SietzenetFamiljenblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Z-»rsmg I9R den <». «»ober nsü'ne von iloiti g«nz unpersönlichen Klang an' es war reizend von Ihnen, daß r>M 'Dail cf-.....v./< . Z a Vornan von 9?o(f Brandt Copyright by August Scherl Nachfolger, Berlin ;:B£=äK=2—~8-mm e$«ns swusssare«-e 6/Fortsetzung. EOMMlÄW j,3a , sagte Christine. "b" "°"-»b-ch NI. »«. hpn niftnyirt .c j ^O^bge und blickte jetzt wieder auf inb mWe öie jS^"0^ Sp,c9c(6iIb ber Eichen auf dem Wasser Sie sprachen eine Weile nichts. Christine fühlte die Weicke der ifäf “n s- »"*■ ’• *>« ä w™s*äss Äi »ÄÄ> ,ln »“’■ tam" «»«Ml: »Was wollen die?" fragte Christine. „ .7®°"; fagte ber junge Maler, „das ist ja das Schlimme das Pirht fl5 'schnell." Er blieb neben der Staffelei stehen krampe ?**?. seiner Hosentasche ein Paket amerikanischer Zigaretten drehte licki SuS Se?" Unt> b°t di- schmutzige ge^e P^'ung ChrisLk K mpamu6'f^flte E^istine und nahm die schwere und dicke Zigarette Sie mußte an ihn herantreten, als er ihr das Streichholz hielt Gesichter waren sich jetzt nahe. Seine Augen glänzten unwabr- N-„.»war*: 8u,t ^ans von Milotti dachte: Es ist kein hübsches Mädchen aber sie bat merkwürdige Augen. Außerdem hat sie eine gute Figur Sie müßte einen glanzenden Madchenakt geben. Was mag sie wohl fein? Sonderbarer ns spo^som mit den Streichhölzern umgehen, Kollegin", sw auch teurer!"^ bre' Gtü(f in ber Schachtel. Außerdem werden Er hielt seine graue, flauschige Jacke vom Körper ab gegen den Wind: „So, nun machen Sie schnell", sagte er. Christine mußte sich ein wenig bücken, um das Feuer zu fangen Als m,eder au richtete, war Röte in ihrem Gesicht. Sie tat An paar Zuge. Die Zigarette mit dem virginischen Tabak duftete stark und von von einem fremden, süßlich-bitteren Geschmack ' ' Un£> »Was ist das für ein Zeug?" fragte Christine. Ärieg®0Snge!neöbnr-ritnner- 9ibt b'- W viel, zweiten- int "Waren Sie draußen?" fragte Christine. »A8SÄ" "[“”9Wm"* „Stus sind die Landsturmlieder, Jonny, der geht nach Haus ..." schwiegen beide und sahen über die hellblaue Fläche, die wie ein I großer (5 nm(3 von Vergißmeinnicht vor ihnen lag. "M smd Sie schon bei Rottenbach?" fragte Hans von Milotti. „oelt vorigen Sommer. „Haben Sie etwas gelernt?" h "®“5 weiß ich nicht. Manchmal kommt es mir fo vor, als ob man da-n überhaupt nicht lernen könnte, wenn man es nicht schon v°rh7 trauHo.5 ä*Äcs"! l°9ke H»>'- t>on Milotti. Sein weiches Gesicht wurde is. ",'9 „"Das ist es. Aber ob man etwas kann, das weiß man nicht. Es 1,1 ,timein Wahnsinn, zu malenl" ' „Warum tun Sic es dann?" Kr'an Zulaufen, denn mir lief alles weg aber^ch stelle ml'r nnr'^ "'Ä !ort’ gelaufen wäre, hätte ich mir tunrtrhft' pJ o- m r DOr' t”enn >ch fort- billig, mit einer dicken, gutmütigen Mrtin >,?b^^ .?°sucht, möglichst wS?Ä &«A8-n W: •** —N* k «M "o'?,®aren sehr leichtsinnig ohne Mantel!" sBBBgWF2 r- «MW? wirHstehe^"""""^^^ ®r b°r Hand fest: Bleiben b""en Sie nicht?" fragte Christine. ■3nS:SS5gSÄ’ - ah sie aufmerksam an: „Von wem?" „Von Christoph von Rucktasch." „Donnerwetter!" sagte Milotti. ihr Je Hand:'7E?f?ng'°sö°ne??n^" "W'" fa9‘C Cr U"b „Was ist schade?" „Wie tue ich?" . v ■ |ent£tinÄnU"bet“nnten V mich befragen Sorge tragen ich nicht gegangen!" rein und klar das Motiv aus dem wesen sein mochte. , . . , „Ich hatte geglaubt", sagte Christine, „daß Sie arm seien, deshalb war ich mit hierhergekommen, um mir Ihre Bilder anzusehen. Zu einem verwöhnten Jungen wäre Milotti pfiff außerordentlich Dann sagte er: „Wollen Sie nicht ablegen?" .. „iReinl Zuerst möchte ich einmal die anderen Räume Eurer Erhabenheit sehen! Wie heißen Sie eigentlich, mein Prinz?" „Milotti, ich sagte es doch schon, Fräulein von Rucktasch, Hans von Milotti." , „Vielleicht stimmt das wenigstens! sagte Christine. Er öffnete die Tür zu einem mittelgroßen Raum, der abgefchragte Wände und tief eingeschnittene Fenster hatte. „Es ist eben unter dem Dach", sagte Milotti. .. In der Mitte dieses Raumes stand em mächtiger Renaissancettsch, die Wände waren bis säst zur Decke mit schweren geschnitzten Bücher- regalen bedeckt. Bor einer der Fensternischen stand ein großer Schreib- tisch mit einem breiten, tiefen Sessel davor. Bor dem anderen Fenster nar ein Putt hingestellt, auf dem man zeichnen konnte. Eingebaut $J3dj verzichte auf die Geschichte, ich verzichte letzt sogar auf die Be- stchtigung der Bilder!" Sie sah ihn an, streckte die Hand aus: „Leben Sie wohl! Schade, mein erster Ausflug ist gleich von recht törichten