Gießener ZanMenblätter Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger Jahrgang 1938 Montag, den 10. Januar Nummer 3 Die Insel öer fünf Millionen Pinguine Von Lhercg Kearton Deutsche Rechte durch 3. Engelhorns Nachf., Stuttgart Nachdruck verboten 10. Fortsetzung. An so etwas aber dachte ich gar nicht. Ich beobachtete Pinguine und machte Kinoaufnahmen. Meine Frau, die weiter landeinwärts stand, konnte die Pinguine auch sehen, nicht aber, wie schmal das Riff war, auf dem ich stand: auch wußte sie das nicht. In ihrer Aufregung, daß wir nun Gelegenheit fanden, eine Aufnahme zu machen, aus die wir tagelang gewartet hatten, rief sie mir aufmunternde Worte zu, die ich kaum nötig hatte und die ich im übrigen inmitten des Wogengebrauses gar nicht hörte. Ich stand mit dem Rücken gegen das Meer, meine ganze Aufmerksamkeit einzig auf mein Bild gerichtet — und ohne im geringsten an die nahende Flut zu denken. m Ich war ja an das Brüllen jener zornigen Wasser gewöhnt, und wenn es sich mit dem Steigen der Flut verstärkte, kam mir das jedenfalls nicht zum Bewußtsein. Doch als ich einem instinktiven Gefühl gehorchend, das ich nicht erklären kann, meinen Kopf endlich wandte, sah ich, daß die See mir schon fast über die Schuhe leckte und eine fürchterliche Meereswoge über mir stand. Verschiedene Begebenheiten in meinem Leben haben mich wohl gelehrt, rasch zu denken. Ich bin von Löwe und Elefant angegriffen worden — und entkommen. Dieser Woge aber wäre ich sicherlich nicht entkommen, wenn ich auch nur den Bruchteil eine Sekunde gezögert hätte. Sie würde mich von dem schmalen Riff hinunter geradeswegs in die tolle Brandung hineingeschwemmt haben... Wenn ich jetzt auf dieses Abenteuer zurückblicke, sage ich mir, daß cs nur die letzte Form eines Vorgangs ist, wie er einem jeden am Meeres-- strande begegnet. Doch mit welchem Unterschied! Dies war keine der sogenannten „hohen" Wellen, die man an unfern Küsten an Sturm- bagen sieht: es war ein wahrer Wasserberg, dem nichts als starrer Felsen Trotz bieten konnte. Ich habe vom Fischsang zurückkehrende Pinguine bei der Landung in stürmischem Seegang — wenn auch nicht in einem Seegang wie dem eben beschriebenen — beobachtet und mich stets aufs höchste verwundert, daß sie nicht in Stücke zerschmettert wurden. Ja mehr als das: niemals sah ich einen, der den geringsten Schaden dabei genommen hätte. Selbstverständlich gingen die Krüppel — die beim Zusammentreffen mit einem Haifisch ein Bein hatten lassen müssen — nur an der sandigen Küste an Land, wo es nicht sehr schwierig war. In der Gegend von „Cornwall" aber landeten die Vögel direkt vor den Felsstürzen. Aus den Wellen reitend, ließen sie eine um die andere vorbei, bis sie fanden, nun sei diejenige gekommen, die sie an Land heben würde — und in dieser Beurteilung irrten sie nach meinen Beobachtungen kein einziges Mal. Auf dem Kamm der erkorenen Woge schossen sie vorwärts, packten mit dem merkwürdig gekrümmten Schnabel den Felsrand und schafften sich durch die Flossen eine weitere Stütze. Während die Welle die sie hoch oben im Trockenen abgesetzt hatte, absloß, klammerten sie sich fest an den Stein und kletterten dann in aller Ruhe an Land. Jedes einzelne Mal erwischten sie unfehlbar jene sprichwörtliche siebente Welle, die weitergelangte als die anderen, und schienen damit dann nicht im mindesten zu fürchten, daß auch die nächste sie erreichen könnte — ein weiteres seltsames Beispiel von der „wissenschaftlichen Bildung" dieser außerordentlichen Geschöpfe, wie man meinen möchte. Fünfzehntes Kapitel. Parias. — Schwarzkopf und Weißkopf. — Ein kleiner Albino. Die grausame Natur. — Ein tragisches Ende. Jeder, der ein englisches Knabeninternat alten Stils kennt, weiß, wie schlimm es dort kleinen Jungens erging, die nicht alles und jedes genau so machten wie alle andern — zum Beispiel tinem musikalischen Kind in einer Schule, wo nur Fußball- und Kricketspieler etwas galten, oder einer Leserätte, die nichts Besseres wußte, als in der Ecke zu sitzen und Gedichte zu lesen, während alle anderen nur daran dachten, „Betrieb zu machen". Der Kerl war natürlich ein „Kaffer" und wurde wahrscheinlich „links liegen gelassen"; wenn man sich auch in der Hauptsache nicht an ihn kehrte, war es doch an der Tagesordnung, chn $u foppen und zu schikanieren. In den heutigen Schulen soll es allerdings anders fein, wie ich höre; die Jungens sind jetzt vernünftiger. Auf der Insel der Pinguine aber, wo der moderne Geist wenig Fortschritte gemacht hat, sind auch jetzt noch Ausnahmen von der allgemeinen Pinguinregel genau so verpönt wie jene vom geheiligten Muster abweichenden kleinen Jungens in der Schule unserer Jugend. Das heißt, sie werden gemieden, sind freundlos, und jeder kühlt sein Mütchen an ihnen. Natürlich besteht bei den Pinguinen splch verbotene Abnormität nicht in einer besonderen Geistesrichtung, sondern in körperlichen Abweichungen; gewöhnlich ist sie eine Frage der Färbung Die Zeichnung der normalen Pinguine ist fast durchweg dieselbe. Die „hochgegllrtete schwarze Schärpe", die unter den Flossen durch und über die Brust läuft, ist zwar in manchen Fällen breiter als in andern: zuweilen geht sie gerade querdurch, zuweilen macht sie einen Bogen nach oben ober nach unten. In der Kopfzeichnung machen sich gleichfalls Verschiedenheiten bemerkbar, doch sind sie meist so geringfügig, daß es sozusagen unmöglich ist, lediglich danach zwei Vögel zu unterscheiden. Und auch gegen Phantasiewesten bestehen keinerlei Elnwände; dieser Brust- schmuck wird von schwarzen Flecken gebildet, die