GiehenerZamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger iäbriÜÜtÖTÖSS jÜnnTnn n )InHi " ...........-..7 Jahrgang 1938 Montag, den U-April Nummer 29 Herz lm BW Vornan von -Hans-Äaspar von Zobeltltz Uopprlghl bu deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 15. Fortsetzung. Ja, Bernd hat sich geschämt. Gewiß, er hat auch schon manches Feuer gespürt im Osten und im Westen und hat seine Eisernen Kreuze nicht nur geschenkt bekommen, aber mitten im Trommelfeuer liegt er zum erstenmal. Angst? Furcht? Natürlich sind auch Angst und Furcht da. Wer von der Front kommt und sagt, daß er sie nicht gespürt habe, der lügt. Daß man sie überwindet, das ist es. Mut ist nichts anderes als Abtöten der Furcht. Aber man verlernt hier nach und nach, an den Tod zu denken, weil der Wunsch zu leben doppelt heiß in einem brennt. Das Leben ist ja die Hauptsache und nicht der Tod. Wer im Trommelfeuer gelegen hat, der hat sein« eigene Religion in sich. Da gibt es keine Kirche und keinen Pfarrer, und doch einen Gott. Zu ihm betet man: aber nicht um ewige Seligkeit droben im Himmel, sondern um Leben, Leben aus dieser Erde. Dazu ist-man geboren, nicht zum Sterben. Den Tod kann man hier leicht haben, aber das Leben, das Leben! Man lernt um im Trommelfeuer. Und auch Bernd lernt um. Wie man lebt, wird gleichgültig. Daß man lebt, ist allein wichtig. Es gibt keinen Stand mehr. Es gibt kein Geld mehr. Es gibt keine Weisheit mehr. Es gibt keinen Dünkel mehr. . Es gibt nur noch ein Atmen, Sehen, Hören, Fühlen, es gibt Hunger, es gibt Durst. Und es gibt eines: die Pflicht. Dableiben. Aushalten. Wachsein. Nicht für dich selbst. Aber für das Ganze. Du selbst bist ein Brösel- chen in Qualm, Rauch, Modder und spritzendem Eisen, ein Bröselchen, das lebt, weil es in der Reihe liegt, die das Ganze bildet. Hier ist das Ganze die Front von der Nordsee bis zu den Vogesen, die Blauer für das Baterland. Es kann wohl aber auch eines Tages etwas anderes sein. Der rechts von dir ist ebenso wichtig wie du. Und der links von dir auch. Und wenn dir mehr Hirn mitgegeben ist in deinem Schädel, so ist das nicht dein Verdienst, sondern nur eine Verpflichtung zu größerer Pflicht: zum Mitdenken für den rechts und den links, die mit dir das Ganze bilden. Du kannst von ihnen lernen, wie du von Trichter zu Trichter springen niußt, das Handwerkliche der Schlacht. Doch wenn es ganz hart auf hart kommt, sehen sie auf dich, fragend: Zittert er, bleibt er da? Da schiebt sich in die Pflicht die Verantwortung, die Verantwortung für das Ganze. Es gibt Kerle hier vorn im Dreck, die tragen keine Achselstücke ober Tressen, die haben im Ruheguartier nicht die große Schnauze, die sind durch keine höhere Schule gegangen, aber sie haben das Pflichtgefühl in sich- Es strahlt aus ihnen heraus. Sie find Führer, oft ohne es zu wissen. Sie können hinter der Front keine Gruppe kommandieren, aber hier vorn wachsen sie. Sie brauchen nur „Du!" zu schreien, wenn einer feige werden ober sich brücken will; oft brauchen sie nur bazusein, das genügt. Sie haben den Adel in sich, denkt Bernd. Ja, man lernt um. In Bernd ist die Achtung vor den Menschen wieder gestiegen. Jedes Leben ist heilig, wenn es nützlich ist. Es nützlich zu gestalten, ist di« höchste Aufgabe. Verächtlich sind nur die Selbstsüchtigen, die nichts ken- ren wie sich selbst; die bas Ganze vergessen vor ihrer eigenen Kleinheit jod Wünschen und Begierden, die bestimmt rücht der Sinn des Lebens finb, um das man den Gott bittet, der in der Schlacht den Ringenden erscheint, der Gott der Natur, der Gott des Lebens. Aber wer ist ganz ohne Selbstsucht? Die Engländer trommeln. Es gibt keine Stelle bei Westrosebeke, auf der nicht eine Granate zerbarst in den letzten Tagen. Alles Leben muß eigentlich erloschen