SiehenerZamilieMätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang <938 Zreitag, den U März Nummer 2« WZ im-SW Aoman von Ljans-Äaspar von Zobeltlk dopyrigfjt by deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 6. Fortsetzung. Als sie dann in seiner kleinen Wohnung allein sind, stießt viel von Hildes lieber Weichheit auf ihn über. Es ist ganz dunkel im Raum, und in die Dunkelheit hinein beichtet er, was ihn quält: Vaters Sorgen, die Hypothekenzinsen, die auf Dapper lasten, die ewige Geldknappheit, die Löcher in den Scheunendächern und die Mauer vom Kuhstall, die fast einzustürzen droht. Nur von Donraü und seinen Schulden spricht er nicht, aber etwas von seinen Träumen läßt er einfließen: die Brennerei, die gebaut, und das alte Vorwerk, das zurückgekauft werden müßte. Hilde läßt ihn ruhig sprechen, sie fühlt, es erleichtert ihn. Sie versteht nicht alles, was er sagt, denn landwirtschaftliche Dinge sind ihr ganz fremd, aber sie fragt nicht weiter, denn im Grunde find Einzelheiten für sie gleichgültig; der Kern aller Sorgen ist ihr klar. Als er endet, streicht sie ihm das Haar und denkt eine Weile still nach. Dann kommt ihre Antwort, und ihre Stimme scheint ganz ruhig und ganz sachlich: „Du müßtest eben reich heiraten, Bernd." „Das ist ja Wahnsinn, Hille." „Ja, warum denn nicht. Ewig kann das doch nicht dauern mit uns." „Aber Hille ..." Sie will es ihm leicht inachen. „Ich hab' dich lieb. Junge. Das weißt du. Aber, siehst du, eines Tages muh ich doch auch ans Heiraten denken. Oder meinst du, daß ich unbemannt sterben will? Ich will einmal auch einen Mann haben und Kinder kriegen. Wir denken darüber anders als ihr. Ich bringe meine Schneiderei mit, und er hat vielleicht eine Werkstatt, Tischler oder so. Ihr solltet ruhig auch so denken lernen. Du bist ein hübscher lieber Kerl, und es gibt sicher genug nette. Mädels, die für dich passen würden." „Das ist ja Wahnsinn, Hille." „Nein, nein, Bernd. Ich glaube, man kann auch so glücklich werden." Er schiebt seinen Arm unter ihr Genick und zieht sie an sich. „Vorläufig haben wir uns ja noch, Hille." „Ja, vorläufig haben wir uns noch", wiederholt sie. Hinter Irene Czeh liegt eine stille Zeit. Die Menschen haben recht behalten, die da sagten: es würde immer stillbleiben auf Waldhausen. Das Schloß lag wohl zu einsam auf seiner Höhe; die Pferde zogen die Wagen nur im Schritt den Berg hinauf, die Mauern waren alt, düster und dick, und das große Tor öffnete sich schwer. Man fuhr wohl zu einer Hochzeit hin oder zu einem Begräbnis, vielleicht auch zu einer Jagd, aber sonst? Der Sarg der alten Gräfin Maria steht nicht in der Gruft neben dem ihres Mannes, neben dem ihres Sohnes. Sie hat nach Ungarn zurückgewollt, zurück in den Kreis der Szolnokys. „Wo immer meine Sehnsucht blieb", hat sie geschrieben. Am letzten Tage ihres Lebens hat sie lange mit Irene gesprochen. Erst sachlich: „Sieh den Beamten auf die Finger, wenn du jetzt für Waldhausen verantwortlich wirst. Sie stehlen alle, nicht nur bei uns, überall auf den großen Gütern. Es ist ihnen nicht zu verdenken, denn die Herren machen es ihnen zu leicht. Sie bezahlen sie schlecht, lassen aber große Werte durch ihre Hände laufen, sie kümmern sich um nichts und geben dabei viel Geld aus. Ich hätte auch gestohlen, wenn ich Beamter gewesen wäre, aber ich war ja nur die Herrin, und leider eine Herrin, die nie etwas zu sagen hatte. Erst war mein Mann da und war belastet mit lauter Ehrenämtern, dann kam Alexander und hatte seine Pferde. Du aber wirst etwas zu sagen haben, bis Günter mündig ist. Nutze dis Zeit, es ist gut, wenn hier einmal eine Frau nach dem Rechten sieht." Dann persönlich: „Glaub nicht an Glück, Kind. Glück ist etwas für arme Leute. Für die Kätner unten im Dorf. Vielleicht auch noch für die Bauern, wenn sie nicht schon Protzen geworden sind. Das Schicksal ist da eisern gerecht. Dem einen gibt es Besitz, dem anderen Zufriedenheit, dem einen Pflichten, dem anderen Liebe. Wir Czehs stehen auf der Pflichtenfeite des Lebens. Verlassen wir sie, ist das Unglück schnell da. Sieh dich um, du wirst mir zustimmen müssen. Wahrscheinlich hast du es selbst schon einmal an dir gespürt." Irene hat die Augen geschlossen und den Kopf gesenkt. William Bruce, hat sie gedacht. Da hat die alte Gräfin ihre Hand gehoben, deren Haut in müden. knittrigen Falten Finger und Gelenke umspannte, und auf Irenes blondes Haar gelegt. „Es ist nicht leicht, Kind, eine Gräfin Czeh zu fein. Man steht im Licht für die Blicke der anderen und weiß selbst, daß man im Schatten lebt. Man wird beneidet um lauter äußere Dinge, die so gleichgültig sind, wenn man sie hat; greift man aber einmal nach inneren Dingen, dann stellen sich die Neider auf und sagen: Das ist für dich verboten, das dürfen wir tun, aber nicht du. Uns gönnt die Welt nichts. Sag das auch deinen Kindern, sprich zu Günter nie anders vom Erbe als von einem Pflichtenkreis, erziehe Lexe zur Befcheidenheit. Sie wird einmal ein schönes Mädchen werden, sie soll stolz darauf sein, aber nicht eitel. Sie soll sich einen einfachen Mann suchen, aber von Stand. Das gibt es. Es ist nicht gut, aus der Reihe zu tanzen. Wir müssen beieinander bleiben, wir vom Adel. Unser Gott wußte, warum er uns höher stellte und