unregelmäßig über das weiße Gefieder verstreut sind. Abgesehen von diesen drei individuellen Merkmalen aber entspricht so gut wie jeder Pinguin auf der Insel dem einen Modell. Man darf sich daher wohl nicht gar so sehr wundern, daß die, wenigen Vögel, die eine Ausnahme bilden, allgemein unbeliebt sind. Drei solcher „Parias" waren zu meiner Zeit auf der Insel, ein Vogel, der in jeder Hinsicht ganz normal war, nur daß ihm die weißen Federn zu beiden Seiten des Kopfes fehlten; ein zweiter, dessen schwarzer Rock am Genick plötzlich wie abgeschnitten war und einen schneeweißen Kopf freiließ; und schließlich — auffallender als diese beiden — ein reiner Albino. Sowohl der Schwarzkopf wie der Weißkopf hatten tatsächlich wenig von ihrem Leben. Keiner von beiden fand eine Ehegenossin; jedenfalls hätte keine Pinguindawe sich so vergessen, einen Mann zu nehmen, der von vornherein aus der guten Gesellschaft ausgeschlossen war. Denn über diese Vögel war ein für allemal der Bann verhängt. Ihre unmittelbaren Nachbarn schienen sie zwar mehr oder weniger zu dulden — was kann man auch anderes gegenüber etwas anrüchigen Nachbarn tun, die sich weigern, aus der Gegend fortzuziehen? — Sobald sie jedoch unter Fremde tarnen, mar die Sache anders. Ich sah, wie der unselige weißköpfige Vogel sich nicht mehr als hundert Meter weit von zuhause entfernte und sogleich wie ein Aussätziger behandelt wurde. Die andern Vögel „schnitten" ihn ganz einfach; die roher veranlagten, indem sie ihm schroff den Rücken wandten und wegstolzierten wie die Damen zu Queen Bictorias Zeiten, die ihre Röcke zusammenrafften, wenn sie an den Kindern der Gosse vorbeikamen, und die besser erzogenen, indem sie den Kopf so drehten, daß sie ihn einfach nicht sahen. Und dann und wann eröffneten ein paar ungezogene Junge eine offene Hetze gegen den armen Tropf und liefen ihm überallhin nach. Noch schlimmer wurde die Sache für ihn durch den Umstand, daß er ein ausnahmsweise großer Vogel war; inmitten einer Menge würde er sich in gewisser Weise durch vornehmes Aussehen ausgezeichnet haben, so allein aber und als Zielscheibe des allgemeinen Spottes sah er wie ein rechter Trottel aus. Auch gab ihm feine große Blässe, für menschliche Augen wenigstens, ein etwas blödes Aussehen. Er pflegte ganz allein umherzustolzieren, den Kopf in seinen langen Nacken zurückgeworfen, als wollte er sagen: „Ach, ich bin gar nicht so dumm, wie ich aussehe — wirklich nicht!" Dann schlossen sich ihm gewöhnlich ein paar Junge an und folgten ihm überallhin, genau wie Bauernlümmel, die den Dorftrottel hänseln — bis er sich schließlich, jedenfalls weil er es nicht länger aushalten konnte, plötzlich umdrehte und ihnen die Stirn bot. Dann schloffen sich meist noch ein paar Vögel der Verfolgung an, indem sie im Halbkreis um das unglückliche Opfer Aufstellung nahmen und es anstarrten, bis es nicht mehr aus noch ein wußte. War aber schon das Dasein des weißköpfigen Pinguins wenig beneidenswert, so erging es dem Albino noch schlimmer. Albinopinguine kommen so selten vor, daß man sie eigentlich als unbekannt bezeichnen kann. Ich jedenfalls habe nie von einem zweiten solchen Vogel gehört. Und nun war hier dieses unglückselige Geschöpf, das von anscheinend normalen Eltern stammte und — ein Gegensatz, der alles nur noch viel schlimmer machte — einen vollkommen normalen Bruder hatte! , . Man kann sich die Bestürzung vorstellen, die seine Ankunft hervorrief. Da lagen nun zwei Eier nebeneinander, die aussahen wie alle andern Eier und von denen das eine ordnungsgemäß ein hübsches graubraunes Kücken ans Tageslicht entließ — und dann brach drei Tage später das zweite Ei entzwei und enthüllte dieses unerhörte kleine Wesen in seiner fleckenlosen Weiße! Sicherlich konnten sich seine Eltern keinen Vers auf die Sache mache». Selbst wenn bet den Pinguine» die Möglichkeit einer ral Diese herumliebelnden jungen Pinguine wandern von Nistloch zu Hoch und schauen in jedes hinein um zu sehen, ob Aussicht auf eine (Schluß folgt.) Nistloch und schauen in jedes hinein um zu sehen, ob Aussicht auf eine freundschaftliche Annäherung vorhanden ist. Und da nicht nur das männliche Geschlecht solch jugendlichen Anwandlungen ausgesetzt ist, sind manche der Damen, während sie allein das -aus zu hüten haben, nur zu erfreut über eine kleine Abwechslung im Einerlei des oft etwas langweiligen Tageslaufs. Sobald sie sehen, daß sich ein Schnabel und ein Kopf über den Nestrand beugt, antworten sie, indem sie den Hals recken (was stets ein Zeichen der Erregung, wenn nicht gar der Leidenschaft zu sein scheint) und dem Besucher ins Auge blicken. Als die Mutter endlich heimkehrte, herrschte eine Freude im Nest, die alle die Wartestunden vergessen lieh — denn sie galt nicht nur der Mutter, sondern zugleich dem guten Abendessen, das sie mitbrachte. Und doch konnte ich mich beim Anblick dieser Mutier nicht des Gefühls erwehren, dah hier eine wirkliche Tragödie bevorstand, wie sie nur zu oft die Nestlinge der Insel besällt. Trotz des trübseligen Daseins, zu dem sie sichtlich verdammt waren, waren beide Brüder wohlgenährt, und ich hatte daher angenommen, dah auch die Alte in guter Perfassung sein müsse. Doch als ich sie erblickte, sah ich, daß das nicht der Fall war. Im Gegenteil — sie stand unmittelbar vor dem Mausern. Jedenfalls war der Bater erst ein oder zwei Tage vorher eingegangen Doch obwohl ich gleich den böiden Kücken annahm, daß der näherkommende Pinguin die Mutter sei, zeigte es sich alsbald, dah wir uns alle drei geirrt hatten. Voller Zuversicht liefen schwarzer Bruder und