sein, zerrissen, zerfetzt, verschüttet. Aber merkwürdig: Ito kribbelt und krabbelt doch in den Trichtern, es läuft und springt, es richtet sieh auf und wirft sich hin, es preßt sich von hinten nach vorn, es trägt Kochgeschirre voll kaltem, sauer gewordenem Essen, es bringt Wasserflaschen, es ißt, es trinkt. Es schleicht wieder zurück und schleppt Verwundete mit, es schleicht wieder nach vorn und hat Verbandzeug und Munition bei sich Es wäscht sich in Pfützen und wickelt die Waffen vorsichtig ein, damit sie nicht verschmutzen. Es kliert Karten nach Hause und iügt: ,Zch bin wohlauf", es wacht, es späht, es horcht. Es gräbt, es buddelt. Es redet, erzählt, singt, es lacht sogar. Und es kann schlafen im Höllenlärm. Wenn je ein Beweis erbracht wurde, daß das Leben stark ist, hier ist er. Aber es stirbt auch. Es zerfliegt, vom Volltreffer zerfetzt, in Nichts, es zergualt sich schreiend in Schmerzen, es verblutet still. Es wird in den Trichtern begraben, ohne daß eine Hand sich rührt. Bernd erlebt dies Leben in Schauern und in Stolz. Er hat es ja bisher nur geahnt, obgleich er es geleitet hat durch Befehle, die er erdenken mußte, um ihm die Aufgaben für das Ganze rlchüg zuzuerteilen. Aber auch um es erträglicher zu gestalten durch Nlederkampfen feindlicher Batterien, durch Nachschub von Speise und Trank, von Waffen und Munition. Er weiß jetzt, wie sehr Befehle Stückwerk sind, ja, daß sie nichts sind, wenn di« Menschen hier vorn versagen. Oft hat er von seinem Befehlsstand aus das Rollen des Feuers gehört, pausenlos durch Tage und Nächte. Er hat die Fäuste geballt, well er nicht Gleiches mit Gleichem vergelten konnte. Alles hat der Feind: Menschen, Gewehre, Geschütze, Munition, Fahrzeuge, farbiges Volk zur Arbeit an Graben, an Straßen, an Dahnen, Flugzeuge, Ballone, Schiffe, Brot, Butter, Fleisch, Tabak, Morphium, Verbandzeug. Der Generalstäbler drüben fordert nur: „Ich brauche...", und schon ist es da. Wenn er bat, tarn ein Bruchteil aus der ausgemergelten Heimat, die selbst hungert, darbt, friert. 1 1 Jetzt spürt er die Uebermacht, die er längst kennt, vielfach. Wo bleibt das Essen für meine Leute, schreit es in ihm. Warum schießen unsere Batterien nicht, schreit es in ihm Da hört er neben sich: „Haste Kohldampf, Karl,, schnall den Riemen enger. Da hört er neben sich: „Mensch, schmeißen die Brocken heute. Na, mir tonnen sie mit die Blumeniöppe nicht imponier'n." Und er wird stolz, nicht auf sich — auf das Ganze, auf das es allein ankommt. Die Engländer trommeln. Wenn nur das Warten nicht wäre. Einmal müssen sie ja kommen müssen sie ja angreifen. Einmal muß ihr Eifenvorrat ja erschöpft sein. Emmal müssen sie ja glauben: nun ist das Leben dort tot. Der Angriff ist nicht das Schlimme. Das Feuer ist auch nicht das Schlimme. Aber das Warten. Es werden immer weniger, die warten, die noch Gewehre In den Händen halten, Handgranaten werfen, Maschinengewehre bedienen können. Immer weniger. Vierhundert waren es am ersten Tage im Batall- lon, jetzt sind es wohl noch zweihundert, vielleicht nur noch hundertfünfzig. In der vierten Nacht wird das Trommeln zum Rasen. Es dröhnt es brüllt, es blitzt ringsum. Es speit Gas und Nebel. Es wirft die Erde auf und deckt che wieder zu. Es lohnt nicht mehr zu laufen, zu springen, auszuweichen. Man preßt sich gegen den nassen Boden und denkt- Jetzt jetzt du! Wer sagt, daß er sich nie gefürchtet, der lügt. Und doch: eigentlich ist es keine Furcht, die einen gegen den nassen Boden preßt, denn man hat ja gar feine Zeit zur Furcht, jetzt da der eiserne Tanz die Welt zum Tollhaus macht. / Ja, man atmet sogar leichter, man weiß: das ist das letzte große Gewitter, bald hat das Warten ein Ende. Und plötzlich ist der Gedanke in Bernd: das Kind. Ganz lang und schmal und