siehenerZamilienbliiüer Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger Jahrgang 1938 ------------- Hreitag, den 9. September Nummer 70 PMH Ein Tierleben in afrikanischer Wildnis. Von Cherry Kearton. Copyright by 3. Engelhorns Nachf., Stuttgart. 10. Fortsetzung. Eines Tages — die Leopardenjungen auf dem andern Teil des »ugels sind jetzt schon so groh, daß sie mit den Eltern auf die Jagd zehen können — macht sich das Nashorn wieder wie gewöhnlich auf md legt den Weg zum Flusse in langsamen Etappen zurück In dem dickicht. nicht weit vom Flußbecken, kratzen Dornen seine Haut und iefhängende Zweige schlagen ihm um Kopf und Horn. Aber derlei Hindernisse stören es nicht; es trottet seinen altgewohnten Pfad weiter linab. Nur einmal verläßt es ihn vorübergehend, um sich durch niedriges Sestrllpp zu zwängen und mit dem Maul den Boden nach etwas : Schmackhaftem abzusuchen. Endlich gelangt es so an den Rand der Sandbank. Hier sind erst ur einer kleinen Weile die Elefanten aufgebrochen; eine Zebra- und - ne Kuhantilopenherde ist nach ihnen gekommen und mitten im Trin- Im durch das Warngeschrei der Paviane zu eiligem Rückmarsch ange- hieben worden. Jetzt — erst wenige Minuten danach — liegt die Sand- hnt verödet da. Die Paviane hocken auf ihrem Gipfel und haben ihre bttden Kleinen nah zu sich herangeholt, denn sie sehen das Krokodil nur im paar Meter vom Ufer entfernt im Wasser liegen. Kaum nähert sich das Nashorn der Sandbank, da geht das. gellende | Geschrei wieder los. Das alte Tier bleibt stehen, die kleinen Ohren । di wegen sich lauschend nach vorn, dann aber beruhigt es sich wieder ob dr Tatsache, daß ja die Schmarotzervögel unbekümmert auf seinem stucken sitzen bleiben, und steuert aufs neue dem Wasser zu. Trinken rill es nun einmal, wie es seine tägliche Gewohnheit ist: immer um dieselbe Stunde und immer an derselben Stelle der Sandbank. »Die j Aufregung der Paviane, die das Krokodil lautlos immer näher und 's Nlhef herankommen sehen, vermag nicht, ihm seine Seelenruhe zu rurben. Tief streckt es jetzt den Kopf hinab, schon taucht das Maul ins Wasser--hahl wie da der heißhungrige Riese zuschnappt! Seine ßirchterlichen Zähne dringen dem Nashorn durch die Haut, haken sich in seine Kinnlade fest und halten sie wie mit eisernen Klammern gepackt. Der erschreckte Dickhäuter versucht, sich sogleich zurückzuziehen. Un- »»glich! Ja, er spürt bereits, wie er ein Stück weiter ins Wasser hin- Mgezerrt wird, preßt darauf seine Füße, so fest er kann, in den Sand - stemmt den Körper so weit nach hinten, daß er mit dem Hinter- M den Boden berührt, reißt und zerrt seinerseits aus Leibeskräften »d bekommt wenigstens sein Maul aus dem Wasser heraus. Der Riese ttt fest und zieht rückwärts, mit der aufs Aeußerfte angespannten Kraft Imes mächtigen Körpers, die Füße gegen das abschüssige Ufer der vindbank gestemmt; sein Schwanz peitscht ^as Wasser, die Zähne halten »«nachgiebig fest, wo sie zugebissen haben. Die Beine des Nashorns ienmen ins Rutschen, wobei sie vor sich im feuchten Sand kleine Wglle wiroerfen. Das Nashorn, das sich dem Tod wieder um einige Zentraler nähergerückt sieht, versucht nun mit erneuter Kraftausbietung, «ch einen Ruck nach seitwärts seine Kinnlade aus der eisernen Zange ||lösen; aber das ungeheure Gewicht des