weiher Bruder vorwärts, bis sie auf einmal zögerten und schließlich stehen blieben. Und der Pinguin, dem sie mit so ersichtlicher Willkommensfreude entgegengeeilt waren, wollte eben an ihnen oorbeistolzieren — da bemerkte er plötzlich das greuliche Weiß, machte Holt, und hackte isch mit dem Schnabel hin, ehe er weiterging. Boll Schreck und Enttäuschung rannten die Kücken wieder nach Hause und mehrere Minuten verstrichen, ehe sie sich von neuem hervorntagten. Endlich aber tarnen sie doch wieder heraus, denn mittlerweile mußte ihre Angst wohl aufs höchste gestiegen sein. Wir wissen ja alle, was es für Kinder bedeutet, alleingelassen zu werden. Eine Zeitlang macht es richtigen Spaß. Dann aber, wenn Stunden verstrichen sind, ziehen die Minuten sich endlos hin und die Zeit scheint überhaupt nicht mehr vom Flick zu rücken. Sehnsüchtig spähen die Kleinen die Straße entlang und sehen in jeder nahenden Gestalt die heimkehrende Mutter. Genau so war es mit diesen beiden Pinguinkücken, nur daß für sie die Sache dadurch verschlimmert wurde, daß jedermann nach ihnen schnappte. Der kleine Albino hatte auf der ganzen Welt keinen Freund außer seiner Mutter und dem getreuen Bruder — der, wie ich bemerkte, immer als letzter ins Nistloch zurückging und als erster wieder hervorkam, ganz als wolle er jede drohende Gefahr erkunden und den kleinen Paria beschützen. naturgeschichtlichen Ueberlieferung sozusagen „von Flosse bis Schnabel' s bestanden hätte, wäre wohl nirgends etwas von einem solchen Vorfall verzeichnet gewesen, denn während Generationen hatte die Insel Zweifel I los keinen andern Albino gesehen. Wahrscheinlich hosften die Alten, nachdem sie ihren ersten schrecken überwunden hatten, daß sich die Sache mit der Zeit ausgle,chen und das Gesieder des Albinos zugleich mit dem braunen seines normalen Bruders ins Schwarzweiße übergehen würde. Dos aber geschah nicht. Weiß war er und weiß blieb er, und er wie seine Eltern mußten sich damit abfmden, daß er von allen andern Pinguinen verschieden war — ein Paria. / Was das während der paar Monate seines 'Daseins für den armen Keinen Kerl bedeutet haben muß, wurde mir schon das erstemal klar, als ich ihm begegnete. ,, ., , , Zunächst hatte ich keine Ahnung, was mit ihm los war; uh sich nur von weitem ein kleines weißes Geschöpf, von dem ich nicht wußte, was es war. Bevor ich mich nähern konnte, war er verschwunden.-Erfolglos suchte ich ihn in sämtlichen Nistlöchern der Nachbarschaft und setzte mich bann hin in der Erwartung, er werde von selbst wieder aus irgendeinem besonders tiefen Nest hervorkommen, wo er sich >ebenfalls versteckt hatte. Nach zwanzig Minuten erschien ein zu drei Merteln ausgewachsenes Junges — ein in jeder Beziehung normaler Pinguin — und unmittelbar hinter ihm der kleine Albino. ... ~ t „ Er war schneeweiß — nicht eine einzige schwarze Feder sah ich an ihm — und nur aus feiner Körpergestalt ging hervor, daß er überhaupt ein Pinguin war. -. Die beiden Brüder kletterten mit dem Rücken gegen mich aus dem Nest und blieben einen Augenblick auf dessen Rand stehen. Dann drehten sie sich um, sahen mich in der Nähe sitzen und flüchteten sofort wieder ins Nest zurück. Sie wagten sich nicht wieder hervor, solange ich sitze« blieb. So tat ich, was ich stets zu tun pflegte, wenn ich wild lebende Tiere beobachten wollte — nur auf der Insel der Pinguine war es noch nie nötig gewesen —: ich baute mir ein „Versteck". In der Hauptsache stellte ich es durch Ausheben einer Grube her; diese deckte ich dann mit Gesträuch und lieh nur gerade soviel Platz frei, daß ich mich hmein- tauern und durch die Zweige hindurchlugen konnte. Kurz darauf äugten die Pinguine wieder aus dem Nest hervor, blickten sich argwöhnisch um und gewahrten das Versteck. Etwa eine Minute-betrachteten sie es unverwandt, fanden aber wohl schließlich, dah es nichts Schlimmes damit auf sich habe und sie sich ruhig Hinausfrauen könnten. Da standen sie nun, reckten ihre Flossen und schauten ängstlich rneer- roärts. Ersichtlich erwarteten sie von dorther jemand, und'ich begann zu ahnen, warum die Alten sie beide zugleich verlassen hatten. Wie sie so warteten, watschelten zwei ausgewachsene Pinguine vorbei, und wie m einer Art selbstverständlicher Aufwallung schnappten beide nach dem Albino. Noch mehr Pinguine kamen vorbei, alte, junge, auf der Suche nach Zweigen oder auf dem Weg zum Strande. Und jeder einzelne schnappte im Borübergehen nach dem Albino. Darin lag nicht nur fo was wie „Geh mir aus dem Weg, du!", sondern alle schienen es,als eine Art persönlicher Beleidigung zu empfinden, dah fo ein Paria sich erdreistete einen Platz auf der Erde ober doch jedenfalls in einem so auserlesenen Teil wie der Pinguininsel für sich in Anspruch zu nehmen. Nach jedem Zuschnappen schnellten die beiden kleinen Pinguine nach dem Nest zurück. Der weiße schien überhaupt fast dauernd so dazustehe«, als wisse er genau, was ihn erwarte, und sei jeden Augenblick bereit, die Flucht zu ergreifen. Immer wieder aber kamen sie zurück, so sehnsüchtig verlangte es sie nach dem Anblick dessen, de« fie erwarteten. Meine Ahnung, wer das sein mochte, wurde bald darauf bestätigt, als die zwei Kücken plötzlich auf ein ausgewachsenes Pinguinweibchen zurasten, das sie von weitem vom Meere heraufwatscheln sahen, Die unglücklichen Tierchen waren vaterlose Waisen, und darum muhte die Mutter sie allein im Nest lassen, während sie auf Nahrungssuche ging. und hatte BTs dahin für gehörige Ernährung der Kücken gesorgt. Bis wahrscheinlich ein Haifisch all seinem Mühen ein Ende bereitet hatte Nun