Um« ständen begleitet. Aber es ist ganz gut, zu lernen, sonst bleibt man en,3e6tneftettten3fid) Milotti vor sie hin: „Wenn Sie sich je von rnir malen la sen sollten, Fräulein von Rucktasch, dann lassen Sie sich b tte, so malen wie jetzt eben, mit zornblitzenden Augen, ganz leicht errötenden Wangen und einer süßen Erhabenheit/' Christine stampfte mit dem Fuß auf: „Sie kommen sich vor, o Gott, wie Sie sich Vorkommen!" Ihr tarnen vor Zorn de« Tranen m die Augen. „Ich an Ihrer Stelle würde mich eines so leichten Sieges schämen! Was habe ich Ihnen eigentlich getan?" „Das möchte ich fragen", sagte Milotti. „Was habe ich Ihnen getan? „Sie haben mich belogen, Sie find ein reicher ... Ach, lassen wir doch das Reden!" t , „ , _ . , , ., , „ Sie haben recht, ich hätte eben reden sollen! Es kommt jetzt fast albern heraus, ich hatte es mir als eine kleine, harmlose Ueberraschung gedacht. Dieses Atelier gehört, so, wie es da steht und liegt, dem Wirt dieses Hauses, vielmehr seinem Sohn. Als ich im Winter, Sie wissen schon als wir zurückkamen, mich umtat, war alles besetzt. Es war ja kein Mausloch zu bekommen. Dies hier war ein Heiligtum. Der junge Bachmann, na ja, also der Sohn von dem Wirt, mar gefallen. Es sind ja viele gefallen! Ich hatte gehört, daß da oben 21telierraume fern eilten Ich hatte noch kein halbes Jahr Berlin hinter mir, ich kam frisch, fromm fröhlich aus dem Felde und fragte den alten Spekulanten, wie das mit dem Atelier dort oben wäre. Er stellte ein paar Fragen, dann sagte er plötzlich: ,Sie können es ganz so, wie es da ist, mit allen Möbeln und mit allem Gerät, bekommen. Es ist mir lieber, Sie nehmen es ehe da vielleicht eine sünsköpsige Familie einziehtl Sehr sozial dachte ja der alte Schieber nicht. Aus der anderen Seite hatte er nur den einen Sohn, und dies hier war die Erinnerungsstätte Der Bach- mann junior muß übrigens ganz begabt gewesen sein! Diese Wand da, das sind seine Bilder. So, das ist die Geschichte dieses Ateliers! Meine Bilder sind da drüben an der Wand." Christine ging ohne Antwort zu den Bildern. Sie wollte nicht, daß dieser Herr von Milotti etwa wieder seststellte, daß eine neue dunkle Röte ihr Gesicht überzogen hatte. Cs war eine Albernheit gewesen, überhaupt diesen ganzen Borschlag anzunehmen! Welcher Teufel ritt sie, nicht in ein Hotelzimmer zu gehen! Man konnte in em kleineres Hotel gehen und einen kölschen Namen einschreiben, man kannte dann morgen in aller Ruhe ein Zimmer suchen, selbst wenn es schwer sein sollte. Schließlich besaß sie ja noch sechshundert Mark. Einsam war man ja zu Haiise auch gewesen. Die Mäuse würden einen schon nicht antnabbern. Dieser Milotti mit dem merkwürdigen Atelier — die ganze Geschichte klang viel zu romantisch — hatte heute nachmittag da am Wasser etwas Rührendes gehabt, etwas Hilsloses. Hilslos schien er ja nun gerade " ^Milottii 'chattete stärkeres Licht ein. Christine sah in der Mitte der Wand ein großes Bild: Eine Fischerflotte mit braunen und buntelgrauen Segeln fuhr im Abendlicht aus einem kleinen Hafen in das offene Meer hinaus Aus dem Bild strömte eine große Sehnsucht, so, wie man an einem späten Herbstabend sehnsüchtig wird, wenn die Sonne sinkt und die braunen Segel glänzen. Die Farbe des Masters war zwischen Grau und Blau; von ihr hob sich, unerhört stark >n der Wirkung, das ticfe Braun des Segels ab. Das alte Motiv war sichtlich mit Kraft gestaltet. Ueberraschend war die Farbenwirkung. lFortsetzung (olgt.) zwischen den Bücherregalen war ein breites^ schweres Ledersofa, über besten Kopfende eine Leselampe an einem Wandarm fjing. IReben bem Sofa stand ein Rauchtisch, dessen Fläche aus kostbaren Deister Po^ zellankacheln bestand. Der Boden war mit schwerem dunkelblauem 2ie 3„r$bet“emen^Ecke gab es einen Kamin. Auf seinem Gesims standen ein paar bronzene Mädchenfiguren. Ein großer schmiedeeiserner Ofen- Vorsatz war vor dem Kamin, eine riesige Wasserslafche war als Lampe eingerichtet und gab gedämpftes, zartes Licht neben den tiefen Sesseln vor der Feuerstelle. Christine sah dies alles mit ihren prüfenden und ausnehmenden Augen. Sie sah auch, daß kein Feuer brannte, und sie empfand sofort die Kultur, aber auch die Unpersönlichkeit des Raumes . So" sagte Milotti, „nun gibt es noch das Atelier. Er öffnete wieder die Tür und schaltete das Licht ein. Ein großer Raum mit mach- tigen Fenstern, die nach Norden gingen. Die Vorhänge waren ossen, man sah die Sterne, denn das Jnnenlicht war gedampft. Es kam von Einschnitten an den Seiten der