Gießener Hamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang <958 Freitag, ben H.gebruar Hummer (2 Oer Lanövogt von Greifensee Novelle von Gottfried Keller 7. Fortsetzung. Der Amtsdiener oder Weibel führte nunmehr ein ländliches Ehepaar herein, welches in großem Unfrieden lebte, ohne daß der Landvogt in» jetzt hatte ermitteln rönnen, auf welcher Seite die Schuld lag, weil !ie sich gegenseitig mit Klagen und Anschuldigungen überhäuften und eines verlegen war, auf die grobe Münze des aädern Kleingeld genug herauszugeben. Neulich hatte die Frau dem Manne ein Becken voll heißer Mehlsuppe an den Kopf geworfen, so daß er jetzt mit verbrühtem Schädel dastand und bereits ganze Büschel seines Haares herunterfielen, was er mit höchster Unruhe alle Augenblicke prüfte, und es doch gleich wieder bereute, wenn ihm jedesmal ein neuer Wffch in der Hand blieb. Die Frau aber leugnete die Tat rundweg'und behauptete, der Mann habe 111 seiner tollen Wut die Suppenschüssel für seine Pelzmütze angesehen Md sich aus den Kopf stülpen wollen Der Landvogt, um aus seine Leise einen Ausweg zu finden, ließ die Frau abtreten und sagte hieraus zum Manne: „Ich sehe wohl, daß du der leidende Teil und ein armer hwb bist, Hans Jakob, und daß das Unrecht und die Teufelei auf feiten deiner Frau find. Ich werde sie daher am nächsten Sonntag in das Drill- höuschen am Markte fetzen lassen, und du selber sollst sie vor der ganzen Gemeinde herum drehen, bis dein Herz genug hat und sie gezähmt ist!" Allein der Bauer erschrak über diesen Spruch unj) bat den Landvogt angelegentlich, davon äbzustehen. Denn wenn feine yrau, sagte er, auch «in böses Weib sei, so sei sie immerhin feine Frau, und es gezieme ihm nicht, sie in solcher Art der öffentlichen Schande preiszugeben. Er möchte Ml len, es etwa bei einem kräftigen Verweise bewenden lassen zu wollen, hierauf ließ der Landvogt den Mann hinausgehen und die Frau wieder eintreten. „Euer Mann ist", sagte er zu ihr, „allem Anscheine nach ein Taugenichts und hat sich selbst den Kops verbrüht, um Euch ins Unglück S stürzen. Seine ausgesuchte Bosheit verdient die gehörige Strafe, die r selbst vollziehen sollt! Wir wollen den Kerl am Sonntag in das Drillhäuschen setzen, und Ihr möget ihn alsdann vor allem Volk so lange drillen, als Euer Herz verlangt!" Die^Frau hüpfte, als sie das hörte, mr Freuden in die Höhe, dankte dem Herrn Landvogt für den guten Spruch und schwur, daß sie die Drille so gut drehen und nicht müde worden wolle, bis ihm die Seele im Leibe weh tue! „Nun sehen wir, wo der Teufel sitzt!" sagte der Landoogt in strengem ton und verurteilte das böse Weib, drei Tage bei Wasser und &rot im Turm eingesperrt zu werden. Zornig blickte der Drache um sich, und als sie links und rechts die Frauen mit den Rosen sitzen sah, die sie furchtsam betrachteten, streckte sie nach beiden Seiten die Zunge heraus, ihe sie abgeführt wurde. Jetzt erschien ein ganz abgehärmtes Ehepaar, das den Frieden nicht finöen konnte, ohne zu wissen, warum. Die Quelle des Unglücks lag aber darin, daß Mann und Frau vom ersten Tage an nie miteinander ordentlich gesprochen und sich das Wort gegönnt hatten, und dieses kam wiederum daher, daß es beiden gleichmäßig an jeder äußeren Anmut fehlte, iie einem Verweilen auf irgend einem Aersöhnungspunkte gerufen hätte. 2er Mann, der ein Schneider war, besaß ein tiefes Gerechtigkeitsgefühl, wie er meinte, und grübelte während des Nähens unaufhörlich über dasselbe nach, während andere Schneider etwa ein Liedchen fingen oder einen schnöden Spaß ausdenken: die Frau besorgte ausschließlich das kleine Ackergütchen und nahm sich bei der Arbeit oork beim nächsten Austritt nicht nachzugeben, und da sie beide fleißige Leute waren, so färben sie fast nur während des Essens die zum Zanken nötige Zeit. Aber auch diese konnten sie nicht gehörig ausnützen, weil sie gleich im Beginn des Wortwechsels nebeneinander vorbeischossen mit ihren gelösten Pfeilen und in unbekannte Sumpfgegenden gerieten, wo kein rigelrechtes Gefecht mehr möglich war und das Wort in stummer Wut erstickte. Bei dieser Lebensweise schlug ihnen die Nahrung nicht gut an, unb sie sahen aus wie Teuerung und Elend, obgleich sie, wie gesagt, nur an Liebenswtirdigkeit ganz arm waren, freilich das ärmste Proletariat. Gestern war der Zorn des Mannes auf das äußerste gestiegen, sodaß er aufsprang und vom Tische weglief. Weil aber das durchlöcherte Tischtuch an einem feiner Westenknöpfe hängen blieb, zog er dasselbe samt der Haferfuppe, der Krautfchüssel und den Tellern mit und warf Eos auf den Boden. Die Frau nahm das für eine absichtliche Gewalttat und der Schneider ließ sie, plötzlich von Klugheit erleuchtet, bei diesem Glauben, um fein Ansehen zu stärken und seine Kraft zu zeigen. Die Frau aber wollte dergleichen nicht erdulden und verklagte ihn beim Llnidvogt.. 