GietzenerZamilienbMer ________Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1958 ____________________Zreitag, den 9. Dezember Hummer 96 Der Kerzelmacher von M Stephan ein heiterer Liebesroman von Alfons o. Lzibulka Copyright by I. G. «rotta'fche Buchhandlung Nachfolger, Stuttgart 6. Fortsetzung. Brand schüttelte lachend den Kopf: „Was hast denn eigentlich. Wimmer? Erst halt mir den Kopf g'waschm, weil ich zu schnell ja g'sagt hab, und es ein Unglück geben könnt, und jetzt kannst es auf einmal nimmer erwarten—" Nach einer Weil« fügte er seufzend hinzu: „Was wohl morgen sein wird, Wimmer? Hast schon recht g'habt: ich hält nicht ß„sagen fallen — Aber weißt, fünfzigtausend Gulden sind halt ein önes Stück Geld. Ich hab ja nichts davon, aber di« List tät sich halt richtig in di« Wolle setzen — Ich weiß schon, was du sagen willst, Wimmer. Drum is ja so schwer." Nachdenklich ging Matthias Wimmer neben Brand, der ihn bis zur Straße begleiten wollt«, über die Stiege hinunter. Der Kerzelmacher tat ihm leid. Würde morgen eine schöne Bescherung werden, wenn der Sranzl mit der List redete! Aber was war da zu machen! Unten im oben sagte er: „Fährst also morgen wirklich zum Kirndorfer, Brand? Schad! Hab mir dacht, wir könnten wieder einmal musizieren. Is bald zwei Wochen her seit dem letzten Mal—" Katharina Vielgratterm, die gerade die Dielen von den Spuren von Wimmers Mandel säuberte, richtete sich ächzend auf: „Was, du fährst morgen nach Nußdorf? Seit wann machst denn du Landpartien, Brand?" „Der Kirndorfer hat uns halt eing'laden zum Mittagessen —" „Der Kirndorfer?!" Ein neues Rätsel stieg vor ihr auf Sie fragte verblüfft: „Ja, wieso kommt denn jetzt der Kirndorfer dazu?" „Warum denn nicht? Oder vergönnst es mir nicht, daß ich einmal ausspann. Ich sitz doch eh das ganze Jahr in der Werkstatt. Grad daß ich am Abend einmal aufs Schanzl oder auf die Schlagbrucken komm — Und wer weiß, vielleicht is auch für di« List ganz gut — Meinst nit, Wimmer?" Der Regenschori gab kein« Antwort. Er nickte nur leicht. Aufmerksam ah die Alte auf die beiden. Da stimmte was nicht. Aber Brand sprach chon weiter: „Brauchst also morgen nit kochen, Vielgratterin! Um elf holt uns der Kirndorfer ab mit sei'm Schlitten." So in Gedanken versunken verließ Matthias Wimmer den Wachs- zicherladen, daß er zehn Schritt ^von der Tür« mit dem Kopf gegen den Bauch des Dragoners rannte, der gerade mit seinem Korbe um die Ecke trabt« und wie em Dutzend ungarischer Wachtmeister zu fluchen begann. „ßeut gibt's!" sagte kopfschüttelnd der Soldat, als er feinen Korb auf di« Ladenpudel stellte. Dann griff er wieder nach Tüten und Schachteln. Gutgelaunt sah ihm die Vielgratterin zu. Heute ärgerten sie nicht einmal die Kerzen, di« er in seinen Einkaufskorb packte. Sie glaubte, den Sinn der Worte des Brand erraten zu haben: „Vielleicht ist's auch für die List ganz gut." War gar nicht dumm vom Brand. Hübsch war ja die List. Könnt schon fein, daß der reiche Kirndorfer Franz auf sie fliegt. Einen solchen Plan hätte sie dem Kerzelmacher gar nicht zugetraut. War halt ein stilles Wasser, der Brand! Da war der Dragoner mit seinem Einkauf fertig.- Er schob den Unken Arm unter den Henkel des Korbs, wischte sich mit dem Handrücken die Nase, fischte in der Hosentasche nach dem Gelde und meinte: „Morgen is Sonntag, Frau Vielgratterin, da komm ich gleich in aller Früh —* Die Alte lachte: „Morgen sperr ich gar nicht erst auf Morgen machen wir eine Landpartie —" „Was S' nit sagen, Frau Lebzelterin!" Der Soldat schmiß seinen Gulden hin und wandte sich zum Gehen. „Ja, wir sind nämlich nach Nußdorf eing'laden —* Dem Dragoner schien plötzlich etwas einzufallen. Er fuhr herum, als hätte fein Leutnant gerade „kehrt euch" kommandiert, und stellte den Korb wieder auf den Ladentisch: „Nach Nußdorf sagens? Zu wem denn?" Die Alte berichtete: „Vom reichen Kirndorfer in Nußdorf habens doch g'wiß schon g'hört. Ist der größte Weinhändler von Wien. Der ladt uns oft ein. Is ein alter Freund vom Herrn Brand. Und da holt er uns halt morgen wieder ab mit dem Schlitten, den Herrn Brand, die Lisl und mich —" „Wann denn, Frau Lebzelterin?" fragte der Dragoner unschuldsvoll und schnitt wieder fein Schafsgesicht. „Nach der Kirchen halt — um elf." „So, um elf!" Der Soldat unterdrückte einen Stegespfiff, riß den Korb von der Pudel, sagte „Gut Nacht, Frau Vielgratterin" und schoß zum Ladm hinaus. Eine Stunde später meldete er dem Leutnant von Rabenau: „Morgen Ä Uhr Abfahrt der Demoisell« Brand samt Vatter im Schlitten vorn Weinhändler Johann Kirndorfer nach Nußdorf!" Wie eine Patroullienmeldung gibt er das wieder. Dann schichtet er di« Lebkuchen und Kerzen zu einem neuen Turme im Schranke des Leutnants. Maria Theresia stiftete für ihr toben gern Ehen. Vielleicht well chre eigene so wohl geraten war. Wmn der Kaiser Franz diese Ehe auch manchmal auf eine harte Probe stellte, weil seine angeboren« Milde schonen