Decke. Milotti ging zu dem großen Nordfenster und zog die schweren dunkelblauen Seidengardinen zu. An den weißen Wanden hing Bllbnebcn Bild Bor dem Fenster standen eine große Staffelei und ein Halztisch mit Malgeräten. Auf Tischchen und Hockern standen Gipsabgüsse von antiken Figuren, aber auch Arbeiten aus echtem Marmor. In einer Ecke war ein Gestell von eisernen Stangen, von dem auch dunkelblaue Samtvorhänge niederfielen, offensichtlich ein Raum, der für bas Um- kleiden von Modellen bestimmt war. An einer Wand stand, schräg in das Zimmer ragend, ein großes Ruhesofo, über dem ein indischer Seidenteppich lag. „Den vierten Raum möchte ich nicht zeigen", sagte Milotti. ,/Es ist das Schlafzimmer und nicht recht aufgeräumt. Es.gibt bann noch eine Küche, ein Badezimmer und Mei leere Kammern. Christine sah chn streng an: „Warum haben Sie sich iüber mich lustig gemacht, Herr von Milotti? Ist es denn so sehr spaßhaft, ein armes junges Mädel hinter bas Licht zu führen?" „Warten Sie boch ab", sagte Milotti, ,chies Atelier hat ferne Ge« „Wenn sie das wüßten!" sagte Milotti „Ich weih nicht wer äugen- I blicklich gerade streikt. 3d) glaube, es sind die kommunistischen Transportarbeiter. Sehen Sie, Fräulein von Rucktasch, daran darf man schon gar nicht denken, dann malt man überhaupt nicht mehr. Vielleicht folltt man es auch lassen! Aber wissen Sie, mit dem Schießen da war ich auch "'^Sie° slh^ein" weiches Gesicht mit den viel zu schönen Lippen, dieses fast klassische Profil, das sich gegen den Abendhimmel abhob. Sie kam iidi plötzlich älter vor als er. Wenn man ein 3unge wäre, muhte man bei der Kavallerie-Schützendivision fein, dachte sie. Aber es muß ja auch andere geben. Vielleicht ist er sehr begabt! . . Endlos schien der Zug, ein paar Hochs klangen jetzt auf, eine einzelne Fackel brannte mit glutroter Farbe über der dunklen, strömenden Masse. I „Das sollte man malen", sagte Milotti. Sie nickte ihm zu. Vielleicht hatte er doch recht! Sie gingen über den Platz: „Sehen Sie, in diesem großen Haus da unter dem Dach ist mein Atelier. Sie werden schon fet)en roas es damit für eine Bewandtnis hat. Sagen Sie, Fraulem von Rucktasch, haben Sie eigentlich Gepäck?" „3a, eine Handtasche, eine Staffelet und noch cm Paket. Das liegt alles am Wannseebahnhos." ., „Schön! 3etzt sehen wir uns zuerst das.Atelier an, bann hole ich Ihre Sachen, und dann essen wir Abendbrot." Halt", sagte Christine, „Sie holen meine Sachen, und wir essen zusammen Abendbrot, nachdem ich 3hre Bilder gesehen habe! 'verbrauchen 0 jemanden, der auf Sie achtet", erklärte Christine. „So geht das ja nicht mit Ihnen. Ich habe aber nur die Absicht, auf einen Menschen zu achten, der gute Bilder malt." „Sie sind drollig!" sagte Milotti. _ „ . ... „Warum finden Sie es drollig, wenn man der Meinung ist, daß nur das Malen von sehr guten Bildern einem überhaupt das Recht 0lfat'2llfo "fahren wir hinauf", sagte Milotti kurz. „Ich habe mir gleich gedacht daß die Enkelin von Christoph von Rucktasch etwas hochnäsig sein würde.^ sagte Christine im Fahrstuhl, „bas bin ich gar nicht!" Sie lächelte ihn plötzlich an, denn sie sah ein trotziges, etwas leidvolles Jungengesicht vor sich. Sofort kam in feine Augen ein warmer Schein: „Sie tonnen ja sogar lächeln! Ach, wenn Sie wüßten, wie einsam mim in dieser Mist- ftabt ist. so einsam wie ein Hund!" ■■ Sie legte ihm die Hand auf die Schulter: „Ich doch auch, ich dm es d^Sie" sichen sich an und vergaßen, den Fahrstuhl zu öffnen. Er faßte sich zuerst und murmelte vor sich.hin: „Sie hat ganz höllisch merkwürdige Augen! Ich weiß nicht ..." „Was wissen Sie nicht?" „Ob ich Ihnen meine Bilder überhaupt zeigen ftll! . "Das ist nun zu spät", sagte Christine, „junge Mädchen vier Treppen hinauslotsen und dann Furcht haben, das gibt es nicht! Sie nahm zwei Stufen auf einmal, als sie die Treppe, die mun ohne Läufer zu den Bodenräumen führte, emporfprang. Er öffnete die Tür vor Christine, dann trat er an ihr vorbei in den Dielenraum und drehte bas Licht an. „Oh", sagte Christine, „Sie sind em Lugner, Sie sind ... Aber schon, Furcht habe ich noch nie in meinem Leben gehabt! Aber warum haben Sie Komödie gespielt?" , . „ _. . . , „Ach, ich habe ja gar keine Komödie gespielt, Sie werden ja noch sehen, ober, richtiger, hören!" • Christine sah sich in einer ziemlich großen Diele prüfend um. Der Raum war bis zur Dreiviertelhöhe der Wand mit großblumiger bunter Kretonne bespannt. Man sah auf zwei Türen, die nn matten Grün gebeizt waren. Zwischen