6 Als dieser sie nun nacheinander abhörte und ihr trostloses Zänkeln, m gar kein Kompaß noch Steuerruder hatte, wahrnahm, erkannte er die Natur ihres Handels und verurteilte das Paar zu vier Wochen Gefängnis und Jum Gebrauch des Ehelöffels. Auf feinen Wink nahm der Weibel dieses Gerät von der Wand, wo es an einem eisernen Kettlein hing. Es war ein ganz sauber aus Lindenholz geschnitzter Doppellöffel mit zwei Kellen am selben Stiele, doch so beschaffen, daß die eine aufwärts, die andere abwärts gekehrt war, „Seht", sagte der Landvogt, „dieser Löffel ist aus einem Lindenbaume gemacht, dem Baume der Liebe, des Friedens und der Gerechtigkeit. Denket beim Essen, wenn ihr einander den Lössel reicht (denn einen Zweiten bekommt ihr nicht), an eine grüne Linde, die in Blüre steht und aus der die Vögel fingen, über welche des Himmels Wolken ziehen und in deren Schatten die Liebenden fitzen, die Richter tagen und der Friede geschloffen wird!" Das Mannlein mußte den Löffel tragen, die Frau folgte ihm mit der Schürze an den Augen, und jo wandelte das bleiche, magere Pärchen trübselig an den Ort seiner Bestimmung, von wo es nach vier Wochen versöhnt und einig und sogar mit einem zarten Anflug von Wangenrot wieder hervorging. Nach diesem wurde, und zwar aus dem Gefängnis, eine verdrießliche, dicke Frau vorgeführt, die mürrisch um sich blickte und sich nicht wohl befand. Es war die Gattin eines Untervogts, welche ihren Mann beredet hatte, den Landvogt mit einem Kalbsoiertel zu bestechen, daß er ihnen günstig gesinnt würde und durch die Finger fehe. Herr Landolt hatte die Frau, die das Fleisch selbst hertrug und scherwenzelnd überreichte, so lange in den Turm gesetzt, bis das Viertelskalb von ihr aufgegessen mar, das sorgfältig für sie gekocht wurde. Sie hatte sich be- • greisticherweise damit beeilt, so sehr sie konnte, und vermochte nun ein gewisses Mißbehagen nicht zu verbergen. Der Landoogt eröffnete ihr, daß die Verzehrung des Kalbsviertels als Strafe für einen Beftechung's- verfuch anzusehen sei, daß aber für die Verleitung.des eigenen Ehemannes zum - Bösen eine Geldstrafe von fündundzwanzig Gulden und für die nachgiebige Schwäche des Mannes eine Buße von wiederum fünfundzwanzig Gulden auserlegt werde, was der Schreiber vormerken möge. Die dicke Frau machte eine n»«geschickte Verbeugung und watschelte, mit beiden Händen den Bauch haltend, von bannen. Zwei Schwestern von schöner Leibesbeschaffenheit waren angefchul- digt, den stillen und harmlosen Ehemännern nachzustellen und Zwietracht und Unglück in den Haushaltungen zu stiften, und überdies ihre eigene alte Mutter auf dem Krankenlager hilflos hungern und dahin- siechen zu lassen. Vor das Gericht des Landvogts gerufen, erschienen sie in verlockend üppigem Gewände, die Haare in verwegener Weise geputzt und mit Blumen geschmückt: und mit süßem Lächeln, feurige Blicke auf den Landoogt werfend, traten sie auf. Ihre freche Absicht erkennend, brachte er das Verhör sofort zu Ende und befahl, sie hinauszuführen, ihnen die schonen Haare am Kopfe wegzuschneiden, die Dirnen mit Ruten zu streichen und sie so lange an das Spinnrad zu setzen, bis sie einiges für den Unterhalt der Mutter verdient hätten. Hierauf erschienen zwei religiöse Sektierer als Kläger: die hatten dem Landoogt den Bürgereid verweigert und sich beharrlich der Er- füllung aller bürgerlichen Pflichten widerfetzt, ohne den wiederholten gütlichen Ermahnungen irgendwie Gehör zu geben, alles unter Hinweis auf ihren Glauben und inneren Beruf. Sie beklagten sich jetzt über arme Leute, welche in ihre Waldungen gedrungen feien und sich nach Belieben mit Brennholz versehen hätten. „Wer seid ihr?" sagte der Landvogt, „ich kenne euch nicht!" „Wie ist das möglich?" riefen sie, indem sie ihre Namen nannten. „Ihr habt uns ja schon mehrmals hierher berufen und den Amtsboten zu uns gesandt mit schriftlichen und mündlichen Befehlen!" „Ich kenne euch dennoch nicht!" fuhr er kaltblütig fort; „da ihr selbst daran erinnert, wie ihr keine bürgerlichen Pflichten anerkannt habt, so vermag ich euch kein Recht zu erteilen; geht und suchet, wo ihr es findet!" . Betroffen schlichen sie hinaus und suchten schleunig das Recht durch die Erfüllung der Pflichten. In ähnlicher Weife befchied er noch einige Parteien und Vorgeladene mit feinen guten Einfällen; er schlichtete Zwistigkeiten und bestrafte die Nichtsnutzigen, und es war insbefondere zu beachten, daß er, den Fall mit dem bestechungsfüchtigen UnUroogt ausgenommen, keine einzige Geldstrafe ausfprach und nicht «inen Schilling bezog, während doch die Vogte diese Seite tyr Gerichtsbarkeit als eine Quelle ihrer Einnahmen zu benutzen angewiesen waren und sie nicht selten mißbrauchten. Seine Rechtsprechung stand deshalb bei hoch und niedrig in gutem Gerüche; feine Urteile wurden in zwiefachem Sinne als salomonische bezeichnet, und die heutige Sitzung nannten die Leute noch lange wegen des Stofen- duftes, der den Saal erfüllte, das Rosengericht des Landvogts Salomon. Nun war er aber froh, daß das Geschäft, das er wegen der Vorbereitungen zum heutigen Festtage so lange hlnäusgeschoben hatte, bis es notgedrungen auf Liefen Tag selbst fiel, abgetan war. Er lud die Frauen ein, sich noch einen Augenblick Im Freien zu ergehen, um vor dem Mittagsmahle, dah sie aUjeils wohl verdient hätten, frische Luft zu schöpfen; und als sie im Garten am Seeufer unter sich waren, atmeten sie wirklich auf; denn sie waren ganz ängstlich geworden über die sichere Art, mit welcher dieser Junggeselle die Ehesachen erkannt und behandelt hatte. Die eine oder andere, welche ihn bis jetzt