Riesen vereitelt diesen Plan, ll H bei seinem vergeblichen Bemühen, frei zu kommen, rutscht es nur ®f; weiter nach vorn. Jede Muskel bis zum Zerreißen gespannt, bäumt M sich noch einmal mit aller Gewalt zurück und die Füße graben sich r tot) tiefer in den Sand; der plötzliche Kraftaufwand läßt es wieder ■I Handbreit an Boden gewinnen,---um ihn sogleich wieder | !f* verlieren; denn die Füße rutschen abermals nach vorn, und nun |Htes mit den Vorderbeinen schon im Wasser! k sJn seiner Todesangst schnaubt das Nashorn wie wahnsinnig. Den Nbli merz in seiner zermalmten blutenden Kinnlade spürt es kaum, so |i kommen ist es von dem Anblick des Flußausschnitts gerade vor ihm |i> . E. Seine Frau schmiegte sich an ihn. Hell und rem war der Tag 1 Rebhühner. Eine Erzählung von Enno Ork. Der Tag an dem wir draußen in Glienicke Rebhühner aßen ist mir iihor dem See der uns noch einmal allen Glanz des fueyenoen »om ^- l^enkt Der Sommer war schön gewesen, herrlich und strahlend ™ ^nhcmnes und Alexa. Dieser Sommer, umrauscht vom S.ÄÄ« L°Kn d,< ^°Jcktuhr'ost hinaus' Die Helle des Glücks meiner Freunde vermittelte Ich fuhr on ,hinaus, jj e y „roßen Stadt bändigen konnte. »Är s— -n tÄTSS* »u II«». Ich m«g »1.1° .«• modisthen Blumen so", sagte Alexa. Sie ging neben 'H^^Mann^der BjgEiSSSi I qay,Ät»,»Ä*8» r’Ä zuberettung unerfahren war. Sie hatte, die unscheinbaren Voge m d r W Ln°"L Bange Stunden der Erwartung und selige der Erfullung. Da ga^ den Wagen und das Schwimmen über den See. „Mit Johannes diese beiden Worte waren Alexas Leben. war gut daß Johannes kochen konnte, denn auch Marte crnm Nck als unwissend Er hatte es von seiner Mutter gelernt, deren Kdch- in Pommern berühmt war. Unterwegs erklärte er uns genau, I die Rebhühner erst rupft und dann absengt. , . _r I Die Köpfe bleiben daran", sagte Johannes und spater zeigte uns'in der Küche, wie man die Eingeweide vorsichtigHerausnimmt, ohne I die Galle zu verletzen. Er machte das mit der Sorgfalt eines gesch Arztts und ich mußte dabei die Zuverlässigkeit feiner klugen, f arten Hände bewundern, die ein Gewehr fo sicher zu halten wußten, wie d schöne, schlanke Gestalt seiner Frau. ..... . ... Unter großem Jubel wurden dann die Rebhühner mit einem S Speck umwickelt und gebraten. „Mit überhitze’’, sagte Johannes, nprmihte in Aleras Küchenbereich getrocknete Wacholderbeeren jur oa Wechkraut Ab r wir ersannen etwas anderes. „Laßt uns Champagner, kraut machen ° schlug ich vor. Ein Glas Champagner wurde über da Kraut gegossen. Den Rest der Braterei übernahm Marte die auch die Sahnesoße anrührte, genau nach den Anweisungen von Johanne . Es war spät am Nachmittag geworden. Wir sahen auf der Terrasi des Haches, das ganz aus Kupfer war, und hatten den ubngen Cham pagner ausgetrunken Durch die Äiefernftämme schien der See, hellgrii wie ein blasser Türkis. Johannes blinzelte feiner Frau zu Erkönnt sie mit einem ganz ernstem Gesicht ansehen, sogar mit einer Fa der Stirn aber Alexa erkannte, wie luftig feine Augen waren. C I wußte dann wie gut er sie verstand und steckte die Miene eines Sch Mädchens auf, das mit einer schlechten Zensur nach Hause komm. einmarte3famPmit rotem Kops und bat zu Tisch. Die festsichen weiß^ Gedecke, die Gläser im Kerzenschein ein 0ro6er bunter Strauß Herbstblumen - das alles wurde gekrönt °°n Johannes Rebhuhniun Ä aiWWSBÄW«■ =* «i. X A'V^S,?