SiehenerZamilienblätter tollt Hs Kan rfa inet «t t.„ ■ ein nntt mll Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Zahrgang M8 8r-Itag, den IO. Juni itummet 44 rtch ratjl auf reib linffl W •w im wert m fc ügen. 1* auf' ■iftet' injier hi!« fters' reunb n ihr tftral in«' s-ch non jantifl i: W ieß [N1 arf rf’ loft jeH ; dü Lady Hefter Stanhope EINE FRAU OHNE FURCHT don Maria Josepha Krück von Poturzyn Copyright by Deutsche VerlagS-Anstalt Stuttgatt 4. Fortsetzung. Um die „Hei 1! ge Al 1 ianz". Was Pitt zu leisten hatte in diesen Monaten, der einzige Mann, der dem Tyrannen Napoleon gewachsen schien, das wußte niemand so gut wie Hefter. Geschickt arbeitete sie ihm in die Hände, nutzte die eigenen Erfolge unmerklich für ihn, strafte seine Widersacher durch dünn oer= ^le/erten Spott und begriff nicht, daß jene, die seine Freunds hießen, recht oft anders handelten. Pitt hatte feinen Günstling Hanning ins Kabinett genommen und ihm 1 »ns Schatzmeisteramt für die Marine gegeben; sehr bald jedoch intrigierte Hanning hinter des Lordkanzlers Rücken. „Vielleicht handelt er nur scheinbar so, vielleicht opfert er absichtlich k leine Meinungen, um dir irgendwie damit zu dienen", meinte Hefter. Pitt hielt im Schreiben inne und sah sie mit seinen hellen Augen an: f . >'2ch lebe seit fünfundzwanzig Jahren inmitten von allen möglichen Individuen. Aber nur ein einziges Mal fand ich ein Menschenwesen, »as eines solchen Opfers fähig wäre, sich selbst und seinen Ruf zu opfern [ für einen Freund." „Das ist wohl der Herzog von Richmond?" „Nein. „Vielleicht Lord —" Jetzt erst gewahrte sie seinen Blick und verstummte. ,S>a, Hefter, das bist du! Nur du!" Sie hörte seine Worte und senkte den Kopf. War das nicht mehr, als ‘ e wünschen konnte? Genug um glücklich zu sein? „ Glücklich ... Hefter preßte die Hände an die Schläfen und sah zum zensier hinaus. Wie lange war es her, daß sie nichts verlangte, als treu m seiner Seite zu stehen, stolz und fraglos zu wachen Über dem Genius \ tnes Wollens? Längst schrieb er wieder, nur sie saß immer noch unbeweglich. - Pitt war der Held ihrer Seele. Aber er stand über dem, was menschlich war ... Au dieser Zeit flüsterte es laut durch London, Lord Granville Leve- fm-Gower, der schönste Kavalier der Hauptstadt, gebe vor, Pitts Nichte zu lieben und sie, die ungebärdige Amazone, die keinem noch verfallen, dkuge sich vor ihm und seiner dandyhaften Schönheit. Wurde er Lady Hefters Mann oder gab es Skandal? . Noch ehe die große Welt sich über diesen Punkt geeinigt, hatte Pitt bft Lord Granville als Botschafter nach Petersburg versetzt. Ehe er ging, in einer stürmischen Nacht, als der Kanzler außer yruse war, plötzlich, unvermittelt, mit der sicheren Geste des Mannes, ?ir hie eine Frau umsonst gebeten, hatte er Hester Stanhope im Arm. S’.r Stolz zerbrach. Die unterdrückte Kraft des jungen, unverbrauchten Mrpers stieg auf mit einer Maßlosigkeit, die Granville, den erfahrenen Liebhaber gesättigter Frauen, erschreckte. Er war kein Held und kein normannischer Räuber. Diese sechs Fuß i W 5rau, die immer noch ein Mädchen war — und den ersten Mann Mn England zum Onkel hatte, wurde ihm unheimlich. Als Diplomat Md leidenschaftlicher. Spieler brauchte er keine berühmte, aber eine Koje Frau. Freundinnen — demütige, ungefährliche Geschöpfe, gab fs genug. Zum erstenmal im Leben wies Lord Granville zurück, was Gunst der Siebe ihm bot. -Ach liebe Sie!" hatte er oft an Hefters Ohr geflüstert — eine Stunde ! "Ochdem er feine kluge Freundin Lady Beßborough verlassen. ; L --Ach liebe dich", sagte auch Hefter Stanhope in dieser Nacht und ihre । “Sen wurden schwarz. Granville, der vor ihr auf den Knien lag, preßte feine Lippen auf We Hand: |Ii "®'e wäre es schön, dich Heben zu dürfen ... Aber da wir beide m an. Heirat denken, nicht wahr —" 5 ..■ßorfidjtig erhob er sich, strich über den Samt seines erlesenen Rockes bat, sich verabschieden zu dürfen — für Petersburg. . Lady Beßborough, die ihren Antinous wieder hatte, kam andern | spielte die mütterliche Vertraute und erlebte diese Frau, die wtöon meisterte, in einem wildrasenden, sinnbetäubenden Schmerz. Und T nachdem Hefter vor Lady Beßborough geweint und geklagt, flüsterten ur William Pitt Hr legte die Hand auf ihre Schulter, schweigend sahen sie sich an. An diesem einen Blick versank, was zwischen sie getreten. Leidenschaftlicher, selbstloser als je, begann Hefter fü. 3U (argem nicht mehr wie bisher verbarg sie die heiße Bewunderung für den Mann, der groß und gütig war wie keiner. Zwar, noch einmal, ?ei? untV. Menschen die Besinnung verlor und ein andermal ofme Schminke erschien, wollte man wissen, mit Pitts Nichte sei dennoch nicht alles geheuer Aber bald daraus sah London, daß Sidney Smith m,Ln°VnaCf,r' !?' raJ? der Anwärter auf die französische Krone ich ausfallend um sie bemühte, wahrend der Kanzler selb t laut erklärte- feine Nichte werde niemals heiraten, aus dem eins ' Mann klüger fei als " ' ~ mit Lord G „ , -- .. ■ ,....... ->rund, weil kein sie! Damit verlor das Thema der Liebesgeschichte ranvllles Heldenschaft an Reiz. W/eder flogen, hinter