vielleicht nicht für sehr klug gehalten, zerbrach sich sogar nachdenklich de» Kops, was es eigentlich für eine Bewandtnis mit ihm haben möge. Sie wurden ,aber alle von ihren mißtrauischen Gedanken abgezogen, als sie den Affen Cocco kläglich Heranhopsen sahen, den man seiner unbequemen Kleidung, zu entledigen vergessen hatte Die Haube war verschoben und hing ihm über das Gesicht, ohne daß er sie wegbrachte, und die Kleider verwickelten ihm die Beine oder hingen am Schwanz, und er machte hundert Anstrengungen, sich davon zu befreien. Mitleidig erlösten die Frauen den Affen von aller Unbequemlichkeit, und nun vertrieb er ihnen die Zeit mit den artigsten Possen und Streichen, daß alle Bedenken und Melancholien aus ihren schönen Häuptern entwichen und der Landvogt sie in einem fröhlichen Gelächter fand, als er sie, von zwei Dienern gefolgt, abholte und zum Essen führte. „Ei!" rief er, „so hör' ich gern zu Tische läuten! Wenn die Damen zusammen lachen, so klingt es ja, wie wenn man das Glockenspiel eines Cäcilienkirchleins hörte! Welche läutete denn mit dem schönen Alt? Sie, Wendelgard? Und welche führte das helle Sturmglöcklein, wie wenn das Herz brennte? Sie, Aglaja? Welche das mittlere Vesperglöckchen, das freundliche? Es gehört Ihnen, Salome! Das silberne Betglöcklein bimmelt in Ihrem purpurnen Glockenstübchen, Barbara Thumeysen! Uni) wer mit dem goldenen Feierabend läutet, den kennt man schon, 's fft mein Hanswurste!, die Figura!" „Wie unartig!" riefen die vier anderen Glocken, „eine von uns Hans- wurftel zu schelten!" Denn sie wußten nicht, daß sie alle solche Kosenamen besaßen, aber nur Figura Leu den ihrigen kannte und genehmigt hatte. Das feine spröde Eis über den Herzen war nun vollends gebrochen. Das Gemach, in weichem der Tisch gedeckt war, leuchtete vom Glanze des blauen Himmels und des noch blaueren Seespiegels, der durch die hohen Fenster hereinströmte; wenn aber das Auge chinausschweiste, so wurde es gleich beruhigt durch das jenseitige junggrüne Maienland. Auf dem runden Tisch inmitten des Gemaches glänzte ein zarter Frühling von Blumen und Lichtfunken; denn er war auf das zierlichste gedeckt und geschmückt mit allem, was der Landvogt aus den Gärten, wie aus den Schränken und der Altoäterzeit hatte herbeibringen können. Sechs Stühle mit hohen Lehnen standen um den Tisch, jeder vom anderen so weit entfernt, daß der Inhaber sich bequem und frei bewegen, den nächsten Nachbarn sehen und sich würdig mit ihm unterhalten konnte, nach rechts, wie nach links hin; genug, cs war eine Anordnung, als ob die Tafelrunde für lauter Kurfürsten gedeckt wär«, und cs fehlte nur das eigene Büfett hinter jedem Stuhle. Dafür thronte das große Schloßbüfett im Hintergründe um so großartiger mit seinem altertümlichen Geräte. An diesem Büfett, die eine Hand auf dasselbe gelegt, die andere gegen die Hüfte gestemmt, stand bereits die Frau Marianne wie ein Marschall, in scharlachrotem Rocke und schwarzer Sammetjacke; über die gefältelte Halskrause hing ein großes silbernes Kruzifix aus die Brust herab, und der gebräunte Hals war noch extra von filigranischem Schmuckwerk umschlossen. Aus dem ergrauenden Haar trug sie eine Haube von Marderpelz; das im Gürtel hängende weiße Dortuch vezeichnete ihr Amt. Aber unter den schwarzen Augenbrauen hervox schoß sie gestrenge Blicke im Saale umher, als ob sie die Herrin wäre. Der Respekt, den sie einflößte, verscheuchte indessen die einmal erwachte Heiterkeit nicht, und die fünf Frauen nahmen nach der Anweisung des Landvogts mit frohem Lächeln ihre Plätze. Zu seiner Rechten setzte _er die Figura Leu, zu seiner Linken die Aglaja, sich gegenüber die älteste der Flammen, Salome, und auf die zwei übrigen Stühle Wendelgard und die Grasmücke. Mit einem warmen Glücksgefühle sah er sie so an einem Tische versammelt und unterhielt das Gespräch nach allen Seiten mit großer Beflissenheit, damit er ohne Verletzung des guten Tones alle der Reihe nach anfehen konnte, vor- und rückwärts gezählt und überspringend, wie es ihn gelüstete. Frau Marianne schöpfte am Büfett die Suppe; der verkleidete Junge, ein wohlunterrichtetes, schlaues Pfarrsöhnchen der Umgegend, trug und setzte die Teller hin. Er sah einem achtzehnjährigen Fräulein ähnlich und schlug sortwährend verschämt die Augen nieder, wenn er angeredet wurde, gehorchte der Marianne auf den Wink und stellte sich stumm neben die Tür, sobald eine Sache verrichtet war. Aber wenn der Landvogt das angebliche Mädchen etwa herbeirief und demselben sanft vertraulich einen Auftrag erteilte, welchen es mit Eifer vollzog, verwunderten die Flammen sich aufs neue über die unbekannte Zofe, von der sie noch nie gehört, und ließen manchen Blick über sie wegstreifen. Doch wurde das Geplauder dadurch nicht beeinträchtigt, vielmehr immer lebhafter und fröhlicher, und das bewußte Geläute klingelte so harmonisch und eilfertig durcheinander, als ob in einer Stadt ein Papst einziehen wollte. Wie wenn er nun drin wäre, wurde es einen Augenblick still, welchen Wendelgard wahrnahm, nach der Gelegenheit und Größe der Herrschaft Greifenfee zu fragen, da sie im geheimen gern das Maß ihres Glückes gekannt hätte, welches als Landvögtin ihr geworden wäre. Die anderen Frauen