Frauen gegenüber oft noch ein übriges tat. Vielleicht weil sie meinte, daß der Mensch nicht früh genug in dm Ehestand' kommen könne, da er sonst auf allerlei Allotria verfalle, di« sich für ein geordnetes Hauswesen nicht gehörten, als das sie ihr riesenhaftes Reich im Herzen Europas führte, zwischen dem Nordmeer und Sizilien, zwischen den österreichischen Niederlanden und den Sergen des Balkan. Sie wußte wohl, daß vor solchem Unfug und Allotria auch der Ehe- stand nicht immer bewahre. Das hatte ihr Gemahl ihr in dm zwanzig Jahren ihres eigenm schon vordemonstriert. Auch sonst hatte Maria Theresia in ihrem Hofstaat, im Adel, in der reichen Bürgerschaft davon schon allerlei Eremplare gesehen. Aber immerhin führten, wie sie meint«, diese Seitenpfade und -sprünge. für gewöhnlich, wmn auch auf allerlei Umwegen, wieder zu der von Gesetz und Moral gewollttn Straße zurück. So fügte sie ihren vielen landesmütterlichen Pflichten noch eine weiter« hmzu, und verhalf jungen Leuten, die ihrer Meinung nach nicht rasch genug ins Ehebett fanden, gerne zur Hochzeit. Keiner der jungen Kavalier« an ihrem Hof, in der Armee, auf den Landsitzen des Adels war vor dieser ehestistertschen Leidenschaft der Kaiserin sicher. Das war oft kein Spaß. Denn je weniger begehrenswert eine war, um so erpichter war die Monarchin darauf, sie unter dl« Haube zu bringen. Die Hübschen brachten ja das Heiratm schon von selber zuwege. Wenn sie irgendwo, beim Hofball, bei Audienzen, auf den adeligen Schlössern, die sie bei Festen, Jagden oder Revuen besuchte, ein Mädel sah, von dem sie fürchtete, daß es eine alte Jungfer werden könnte, begann sie schon ihr« Fädm zu spinnen. Was manchen jungen Kavalier vor die Entscheidung stellte, mit einem Frauenzimmer, das nicht gerade ein Meisterstück des Schöpfers war, den tobmsbunb zu schließen ober, wmn auch nicht gleich die Gnade, so doch das Wohl- wollm der Monarchin zu verlieren. Von dieser Leidenschaft des Ehefttftens ließ sie nicht mehr. Mitten in ihrer fleißigen Arbeit, zwischm zwei Akten, deren Inhalt sie verwarf oder auf di« sie ihr „placet“ schrieb, zwischen dem Kommen und Gehm zweier Minister, die einander die Türklinke ihres Arbeiis,Zimmers reichtm, zerbrach sie sich oft den Kopf, wer diese und jene heiratm, oder welches Fräulein der richtig« Chegespons fein könnte für dm jungen Dietrichstein, Auersperg oder Haugwitz. Auch heute tn der großen Konferenz geht chr in den Pausen der Reden und Gegenreden ein Komtessel durch den Kopf. Freilich nur wie ein rasch verwehender Klang. Denn um nichts geringeres handelt es sich heute, als wie man dem Potsdamer König tm kommenden Feldzug den Weg nach Wim verlegm solle. Darum kam sie heute selber, die Kaiserin. Ernst, aber Immer noch stattlich und schön, lehnt sie in spitzen- verziertem, silbergrauem Kleide in dem hohen Armsessel, der die Kaiserkrone trägt, am obersten Ende des langgestreckten Tisches, um den auf rotsamtmm Stühlen unter dem nach dunklen Kronleuchter in weißen, roten und grünen Röcken, tn Silber und Gold, di« hohm Generale sitzen: dazwischen in nüchternem Schwarz die Minister Letztes Tageslicht fällt durch di« hohm Fenster in dm weißgetäfelten, nur mit schmalen Goldleisten geschmückten Raum. Manchmal spiegelt sich eine weiße Perücke, ein sich neigendes Gesicht, ein funkelnder Ordensstern oder eine sich bewegend« Hand in der blitzenden Fläche des Tisches. Zur Rechten der Kaiserin sitzt in schlichtem, schwarzem Samt auf dem gokdm nur di« Kanzlerkette und das Goldene Vli«s funkeln von Burgund, der Staatskanzler Kaunitz. Hart ist fern schmales, scharfgeschnittenes Antlitz. Seine kalten, stahlblauen Augen sind rn di« Fern« gerichtet, rühm nur scheinbar auf dem verschnörkelten, weißschirmn-rnden Ofm in der Mitte der Wand, dessen krönmde Schale zwei Putten tragen. Zu ihrer tonten sitzt der ein wenig zu behäbige Marschall Daun, der Sieger von Kottn, Generalissimus ihrer Armem, feit sie nach Lmthm ihrem Schwager, dem Herrn Brüder Kari von Lothringen, das Kommando hat nehmen müssm. Der Winter geht zur Neige, wmn auch draußen zwischm dem grauen, lichtlosen Gemäuer des Burghofs noch die Flockm wirbeln. D«r Kronrat soll über 6en neuen Feldzug beschließen. Trotz dem Nuhme tas »ergangenen Sommers und Herbstes stehen die Dinge st't Leuthen MM aut. Wohl haben die Rußen, an die Kälte gewohnt, den Krieg auch im Winter geführt und ganz Preußen besetzt. Aber man hat auch NaMiM daß der König in Berlin sich um die Russen mcht schere und sich von 'seiner Opinion 'nicht abbringen lasse, daß die Oesterre-icher d»e gefährlichsten seiner Femde seien und als erste geschlagen werden müßteu Das ist für die Soldaten der Kaiserin eine Ehre, aber er- •XSÄ’Ä «ich, ».«,»«*.„, u» n.