feingliebrig ist es, seine Augen sind lichtblau und seine Haare wie blonde Seide. Ä Nein, wir wollen es nicht Irene nennen, kleine liebe Lexe. Ich muß dir ja noch beichten, daß ich zuerst gar nicht dich liebte, sondern deine Mutter, weil sie so war, wie du schreibst. Jetzt bist du stolz darauf, daß dein Kind so ist, denn du bist noch sehr jung. Du hast breite Schultern und kräftige Hüften. Du bist klug gewesen, als du dir dein Teil nahmst aus der Kraft der Czehs. Du weißt noch nichts vom schweren Weg deiner Mutter, von dem unruhigen Herz, das auch sie trug als Erbe im BKip- penschild. Du ahnst noch nicht, daß es eine Gefahr ist. schmal zu sein und feingliebrig unb weich. Ich war auch zu weich bamals. Ich hatte auch altes, mübes Blut in mir. Das kann uns zum Fluch werben. Aber jetzt liege ich in einem Bad von Eisen. Wir wollen das Kind nicht Irene nennen, nein... Wir wollen ... wollen ... Bernd schläft. Vier Nächte und drei Tage Feuer, Feuer, Feuer. Sie rasten über ihn hin. Jetzt träumt er. Er versinkt tief, tief. Er braucht ja nicht mehr zu warten: sie müssen gleich kommen. Einer rüttelt ihn: „Herr Hauptmann — Herr Hauptmann!" Leuchtkugeln steigen kn den fahlen Morgen empor: rot — rot — rot. Sie rufen: „Sperrfeuer!" Da bellen die deutschen Geschütze los. Und vorn raffeln Maschinengewehre. Hell wach ist Bernd wieder. Er sieht im grauen Licht lange dichte Reihen Vorwärtseilen, sie steigen aus Trichtern und Grabenresten. Aufrecht laufen sie. Menschen wie er. Nur ander« Röcke tragen sie: Engländer, Feinde. Das trommelnd« Feuer haben sie hinter die Linien gelegt, die sie nun erobern wollen; wenn es möglich ist: durchbrechen. Sie hoffen, daß alles Leben vor ihnen zermalmt ist. Aber in den Löchern regt es sich plötzlich: Wir sind noch da! Es tackt, es prchfelt aus Schlamm und Modder. Es hat die schützenden Lappen von den Gewehrschlössern gerissen. Es läßt die Gurte durch di« MGs laufen. Es schleudert Handgranaten. Die Herzen schlagen noch. Wenig, aber sie schlagen. Drüben stürzen sie hin. Erst hier einer, dann dort einer. Dann eine ganze Reihe, gefaßt von einer Garbe Geschossen. Sie laufen nicht mehr, sie gehen nur noch. Den Körper vornüber, die Flinte in der Hand. Dann suchen sie Deckung. Sie lassen ihre Maschinengewehre knattern. Die Kugeln pfeifen über Bernds Kops. Plötzlich schweigt das MG. dicht vor ihm. Eine Mine schlug die Bedienung zusammen. Ein Loch ist in der Linie. Schon merken es die Engländer, stehen wieder auf, rennen ... Da ist Bernd am MG. Er weiß selbst nicht, wie er so schnell hinkam durch Blutsumpf, Gas und Strichfeuer. Er wirft das Schloß zurück, einer der Bedienung, blutend am Schädel, halb ohnmächtig noch, führt den Gurt. Bernd zielt, drückt auf den Knopf; tack — tack — tack — tack —tack. Bor ihm brechen fie zusammen, werfen die Arme in die Luft und fallen aufs Gesicht. ' Bernd richtet sich auf, sieht sich um. Er Ist ganz ruhig. Er stellt sachlich fest: die Linie Des Bataillons scheint überall gehalten zu haben, bei der achten Kompanie rechts, bei der sechsten links und auch bei der fünften. Die siebente liegt etwas weiter zurück in Reserve. Gut jo. Jungens, gut fo. Aber es ist nur für wenige Atemzüge Länge Zeit, Umschau zu halten. Noch ist das Spiel nicht aus. Neue Menschenwellen branden an, drängen vor, eine preßt die andere. Das Feuer bellt sie an. Biele fallen. Die Lebenden gehen über sie hinweg, werfen sich nieder, schießen, wringen jtüebcr auf. Schritt um Schritt gewinnen fie Boden. Links bei der Sechsten wird das Abwehrfeuer dünner. Aber der Führer der Siebenten hat aufgepaßt. Er wirft zwanzig Mann mit einem MG. in das Loch. „Munition!" schreit Bernd. Ein neuer Gurt wirb eingeführt. Die Welten drüben werden dünner, langsamer. Aber jetzt bricht rechts doch ein Trupp