wunderten sich, wie eine Bürgerin dergleichen nicht wisse; Landolt jedoch erzählte ihr, daß die Fest«, Stadt und Burg Greifensee mit Land und Leuten im Jahre 1402 vom letzten Grafen von Toggenburg den Zürchern für sechstausend Gulden verpfändet und nicht mehr eingelöst worden fei, und daß diese Herrschaft zu den kleineren gehöre und nur einundzwanzig Ortschastcn zähle. Uebrigens sei das jetzige Schloß und Städtchen nicht mehr das ursprüngliche, welches bekanntlich im Jahre 1444 von den Eidgenossen, die alle gegen Zürich im Stiege gelegen, zerstört worden. Sich die Zeiten jenes langen und bitteren Bürgerkrieges vergegenwärtigend, verlor sich der Landvogt in ein« Schilderung des Unterganges der neunundsechzig Männer, welche di« Burg fast während des ganzen Maimonats hindurch gegen die Ueber- macht der Belagerer verteidigt hatten; wie durch die schreckliche Sitte des Parteikampscs, den Besiegten unter der Form des Gerichtes zu vertilgen, und um durch Schrecken zu wirken, sechzig dieser Männer, nachdem sie sich endlich ergeben, aus dem Platze hingerichtet worden seien, voran der treue Führer Wildhans von Landenberg. Vornehmlich aber verweilte er bei den Verhandlungen der Kriegsgemeinde, die auf der Matte zu Ränikon über Leben oder Tod der Getreuen stattsanden. Er schildert die Fürsprache gerechter Männer, welche unerschrocken für Gnade und Milde eintraten und auf die ehrliche Pflichttreue der Gefangenen hinwiesen, sowie die wilden Redcu der Rachsüchtigen, die jenen mit einschüchternder Verdächtigung entgegentraten, den leidenschaftlichen Dialog, der auf diese Weise im Angesichte der Todesopfer gehalten wurde und mit dem harten Bluturteil über all« endigte. Die geheimnisvolle Grausamkeit, mit welcher ein so großes Mehr bei der Abstimmung sich offenbarte, daß gar nicht gezählt wurde, das unmittelbar darauf erfolgende Vortreten des Scharfrichters, den die Schweizer in ihren Kriegen mitsührten, wie jetzt etwa den Arzt oder Fewprediger, das Herbeieilen der um Gnade flehenden Greise, Weiber und Kinder, die starre Unbarmherzigkeit der Mehrheit und ihres Führers Jtel Reding, alles dies stellte sich anschaulich dar. Dann hörten di« Frauen mit stillem Grausen den Gang der Hinrichtung, wie der Hauptmann der Zürcher, um den ©einigen mit dem männlichen Beispiel in der Todesnot voranzugehen, zuerst das Haupt hinzulegen 'verlangte, damit keiner glaube, er hoffe etwa auf eine Sinnesänderung oder ein un- vorgesehenes Ereignis; wie dann der Scharfrichter erst von Haupt zu Haupt, dann je bei dem zehnten Mann innehielt und der Gnade gewärtig war, ja selbst um dieselbe sichte, allein stets zur Antwort erhielt: „Schweig und richte!" bis sechzig Unschuldige in ihrem Blute lagen, die letzten noch bei Fackelschein enthauptet. Nur ein paar unmündige Knaben und gebrochene Greise entgingen dem Gericht«, mehr aus Unockst- jamfeit oder Müdigkeit des richtenden Volkes als aus dessen Barmherzigkeit. (Schluß folgt.) 3n tiefer Nacht. Von Joses Wcinhebcr. Di« Stirn« brennt, die Zeit vergeht. Mein kleines Lampenlicht. ist nur ein schmaler, Heller Strich in all der Dunkelheit. Ich seufze auf: Der Tag ist weit, die Nacht ist tief. Ihr Atem spricht, ihr Dunkel weht: Vollende dich! Aus meiner Kindheit. Von Selma Lagerlöf. Wenn Leutnant Lagerlöf mit seinen kleinen Töchterchen durch den Garten oder draußen durch die Felder wanderte, pflegten sic sich oft auszumalen, wie cs fein würde, falls der König einmal nach Marbacka kommen sollte. Das war zu der Zeit, als der König auf dem Wege nach Norwegen mehrmals im Jahre im Wagen durch Värmland zu fahren pflegte, da mußte er immer irgendwo einkehren, um zu essen und zu schlafen. Meistens tat er das beim Bezirkshauptmann in Karlstadt, aber es war für ihn auch nichts Außergewöhnliches, die großen Herrenhöfe, die bequem lagen und ihn aufnehmen konnten, hin und wieder mit feinem SBeiuo) zu beehren. Nun war zwar nicht die allergeringste Aussicht vorhanden, daß der König in einem so kleinen und unbekannten Hose wie Marbacka, der auch noch zum Uederfluß weit von der großen Landstraße ablag, einkehren würde. Aber das hinderte den Leutnant und seine kleinen Mädchen in keiner Weise. Vielleicht wäre es gar nicht so luftig gewesen, diese Lustschlösser zu bauen, wenn Aussicht auf ihre Verwirklichung vorhanden gewesen wäre. So hatten sie nur Freud« davon, sich auszudenken, wie sie eine Ehrenpforte errichten und Blumen vor des Königs Wagen ftreuen wollten, wenn er angefahren tarne. Die kleinen Mädchen berieten, ob sie, wenn der König tarne, wohl weihe Kleidchen erhielten, und der Leutnant versprach ihnen in freigebigster Weise, Maja Rad, die vornehmste Näherin in Ost-Aemtervik, sollte ihnen für diese Feierlichkeit neue weiße Kleidchen machen dürfen. Der Leutnant und die Kinder malten es sich aus, wie der König, wenn er auf Marbacka zugefahren käme, schnell die Augen mit der Hand beschatten würde, gleichsam um besser sehen zu können. „Ja, was seh' ich denn da?" würde der König sagen. „Was ist das für ein großes weißes Haus dort auf der Wiese? Haben sie denn in dieser Gemeinde zwei Kirchen?" „Nein, Majestät , würde Leutnant Lagerlöf antworten, denn er würde dem König gerade gegenüber in dessen Wogen auf dem Rücksitz mit