« ».n Kopf Kaunitz will sich erheben. Sie wehrt ihm mit einem sanften Druck ihrer Hand. Würde nur die Beratung stören, wenn em stder, den ße fragt, von seinem Stuhle schnellte. . .. h Sachlich, nüchtern, doch eindringlich und zwingend, nur hm und mteber einen Blick in seine Auszeichnungen werfend, gibt der Staats- Lier M Lage bekannt. Der kaiserliche Gesandtein Petersburg melde^ er habe verläßliche Nachrichten, es wolle der preußische König mit dem kommenden Frühjahr durch Schlesien und Mähren auf Wien rucken. Schon mit der Schneeschmelze wolle er aufbrechen. Eine leise Erregung geht durch die Sitzenden. Selbst den Aufmarschplan, die Ordre de Bataille und die Standesrapporte der brandenburgischen^lrmee kennt der Gesandtschastsbericht. Mag viel Geld gekostet haben!.^un es auch Kanaillen genug gibt in der Welt: gute Spione smd selten und lassen Wir&?nnf ertabt ?er ein zweites Solin." Der Marschall sagt es ohne "^Kaunitz" m'eint hochmütig: „Das wäre wieder, nur ein Sch°H ifesu König aber kein Matt. Kalin war superbe, aber Kolm war kein Zenta oder Belgrad." Manchmal schadete es nicht, diese kleine, dicke Exzellenz daran zu erinnern, daß andere, größere Feldherren ihre Kriege vernichtender führten. Ohne Vernichtung gab es kein Schlesien und niM 6ie Uber ^Daun 'bleibt^ruhig. „Immerhin hat Kotin die Partie wieder he^Der Kanzler sagt ernst: „Es handelt sich hier niM darum die Partie wiieder herzustellen, sondern den Komg von Preußen zu vernichten! Vom untern Ende des Tisches, aus dem Dunst non Kerzenschimmer und Wachsrauch kommt ein« ruhige, sachliche Stimme: „Warum greifen ""Daun sthrt" herum. Jetzt runzelt selbst er bie ^rn^ Sein be. herrschtes, sonst fast gütiges Antlitz wird hart. Auch di« Ka'serin b ickt betroffen aus. Cs ist sonst niM der Brauch, ungefragt m diesem Raume ... „den Dach da lächelt sie schon. Durch das Geflimmer der Kerzen kann^ sie' den Sprecher nicht sehen. Aber sie hat die Stimme erkannt. Natürlich der Hadik! Er hat manchmal wenig Manieren. Aber dafür eine grobe Faust. Die kann man gebrauchen. Die Kaiserin tagt gnädig: „Weil er mit seinen Grasteufeln bis m I bi« Mauern von Berlin geritten ist, soll meine Armee jetzt dasselbe W f* -- —** bi« TsMsmen zusammen, daß der kleine, zierliche General vom Hof kriegsrat zusammenzuckt. Er scheint die Feldlager niM gewohnt zu sem. Die Kaiserin lacht: „Was meint Er, Daun? D-r Marschall tagt scharf: „Der Feldmarschalleutnant vergißt, daß eine Armee feine Streifpartei ist!" Er schätzt Hadik, das hat -r vorhin mit seiner verbtndlichen Handbewegung bewiestn, als er tagte, man mit einer ganzen Armee nicht wie mit etlichen Tausend Reitern und Panduren zu marschieren vermöge. Aber manchmal geht chmdieser Krieg ä la hussard, den dieser Reitergeneral zu führen hebt, auf die N°Doch Hadik meint trocken: „Auch der König,will doch nichts anderes, I als mit feiner ganzen Armee in die feindliche Hauptstadt rucken Kaunitz zieht (ein Spitzentuch aus dem Bermel und Khrt «s rasch an die Lippen. Diese Antwort vergönnt er dem Baun. Aber man sott fein Lächeln nicht merken. c. . .„6 - Dieser Hadik gefällt dem Staatskanzler schon lang. Schade, daß er nur ein großer Reitergeneral und kein Feldherr ist! Aber ein anderer ist doch in der Armee, dieser Generalwachtmeister Laudon, der vor drei Jahren, als der Krieg begann, noch ein kleiner, vergeßener Hauptmann bei den Vikaner Grenzern war; irgendwo unten am Meer, wo sich me cvüthfe Gutenacht sogen. Schien den Teufel tm Blute zu haben, der General! Selbst die Preußen nennen ihn schon den Schatten des Komgs, seit er diesem mit seinem Streifkorps nicht von den Fersen gewichen. Das gab doch zu denken. Man müßte Laudon gewisse Vollmacksten benn Generalissimus geben! Kaunitz will die MonarMn fragen, ob er ihr nach der Konferenz noch Vortrag halten dürfe. (Fortsetzung folgt.) Pferde Verpflegung. Aufmerksam hört die Kaiserin zu. Hin und wieder notiert' sie eine Zahl, ein Regiment, ein Korps, eine ©«Wimme., Bet General unterbricht. Di« Lakaien kommen, entzünden den Kronleuchter und die Kerzen auf dem Tisch. Die Kaiserin blickt auf. ®ieber geht shr das Komtessel durch den Kopf. Zu dumm, daß ihr die Harenberg nicht früher eingefallen ist. Jetzt reist sie übermorgen auf das Gut ihres Vaters zurück. Ader man könnte doch einen auf Besuch Askm ftaA Ei» Vorwand ließe sich wohl finden. Wer wen? Erst hat ße an^den Colloredo^gedaM Aber der ist ein Filou. Einen Modeaffen hat ihn das kleine hübsche Mädel genannt, das damals die Kerzen braMe. Das hatte schon recht. Wie hieß es nur gleich? Der General vom Hofkriegsrat spricht weiter. G-du d.g horcht d,e Kaiserin auf die eintönige, nüchterne Stimme ober auf den Einwurf «M W. *. 