durch. Er hat eine Lücke gefunden. Da rührt es sich wieder in den Trichtern. Handgranaten fliegen, zerbersten krachend. Zehn Deutsche ballen sich zusammen, rennen in den Feind, schlagen mit Kolben, stoßen mit Bajonetten. Menschen schreien, Menschen fallen. Flieger kreisen über dem Kampf. Und plötzlich sind die Granaten wieder da, die ganze Hölle, die drei Tage tobte. Der Feind hat gemerkt, daß der Sturm mißlang, nun speit er wieder Stahl und Eisen und Gas. — Um Mittag wird das Feuer schwäck)«r. Gegen Abend verebbt es fast. Als die Dämmerung fällt, schwillt es wieder an. Noch einmal fühlt die englische Infanterie vor: Patrouillen hier, Stoßtrupps dort. Vergeblich. denn der Deutsche wacht. Da wirb es fast ganz still. Ein Großkampftag ist zu Ende. Nur Störungsfeuer flattert noch über den flandrischen Sumpf. Bernd hat fein MG. wieder abgegeben. Er geht durch die Trichter und sucht die Führer seiner Kompanien. Er findet nur zwei; einer ist Ken, einen haben sie zurückgetragen: Bruftfchuh, aber nicht schwer, jten fie. Zahlen werben genannt: von Toten, von Berwundeten und von Ucberlcbenben. „Bataillon Mallnitz mit siebzig Gewehren in alter Stellung", meldet Bernd ans Regiment. Er ordnet seine Linie neu. Fünf Maschinengewehre kann er noch In Stellung bringen. Seinen Bataillonsskab nimmt «r weiter zurück. Da ist ein alter Seien- klotz, hinter den fie kriechen. Die Nacht ist klar. Am Himmel stehen die Sterne. Der Große Bär, die Waage, der Orion. Wie in der Heimat. Ob Lexe wohl auch in diesen Himmel voller Sterne sieht? Einen ganz schlichten Namen muß das Kind haben. Wie die Mädchen im Dorf heißen. Das will er ihr schreiben. Lexe geht durch die Straßen Potsdams. Sie hat bei Lotte Müller einfprtngen müssen. In diesem Kriegsherbst 1917 schleicht eine böse Krippe durch das Land und ist auch in die Pfarrerssamilie an der Frie- denskirche eingebrochen. Zuerst hat fie die beiden Müllerfchen Mädel gepackt. Da hat Lotte den Jungen, der Bernd heißt nach feinem Onkel, zu den Großeltern nach Dapper geschickt, obgleich dort im Haus auch nicht alles zum Besten bestellt ist. Der Krieg hat dem alten Wallnitz höllisch zugesetzt, er hat auf dem Feld und im Hof mitgeschuftet wie ein Knecht, bas ist zuviel gewesen für feine siebzig Jahre, jetzt will der Körper rrichk mehr recht mittun. Und Mutter Wallnitz kränkelt auch, sie hat der Lene oben in Pommern helfen müllen, die einfach zujammenbrach, als ihr Mann, der Hauptmann der Reserve von Berg-Karselow, beim Sturm auf die Ferme der Champagne blieb; da gab es zuviel der Arbeit auch für Maria von Wallnitz: die vier Enkelkinder, das große Gut und die verzweifelte Tochter, an die sie ihre letzte mütterliche Kraft abgeben mußte, um fie wieder aufzurichten. Vor zehn Tagen hat Lotte nach Waldhaufen telegraphiert, fie hat Lexe gebeten, zu ihr zu kommen, da fie sich auch legen müsse, weil sie selbst stark fiebere. So hat Lexe ihre Kinder und das Rentamt Mutter Irene anvertraut, obgleich die auch nicht weiß, wo ihr vor Arbeit der Kops steht, und ist nach Potsdam gefahren. Sie wollte und konnte Bernds Lieblingsfchwefter nicht im Stich taffen, die schon feit mehr als einem Jahr ihr Haus ganz allein versorgen muh. Es find ia keine Hausangestellten zu haben, die jungen Mädel arbeiten lieber in den Munitionsfabriken und Heeresmerkftätten, sie verdienen dort mehr und bekommen, was fast noch wichtiger ist, Zufatzportionen zu den Brot-, Fleisch- und Fettkarten: ie glauben auch freier zu fein; die Männer, die als Vorarbeiter nicht an >ie Front brauchen, reden ihnen das ein und hetzen fie auf: Hausarbeit iir Fremde tun fei eine Schande, Dienstboten würde es in Zukunft überhaupt nicht mehr geben, es würde sich vieles ändern, wenn der Krieg vorbei wäre, und daß er bald vorbei wäre, dafür würde