ungefähren kommen, ,chies weiße Haus ist keine Kirche, sondern es ist mein Hof." Dann würde der König den Leutnant mit großen Augen ansehen und sagen: „Du bist ein Tausendsassa, Erik Gustav, daß du solch rtnen Hof gebaut hast." Wie man den König und sein ganzes Gefolge in dem kleinen einstöckigen Haus auf Marbacka unterbringen würde, das war eine nahezu unlösbare Frage. Aber der Leutnant hatte ja, schon oft davon gesprochen, auf das Haus ein Stockwerk auszusetzen, und so meinten sie, wenn dies nur getan sei, dann hätte es keine weitere Schwierigkeit, den König zu empfangen. Ein wenig eng würde es ja wohl auf jeden Fall werden. Herr und Frau Leutnant Lagerlöf müßten wohl die Nacht auf dem Heuboden schlafen, und die Kinder kämen In den Kaninchenstall. Das wäre riesig luftig, das mit dem Kaninchenstoll! Von dieser Idee waren die kleinen Mädchen geradezu begeistert. Und wenn der König von Marbacka absuhr, dann wurde er Frau Lagerlöf eine goldne Brosche verehren, und Mamsell Lovisa ein goldenes Armband und der alten Haushälterin eine große silberne Schalnadel. Aber ehe der König in seinen Wagen stieg, um weiterzufahren, wurde er dem Leutnant die Hand schütteln und sagen: „Dank und Ehre sollst du haben, Erik Gustav Lagerlöf. Es ist kein großer Teil meines Reiches, den du besitzest, aber ich sehe, daß er bei dir in guten Händen ist. Und über dieses Wort würde der Leutnant sich freuen bis ans Ende feiner Tage. „ , , , ... Vielleicht war es wirklich fchade, daß der Besuch des Königs sich nicht verwirklichen konnte, aber er war ja ganz unmöglich, ehe der Oberstock gebaut war. , Und wahrhaftig, einmal glaubte der Leutnant tatsächlich so weit mit ' allen anderen Arbeiten fertig zu fein, daß er anfangen konnte, das Wohnhaus umzubauen. Ganz abgesehen von dem Besuch des Königs wohnten sie äußerst eng in dem kleinen einstöckigen Haus aus der alten Zeit, und er wollte es gern durch einen Aufbau vergrößern. Im Jahre, bevor das Dach abgenommen werden sollte, hatte der Leutnant ein paar baukundige Arbeiter nach Marbacka kommen lassen, die den Dachstuhl fertig machten, so daß das Dach so rasch wie möglich aufgesetzt und gedeckt werden konnte. Sie waren gerade damit fertig geworden, als Leutnant Lagerlöf die Nachricht vom Tode seines Schwiegervaters erhielt. Das war ein großer Schmerz und außerdem ein schwerer Schlag, denn der Leutnant wußte wohl, daß er mit dem Schwiegervater seine beste Stütze verloren hatte. Bon jetzt an war er einzig und allein aus sich selbst angewiesen. Nun mußte er von seinem Erbe seine Schulden bezahlen. Seine Söhne waren herangewachsen und sollten bald nach Upsala. Da hielt er es für das Klügste, den Umbau einige Jahre zu verschieben. Aber ausgeschoben ist häufig aufgehoben. Es kamen immer neue Hindernisse, die sich dem Bau entgegenstellten. In einem Jahre wurde der Leutnant krank, im andern mußte er einem seiner Schwäger beispringen, der bisher ein reicher Mann gewesen war und nun regelmäßig unterstützt werden mußte. Während der Leutnant auf seinem Hof gearbeitet und alles In Ordnung gebracht hatte, waren die Jahre dahingegangen, fast ohne daß er es gewahr geworden war. Er war nun in den Fünfzigern, und der einstige Schaffensdrang war vielleicht etwas gedämpft. Aber er stand nicht leichten Herzens von dem Plane ab, Marbacka umzubauen. Das hätte seine ganze Arbeit krönen sollen. Sein ganzes Leben lang hatte er davon geträumt, ein richtiges Herrenhaus auf feinem geliebten Heimathof erstehen zu sehen. Die großen Stapel mit dem fertigen Dachstuhlgebälke lagen jahrelang aus dem Hinteren Hof. Aber der Leutnant vermied es, sie anzufehen. Er wendete das Gesicht ab, wenn er daran vorbei mußte. Seine kleinen Töchterchen waren so sehr vergnügt gewesen, als er anfing, den Dachstuhl Herrichten zu lassen, und zwar nicht allein wegen des königlichen Besuchs. Weit wichtiger als dieser war die Aussicht, ein Besuchszimmer zu bekommen, in dem man tanzen konnte, und ein Haus mit zwei Stockwerken, das gerade so stattlich aussah wie das des Hüttenbesitzers Wallrath auf Gardsjö oder das des Ingenieurs Noreen auf Hervestad. , Es beunruhigte sie, zu sehen, daß der Bau von Jahr zu Jahr verschoben wurde, und endlich faßte eine von ihnen Mut und fragte den Baker, wann er den anfange, den Dachstuhl aufzurichten. „Das wird wohl niemals geschehen, meine Kinder", sagte der Leutnant und dabei zuckte es in seinem Gesicht, und feine Stimme zitterte, als ob ihm das Weinen nahestände. Aber er beherrschte sich gleich wieder. „Das macht aber nichts", setzte er scherzend hinzu, „man baut ja jetzt in Norwegen eine Eisenbahn. Da wird der König keine Nacht- Herberge mehr begehren, weder in Marbacka noch auf einem andern Herrenhofe in Värmland —•" Charles Morgan und sein Werk. Wegbereiter einer neuen englischen Romanfunff. Von Dr. Heinz Höpsl. „Der Schlüssel zu meinem Schaffen ist die Lehre von der schöpferischen Vorstellungskraft (Creative Imagination). Was wir wünschen und verlangen erreichen wir nicht notwendig, aber was voll und schöpferisch in unserer Vorstellungskraft ist, wird Wahrheit für uns zum Guten oder Bösen. Das ist für mich die Rechtfertigung der imaginativen Kunst — in der Dichtung wie im Roman. Auf einer anderen Ebene — der