uns mehr Pflichten gab als den anderen. Mehr Pflichten, das vergesse nie, Kind." Weder hat sie die Hand auf Irenes Kopf gelegt. „Gott segne dich und unser Haus." Dann hat sie sich aus dem Bett heben lassen, und die Pflegerin, die schon seit Wochen um sie war, mußte ihr ein schwarzes Seidenkleid an« ziehen. Den Czehschen Familienschmuck hat sie sich um den Hals geben lasten und die großen Perlohrringe angelegt, die ihr von ihrer Mutter Szolnoky überkommen waren. So hat sie in einem Sessel den Priester erwartet, der gerufen worden war. Als er, im weißen Ornat, die Sakramente in den Händen, in ihr Zimmer trat, hat sie die Kraft gefunden, sich zu erheben. „Ich danke Ihnen, Hochwürden, daß Sie gekommen sind." Den anderen hat sie sich zugewandt: „Nun laßt uns allein." „Nun laßt mich allein", hat sie noch einmal gesagt, als man sie eine Stunde später in ihr Betk zurücklegte. „Keine Dränen, Irene, ich will jetzt schlafen und, wenn Gott gütig ist, zu ihm." Das ist am Abend des 11. Oktober 1905 gewesen, genau vor zwei Jahren. Keinen Laut hat die Pflegerin, die im Nebenzimmer wachte, mehr gehört. Als sie im Morgengrauen des 12. Oktober an das Bett der Gräfin Maria Czeh trat, fand sie eine Tote. Mit gefalteten Händen ist Alexanders Mutter hi nüber geschlummert in die Ewigkeit. Vom Dorf herauf kam Pfarrer Peter Müller. Irene berichtete ihm. Er kniete neben dem Bett nieder und betete. Als er sich erhob, sagte er: „Wenn man sich doch etwas von dieser starken Glaubenskraft hinüber- net)men könnte in sein eigenes Leben. Man hofft immer, feinen Gott ganz zu besitzen, und muß stets von neuem erkennen, daß man nur an Anfängen steht." Irene begleitete die Entschlafene auf ihrer letzten Fahrt zurück in die Heimat. Auf dem Bahnhof in Keskemät erwartete der alte Fürst Szolnoky feine tote Schwester. Ueber seinem verschnürten Rock tag ein farbiger Dolman mit blitzenden Knöpfen und gleißendem Pelzwerk, seine weiße, hohe Mütze zierte eine Agraffe aus Brillanten, die einen Reiher- siutz hielt. Sein Schnurrbart war tiefschwarz gefärbt. Er umarmte Irene, die er noch nie gesehen, und küßte sie. Der Sarg wurde auf ein offenes Gefährt geladen, das mit acht Pferden bespannt war, die vorn Sattel gelenkt wurden; die Reitknechte trugen pralle weiße Hosen und bunte wehende Jacken. Priester standen vor dem Bahnhof bereit und stiebten Weihwasser über den Sorg. Fürst Szolnoky führte Irene zu ihrem Wagen und legte ihr mit eigener Hand eine Decke über die Knie. Dann stieg er zu Pferde und winkte mit dem silbernen Knopf seiner Reitgerte. 211s der Zug sich in Bewegung setzte, begannen die Glocken der Kirchen von Keskemst zu läuten. Sechs Stunden dauerte die Fahrt nach Jasz- Magocz; sie ging durch eine Ebene, die nirgends ein Ende zu haben schien. Am Horizont standen hohe Bäume, die der Wind schiefgeweht hatte, und vor ihnen schritten würdevoll Scharen bretthörniger Rinder und trabten Herden edler Pferde. Weitläufige Dörfer lagen am Weg, ihre Glocken läuteten wie die der Stadt, und ihre Bauern knieten in festlicher bunter Tracht vor ihren Häusern und Hütten und schlugen das Kreuz, wenn der Sarg vorüberfuhr. Irene saß stumm und starrte in die Fremdheit. Sie hatte Sehnsucht nach einem Wort, nach einem Menschen. Sie konnte nicht einmal den Kutscher fragen: „Wo find wir?" oder „Wie lange wird die Fahrt noch währen?" Er hätte sie nicht verstanden. Er saß in feiner farbenfrohen Jacke hoch oben auf seinem Bock und hielt die Zügel straff. Von seiner Peitsche wehte ein schwarzer Trauerflor. Fürst Szolnoky aber ritt zu feiten des Sarges und wich nicht von feinem Platz. Dann war das Schloß da: Jasz-Magocz, nach dem sich Maria Czeh, die Tote, ein halbes Jahrhundert lang gesehnt hatte: ein großer weißer einstöckiger Bau mit einem gewaltigen Portikus. Acht Säulen ragten empor, und zwischen diesen Säulen stand Olli Czeh, in Schwarz wie damals, als sie nach Waldhausen gekommen, um Alexander zu begraben. Sie sah immer noch aus wie ein junges Mädchen und winkte lächelnd Irene zu, als ob sie zu einer Hochzeit käme. Irene begann zu weinen, nicht aus Schmerz, sondern weil dort endlich ein Mensch war. Der Fürst war vom Pferd gesprungen und half ihr aus dem Waxm. „Willkommen in Jasz-Magocz", fugte er. Dann lag Irene in Olli Czehs Armen. „Olli, Oll>", schluchzt« ste, ,M)ie kann man dies Land lieben?" , Unb wieder waren Priester da und wieder eine Gruft und festliche Tafeln fremde Leute in fremden Trachten, fremde Laute und fremde Sitten und zwei schlaflose Nächte. Durch das offene Fenster rauschte der Wind der ohne Pause über die unendlichen Weiten der Steppe strich. Rinder brüllten dumpf, Pferde wieherten hell, und dann und wann fang fern eine Geige, fchluchzend und verliebt. Wie sollte fte da |d,la$3iUft du nicht bei uns bleiben, Kusine?" fragte ein dunkler slawischer Mann, dessen Antlitz dem der Toten merkwürdig glich. „Unser Land ist schön. Du solltest es tennenlernen."’ „Ich will heim", antwortete sie und fühlte, daß in ihr die gleiche Sehnsucht war wie in der Toten, nur daß ihr« Sehnsucht ein anderes Ziel hatte: Deutschland. In Waldhausen folgten dann Jahre der Arbeit. Die Beamten waren erstaunt, als Irene die Bücher forderte und nicht nur hineinsah, sondern ihre Seiten sorgsam prüfte. Das waren sie nicht gewähnt, das hatte der alte Graf nicht getan und nicht Graf Alexander. Irene brauchte Zeit, um sich in dem Gewirr der Zahlen zurechtzufinden, sie brauchte auch Hilfe. Sie fuhr zu Onkel Claus nach Rieben und fand einen Lehrmeister. „Sieh an", sagte er spöttisch, „die Waldhauser wollen auch mal wissen, was sie eigentlich haben." , Manches Unerfreuliche geriet ans Licht. D«r Inspektor, der Pnchter- dorf und Ellgut bewirtschaftet hatte, muhte entlassen werden, der Rentmeister, der die böhmifchen Güter verwaltete, hatte es noch toller getrieben, hier kam es zu einem Prozeß, der sich fast ein Jahr hinzog: es wurden Durchstechereien ausgedeckt, Steuerbeamte hatten sich schmieren lassen. Es ekelte Irene. „ Du wunderst dich", meinte Claus Czeh, „es ist nur die übliche Schlamperei, hüben wie drüben. Die Leute finden bei so etwas nichts und fangen nur an, auf uns zu schelten, wenn wir es aufdecken. Du mußt das nicht so tragisch nehmen; das kostet nur Nerven. Greif ein- oder zweimal fest durch, damit sie suhlen, daß man ihnen aus die Finger sieht, dann wirst du bald Ordnung geschafft haben. Das Auge des Herrn hat zu lange bei euch gefehlt." Er sprach fast ebenso, wie die Gräfinmutter vor ihrem Tode gesprochen hatte. Irene suchte sich einen neuen Verwalter für Körlitz, Freiershaus und die anderen Güter jenseits der Grenze, einen aus dem Reich; sie gab ihm fast das doppelte Gehalt. Da kam einer der böhmifchen Nachbarn zu chr und fagte: „Das geht nicht, Gräfin. Sie verderben die Preise. Jetzt will mein Inspektor auch aufgebessert werden. Ich weiß, er betrügt mich, aber das würde er auch tun, wenn ich ihm mehr gebe." — „Dann werfen Sie ihn doch hinaus." — „Aber warum? Er ist gut, er kennt jeden Acker und weiß bei dem Getreidejuden hohe Preise herauszuholen. Soll ich mich mit dem Pack rumfchlagen? Ich hab mehr zu tun. Ich habe meine Jagd in der Steiermark und muh meine Hirsche in der Tatra schießen. Und hn Winter bin ich in Wien." Irene blieb fest, aber der Beamte stieß auf Schwierigkeiten: die Händler nahmen ihm das Korn nicht ab. „So geht es nicht", fagte er, „ich muß eben AusgeU» zahlen." „Nein, bieten Sie den Weizen billiger an, dann werden die Leute schon kommen. Wir wollen ehrlich bleiben." „Dann bringen di« Güter aber nicht mehr so viel." „Für Sie und uns wird es schon noch langen." Auch auf den schlesischen Besitzungen fand sie vieles, was sie zuerst nicht verstand. Der neue Inspektor in Prichterdorf schlug gut ein. Sie fuhr während der ersten Ernte, die er leitete, oft zu ihm hinüber, ging mit ihm durch di« Ställe und über die Felder. „Ich will im Frühjahr vier neue Leutehäuser bauen", sagte sie am Ende einer Besichtigung. Er war überrascht. „Warum? Die alten sind doch noch ganz gut." — „Ganz gut, das ist es eben. Lehmsußböden, schiefe Fenster, gekalkte Wände." — „Es hat sich noch niemand beklagt." — „Sollen wir immer so lange warten, bis Klagen kommen?" — .Aber die Kosten, Frau Gräfin!" — „Das Geld ist doch da." — „Trotzdem. Die Ausgabe ist nicht notwendig." — „Die Häuser werden gebaut", entschied sie. Sie hatte gedacht, der Inspektor würde sich freuen, daß sie für besser« Unterkünfte seiner Leute sorgte, jetzt war er verstimmt. Warum wollte er in ihre Taschen sparen? Wieder fuhr st« nach Rieben. Aber auch Claus Czeh warnte: „Sei vorsichtig, Irene. Diese Menschen sind nicht für Neuerungen. Ich weiß nicht einmal, ob dir die Leute dankbar sind, wenn du sie aus ihren alten Katen vertreibst, in denen vielleicht schon ihre Ettern hausten. In den neuen Häusern brennt der Heid anders, als sie es gewohnt sind, die Dielen müssen sauberer gehalten werden als die Lehmböden. Das macht Arbeit, neue Arbeit. Und wenn dann noch die Geranien vor den geraden Fenstern nicht so gedeihen wir vorher vor den schiefen, ist alles verschüttet. An der alten Bude hatten sie eine Art Eigentumsrecht, in dem neuen Haus denken sie täglich daran, daß es dir gehört. Es hat alles fein« zwei Seiten." — „Aber ich will chnen doch auch mehr Land an ihren neuen Häusern geben." — „Mehr Land macht wiederum mehr Arbeit, besonders für die Frau. Das bedenke." Die Häuser wurden ttotzdem gebaut, jedoch Claus Czeh behielt recht: die meisten Familien zogen ungern um, einige baten sogar, wohnen bleiben zu dürfen. Als Irene das verweigerte, weil die alten Katen abgerissen werden sollten, kündigten sie und suchten sich an einer anderen Stelle Arbeit. Der Jufpektor war unglücklich, es waren die besten Knechte, die er so verlor. Dann kam, am Ende des ersten ihrer Waldhauser Jahre der Tag, an dem Peter Müller vor chr stand und sagte, daß er nach Breslau ab- derusen sei. Es traf sie wie ein Schlag, denn er war ihr viel geworden, dieser junge Pfarrer. Er hatte chr dies Land Schlesien nähergebracht als die Förster und Inspektoren, er hatte von der Seele des Landes zu sprechen gewußt, von der Seel« der Felder und der Seele der Wälder und von den Seelen der Menschen, die sie bestellen und hegten. Er war ja selbst ein Fremder hier und hatte alles auch erst entdecken müssen. «Man kann sich auch eine Heimat erzwingen", hatte er gesagt, „wenn die Pflicht uns eine neue Heimat vorschreibt. Und das geht tms beiden so, Frau Gräfin, Ihnen als Herrin und mir als Seelsorger. Das