hing alles an der Mutter — und diese vermochte allem Augen- schein nach die beiden Jungen nicht mehr lange richtig zu ernähren. \ Nach wenigen Tagen bestand kein Zweifel mehr darüber, daß die Tragödie unabwendbar' war. Die zwei Nestlinge — vor allem der Albino — zeigten Symptome von Hunger: die kleinen Bauche waren bereits so eingezogen, daß die Beine der Vögel viel länger erschienen als gewöhnlich. Und was ich gesehen hatte, war auch von den Pinguinen der Nachbarschaft beobachtet worden, von denen die fauleren sofort bereit waren, fremdes Mißgeschick zum eigenen Vorteil auszunutzen Schon hielt sich ein anderes Pinguinpaar m der Nahe, um den Zeitpunkt abzupassen in-dem die Mutter das Nest nicht mehr benützen wurde, und es dann selbst in Besitz zu nehmen. Sicher würden sie gar nicht erst abwarten, dah die Jungen eingingen; das war ja nur eine Frage von .wenigen Tagen, und Nestlinge, die am Verhungern sind, können weder sich selber noch ihr Heim verteidigen. ■ Gerade um diese Zeit blieb der Mutteroogel etwas langer aus als gewöhnlich, und ich begann schon zu fürchten, er werde überhaupt nicht mehr zurückkehren. Dasselbe dachten die diebischen Nachbarn, und so wurden sie sehr geschäftig. Ich sah sie fast bis zum Rand des Nestes vor- stoßen — da griff ich ein, jagte sie davon und hielt sie m einiger Ent- fernunq Ich schien gut daran getan zu haben, denn an jenem Abend kam die Alle zurück und fütterte ihre Jungen — zwar war es kein üppiges Mahl, aber doch ausreichend, um den Tod noch em wenig länger in Schach zu halten. . Damals machte ich die Beobachtung, daß der schüchterne Albino, der stets vor seinen unfreundlichen Nachbarn gleich dgs Hasenpanier ergriff, wenn er sich mit seinem Bruder allein wußte, ganz keck und verwegen wurde, sobald die Alte im Nest war. Er schnappte sogar zuruck, wenn andere Pinguine im Vorbeigehen voll Verachtung nach ihm ^schnappten. Wagt mit nur nicht nahe zu kommen, Mutter ist zuhause , schien er bann zu lagen, während er mutmaßliche Diebe und andere schwankende Gestalten 'tapfer von der Nisthöhle zurückschlug. Am nächsten Morgen schien das Tierchen etwas kräftiger, und ich sah, wie es aus dem Nistloch hervor einen Schmetterling öst erhaschen suchte. Und es war angesichts der drohenden-Katastrophe wirklich rührend mit anzusehen, wie treue Freundschaft der braune und der weiße Nest- I ling miteinander hielten, jo dah ich aufrichtig wünschte, he mochten am Leben bleiben und aufwachsen. Dazu aber war eigentlich von Anfang an keine Hoffnung. Die Kucken schwanden einsach langsam dahin. Schließlich blieb ihre Mutter so lange aus daß ich sicher war, das Mausern verhinderte ihre Rückkehr Und nach einer Weile wackelte der Albino ohne seinen Bruder, der wohl schon zu schwach war, mitzukommen, zum Meere hinab, um sie zu suchen. Wäre er kein Albino gewesen, so hätte vielleicht noch ein leiser Hoffnungsschimmer für ihn geblinkt; er hätte sich vielleicht einer andern ■ Familie anschliehen und etwas Nahrung erhaschen können. Doch für einen Albino war das aussichtslos. Ich fand ihn an seinem Sterbetage am Strande — bis zum letzten Atemzug ein Paria, den alle anstarrten und nach dem jeder Vorüberkommende feindselig schnappte. In der Erwägung, daß es besser für ihn wäre, zuhause zu sein, im Fall die Alle doch noch zurückkehrte, ergriff ich den ausgehungerten kleinen Kerl, der fast gar nichts mehr wog, trug ihn zum Nest zurück und legte ihn neben den toten Körper seines Bruders. Doch das war umsonst. Als der Morgen kam, war er verschwunden. Er hatte sich wohl noch einmal aufgemacht, die verlorene Mutter zu suchen, und in der Hoffnung auf Nahrung der allgemeinen Verachtung Trotz geboten. Er kam nicht mehr zurück. z Sechzehntes Kapitel. Don Juans und Gecken. — Ein Schwerenöter. Percy der Unwiderstehliche. — Eine Tracht Prügel. Schon in einem früheren Kapitel erwähnte ich einen Typ unter den Pinguinen, dem die rechte Achtung vor der Unverletzlichkeit der Ehe abgeht und der kein Bedenken trägt, das Glück eines friedlichen Heims zu gefährden. Er ist nicht sehr häufig auf der Insel der Pinguine. Ehescheidungen (ober der damit vergleichbare Vorgang) scheinen selten vorzukommen, und wo sie drohen, wird der Streitfall auf die gute alte Art ausgetragen — bas heißt durch einen Zweikampf, als dessen Preis di« Gunst der Dame winkt. Doch genau wie bei uns gibt es neben solchen, die dem Trieb ihres Herzens folgend alles auf eine Karte fetzen, auch männliche Wesen auf der Insel, die sich gern ein wenig mit der Frauenwelt vergnügen, aber geschwind den Rückzug ergreifen, sobald die Sache anfänat, brenzlich zu werden. Wir kennen ja alle die jungen Männer, die das Londoner West- enb unb bie Bummelstraßen jeder Großstadt zieren, an den Ecken herum- lungern und jedem Mädel, das nicht ausgesprochen häßlich ift verliebte Augen machen. Ganz ebenso schneiden auf der Pinguininsel manche Vögel jeder Dame, die sich vielleicht zeitweilig ein wenig vereinsamt suhlt und daher einer Annäherung zugänglich ist, ohne ernstere Absichten die Cour. Rückblick. Don Edu.ard Mörike. Bei jeder Wendung deiner Lebensbahn, Auch wenn sie glückverheißend sich erweitert Und du verlierst, um Gröhres zu gewinnen, — Betrofsen stehst du plötzlich still, den Blick Gedankenvoll auf das Vergangne heftend; Die Wehmut lehnt an deine Schulter sich Und wiederholt in deine Seele dir, Wie lieblich alles war, und daß es nun Damit vorbei auf immer seil — Auf immer! Ja, liebes Kind, und dir sei unverhohlen: Was vor dir liegt von künft'gem Jugendglück, Die Spanne mißt es einer Mädchenhand. Doch als