-'V'um»L L-n rounöm »erbender einen Willen?" fra9te. 3o,l>anne5h achtete wie sehr Alexa ihren Worten seine Gedanken gab. Was s sagte, war von einer offenen natürlichen Richtigkeit; doch wieder g anders, weich und voll zärtlicher Hingabe. Es war schwer, mit Johannes nicht «'"er Meinung zu fein. Wie o hatte er mit sicherem Instinkt und richtigen Maßstäben den Unwert eM^ Sache lange schon erkannt, bevor die Entwicklung der ®l"9e fem tätigen Sonnte. Immer wieder war ich von der Grund .chke.t e Gedanken Überrascht. Aber dies war nicht das e,gen liche: se,n mnern^ Wesen war von einer Sammlung und Spannung erfüllt, bie nach ab hin eine natürliche Ueberlegenheit schufen. Seine Ritterl.chke. verh'M derte in ihm den Herrscher, aber den Sieger machte sie damit um i- X»“« ff®»®? benluftlprung und hielt sich dann — zu mnersl srohgestimmt 9 an Jf’^Srmnb erwiderte, wenn auch weniger aufgeregt als sie, ihre Zärtlichkeiten, beschnupperte sie ebenfalls, sah 3nUnieiener3UtieUfen ^^Und^die' Gazellen?"Die waren inzwischen ruhig äsend 'hres Wegs JJ ÄuSen ft KovH lie dachte nicht in die Zukunst, überlegte nicht, was geschehen blick vollkommen glücklich und g f h nach Nach einiger >it drehte sich Harrison nach Carlo um unb glotzte Erzählung von Rudolf Schneider-Schelde. Als Carlo die Wendemarke am Ende des Felds als Erster umiIpfl unb vor dem silbern fchimmernben unenblic^n Band des ^ssifsiPp' 'M Hintergrund den Flugplatz mit den tausenden nach oben gereckten Köpfen wieder auf sich zukommen sah, wußte er, daß es falsch war, was er machte, und für den Bruchteil einer Sekund«, »^rend das stahler Brausen seines Motors ihm ins Blut drang wußte er, daß er es um nichts in der Welt würde richtig machen, obwohl er gekonnt halt.. Dann vergaß'er es imb flog gehorsam rechts in einem Bogen hinaus, um Buck vorbeizulaffen, unb sich ihn nach kurzer 3°" °n -4 °°ruberz.-hen n seiner roten Spezialmaschine, die nicht so viel taugte, n>,e Sucf uno |etn tl'nnftriiffeiir versicherten bie das Rennen gewinnen wollten. Er say zu und dachte stramm an den Preis den er b-kam, wenn r Buck gewmnen ließ, und an die fünfzig Prozent d.e er Gruber betarn, unö »ar^r sah zurück, die anderen Maschinen lagen hwter 'hm, das Rennen wuroe von vier Maschinen geflogen. Sie waren all« verfluch' fä) , Io cfmeU wie er wenn er sich dranhielt, er konnte jetzt noch Buck polen wein er wollte, 'er brauchte nur etwas höher ^8-« un^stch an^der nächsten Marke in die Kurve fallen zu laffen, bann würbe Buck 3wemr unb er Carlo gewann b^n Preis unb verlor bie fünfzig 4- 3 feL Wellen und außerdem würden sie irgend etwas machen, daß man ihm bie Lizenz entzog, und er N'-Ht m-Hr fliegen konnte f(, Carlo faß freudlos ohne Sorgfalt fliegend unb sich oer juen grabe so rasch nähernd, daß er nicht Dritter würbe, tnlfernem »ijn 'mb hatte Zeit nachzudenken und dachte daß die Welt verdammt sei u b mit, weil er setzt alle betrog, di« auf ihn gewettet hatten Er hatte^mm^ ein großer Flieger werben wollen. Er war ein großer fi 9 , , . ober du kannst aroh sein unb bist unberuhmt und kannst berühmt em wi7BÜck ™Wor’iU in der Sonne d°hinstirrte und ihn hmten ließ und ihn doch nur hinten lassen konnte, well er, Carlo, ihn »orlieft au irgendeiner vertrackten Zauberei heraus b«' der das Geld d.e Hauptrolle spielte. Er war jetzt über dem Flugplatz und sah in ber Äuroe wab«no firh (»in neiate unb er tue Wendemarke anslog, Die e p L.L eSto ÄS« -- «>* ,onn,e ffnbe gegangen und jetzt schien ber See in einem kalten Blau durch den | dunklen SB alb. Alexa fröstelte. Wir gingen hinein. Hier war es warm unb gut. Es roch nach dem Wachs ber Kerzen unb noch spurten wir Jen köstlichen Duft ber Rebhühner.