Land und feine Bewohner müssen unser werden, wenn wir den Kreis ausfüllen wollen, der uns anvertraut wurde." Da waren Sagen, von denen er erzählt«, da war die Geschichte, die er wach werden ließ, alles ohne die Strenge der schulmeisterlichen Belehrung, alles in kurzen und längeren Gesprächen bald in ihrem Zimmer im Schloß, bald in seiner Studierstube rm Psarrhaus- oder sie trafen sich auf der Straße, an einem Feldrain oder einem Waldrand. Er hatte Lexe und Günter Religionsunterricht gegeben und mit ihnen die Freundschaft geschlossen, nach der di« englische Erzieherin und der Hauslehrer vergeblich suchten. Jeden Sonntag war Irene mit beiden Kindern in feinen Gottesdienst aeaanoen, sie saß gern oben in der Patronatsloge, in der die hoch- sehnigen Stühle standen, die mit den Schilden des Czehschen Wappens geschmückt waren. Peter Müller war ein guter und schlichter Kanzelredner er zog die Bauern mit seinen Worten in die Kirche, und Irene fühlte bald, daß diese Bauern es zu schätzen wußten, daß das lange verwaiste Herrengestühl nun wieder gefüllt war. Sie standen nach der Andacht am Kirchentor und roarteten auf die Gräfin, es kam zu Wort und Handschlag, zu Lob und Klage und schließlich auch zu mancher Bitte und Gewährung. Auch hier war schließlich Peter Müller, der Pfarrer, der Mittler gewesen. Und nun ging er von seinem Amt fort. „Warum wollen Sie uns verlassen, Pfarrer?" fragte sie. ,,3d) will nicht, ich muß." Er fühlte, daß seine Antwort eine halbe Lüge war, denn er hatte seine Abberufung erbeten, weil er nicht in der Nähe dieser Frau bleiben konnte, ohne daß seine Gedanken Wege gingen, die er als Diener feines Amtes nicht beschrc.en durfte. Das Muß lag in ihm und nicht, wie cs ihr scheinen mußte, im Willen seiner Behörde. „Ich werde sehr einsam fein ohne Sie. Sie haben mich gelehrt, di« Heimat zu finden, wer soll mich das nun weiter lehren?" „Ihre Kinder, Frau Gräfin, sie wurzeln sllzon ganz fest in der schlesischen Erde, sie haben es ja auch leichter, denn es ist däs Land ihres Blutes." „Meine Heimat wird immer größer bleiben als eine Provinz, Pfarrer: das ganze Deutschland." „Gewiß ist das richtig. Aber wurzeln kann ein Baum nur auf einem kleinen Fleck, und der gibt ihm dann die Kraft." Irene hatte richtig gefühlt: es wurde sehr einsam für sie auf Walhausen. Peter Müllers Nachfolger war ein älterer Herr, der gebeten hatte, aus dem Betriebe der Großstadt in einen ländlichen Bezirk zu kommen. Sie ging auch in feine Gottesdienste, aber es waren keine freudigen Weg« der Seele mehr, sondern Wege der Pflicht, um der Kinder und um der Dauern willen. Der Winter brachte viel Schnee und große Kälte. Di« Felder und Wälder schliefen, und die Arbeit draußen ruhte. Die Vorträge der Rentmeister und Inspektoren wurden seltener und waren leerer. Um die Dezembermitte fuhr Iren« einmal nach Berlin und einmal nach Breslau, um Einkäufe für das Fest zu machen, das dritte Weihnachtsfest auf Waldhausen. Die Kinder fieberten ihm entgegen; Günter suchte mit einem der Förster am Fuchsberg die Tannen aus, die als Chriftbäume für den Saal geschlagen werden sollten, und Lexe schloß sich in ihr Zimmer ein und hatte eine heimliche Stichelei. Aber über Irene wollte keine Vor- fr; ös kommen, und als endlich die Lichter brannten und die vielen Gabentische für die Leute gedeckt waren, als di« Kinder über ihr« Geschenke jubelten, hatte sie nur Tränen. Warum ist es so leer in mir? fragte sie sich. Sie wußte wohl die Antwort, aber sie wagte nicht, sie sich zu geben. Sie lief mit Günter durch die verschneiten Senge, sie fuhr mit Lexe im Schlitten von Gut zu Gut, sie wollte müde werden, körperlich müde. Aber die Nächte blieben ohne Schlaf, Sie durchsuchte die Bibliothek und lieh sich Bücher aus Berlin senden, sie las und las, bis die Augen schmerzten, und lag dann doch wach, und die Gedanken überfielen sie gualnoU. Briefe kamen ins Haus. Von Sascha Liebenstein, von Lore Falken- hausen, von Olli Czeh. Sie beantwortete sie nicht. Was sollte sie schreiben? Es gab kein Erleben in Waldhausen, es gab nur Pflichten, und für diese Pflichten hatten jene in ihrem Trubel kein Verstehen. Zu Neujahr lag ein Brief von William Bruce auf ihrem Tifch. Sie betrachtete lange den Umschlag mit der Anschrift von seiner Hand, mit der österreichischen Marke und dem Wiener Stempel, ehe sie ihn mit dem Federmesser vorsichtig aufschlitzte. William schrieb englisch wie immer, und dies Englisch mutete sie diesmal fremd an, es schien ihr mit seinem „You" und seinem großgeschriebenen „I" so unpersönlich, unpersönlich selbst da, wo Sätze voll Herzenswärme, voller Liebe — sie fühlte es — standen. Ader sie las trotzdem den Brief wieder und immer wieder. In einer der Nächte dieses Januars tobte der Sturm um Waldhausen. Ein Baum im Park brach krachend zusammen. Irene sprang aus dem Bett, sie zitterte am ganzen Körper. Doch nicht die Furcht vor dem Toben draußen vor den Fenstern quälte sie, nur die Unruhe in ihr war n ®ie SinS dmch das Schloß, fie log sich vor: sie müsse prüfen, ob aUe Läden geschlossen seien. In jedem Raum machte sie Licht, und jeder Raum schien ihr unermeßlich groß und fremd. „Warum dies Riesenhaus für mich und di« Kinder?" fragte sie sich und neidete den Bauern ihre Hütten, die