geschlossenen Türen, zwischen Englands Kanzler und seiner Nichte jene kleinen Späße hin und her, geistreiche Ueber- namen für berühmte Männer, kindlich unsinnige Worte, die niemand «Eerstand Wieder lachte der Lordkanzler ein feines und gütiges Lächeln über Hefters besondere Freude, mit den vornehmsten und verwöhntesten Herzogen ganz gewöhnliche Untergebene an den gleichen Tisch zu setzen. ' ' Keiner sah auch der Onkel nicht, daß hinter Hefters lachender Miene eine dumpfe Angst sich verbarg. Sie als erste gewahrte, daß Pitt an ferne Grenze kam. D v Immer unmenschlicher wurde die Arbeitsleistung, kaum daß er zwl- (chendurch einen Bissen aß, ein paar Stunden schlief. Die europäischen Machte streckten die Hande aus nach Englands Geld — im eigenen Parlament machte Fox Opposition, weil der König ihn feiner privaten Sün- öen wegen nicht tn die Regierung nehmen wollte; Preußen mit feinem Heer aus der Schule Friedrichs des Großen verlangte als Preis für ein öunöms — Hannover! Hannover aber war das Stammland König Georgs, und eher wurde er krank, als daß er sich davon trennte. Preußen! Es war die Zunge an der Waage der Koalition. Das letzte Glied in der Kette um Napoleons gierige Hände. Pitt versprach Ostende, Antwerpen, Brüssel! Aber Friedrich Wilhelm verlangte Hannover ... Harrowby, Englands Abgesandter in Berlin, bekam nervöse Anfälle von dem Hin und Her der Verhandlungen, bat Pitt vertraulich ein öttjiff an die Eldmündung zu senden — um feinen Sarg abzuholen! „Das nächste Kriegsbudget fällt durch, wenn wir. nicht Fox in die Regierung nehmen!" erklärte Rose vor dem König. „Sie wagen es, mir den Verführer meines Sohnes vorzufchlaqen?" „Majestät, auf Pitts Schultern allein steht die Regierung, er führt das Außen- und Innenministerium, hat zum großen Teil die Marine- und Heeresleitung —" --Was wollen Sie — er hat doch Rußland und Oesterreich gewonnen — „Majestät, er schläft drei Stunden jede Nacht und sieht aus wie ein Kranker ... Wenn er zusammenbricht — dann Gnade uns Gott!" »Lieber Bürgerkrieg als Fox!" schreit der König; „— und Pitt wird es schon machen." In den wenigen Stunden, die übrig blieben, deren Verwendung niemand kannte, hatte Englands Premierminister die Angelegenheiten des königlichen Hauses in Ordnung zu bringen. Den Prinzen von Wales davon abzuhalten, daß er in Salons über die Verrücktheiten seines Vaters Bericht erstattete; seiner Frau, die längst getrennt von dem itjr gute Freunde zu, daß Lady Beßborough seit Jahren schon, unverändert durch die ganzen letzten Wochen, Granvilles Freundin gewesen... So stolz Lady Hester Stanhope bisher gelebt, so elend brach sie letzt zusammen und eifrig wurde die Nachricht von Müttern erwachsener Tochter, beleibtgten Ladys und zurückgewiesenen Verehrern, mühsam nur durch die Furcht vor Englands Kanzler verdeckt, von Salon zu $eftor sei häßlich und hysterisch geworden, in einer Gesellschaft ohnmächtig umgefallen; zweifellos könne man auf andere Umstande schließen. 1 »an allen Menschen aber stand einer an ihrer Seite — wortlos **"" “ **" "*• — •*—« Sorge stieg in seinen Augen auf, als sie eines Tages bat: tragen" Walmer gehen, ich kann London nicht mehr er- Hester war krank, und er allein wußte, daß sie versucht hatte, sich das Leoen zu nehme» Wenn sie ging, verschwand alle Helligkeit aus seinem Haus Aber nicht an sich durfte er denken, denn immer weniger Zeit blieb ihm für alles, was nicht England hieß, - heilige Koalition gegen den Tyrannen des Kontinents u r S° er sie ziehen; durch Wochen horte er nichts von ihr. Dann als es Frühling wurde kehrte Hefter nach Bond Street zurück, blaß noch und nut umdunkelten Augen, , aber den alten Stolz auf dem klaren Erben Englands lebte, ins Gewiffm zu reden, daß ihr Lebenswandel die ältesten Seebären erröten lieh verh.ndern, daß die Presse von 1 bcr Gewohnheit des genesenden Königs erfuhr, auf dem Rucken Pferdes einzufchlafen. Und schließlich mit den Merzten darüber zu konferieren, wieviel oder wiewemg dem Komg von England an Aus- Ie9®enn PM^n solchen Abenden nach Hause kam, konnte er sich aus- mir abends Vorwürfe macht, weil ich keine Zeit habe für ste ... Hefter, willst du mir etwas zu essen geben?" ,Zch denke, du haft im Schloß soupiert?" „Ja, aber es gab da lauter so unnatürliche Sachen —" Der' Premierminister biß in ein Butterbrot und hörte die Erzählung an7 wie der Gras von Artois, der den emigrierten Franzosen Karl a. hieß, um Lady Stanhope werbe ... „Kann man gratulieren?" lachte Pitt. . „Unnötig — auch wenn du ihn zum König von Frankreich machstl Pitts erhelltes Gesicht wurde ernst: Nein Hefter, ich habe keinen Grund, für die Bourbonen zu kämpfen... Wenn ich meinem Land einen ehrlichen Frieden verschaffen kann, will ich es tun — auch mit Bonaparte." — Napoleon befahl, tobte ... Die Flotte war noch immer nicht bereit zur Invasion in England! Im Januar 1805 liefen zwei Flottillen aus und wurden nach dem Verlassen des Häsens so schwer vom Sturm beschädigt, daß Rückkehr als einzige Rettung blieb. Gut, so werde ich England in Indien treffen! 