1*. AMtm-n W « durch die^Konferenz. Kaunitz zieht mit einem Memeni ßmeal pedantisch einen Sttich unter die Kolonnen, addiert und schreibt das Ergebnis neben die Zahlen auf dem Gesandtschaftsbericht. Maria Theresia wirst einen Blick auf das Rechenexempel des Kanzlers und mckt erfreist. „E hat reckst, mein lieber Daun. Die Armee ist formidabel. Erne Bataille ^^Daun^schüttelt langsam fast vorwurfsvoll den Kopf und hebt di« Brauen' Eine Bataille, Jhro Majestät, brauchen wir nicht. Das Dor- handensein dieser Armee genügt. Mit dieser Brmee m s«'n«m Rucken kann der König es nicht wagen, nach Wien zu ziehen. Er deutet mit der Spitz« des Zirkels auf die Mitte der Karte: „Auch liegt noch die I Festung Olmütz zwischen dem preußischen Schlesien und Wien | Kaunitz hebt zweifelnd die Hand: „Festungen lassen sich umgehen Daun spricht weiter: „Sie haben mich nicht zu Ende reden laßen, DurchlauM Olmütz läßt sich nicht umgehen, wenn ich m formidabler Stellung in Böhmen oder Mähren in der Flanke des Königs stehe. — Ein« V" Wid«^illta° nickt"'der Kanzler. Er weiß: der Marschall hat r«^ Dauns Manovrierkunft ist meisterlich. Sie kostet dem ^o"'ü Blut und Zeit Und er hat von beiden niM viel. Es ist des Brandenburgers einzige Chance, den Krieg mit raschen Schlagen zu fuhren. Daran hindert ihn Daun. Doch mit formidablen Stellungen aUem tann man ben König wohl schwächen, vielleicht auch besiegen, taber niM aus. dem Spiele werfen/ Der Staatskanzler hätte sich manchmal em en weniger manövrierenden Generalissimus gewünscht. Er versucht n°ch einen E^n- wand: Und wenn der König sich statt aus Olmutz auf, Ihr« Armee ^Kaunitz endet, reicht den Bericht dem Marschall. Neugierig, beobachtend^ wenden sich di« Blicke dem Generalissimus zuu Doch das gleichmütige, immer ein wenig lächelnde Gesicht des Marschalls anbert sich nicht. Aufmerksam liest er das Schriftstück. Erne kleine Pau e entst ht. Maria Theresia schreibt rasch einen Namen au, em Blatt Papur, das vor ihr auf dem Tisch liegt. Es ist nicht der Name eines. Schlachtfeldes, eines Generals oder Regiments. Es ist ihr nur einer ^gefallen, der die kleine Hartenberg heiraten konnte. Sie hat sie tm Spätherbst, bei der Neujahrscour und dann wieder beim letzren _ Hofball gestheu. Darum war ja di« Hartenberg von ihrem. Schloß im kaiserlichen Schlesien nach Wien gekommen, um bei Hof vorgestellt zu werden. Den Winter über hat sie bei ihrer galligen Tante der alten Wolf, gewohnt. Die Kaiserin weiß sogar wo. In dem schmalen Haus« mit dem hohen, geschwungenen Giebel neben der Kerzelmacherei von Sankt Stmhvn; hinter den Fenstern des zweiten Stockwerks, feie an das Dach des Wachs- ^Jn° letz?er"Zeit hatte Maria Theresia das Komteßel vergeßen. Aber | heute war sie mit ihrer Tante in Audienz gewesen, um sich für Frühjahr und Sommer zu beurlauben. Eigentlich merkwürdig daß sie noch nicht verheiratet war. Sie war doch hübsch und tanzte brillant. Ob es wohl stimmte, was man ihr berichtete: daß die kleine Hartenberg nur die Männer in Aufruhr brachte und dabei selber kühl wie em Laubfrosch blieb. Für so raffinierte Frauenzimmer gab s doch em Mittel, ein Mannsbild, über das sie sich bis über beide Ohren verliebten. Die Kaiserin streicht den Namen, ben sie notiert hat, wieder durch. Es ist nicht der richtige. Auch hat sie jetzt andere Sorgem Der Komg will nach Wien. Nachdenklich spielt sie mit dem goldenen Krayon, wirst einen raschen Blick auf den Marschall Leopold von Daun 'st noch rn das Schrifßtück vertieft, prüft Ausmarschplan und Ordre de Batailfe des Feindes. Karten liegen auf dem Tische. Da und dort ist em Mustern zu hören. Fängt nicht gut an, das Jahr! Die Kaiserin will nicht stören. Nur an Kaunitz stellt sie eine leise, besorgte Frage. Ob er Wien für bedroht halte. Der Staatslenker nickt. , , ... Baun sieht auf und schüttelt lächelnd den Kopf. Bann beugt er sich nsieder über die Karte. Kaunitz schweigt und blickt nachdenklich vor sich bin Auch am Morgen von Leuth en hat Baun lächelnd den Kop s gewie gt. Wohl hat er damals nicht das Kommando gehabt, nicht allein wenigstens War wohl die Schuld des Lothringers gewesen, daß der Angriff der Potsdamer Wachparade den Kaiserlichen wie em Degenstoß m die Rippen fuhr. Baun hätte sich vielleicht niM verblüffen laßen. Auf Defension und taktische Meisterzüge versteht er sich wi« keiner. Biefes Lod zollte ihm sogar der Potsdamer König. Auch hat er der Monarchin im vergangenen Sommer durch Solin wohl Reich und Krone gerettet. I Aber der König ist großer als Baun. Der Staatskanzler hat Sorgen. I Wieder schreibt Maria Theresia einen Namen. Da schiebt Graf Daun Karte und Gesandtschastsbericht zurück. Die Kaiserin fragt: „Was halt Er vom Wlane des Königs, Daun?" . m . „Nicht viel Jhro Majestät. Zudem halte ich die Meldung des Petersburger Envoye für übertrieben —" Kaunitz runzelt die Stirn: „Warum? — Unser Gesandter bei Ihrer Majestät der Zarin ist für gewöhnlich admirablement instruiert. | Der Marschall zuckt mit den Schultern. „Mag fern. Aber diesmal irrt er Man kann wohl mit etlichen Reitern und mit Bigueur und Bravour in die feindliche Hauptstadt rücken —" er macht mit her Linken eine verbindliche Bewegung nach dem untern Ende bes Tisches, „wie der Herr von Hadik im vorigen Herbst. Aber nickst mit einer ganzen Armee. — Nach Wien kann der König nicht wollen. Wenn ich mich recht entsinn«, standen di« Preußen