den Türen stand eine mächtige altfriesische Truhe, über der ein großer venezianischer Spiegel hing. Den Bodenbelag bildete ein alter persischer, dunkelblau und rot gemusterter Teppich. Das Licht von der Decke fiel gedämpft aus einer mächtigen Marmorschale, deren schwarze und rötliche Adern seltsam ausleuchteten. Die ganze Schmalwand nahm ein Holzgestell nach Art der englischen Garderobestander ein viele flache Fächer waren überemanbergelagert und boten Raum für' Mäntel und Hüte. In der Ecke stand ein riesiger Barockleuchter, der einmal das Prunkstück einer italienischen oder französischen Kirche ge- „Lohengrin": „Nie sollst du Noch Wissens Abendlied. Bon Johann Christian Günther. Der Feierabend ist gemacht. Die Arbeit schläft, der Traum erwacht, Die Sonne führt die Pferde trinken; Der Erdkreis wandert zu der Ruhl Die Nacht drückt ihm die Augen zu, Die schon dem süßen Schlafe winken. Mein Abendopfer ist ein Lied, Das dir zu danken sich bemüht. Die Brust entzündet Andachtskerzen; Gefällt dir dieser Brandaltar, So mache die Berheißung wahr: Gott heilet die zerschlagnen Herzen. Du Geist der Wahrheit, breite dich Mit deinen Gaben über michl Dein Wort sei meines Fußes Leuchte! Vergönne mir dein Gnadenlicht Aus meinen Wegen, daß ich nicht Mir selber zur Verdammnis leuchte. Das müde Haupt sinkt auf den Pfühl, Doch, wo ich ruhig schlafen will. So muß ich deinen Engel bitten; Der kann durch seine starke Wacht Mich vor dem Ungetüm der Nacht Um meine Lagerstatt behüten. Soll mir der Pfühl ein Leichenstein, Der Schlos ein Schlaf zum Tode sein, Ja, soll das Bette mich begraben, So laß den Leichnam in der Gruft, Bis ihn die letzte Stimme ruft. Den Geist im Himmel Frieden haben. Heimkehr zum Sterben. Von Johannes K i r s ch w e n g. Der Holunder war reif und in ungezählten Dolden hingen feine blauschwarzen Beeren in den leuchtenden Herbsttag hinein. Die Spatzen lärmten darin, wenn der Morgennebel noch über dem Garten lag und die letzten waren noch nicht satt und trunken genug, wenn schon die srühen Abendglocken klangen. Immer wieder saßen auch Drosseln und Stare in dem alten Baum und all das Schilpen und Streiten machte den kleinen Garten, in dem es ertönte, zu einem Stück Wald, das in das Dorf hineingewachsen war, um ihm warm zu geben, Herbst und Winter hindurch. Aber es war auch das dumpf« Fallen der Aepfel und Birnen zu hören und die frohen Stimmen der Kinder, die die überströmende Süße des Jahres mit Zunge und Gaumen »erschmeckten und noch mit keinem Gedanken an den Winter dachten, der doch schon aus den kahlen Wiesen aufzusteigen begann. An einem solchen Tag nun geschah es, daß der Arzt, der Peter Pflumms langwierige und quälend« Krankheit zu heilen versuchte, ihm und seiner Frau sagte, es sei so nichts zu hoffen und alles zu fürchten und eine Wendung zum Besseren könne er nur versprechen, wenn der Kranke sich zu genauer und beständiger Beobachtung in das Krankenhaus der Stadt begebe und dort gewärtig sei, daß man ihm das un- liufhaltsam wachsende Hebet, den unaufhaltsam wachsenden Tod gewissermaßen aus dem Leib herausschüeide und brenne. — Da aber, als er's sagte, gerade das trunkene Geschrei der Vögel in die niedere Kammer hineinschwoll, deren Fenster sich zum Garten öffnete, und da dieses Geschrei wie die trunkene und herrliche Stimme des Lebens selber war, nickte Peter Pflumm, der sich mit dem Tod doch ti)on fast angefreundet hätte und ihm in ingrimmiger Kameradschaft 'inen Platz in der Kammer und im Bett vergönnt, ja, das wollte er. War solch ein Herbst denn nicht ein Wunder, das man sich noch ein Jönjes seliges Mal, ach noch viele Male wünschen und hoffen mußte! lind dann kam der Winter, in dem der Holzfeuergeruch in den Gassen t«s Dorfes hing, und der Frühling kehrte wieder, der die Anemonen unter den alten Buchen des Dorfes blühen ließ, und der Sommer mit Heuernten und wogenden Weizenfeldern. — Ach ja, er wollte, wenn es ihm frommte, wenn es noch ein solches Elches Jahr, gar wenn es zehn und noch mehr Jahre versprach. Das beben war voller Arbeit und Sorge gewesen, voller Leiden und Kämpfe, Und es war doch wunderbar gewesen über die Maßen. Es hatte ja all “e Jahre hindurch den Holunder im Garten gegeben und die Aepfel und Salat und Krautköpfe und Flieder und Rosen und Lilien und das Herdfeuer im Winter und die mächtigen Holzstapel am Haus und den «iiind, der dann ruhig brausen konnte; und alles und alles. — So wurden ihm denn die viel zu weit gewordenen schwarzen Sonn- ‘«fisfteiber ungezogen Er umsing