36 000 Mann, errechnete er, standen bereit fur Indien. Aber zwei Monate darauf war ein anderer Plan in feinem Kopf gereift mit jener unheimlichen Präzision, die nichts Menschliches an sich trug. Er berief die Truppen ab, die seit zwei Jahren längs der Westküste Frankreichs für England bestimmt waren. Für England?" lachte Napoleon, „ich habe von je für Oesterreich gerüstet ... und tat es im Westen, um ungestört zu fern. Dumm genug, "'^Und^er ^marschiert^über den Rhein, im Frühherbst 1805, mit dem Z^Die^französifche Flotte aber sollte mit dem neuesten Bundesgenossen Spanien einen großen Angriff gegen die. englische Flotte vorbereiten. — Heber die Karte Europas beugte sich Pitt mit Middleton, dem Ches ber „TOos Sekten Sie dazu, wenn die Flotte des Admirals Cornwallis von der Blockade vor Brest aufbrechen und an der nordwestlichen Küste Spaniens Calder unterstützen käme?" „Es würde die Konzentration der französischen Flotte erschweren, nickte der achtzigjährige Fachmann. m „Vielleicht gelingt es auf diese Weise, sie zu vernichten. Nelsons Urlaub geht zu Ende. Ich habe ihn zu mir gebeten, bevor er wieder das Kommando übernimmt..." Es war ein trüber Tag, als in der Ministerkanzlei von Downing- street Nelson und Pitt sich gegenüber saßen — zum ersten- und letztenmal im Leben. „ „ ,. , „Es muß gelingen!" sagte der Lordkanzler, „es geht um Englands Herrschaft zur See!" „Wir tun unsere Pslicht", antwortete Nelson und gab seine linke erhob sich und begleitete den Kommandanten der Streitkräfte des Mittelmeeres die Treppe hinab bis an den Wagen — eine Ehre, die er keinem Prinzen von Geblüt erwies. . Das war Nelsons Abschied aus England. — Im Sommer 1805 genas König Georg soweit, daß er zu Schloß Windsor mit sämtlichen Prinzen und Prinzessinnen seines Hauses Gaste empfing. Pitt war darunter, fo ost es seine Geschäfte erlaubten, denn merkwürdig — trotz aller Verschiedenheit der Ansichten, mit diesem Mann konnte er sprechen wie mit sich selbst. Und Hefter, die Nichte, tat '^.Lch^häre Lady Hefter lachen, da muß ich hin!" sagte König Georg an einem Empfangstag auf der großen Terrasse des Schlosses zu Windsor. Pitt neigte die hohe Gestalt tief vor seinem Herrscher, und Hefter versank in den Boden. , „Pitt, ich habe einen neuen Minister entdeckt!" erklärte Seine Ma,e- stät und lachte ein etwas hohes Lachen. Pitt verbeugte sich noch einmal: „Ich werde sroh sein um die Entlastung — und die Wahl Eurer Majestät kann nicht anders als vorzüglich fein." Er sprach in der ehrerbietig-warmen Haltung, die er seinem kranken König stets erwies. „Ja, Pitt, der Minister ist sogar besser als Sie." An dem Arm, auf dem Hefters Hand lag, fpannte sich ein Muskel, aber die Stimme blieb ruhig: „Darf ich erfahren, wer es ist, Majestät?" König Georgs schlaffes, gedunsenes Gesicht legte sich in unzählige Falten; er hob den Kopf mit einer Grazie, die an dem müden Körper überraschte: „Aber Pitt, Sie haben ihn am Arm! Ich behaupte, es gibt keinen Mann, der mehr von Politik versteht als Lady Hefter — und ich freue mich, es zu sagen: keine Frau, die ihr Geschlecht mehr ehrt als sie ..." Hefter beugte sich über die huldvoll gereichte Hand des Königs. ,^Ja, Pitt, Sie brauchen nicht stolz zu sein, daß Sie Minister sind ... Das waren viele vor Ihnen — und werden viele nach Ihnen sein — wie vor mir — wie nach mir ... Aber auf Hefter können Sie stolz sein!" Und König Georg entführte Pitts Nichte in so auffälliger Gunst, daß die Damen sich rings auf die Lippen bissen. Können Sie nicht der Prinzessin von Wales beibringen, daß sie sich besser benimmt — und nicht gar so geschmacklos °"S'eht?" Nit. der.Komg. „Sie sind doch immer so gut angezogen, Ihr Kleid von heute ist klastisch. Den Faltenwurf hat Pitt begutachtet, berichtete Hefter. Der König wiegte den Kopf: „Sieh an, was ich an Pitt noch alles entdecken werde ..." . , „ „ . . Es war schon dunkel, als der Lordkanzler mit Hefter allein nach fvaufc kam Nie konnte sie sich später erinnern, wie es geschah, daß sie vlötzlich in feinem Arm lag. Sein beherrschtes Gesicht hauchte eine Lohe lanäaedämmter Glut: „Er hat recht, Hefter - ich habe gute Diplomaten aber9fie sind keine Militärs; ich habe viele gute Offiziere abersie sind keinen Pfennig wert im Kabinett ... Wenn du ein Man warf. ich würde dich mit sechzigtaufend Mann zum Kontinent schicken >md blanche geben — ich bin sicher: kein Plan wurde fehlschlagen und kein Mann hätte ungeputzte Stiesel ..." England zuliebe wünschte er sie zum Mann! An England dachte er — auch heute, am Tag ihres Triumphes ... . , ., _. Unter seinen Lippen, die Augen, die Wangen wurden feucht. Sie meinte. ,4)u bist müde, Kind, verzech ... Die wunderbare Zartheit dieses Mannes hüllte sie em — und gab sie frei. Und sie wußte nur, daß sie ihn nicht anders wünschte. „Uebriqens, Hefter, ich vergaß dir zu erzählen ... Da hat die Pol^ei gestern einen armen Narren einsperren müssen, weil er sich einbiföete, König von England zu werden. Weißt du. welchen Wunsch er geäußert hat? Er wolle Lady Hefter Stanhope einmal sprechen! Auch sie sei zu Königin geboren — Königin im Osten, hieß es, glaube ich. „Königin im Osten?" echote Hefter