geschützt unten im Tal lagen. Sie trat an die Betten der Kinder, erst an Lexes, dann an Günters. Serbe schliefen. Sie sah in ihre Gesichter, empfand, daß es vornehme, schone Rasseantlitze waren, aber es brach kein Mutterstolz in ihr durch, sie hörte nur auf den Schlag ihres eigenen Herzens, das zu schnell pulste, weil die Gedanken einer noch unerkannten, einer ungewollten Sehnsucht es trieben. Sie wandte sich ab und öffnete die letzte Tür, die $u Alexanders . {immer. Da hockte sie in einem Sessel, in sich zusammengesunken und wie zer- tllen, zog ihren Schlafrock ganz eng um sich und fror. Sie sprach mit m Toten: „Warum lebst du nicht mehr? Din ich schuld daran, daß h stürztest, hätte ich es anders machen sollen? chatte ich eher begreifen Hüffen, daß hier deine Heimat war, die cheimat, die ich jetzt so fchmerzlich p erfassen suche? Wärst du dann bei uns geblieben? Hättest du dann Mn Leben nicht vertan mit deinen Pferden, mit deinem Reiten? Wäre tr dann die Arbeit hier, durch die ich mich jetzt quäle, Lebenszweck ge- rorden? Bin ich schuld an allem? Antworte, Alexander! Sage: ja. Ich reiß, daß ich die Schuld trage. Ich hätte mir Mühe geben sollen, dich »i lieben, dich ganz allein. Es hätte sich wohl gelohnt. Aber sieh her, Alexander, ich muß es jetzt büßen. Ich leide, ich verkomme in Einsamkeit, kch verstehe die alten Freunde nicht mehr. Ich bin hier noch nicht zu jause und bin es in Berlin nicht mehr. Was soll ich tun, Alexander?" Aber der Tote gab keine Antwort, und der Raum schwieg. Nur der (türm heulte vor den Fenstern. Sie faß und wartete. Soll mit vierunddreißig Jahren mein Leben zu Ende sein? Soll ich her sitzen und mich sehnen wie die alte Gräfin Maria, bis ich erlöst rerbe durch den Tod? Hatte jene es nicht besser gehabt, da ihre Sehn- scht wenigstens ein Ziel gekannt hatte: das Schloß von Jasz-Magocz lad die weilen Ebenen Ungarns? Wohin geht meine Sehnsucht? Schwer stand sie auf und schritt in ihr Zimmer zurück. Sie kroch »ober in ihr Bett, in dem noch ein Hauch der Wärme ihres eigenen kirpers war. Aber sie blieb kalt. Sie fürchtete sich vor sich selbst. Im Frühjahr, als die Knospen der Dbftbäume ausspringen wollten, hhr sie nach Wien.' Sie sagte sich: „Zu Olli Czeh", aber es war ein Weg jii William Bruce. Ihre Kraft schien zu Ende. Fünf Jahre war Alexander Czeh tot, fünf Jahre war sie Witwe. Die Sonne schien über die Kärntner Straße. Die Wiener Mädels Dingen schon in Rock und Bluse und lachten, ohne zu wissen warum. Auch Olli Czeh lachte. „Bist du endlich da, Reni." Ein vierter Junge tmr angetommen und krähte unter Spitzen und blauen Schleifen. „Der Firdi hat ein Mädel haben wollen, eine zweite Olli, hat er gesagt. Aber idj kann doch nichts dafür, daß ich ihn so liebhab, daß es immer wieder Silben werden." Das fremde Glück schmerzte Irene. Dann stand William Bruce vor ihr in Ollis kleinem Salon, der ganz eiegefüHt war von zierlichen Sesseln und Tischen, von Glasschränkchen wcker Porzellan und von Ständern mit hohen Basen, in denen blühende >eige steckten. Hell und licht war der Raum, und in ihm schwebte ein Hauch des wichen Parfüms, das Olli liebte. Sie waren allein und konnten nicht gleich zueinander finden. Noch fkriä eine scheue Fremdheit zwischen ihnen. (Fortsetzung folgt.) Streitlied zwischen Leben und Too. Bon einem unbekannten Dichter. So spricht das Leben: Die Welt ist mein, mich preisen die Blumen und Vögelein, ich bin der Tag und der Sonnenschein — so spricht das Leben: Die Welt ist mein. So spricht der Tod: Die Welt ist mein, dein Leuchten ist nur eitel Pracht, sinkt Stern und Mond in ew'ge Nacht — so spricht der Tod: Die Welt ist mein. So spricht das Leben: Die Welt ist mein, und machst du Särge aus Marmorstein, kannst doch nicht sargen die Liebe ein — so spricht das Leben: Die Welt ist mein. So spricht der Tod: Die Welt ist mein, I ich habe ein großes Grab gemacht, ich habe die Pest und den Krieg erdacht — so spricht der Tod: Die Welt ist mein. So spricht das Leben: Die Welt ist mein, ein jedes Grab muß ein Acker sein, mein ewiger Samen fällt hinein fo spricht das Leben: Die Welt ist mein! ‘ Oie letzten Briefe. Bon Kilian K o l l. Im Augenblick seines Todes beginnt der Soldat die groß« Wanderschaft aus dem Herzen der ©einigen ins Herz feines Volkes — und erst wenn keiner mehr da ist, der um ihn weint, ist er völlig ausgenommen in die Ewigkeit des Opfertodes. Wenn die Ueberlebenben eines Truppenteiles im Morgengrauen aus dem Kampf zurückkehrten, pflegte ihnen der Feldwebel oder der Wachtmeister ein Stück öors Quartier entgegen zu gehen, meist wußte er schon durch Meldeläufer, wer kam und wieviele nicht; es war sein Amt, jeden zu kennen. Dann triumphierte zuerst das Leben, bas auf bie Dauer immer mächtiger ist als der Tob: unb wenn nur noch jeder zehnte Mann heil aus der Kampflinie wieberkehrte, jetzt wollte er zuerst effen, bie Feldküche bampfte, meist hatte man viele Wochen nichts Warmes in ben Magen bekommen — und nun machte der Tod einen wunderlichen Schnörkel: je größer die Verluste gewesen, desto größer waren auch die Portionen, die der Koch austeilte! Danach begann die erschöpfte Truppe ihren unheimlichen, totenähnlichen, tagelangen Schlaf, der doch auch wieder ins Leben führte; dazwischen ging