SietzenerZamilienbliitter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1938 Montag, -en 9. Mai Nummer 56 Hey im Ächllö Roman von 4jon^<£ofpot von Zabeltitz Copyright by Deutsche Aerlags-Anstall, Stuttgart 22. Fortsetzung. Der Sekt kommt, die Holländer greifen nach den Gläsern. Bernd denkt an den Zweck seines seltsamen Auftrags, er lobt — sehr gegen seine Ueberzeugung — Berlin und das Leben der Großstadt, er spricht von einer neuen Blüte der deutschen Industrie, die konimen würde, und vom Wert der deutschen Qualitätsarbeit; er spricht nicht wie ein Mensch, sondern wie ein Leitartikel und läßt alle Schlagworte der Zeit einfließen, deren innere Unwahrhaftigkeit er längst erkannt hat. Der wohlbeleibte Mijnheer van der Straaten hört ihm ruhig zu, seine Augen gehen aber ganz anders Wege, verfolgen schlanke Frauenkörper, deren Formen' durch die dünnen Stoffe der Kleider kaum verhüllt sind, haften an tiefen Ausschnitten und an Frauenbeinen, die im Tanz von den hochge- schlitzten Röcken bis über die Knie freigegeben werden. Er hat sich eine daumenstarke Zigarre angezllndet und pafft genießerisch. Ab und zu zerquetscht er ein paar holländische Worte zwischen den Lippen, von denen Bernd nur „Meiskes" versteht; er weiß, das bedeutet „Mädchen — Frauen"; es ekelt ihn, aber er spricht weiter, krampfhaft, pausenlos. Schließlich sagt der Dicke: „Geben Sie sich doch keine Mühe, Herr Baron. Ihre Leute bekommen den Auftrag auch so. Qualitätsarbeit, das stimmt. Das ist aber auch das einzige, was stimmt. Uns kommt es aber nicht einmal so sehr auf die Qualität an wie auf den Preis, und der ist billig. Für ein paar Gulden kann man ja nächstens eure ganzen Werks kaufen." Er rückt seinen Stuhl etwas näher an den Bernds und beugt sich dichter zu ihm. „Stoßen wir erst mal an. So, und nun trinken Sie noch mal aus. Sie müssen ein bißchen vergnügter werden, scheint mir." Er schiebt seine Zigarre in den anderen Mundwinkel. „Wollen Sie ein paar Gulden verdienen? Gute holländische Gulden? Wir könnten ein Geschäft miteinander machen, glaub’ ich. Alle Welt macht jetzt Geschäfte. Wenn Sie Ihre Leute veranlassen, um zwanzig Prozent 'runterzugehen, iahte ich Ihnen zehn Prozent in holländischer Währung. Glatte Sache unter uns zweien." Wallnitz richtet sich steif auf. „Sie wenden sich an eine falsche Adresse." Der andere lächelt nur. „Ach so, unbestechlich. Dabei so ein schönes Geschäft. Schade. Also, nichts für ungut; mir gefällt auch so was. Ich l'iu im Grunde immer fürs Anständige, aber versuchen muß man das rndere auch. Oft genug glllckt's. Gestern war ich zum Beispiel in einem Ihrer Ministerien, da saß so 'n neuer Mann. Glatte Sache, sag' ich ahnen, einfach über'n Tisch. Hat keine fünf Minuten gedauert. Aber Sie — Sie können ja nicht mal lügen. Neue Blüte in Deutschland, daran stauben Sie doch selbst nicht. Ich habe Sie vorhin beobachtet, unten, als tiese Kerle uns anbettelten; ganz schlecht wurde Ihnen. Sie müssen sich 3 was nicht so zu Herzen nehmen. In Paris betteln sie in ihren berühmten Bleu du ciel und in London in Khaki, es ist bei den Siegern richt anders als hier." Wieder pafft er eine dicke Wolke und sieht durch ten Saal. „Sekt und Frauen und alle acht Tage ein gutes Geschäft, i'as ist für uns das einzig Richtige. Prost."'Er trinkt sein Glas mit anem Zuge leer, steht auf, drängt sich durch die Tische. Wenige Augen- rlicke später sieht ihn Bernd auf der Tanzfläche, er hat eine Frau im slrrm, hochblond, mit aufreizend geschminkten Lippen und in einem Kleid, 1:1 dessen flimmernden Pailettenstoff ihr Körper eingenäht zu sein scheint. Auch der zweite Holländer und Notz sind nicht mehr am Tisch; richtig, Lallnitz entsinnt sich: der andere sagte zu Notz, bevor Straaten mit > iner Bestechungsrede begann: „Kommen Sie mit an die Bar? Ich stochte gern einen Whisky trinken." Ein sauber abgekartetes Spiel, Notz l; fortzulocken, damit er von dem gemeinen