmt die Führung. Zwischen äußerem und innerem Wall wird Marcellus in den Pavillon der Gäste geführt, der aus zwei Zimmern besteht. Stickige Lust schlägt ihm entgegen, der Albaner ist verschwunden. Marcellus wirst sich aufs Lager, wie er ist. Lange kann er nicht schlafen Als endlich doch das Bewußtsein weicht, träumt er von der (eit. samen Frau, deren Stimme über die Wüste ruft, in deren Antlitz di« Flamme einer unbesieglichen Sehnsucht brennt. Er wird sie so wenig vergessen wie das Bildnis der schönsten Göttin der Griechen; dreizehn Jahre später noch erinnert er sich jedes Wortes, das die seltsame englische Frau zu ihm gesprochen. — Dr. Madden ober ist Mediziner. Vertreter des englischen Volkes, das seit Bacon die große Errungenschaft der Naturerkenntnis, frei von Aber, glauben und scholastischer Mystik, pflegt. Und er ist stolz auf diese Er- f cnninid! „Sie sprechen als ein Europäer", sagt Mylady; „die Wissenschaft hatte ihre Wiege im Osten und fand im Westen — ihr Grab! Es muß em neues Erziehungssystem kommen, ehe die Menschheit wirklich erleuchtet werden kann. Es muß wieder erkannt werden, wie die Sterne wirken, die Intelligenzen der Luft, der Erde, des Wassers... Wir müssen lernen, wie die Mineralien im menschlichen Magen — in jedem einzelnen Magen! — reagieren, die einzelnen Steine zu einem Menschen stehen... Ein armer Mann, nicht weit von hier, hat die Gabe, Schätze zu entdecken —" . Madden hat höflich zugehört. Keine Muskel zuckt in dem wohlerzogenen Gesicht. Er ist Wissenschaftler. Ihn kann nichts überwältigen. Jetzt aber steigt eine Frage in ihm auf, Hefter gewahrt sie, ehe er spricht. „Sie meinen, warum er dann arm bleibt? Sehen Sie, wer magische Kräfte anwendet, um sich selbst zu bereichern, muß sterben. Alle wahren Magier sind arm. Scheint Ihnen das alles verrückt?" ,Zch suche zunächst nach geschichtlicher Analogie", meint Madden sachlich; ,chabei denkt man natürlich an den Stein der Weisen des Mittelalters... Was halten Sie von der Uranologie, Mylady?" Hefter wird ungeduldig. In den weiten Ebenen Asiens, unter den Söhnen einer wilden Natur mit dem Instinkt vergangener Jahrtausende, hat sie die mühsamen, verzichtvollen Wege der europäischen Wissenschast umgangen. ± e „Uranologie wie Physiognomik sind nur untergeordnete Erkenntnisse. In den Sternen ist alle Wahrheit. Aber Gott mußte die Wahrheit zurück- ziehen, weil die Welt so herabgekommen war, daß sie sich nicht mehr eignete für ihre Reinheit." „Was nennen Sie Wahrheit?" fragt Madden aufmerksam. Aber Hefter hält ein, spricht von den verschiedenen Rassen des Libanon, von Europa und dem Herzog von Reichstädt. Dann läßt sie servieren, aus den Resten eines chinesischen Services, mit zwei zerbrochenen Silber- gabeln essen sie Pilaw. „Verzeihen Sie — aber alles andere ist abhanden gekommen, gestohlen, zerbrochen... Kürzlich mutzte auch der Herzog von Richelieu über diesem zerrissenen Tischtuch essen." Sie lächelt mit der ganzen Grazie der großen Dame aus England. Madden ist ein treuer Sohn europäischen Wissens, dem die Frage nach der Wahrheit ins Herz geschrieben ist. „Mylady, Sie sprechen von der Wissenschaft der Sterne , beharrt er, „können Sie mir nichts davon verraten?" Es brannte ein einziges