mit abwesendem Blick. ,Ffch werde ihn besuchen." Wie du willst. — Ueberhaupt, wenn du nichts anderes zu tun hättest, müßten wir ein großes Irrenhaus errichten und dir die Leitung geben. Mir scheint, kein Mensch versteht so gut nut armen Narren um zugehen wie du." — Am 6. November 1805, 3 Uhr morgens, hetzte em Kurier durch London. „Mr. Pitt, ein« Depesche — Der Lordkanzler hatte sich noch nicht gelegt, meiftens arbeitete er bis zu dieser Stunde. Hastiger als sonst nahm er das Papier entgegen, °^",Nach dreistündigem Kampf französische und spanische Flotte besiegt und vernichtet ... am 21. Oktober ...vor Trafalgar. Es war eine mondlose Nacht. Nebel über London. Die Stadt schlief. Pitt starrte aus den kleinen Vogen Papier, der die Nachricht enthielt. Sieg vor Trafalgar ... Das Gespenst der Invasion war in sich zusammengefallen, Englands Küste wieder frei, die Herrschaft über das Meer erftritten, erblutet. Jrn^Rahmen der Tür, bleich, mtt weit offenen Augen, stand Hefter. "Ein'Sieg,^Hefter, ein großer Sieg!" Er, dessen Glaube niemand kannte, fügte hinzu: „Gott hat es gewollt!" „Was noch?" „Nelson fiel..." , . , Nelson?" schluchzte sie auf ... „ich träumte — du. Ihre Hände fieberten an feinem Hals, die Zähne schlugen gegeneinander: ,Zch habe Angst um dich!' . .. Dann, mit einemmal, faßte sie sich, em Lächeln irrte über zuckende L'^Verzeih, Pitt — ich bin sehr stolz — es war dein Werk, so wie das DOn@?Clegte die Hände sanft über ihren Kopf, tief und weich klang seine Stimme an ihr Ohr: .. . „Du brauchst nicht weiter zu sprechen — glaubst du, ich weiß ni-yb was es heißt: verantwortlich sein für einen Krieg? Aber es ging um England — und um Europa!" ... . . . „ Er glitt von ihr weg zur Arbeit, an Schlaf war nicht mehr zu denken, London erwachte in die Nachricht des Sieges hinein, drei Tage feierte die Stadt, ehrte Nelson und Pitt. Jubelnd spannte die Bevölkerung feine Pferde aus, zog sew» durch die Straßen; und am 9. November, beim Festbankett in Guildhau, erhob sich der Lord-Mayor von London: ,Zch trinke auf William Pitt, den Retter Europas!" Die Ruse fielen ein und erloschen ehrfürchtig, als Pitt mit seiner klaren Stimme sprach: ,^sch gebe Ihnen den Dank zurück, den Sie für Mich gehabt haben. Europa ist nicht durch einen einzigen Mann zu retten; England hat selbst gerettet — und ich vertraue daraus, daß es Europa durch sein Beispiel retten wird!" .... Er setzte sich. Der Erfolg dieser drei Satze war übermaltigena Stumm beugten sie sich vor ihm, als hätte nicht der Lordkanzler, sondern der Genius von England selbst die Worte gesprochen. Hefter allein ging in dumpfer Angst durch diese Tage des Triumphes. Sie die mehr sah von Pitt, als andere es konnten — die Feuerpsene. wenn der Zorn sich nahte, das Leuchten seiner opfernden Liebe- sw England — sie schaute jetzt auf seiner erbleichenden Stirn ein Ze>«en das in eisiger Furcht ihr Herz umkrallte ... Tod für Trafalgar, x für Trafalgar! Das Wort, von irgendwoher genommen, hämmerte M ein in ihren Sinn, verließ sie nicht mehr im Rauschen der Freude uw । empfing sie quälend jeden Morgen nach dumpf verschlafener Nacht. (Fortsetzung folgt.) Vergißmeinnicht. Von Josef Weinheber. O du leises Weh, o du kühler Schnee auf die schuldgebräunte Stirne Herr Wie ein Weinen blinkt, da er niedersinkt, dieses Himmels stille Wiederkehr. Wie die Zeit verwich! Warum schaut ihr mich mit dem Kinderblick so traurig an? Letzten Schmetterling, den der Knabe fing: Ach, ich wurde grau im Lebenswahn. Ja, Vergißmeinnicht... Aber keine spricht, keine Stimme mir das liebe Wort. O, chr mahnt und klagt, aber ungefragt, ist das Licht im Herzen mir verdorrt. Daß ich immer noch, daß ich nimmer doch wissen müßte um ein Kindheitsland! Längst nicht mehr gefühlt: Um so tiefer wühlt, daß ich wieder seine Sterne fand. O du leises Weh! O du kühler Schnee auf die schuldgebräunte Stirne her: wie ein Weinen blinkt, da er niedersinkt, dieses Himmels stille Wiederkehr. Aus meinem Leben. Don FriedrichBischoff. Friedrich Bischoff, dessen schönes Gedichtbuch „Schlesischer Psalter" und dessen Romane „Die goldenen Schlösser" und „Der Wassermann" wir srllher besprachen, erzählt hier von seiner Jugend und seiner Heimat. Die Vorfahren meiner Eltern sind Garnweber, Kretschamwirte, Kräuter- und Stellenbesitzersleute gewesen. Im Mittelschlesischen, dort, wo der Zobtenberg aufragt, und im Glatzer Bergland waren sie daheim, und mein Vater, wenngleich er sich das Leben sauer werden lassen muhte, hatte nicht viele Meilen weit zu wandern, da er daran ging, als der erste aus der Familie ein Kaufmann zu werden und das schlichte Handelshaus zu gründen, das noch heute unfern Namen trägt. Er fand es in der kleinen Landstadt Neumarkt, deren Ruhm, eine der ältesten Städte Schlesiens zu sein, sie still und weltabgelegen zwischen Wäldern und Wiesen dahinträumen läßt, hinter denen der blaue Wall des Zobtengebirges aufragt. Hier, in einem alten Hause am Ring, wurde ich als das letzte von vier Kindern, von denen die beiden ersten frühzeitig starben, im flockenschüttelnden Monat Januar vier Jahre vor der Jahrhundertwende