ward des Lebens Ordnung uns Gesetzt von Gott; den schreckt sie nimmermehr, Der einmal recht in seinem Geist gefaßt, Was unser Dasein soll. Du freue dich Gehabter Freude; andre Freuden folgen, Den Ernst begleitend; dieser aber sei Der Kern und sei die Mitte deines Glücks. Oer Iigeunerbaron. Von Selma Lagerlöf. Seit mehreren Tagen wütete ein fürchterliches Schneegestöber, und während sich seine kleine gelbe Schindmähre langsam durch die Schneewehen in der Allee, die zum Herrenhause von Hebeby führte, hmdurch- arbeitete, träumte sich der arme Zigeunerbaron vielleicht in feine Jugend zurück Vielleicht meinte er, wieder ein Junge auf dem Heimwege von der Schule in Karlstadt zu sein, und dachte, die beiden stattlichen Eltern wurden aus der Schwelle stehen, um ihn willkommen zu heißen. Er dachte, die Diener würden dahergestürzt kommen, um ihn von Fußsack und Schlittendecke zu befreien. Eifrige Hände würden ihm den Pelz abnehmen, ihm die Mütze vom Kopse ziehen und ihm die Gamaschen aufknopsen. Die Mutter würde ihn nicht rasch genug seines Mantels entledigt sehen, um ihn zu umarmen, ihn hinein an das im Kamin lodernde, wärmende Feuer zu führen, ihm brühheißen Kaffee einzuschenken, um schließlich, ihn nur mit den Augen verschlingend, ganz still bei ihm zu sitzen. An solchen Tagen ist sogar die Ankunft eines Zigeunerbarons ein großes Ereignis, das von Zimmer zu Zimmer mitgeteilt wird, und schon während die kleine gelbe Schindmähre durch die Allee daherkroch, wurde Baron Adrian mitgeteilt, welch ein Gast sich seinem Hause näherte. Doch — als Baron Adrian dann mit seiner abweisendsten Miene auf die Schwelle trat und sich darauf vorbereitete, seinem Bruder einen Empfang zuteil werden zu lassen, nach dem dieser weder einen Scherz noch einen Widerspruch wagen würde, sah er, daß Göran, dieser verachtete Tagedieb, dieser verlorene Sohn, der sein ganzes Leben lang nur Schande und Schmach über die Familie gebracht hatte, diesmal nicht in Gesellschaft von schwarzäugigen Zigeunerbälgen ober häßlichen Bettelweibern daher- aefahren kam, sondern gerade mit dem, was er, Baron Adnan, sich mehr als irgend sonst etwas auf der Welt wünschte, was ihm aber, ihm, dem Getreuen und Gerechten, versagt worden war. . Und es war nicht etwa irgendein unterschobenes Kmd, das der zerlumpte Landstreicher mit dem zerrütteten Galgenvogelgesicht jetzt aus den Lumpenbündeln des Zigeunerschlittens herausholte, dazu glich es zu sehr dem Porträt des alten Barons, das über dem Sofa im Salon auf Hebeby thronte. Baron Adrian erkannte das freundliche, verfeinerte Antlitz nut den großen, träumerischen Augen, die er so oft bewundert hatte. Nicht genug, daß der Bruder einen Sohn hatte, nein, auch der von den Stammmüttern ererbten Schönheit, die keiner seiner Töchter zuteil geworden, konnte sich das Bettelkind rühmen! . „ . ... Aber in diesem Augenblick war es nicht gut beschaffen mit dem letzten Löwensköld. Als ihn ber Vater jetzt aus dem Schlitten hob, hmg er ihm fast besinnungslos im Arm, die Augenlider sanken herab, Hande und Wangen waren blaugefroren. ... , ... Baron Adrian kam nicht dazu, den Bruder mit einigen heftigen Worten vom Hofe zu weisen; denn als dieser mit dem Kinde auf dem Arm näher trat, las Baron Adrian eine zögernde Frage in dessen Blick, unb . da vergaß er alles, was er selbst des Bruders wegen zu leiden gehabt, er oergtif) auch alle bie Sorgen, bie ®öron ben Ellern bereitet ijctte, und er machte die Pforte des Hauses weit auf Doch weiter als in die Halle ging Goran Lowenskold nicht. Als der Bruder auch die Saaltür ausmachte unb Göran das flackernde Feuer tm Komin, die Möbel unb Wanbbehänge sah, die er von seiner Kindheit her kannte, blieb er stehen "und schüttelte den Kopf. „Nein", sagte er, „dies hier paßt nicht für mich. Ich gehe nur bis hierher. Aber vielleicht willst du dich um das Kind annehmen? Baron Adrian nahm das Kind wie einen kostbaren Schatz in Empfang und begann sofort den kleinen Körper zu reiben unb zu kneten, um ihn warm zu bekommen. Er rief kein weibliches Wesen zur Hilfe herein Er wußte zwar, baß das später geschehen mußte, aber in diesen ersten Augenblicken wollte er das Kind für sich allein haben. Unb ganz hastig legte er seine bärtige Wange liebkosen!) an die kalte, schmutzige Ext sieht unferm Vater so sehr ähnlich", sagte er mit etwas unsicherer Stimme. „Du b'ift glücklich, Göran, bu hast einen Sohn " Als Baron Göran sah, wie sein Bruder das Kmd an sich druckte, hätte er wissen müssen, daß der Besitzer von Hedeby bereit war, ihm bis zu seiner letzten Stunde Nahrung unb Obbach zu gewahren, nur weil ber Brüber so glücklich war, einen Sohn zu besitzen. Unb uberbtes • hätte er wissen können, von nun an würbe sein vornehmer Bruber mit seinen Possenreißereien, seinem Leichtsinn, seinem Kartenspielen, seiner bork ankam, um na< geben Später am Vormittag jeboch kamen ein paar Bauern, oie nur dem Wegschaufeln bes Schnees auf ber Lanbstraße beschäftigt gewesen waren, nach Hebeby unb teilten Baron Abrian mit, baß man seinen Bruber, ben Lanbstreicher, in einem Straßengraben tot aufgefunben habe. Wahrscheinlich sei er in ber Dunkelheit in ben Graben hsnemgeraten, ber Zigeunerschlitten sei umgestürzt, und er habe wohl nicht die Kraft gehabt, sich von dem Schlitten zu befreien, sondern sei unter ihm im Graben liegengeblieben unb erfroren. „ Nirgends konnte es leichter geschehen, in Dunkelheit unb Schnee, qeftöber ben Weg zu verlieren, als auf ber gleichmäßigen Ebene um diö Bro er Kirche her. Es schien also burchaus nicht unmöglich, daß Goran Löwensköld, der