Licht im Zimmer, draußen funkelten die Sterne über Dar Dschun. „Sind Sie wirklich so begierig auf diese Wissenschaft? „Wenn Sie mich lehren können, wünsche ich mir nichts mehr! „Würden Sie die Begegnung mit einem Geist aushalten?" „Wenn es ein gesunder Geist ist, würde ich noch zu dieser Stunde noch Jericho gehen, ihn zu sehen; und wenn es ein böser ist, wird er mir auch nichts schaden." Hefter wurde ernst: „Sie wissen nicht, was Sie riskieren — Madden sprang aus: . , . _ „ ,Lch bin bereit, Mylady! Lassen Sie mich nur einmal ein Zeichen sehen — ein einziges Beispiel der sogenannten Magie — und ich will daran glauben! Auch Bacon sprach noch von Dingen, die wir heute nicht mehr verstehen, obwohl er von Wissenschast wußte — beinahe fo gut wie wir ... Beweisen Sie mir, daß es Geister gibt!" Hester lächelte: „ „Beweisen? Sie möchten wohl, daß dieses Zimmer plötzlich ein See ist, mit Schissen und Klippen daraus —" „Ja — dann würde ich Ihnen glauben können!" , In Hefters Blick stieg eine große Leere auf, ein müdes, traurige- Schweigen. . „Ich sehe, es ist etwas anderes, das Sie wünschen... Gehen Sie w die Nachbarschaft, da ist ein Mann, der Pfeifen durch den Raum gehen und Früchte zum Fenster hereinspazieren läßt... Ich habe nichts zu tun Sie bot ihm die Hand zum Abschied. Er sah Güte und Schmerz aus I ihrem Gesicht... (Fortsetzung folgt.) Sommerlied. Von Paul Gerhardt. Geh aus, mein Herz, und suche Freud In dieser lieben Sommerzeit An deines Gottes Gaben; Schau an der schönen Gärten Zier, Und siehe, wie sie mir und dir Sich ausgeschmücket haben. Die Bäume stehen voller Laub, Das Erdreich decket seinen Staub Mit einem grünen Kleide. Narzissus und die Tulipan Die ziehen sich viel schöner an Als Salomonis Seide. Die Lerche schwingt sich in die Luft, Das Täublein sleugt aus seiner Kluft Und macht sich in die Wälder; Die hochbegabte Nachtigall Ergötzt und füllt mit ihrem Schall Berg, Hügel, Tal und Felder. Die Glucke führt ihr Völklein aus, Der Storch baut und bewohnt sein Haus, Das Schwäjblein speist die Jungen, Der schnelle Hirsch, das leichte Reh Ist froh und kömmt aus seiner Höh Ins tiefe Gras gesprungen. Die Bächlein rauschen in dem Sand Und malen sich in ihrem Rand Mit schattenreichen Myrten; Die Wiesen liegen hart dabei Und klingen ganz vom Lustgeschrei Der Schaf und ihrer Hirten. Die unverdrossne Bienenschar Fleugt hin und her, sucht hie und da Ihr edle Honigspeise, Des süßen Weinstocks starker Saft Bringt täglich neue Stärk und Kraft In seinem schwachen Reise. Der Weizen wüchset mit Gewalt, Darüber jauchzet jung und alt, Und rühmt die große Güte Des, der so ohne Maßen labt Und mit so manchem Gut begabt Das menschliche Gemüte. Ich selbsten kann und mag nicht ruhn. Des großen Gottes großes Tun Erweckt mir alle Sinnen: Ich singe mit, wenn alles singt. Und lasse, was dem Höchsten klingt, Aus meinem Herzen rinnen. Alemannisches Volk und Land. Bon Anton Fendrich. Die Verwurzelung der Weltanschauung des Dritten Reiches im Rassischen zeigt sich in der ganzen Tiefe ihrer Wirklichkeit in der südwestlichen Ecke am Oberrhein. Der kulturelle Oberbau des Landes, das seit einigen Jahren in wohltuender Uebereinstimmung Alemanmen genannt wird, ist etwas Einmaliges in