schon gesorgt werden von ihnen und der organisierten Arbeiterschaft der ganzen Welt. Es sieht manches nicht mehr schön aus jm deutschen Vaterlande. In Waldhausen spürt man es nicht so, aber in Berlin, und selbst hier in Potsdam hielt sich Lexe oft am liebsten die Ohren zu, wenn sie manche Menschen reden hört. Nicht nur Arbeiter, nein, auch alte Klatschweiber, weibliche und männliche, die von verlorenem Krieg unten und über Hungersnot jammern und mit ihrer Miesmacherei schlimmer sind als die Hetzer; fie gebärden sich als die Königstreuen und einzig Klugen und sind im Grunde Verräter an der Sache; dabei geht es ihnen gar nicht so schlecht, wie sie oorgeben, aber sie müssen tratschen, weil sie in den Städten nichts anderes zu tun haben, während auf dem flachen Land jeder mit zupackt, ganz gleich, wie alt er ist und was er ist. Lexe geht mit schnellen Schritten, sie hat das Langsamgehen verlernt in Waldhausen, wo ein pausenloses Hin und Her ist zwischen Kinderstube und Rentamt, zwischen dem Hühnerhof, dem Schweinestall und der Molkerei, über die sie jetzt auch die Oberaufsicht hat. Die Arbeit hat sich noch vermehrt, feit Onkel Claus vor Jahresfrist die alten Augen zugetan hat und sie ihn in der Czehschen Gruft in aller Stille beigesetzt haben. Er hat Rieben und Wustrau Günter vermacht mit der Bedingung, daß die Güter immer im Besitz einer männlichen Czehschen Folge bleiben. Mutter Irene war enttäuscht, sie hatte gehofft, daß Onkel Claus an Lexe denken würde; aber so sind ja die Männer: für sie hängt immer alle Zukunft am ererbten Namen, als ob Frauen Blut und Herz nicht genau so weitertrügen von Geschlecht zu Geschlecht. Auf Günter kam doch schon genug. Lexe hat die Mutter beruhigt: „Es ist schon gut und richtig so. Bernd würde gar nicht hierher passen nach Schlesien, er ist ein viel zu eingefleischter Märker." Es war wirklich kein Neid auf die Erbschaft in ihr, fie hat im Krieg auch schon gelernt, daß es Wichtigeres gibt als B-sitz. Jetzt neigt sich ihr« Potsdamer Zeit dem Ende zu. In drei Tagen will sie nach Waldhausen zurück, denn Mutter Irene mahnt fast täglich, und Lotte ist wieder fo weit, daß sie ihren Haushalt Oerforaen kann. Cs ist ein klarer, sonniger Herbsttag. Lexe hat sich In der Stabt Bilder entwickeln lassen, die fie von Jürgen und Mädi dhfgenommen hat: Jürgen, stramm aufrechtstehend, er ist ja schon zweieinhalb Jahr«, das Mädelck-en auf dem Wickeltisch. Die Bilder will fie Bernd schicken. In der Jägerstraße bleibt fie plötzlich stehen. Vor einer offenen Ladentür sieht fie einen Kinderwagen, er erinnert fie an ihren daheim in Waldhaufen, es zwingt sie, hineinzublicken: da liegt genau so ein Menschlein wie die, die fie zur Welt brachte, rund und rosig, es hat die Arme über feinen blonden Kopf gehoben und schläft. Und weiß noch nichts von Krieg und Elend, von Not und Tod, denkt Lexe. Sauber ist der Wagen, sauber die Kissen und Decken. Hellblaues Band ist durch die Stickerei des Bezuges geflochten. Ein Junge also, stellt Lexe fest und muh lächeln; sie hat lange nicht mehr so gelächelt im Wirrwarr des Müllerfchen Haushalts, wo sie kochen, waschen und pflegen mußte. Sauber ist auch das Schaufenster. „Sattlerei und Lederwaren von Fritz Krcuschner" steht an der Scheibe. Es liegt nicht viel in der Auslage, Leder ist mehr als knapp; aber was dort liegt, ist hübsch geordnet. Zwischen Schulranzen und Aktenmappen, zwischen Koffern, Riemen und Handtaschen sind einige Strickarbeiten verstreut, und ein Schild ist da: „Hier wird Damengarderobe jeder Art gefertigt." Ganz vorn entdeckt Lexe eine kleine Einstecktafche für Bilder, genau in der Größ« der Photos, die sie Bernd schicken will. Da tritt fie in den Laden ein. Die Inhaberin legt ihr Taschen zur Auswahl vor. Sie ist eine hübfche blonde