der einzige Wachende, der Feldwebel oder Wachtmeister, zu ben Schläfern, rüttelte jeden einzelnen mit Gewalt wach und schickte den dösig wegtappenden Mann wieder an die Feldküche. So kam zu neuen Kräften, was übrig geblieben. Der Erste, der sich dann der Ermattung entrang, war immer der Führer dieses Truppenteils. Da saßen der Oberleutnant unb ber Felb- roebel und der Schreiber um einen Tisch herum, vor ihnen lagen schmutzige Notizbücher, ber Schreiber klappte sein dickes Hauptbuch über Tob unb Leben auf: bas war bie Stammrolle, und er zog mit roter Tinte schräg über Namen unb Gefechtsliste ber Neugefallenen feinen sauberen Linealstrich. Drbnung muß fein, unb oft genug zögerte seine Feber, den Sprich zu tun, als fei erst damit bas Unwieberbringliche geschehen. Drbnung muß auch sein mit ben Briefen, bie die beiden andern schrieben, manchmal saßen sie tagelang darüber, zuweilen wagten sie sich an manchen Brief kaum heran und zögerten ihn absichtlich hinaus. Damals war noch nicht die allgemeine Zeit der Schreibmaschinen, und wenn es solche auch schon längst bei den höheren Stäben gab: diese Briefe mußten mit der Hand geschrieben werden. Es waren nicht selten zwanzig ober mehr, unb bennoch verlangte bie einfachste Menschlichkeit, daß sie menschlich lauteten, kurz ober lang unb manche gar Seite über Seite. „Liebe Frau Schmibt! Ich erfülle meine schwere Pflicht, Ihnen mitzuteilen, baß Ihr Mann, unser lieber unvergeßlicher Kamerad, gefallen ist. Tröste Gott Sie in Ihrem Kummer." So hat unser Feldwebel Ahlert in all ben langen Jahren mehr als zweihundertfünszigmal solche Briefe gefchrieben; langwierige Rückfragen tarnen unb sehr oft sogar bie Antwort einer Frau ober einer Mutter ober einer Braut, bie sich weigerte, an bas Unabänberliche zu glauben, sie wähnten ben Gefallenen immer noch lebenbig, war er nicht vielleicht und hoffentlich doch nur vermißt oder in Gefangenschaft geraten? „Ich kann es nicht glauben, es ist doch ganz unmöglich, daß es wahr ist, er ist doch so jung unb fo gesund gewesen unb hatte immer Glück unb nie ist ihm etwas passiert. Schreiben Sie mir doch, baß es ein Irrtum war!" Dann würbe beim nächsten Appell vorgerufen, wer mit eigenen Augen ben Kameraben fallen ober wer den Toten gesehen ober wer ihn begraben hatte, und diese bekamen den Befehl, den Angehörigen die näheren Umstände mitzuteilen. Fast immer war doch einer dabei, dem jener der Nächste gewesen — aber wenn eben nur jeder Zehnte heil übriggeblieben, fo mußten auch die zu einem Brief ber Menschlichkeit veranlaßt werden, die etwas Näheres wußten ober nicht einmal bies. Jeber biefer Briefe würbe ein Heiligtum; millionen- unb aber millio- nenmal geschrieben, sind wohl nur wenige bavon flüchtig gelesen und weggeworfen worden. „Wertes Fräulein", lauteten sie bann wohl, „gebe Ihnen hiermit Bescheid, wie er gefallen ist. Sagen im Unterftanb, da kam einer und schrie, sie sind verschüttet. Wir sind gleich raus und haben mitten im ärgsten Feuer gebuddelt wie verrückt, aber nichts gefunden." Doch kam es vor, daß alles drunter unb brüber ging, befonbers an ben beweglichen Fronten biefer abenteuerlichsten Wikingerfahrt, bie beut- fches Blut je unternommen — unb ein tobmüber Schreiber sortierte in irgenbeinem halbverbrannten Gehöft bie Feldpost, feine Kerze blatte, er stempelte auf Hunderte von Briefen „Zurück. Verwundet", damit sie daheim hoffen konnten, ober „Zurück. Vermißt", bamit sie daheim sich aufzehrten zwischen Hoffnung und grenzenloser Angst, und er stempelte ben letzten Bescheib: „Zurück. Gefallen auf bem Selbe der Ehre!" Briefe, die aus der Heimat tarnen und mit bem Tobesstempel ins gleiche Haus heimtehrten, brachten oft in ihrer grausam tahlen, unglaub- roürbigen Kürze bie erste und auf Wochen unb Monate bie einzige Nachricht. Der Mann, von dem sie ausfagten, dessen Namen sie trugen, stand vor ber Erinnerung in ber Lebfrische seiner Jugenb, vielleicht war es erst ein Knabe, vielleicht einer, ber unter ben ©olbaten für einen alten Mann galt mit feinem crgrauenben Haar Wie bas Herz sich damit abgefunben hat, daß der Eine nicht wieder- tam, das blieb jedem Herzen selbst überlassen. Wer solchen Brief befam, wünschte wohl, bie Zeit möge stille stehen. Die erste Regung war mitzu- fterben. Die zweite Regung war immer, ben Schmerz nicht abtlingen zu lassen unb sich in der Raserei des Niewieder zu verlieren. In den Tränen, bie nicht versiegen wollten, und im tränenlosen Gram lebte ber Eine noch weiter. Dies war ber Irrtum, allzu verstänblich zwar, ber ben Dpfertob mit dem natürlichen Tode gleichstellte ober sich gar bagegen auflehnte. Heut streichen bie Winbe schon länger als zwanzig Jahre über manches Kriegsgrab. Fern wie eine Sage liegt bie Zeit, als es entstand — nun noch einmal solange, und die meisten der Mitkämpfer sind selber erloschen. Manche ber Gefallenen find schon länger bahin als ihr Lebensalter gedauert: das Andenken gerade dieser Jünglinge verklärte sich in den fieraen ihrer Mütter zu einer Unwirklichkeit: weil sie so wenig irdische Spuren hinterlassen haben, — ein Bild an der Wand, ein paar Schulhefte und vielleicht auch ein Lehrlingsstück sind Erinnerungen an ihre Leibhaftigkeit. Die andern, denen bestimmt war, im Mannesalter zu sollen leben in