der Reihe der deutschen Grenzlandpha- nornene. Das blutsmäßig überkommene Geisteserbe spottet nämlich gleich dreier politischer Landesgrenzen aufs Mal. Mehr als ,e fühlen ftchdie Alemannen Südbadens, der Nordschweiz, des Elsaß und des Vorarlbergs als eine völkische Einheit germanischen Ursprungs die nicht nur etwa in den jährlichen gemeinsamen Tagungen ihr Fest feiert, fondern in Kunst und Dichtung ein eigenes Stammesleben MN. Vor wenigen Wochen hat bei der Erofsnung der Alemannischen Ku - turtaqunq in Freiburg i. Br. der Oberbürgermeister der Breisgauhaupt- ftabt8$r9 Kerber, diese geistige Lage ganz bezeichnet nut den knappen Sätzen: „Man kann die blutsmaßige und geistige Zusammen aehöriakeit der Alemannen allenfalls leugnen, aber nicht aus der 2Lelt Wn Darum ist an den Anfang der Pflege unseres V° stums d.e Selbstverständlichkeit der Achtung vor dem gesetzt, w°s politisch gewo ben ist. Niemand wird daran rühren. Somit.müssen wir suchen.nicht was uns trennt, sondern was uns verbindet Und die Manner uno Frauen aus dem Schwarzwald, dem Markgraflerland, der NordschwelZ und dem Elsaß saßen in breiten Rechen in dem alten Saal des Kauf Hauses, dem gotischen Münster gegenüber, und auf den klaren Gesichtern stand es geschrieben, daß niemand hier anders denke. Der Nichtalemanne geht am besten zu Hans Thoma, dem großen deutschen Maler und Dichter in ine Schule, wenn er emwi altamHnen Begriff von Alemannien bekommen will Weder die bäuerliche Ursprung Bernau stand. Dann nahm er die Entfernung bis fast an den Gotlyaro in den Zirkel und beschrieb mit diesem Halbmesier einen Kreis. In dieses Rund fiel zwar ein wenig zu viel von dem nicht alemannischen Burgund und etwas zu wenig vom alemannischen Voralberg, aber aus ihm ragte vom Telldenkmal in Altdorf bis zur Hornisgrinde, wo der alte Grimmelshausen so gerne hauste, und vom weißen Sandsteindom von Ulm bis zu den roten Münstern von Straßburg, Freiburg und Basel alles, was oberdeutsche Meisterhände seit tausend Jahren erschaffen hatten. Der Alte war stolz darauf, gerade im Mittelpunkt dieses Reichs in das aus dem Süden die Alpenfirne hereinschauen, das Licht der Welt erblickt zu haben. Geographisch genauer und dem Willen der Alemannen von heute entsprechender stellen sich die Grenzen Alemanniens folgendermaßen dar: Das badische Oberland mit dem Schwarzwald bis zur Murg mit der Ortenau, dem Breisgau und dem Markgräflerland, sodann dem Streifen längs des Hochrheins bis Konstanz und Meersburg und zurück über Donaueschingen bis zum Kniebis bildet das deutsche Kernstück. Im heutigen Frankreich ist das ganze Oberelsaß und das Unterelsaß bis Hagenau alemannisch. In der Nordschweiz bis Bern und östlich bis zum Thurgau ist hochalemannisch, d. h. die Mundart, die am meisten mittelhochdeutsche Elemente lebendig erhalten hat, die Volkssprache. Das öfter- reichische Land zwischen Bregenz, Bludenz, der Seesaplana und dem Fürstentum Liechtenstein hat eine nach Gestalt und Sprache so reine alemannische Bevölkerung, daß die beglückende Empfindung des Sichda- heimfühlens zu den ersten Erfahrungen jedes elsässischen, schweizerischen oder badischen Alemannen gehört, der diesen schönen Winkel des alten Vorderösterreich zwischen dem Montafon