Frau, blank und sauber wie ihr ganzes Geschäft und wie der Wagen draußen vor der Tür in der Sonne. Ein großer Strauß steht auf dem Ladentisch neben dem Kaffenpult, Goldrvute, ein paar leuchtende Dahlien, Stiftern und gelbe Herbstmargueriten, eine bunte, prangende Pracht. „Ihr Mann ist auch draußen?" fragt Lexe, während fie sich eine Tasche aussucht. Es ist die Frage, die jetzt alle Frauen im Herzen und auf den Sippen haben. Die Frau nickt. „Kann ich die Bilder hier gleich einstecken?" fragt Lexe weiter. Sie zieht ein kleines Paket hervor, Zigaretten und etwas Schokolade, die fie durch einen Zufall noch fand. „Haben Sie vielleicht einen kleinen Karton, wo ich das alles In einem Feldpoftpäckchen zusammen unterbringen kann? Ich könnte es dann gleich aufgeben. Sic wißen Ja, man hat es immer eilig. Kann ich auch die Adresse' hier schreiben?" „Aber gern, gnädige Frau. Darf ich Ihnen die Sachen einpacken?" (Fortsetzung folgt.) Oie Ammenuhf. Volksweise. Der Mond, der scheint, Das Kindlein weint; Die Glock schlägt zwölf. Daß Gott auch allen Kranken Helfl Gott olles weih, Das Mäuslein beißt; Die Glock schlägt ein, Der Traum spielt auf den Kissen dein. Das Nönnchen läut Zur Mettezeit; Die Glock schlägt zwei, Sie gehn ins Chor in langer Reih Der Wind, der weht. Der Hahn, der kräht; Die Glock schlägt drei. Der Fuhrmann hebt sich von der Streu. Der Gaul, der scharrt. Die Stalltür knarrt; Die Glock schlägt vier. Der Kutscher siebt den Haber schier. Die Schwalbe lacht, Die Sonn' erwacht; Die Glock' schlägt fünf, Der Wanderer mach' sich aus die Strümpf*. Das Huhn gagackt, Die Ente quakt; Die Glock schlägt sechs, Steh auf, steh auf, du alte Hexl Zum Bäcker laus; Ein Wecklein kauf; Die Uhr schlägt sieben. Die Milch tu an da» Feuer schieben! Tu Butter nein, Und Zucker sein! Die Glock schlägt acht, Geschwind dem Kind die Supp' gebrachtl Oer Goldfisch ,30*. Von B. Brandeis. Es regnete In Strömen. Billy stand an der Haustüre und weinte leise vor sich hin. „Oh la la, kleiner Männl — Hat es wirklich vom Vater etwas abgegeben?" fragte teilnahmsvoll ein fremder Herr, der vorüberging. Billy sah mit einem großen leeren Blick den Fremden an, als schaue er durch ihn hindurch. Er kann mir doch nicht Helsen, dachte er traurig. Und ein wenig ärgerte es chn, daß man seine Tränen sehen konnte. Er hatte seit Jahren nicht mehr geweint; jetzt war er sieben alt. Und außerdem würde er niemals, selbst wenn ihn sein Vater gestrast hätte, deshalb geweint haben. Aber er hatte gar keinen Bater mehr. Billy hatte nur noch seine Mutter. Und dann war noch Tante Christa da. Seine Mutter tat ihm nur Gutes. Tante Christa aber war schuld daran, daß er nun auf offener Straße vor allen Leuten meinte, aus Kummer und ein wenig auch aus Zorn. Tante Christa hatte eine spitze Nase, sechs Goldfische und zwei Schleierschwänze. Eigentlich hatte sie jetzt sieben Goldfische, aber den siebten, der Jo hieß, betrachtete Billy nach wie vor als sein Eigentum, auch wenn Jo seit zwei Tagen in dem großen Aquarium von Tante Christa umherschwamm. Es war eine recht eigentümliche Geschichte, wie Tante Christa und der Goldfisch Jo zueinander gefunden hatten. Billy würde es ja niemals verstehen können, daß Tante Christa, nur weil sie der Mutter manch» mal Geld brachte, von ihr die Erlaubnis erhalten hatte, Jo mitzunehmen. Der Umstand, daß Tante Christa selbst ihm früher einmal Jo geschenkt hatte, änderte daran nichts. In der Zwischenzeit hatte Billy den Goldftsch in fein Herz geschlossen. Er hatte ihm einen Namen -gegeben und sich mit ihm verstehen gelernt, so weit eben ein siebenjähriger Junge sich mit einem Fisch abgeben kann. Für Billy, der eine überaus wache und blühende Phantasie besaß, bedeutete die Zeit, die er vor der Glaskugel mit Jo verbrachte, ein