schon einmal vor Wien, aus dem Bisamberg, im ersten Schlesischen Krieg. Ein leiser Spott schwingt in den Worten des Kanzlers. „. . Daun lächelt: „Auch das waren nur Husaren, die Husaren des Zielen — aber selbst wenn unser Gesandter recht haben sollte: zwischen Schlesien und Wien steht Jhro Majestät Armee!" Maria Theresia nickt dankbar. Aus ihre Soldaten ist ße stolz. S.lbst der König hat von ihnen gesagt, bah die kaiserliche Artillerie wohl bedient und die Grenadiere abmirables seien. Aber Mana Theresia ist auch eine nüchterne Rechnerin. Sie sieht den Marschall an und sagt: „Ich danke Ihm, mein lieber Daun. Aber wie stark ist jetzt di« Armee? Si« hat arg gelitten in der letzten Bataille und durch di« Seuchen tm Winter — Der Herr General vom Hofkriegsrat, bitte!" Der General verneigt sich, schlägt leis« die Sporen zusammen, blättert in Papieren, beginnt zu berichten über Stände, Gewehre, Kanonen, I I I I t t t ri a i i le !' « >n «< II tte m it. ür tu * KIÜ hi« B ittÖ >ftt »i< res. et Mit der Zeit lernt man dies und jenes, und ch-rd auch harter E stumpfer. Und so wagte ist es eines Tages, mit meinem Schmetterlings netz in der Hand auszugehen. Daß das Netz die Neugierde und Spott der Straßenjugend wachrufen wurde, hatte ich >rnvoraus be dacht — schon bet den so gutmutigen Malayen t)atte aUerlet erieöt — und wirklich empfingen mich sämtliche braunen Gassenbuben mit Gelächter, und riefen mir singalesische Vokabeln ua/h^ch fragie e geborenen studierenden Jüngling, der mir mit Buchern unterm Arm begegnete, was die Rufe bedeuteten; er lächelte sehr höflich »nd sagte teste Db fterr sie tagen, daß Sie ein Engländer auf der Schmetter- ling&jdgMeien."’ Die Buben sahen freilich aus, als hatten sie wenige harmlose Sachen gerufen. Zufrieden ging ich weiter und war auch dadurch nicht zu belegen, datz zahlreiche .jungen sich mir heftig redend anschlossen, die mir gute Schmetterlingsplätze zeigen wollten, mich mit Eifer auf jede vorüberschwirrende Fliege aufmerksam machten, und dabei jedesmal die Hand um einen Penny ausstreckten. Als endlich die Straßen stiller wurden, und in der Nähe ein schmaler Waldweg Einsamkeit verhieß, schlug ich mit einem Rest von Humor die letzten Peiniger in die Flucht und bog in den rettenden Pfad ein. Ich glaubte es schlau gemacht zu haben, und lies doch meinem Verhängnis entgegen. Auf dem ganzen Weg durch die Stadt nämlich war dreißig Schritte hinter mir ein schöner stiller Mann oder Herr gegangen, mit krausem, tiefschwarzem Haar, mit braunen traurigen Rehaugen, und einem schönen schwarzen Schnurrbart. Er hieß, wie ich später erfahren sollte, Victor Hughes, und es war mir vom Schicksal bestimmt, dieses Mannes Opfer zu werden. Mit ehrerbietigem Gruße trat er jetzt an mich heran, lächelte mit feiner Höflichkeit und erlaubte sich, mich in tadellosem Englisch darauf aufmerksam zu machen, daß dieser Weg in einen Steinbruch führe, und daß hier kaum eine Ausbeute an Schmetterlingen zu hoffen fei. Dort drüben hingegen, mehr rechts, fei keine üble Gegend, und dort südlich, aus der andern Talseite, sei einer der allerbesten Plätze. Ehe ich viel mehr als Ja und Nein und Dankeschön gesagt hatte, waren wir in eine Unterhaltung und persönliche Verbindung geraten: aus den klugen bekümmerten Augen des schönen Menschen sah mich ein altes, edles Volkstum mit stillem Vorwurf an, aus feinen Worten sprach eine alte Kultur gepflegter Höflichkeit und zarter buddhistischer Sanftmut. Mit einer Mischung von Hochachtung und Mitleid begann ich diesen Mann zu Heben. War ich anscheinend auch der Herr, der weiße Sahib, so war er viel vornehmer, klüger und edler als wir weihen Barbaren, und außerdem sprach er ein Englisch, das mich sehr beschämte. Die Unterhaltung kam auf die Schmetterlinge, die ich fangen wollte, und es zeigte sich, daß Hughes ein Kenner und Fachmann war, ja, daß er von diesem Gebiet viel mehr verstand als ich; er nannte mit kollegialem Lächeln ganze Reihen von lateinischen Namen, die ich nie gehört hatte, zu denen ich aber etwas gönnerhaft nickte, um mir keine Blöße zu geben. Ich sagte auch ein oder zweimal in jenem väterlichen und verlogenen Ton, den der Engländer gegen die Eingeborenen anschlägt: ,Ia, ja, mein Lieber, ich kenne alle Kandy-Schmetterlinge." Aber ich sprach doch weiter, besttickt von seiner Höflichkeit, und stellte mich, wie er es mir nahelegte, immer mehr als ernsten Fachmann und wissenschaftlichen Sammler. Da aber zaubert Herr Hughes völlig überraschend, aus seinen singalestfchen Gewändern plötzlich eine hübsche kleine Holzkiste hervor, auf seinem Gesicht erschien ein schmeichelndes Hausiererlächeln, er öffnete feine Truhe mit einladender Gebärde, und ich sah auf weißem Grunde eine wundernette, tadellos präparierte Sammlung von Faltern und Käsern ausgebreitet, die er mir für fünfzig Rupien zum Kauf anbot. Ich sah den Umfang der Gefahr sofort, aber ich war wehrlos. Ich stimmte nur meinen