und dem Kanton Graubünden betritt. Die Geschichte dieses Stammes liegt klar und einfach vor aller Augen. Die Gräber haben deutlich gesprochen. In dem Ausbruch der Germanen, die 300 Jahre vor unserer Zeitrechnung aus Jütland und Skandinavien zu einem großen Bauerntrekk nach dem Süden ansetzten, knarrten auch die Räder alemannischer Ochsenwagen. Immer wieder siedelnd und bauend erreichten die Wandernden das Land zwischen Weichsel und Elbe. Im letzten Jahrhundert vor Christus waren die beiden heute noch benachbarten Stämme der Alemannen und Schwaben Stammesteile der von Tacitus gerühmten Semnonen, die das Gebiet ungefähr der heutigen Mark Brandenburg bewohnten. Als die mittlere Donau erreicht war, trennte sich dieser riesenhafte, fast ein halbes Jahrtausend währende Zug germanischer Ackerbauern nach Südosten und nach Südwesten. Die Alemannen mit den Sueven schlugen die letztere Richtung ein und warfen 58 vor Christus die Kelten über den Rhein zwischen Konstanz und Basel. Ihr Name als solcher taucht aber erst drei Jahrhunderte später in den Kämpfen auf, die der römische Kaiser Sara- calla zugunsten der Hermunduren führte, die zwischen Main und Donau von den Alemannen verdrängt worden waren. Ob ihr Name den ganz einfachen Sinn seines Wortlauts hat oder eine andere tiefere Bedeutung, darüber sind sich die Gelehrten noch nicht einig. Die Alemannen sollen nämlich zur' Zeit, als sie noch sozusagen märkisch-brandenburgisch waren, dort das Heiligtum des sueoischen Stammes als eine Art Priestervolk behütet haben. „Alah" bedeutet etwas wie Götterhain. Wie das nun sein mag, — die nordische Herkunft ist unwiderleglich erwiesen. Nicht weniger sicher aber ist der (wie der Rassenforscher Eugen Fischer auf der genannten Freiburger Tagung es kürzlich scharf umriß) „geringe aber nicht zu unterschätzende Bluteinschlag bei den Alemannen der zum Teil herrührt von der südlich alpinen Rasse der Dinarier, der vorkeltischen Urbevölkerung des Schwarzwalds, die sich in stürmischen Zetten in die unzugänglichen Hochwälder zurückzogen und dort blieben, jum größeren Teil aber von den Italikern, die als Soldaten der römischen Besatzungsarmee jahrhundertelang im Land lebten. Ihre Dienstzeit dauerte zwanzig Jahre. Die Rückkehr nach Italien war etwas Seltenes. Die , Urlauber" verschwanden fast restlos in den seßhaften Sippen der Alemannen. Fischer erklärt den Sinn für das Monumentale bei den Alemannen aus dieser Mischung. Im Gegensatz zu anderen germanischen Stämmen haben die Alemannen keine weiteren romanischen Elemente in sich aufgenommen. Mit ihrer unerschütterlichen Stetigkeit haben sie das gleiche Land in Händen und den gleichen Geist im Herzen behalten. Der Deuter deutscher Literatur aus Landschaft und Blut, Josef Nadler, hat die Alemannen ,chie stärksten Anreger unter allen deutschen Stämmen" genannt, und zwar künstlerisch wie staatspolitisch. Man braucht nur an die Hüter althochdeutscher und mittelhochdeutscher Dichtung auf der Insel Reichenau und in St. Gallen zu denken an N o t k e r den Lahmen, an Ekkehard, den Dichter des Walthariliedes, an Otfried oon Weißenburg, Hartmann von Aue, Gottfried von Straßburg und weiter entlang der endlosen Reihe von Dichtern und Denkern durch die