Zigeunerbaron, durch einen Unglücksfall umgetom, Trunksucht Nachsicht haben, ohne ihm je wieder esii vorwurfsvolkes Molch 3U Aber trotzdem schien Göran keine Lust zum Bleiben zu haben, sondern wendete sich dem Ausgange zu. .... „Du wirst wohl begreifen, daß ich nicht hierhergekommen wäre, wenn mich nicht die Not dazu gezwungen hätte", sagte er. „Wir sind sh lange im Schneegestöber herumgefahren, daß er mir fast erfroren ist. Ich mußte hierher, sonst wäre er vollends umgekommen. Man erwartet mich in der Propstei, ich habe Arbeit dort und fahre jetzt dahin. Ich tomnr und hol' ihn wieder ab, sobald dieses schreckliche Wetter vorüber ist. Als Göran dies sagte, hatte er schon die Hand auf die Türklinke gelegt. Boron Adrian gab nicht sofort Antwort. Vielleicht hatte er nicht einmal gehört, was der Bruder sagte, so vollständig war er von dem Kinde hingenommen. „Sieh doch, Göran, seine Hände sind ganz starr vor Kalte! Wik müssen ihn mit Schnee reiben. Hol' ein wenig herein!" . Göran Löwensköld murmelte undeutlich etwas, das rote ein Dank und ein Abschiedsgruß klang, und öffnete die Tür. Baron Adrian glaubte, er werde Schnee holen, wie er zu ihm gesagt hatte. Doch nach em paar Augenblicken horte er Schellengeklingel, und als er hinausfchaute, sah er den Bruder auf und davon fahren. Er peitschte auf die gelbe Mahrö los, diese jagte in voller Fahrt dahin, und der leichte aufroirbelnbe Schnee umgab sie wie eine Staubwolke. . Baron Adrian verstand den Bruder, in diesem Hause gab es so vieles, was chmerzlich für ihn war, und so verwunderte er sich nicht übet dessen Flucht. Im übrigen beschäftigten sich seine Gedanken nur mit dem Kinde. Er holte selbst Schnee herein, um in bas erfrorene Gesichtchen unb in bie Hänbe bas Leden zurückzurufen, unb schon währenb er biefes tat, fing er an, Pläne für die Zukunft zu schmieden. Niemals sollte der letzte Löwensköld dem Bruder zuruckgegeben roert ben, um unter seinen wilden Kameraden aufzuwachsen! Was Göran Löwensköld im Sinne hatte, als er von Hedeby fortfuhr, ist nicht leicht zu sagen. Möglicherweise wollte er in einigen Stunden roiebertommen, um bas Kind zu holen unb gleichzeitig Gelegenhett zu haben, sich an ber Wut feines Brubers zu ergötzen, weil bieser sich noch einmal hatte von ihm überlisten und betrügen lassen. Noch wahrens er vom Hofe weg fuhr, brach er in ein schallendes Gelächter aus bet bem Gedanken, wie ber Bruder seine Wange an die des Bettelkindes gelegt und wie stolz er den neuen Erhalter des Namens und des Geschlechts auf den Arm genommen hatte! Aber woher es auch kommen mochte, Goran Lowenskolds Lachen hielt nicht lange an. Die schäbige Pelzmütze tief in die Stirne herein- gezogen, saß er auf seinem ärmlichen Schlitten und fuhr dahin, ohne darauf zu achten, wohin. Tiefe, sonderbare Gedanken stiegen in ihm auf, Gedanken, die sofort ins Werk gefetzt sein wollten. In der Broer Propstei, die er als Reiseziel angegeben hatte, traf et jedenfalls nicht ein. Als am nächsten Morgen ein Bote von Hedeby >ch ihm zu fragen, konnte niemand Auskunft über ihn Vormittag jedoch kamen ein paar Bauern, die mit Man brauchte gewiß nicht zu glauben, er habe den Tod freiwillig gesucht, damit fein Kind in dem guten Zufluchtsort, ben er tym m einem Anfall feines gewohnten boshaften Humors verschafft hatte, bleibert Er war ein nahezu verrückter Mensch, bieser Göran Löwenskölb, und es ist sicherlich nicht leicht, seine Hanblungsweise recht zu erklären. Aber man wußte ja, daß er mit einer geradezu rührenden Liebe dieses sein jüngstes Kind umfaßt hatte. In dessen Antlitz hatte er die ßoroenftoltb schen Familienzüge roiebergefunben, unb er bachte wohl, bieses Kmd gehöre ihm auf anbere Weise, als bie schwarzäugigen Zigeunerkinder, bie zuvor um ihn herangewachsen waren. So bürste es nicht ganz unmöglich sein, baß er sein Leben hingab, um biefes Kmb vor Armut und G1Cms5er 'nadj^bebi) fuhr, hatte er wohl an nichts anderes gedacht, als seinem vortrefflichen Bruder, der sich in Sehnsucht nach Söhnen verzehrte, einen lustigen Streich zu spielen. Als er sich aber bann innen hQ(b der Wänbe ber alten Heimat befanb, als er gesuhlt hatte, wie Rechtschaffenheit, Sicherheit unb Wohlwollen ihm entgegenftromten, ba hatte er sich gesagt, sein innigster Wunsch wäre erfüllt, wenn biefes sein jüngstes Kinb, bas einzige, bas so recht sein eigenes war, bableiben dürste, unb er müsse feine Reise so einrichten, baß er nie wieberzukom- mE aiber^eman'b weiß" wie es sich in Wirklichkeit verhielt. Das Leben beuchte ihm wohl kein so kostbares Gut, daß er zögern müßte, es von - sich zu werfen. Vielleicht war es ein langgenafjrter Wunsch, der setzt zur Ausführung kam. Vielleicht war er froh, einen endgültigen Vorwand für die Tat gefunden zu haben, die er bis jetzt aus Gleichgültigkeit oder -? um »°ch im »u-.Mick d-- Todes, seinem einzigen Bruder, der es immer verstanden hatte, sich auf der rechten Seite des Lebens zu halten, einen neuen Po sen spielen zu können. Vielleicht bereitete es ihm Vergnügen, ihn em letztes Mal anzu- führen. Verzogen sich vielleicht seine Lippen zu einem letzten spöttischen Lächeln bei dem Gedanken, daß das Kind, das er dem Bruder m die Arme gelegt hatte, auch nur ein Mädelchen war, in einer Verkleidung, bie ihm bie Tür ber Elternheimat erschlossen hatte? perlmufferfi’opf und Schnupfdöschen. Einer wahren Begebenheit nacherzählt von HeinrichHauser. Kapitän Fitz-Roy"-— seit 1830 Kommandant des Expeditionsschiffes „Beagle*1, seinerzeit auf einer Vermessungsreise um die Welt — war ein besonders vielseitig gebildeter Seeoffizier, ein wundervoller