* Es ist jetzt vier Jahre her, daß Johannes abstürzte unb in diesen fahren ist vieles anders geworden. Es hat auch lange gebauert, bis Sllera nach vielen Reisen in bie Welt, Ruh« sand in dem kleinen Haus in N.' wo sie mit ihrem Kind lebte. Eine Art Ruhe allerdings, bie der Einsamkeit nur einen anderen Namen gibt. Ihr Schmerz war unermefv lidi wie ihr Glück, aber bas Leben zeigte sich starker als alle Ber- zweiflung. Alexa lebte für ihr Kind. Unb auch die Zell hat bas ’^Äfen Tagen war ich seit langer Zeit wieder einmal draußen. 2((era kam erst vor kurzem von der See unb in ihrem braunen Gesteh war noch die Frische unb Klarheit des Meeres. Wie sehr hatte sich dieses Gesicht verändert! Alles Mädchenhafte war daraus verschwunden unb hatte sich zu geraden fraulichen Linien gewandelt. Ein Gesicht, bas fragt: „Wozu hat ber Mensch einen Willen?'', „3d) bin gespannt, was Marte gekocht hat , sagte Alexa. Marte brachte Rebhühner. Dustenb nach Speck und Wemkraut standen sie auf dem Tisch. Alexa versuchte tapfer, mit ihnen fertig zu werden aber bald legte sie Messer unb Gabel zur Seite unb konnte nicht weiteressen. „Bring bie Rebhühner hinaus", sagte Alexa zu Marte, die bestürzt in ber Tür erschien. Das Maß von Wehmut und Hilflosigkeit in diesen Worten verbot jede Erwiderung. 3ch konnte Alexa nicht an- feben und ich konnte ihr auch nichts sagen. Sie strich sich die Haare aus ber Stirn, stanb auf unb schichtete bie Schelle im Kamin. Er wurde in diesem Herbst zum erstenmal angezündet, und Alexa machte sich lange b°^Der^Dull° von Rebhuhn, von zartem, gebratenem Speck und Weinkraut der noch im Zimmer mar, weckte eine unvergessene Erinnerung. Plötzlich sah ich ganz deutlich: Das Gutshaus in der steifen Wurde feiner Jahrhunderte, schweigend, voll verhaltener Trauer Der weihe Saal m t roten umflorten Stühlen-, eine Tafel, die auf silbernen Tabletts Brot, Wein und Zuckerkuchen bietet. Draußen ber stumme Park, gelb unb violett im Oktober. Soldaten, ein junger Fähnrich, ber weinte. Alexa, im schwarzen Gewand, ihre Haare, die wie eine emzige rote Flamme gegen bas Dunkel ber Kapelle stehen. Sie sieht nicht die traurigen Gesichter und nicht bie unbeweglichen ber Militärs in Uniform mit roten unb goldenen Treffen. Sie hört nicht den Abfchiebsgruh der Flugzeuge Kanonenschüsse und Musik. Alexa, Schmerz und Klage erstarrt in ber grausamen Wirklichkeit des Gedankens: Johannes ist tot! — Der Rauch ber Buchenscheite verwischte ben fernen Duft und die Bilder bie er beschworen hatte. Der Kamm knisterte, und Alexa blies kräftig' in die erste Glut. Es war gut, daß jetzt Marte mit ber kleinen Johanne, die mit dem fröhlichen Lärm ber Vierjährigen Gu « Rackst sagte. „Ich habe Rauch in die Augen bekommen , sagte Alexa und wischte sich ein paar Tropfen aus ihrem frischen, braunen Besicht. Al fie ihr Töchterchen lange und