Ton um einen Schatten kühler und erklärte bedauernd, daß ich Schmetterlinge zwar sammle, aber nicht kaufe, und daß fertig präparierte Stücke für mich ganz ohne Interesse seien. Mister Hughes begriff vollständig. Gewiß, solche Sammler wie ich kauften ja niemals aufgefpannte Falter. Selbstverständlich würde ich nur frische Exemplar« in Papierdüten kaufen, um sie bann selbst zu präparieren. Er werde mir welche zeigen. Er wisse, daß ich im Queens Hotel wohne: ob ich dort um sechs Uhr zu finden fei? Das wisse ich nicht, sagte ich kurz, und wandle mich verdrossen ab. Er zog sich zurück. Aber nun war er zu meinem Dämon geworden. Er stand am Abend in der Halle des Hotels, er begrüßte mich halb ehrfürchtig, halb kollegial, und zog hinter einer Säule hervor eine ganze Anzahl von Schachteln, Dosen und Kistchen, im Augenblick war ich von einer reichen, geschickt ausgebreiteten Sammlung indischer Falter umgeben. Zuschauer tarnen an meinen Tisch, und je mehr ihrer wurden, desto weniger mochte ich mein schwaches Englisch zur Schau stellen. Es wurde mtt schwül, ich sann auf Flucht. Plötzlich stand ich hallig auf, als sei mtt etwas Wichtiges eingefallen, ließ Hut und Mantel liegen und eilte zum List, mit dem ich ins dritte Stockwerk entfloh. Mst triefet Flucht hatte ich das Heft vollends aus der Hand gegeben. Von da an sah ich in Kandy nichts mehr als Herrn Hughes. Et stand an jeder Straßenecke, die ich zu Fuß passierte. Er hob höflich den Mantel auf, der mir vom Wagen glitt. Er kannte meine Zimmernummer, er wußte die Zeit meiner Mahlzeiten und Ausgange. Wartete ich eigens einmal mit dem morgendlichen Ausgang bis acht Uhr, so stand er an der Treppe, und erschien ich des andern Tags schon um halb sieben, so war et auch da. Wenn ich in einem Laden ausruhte und Ansichtskarten auswählte, erschien er lächelnd am Ladeneingang, eine kleine polierte Kiste unterm Arm, und wenn ich irgendwo draußen im freien nach einem Schmetterling jagte und ihn verfehlte, so bog Hughes um die Ecke, deutete dem entflogenen Falter nach und nannte feinen lateinischen Namen. „Ich habe scköne Exemplare davon, Herr, auch Weibchen; ich bringe sie um sieben ins Hotel." Bald hat er es erreicht, daß ich kein höfliches Wort mehr mit ihm sprach, ihm aber für zwanzig Rupies abtaufte. Er war immer ba, immer schön und höflich, er blickte traurig aus duntlen Augen, sprach mich voll Ehrfurcht an, und wenn ich schalt ober schweigend »egltef, liefi er ergeben die mageren braunen Hände sinken, und intmer teug er in der Tasche ober Im Lendentuch verborgen, eine Dose, eine schachtel bei lick früh und spät, immer neue Sachen, bald einen riesigen Atlas- falter bald ein „lebendes Blatt", bald einen Goldtäufer ober eforpion. (Er trat aus bem Schatten eines Pfeilers, wenn ich den Speisesaal verließ er war verwandt mit dem Mann, ber mich rasterte er tannte ben Wechsler, bei dem ich mein Geld wechselte. Er begegnete mir am See unb beim Tempel, im Wald und auf ber Gasse, er begrüßte mich früh nach bem Babe und stand spät abends müde im Vestibül, wenn ich vom Billardspiel kam, er stand mit höflich geneigtem Kopf, mit stillen, w ie wurde uIrren sie aber nach wie vor zusammen, um im Notfall einander beizu- tefjen. Nur hatte setzt Norum so oft Beistand gebraucht, daß Gustaffson genug davon hatte. Eine Woche lang waren sie schon frei allen Jägern in den Wäldern herumgefahren. Die Ausbeute war gering, Norum hatte vier Zobelselle gekauft, Gustaffson sogar nur zwei. Wie es schien, nahm das Wild ab. Vielleicht stand es eben Im Bergland besser damit. Deshalb waren die beiden Schweden auf dem Wege dahin in der festen Hoffnung, daß kein anderer Pelzhändler Ihnen zuvorkam. Es galt also möglichst schnell das Ziel zu erreichen, zumal sie am Tag zuvor viel Zeit verloren hatten, weil Norums Schlitten, mit dem dieser gegen einen Baum gefahren war, repariert werden mutzte. Norum selbst stellte sich recht ungeschickt an beim Ausbessern. Dafür aber war er ein gewandter Händler. Eigens lich kam er immer mit doppelt so großer Beute heim wie sein Kamerad. Dies verstimmt» Gustaffson hin und wieder, und er überlegte ernstlich, ob er nicht Norum In Zukunft sich selber überlassen sollte. Noch schimmerte matt und dämmrig letztes Tageslicht, als Gustaffson den Wold erreichte. Zu seiner Freude entdeckte er, datz es nicht — rote die meisten Wälder hier — ein Lärchenwald, sondern ein dichter Tannenwald war. Das wirkte so heimatlich. Und außerdem gab dies Gehölz einen geschützten Lagerplatz. Gustaffson spannte die Hunde vom Schlitten und frand sie zusammen. Dann errichtete er fein Zett. Eine dichte Schicht Tannenzweigi drinnen auf die Erde gebreitet, und Mangel an trockenem Brennholz war hier auch nicht. Bald knisterte ein lustiges Feuer, und in einem Kessel schmolz der Schnee. tenfren Augen, und trug irgendeinen Schatz im Gewand. Ich gewöhnte mich daran, ihn von weitem im Gedränge der Straße zu erkennen, und zu