Versuch nichts hörte. Vielleicht find die anderen klüger: besaufen müßte man sich, besaufen; ok den Schwindel vergessen und den seinen Kerl spielen, den großen Herrn. »Er winkt einem Kellner und schiebt ihm sein leeres Glas zu. „Schen- ün Sie ein", befiehlt er in einem Ton, der ihm sonst ganz fremd ist. Als er das Glas anfetzen will, fühlt er eine Hand auf feiner Schulter unb hört fine Frauenstimme: „Nun, Bernd, tanzen Sie nicht?" ' Er erkennt diese Stimme sofort, obgleich sie jahrelang nicht an sein l-rr schlug: Lore Schillings. Er springt aus. ,,Ia, da staunen Sie. was?" Sie lacht. „Zu komisch, was für ein .glicht Sie machen. Haben Sie mich denn nach nicht gesehen? Wir sitzen »ruben in einem großen Kreis: ein paar Bekannte, ein paar Freunde, überdies auch von Ihnen: die Isenbecks, wissen Sie, die auch immer bei fcen Eltern waren, die Herta Grömtz mit ihrem Mann und noch ein paar Jungllnge, die nur uns zum Tanzen mitgenommen haben. Lauter fidele haben Sie sich denn hier für einen Koloß angebändigt? Ich beobachte Sie schon eine ganze Weile." b y „Hollander, gnädige Frau, ich erhielt den Auftrag ..." „Richtig, mein Mann erzählte mir. Wallnitz als Bärenführer durch das Sundenbabes Berlin. Großartig. Ueberdies: .Gnädige Frau!' Was ist das für n Unsinn, Bernd? Wir find doch alte Freunde und ich Heike . immer noch Lore. Und nun tanzen, wir." ’ ” "Ich kann das moderne Zeug nicht tanzen." ' «!^“nn nid)t' ift ja wieder Unsinn, Bernd. Ein Tänzer wie Sie Einfach auf die Musik hören, bann machen die Beine schon von selbst $tDei—bm' mie Öer “Ue P°lka, bloß mit 'nem Hopser da- ■ÄM """"10191 f" l«“> Sie trägt auch eines dieser gewickelten Kleider; sie ist voller geworden reifer, fraulich und trotzdem schlank. Und sie ist schön geworden, sehr lch°"' ^Eeizend: das Gesicht hat eine verführerisch weiche Rundung, Uefe Grübchen legen sich ,n die Wangen, wenn sie lacht und spricht, der kennend rot, und die Zähne sind blendend weiß. Eine Perlen- kette ist doppelt um ihren Hals geschlungen und fällt mit ihrem Ende in den Ausschnitt, an ihren Armen klappern viele Reifen, und von ihren Ohren hangen blitzende Boutons. ' Eine schöne Frau, aber zu grell, zu laut. Nicht mehr die alte Lore m s taÄ; Sie hat recht: es ist wirklich keine Kunst, der scharfe Takt der Musik zwingt zu den richtigen Schritten. . „®ut, Bernd", lobt sie, „aber Sie müssen mich fester führen, wir tanzen hier keinen Hofwalzer." ' Er Zieht sie dichter an sich, ihr Körper liegt sehr weich in seiner Hand, er fühlt die Bewegungen ihres Rückgrates durch den Stoff. "i?°.Äab£.n, ?ie denn Ihre Frau? Nicht mitgenommen auf diese Dienstreise? Schade. Ich weiß genau Bescheid: zwei Kinder, Junge und Madel. Sehr brav, Bernd. Großes Arbeitstier in den Schillingswerken angehender Herr Generaldirektor. Neid im ganzen Hause. Protege des Herrn Papa." Und bann ernster: „Ich habe Sie nie aus ben Augen verloren." a Der TaNz ist zu Enbe. Sie nimmt ihn mit an ihren Tisch. „Kinber, macht Platz. Ein guter alter Bekannter, Herr von Wallnitz, wer es noch nicht wissen sollte, aber >hr wlßt's ja schon. Lügt nicht. Ihr habt boch alle gefragt: mit wem tanzt bie Lore denn ba?" Der Stuhl neben ihrem Platz wird frei gemacht. „Felix, schenken Sie ein", ruft sie einem jungen Herrn zu, „und Zigaretten, Felix." Wieder ist ihr helles Lachen da. „Er heißt zwar nicht Felix, aber ich nenne ihn so, weil er so glücklich ist. Er liebt mich nämlich, der arme Junge. Prost Bernd, wie lange haben wir nicht miteinander angestoßen?" Die Gläser klingen. „Und nun erzählen Sie mal, ganz ernsthaft. Wie geht es Ihnen?" Und wirklich, er kann berichten. Trotz dem Lärm der Musik und der vielen Menschen ringsum. Vom Krieg, vom Baltikum, von Notz und sogar von Lexe und den Kindern. „Und Dapper?" fragt sie. „Dapper bewirtschaftet mein Bruder. Mutter ist tot, und Vater hat sich zur Ruhe gesetzt." „Schade, ich dachte immer, wir würden wenigstens