größerer Wirklichkeit fort, ihre Kinder sind herangewachsen der Sohn trägt heute dasselbe Feldgrau, in dem der Vater begraben lieat er arbeitet fröhlich in der Werkstatt, die der Vater m »ahrzehnte- lanq'er Mühe schuf. Lachen erschallt auf den Stätten, wo jene einst gegangen sind. Und die Starrheit, von der die Herzen der im Leben Gebliebenen damals befallen wurden, als der letzte Brief kam, sie loste sich; saft ist es Leben, das sogar die Schmerzensreichen führen, feiten greift ihre Hand nach dem Kästchen, das den Brief und ein paar Andenken bewahrt. Wie wir als Soldaten, "wenn wir aus dem Kampf kamen, die Portionen der Gefallenen mitgegessen haben und uns freuten, daß wir lebendig geblieben und wie es uns schmeckte — so brauchen wir alle uns nicht zu schämen, daß das zahllose Gestorbensein sich in ein mildes Vergehen gewandelt hat, ja, daß erste Vergessenheit über viele der Gräber weht, weil die Angehörigen nun selber gestorben sind oder weil die Zeit neue, mächtige Bindungen knüpste. Das will die Natur. Sie will, daß die Blätter der letzten Briefe vergilben. Wir sollen weiterlesen in den Briesen, die das Schicksal tagtäglich sendet, bis es auch uns mit sachlichem Strich gus der Stammrolle ausstreicht. Ueber jede Kriegszeit senkte sich doch das versöhnliche Ausloschen. Dann und wann mag ein Nachkomme aus vergessenen Briefschaften ein Schreiben hervorkxamen, das aus dem Heer des großen Friedrich kam oder aus dem Heer der Befreiungskriege, und das eine ähnliche Botschaft Überbrachte. Längst sind die Soldatengräber jener Zeiten spurlos zugeweht, vom Pslug getilgt, von neuen Wäldern überwachsen. Es ist gut so. — Oer Tod fürs Vaterland. • Von Friedrich Hölderlin. Du kömmst, o Schlacht! schon wogen die Jünglingc hinab von ihren Hügeln, hinab ins Tal, wo keck heraus die Würger bringen, sicher der Kunst und des Arms; doch sichrer kömmt über sie die Seele der Jünglinge, denn die Gerechten schlagen wie Zauberer, und ihre Vaterlandsgesänge lähmen die Knie den Ehrekosen. O nehmt mich, nehmt mich mit in die Reihen . damit ich einst nicht sterbe gemeinen Tods! Umsonst zu sterben, lieb' ich nicht; doch lieb' ich, zu fallen am Opferhügel Sein Traum, seine Sehnsucht war die Rennbahn, der erste Siegesritt über Hindernisse. Stemkow, unser Nennonkel, hatte Mitleid. Er vertraute ihm die Steuerung seines Braunen in einem Dienstpferderennen auf der Bahn des benachbarten Badeortes an. Am 30. Juli war der große Tag. Der Kommandeur hatte Bedenken: Die Lage war schon verdammt gespannt. Konnte man es verantworten, einen Offizier aus dem Standort zu beurlauben? Die Division entschied auf feine Rückfrage: „Jawohl. Em Fernbleiben der Offiziere von dem Rennen würde Beunruhigung in ine Be- völkerunq tragen." Als er sich von mir verabschiedete, drohte ich scherzend mit dem Finger: „Wenn Sie sich schlagen lassen, bleiben Sie h,er beim Schwamm!" Er hatte sofort die Antwort bei der Hand: „Und wenn ich gewinne, bekomme ich die erste Fempatromlle. Ich schlug ihm lachend aus die Schulter: „Frechdachs, die Wette gilt!" Er gewann. Seine Freude ging im Wirbel der Mobilmachung unter. Zwanzig Tage später auf belgischem Boden tarn der Dioisionsbesehl- „Das Regiment stellt drei Fernpatrouillen gegen die Gette. 3d) fd)(ug dem Oberst mit zwei anderen als Führer auch Leutnant von Borchentm vor. Der Oberst sah mich erstaunt an: „Ausgerechnet unfern Jüngsten? Ich erzählte ihm von unserer Wette und fügte schüchtern hinzu: »Ritt- meister Blohm gibt ihm Wachtmeister Schulz mit. Außerdem, Herr Oberst, das Rennen hat es bewiesen, der Junge reitet nicht nur, mit Schneid, sondern auch mit Kopf." Der Oberst winkte ab: „Ich weih ,chon, ihr habt alle einen Narren an ihm gefressen. Also denn los in Gottes Namen, lassen Sie ihn sich fertig machen." Wir hätten keine bessere Wahl treffen können. Borchentm trabte strahlend mit seinen zehn Reitern in die Abenddämmerung hinein. In der Nacht durchfurtete er zwischen zwei belgischen Brückenposten den Fluß, gewann von der Flanke aus tiefen Einblick in die feindliche Stellung und schickte auf gewandt ausgesuchten Schleichpfaden Meldung auf Meldung. Das Regiment bekam ein dickes Lob, und der Oberst drückte Borchentm, als >t sich nach Erledigung des Auftrages wieder bei ihm zurückmeldete, dankbar die Hand. Am nächsten Tage hatte Varchentin die Spitze. Im Schritt ging es in das erste belgische Dorf hinein. Friedlich lag es in der Morgensonne. Frauengesichter drückten sich neugierig an die Fensterscheiben. Männer zogen an den Hoftoren höflich die Mütze. Plötzlich, dicht bei der Kirche, knallte es ein-, zweimal aus einer Dachluke. Der Gefreite neben ihm sank mit einem Wehlaut vom Pferd«. Ein feindlicher Freischärler hatte ihm heimtückisch von hinten durch das Schulterblatt geschossen. Wie der Blitz war Borchentin vom Pferde und stürmte auf das Haus zu. Die Dragoner hinter ihm drein. Ein paar Fußtritte, und das Tor gab nach. Der Leutnant sprang die Treppenstufen hinauf. Da krachte es zum drittenmal. Ins Herz getroffen brach Borchentin zusammen. Was nützte es, daß feine ergrimmten Leute dem feigen Schützen mit dem Kolben den Schädel einfdjlugen. Borchentin war tot. Wir hatten nicht einmal Zeit, ihn zu begraben. Nur fein Bursche blieb bei der Leiche