noch einmal mit einem Blick des Abriebs den Garten, befahl noch das Schwein, das zu Martini geschlachtet werden sollte, der Sorge der Frau — es fei jetzt an der Seit dak <•« an bh^t’%iUn? Se‘l a(nleH' — i)ann er oder lag'halb im Wagen des Arztes und fuhr der Stadt und der Heilung entgegen. Die Fahrt tat ihm wohl trotz der unvermeidlichen Erschütterungen. Nicht wahr, em Mann, der so im Wagen aus seinem Dors heraus in bte Stadt fuhr, der war doch nicht sterbenskrank, der fuhr nicht nur der §'abment£efier\ ,on&“n "euem Leben, neuen Frühlingen und Sommern. Die Menschen, denen sie wie im Flug begegneten, schienen ihnen sreund- lich zuzumcken: Nur voran, voran, es wird schon gut! und die Bauern- wagen, die das Gebraus des Motors noch überrumpelten, waren alle mit Zuversicht und Hoffnung beladen. Und dann kam die Stadt, in der man den säuerlichen und verlocken- den Geruch von Bier und Wein aus den alten Gasthäusern zu atmen vermeinte. —. Bis endlich im weißen und strengen Gang des Krankenhauses alles das zuruckblieb, wie wenn ein Jahr vergangen od«r ein Weltmeer über» quert worden wäre. Die Mienen der Schwestern waren voll Ernst und leiser Trauer, die Luft, durch die sie schritten, war nicht vom wilden und herrlichen Ruch des Lebens durchweht, sondern von Müdigkeit und heimlicher Angst, mcht von Aepfel-, Birnen- und Holunderduft, sondern von Karbol und anderen strengen und beklemmenden Gerüchen. Peter Pflumm spürte mit einem Mal wieder, daß er sehr krank war, und daß der Arzt ihm dieses Krankenhaus verschrieben hatte wie eine lefcte, allzu bittere Medizin. Der Schweiß brach ihm aus und er begann Zu zittern, als wenn er unendliche Anstrengungen hinter sich hätte. Er wurde rasch ins Bett gebracht und merkte zuerst kaum, wo denn dieses Bett stand und wen außer ihm noch der hohe und helle Raum barg, der ihn ausgenommen hatte. In seiner Seele war nichts anderes als das Gefühl einer unendlichen Verlassenheit und einer dumpsen Angst, die er nicht verstand und sich selber nicht zugeben wollte. Erst nach geraumer Zeit tauchte aus diesem trüben und atembe- rauuenben Nebel die Welt wieder auf und hatte zwei Gesichter und zwei Stimmen, das Gesicht eines sechzigjährigen mürrischen Mannes und bas eines halbwüchsigen bümmlichen Jungens, eine alte ewig klagende und mäkelnde Stimme und eine junge, rauhe und alberne. — Der alte Mann schien viele Schmerzen aushalten zu müssen, aber Peter Pflumm fühlte kein Mitleid, sondern nur Aerger und Ekel weil jener so maßlos jammerte und so ganz ohne Scham Leben und Sterben und Menschentum lästerte, auf eine frömmelnde Art zudem, der kein Satz gelingen wollte, ohne daß Gott und die Heiligen genannt wurden. Der junge Bursche aber schien sein kurzes und armseliges Leben für reich genug zu halten, um daraus ohne Aufhören Späße und Schwänke zu erzählen ober was er dafür hielt, und da sonst niemand Lust hatte, sie zu belachen, tat er es selber und tat es so ausschweifend und unver- chamt, daß es einem in die Ohren gellte und einen quälte wie Peitschen- chläge. — Die Fenster des Zimmers hatten schweres, üppiges Glas, die das liße Licht des Tages nur gedämpft hereindringen ließen. Der Blick fand immer wieder die strengen Muster des Hellen Wandanstriches, das Messing der Bettstangen und die Vierecke der Türe. — Daheim aber war der Blick durchs offen« Fenster ins Weite gegangen ins Grüne der Bäume und in den Himmel der Vögel und Wolken. Der Gefangene um des Lebens willen nahm es in Kauf, weil er dachte, daß nun sogleich mit dem Kampf gegen die Krankheit und den Tob, mit bem Kampf für tommenbe Sommer und Ernten begonnen würde, und er wurde erst ganz unglücklich, als er merkte, daß im Krankenhaus eine andere Uhr schlug als in seinem Leben da draußen, eine viel langsamere und bedenklicher«. Rach einer halben Woche erst wurde er durchleuchtet und danach dauerte es wieder Tage, bis der Arzt sich zeigte und bann boch nichts anderes zu sagen wußte, als daß er noch eine ober zwei Wochen brauche, um ben Kranken in die Verfassung zu bringen, die für ein gründliches Vorgehen erforderlich sei ... Als aber die zwei Wochen und noch eine halbe dazu verstrichen waren, da erklärte er, vielleicht würde man doch auch ohne Schneiden, wenn nicht zu einer Heilung, so doch zu einer beträchtlichen Zurück- brängung bes Leidens gelangen können. Das Herz nämlich sei nicht so kräftig, baß es bie ungeheure Anspannung einer Operation mit Sicherheit ertragen würbe. — Peter Pflumm hatte bas Eingenommen, wie er nun schon so