zärtlich küßte, war es, als erwache einer der großen Augenblicke, in denen der Klang der Ewigkeit um die Gewalt des wirklichen Gebens ruht. Der Bessere. zu khm hin. Auch Buck blieb stehen und blickte zurück. Sie sahen Tarlo zufrieden lächelnd mit einem Mädel dastehen, an dem beide nichts finden tonnten. Oie Liebenden. Von Ruth Schaumann. Deine Grenzen verschweben Zitternd in meine hinein. Aber der See ist das Leben, Liebe der sinkende Stein. Deiner Freude Erbeben Dunkel die meine umschlang. Aber der Turm ist das Leben, Liebe der Glocke Gesang. Deine Gedanken erheben Lächelnd die Milde zur Macht, Aber die Nacht ist das Leben, Liebe der Stern in der Nacht. Familienrat über Heinrich von Kleist. Von Walter von Molo. Deinnächst erscheint im Verlag Holle & Co., Berlin, ein neuer Roman von Walter von Molo unter dem Titel „G e« schichte einer Seel e". Wir veröffentlichen ein Kapitel aus diesem Wert. Die Männer der Familie zeigten sich mit Gewicht, stirnrunzelnd, schnaufend und gut genährt. Sie traten zu der Beratung über den Bater- lofeu zusammen. Es muhte durchgegrisfen werden. Den Vorsitz übernahm der Äelteste, der sich ganz besonders dazu eignete, weil er, in anderen Zeiten ausgewachsen, ohne ererbte oder erworbene Seelenkunde, ohne jedes Verständnis für die Gegenwart war. Der Osfiziersftand müsse, da ihn der Herr Neffe verlassen habe, aus dem Kreise ihrer Betrachtungen bleiben, damit begann er. Höchst bedauerlich! Seine Studien habe der Herr Neffe nicht abgeschlossen, doch er könne immerhin noch ein niederer Beamter werden. Die höhere Laufbahn habe er sich durch seinen Dickkopf verkorkst. Ob Majestät freilich überhaupt noch einmal zu haben sein wird? Es müsse versucht werden. Wenn es nicht gelänge, müsse ihn einer von ihnen auf fein Gut nehmen, als Eleve oder Förster oder so etwas Aehnliches. Was meinst du dazu, Heinrich? Der junge Kleist erklärte bescheiden, daß er am meisten Lust hätte, Tischler zu werden. Das sei ganz verrückt. Ob er es darauf anlege, sie zu ärgern? In keiner Weise. Wo werde er denn? Die Arbeit im reinen Holze sei sehr sauber, ermüde nicht den Kopf und habe ihm Freude gemacht. Er verspräche, er würde ein tüchtiger Tischler werden! Ein völlig duseliger Gedanke! Das sei gerade so ein Blech, wie seine Dämlichkeit, Verse machen zu wollen. Alles unmännliches, weibliches Zeugs. Junge, vergiß nicht, du halt dich bisher mächtig blamiert. Er bäte gehorsamst, noch einmal zu überlegen. Das Beste in seinem Zustande sei für ihn ein Handwerk. Da bekäme er feine Aufträge vor- geschrteben und brauche nichts zu° erfinden. Er habe 'n Vogel! Er dürfe sie nicht weiter in Verruf bringen. Alles, was recht fei! Er solle endlich daran denken, welcher Familie er angehöre. Das sähe er ein. Zwei Generalfeldmarschälle, die gelehrten Kanzler Bogislav und Pribislav, achtzehn Generale .... Mensch?! . Sechsundzwanzig Pour le merite, der Erfinder der Leydener Flasche, unser bei Kunersdorf gefallener Held ... Sie blickten ihn unsicher an. Vielleicht kann er in einem Kontor bei einem Ellenreiter arbeiten, wurde nachdenklich vorgeschlagen. Er soll irgendwo Bücher führen. Wie er zu rechnen versteht, hat er uns bewiesen. — Uhrmacher? gab der Schwager zur Ueberlegung auf. Das käme alles nicht in Frage! In jedem Handwerk müsse er erst ein