fliehen, ihn plötzlich nahen zu fühlen, und meine Blicke zu versteinern, ich lernte auf Ausflügen seden Seitenpfad mit Mißtrauen nach feiner Gestatt absuchen, und das Hotel heimlich, wie ein Zechpreller, zu verlassen. Er erschien mir mehrmals im Traum, und ich wäre nicht sehr erstaunt gewesen, ihn eines Abends unter meiner Bettstelle verborgen zu finden. Nicht in Kandy selbst, aber In der Nähe dieser Stadt, im Tal des Mahavetti, habe ich zauberhaft schöne Dinge gesehen: badende Elefanten, wallfahrende Bergbewohner, fabelhafte Schlangen, uralte heilige Felsentempel. Aber wenn ich an Kandy denke, so erscheint als erstes Bild jener unglückliche Hughes. Noch als ich damals Ceylon längst verlassen hatte und seit vielen Tagen aus dem Wasser war, passierte es mir gelegentlich, daß ich morgens beim Gang von »er Kabine aufs Deck mit einem Gefühl von Bangigkeit und Beschämung um mich blickte, ob nickt an einer Tür, hinter einem Pfeiler, in einem Korridor der Singalese mit seinen polierten Kästchen auf mich lauere. Etwas später kam Norum. Trotz allerlei Meinungsverschiedenheiten mochten die Kameraden abends einander nicht gern entbehren. Plötzlich hörten sie Hundebellen von der Tundra herüberschallen Sie späten in die lichte Ebene hinaus, über der der Mond ausgegangen war. Ein dunkler Klumpen bewegte sich auf sie zu. Norum, immer zu Späßen aufgelegt, lief ins Zett zurück und holte ein Stück getrockneten Lachs. Und als der fremde Schlitten nahe genug heran war, warf er den Lachs vor die Hunde, die sofort stoppten vor dem guten Bissen und gleich darauf ein wirres Knäuel bildeten. Der Mann, der den Schlitten lenkte, sprang scheidend herunter. Es war der Chinese Lu-ang. Aus seine Gesellschaft hätten die beiden nun gerne verzichtet. Auch er war Pelzaufkäufer und ein fel/r viel tüchtiger Händler als Norum und Gustaffson zusammen. Falls er nun bei ihnen blieb, war es so gut wie sicher, daß ihnen nur ein Teil der Beute und schon gar nicht die besten Felle blieben. Aber ihn zu verärgern, war erst recht nicht ratsam. Der Chinese konnte nachtragend fein. So halfen sie ihm also, die Hunde auseinanberjatriegen und sein Lager zu richten. Als alles fertig war, luden sie ihn zum Nachtmahl ein. Er saß mit seinem unergründlichen Lächeln bet ihnen, wortkarg wie stets. Doch berichtete er ohne Aufforderung, daß er aus der Stadt Mil- kova käme. Sräulein Ilse. Erzählung von Erik Bertelsen. Ein kurzer Dezembertag verblaßte über Ost-Kamschatkas Tundren. Die Sonne oerfchwand hinter den Bergen. Die meilenroeite Schneefläche glitzerte nicht mehr. Gustaffson, der den ersten Hundeschlitten fuhr, konnte endlich die Schneebrille von den Augen nehmen. Er sah zurück. Der Abstand zwischen ihm und Norum war in der letzten halben Stunde bedenklich größer geworden. Keiner von Norums zehn Hunden taugte etwas, sie arbeiteten nicht gut zusammen. Auf eine Art eignete sich Norum ausgezeichnet für das strenge Leben eines Pelzaufkäufers in Kamschatka. Er war verwegen, unerschrocken und ausdauernd. Aber mit Hunden verstand er nicht umzugehen. Gusiassson wollte nicht auf seinen Kameraden warten. Im Gegenteil, er trieb seine Hunde noch an. Ein Stückchen weiter westtich erspähte er einen dunklen Streifen. Das war der Wald, den er erreichen mußte, ehe es völlig dunkel war. Sonst würde schwierig sein, einen guten Lagerplatz zu finden. Außerdem war Gustaffson im Augenblick etwas verärgert über seinen Reifegenossen. Nach einem abwechslungsreichen Seemannsleben hatte Gustaffson vor zwei Jahren an Japans Küste Schiffbruch erlitten und war darum nach Kamschatka gekommen, wo er sich (einem Landsmann Norum umschloß. Sie gingen im Sommer zusammen auf Fischfang und später dami auf Jagd nach Zobeln in den Wäldern. Sie verdienten gut im Winter, sanden indessen bald heraus, daß es besser sei, mit Pelzwerk zu handeln als es selbst herbeizuschafsen. Nun arbeitete jeder für sich, da sie, solange ie es zusammen versuchten, sich niemals einigen konnten. Es gab »auernd Reifrereiem, denn jeder hatte seinen eigenen Kopf. Trotzdem „Und wie steht cs da?' fragte Gustaffson. „Sahst du Knut Selbu?" Der Chinese nickte würdig. „Selbu ist ein Gentleman." Er sagte das In einem Ton, als wolle er andeuten, alle feien das nicht, denen man begegne. Dann bekam [ein Gesicht einen schwärmerischen Ausdruck: „Und — fiel" „Was sagst du?" fuhr Gustaffson hoch. „Ist Ilse gekommen?" Lu-ang antwortete auf diese Frage nicht direkt. Er blieb wortkarg, als könne er sich von einer schönen Erinnerung nicht losreißen. „3a, Selbus Haus war anders als vor einer Woche! So eine Frau — mehr wert als Hunderte von Zobeln!" Es wurde still im Zelt. Jeder war mit seinen Gedanken beschäftigt. Lu-ang ging bald in fein Zelt hinüber, und die zwei Schweden krochen in ihre Schlafsäcke. Gustaffson konnte lange nicht einschlasen. Seine Gedanken waren bei Selbu In Milkova. Selbu war ein alter Norweger. Er lebte seit einem Menschenalter in Kamschatka. Was ihn dazu veranlaßt hatte, [ein Vaterland zu verlassen, wußte niemand Niemals sprach er darüber. Nur über seine Tochter Ilse sprach er gern. Ein paarmal im Jahr bekam er Briese von ihr. Sie hatte auch ost geschrieben, sie wollte kommen und ihn besuchen. Und er hatte ihr jetzt das Reisegeld gesandt.