besonderes Erlebnis. Nicht nur, daß der zierliche, schillernde Fisch ihn dazu verleitete, von unbekannten abenteuerlichen Fernen zu träumen und ihm manchmal sogar als ein verzaubertes Wesen oorkam. Es war Io weit gekommen, daß auch Jo seinen Herrn zu erkennen schien, denn edesmal, wenn Billy der wunderbaren Glaskugel sich näherte, schoß er kleine Goldfisch nach vorne und verharrte, seinen Kopf an die durchsichtige Wand gepreßt, dort so lange, als auch Billy ihm feine Blicke zugewandt hielt. Dies alles aber hatte nun seit Tagen ein jähes Ende genommen. War vorbei, seit Tante Christa ihre spitze Nase an die Glaskugel gestoßen und in freudiger Entzückung ausgerusen hatte: „DI), Jo, du erkennst auch mich — Ich nehme dich gleich wieder mit zu destren Brüdern und Schwestern!" Was hals es, daß Tante Christa versprochen hatte, als Ersatz für Jo zwei neue Goldfische zu kaufen? Billy verzichtete darauf, er wollte 3o wiederhaben. Und wen» auch seine Mutter ihm ttöstend zugeredet und sein Verhalten dann sogar als Eigensinn getadelt hatte, war er trotzdem entschlossen, den Kamps um Jo nicht auszugeben, obwohl er vor einer Viertelstunde von Tante Christa eine harte Zurechtweisung hatte entgegenehmen müssen, als er nach einem Besuch bei ihr kurzerhand mit einer Tasse Wasser, in der Jo umherschwamm, die Flucht hatte ergreifen wollen. Noch immer regnete es, aber Billys Tränen, die er in seinem Schmerz über die erlittene Niederlage nicht mehr hatte zurückhalten können, waren schon wieder versiegt, als ihn seine Mutter dann vom Fenster aus zu sich rief. „Wer wird denn bei diesem Regen an der Haustüre stehen?" fragte sie fürsorglich. „Wie leicht könntest du dich erkälten. Hast du die Zahnschmerzen schon wieder vergessen, die du erst vor einigen Tagen hattest?" Billy nickte. Gewiß hatte die Mutter recht, aber er wollte ihr nicht eingestehen, daß er geweint hatte. Und außerdem, was die Zahnschmerzen betraf —?" „Siehst du!" sagte die Mutier am Morgen des nächsten Tages. „Das kommt davon, wenn kleine Jungen unsolgsam sind und sich im Regen vor der Hausillre nasse Füße holen. Tut der Zahn sehr weh?" Billy schüttelte den Kops: „Nicht besonders." „Wollen wir nicht doch lieber noch einmal zum Zahnarzt gehen?" Billy war erst vor wenigen Tagen beim Zahnarzt gewesen, die Mutter mußte also annehmen, daß wirklich nur eine augenblickliche Erkältung den Schmerz verursachte. „Wie könnte man denn sonst helfen?" fragte sie ein wenig ratlos. „Gib mir bitte ein Tuch", verlangte Billy. „Ein Tuch — eine Binde um den Kopf?" staunte die Mutter, denn Billy hatte es stets, als er noch kleiner gewesen war, als unter seiner Würde abgelehnt, eine wärmende Binde gegen Zahnweh zu tragen. „Bitte ein Tuch", beharrte Billy, und die Mutter erfüllte ihm dann gerne seinen Wunsch. „Jetzt ist es schon sehr viel besser", sagte Billy nach einiger Zeit, und die Mutter freute sich, daß ihrem armen, sehr vernünftigen Jungen durch seine eigene Einsicht hatte geholfen werden können. Gegen Mittag sprach Billy plötzlich den Wunsch aus, Tante Christa, die ja nur zwei Häuser weit entfernt wohnte, besuchen zu dürfen. „Wirst du dich nicht wieder erkälten? Und willst du dich wirklich mit dieser Binde um den Kopf auf der Straße fehen lassen?" fragte die Mutter halb besorgt, halb ungläubig. Billy blieb auf feinem Entschluß bestehen. Als Tante Christa die Korridortüre öffnete und Billy erkannte, fuhr sie erschrocken zurück: „Was willst du schon wieder hier, du Bengel?" Nur Billys große traurige Augen und fein miileiderregender Auszug liehen sie den Vorfall am vergangenen Tage milder beurteilen. „Hast du vielleicht eine geschwollene Backe?" erkundigte sie sich In einem weniger schrillen Stimmten. Billy nickte und bedeutete dann Tante Christa, daß er fast überhaupt