paar Jahre lernen; wovon solle er in der Zwischenzeit leben? Er habe doch alles durchgebracht. Er sei in Mainz mit Hobel und Säge und einem Gesellen bereits in alle Häuser gegangen, in denen etwas zu reparieren war, versicherte der Angeklagte. Das fei schön gewesen, da sähe man, was man mache, vollbringe etwas. Von diesem Geniestreich red' lieber nischt mehr. Schau deine arme Schwester an, wie die heute noch drunter leidet. Verzeihung! Ersuchte er und zog sich zurück. Doch nicht deswegen! verwahrte sich Ulrike, die als einziges weib- liches Wesen zuaelassen war. Ihr Bruder sah entsagend zu Boden. Er soll Kanzlist werden. Da braucht er auch nischt zu denken und ist versorgt. Da wolle er lieber auf ein Gut al; Viehhirtel Ob er die Absicht habe, wieder mH seinen Schwachheiten anzu- fangen? Ihm sei alles gleichgültig. Nur nicht nach Frankfurt, wenn er gehorsamst um dieses Entgegenkommen bitten dürfe. Er solle seine jesuitischen Ausfälle gegen die Familie unterlassen. Er sähe wohl, sie helfe ihm. Oder meine er, daß sie nichts Besseres zu tun hätten, als hier seinetwegen, bei diesem schönen ijüradewetter, herumzusitzen und sich mit chm zu ärgern? Das sähe er ein. Und er sei ihnen dafür auch aufrichtig dankbar. Sehr wohl. Ekelhafte Sache, dieses Betteln, sprach der Schwager und kratzte sich aus dem Kopf, aber jut, ich liebe dir, sagte der Hund, als er den Hasen verspeiste. Ich werde mit dem Odersinanzrat und mit Vetter Christian sprechen, damit er Hardenberg veranlaßt, eine Kanzlistenstelle für ihn frei zu machen. Zuvor müssen wir aber wissen, wie es wahrheitsgetreu in seinem Oberstübchen aussieht. Ulrike entfaltete das bereit gehaltene Gutachten, das sie sich hatte ausstellen lassen, und las mit gepreßter Stimme, die sich oft irrte, was die Männer belustigte, halblaut vor: Der chemalige Leutnant, mit Namen so und so, geboren dann und dort, ist ein Mann von überragender Intelligenz, von starkem, sittlichem Gefühle ... Sie senkte tief ihren Kops auf das Papier herab; die Männer hörten duldsam zu und rollten bloß, das ihre bedenkend, die Augen. Sie hatten andere Anschauungen. Die Ursache des vorübergehenden Zusammenbruchs war überreiche Veranlagung. Na schön! Der Arzt war offenbar auch überdreht. Sie ließen, obgleich es nicht zu ihrer Seligkeit nötig war, großzügig Ulrike ihren Salat zu Ende servieren, den sie feierlich ergriffen darbot. Vom niederen Hügel überblickt sich eine Aussicht leicht, aber vom Hochgebirge bietet sich gewaltiger Ueberblick erst nach Ueberwindung zahlloser Hindernisse ... Laß gut fein, Mächen, er is ooch verrückt; wir glauben dir. Sie blickten verzeihend und schmunzelten: Iotte doch, sie war seine Schwester und eine alte Jungfer! Sie entschieden: Dieses Dokument genügt! Unter diesen Umständen dürfe er Majestät noch einmal gehorsamst um Verwendung in der niederen Beamtentarriere bitten. Aber ohne Floskeln und Phrasen! Sehr ehrerbietig. Arider; als bisher! Verstanden! Er erhob sich ein wenig und verneigte sich und setzte sich wieder gehorsam nieder. Sein Gesuch würden sie einzureichen erlauben, wenn er es so ab« fasse, daß es ihnen entspräche; er habe es vorzulegen. Der Onkel, in dessen Haus dieser Verbandplatz für die Gescheiterten aufgeschlagen war, tröstete: Die Krankheit erst bewährt den Gesunden, sagt