Jahrhunderte bis zu Karl Spittel er und Emil Gott, um zu wissen, was Nadler meint. Johann Peter Hebel, Gottfried Keller, Jeremias G o 11 h e l s, jeder war in seiner Art richtungweisend für die deutsche Epik. Daß aber die Alemannen mast nur etwa ein Volk der Sinnierer find, sondern daß wohlüberlegte und dann rücksichtslos durchgeführte Tat zum Wesen seines Charakters gehört, dazu braucht nur an einen einzigen Namen erinnert zu werden, an den von Albert Schlage ter. In der Geschichte der Sehnsucht der Deutschen nach sich selbst und nach ihrer Einheit hat der späte südwestliche Mtttelstaat Baden, von Navoleons Faust aus Alemannen und Franken rasch zusammengeschmiedet die Tragik dieser zweitausendjährigen schmerzvoller Entwicklung tiefer durchgekostet als andere Bundesstaaten des Zweiten Reiches, «chlageter wußte davon. Er brauchte nur von seinem Heimatort Schönau hinauf auf den Belchen zu steigen, und er sah den Strom, m dem sich die Wogen des deutschen Schicksals walzen. Der Rhein der das Symbol für die europäische Lebensfrage geworden ist, umfaßt das i-and an feinem langen Süd- und Westrand. Aber gerade durch die Versippung des Hauses der alten badischen Markgrafen mit dem Korsen mar bas in die schöne Grenzwelt des Rheinellenbogens h.nausgespre'wte Land nicht wenig belastet. Wie großdeutsch aber das Land an der Flammen- jone Europas schon damals dachte, das zeigt schon die reine Gestalt Johann Peter Hobels dem man ohne jebe Sachkenntnis Sympathien für französisches Wesen nachsagte. 'Zlls nämlich der damalige Karlsruher Lyzeumüirektor eine Inschrift für den letzten Triumphbogen bei Kehl auswählen sollte, durch den die Habsburgerin Maria Luise aus ihrer Brautreise 0em bonapartischen Ehebett entgegenzog, ließ er an der Ehrenpforte in großen Buchstaben die zwei Worte anschlagen: „Oer- maniae memorl" — Sei Deutschlands eingedenk! Dieses Wort geht durch die ganze Geschichte der Alemannen bis 1806 und von dort an der Alemannen und der Rheinfranken der Pfalz und der Mainfranken des Taubergrundes und der Schwaben der Seegegend, die in kleinem Maßstab in überraschend kurzer Zeit durch die Zusammenfassung ungewöhnlich verschiedener Stammesarten das großdeutsche Problem auf schmalem Raum durch sich selbst gelöst haben. Das tolle Jahr 1848 war in Baden nur der romantisch bürgerliche Ausbruch großdeutscher Sehnsucht. Aber selbst im Jahre 1849, wo internationale Ideologien und ausländische Zuzügler die Reinheit der Belebung trübten, ja verpesteten, schrieb ein einwandfreier Zeuge, der Preuße Usedom, in seinen „Politischen Briefen und Charakterstudien" den folgenden knappen Satz: ,Jch bitte festzuhalten, daß die deutsche Einheitsidee in ihrem jetzigen Erwachen in den kleinen Staaten des Südwesten ihre Heimat hat." Die Mischung von vaterländischem Gefühl und Stammesbewußtsein war eben wurzelecht. Der junge Staat Baden hat auch nie Opfer gescheut, wenn es um den Nachweis ging, daß großdeutsche Forderungen vor eigenstaatlichen Interessen kamen. Aus der neuen Geschichte seit dem deutsch-französischen Krieg ist das eine große Beispiel dafür die preußisch-badische Militärkonvention von 1872, das andere die badisch-preußische Eisenbahngemeinschaft von 1901. Der erste Schritt