geboren. Die Hebamme legte mich erst einmal in das Ofenrohr, weil ich gar so winzig und schrumpelig wie ein Winterapfel ausgesehen haben soll und zunächst gar keine Anstalten traf, das Dasein mit lebenskräftigen Schreien zu begrüßen. Meine Mutter, die vorzeitig einem schweren Tode anheimfiel, hat mir noch von meiner wunderlichen Lebensankunft in der schwarzen Ofenröhre auf ihre innig heitere Art erzählen können, fo daß ich es nie mehr vergaß und von allem Anfang an zu dem großen Küchenofen mit seinem „Feuermanndl", welches mir seinen roten Flammenfunken eingeblasen, eine heimlich vertrauliche Freundschaft faßte. . „ Wenn ich es recht bedenke, waren es die Jahre meiner Kindheit und meiner Jugend, die cs mich traumhaft lehrten, in die Seelen der Menschen und der Dinge zu lauschen. Es muß so verstanden werden, daß ich es ganz unwissentlich tat. Aber alles, was ich damals aufnahm, wuchs mit mir, und der Zug der Gestalten, die durch meine Bücher wandern, beginnt in der Küche des Vaterhauses, wo sich zu den Wochenmärkten allerlei schlesisch sinnierliches Landvolk, Männer und Frauen, zusammenfand, um sich an einem Topf Kaffee die Hände zu wärmen. Die Geschichten, die dabei erzählt wurden, wozu unsere alte Köchin stets das Ihre hinzuzutun wußte, sind mir alle geblieben. Sie gingen mir damals so sehr im Kopf herum, daß ich nicht gerade der beste Schuler der Rektoratsschule meiner Heimatstadt wurde, von der ich nach dem Willen meines Vaters nach entsprechender Vorbereitung im Lateinischen mit zwölf Jahren in ein Breslauer Gymnasium übersiedeln sollte. Was aber fängt schon ein Junge mit dem Lateinischen an, wenn er in einem Hause wohnt, in dessen Kellern, der Sage nach, während der Schlacht bei Wahlstatt eine Taternfürstin zu Tode kam — wenn überdies von diesem Hause ein verruchter unterirdischer Gang zu dem verfallenen Minoritenklofter führen soll, das hinter unserm Garten aufragte und meinem Vater zum Lagerplatz für allerlei Waren diente! Nein, das Lateinische wollte mir damals gar nicht behagen, so sehr sich auch der zu meinem Lehrmeister bestellte Konrektor mit mir herumplagte: Das heimatlich Schlesische überwog alles. Und da zu allen übrigen die ins Ländliche träumende Ackerbürgerstadt noch mit Wall und Graben, in denen uralte Gärten wucherten, bewehrt war, spannen sich die erlauschten Geschichten und eigenen Phantasien in ein fchulfernes „Rüuberleben fort, dem die Bänkelsänger mit ihren Moritaten zum Jahrmarkt odsS ■ beim Schützenfest immer gerade recht tarnen. Man fürchtete sich zwas immer ein wenig vor den reichlich mit gemaltem Blut versehenen Bild«, rollen und den näselnd gefühlvollen Stimmen der Sänger, aber es wall auch schrecklich schön, es sich ein bißchen gruseln zu lassen und das Er» lebte gemeinsam mit den Lehrjungen in einem dunklen Winkel detz würzig duftenden Warenremisen zu besprechen. Zweimal bin ich, von trostlosem Heimweh geplagt, dem Breslauev Gymnasium entlaufen, in dem es nun mit dem Lateinischen und mit viel anderen Wissenschafts- und Lebenspflichten ernst wurde. Ich mar* fchierte einfach davon, indem ich mir den ferne aufragenden Zobtenberg als Wegezeichen nahm. Und da meines Vaters Handelshaus sich eines guten Ansehens erfreute, fand ich überall Gastfreundfchast. Ja, die Frachter, die unsere Warenballen aus Breslau auf ihren nach Kaffee, Zimt und Tran riechenden großen Rollwägen holten, kutschierten mich ehrerbietig heimwärts, nur daß die Ankunft zu Haufe.nicht so erbaulich war wie in den Wirtshäusern und kleinen Gütern, deren Besitzer, ohne viel zu fragen, den Sohn ihres Freundes und Kaufmanns bei sich aufgenommen hatten. Mein Vater war ein herzensgütiger Mann, dessen Leben, verschattet durch den frühen Tod meiner Mutter, bis in die späte Nacht hinein seinem, einer vielfältigen Landkundschaft dienenden Handelsgeschäft gehörte. Was er sich selbst an Lebensstrenge und Pflichtgefühl abverlangte, wünschte er als Eifer und Ehrgeiz bei seinem jüngsten Sohne wieder». , zuerkennen, dessen Hang zu Büchern und allerlei ihm fremden Liebhabereien er gerne duldete, wenn nur die Schule dabei zu ihrem Rechts kam. An den Sonn- und Feiertagen, an denen stets die Commis — „die jungen Leute" genannt — bei uns zu Tisch saßen, wie sie auch ; nach altem Brauch im Hause wohnten und zur Familie gehörten — j an solchen Tagen liebte es mein Vater nach dem Essen aus seinen not* ’ vollen Lehr- und Wanderjahren zu erzählen, um uns allen dadurch einl Beispiel zu geben, wieviel leichter es doch unterdessen geworden sei, etwas Ordentliches zu werden. Ich gebe zu, es durchschauerte mich jedes- I mal dabei auf eigentümliche Weife Ich liebte, ja ich verehrte meinen Vater, aber ich hatte das dumpfe Gefühl, zu mindesten die Ahnung einer Vorstellung davon, daß ich ihm feine Liebe zu mir nur durch „bas Ordentliche", wie er es meinte, nicht fo leicht würde vergelten können- , Ich sah mich ohne es ausdrücken, geschweige denn beweisen zu können,s in eine andere, nicht durch „das Ordentliche" zu umschreibende Ordnung des Lebens verwiesen. Zwar wußte ich nicht, wie sie auszuschauen habe, und jede Frage