Meister Goethe. Ulrike rief ihm erbost in Gedanken zu, diese Erinnerung sei wirklich nicht nötig gewesen. Sie fand jedoch in dem bewegungslos gehaltenen Gesicht ihres Bruders keinerlei Veränderung oder Verftinrmung. Man verteile die Rollen: Du schreibst an den, du sprichst mit jenem, und du mußt dich an den wenden, ich rede mit dem. Aber wo er doch so viele Sprachen kann? erinnerte beunruhigt die Stiefschwester; es ging immerhin um die Zukunft ihres Bruders. Es war ihr nicht vorstellbar, daß er als gewöhnlicher Kanzlist enden solle. Na schön, ich will auch mit Peter Gualtieri sprechen, der geht als Gesandter nach Spanien ... Das wäre doch etwas, nicht wahr, Heinrich? ermutigte sie und versuchte eine kleine, wenn auch nur noch recht wehmütige Parade mit ihm vorzureiten: Du kannst doch Spanisch? Ja, gewiß, Cervantes, antwortete er vor sich hin. Sie wußte nicht, ob sie richtig gehört hatte, das war doch schon wieder der Name eines Dichters? , .Ich kenne einen Kabinettsrat, red' du dafür mit Minister Haugwitz, vielleicht geht das! Uebrigens kein übler Gedanke, den Jungen ins Ausland verschwinden zu lassen, bis über seine Verrücktheiten Gras gewachsen ist. — Geh' auch zu Frau vorn Karneke, Heinrich. Die macht sich gern mit Wohltaten mausig. Vielleicht tut sie was für dich. Du mußt aber sehr ehrerbietig zu dem ollen Biest fein, nicht gleich wieder mit dem Kopf durch die Waird! Fertig? fragte der Schwager und hob erwartungsvoll fein ausgiebiges Hinterteil hoch; er hatte Hunger und Durst. Hakt! rief der Bruder, das Wichtigste! Die Geldfrage! Er hat doch nischt mehr zu beißen! Richtig! Sie ließen sich seufzend wieder rückwärts niedersinken, nun kam das Schwierigste. Das erledige ich! Bitte! benachrichtigte schnell Ulrike und wollte darüber Hinwegehen. Quatsch nich, Kind, wurde sie gutmütig verwiesen. Dich hat er schon bis aufs Hemdchen ausgeplündert. Ihr sechs Geschwister müßt das gemeinsam machen. Fünfzig Taler im Monat, bis er wat außer seinen Diäten verdient? schlug einer vor. Was kommt da auf jeden? wurde besorgt gefragt. Na, acht Baler! errechnete Hans Jürgen auf Groß-Tychow. Das sind achtundoierzig Haler. Menschenskinder! verwahrte sich der Schwager, meine Friederike wird nischt zahlen, die hat mich und bat Göhr. Er braucht doch nicht (Equipage zu fahren! Was, Heinrich, begütigte er, du brauchst doch keine Equipage? Der Gefragte erhob sich und bestätigte bescheiden: Nein, er benötige keine Equipage. Dann setzte er sich wieder nieder. Dreißig, schlug sein Bruder vor, dem fein Anteil vom Erbteil abgezogen wurde. Jawoll, das ließe sich hären. Dreißig im Monat. Aber nicht mehr, Heinrich, nur so lange, bis du wat verdienst! Dessen dürsten sie sich versichert halten. Was kommt da auf jedes? wollte der Onkel, der die 6cole mililaire leitete, wissen. Na, fünf, wenn du noch rechnen kannst! versetzte verdrießlich der • Schwager, denn es war niemand darauf eingegangen, daß seine Frau nicht zahlen sollte. In Iottes Namen! Bewilligt. Sie erhoben sich. Nu aber fix! Damit wir endlich zum Rotspon kommen! Sie gingen zu Cutter und Wegener, bas war eine vornehme Weinstube seitab den Linden; dort gab es die besten Austern in Berlin. Der«ntwortlich: Dr. Hans Thyrtoi. — Druck und Berlag: Brühlsche llnibetfttätäbrudetei R. Lange, Gieße».