politischen — ist die jüngste Geschichte Ihres eigenen Landes ein Beispiel für die Wirkung der schöpferischen Vorstellungskraft. Deutschland war einst das Land Goethes. Es erschuf den Wandel im Geiste und ist verwandelt." Um die Situation zu erhellen, aus der diese erstaunlichen Worte Charles Morgans (aus einem Briefe an den Verfasser) Gewicht und Farbe gewinnen, müßte man die Wesenszüge des englischen Romans Der Gegenwart untersuchen. Wir können sie nur mit einem Seitenblick berühren, da die Vielfalt der Formentwicklung und ihre Verlagerung auf die verschiedensten Ebenen in der modernen englischen Romanliteratur unübersehbar geworden sind. Aber eins ist erkennbar und auch von englischer Seite ausgesprochen worden: die Gefährdung der Weltgeltung des englischen Romans. Vor mehr als einem Jahrzehnt hat I. C. S q utre, Enalands meist gehörte Stimme unter den bedeutenderen Kritikern, das Ende des großen Romans vorausgesagt: „Die Flut der geistig bebeutfamen Romane hat anaefangen zu verebben und verebbt immer mehr. Das ist Warnung und Mahnung gewesen zu einer Zeit schon, als die Großen des englischen Schrifttums noch lebten — Josef Conrad, Thomas Hardy, Arnold Bennett, John Galsworthn und Rudyard Kipling—, aber die Anzeichen der kommenden Entwicklung hat Squire richtig gesehen. Erst der große und tiefgehende Wandel, den wir zu Beginn unseres Jahrzehnts ansetzen können, hat Squire unrecht gegeben. Sein Wegbereiter zu sein, ist Charles Morgans größtes und bleibendes Verdienst. Sein Werk ist dem Umfange nach noch nicht sehr erheblich: als sein Wesentlichstes hat er der Welt bisher drei große Romane geschenkt. Aber heute schon ist seine Stellung deutlich zu bestimmen. Prophezeiungen auf dem Gebiete der Kunst sind fast immer mißlich. Aber die Anzeichen sprechen eine zu deutliche Sprache dafür, daß das Werk Charles Morgans die große englische Romantradition weiterführen und in ihr einen festen Platz behaupten wird. Diese Ueberzeugung ist nicht allein genährt aus dem ungewöhnlichen Erfolg dieses Dichters. Sie wird nicht dadurch bestimmt, daß seine Romane in mehr als ein Dutzend Sprachen übertragen worden sind, daß man ihnen wertvolle Literaturpreise zuerkannte, daß dem Eng-/ länder die seltene Ehre der Aufnahme in die französische Ehrenlegion zuteil wurde. Im Gegenteil: es ist erstaunlich, daß einem im letzten nicht leicht zugänglichen Schaffen ein so überwältigender Erfolg befchieden war, mit Dem man eigentlich im normalen englischen Literaturbetrieb eine andere Kategorie von Autoren und Werken auszeichnet. Ruhm und Ruf englischer Dichter haben häufig ihren Anfang von Deutschland aus genommen; die Entdeckung Charles Morgans haben wir Frankreich überlassen. Mit dem Erscheinen des Romans „Das B 11D • n i s" das die Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart vor kurzem in einer guten deutschen Uebertragung herausbrachte, liegen nun die drei großen Romane des englischen Dichters auch in deutscher Sprache vor. „Das Bildnis", das bei uns zuletzt erschien, ist das erste Werk der Romantrilogie, die daneben noch den „Q u e l l" und „D i e F l a m m e" umfaßt. Es handelt sich bei diesen Werken nicht um eine Romantrilogie im üblichen Sinne. Sie sind selbständig, sie haben weder die Personen noch die Schauplätze der Handlung gemeinsam, noch gestalten sie ein im äußeren Geschehen gleiches Schicksal. Und doch muß man sie als dreifache Ausstrahlung einer einzigen inneren Erlebnisgrundlage zu begreifen versuchen: es ist der Gedanke der schöpferischen Vorstellungskraft, die der Dichter ja selbst als den Schlüssel zu seinem Schaffen bezeichnete. Indem wir dies vorwegnehmen, müssen wir aber zugleich der Möglichkeit des Mißverständnisses begegnen, als ob Charles Morgan der schöpferischen Gestaltungskraft ober der Kunst der Menfchendarstellung ermangele und dem Gedanklichen den Vorrang vor gestalteter romanhafter Wirklichkeit gebe Die Stärke seines echten Dichtertums liegt darin, daß er die tiefe, ernste Fragestellung feiner Werke organisch erwachsen laßt aus Der Dramatischen Bewegtheit Des inneren und äußeren Geschehens. Die hohe geistig-seelische Haltung unD die geniale Griffsicherheit für dramatische Stoffe wirken bei Morgan untrennbar ineinander. Das Bildnis" gibt die köstliche Schilderung eines viktorianischen Milieus mit all seiner Enge und Korrektheit, seiner gezwungenen Tugend- Hastigkeit, seinem Abscheu vor allem Lauten und Außergewöhnlichen, mit seinem Willen zur Selbstbescheidung auf Althergebrachtes. In diesen Umkreis eines lauen, matten Lebens ist der junge Maler Nigel gestellt, begabt, aber noch scheu,, träumerisch, ungelöst. Er erfährt in der schonen, eigenwilligen Clare, die eine tiefe Leidfähigkeit und Sehnsucht hinter der Maske einer sprühenden Lebendigkeit des Geistes verbirgt, ferne erste Liebe die fein Schicksal als Mensch und Künstler wird. Bern ganzes junges Sein war bereit für die Liebe. Er fängt Clares Bildnis im Spiegel feiner Seele auf und erringt in langem, schwerem Kampfe feine Läuterung in der Erkenntnis, daß er ihr nur unter Verzicht auf seine künstlerische Aufgabe angehören könne. Sie gibt ihn frei, damit er sein Leben erfülle in feinem Künstlertum, entläßt ihn in stolzem, tapferem Entsagen