zur heute nicht mehr wegzudenkenden Reichseisenbahn ist" im „Ländle" gemacht worden Dieses großdeutsche Handeln entsprang dem gesunden Instinkt der in Baden zu einer herzlichen Volksgemeinschaft zusammengewachsenen besinnlichen Alemannen, der heiteren Pfälzer und der schweren Main- sranken nach Ergänzung durch preußische Tradition und Kraft. Zu den Pflichten jedes Vorpostens gehört, daß er sich immer wieder einer starken Rückendeckung versichert. Wir find hier im Südwesten Vorposten der deutschen Kultur, besonders seitdem durch den Ausgang des Weltkriegs das westliche alemannische Hinterland des Elsaß für uns verlorenge- gangen ist. Die geistige Haltung für solche seit Jahrhunderten schicksalsmäßig im spannungsaeladenen Raum zwischen Schwarzwald und Vogesen geleisteten Arbeit ist bei den Alemannen immer die gleiche gewesen. Adolf von Grolrnann hat sie in seinen Arbeiten über Wesen und Wort am Oberrhein mit dem Ausdruck „Statik" bezeichnet. Die einzelnen Züge dieser statischen Haltung hat ein Gelehrter eines anderen deutschen Stammes, der schlesische Psychologe Hellpach, gewissermaßen als Gegensatz zum fränkischen Gesicht, dem er eine große Untersuchung gewidmet hat, mit folgenden Worten bezeichnet: „Dieses Temperament (nämlich das alemannisch-schwäbische, wie er es nennt) zeigt überall langsames, zögerndes aber nachhaltiges und gründliches Aufnehmen und Beantworten aller Erlebnisse. Die Intensität der Verarbeitung geht bis zur Vergrübelung. Das Wesen dieser Menschen ist ernst, oft unbewegt (dadurch auch undurchsichtig), gemessen, reserviert, gebunden. Oie stark verhaltene Mimik kommt den gebundeneren Erscheinungsformen des Frohsinns, der Schalkhaftigkeit, der Beschaulichkeit und dem Humor am ehesten zugute, während Vorwitz und Schlagfertigkeit fehlen." So ist es. Genau so. Man braucht nur Emil Strauß, Hermann B u r t e, Emil Gö11 zu nennen, oder unter den Malern alle von Martin Schongauer bis Hans Adolf Bühler oder von den Musikern von Karl Maria von Weber, der mütterlicherseits Wiesentäler war, bis Julius W e i s m a n n , um zu wissen, daß das wahr ist. Wenn man noch hinzufügen darf, daß nach den neuen Forschungen alemannisches Land mit Sicherheit als der deutsche Gau anzusprechen ist, in dem zuerst der Tannenbaum aus den dunkeln Wäldern, mit Lichtern besteckt, Zum Weihnachtssymbol erhoben wurde, bann wird man dem deutschen Stamm im Südwesten des Reiches nicht gerade den geringsten Platz anweifen. Spiel an Bord. Von Ernst Kreuder. In der Frühe ließ sich Bluun von dem Kammersteward den Weg zum Tauchbecken im A=Oetf zeigen, das unter dem Promenadendeck lag. Die ßuft toar noch füfyl, über dem dunkelblauen Meer wehte leichter grauer Dunst. Es war ein herrlicher, frischer Adriamorgen. Als Bluun im Bademantel zwischen dem großen weißlackierten Rettungsboot und der Badeveranda durchging, hörte er vor sich jemand ins Wasser springen. Nun war ihm also doch einer zuvorgekommen. Vorsichtig näherte er sich dem Tauchbecken und wartete hinter einem Mäst auf das Auftauchen des frühen Schwimmers. Etwas Helles kam hoch und bann stieg am unteren ®nbe eine große junge Same mit weißer Babemütze und weißem Schwimmonzug aus dem Wasser. Sie wähnte sich allein. Bluun merkte