danach mußte mit Recht meines Vaters Kopfschütteln erregen, der meine fahrige, träumerische Art gern einem klaren Ziel zu- gewandt gesehen hätte. Hinzu kamen die Wirrnisse, die mich stadtfremden Jungen in der Großstadt befielen, mich an mir selbst irre werden ließen und mir vollends jedes Ziel aus den Augen rückten. Wie sollte es mein guter Vater verstehen, warum mir das Lernen so schwer fiel! Wie sollte ich es ihm begreiflich machen, daß ich, kaum des Morgens in der Klaffe angekommen, störrisch, unter dem herzlosen Fuchtelgeist, wie er dazumal herrschte, zu leiden begann und alsbald vor unerträglichem Heimweh alles vergessen hatte, was ich tags zuvor fleißig geübt und gelernt! Meine Klaffengenoffen waren mir überdies an Witz 1 und ausgebildeten Verstandeskräften weit überlegen. Ich galt ihnen als ein Tölpel und den Lehrern, wenigstens in den ersten schweren Jahren, nicht minder. Keiner von diesen Pensummagistern kam auf die Idee, i mir einmal ein freundliches Wort zu sagen. Alle wohnten sie in olympischen Höhen und. pflegten ihre kleinen Sonderheiten, die nur die Behenden in der Klasse auszunützen verstanden. Ich will nicht ungerecht fein. Ich weih, daß sie es fo schwer mit mir hatten wie ich mit mir selbst. Aber es war nun einmal so, daß die Verlorenheit, in welche ich immer mehr hineingeriet und die mit Dummköpfigkeit zu bezeichnen ihnen selbst nicht geheuer schien, nichts als ihren Hohn heraussorberte. Ich wehrte mich nicht, ich dachte an meinen Vater, und daß ich ihm keine Schande machen dürfe. In der Pension, in der ich untergebracht war, hielt ich mich still für mich. Die Pensionsmutter war eine kluge, weltgewandte Frau. Ihr verdanke ich es, wenn ich die Schulguälerei der ersten Jahre, ohne Schaden an Herz und Seele zu nehmen, überstand. Es muß in dieser Zeit gewesen sein, daß mir das Heimweh die ersten unbeholfenen Verse zusprach. Ein wunderliches Glück durchrauschte mich, als ich die kindlichen Strophen in bas kleine Kalenderbuch ein» trug, darin ich stets die Tage bis zu den jeweiligen Ferien abstrich. Ich erinnere mich noch gut daran, wie sehr mich das Erstaunen ergriff, in Worten den Wäldern und Wiesen, dem sonst gar nicht zu Umfassenden nahe sein zu können, aus dem ich mich wie aus einem Paradiese aus» gefloßen fühlte. Das kleine Gedicht blieb mein Zauberspruch. Ich hatte plötzlich etwas, an bas ich mich halten konnte in der großen fremden Stabt. Eine tröstende Stimme ging durch mich hin, eine Stimme, sanft und gut wie die der zu früh verstorbenen Mutter, die mir manchmal noch nahe war. Vielleicht war bas doch etwas, wenn ich schon ansonsten ein linkischer Tölpelhans war. Es mußte etwas fein, denn wir beschäftigten uns ja mit dergleichen auch in der Schule. Ich behielt das Reimund Zauberkunststück, welches mir da zugeflogen war, ganz für mich. Niemand durfte davon wissen. Aber es hat mich wie nichts in der Welt damals zu trösten vermocht. Da- Eigentümliche blieb nur, daß ich es nie mehr versuchte, die tröstende Stimme noch einmal Herbeizurusen, bas Wunder aufs neue wirksam werden zu lassen. So blieb es ein erster, aus verwirrtem Gefühl schüchtern hervortönender schöpferischer Glockenklang, dessen Hall und Widerhall erst viele Jahre später zu mir zurück- schwingen sollte. Wieder war es das Heimweh, das ihn unverhofft her- oorrief. Aber dazwischen lag ein schweres, immer wieder im Unter« ftrömigen verbleibendes Wachstum, das sich endlich in seiner zwischen Stadt und Land wechselnden Umwelt zurecht finden lernte, lag vor allem der Krieg, der mit einem schrillen Hornsignal mich von der Jugend trennte und den Knaben, der mit achtzehn Jahren ein Leutnant dieses großen Krieges wurde, ehern zum Manne schlug ... Wenn ich zurückdenke: Die ehrwürdigen Bilder meinet Eltern vor ntfr sehe — meine Mutter mit mir im Schimmelwagen ihres Bruders, der uns drunten im Glätzischen in glückselige Ferien einholte — meinen Vater, grübelnd vor den Kontobüchern in seinem Kontor am abgewetzten Tisch, an dem die Gutsbesitzer an Wochenmärkten ihren Portwein tranken bis spät in die Nacht — wenn ich alles mit einem Blick zu umfangen versuche, was bis zu diesem Tage am tiefsten mein Leben geführt hat: Immer war es die Heimat und das Heimweh nach ihr hinl Alles, was mich von ihr trennte, ist mir, wie einst dem stadtverlorenen Schuljungen, zum Argen ausgeschlagen. Doch immer, wenn mein Herz mit dem ihren im Einklang schlug, fand ich den Grund, das Gesetz und die Kraft. Biele Jahre, Lehr-, Wander- und Notjahre, habe ich dazu gebraucht, ehe ich dieses Dreiklanges inne würde. Heute glaube ich ihn nimmer zu verlieren. Wie der alte Zauber- und Gedichtspruch meiner Kindheit, der erste frühe Glockenklang, schwebt er in mir, und immer wieder kommt er mit Hall und Schall und Widerhall und hält mein Leben iy seiner Gewalt. Zimmerfreuden. Von Christian Morgenstern. Wenn ich mittags fenstersteh und die große Landschaft seh, dampft mir plötzlich Bratenrauch in den reinen Tannenhauch. Regst umsonst vom Erdenjoch Flügel der Ekstase — , Ochs und Hammel steigen noch Göttern in die Nase. Das Ning. Eine Erzählung von