Optimist, ein unerschütterlicher Menschenfreund. Im vierten Jahr der Expedition — sie dauerte insgesamt zehn Jahre — wurden die Küsten und Buchten des Feuerlandes vermessen, dieser tiefzerrissenen Inselwelt in dem vielleicht unwirtlichsten Klima der Welt. Trotzdem lebten damals unb" (eben auch heute noch Eingeborene dort. Allerdings erheben sie sich nur wenig über den tierischen Zustand. Kapitän Fitz-Roy beschrieb sie, wie sie waren (und wie sie sind): „Ihre Leiber waren sehr lang, so daß sie in ihren Kanoes sitzend, den Eindruck riesenhafter Größe erweckten. Dagegen waren ihre Gliedmaßen sehr kurz, ja beinahe verkümmert. Die Stirn war niedrig, die Nase ziemlich groß mit weiten Nüstern, die Augen dunkel und vom Rauch der Herdfeuer entzündet, der Mund groß mit dicker Unterlippe, die Zähne mißfarbig. Ihr Gesichtsausdruck war roh und gefühllos. An Kleidung hatten sie nur ein Otter- oder Seehundsfell über die Schulter geworfen und vorn mit einer Sehne zusammengeschnürt: je nach der Windrichtung trugen sie es bald vorn, bald hinten, so daß die eine Körperhälfte immer nackt war. Trotz seiner Liebe für Rousseau hatte der Kapitän den Eindruck eines tiefumnachteten, elenden Volkes, und er schrieb in jein Tagebuch: „Es ist doch gar nicht zu verstehen, daß man immer die gleichen Tauschwaren mitbekommt, wie Glasperlen, Medaillen, Pulver und Angelgerät, während doch in einer Gegend wie hier das dringendste Bedürfnis bei so peinlicher Nacktheit offenbar Kleidung ist." Es sollte aber bald noch viel peinlicher werden: Nachdem nämlich die Wilden alle alten Lappen, alle Scherben und andere Geschenke eingeheimst hatten, nachdem sie ihre sämtlichen Bekleidungsfelle, Bogen, Pfeile und ihren Fischvorrat gegen solche Dinge eingetauscht hatten, verfielen sie — unersättlich wie sie waren — darauf, den Seeleuten auch ihre Weiber im Tausch gegen Knöpfe und Angelhaken anzubieten. Kapitän Fitz-Roy sah hier einen Fingerzeig des Himmels: es ließen sich vielleicht ein paar unerlöste Seelen reiten und mit dem Licht der Zivilisation erfüllen, indem man, wenigstens zum Schein, auf diesen unchristlichen Menschenhandel einging. Bei erwachsenen Feuerländern allerdings schien die Zivilisierung selbst für seinen Optimismus hoffnungslos zu sein. Aber er erstand einen elfjährigen Jungen für den Preis eines glänzenden Perlmutterknopfs und ein etwa zehnjähriges Mädchen für eine Schnupftabaksdose. Natürlich tauften die Seeleute den Jungen sofort „Jimmy Perlmutterknopf" und das Mädchen „Fuegia Schnupfdöschen" — ber- aparte Vorname bezog sich auf die „Tierra del Fuego“ die Heimat dieser Wilden. Es wird ausdrücklich erwähnt, daß die beiden die erste Bekanntschaft mit der Zivilisation durch ein gründliches Bad machten, zum Staunen und zum Schrecken des ganzen Stammes, der so etwas noch nie gesehen hatte. Im übrigen aber vollzog sich der Abschied von den Sieben und von der Heimat völlig unsentimental. Es folgte eine ebenso gründliche Bekleidung und dann, während der halbjährigen Heimreise, Unterricht im Gebrauch von Messer und Gabel und in den Änfangsgründen des christlichen Glaubens. Unerschütterliche, immer gleichbleibende Freundlichkeit war das ganz moderne Erziehungsprinzip des Kapitän?: es.zeigte sich aber, daß die Kinder genau so mit ihm experimentierten, wie er mit ihnen. Allerdings nicht nach dem gleichen, menschenfreundlichen Prinzip. So spie ihm Fuegia eines Tages ins Gesicht, nur um zu probieren, was wohl die Wirkung sein würde, und der Knabe Jimmy feuerte eine Muskete auf einen Matrosen ab, auf den er wütend war, zum Glück ohne Schaden anzurichten. London machte durchaus nicht den überwältigenden Eindruck auf die Wilden, den sich der Kapitän versprochen hatte. Seine Schützlinge ließen sich im Wagen durch die Straßen fahren, weder verwundert, noch furcht- erfültt- sie sagten keinen Ton, nur vor einem großen steinernen Löwen erschraken sie sehr, offenbar, weil sie ihn für lebendig hielten. Das Staunen, bas die Feuerländer nicht empfanden, war ganz auf feiten der Engländer. Sogar der König (William IV.) empfing sie im St.-James-Palast, und die Königin Adelaide beschenkte das Mädchen Fuegia mit einem. Hut aus ihrer eigenen Garderobe und mit einer reichen Wäscheaussteuer. Trotz dieser gesellschaftlichen Erfolge seiner Schützlinge war der Kapitän nur zu glücklich, als er sie einem Pastor aus dem Land in Pension geben konnte. Es fiel ihm ein Stein vom Herzen; Junggeselle, der er war, fühlte er sich der Erziehung an diesep Objekten immer weniger gewachsen. Inzwischen betrieb er mit der größten Energie die Ausrüstung einer zweiten Expedition; eine Haupttriebfeber war dabei der Wunsch, die beiden Feuerländer wieder in ihre Heimat zu bringen. Er war ein echter Menschenfreund, und er sah, daß sie in der Zivilisation verkümmerten. Im Dezember 1831 ging man in See, mit den mittlerweile herangewachsenen Feuerländern als Dolmetschern, mit Sämereien, Schafen und sogar mit einen» jungen Missionar, dem Bruder Matthews. Alles miteinander dazu bestimmt, bas Licht der Zivilisation und das Licht des Glaubens im „Ultima Thule" auszugießen. Aber ach: Jimmy Perlmutterknopf und Fuegia Schnupfdöschen, die zur jungen Dame heranreiste, waren nicht nur zivilisiert, sie waren sogar „zu fein" geworben. Als man nämlich zum erstenmal wieder auf Feuerländer stieß, da riefen die beiden wie aus einem Mund: „Das sind ja Assen und keine Menschen". „O pfui, die sind ja nackt", sagte Fuegia geschämig, und beide weigerten sich, die Sprache ihrer Landsleute zu verstehen ober zu übersetzen. Das sei alles so schrecklich