es an ben Bewegungen, wie fie bie glatten brauen Arme hob und die schwarzen Haarsträhnen unter tue »nbefappe schob, worauf sie nachdenklich an sich herunter sah. Dann machte sie einige Kniebeugen, streckte die Arme vor und sprang aus der Kniebeuge — wie ein Frosch, dachte Bluun — ins Bassin. Während -öluun noch darüber nachdachte, ob Fröschen wohl Kniebeugen gelänge, rief jemonb in der Nähe plötzlich: „Hallo! Hilde!" Bluun verzog sich nunmehr unauffällig hinauf in die Gaube, wo er einstweilen ungesehen abwarten konnte. Der junge Mann, der hallo Hilde gerufen hatte, schien auf ziemlich vertrautem Fuße mit dem großen, langgtiebrigen Mädchen zu stehen Er gab ihr bei der Begrüßung einen allerdings schon wieder mehr flüchügen Kuß und hielt ihr eine Stoppuhr unter die Nase. „Wunderbar!" sagte das Mädchen, „wo hast du die her, Hänschen?" „Frag nicht", sagte Hänschen, ,xt((o du zuerst. Bei .Achtung' springst du!" Es war jetzt so still an Deck, daß Bluun das tiefe Summen und Zit- lern der riesigen Molare wie einen fernen Sturm vernehmen konnte, der aus dem Meere selbst zu kommen schien. „Achtung!" rief der Jüngling, und das Mädchen sprang und tauchte unter. Hänschen, ein blonder, etwas unter Mittelgröße bleibender, wichtig blickender junger Mann, starrte abwechselnd auf das Wasser und auf die Stoppuhr. Da tauchte Hilde schon wieder auf. „40 Sekunden!" schrie er dem erschöpften Mädchen entgegen. Sie sagte etwas von „scheußlich" und legte sich längs auf die Planken, das Gesicht vor dem Wasserbecken, es tropfte noch von ihrem hübschen schmalen Kinn. Hänschen übergab ihr die Stoppuhr. „Laß mich erst noch verschnaufen", bat sie. Der Jüngling brummte etwas und machte noch einige Atemübungen. „Los jetzt!" sagte er bann. Das Mädchen blickte auf die Stoppuhr, Hänschen starrte aufs Wasser, sprungbereit, und in dem Augenblick, da das Mädchen den Mund öffnete, um Achtung zu sagen, geschah etwas Unerwartetes. Blitzschnell flog ein Mann vor ihnen durch die Luft, als er mit Wucht ins Wasser sauste. Automatisch hatte das Mädchen die Stoppuhr gedrückt. „Verdammt!" sagte Hänschen, der schon zum Sprung angesetzt hatte und sich nun verblüfft balancierend zurückbog. Dann war es wieder still. „35", sagte nach einer Weile das Mädchen. Dann blickten sie beide wieder aufs Wasser. „Nanu?" sagte der Jüngling ungeduldig, „wieviel?" „47", sagte das Mädchen. „50", sagte der Jüngling, der ihr die Stoppuhr abgenommen hatte. „60!" „Da stimmt doch was nicht, Hans!" sagte das Mädchen. Eine Sekunde später sah Bluun, der schräg unter den beiden am Grunde des Tauchbeckens lag, daß er im Wasser Besuch bekam. Offenbar machte aber Hänschen unter Wasser die Augen nicht auf, denn Bluun sah ihn nur immer mit den Armen herumfahren, so daß er ihm bequem ausweichen konnte. Darüber hätte Bluun beinahe versäumt, rechtzeitig hvchzugehen, denn sein ßuftvorrat war längst zu Ende. Bluun tauchte unmittelbar vor dem blassen, erschrockenen Gesicht des großen Mädchens auf. Wieder drückte sie automatisch die Stoppuhr, während sie mit geöffneten Lippen Bluun erstaunt ansah. „Wieviel?" fragte Bluun, tief einatmend, in das hübsche, nahe, klare Gesicht blickend, vor dem er sich mit einem Male unendlich still werden