^ Einmal hatte Gustaffson ibn gefragt: „Was soll ein junges Mädchen in einem Laude wie diesem?^ Selbu hatte da — ohne zu zögern — geantwortet: „Einen Mann wie dich heiraten!" Diese Antwort hatte Gustaffson niemals vergessen. Nach den Bildern, die der Vater ihm gezeigt patte, gefiel ihm Ilse ungemein. Oft träumte er, sie könnte wirklich kommen. Und nun befand sie sich also anscheinend bei ihrem Vater. Sonst hätte Lu-aug nicht solche Andeutung gemacht. Warum also sollte er nicht mach Milkova fahren? Es waren raum zwei Tagereisen bis dort. Gewiß — es kostete ihn den Verdienst dieser Fahrt — aber wie der Chinese gesagt hatte: diese Frau war mehr wert als viele Zobel! Die Zeiten, da Selbu einer der besten Jäger war, lagen lange zurück. Wenn also nun ein guter Freund käme und ihm zwei Zobel schenkte — ob er sich nicht freuen würde? Es ging ihm in letzter Zeit wohl nicht allzu gut. Während Gustaffson hin und her überlegte und am Ende beschloß, die beiden andern Schlitten allein in die Berge fahren zu lasten und den Abstecher nach Milkova zu machen, schlief er ein. Als er bei Tagesgrauen erwachte, war Norums Schlafsack nicht mehr tm Zelt. Wütend stellte Gustaffson fest, daß Norum mit seinem Schlitten und feinen Hunden davongefahren war. Und die Spur zeigte feines« roegs in die Berge! Also machte auch er sich Hoffnungen auf Ilse und hatte die Absicht, ihm mit seinen vier Zobelfellen zuvorzukommen. Lu-ang stand vor feinem Zelt. Er sah mit seinem gewohnten Lächeln Gustaffson an: „Dein Kamerad fuhr nach Milkova. Vielleicht findet er dort auch Zobel!" Gustaffson hatte keine Zett zu anttvorten. In größter Hast brach et auf. Ehe die Sonne hervorkam, war er in voller Fahrt hinter feinem Kameraden her, der aber einen so großen Vorsprung hatte, daß er in der weitgestreckten Tundra nicht mehr zu sehen war. Trotzdem wollte er ihn einholen. Er sollte auf keinen Fall zuerst In der Stadt fein. Nach einer halben Stunde Fahrt stoppten Gustafssons Hunde in genau so einem wirren Knäuel wie gestern die Hunde des Chinesen. Norum hatte Fische im seine Schlittenspur geworfen — eine wirkungsvolle Methode, wenn es gatt, einen Verfolger auszuhalten. Es nahm eine gute Stunde Zett, die Hunde wieder in die Gewalt zu bekommen, und Gustaffson war noch nicht lange gefahren, als sich die ärgerliche Szene wiederholte. ' Da löste er einen der Hunde los und ließ ihn vorauseilen, damit dieser die lockenden Dissen aus dem Weg räumte. Auf diese Weise kam er endlich weiter. Alles wäre nun auch ohne Zweifel gut gegangen, wenn nicht ein Hase vor dem Schlitten aufgetaucht wäre. Die Hunde setzten ihm nach, den Schlitteu hinter sich her[chlingernd. Gustaffson hatte zu tun, sich festzuhatten, es war kein Gedanke daran, die wilde Fahrt aufzuhalten. Erst als der Hase sich dann endlich in Sicherheit gebracht hatte, wurden die Hunde ruhiger. Es war indessen viel Zeit verloren, Gustaffson konnte nicht mehr daran denken, als erster anzukommen. Als Gustaffson dann am nächsten Vormittag Milkova erreichte, hatte er Norums Schlitten nirgends gesehen. Er fand ihn vor Selbus Haus. Verwundert blieb er innerhalb der Türe stehen. Selbu lag zu Bett. Er murmelte als Antwort auf Gustafssons Gruß etwas Undeutliches, rührte sich aber nicht. Am Tisch saß Norum. Mutlos sah er seinen Kameraden an und schob ihm ein Stückchen Papier zu. Gustaffson hielt es dicht vor seine Augen, die von der langen Fahrt In dem glitzernden Schnee schmerzten. Es war ein Brief von Ilse. Sie schrieb, sie habe sich verheiratet und könne deshalb nicht nach Kamschatka kommen. Aber falls der Vater nach Hause zurückkehren wollte, sollte er es gut bei ihnen haben. Norum stand aus und winkte Gustaffson mit hinaus. Eine Weile standen sie schweigend da, dann fragte Norum: „Was meinst du dazu?" „Daß es für den alten Knud ein harter Schlag ist. Ob er wohl Heimreisen will?" „Er möchte so gern, aber ihm fehlt das Reisegeld." Es entstand eine Pause, dann aber machte Gustaffson sich ßufh „Lu-ang, dieser Schuft! Also, so schob er uns ab! Nun kauft er alle Die Zobelfelle, die sonst wir bekommen hätten. Und nun kommen wir vor Weihnachten nirgends mehr hin." „Nein, denn es hätte keinen Zweck." Norum räusperte sich energisch .Letzt wollen wir versuchen, hier das Reisegeld für den Alten aufzu- treiben. Die sechs Felle, die wir haben, werden dazu beitragen — wie denkst du darüber?" Sie gaben einander die Hände und gingen zu Selbu, um ihm Mut zuzusprechen. (Aus dem Schwedischen übersetzt von Karin Reitz-Grundrnann.) Verantwortlich: Dr. Han» Thhrivt. — Druck und Verlag: Vrilhlsche UniversttStgdruckeret «.Lange, Dietzen.