viel Eingenommen batte in biefem Haus. Aber als ber Arzt gegangen war und ber junge Mensch mit feiner meckernden Stimme irgend etwas Höhnisches über Peter Pflumms Krankheit und Hoffnung sagte, da war es zuviel. Er sprang auf, versetzte dem Kläffer ein paar derbe Ohrfeigen und riß das Fenster auf, als wenn er die Sonne und den Wind sich zur Hilfe hereinholen wolle. — Der Alte jammerte über die Kälte und verlangte, daß das leichtsinnig geöffnete Fenster sogleich geschlossen würde. Aber als der Wind von da draußen, der Wind der weiten Welt und des Dorfes da draußen, Peter Pflumm anwehte, da war er plötzlich wunderbar verwandelt. Er atmete zum erstenmal wieder ganz tief, er sah zum erstenmal bie Welt wieder anbers als durch einen trüben Schleier und bann sagte er im Rausch eines Glückes, bas so selten war in seinem harten Leben: „Ich will baheim sterben!" Er zog sich mit zittemben Hänben an und nach ein paar Minuten schritt er unter bem quäkenden Wehgeschrei des Alten und unter bem grimmigen Lachen bes Jungen aus bem Zimmer, bas vier strahlenb« Herbstwochen feines Lebens verschlungen hatte wie ein gefräßiges Ungeheuer. Es war ihm bestimmt, daß keine ber Schwestern und keiner ber Aerzte, die ihn kannten, auf ben Gängen war, als er mit pochendem Herzen bafjerging. Das Tor aber öffnete er sich selber und stand bann auf ber Straße, stand draußen in der Welt, die ihm mit ihrem Farben und Geräuschen, mit Ihren Däusern, Bitumen und Menschen munter- barer war als je Er spürte keine Dlübigteil und keine Schmerzen. Ja sein Schritt war beschwingt, als er dem Markt zuschritt, und als er dann zwischen all ten Ständen, Buden und Körben stand, da dacht« er wahrhastig daran, seiner Frau etwas mitzubrtngen, wie er es vor zwanzig oder dreißig Jahren getan hatte. Da aber entdeckte er, daß er seine Flucht ohne einen Pfennig in der Tasche angetreten hatte, wte er |a freilich auch ohne einen Pfennig gekommen war, und dann begann er jenen Marsch, von dem die Kunde ganz ohne sein Zutun das Dorf und die Gegend erfüllte und die Frauen die Tränen in die Augen trieb. Er brauchte für den Weg, den ein Gesunder und Kräftiger in anderthalb Stunden zurücklegte, sechs Stunden. Unzählige Male mußte er am Wegrain sich niederlassen, um zu verhüten, daß die Kraft feiner fo müden Füße noch vor dem Ziel bis zum legten aufgebraucht würde. Unzählige Male spürte er, wie die Verzweiflung mächtig werden wollte über ihn, aber dann Jagte er sich fetter und den Bäumen, die am Weg wuchsen, und den Bügeln, die ihn umschwirrten, den Saß mit dem er sich aus gemacht halte: Ich will daheim fterbenl und im Grund feines Herzens hieß es jetzt schon: Ich will daheim leben, Die ihn gehen sahen, sahen einen alten Mann, der ganz langsam daher tarn wie ein alter und milder Mann wohl daher kommt. Sonst sahen sie nichts. In Ihm aber fchwoll, als er an den ersten Bäumen des heimatlichen Waldes angekommen war, ungeheurer Triumph und Juvel auf und verließ Ihn nicht mehr. Als er an feinem Haus war, dämmerte schon der Abend Die Frau, die Ihm öffnete, schrie auf, aber er nahm sie ruhig am Arm und sagte wieder: „Ich will daheim fterbenl Und dann lag er in (einer Kammer, zu der der Garten und die Erde herein dufteten und die letzten Spatzen herein lärmten, und dankte Gott, daß Ihm seine Flucht gelungen war, daß er daheim war, das Grunzen seines Schweines hären durfte und das Gegacker der Hühner. Er schloß die Augen und schlief wie ein Kind, das die Mutter hält. Zwei Tage daraus starb er. Das alte müde Herz hatte sich die fielnv kehr erzwungen, aber es hatte auch (eine IStzte und heiligste Straft dafür hergegeben. Die Spatzen farmten aus dem Warten zu ihm herein und aus der Lust war das Schreien wandernder Schneegänse zu hären. Er lächelte, als er starb. — Schwäbische Herbstfahrt. Bon Friedrich Reck-Malleczewen. Lech ist, wie im Norden die Eibe, in der deutschen Landschaft eine der großen Marklinien, Schelde zweier Welten mb zweier Lebensgefühle. Etwas rmiljteinig, etwas fchwyzersich von feiner alpinen Wiege an, trennt er messerscharf alemannische von bajiwarlscher Well, läßt zu seiner Rechten barocke Verfviellheit und alle diese problemlos-heileren Festsäle des Reiches, die bis zur Ostflanke Niederäfterreichs, bis zum Wiener Praterfpitze, bis zu den fernen panonifchen Ebenen sich dehnen. Und befpült zu feiner Linken das Schwabenland. Tätiges Land, eifern« des und cholerisches Land, Raum eines wunderlichen Stammes, der in feiner gotisch-grüblerischen Seele vor einem halben