fühlte. „78", sagte der Jüngling, der wieder oben war und dem Mädchen die Stoppuhr aus der Hand nahm. Jetzt erschienen schon die ersten Bade- lustigen unter der Veranda. Bluun stellte sich im Wasser dem Jüngling vor. „Lang", entgegnete der Jüngling, „Herr Bluun — Fräulein Lang." „Kommen Sie mit uns frühstücken?" sagte Fräulein Lang. „Natürlich", sagte an Bluuns Stelle ihr eifriger Bruder. Sie nannte ihn eine Zeitlang „Herr 78". Als die „Milwaukee" auf der Hohe der Ionischen Inseln schwamm, war das kühle Wetter vorbei. Nun erst, schien es Bluun, bekamen sie einen Begriff von einer Frühlingsfahrt im Mittelmeer. Nach der Hauptmahlzeit, die er mit den Geschwistern zusammen eingenommen hatte, lag Bluun im Deckstuhl zwischen den beiden auf dem geschützten Promenadendeck und blickte aufs Meer, diese immer frische, unergründliche blaue Wüste: Hänschen sagte fortwährend, er sei todmüde, könne aber wegen der Hitze nicht schlafen. Ob Bluun nicht die Geschichte von dem Schiffbrüchigen erzählen wolle, der seinen Koffer auf einer Insel im Stillen Ozean wiederfand? Din ich Ihr Erzähler, Herr? dachte Bluun ärgerlich und wünschte den unentwegten Begleiter seiner Schwester ins Bordspital, aber dann stand Bluun plötzlich auf und sagte, daß er einen Brief zu schreiben hätte. Er ging am Promenadenshop vorbei in das stille, leere Schreibzimmer. Vor einem Lesetischchen ließ er sich in einem Sessel nieder und versuchte, sich auf etwas Bestimmtes zu konzentrieren. Endlich wußte er esl Er würde dem großen, dunkelhaarigen stillen Mädchen, das draußen im Bordstuhl lag, einen Brief schreiben. Bluun ging in die Schreibtischecke, legte sich einen Briefbogen vor und schrieb: „Liebes Fräulein Gang!" Aber dann zerriß er den Bogen und schrieb: „Giebe Freundin im Kretischen Meer! Wenn ich ein Gedicht schreiben konnte, würde ich Sie darin in das Gieb des kretischen Frühlings verwandeln, und dann dürfte ich Sie immer auf den Gippen..." In diesem Augenblick hatte das Mädchen, lautlos auf den Fußspitzen durch den Schreibraum kommend, unbemerkt die Nähe des Schreibtisches erreicht. Ihre Ueberraschung mußte glücken. Sie trat einen großen Schritt vor und fragte, warum er sie so lange allein ließe. Bluun wandte sich völlig überrascht um. Sie stand so, daß ihr der Briefumschlag unbeabsichtigt in den Blick kam. Ohne daß sie es wollte, hatte sie hingesehen. Er ahnte, daß sie gelesen hatte. Etwas atemlos stand er auf. Sie blickte ihn einen Augenblick aufs Aeußerste erschrocken an, ihre Oberlippe hob sich unruhig, da begriff er, daß sie noch nicht wußte, daß der Brief für sie war. Erst als er lächelte, gab sie ihm aufatmend die Hand. „Wirklich?" fragte fie, als fie den Briefanfang gelesen hatte. „Die Guten sind oft viel allein", sagte Bluun. Er strich ihr fest über öas dunkle, weiche Haar, mit wachsendem Entzücken schauten sie sich an. „Hallo, Hilde, gibt es was Neues?" rief der unentwegte Bruder, quer durch den Schreibraum kommend. „Ich glaube“, begann das Mädchen. „ . . . daß wir uns demnächst beehren werden. Sie zu einer Feier im kleinen Kreise einzuladen", vollendete Bluun den Satz. Verantwortlich: vr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Brühlsche Universitätsdruckerei R. Lange, Gießen.