Rudolf Schneider-Schelde. Wir lagen im Wäldchen von Hadincourt und hatten die Nacht über nicht viel gefchlafen, wir lagen schon eine ganze Zeit hier, und es war ein schöner Fleck, wenn nichts los war, aber jetzt war immer viel los. Wir waren im vergangenen Sommer dagewesen, als es still gewesen war, und kannten jeden Grasbüschel und jeden Ast, aber als wir wieder- kamen, sah alles ganz anders aus. Es war viel geschossen worden den Winter über, die Linien hatten sich vorgerückt, und die Unfern hatten einen neuen Graben ausgehoben, weiter vorn am Rand des Waldes, und man sah von da über weites Feld, das sich langsam senkte, mit einer Straße dazwischen, die wie ein helles Band dahinlief, auf der aber nie jemand zu sehen war, weil sie zwischen den Stellungen lag. Man sah etwas weiter unten und linker Hand von der Straße einen Bauernhof, der kein Dach mehr hatte und sehr einsam aussah, und daneben einige Büsche und ein paar Baumstümpfe und noch weiter unten wieder den Wald beginnen, der sich wie eine Zunge ins Land vorschob, und wo die Franzosen saßen. Wir hatten die bessere Stellung. Wenn der Hof nicht gewesen wäre, wäre die Stellung ideal gewesen, aber so konnten wir nicht sehen, was dahinter vorging, und manchmal genierte es uns, aber es war trotzdem eine schöne Stellung. In jener Nacht nun war viel losgewesen, die Franzosen hatten uns richtig zugedeckt, aber wir hatten sehr gute Gräben. Die Gräben waren sehr tief und schmal und eigentlich unbequem, wenn es still war, weil man sich aneinander vorbeiwinden mußte, aber um so besser, weun's losging. Es waren Stufen in die Grabenwand gehauen, um zu den Blenden hochzusteigen, und die Blenden waren tadellos eingebaut, und am Fuß der Gräben führten Stufen hinab in die Unterstände, die vier Meter unter dem Gras lagen, und alles war mit Holz sauber verstützt; es war eine sehr gute Stellung. Als es nach dieser Nacht Morgen wurde, merkten wir, daß die Franzosen kommen wollten. Wir merkten es daran, daß das Schießen aufhörte, aber allerhand zu hören war, wenn der Wind grade gut herüberstand. Im übrigen war es still, sie warteten drüben auf ihren Befehl, und wir warteten, daß sie kamen. Es wurde langsam hell, und bei uns schoß es ab und zu. Es wurde allmählich schon zu hell für sie. Wir hatten gar keine Angst und waren sicher, daß sie nicht herankommen konnten, sie hatten etwa zweihundert Meter über das freie Feld zu laufen, den Hang hinan: es war ausgefchlosfen, daß sie uns etwas anhatten, wir würden keinen Mann verlieren und sie alle. Wir überlegten, warum sie nicht kamen, und dachten, daß ihnen etwas dazwischen gekommen sei, und waren zufrieden damit, als wir plötzlich etwas hörten, es war wie das Rattern eines sehr schweren Motors, aber dumpfer und nicht so vertraut. Wir sahen in die Luft, well wir dachten, irgendeine Sorte Flieger sei es, aber die Luft war leer, und dann sahen wir hinunter zu ihnen, aber es war nichts zu sehen. Es wurde jetzt ganz hell, nur über den Wiesen lagen noch Nebelstreifen, und das sonderbare Geräusch hielt an. Dann schien es näher zu kommen, und wir vermuteten, daß es von irgendwo hinter dem zusammengeschosienen Hof herkam, aus der Ecke, wohin wir nicht sehen konnten. Wir warteten und waren nicht unruhig. Dann schien es uns, als käme auf der Seite des Hofs neben der Mauer langsam etwas heraus, es brauchte eine ganze Zett, ehe wir es wirklich sahen. Es war ein Ding wie eine Art Riesenkäfer, wenn es solche Käfer jemals gegeben hat, und schob sich langsam über die zerschossenen Aecker vor. Wir dachten, daß es ein Tank fei. Wir hakten nie einen Tank gesehen, aber davon gehört, daß es welche oben bei Arras gab, und stellten sie uns so ungefähr vor, wie das Ding aussah. Es sah nicht gemütlich aus. Cs sah so aus, als ob man nichts dagegen machen könnte. Es war vollkommen geschlossen und gegen Sicht bemalt und bewegte sich auf Raupenbändern vorwärts. Etwas sank in mir, als ich es sah, ich kam mir wrp in Oer Falle vor Ich sah meinen Unteroffizier an, der neben mir stand und neben der Blende hinaussah und bemerkte, daß er starre Augen hatte und auch das Ding ansah, das näherkroch, und daß fein Adamsapfel auf und ab ging wie beim Schlucken. Er stand da und sah auf das Sing. Es wurde ein schöner Morgen, die Sonne hob sich schon, und die Luft war sanft, und der Himmel wie ein seidenes Zelt, und vor uns auf der Erde, so braun wie sie, kroch das Ding, gegen das wahrscheinlich schwer etwas zu machen war, und kam allmählich immer näher heran. Es kroch sehr langsam vorwärts und senkte sich, wenn es in ein Granatloch kam, und hob sich wieder und kroch darüber hinweg. Es war sehr fein gemacht, wir mußten zugeben, daß es offenbar tadellos konstruiert war. Es kam an die Straße, die durch die Felder lief, und vorher an den Graben daneben und kroch darüber hinweg und schwankte ein wenig und kroch weiter, man sah kaum, wie es sich bewegte, aber es kam immer weiter vom Fleck. Es kroch über einen großen Trichter, und wir dachten, es fiele hinein, aber es kam auf der anderen Seite wieder hoch und kroch wieder weiter. Wir fingen wie wild zu