Jahrtausend einen Zuschuß von Purltaneichlut empfangen hat Fleißig und rechifchaffen (mit guttural-schweizerischen ,ch' zu fore- dien!). Immer ein bißchen aufgeregt in feiner Betriebsamkeit, nicht übertrieben liebenswürdig, ein bißchen käuzisch und manchmal etwas ab- aiimbig In seinem Humor. .Geh zu, Steffele' sagte in Mindelheim ter Adlerwtrt und setzte seinem bislang heiß geliebten, aber nun alt und überständig gewordenen Hündchen die Pistole hinterr Ohr .geh, Slefsele, dec Herr Bürgermeisd)ter hat and) schterben gemußt". Sprach's und drückte ab. So verhält es sich mit der schwäbischen Seele, jawohl. In der Fnggerei in Augsburg, die ja, mitten in der Stabt, eine kleine gotische Stadt für sich bildet, werden nod) heute Abend für Abend die Tore geschlofse». xludj das ist Schwaben. Keller und Mörike sind Blüten seiner Seele, wie die mummeiigen Dyrlinifchen Holzschnitzereien und die mit dem Teusel just fo wie mit den Göttern bumenben Wasserspeier am Ulmer Münster Für einen dämmerigen Spätherbsttag ist die Stephansklause in Augsburg ein angemessener Aufenthalt, Fasan mit Sauerkraut bedeutet zusammen mit Nonnenstück, Späilese 19.35, ein annehmbares Frühstück. Augsburg jedenfalls ist ein Fleck Heller und fröhlicher Lebendigkeit auf dieser rauhen und unwirschen Hochebene, die doch eigentlid) das slurmgepeitschte Dach des Reiches barfiellt ... Augsburg also ist tönendes eifriges Leben. Wenn man es aber an solchem noch so lauen Oktobertag hinter sich hat, bann versinkt plötzlich diese lebenstüchtige Gegenwart, beginnen die Herbstnebel der nahen Donau, taucht aus dieser pressenden Cinsamkeit das Mittelalter auf und jene Zeit, als hier, gichtbrüchig und mit verhaltener Galle im Blut, der fünfte Karl des Weges zog, um in Augsburg (eine unbotmäßigen Relchsfürsten abzuftrafen. Dichte Nebel schieben fld) vor das ferne, steile Donauufer, mit Laternen, die selbst jetzt, am frühen Nachmittag schon brennen, huscht in gespenstischer Eile der Stuttgarter Fernirlebwagen Über die unermeßliche Ebene, vermittelt dem einsamen Wanderer, der Im offenen Wagen ein wenig fröstelt, etwas von seiner geborgenen und molligen Sicherheit, verschwindet in den silbrigen Schielern und läßt mid) allein mit der Einsamkeit der Straße und mit trüben Gedanken an die Möglichkeit eines gerade hier einleitenden unbehebbaren Motorschadens. Vorerst Ist es damit gottlob nichts, vorerst fdnutrrt der Motor wohlig wie ein Kater. Nach ein paar Kilometern aber stößt man auf ein Gefährt, dos wirklich nicht weiter kann und wahr und wahrhaftig steht do an einem riesengroßen Buick mit -Erkennungsmarke ein engelschönes Frotzeln, markiert mit Monokel und pechschwarzer Felix brasll Wleld)l)eit her Geschlechter, hat die 'Motorhaube geöffnet, hat sich eben an den heißen Zündkerzen die Finger verbrannt, funkelt mich verächtlich durch das Einglas an. .Was machen Sie, mein Fräulein', so fragte bei der Autoprüfung der Examinator, .wenn Ihre Steuerung bricht, roenn Ihre Vergaserdüse sich verstopft, wenn Ihr Differential in Trümmer Iieljt?' und .Ich werde dann', jagt die füße Lady, .mich in den Graben etzen und billerllch meinen, bis ein Kavalier kommt und mid) ab« chleppt', sagte sie und Halter fraglos Recht. Wenn (c aber jleich jone liefe Zigarre rauchen, Frotzeln und wenn fe fo durchs Monokel funfein, dann ... Vorüber, vorbei, hilf dir selbst, holder Flapper, wenn du durchaus Mann markieren willst. Und das da drüben ist Donauwörth und drüben die Jurahöhen bei Hvchsiädt stürmte Prinz Eugen von Savoyen zufam- men mit jenem Marlborough, der ja eigentlid) Churchill hieß und damals kaum gewußt hat, was für ein kompakter und höchst unrokoko» mäßiger Namensvetter sich zweihundert Jahre später auf den Schlachtfeldern der europäischen Politik tummeln werde. Und die Aöhen dort oben, die bedeuten die ßötfuge zwischen Bayer, Schwaben und Franken, und was westlich davon zu weiter Ebene sich dehnt und als weites dünnbesiedeltes Becken sich streckt bis zu den fernen, fernen Tafelbergen der schwäbischen Alv, das ist das Ries. Landschaft wundervoll erhaltener Dörfer, Born zahlloser deutscher Sagen, kostbare Fassung der beiden Edelsteine, die da Nördlingen und Dinkelsbühl heißen, Tummelplatz aller wütenden Heere des großen deutschen Krieges. Und links aus den Höhen von Hirnheim, wo kaiserliche Kroaten und Spanier den um die Stadt Nördlingen gelegten Belagerungsring gegen den Ansturm der schwedischen und der Weimarer Bataillone schützten, dort wachsen noch heute inmitten von