gewöhnlich, erklärte« sie. Nach Wochen onterfe man endlich in der „Woolya-Bucht", der eigentlichen Heimat der beiden, und natürlich war bas ganze Schiff gespannt auf das Wieberfehen. Es war erschütternd nüchtern. Jimmys Mutter schaute kaum auf und fuhr fort, ihre Habe (Zunder, Feuerstein und ein Bündel Fische) in einen Korb zu verpacken, und Jimmys Brüder flauten ihm zunächst ein Taschenmesser. Nun wurde Bruder Matthews, der Missionar, ernsthaft gefragt, ob er denn wirklich in diesem oben ßanb unb unter biefen Milben treiben wollte. Ohne zu zögern, sagte er ja, was ihm tatsächlich alle Ehre machte. Trotzdem beschloß Fitz-Roy nach Abschluß der Vermessung in diesem Teil der Welt, nochmals nach der Woolya-Bucht zu kommen und nach ihm zu sehen. Es wurde also eine Hütte unter den übrigen Hütten des Stammes für ihn erbaut, die Matrosen legten einen Garten an, Jimmys und Fue- gias Sachen wurden an Land geschafft, zusammen mit reichlichen Geschenken für den ganzen Stamm, unb man nahm Abschieb. Das letzte, was man von Bord der „Beagle“ aus sah, war Jimmy, mit Holzhacken beschäftigt, Fuegia am Herdfeuer unb Bruber Matthews beim Umgraben im Garten; alle drei sauber, wohl und munter, ein freundliches, ein vielversprechendes Bild. Als die „Beagle“ nach fünfmonatiger Abwesenheit in die Woolya-Bucht tjineinfteuerte, waren natürlich alle Fernrohre auf die Küste gerichtet, aber zunächst wollte sich kein Leben zeigen. Endlich stießen zwei Sanoes vom Ufer ab. Vergeblich suchten die Offiziere nach den bekannten Gesichtern ihrer Freunde. Auf einmal rief der Kapitän ganz erschrocken aus: „Himmel, die tragen ja alle Fetzen von Fuegias Seibern." „Somisch", meinte ein anberer, „da sind zwei Wilde im Boot, die rudern nicht mit. Ob das wohl unsere Freunde sind?" „Unsinn", erwiderte Fitz-Roy, „die beiden sind ja genau so nackt mie alle andern." Aber die Gesichter tarnen der Mannschaft doch irgendwie bekannt.vor, unb als der eine Wilde grüßte, indem er so tat, als ob er die Hand an eine Mütze legte, da konnte kein Zweifel mehr bestehen: sie waren es: Jimmy und Fuegia. Als sie an Bord kletterten, erwarteten die Offiziere sie bereits mit auf- gehaltenen Mänteln, um soviel schamvolle Blöße zu bedecken. Beide waren sehr mager, ihre Augen waren entzündet von Feuerqualm, unb Fuegia Schnupfböschen war deutlich anzusehen, daß sie inzwischen nicht nur Frau geworden war, sondern auch im Begriff stand, Mutter zu werden. Aber sie waren nicht krank und bedauernswert, o nein: beide strahlten; es ginge ihnen ausgezeichnet. „Niemals besser gefühlt und, nein, sie hätten nicht den geringsten Wunsch, sich zu verändern. Viel Jagd, massenhaft Vögel, im Winter Guanakos und „zuviel" Fisch. Unb: „Ja, ein Paar seien sie inzwischen auch geworden ..." „Wo denn der Bruder Matthews sei?* „Oh, der sei an Land und sähe auf seiner Seekiste." „Warum er denn nicht mitgekommen wäre?" „Das ginge nicht; einer müßte immer auf den Sachen fitzen, fönst würde alles geflaut." Natürlich begab sich der Kapitän sofort an Land unb fand wirtlich den Bruder Matthews wie beschrieben auf feiner Seetifte sitzen, aber wie sah er aus: blaß, schmutzig, verhärmt, abgemagert, ein Bild des Jammers. Die Tränen liefen ihm über die Backen, als er ausrief: „Gottlob, daß ihr tommt, unb mich von diesem schrecklichen Heidenvolf erlöst." Es war ein trauriger Bericht, den der Bruder Matthews zu geben hatte. Saum war die „Beagle“ unterm Horizont verschwunden, da tarnen die Wilden, die sich bisher zurückgehalten hatten, in immer größerer Zahl in feine Hütte und machten aus ihm und feinen Sachen eine Art von permanenter Völterfchau. Zuerst faßten sie nur alles an, fragten nach allem und bettelten um alles, unb er gab, was er nur irgenb entbehren tonnte. Viele blieben den ganzen Tag in feinem Wigwam, und wenn er ihnen irgend etwas verweigerte, wurden sie wütend, sprangen auf, holten große Steine und schwangen sie drohend über seinem Sopf. Es war ein schreckliches Martyrium. Schließlich mußte er auf feinen Sachen sitzen, als einziges Mittel, damit sie nicht gestohlen,würden. Ja, ob er denn gar feine Hilfe an Jimmy Perlmuttertnopf und Fuegia Schnupfdöschen gehabt hätte? „Ach leider nein, ganz im Gegenteil." Sie waren zwar eine Weile bei ihm geblieben, aber wohl nur, weil seine Hütte die beste war. Cs begann ein Flirt zwischen diesen beiden Kindern der Natur, ein Flirt, den der arme Missionar trotz aller christlichen Ermahnungen aus nächster Nähe miterleben muhte, so daß ihm schließlich feine andere Wahl blieb, als rasch sozusagen eine Nottrauung vorzunehmen. Ja, tatsächlich Tag und Nacht hatte der Aermste feine Ruhe gehabt. Unter diesen Umständen beschloß Kapitän Fitz-Roy natürlich, daß Bruder Matthews nicht bleiben sollte. Matrosen packten seine Seetifte auf unb brachen sich in raschem Lauf Bahn durch das Spalier der Wilden, ehe diese sich von ihrer Ueberraschung erholt hatten. Der Abschied des Kapitäns von feinen Pflegefindern war entsagungsvoll. Immerhin schrieb Fitz-Roy in sein Tagebuch: „Vielleicht tommt doch etwas Gutes aus der Begegnung von Jimmy Perlmutterknopf und Fuegia Schnupfdöschen mit der Zivilisation. Vielleicht helfen einmal die Kinder meinet Schützlinge einem schiffbrüchigen Seemann aus der Not, weil sie von ihren Eltern gehört haben, daß die Weißen gute Menschen sind. Vielleicht bleibt doch in ihnen eine Ahnung von Gott unb von Menschlichkeit/ — Der Kapitän war eben ein unerschütterlicher Jbealist und Menschenfreund. Derintwortlich: Df. Hans Thhriot. — Druck und Derlag: Drühlsche UniversitStSdruckerei A. Lauge, Dietzen.