schießen an, aber es tat ihm nichts, und selber tat es auch nichts, es kroch nur. Dann kam unser Major und stand eine Welle neben mir und sah durchs Glas hinaus auf das Ding, wie es sich vorwärtsfchob, und nahm das Glas nicht vom Auge und sagte nichts. Es dauerte eine ganze Zeit, bis das Ding wie von selber stehen blieb. Drüben von den Franzosen war nichts zu sehen und zu hören, nur das Ding in der Mitte zwischen uns, und wir, die wir wie verrückt alles nach ihm hinüberwarfen, was es bet uns gab. Es schien ihm keinen Eindruck zu machen. Nach einer Weile fing es rückwärts zu kriechen an, ohne daß etwas geschehen war, und kroch ähnlich, wie es gekommen war, und fast denselben Weg davon. Es passierte überhaupt nichts an diesem Tag. Wir vermuteten, daß drüben irgend etwas nicht geklappt hatte oder daß sie uns das Ding hatten vorführen wollen, was aber nicht wahrscheinlich war. Wir krochen in unsre Unterstände zurück und überlegten, was für Mittel es dagegen gab. Vielleicht konnte ein Volltreffer es kaputt machen, wenn er es richtig traf. Aber folche Volltreffer waren selten. Zwei Tage spater kamen sie dann wirklich, und wir (ernten das Ding kennen. Militärisch betrachtet, war es eine feine Sache. Der Soldat mußte sich darüber freuen, wenn er es sah. Der Nichtsoldat in jedem freute sich nicht dran. Aber jetzt, als sie ankamen, konnten wir nur den Soldaten in uns gebrauchen. Zwei Tage vorher noch, als sie von uns auf den Aeckern herumgeschaukelt waren, hatten wir alles mögliche gedacht, des Liebhabers, des Vaters, des Sohnes Herz in uns hatte gedacht und gefürchtet, aber jetzt, als das Ding kam, schickten wir alles in uns auf Urlaub. Der Liebhaber, der Vater, der Sohn und der Angstmeier in uns versanken, und übrig blieb nur der Soldat. Wir sahen sehr genau hin. Wir fanden, daß es nicht ganz so schlimm fei, wie wir's uns vorgestellt hatten, man mußte die Sache von der technischen Seite nehmen. Das Ding kroch so langsam, daß man sehr genau hinzielen konnte. Das war ein Vorteil. Als es nah genug war und wir die Schießlöcher sahen, schossen wir drauf. Wir schossen in Salven und immer auf dasselbe Schießloch. Das Ding schien aus gutem Stahl gemacht zu sein, aber die Massage war ihm zu hart. Wir schossen ihm das Schießloch kaputt, und sein Maschinengewehr, das es dahinter hatte, schwieg. Dann hatten wir Glück und warfen ihm eine Mine so vor die Füße in einen alten Trichter, daß sie unter ihm hochging. Wir sahen, daß es heftig ruckte, und merkten, daß etwas dran in Unordnung geraten war. Es schien, daß fein linkes Raupenband nicht mehr richtig arbeitete, das rechte drebte sich schneller, und dadurch kam es nach links ab. Wir sahen, daß man dem Ding vielleicht standhalten konnte. Es war zwar aus Eisen, aber wir hatten Eisen dagegen, wir durften nur keine Gefühle ober Gedanken dagegen setzen, das war die Hauptsache. Als es so weit links abgekommen war, daß es uns fast die Breitseite bot und aus feinem zerschossenen Schießloch nicht auf uns feuern konnte, fliegen wir an der Grabenwand hoch und gaben ihm eine Handgranate um die andre. Es stand jetzt etwa zwölf Meter schräg vor uns und hatte sich in unferm Stacheldraht verheddert, und links von uns ging der Angriff weiter, aber vor uns stand er, weil da unsere Maschinengewehre das Feld rasierten und von dem Ding nicht gehindert wurden, das auf dieser Seite nicht schießen konnte. Die Sache sah gar nicht schlecht für uns aus. Wir warfen Handgranaten hin wie Bälle und das Ding vor uns ruckte und zerrte und suchte wieder in flotte Fahrt zu kommen, aber plötzlich brach es mit dem ganzen Vorderbau fast einen Meter tief in die Ende hinein: wir stellten später fest, daß es in einen alten, unverschalten Minengang eingebrochen war. Damit war Schluß für das Ding. Es erhalte sich nicht mehr und kam nicht mehr heraus. Damit war auch Schluß für den Angriff. Am Abend krochen wir durch den Minengang und buddelten uns zu dem Ding durch, das so in der Erde eingeklemmt war, daß man die Türen nicht öffnen konnte. Es faßen drei Engländer drin, die alle drei rauchten und grinsten, als sie uns ankommen sahen. Der eine redete uns deutsch an, er hatte in Bonn studiert. Es waren junge Kerle wie wir, es waren tadellose Jungens, der eine hatte einen Schuß im Arm, den andern fehlte nichts. Sie gaben uns von ihrem Tabak, und wir machten ihnen einen Kaffee mit Kirsch, als wir sie in unferm Unterstand drin hatten, und es war eine famose Unterhaltung mit Gedanken und Gefühlen und mancherlei, wofür jetzt Zeit war. Als' sie nach hinten geholt wurden, gab jeder von ihnen uns die Hand. Später, als wir die Gräben vorlegten, gruben wir das Ding aus und brachten es zurück, und es wurde hinten angeftaunt, und viele sagten, es fei unwiderstehlich. Aber das war nicht wahr. Es war ein Ding, eine Sache, eine tadellose Sache zwar, militärisch gesehen, aber es mußte den kürzeren gegen den Menschen ziehen, wenn der Mensch nur hart genug war, wenn er das war, was er im Krieg sein sollte, ein Soldat. Derontwortlich: Dr. HanS Thhriot. — Druck und Verlag: Brühlsche Universitätsdruckerei R. Lange, Gießen.