nichts sprechen könne. Und außerdem hätte shm doch Tante Christa erlaubt, so oft als er Lust haben sollte, Jo bei ihr zu besichtigen. „Das allerdings ist richtig", nickte Tante Christa. „Aber sobald du einmal noch auch nur versuchen solltest, mir Jo zu entführen, darfst du meine Wohnung Überhaupt nicht mehr betreten!" Billy hörte stumm und scheinbar tief zerknirscht diele Drohung an. Und als ihm dann Tante Christa endlich den Weg in den Nebenraum freigab, in dem sich das Aquarium mit den sieben Goldfischen und den zwei Schleierschwänzen befand, schien er restlos zufrieden und glücklich zu sein. Fast eine halbe Stunde lang verharrte er schweigend und wie in tiefer Andacht vor dem großen Fifchbassin, hielt den Kops leicht an die Glaswand gelehnt, und es war, als würde er sich an dem wunderbaren und ergötzlichen Spiel der kleinen Fische, votan an den Ihm vertrauten Bewegungen Jos nicht mehr satt sehen können. Tante Christa häkelte inzwischen an einem kleinen Zierdeckchen nicht ohne ab und zu einen wachsamen Blick durch den Türfpalt ihrem Heiligtum zuzuwenden. Als Billy sich bann wieder verabschiedete, hielt er seine rechte Hand gegen seine rechte Gesichtshälste gepreßt. ,JÖaft du plötzlich jo große Schmerzen?" fragte die Tante Christa halb versöhnt mitleidsvoll halb überrascht und voll Mißttauen, well sie erwartet hatte, daß Billy noch länger bleiben würde. Billy nickte stumm. „Wenn du schon nicht sprechen kannst, gib mir dann wenigstens die Hand", forderte Tante Christa Billy auf. Sie dachte in diesem Augenblick: Dieser Schlingel ist am Ende noch fähig und trägt mir Jo, auch auf die Gefahr hin, daß er eingeht, ohne Wasser In der geschlossenen Hand davon. Als Billy chr rasch seine rechte Hand binstreckte und bann sogar unaufgefordert auch die linke, war Tante Christa vollkommen beruhigt. „Siehst du, es geht auch so!" sagte sie triumphierend und konnte nun sogar ein wenig süß lächeln. Wieder nickte Billy stumm, diesmal sogar hestig, und fein Gesicht war dabei anzusehen als zwinge ihn ein rasender Schmerz furchtbare Grimassen zu schneiden. Tante Christa sand es deshalb sehr verständlich, daß Billy nun in größter Eile sich entfernte. Und Billy lief dann auch wirklich so rasch als er laufen konnte nach Hause, und ohne daß seine Mutier seine Rückkehr bemerkte, in sein Zimmer. • Eine Viertelstunde war vergangen, als Billy von seinem Zimmer aus hören konnte, daß Tante Christa nach der Mutter schickte; sie möge sogleich zu ihr kommen, etwas Unerklärliches sei geschehen. Und während die Mutter sich auf den Weg zu Tante Christa machte, stand Billy freudezitternd und plötzlich ohne Binde um den Kopf vor der Glaskugel, In der Jo, der Goldfisch, so munter umherschwcrmm, als sei ihm der kurze Aufenthalt während seines Transportes in Billys feuchter und warmer Mundhöhle nicht nur eine vollkommen unschädliche Abwechslung gewesen, sondern, als wurde auch er, gleich seinem recht- mäßigen Herren äußerst stolz darauf sein, die reiche und ein wenig verschrobene Tante Christa doch noch überlistet zu haben. Freilich, wie der Kampf um Jo weitergehen würde, dies lag noch vollkommen im Dunkeln. Aber, um darüber nachzudenken, dazu war Billy in diesem Augenblick viel zu glücklich. W.enerwald. Don Josef Weinheber. Du im Traum geh nur zu! Rauschebaum, Lindenruh; Landstraß auf, Landstraß ab, Wolkenauf, Wandertrab; Schöntagsblau, Sturmgebraus, weite Schau HUgelaus; Wald an Wald, wellengleich, streng geballt, anmutweich; eingestreut zwischendurch SBlef und Weid', Ackerfurch, uns wie schwäbische oder niederdeutsche Dichtung und eben so selbstverständlich zugehörig erscheinen wie Walther von der Vogelweide oder Grillparzer. Derantwortlich. Dr. Hans Thhriot. — Druck und Verlag: Vrühlsche UntversttätSdruckerei A.Lange, Gießen.