zurück und bettete sie mit dem Pfarrer des Ortes auf dem Dorffriedhof zur Ruhe. fürs Vaterland, zu bluten des Herzens Mut, fürs Vaterland — und bald ist's gefchehnl Zu Eu ihrer Heuern! komm' ich, die mich leben lehrten und sterben, zu euch hinunter! Wie oft im Lichte dürftet' ich euch zu sehn, ihr Helden und ihr Dichter aus alter Zeit! Nun grüßt ihr freundlich den geringen Fremdling, und brüderlich ist's hier unten; und Siegesboten kommen herab: die Schlar’ ist unser. Lebe droben, o Vaterland, und zähle nicht die Toten! Dir ist, liebes! nicht einer zu viel gefallen. Oer Leutnant. Einem Gefallenen zum Gedächtnis. Ich war lange nicht in der alten Kaserne gewesen. Sie war mir fremd geworden, seitdem sie Behörden zum Heim diente. Feierlicher Ernst, Schreibmaschinenklappern, Aktenstaub füllte ihre Räume. Jetzt ward sie wieder jung und lebendig. Singen und Pfeifen schallt aus den Fenstern, nägelbeschlagene Stiefel dröhnen auf den Fliesen, und ein Duft von Kommisbrot, Leder und Exerzierschweiß schwingt durch die Stuben. Ich trete vor die Ehrentafel in der Eingangshalle. Schon am ersten Namen bleiben meine Augen haften. Ist nicht heute der Tag, an dem der Leutnant von Borchentin, der den langen Todesreigen anführt, fiel? Ich sehe ihn noch vor mir, den kleinen, drahtigen Selektaner, wie er wenige Monate vor dem Kriegsausbruch im Adjutantenzimmer sich voll Stolz den hellblauen Waffenrock zurechtstrich und die silberne Schärpe gerade rückte, bevor er zum Kommandeur hineinging, um sich „durch Allerhöchste Kabinettsordre vom Kadettenkorps als Leutnant in das Regiment versetzt" zu melden. Der Alte spielte zweifelnd mit dem Bleistift, als er wieder heraus war: „Gerade 17 Jahre! Wird er es mit unseren Dreijährigen schassen?" — Ich tröstete: „In ihm steckt altes Dragonerblut, Herr Oberst. Der wird!" Und er ward. Was ihm an Wissen und Diensterfahrung gebrach, ersetzte er durch Schneid. Kein Pferd war ihm zu schwierig, kein Graben zu breit. Er wurde ihrer Herr. Selbst Fülster, der knurrige Wachtmeister der Königlich Fünften, schmunzelte: „Dat's ’n Siri!" Und die Dragoner strahlten. Immer war er bei Laune, scherzte und sang mit ihnen und ließ sich doch von keinem an den Wagen fahren. Unser Leutnant wurde unser Stolz. War er darum etwas Besonderes? Gewiß nicht! Nur einer unter seinesgleichen von den Tausenden, denen das Dichterwort Wahrheit wurde, daß Leutnantsdienst Vorsterben bedeutet, die mit der Unbefangenheit der Jugend keck nach dem kühnsten Entschluß griffen, denen ihr soldatisches Blut unbewußt fast immer den rechten Weg wies, denen auch die älteren Untergebenen als den geborenen Führern blindlings folgten. Gewiß, Philister hatten in der Vorkriegszeit manchmal mißbilligend den Kopf geschüttelt, wenn sie in ihrer überschäumenden Jugendkraft über die Stränge schlugen. Jetzt baten sie ihnen im stillen vieles ab. Das Friedensdiktat nahm uns wie so manches andere auch den Leutnant der Vorkriegszeit. Die Leutnants des Reichsheeres hatten, wenn sie die Achselstücke anlegten, schon eine Reihe von Dienstjahren hinter sich, hatten an der Front und auf den Schulen Erfahrungen gesammelt, Wissen erworben. Gewiß, sie waren für ihren Beruf gründlicher vorgebildet als ihre Vorläufer 1914. Sie waren ernster und gesetzter in ihrem dienstlichen und außerdienstlichen Auftreten. Aber bisweilen vermißte man doch ein ganj klein wenig jene göttliche Lebensfrische, die nur die Jahre um die Zwanzig beschwingen Die Schwere der Zeit, die aufgezwungene Enge der kleinen Wehrmacht hatte auch ihnen die Flügel beschnitten. Dies alles geht mir durch den Kopf, als ich auf die Tafel sehe. Da klingen Schritte. Ein Leutnant stellt sich mir als mein Führer für die in Aussicht genommene Uebung vor. Ein frisches, junges Kerlchen, dem die Lebenslust nur so aus den Augen leuchtet. Sein Kraftwagen — ein geländegängiger, sogenannter Kübelwagen — wartet draußen. „Einen Vollblüter besitze ich, seitdem wir motorisiert sind, leider nicht mehr", entschuldigt er sich, „aber gehen kann das Biest auch." Und dann braust er los mit 80 Kilometer und mehr die Straße entlang, mit einer scharfen Wendung aus das Feld hinauf und nun kreuz und quer über Sturzäcker, durch Gräben, den Steilhang hinab und hinauf, durch Wasserlachen, über Schotterhausen. Ich höre ihn ordentlich innerlich frohlocken- „Den Alten werden wir schon schaukeln." Dabei folgt er gewandt dem Uebungs- verlauf, erklärt und erläutert, spart nicht mit seinem Urteil und trifft meist den Nagel aus den Kopf. Bei einem Glase Wein am Ende der Uebung taut er ganz auf. Selig, daß die verkürzte Ausbildungszeit der Leutnants des neuen Heeres glücklich hinter ihm liegt, singt e? Lobeshymnen über Lobeshymnen über die Ausgaben, die dem Leutnant in unserer Zeit geftellt sind, breitet er die ganze Fülle seiner Zukunftshoffnungen, feiner militärischen Gedankenwelt vor mir aus. 21(5 er mld) eine Stunde später an meiner Haustür absetzt, sehe ich ihm nach, bis fern Kraftwagen um die Ecke verschwunden ist. Tiefe Befriedigung wärmt mein Herz. Wir haben ihn wieder, den Leutnant, von dem fdjon Bismarck sagte, daß ihn niemand uns nachmachen kann. B. Verantwortlich: Dr. Hans Thhrtvt. - Druck und Verlag: Vrühlsche Univers ttätsdruckerei R. Lange, Gießen.