auf die Sinnerfüllung ihres eigenen Lebens. Diesem zarten und stillen Buche, das seine Leuchtkraft aus der geban- bigten Leibenschastlichkeit empfängt, mit ber hier zwei junge Menschen unt bas Mysterium bes Lebenssinnes ringen, folgt „D e r Du e l 1 , eine Seelentragöbje von erfrfjtitternber Wucht. Hier ist ber Helb ein in Holland internierter englischer Offizier, Lewis Alison, ber bie Zeit seiner Gefangen- schäft nutzt, um ein Buch über bas besinnliche Leben zu schreiben, lener ’ ftorm ber Lebenserfüllung, wie sie bie beutschen unb englischen Mystiker gesucht haben. In sich selber will Lewis jene Stufe ber inneren ßauterung er obren — bas ist ihm wichtiger als die Nieberfchnft [eines Werkes In fein Beben tritt bie Gattin eines an der Front tämpfenben deutschen Offiziers. Wie zwischen den beiden Menschen um eine seelische Gemein- schäft, deren Schranken bie Sorge ber Frau um bas Schicksal ihres Gatten etzt gerungen wirb, wie schließlich auch ber englische unb der.schwer- verwundet heimkehrende deutsche Offizier voller Hochachtung zueinander finden, bas macht ben Inhalt biefes so menschlich tiefen Buches aus. , In bem'Dorerft letzten Roman Charles Morgans, „D l e Flo m m e , steht roieber ein Künstlerleben im Mittelpunkt: Jugenb Reste unb Tod eines Dichters umspannt bas Buch, ein Hohelied von Liebe Kun t und Tod. Die Gestalten dieses Werkes sind wiederum mit einer solchen Meisterschaft lebenswahrer Menschendarstellung gezeichnet, baß ihr Sein tm Gedächtnis haftet wie das Bild naher Freunde. Indiefe Liebesbichtung ver- woben ist bes Dichters Ringen um sein künstlerisches Sem, ber ewige Kamps um bie Einheit von Künstlertum unb Leben in ihren innersten Verflechtungen, bie Quelle von Qual unb Beglückung im künstlerischen ^Bücken wir zurück auf ben Ausgangspunkt, so bleibt dies zu sagen: Diese Romandichtungen Charles Morgans stellen nn Grunde das Aben- teuer der Seele dar. die ihre Erfüllung sucht, ein Abenteuer mit feinen Ungewißheiten und Gefahren, in denen die Seele sich bewahren ober zu- gründe gehen muß. In ihnen ist der Vorwurf immer der Zusammenstoß eines künstlerischen Menschen mit dem Leben, -in Aufeinanderprallen zweier Wirklichkeiten, die zum Ausgleich drangen. Und stets ist es tm Grunde der Ausgleich zwischen innen unb außen, Gott unb Mensch, Seele unb Welt, wie man auch immer biefe Polarität bezeichnen mag In ber schöpferischen Vorstellungskraft bes begnabeten Menschen ersteht eine Welt, bie Wirklichkeit wirb, wenn er sich vor ihr beroafjrt Und sie kann nur zum Ausdruck gebracht werden durch die Kunst, bie allein Botschaft diese Wirklichkeit ist. den ganzen Tag lang. Als es schon den letzten Klaftern aus dem Holz, mitten im Land zwischen den Dör- Hohl Köst, Leib, i, alle Oer Halbrock. Bon Friedrich Rückert. Den Hausrock trug ich, den langen, Lis er in Fetzen gegangen; Da ließ ich, mich besser zu kleiden. Die untere Hälft' abschneiden, Und heilte die oberen Blößen Mit den entbehrlichen Schößen. Scheint er unangenehmer. Doch ist der Rock nun bequemer; Es waren nicht nur entbehrlich Die Schöße, sondern beschwerlich. Nun brauch' ich nichts aufzuheben. Will ich zum Sitz mich begeben, Und trete nicht auf die Schleppe, Wenn ich aufsteige die Treppe, Verwirre mich nicht ins Gefieder, Bück' ich zum Boden mich nieder. Zu ziehn ein Buch aus dem Staube; Und wandl' ich, träumend vom Laube Des künftigen Lenzes, am Schimmer Der Kerz' als Sonckb, durchs Zimmer Als durch hesperische Haine, So baumelt mir nichts um die Beine! Und wenn ich am Tisch anstreife. Werf ich nichts um mit dem Schweife. Und wenn ich Hesiodos lese, So fühl' ich, wie ich genese. Aufgeht mir die Hypothese, Die lang ließ Lösung mich missen. Wie er im Grazientanze, Der Hausbelehrung beflissen, Sang aus helikonischer Schanze: Töricht, die nicht wissen, Wie mehr ist das Halb denn das Ganze. Lang tappt' ich in Finsternissen, Nun seh' ich's in vollem Glanze: Der halbe Rock unzerrissen Ist mehr als zerrissen der ganze. Düwel op uns' Herrgot sien Zorn hatte Jan Hinnerk, im Oer Vetter. Eine Geschichte von Hans Friedrich Blunck. Pferde angebunden", fragte sie flink. Jan Hinnerk räusperte sich, das tat er immer, wenn sein Gewissen sich regte. Er murrte etwas, das nicht eigentlich freundlich klang, sah von oben an sich herab und verglich, wie lang er war und wie kurz die Leute int Krug waren, Weibsvolk und fremdes Unzeug, das von draußen ins Dorf wollte. Aber die Pferde waren wirklich nur eben angebunden und wollten zum Stall; er kehrte sich langsam ab, und allen schien, als sei das gut um des Friedens willen. Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot - Druck und Verlag: Brühl,che UnibersitätSdruckeret A. Lange. Gießen. Er hielt an, weil der Neue vermutlich im Krug absteigen wollte. Und weil ihm gerade einfiel, daß auch er etwas anzusagen hatte, band er die Tiere kurz an und folgte dem Fremden auf den Fersen. „Laubstreu könne sie jetzt holen, im Wald", sagte er der Wirtin, kniff di« Lider zusammen, als dächte er nach, was er sonst noch bestellen sollte und wartete. Schon verlangte der Neue ein Abendbrot, schalt über das Wetter, über die Wege und nannte endlich seinen Namen. Was die Weiber sich immer zusammenreimen! Gleich schlug die Wirtin die Hände überm Kopf zusammen. „Manda Lüders ihr Sohn", erriet sie. Hätte sie sich beinahe gedacht! Ach und ach, und wie's seiner Mutter denn ginge, die doch aus dem Dorf sei, und ob er zur Verwandtschaft wolle? Und Manda Lüders sei einmal hier gewesen, — Jahre sei das her, — und hätte schon damals versprochen, sie würde mal einen Sohn ins Dorf schicken. Die Wirtin brach den Satz ab. Es war nicht mehr zu hären, warum Manda Lüders ihren Sohn schicken wollte. Aber er solle sich nur alles selbst besehen, riet die Kupplerin und tat, als wisse sie gar nicht, warum der Herr gekommen wär. Nur zu Jan Hinnerk ging ein kurzer strafender Blick, so als wolle sie fragen: „Was willst du hier noch?" Ein mitleidiges Verwundern war dabei. „Und Jan Hinnerk hat Sie hergefahren? Wie ist das drollig." Ihr war wohl, als müsse sie ausgleichen. s,Das Laubstroh, soso! Danke schön! Soll ich dir auch was Warmes aufgießen, Jan Hinnerk? Du bist ja durchnaß, Junge!" Sie wunderte sich, daß sie keine Antwort bekam und schüttelte un- willig den Kopf. Ob der Junge Gewalt vorhatte? Wie sah er nur aus! . Hast die ~'l-s.....-—.. --- =ilnt. Da fuhr er nun! Der Nebel war der gleiche und der Schnee'konnte nicht schmelzen; mit der Dämmerung wurde der Regen wieder zu Flocken und schlug ihm feucht ins Gesicht. Gut, daß es nach Haus ging. Hunger hatte er, — woher kam das doch?'Und solchen Zorn hatte er. Aber nicht mehr auf Tine Lüders, nein, der war ganz und gar vorbei, nicht einmal aus den Bauern und überhaupt aus keinen, der un Dorf sein Brot verdiente. Aber wenn einer von draußen kam und in die Musikantenkate wollte und tat, als sei er schon dabei, sie zu kaufen oder zu erben und ein Mädchen dazu, da sollte einem wohl blind vor den Augen werden! Der Wagen knarrte und polterte mit einem zornigen Schwung durch das Tor zur Hofstelle ein, die Pferde hatten es eilig uyd Jan Hinnerk ebenso. Er hätte beinahe Tine Lüders überfahren, die zum Stall lief und mit Mühe die Milchkanne vor der Deichsel rettete. „Kannst nicht sehen, wohin du fährst?" Dabei versuchte sie zu lachen, aber es wurde nur em kurzes Stoßen, sie hatte noch nicht erfahren, wie dem andern das Hungern bekommen war und fürchtete sich. „Mußt dir 'n Laterne umbinden, Tine, bei dem Wetter!" Gott sei Dank, er antwortete. Sie blieb versöhnungssüchtig stehen und wiegte den Kopf, als taten Ihr dl« Pferde leid, die schwarz von der Nässe waren. wohl Hunger, sollst es auch gut haben", sagte sie mit schlechtem Gewissen und sah zu, wie Jan Hinnerk die Tiere mit slieaen- den Händen abschirrte. Dann zog er sie rasch nach vorn, das Mädchen mUs.®tor ihm der Magen, — as den Düwel op uns' Herrgot sien mußte er denken. Was für einen Zorn hatte Jan Hinnerk im dazu ein erbärmliches Mitleid mit sich selbst. Wovon kam's?' Oh Frauenzimmer, junge und alte, konnten ihm gestohlen bleiben. Als er noch begehrlich überlegte, ob er weiterhin für eine Hochzeit Iparen sollte, von der er heut schon nichts mehr wissen wollte, oder ob er nicht lieber eine blanke Mark im Dorfkrug aus den Tisch schlüg, nur um wieder warm zu werden, stand jemand tm Weg vor den »nhl6mumnlte ?,Mn W°gm anzuhalten. „Brr", sagte Jan Hinnerk JJP?. wunderte sich denn er kannte den Mann nicht Und weil er ihn kurzes He?" 'heraus aurf) nict)f und brachte nichts mehr als ein 3°9r Öen Hut. Er war ein kleiner kurzbeiniger a,Jet» «In s$utf,R unJ ben Hals, grüßte und fragte, ob er tonnte. Nun, der Knecht wußte, was sich gehörte, er rutschte i9näm»hÖC^Ite iinb zog den Mund zu einem halben Wohlwollen. K°nn man mehr verlangen von einem Menschen, der bis auf die Haut Xnen .n!'9cn Dag im Wald gearbeitet und wegen einer ver- geßl chen D.rn nicht mal sein Mittagsbrot bekommen hat? Aber wenn er geglaubt hatte, nun für die Heimfahrt Ruhe zu haben hatte Jan Hmnerk sich geirrt Der Fremde flutete Über von Fraaen und neugierigen Bemerkungen. Alles Erdenkliche wollte er wissen. Wie es km Dorf zuginge, wie man da lebe, ob man einen guten Krug habe, ob man die rechte Auskunft tm Wirtshaus bekomme. Ob der Bürgermeister nüchtern fei oder gern einen guten Schoppen trinke und ob er, der Knecht, auch die Leute auf der Musitantenkate kenne. „Auf der Mufikantentate?" Es war, als fei ein (eifer Ruck durch die Zügel gegangen, die Pferde warfen die Köpfe hoch und zogen wieder an, als kein Befehl kam Ja, die alten Lüders, die kenne er wohl, jagte Jan Hinnerk sehr langsam. Wenn er jetzt auch nach Tine fragt, überlegte er, was fang Ich mit dem Kerl au? Hatte er sich's nicht gedacht? Gleich kam's hinterdrein: Und ob er die Tochter von den alten Lüders kenne. Sei wohl jetzt um die fünfundzwanzig, he? Und ein tüchtiges Ding, habe er gehört. Und er selbst sei Schuhmacher und hier im Dorf sei wohl keiner? Die Pferde wurden unruhig, sie verstanden nicht mehr, was der Ruck tm Gebiß bedeuten sollte. Aber^fan Hinnerk war still und beherrschte sich; ganz listig war er und tat, als ginge die Frage ihn überhaupt nichts an. Dann tauchten glücklicherweise die ersten hohen Bäume der Höfe auf und die Pferde fielen in Trab, sie spürten die Nähe des Stalles. Bis zum Dorfkrug war kein Work zu verstehen, Jan Hinnerk hatte $eit, sich zu überlegen, ob er nach Haus fahren oder viel Warmes trinken sollte.