Minze, Salbei und Thymian kleine wunderliche Blumen, denen auch der Laie sofort anfieht, daß sie Exoten sind inmitten der nördliche» Landschaft Die Jouragewagen der Spanier, der Kroaten, dem Ungarn und all der balkanifchen Hilfsvölker standen dort, Der- treulen die fremde Saat, und die Erde bewahrt es noch heute mus wie ein Blatt aus lebendiger Chronik. Bel Fürth, wo bei der Zirndorfer Feste Wallensteins Panduren biwakierten, ift's genau so ... Und mit diesem lieben Nördlingen geht's einem in der frühe angebrochenen Herbsinachi genau fo, wie mit allen diesen wehrgang-umgür- teten und lorgeschützten Nestern: aus der feuchten Dämmerung rettet man sich in ihre Tore wie zu einer schützenden Mutter, möchte sich möglichst tief verkriechen im Labyrinth ihrer Gassen, schlägt sein Domizil möglichst im Zentrum, in möglichster Entfernung von den Toren auf ... Fühlt sich hier erst geborgen, geht abends, nach Gänsebraten und frischem Most, noch einmal ans Tor, späht hinaus in die hier unvermittelt und ohne jedes .Weichbilb' beginnende näd)tfid)e Ebene, schaudert Insgeheim, hat, Im Rückblick auf das Helle und mollige Nest, ein ähnliches Gefühl wie ein Mann, der, um feine Behaglichkeit doppelt zu genießen, im eisig kalten Schlafzimmer aus dem warmen Belte Srobeweise ein Bein gesteckt hat und es dann geschwinde zurückzieht ins lärme. Hinterher, wenn man dann im ,Fadenherrn' den letzten Schoppen hinter den Schlips gegossen hat, suhlt man sich just so geborgen, wie jener Man» In seinem Veilchen, denkt an die süße Lady mit Brasilzigarre und Vergaserdefekt und dankt Gott, daß man nicht fo ist wie dieses Ekel und nicht hilflos auf der Landstraße liegt ... Läuft am nächsten Tag den Wehrgang entlang um das ganze Nest, sckiaut bei Wellensittich- und kakteenzüchtenden phllofophlschen Bewohnern der alten Wehrtürme ein, entziffert die nicht immer salonfähigen Inschriften, die die Schildwachen des Dreißigjährigen Krieges In das alte Balkenwerk der Gänge einschnitten und stellt fest, daß damals die Dinge nicht viel anders gelegen Haden wie heute ,.. Besieht sich Im Augustinerkloster einen unwahrscheinlich schönen Veit- Stoß-Altar, rollt zum Tor hinaus in die champagnersrische Herbstluft, die nach abgeernteten Kartoffelfeldern, nach letzter müder Sonne, nach Rauch riecht. Tal und Hügel fo unbeschreiblich lieb geformt wie auf Thomaschen Landschaften, Dörfer fo geschloffen und fo messerscharf ab- Ksetzt von der ßanbfdyaft wie auf Dürerschen Schnitten, Hirten und lüger Im langen blauen Kittel, wie auf Bildern'zu Peter Hebels alt- modisch feierlichen Geschichten. Am Berghang ein strickender Schäfer, im Dorf mit wandelndem Kasperltheater und umringender Jugend ein Zeltkarren, auf der Straße, von frommen Ochsen gezogen und tannenbekränzt ein Wagen, der das Heiralsgut einer Braut ins nächste Dorf bringt, an der nächsten Kurve aber ein Gedenkstein mit der Inschrift, daß hiersetbst am eisten August 1928 Achill Malcolm, Viscount ok Hensbarrow, im Alter von breiunb- zwanzig Jahren durch einen Autounsall (ein junges ßeben verlor. Was man für Schicksal antrifft auf solcher Straße! Der elfte August ist! sozusagen der Tag, an dem man, geraume Zeit vor Sir Achill, zur Welt kam, der elfte August haftet also gut im Gedächtnis, der elfte August war nnno 1928 ein schöner Heller Samstag, und man feiert« und aß Eljiemgauer Krebse und krank leid)! moussierenden Herziger und hatte abends Kammermufikgäfte und spielte — weißt du noch — von Mozert jenes Trio in B-dur, in dem dann der lässige Gassenhauer vom Bölzelsd;ießen die Melodie des Finale bestreitet. Geburtstag und Todestag, überfchlagender Wagen und Kammermusik, Todesschrei und Mozartsinale — alles jufammengebrängt In einen einzigen Hetzen Sommertag, ber so funkelte wie die Blumenkrone, bie mir am Morgen ber Gärtner brachte. Lachen unb Tod, alles in der gleichen Stunde — es ist nicht anders, und wer lacht wohl und zecht und läßt fein Cello fingen, wenn wir uns satt getrunken haben am ßeben und wie dieser verzappeln müssen am Wegesrand? Die bleiche Sonne weiß es wohl, die letzte Sonnenblume, die am müden Stengel hängt ... Das Leben aber weiß es nicht unb witz's nicht wissen. Trunken wie Champagner macht die Luft mit dem feinen Rauchparfüm, trunken in tausend Plänen und Träumen. Trinken wir getrost, trinken wir, bis wir uns fattgetrunten und eingewilligt haben in den langen guten freundlichen Winter. Derantwortlich: Dr. Han« Thtzriot. — Druck unb Verlag: Drühlsche Untverf ttätSbruckeret R.ßang«, Wietzen.