mal Nachbarn werden." „Und wie geht's Ihnen?" „Herrlich! Mein Mädel ist fetzt zehn geworden. Ich krieg manchmal Angst, daß sie mir zu schnell über den Kopf wächst. Und meinen Mann kennen Sie ja. Wissen Sie. Bernd, ihr müßt mal zu uns kommen, Sie und Ihre Frau. Ja? Alte Freundschaften soll man nicht einrosten lassen." Sie dreht sich um. „Felix! Ach, Fefix, bestellen Sie mir einen Walzer. Sagen Sie dem Veri Vargas, es sei für mich. Einen alten Walzer soll er spielen, einen alten von früher." Von neuem tanzen sie. „Links herum, Bernd, immer links herum. Das konnte doch keiner so gut wie Sie. Eine ganze Runde durch den Saal links herum, wissen Sie noch? Betrunken kann man dabei werden, verrückt." Wieder faßt er sie fester, sein alter Walzerschritt ist da. Sie läßt sich führen, schließt die Augen. „Sie können's ja noch, Bernd. Was waren wir doch dumm damals, Bernd, was waren wir dumm." Er ändert den Schritt, denn ihr Atem fliegt. Er sieht zu ihr hinab, sieht, wie ihre Brust sich hebt und senkt. „Jetzt ruhig, Bernd", bittet sie, „ganz ruhig. Links herum, rechts herum, immer im Wechsel. Die jungen Bengels können ja alle nicht mehr richtig Walzer tanzen. — Wissen Sie, daß ich Ihnen noch döse bin?" „Mir böse? Warum?" . lind dann plappert Hilde etwas. tischen Marschschritte. Sie s scheint nicht viel gegen all b.r, int ». um m»» -- - , lauern und nach Tausenden zählen, jedoch es ist viel, denn sie sind öo* baten: ein Befehl, ein Wille, ein Blut; sie haben nicht das Furchten verlernt, aber sie haben die Kraft gewonnen, es zu vergessen. Sie können etwas ganz Großes: sich einsetzen. . ,, Auch diese Straße geht zu Ende. Zur Linken ragen im Dunkel ge spenstisch die Türme einer Gasanstalt, wieder ist eine Bahnunterführung da, hinter ihr stehen die Häuser lockerer, Laubengelände kommt, stete marsch!" , , ,, , ~. Wallnitz marschiert, seinen Sohn an der Hand, neben ihnen her. tote biegen in die Wilhelmstraße ein. Dort steht eine Postenkette. Ste halten ihn an. „Für Zivilisten gesperrt." rlJ_ Ach so. Richtig: „Für Zivilisten gesperrt." Er sieht an sich hinab. Der Posten beobachtet ihn. „Haben Sie vielleicht einen Ausweis? fragt er. „Einen Ausweis? — Nein." Er blickt der Truppe nach, lange. Um ihn herum stehen Menschen wie er, Zivilisten, Bürger, stehen in dichten Haufen. Und alle sehen sie der Truppe nach; etwas wie Sehnsucht haben sie in den Augen. „Pitt« — weitergehen!" ruft der Posten, der feldgraue Posten mit dem Stahlhelm auf dem Kopf. „Soldaten!" fügt Jürgen. „Ja, mein Junge, Soldaten." Und wieder ein paar Tage ist Berlin in Aufruhr. Der Kapp-Putsch ist in sich zusammengebrochen. Nun hält die rote Meute ihre Stunde für gekommen. Alle Betriebe stehen still. Der Arbeiter wird auf di« Straße gehetzt, geheime Arsenale tun sich auf: Waffen werden verteilt, Maschinengewehre in Stellung gebracht. Cs brennt. Es brennt. Wallnitz holt feinen Feldrock aus dem Schrank. Es ist der Rock, den er in Flandern trug. Er schließt die Tür des Zimmers ab. keiner braucht ihn zu sehen. Er trennt die Spiegel vom Kragen und die Achselstücke aus den Schulternähten In Weißensee wird gekämpft, heißt es, und am Wedding und in Schöneberg bei der Gasanstalt. Da werden sie wohl nach einen einfachen Soldaten gebrauchen können. Im Nebenraum bringt Lexe die Kinder zu^Bett. Er hört ihre ruhige Stimme. „Sei still, Jürgen, tobe nicht so." - ' " $ Sie ahnen auf: Feld, das ist wie draußen im Krieg, ist Weile, ^^Wallnitz nimmt seinen Sohn an die Hand und gei)t mit ihm zum Brandenburger Tor. Auf dem Pariser Platz lagern die Feldgrauen, sie haben die Gewehre zusammengesetzt, die Tornister abgehangt und warten auf Befehle. Junge Burschen sind es meist, ordentlich angezogen, frische Gesichter, sonnengebräunt. „Das sind Soldaten", sagt Bernd zu Jürgen. Sie hebt den Kopf zu ihm, den verführerisch schonen reifen Frauenkopf. „Weil Sie mir damals nicht einmal einen Kuß gegeben habem Ick hatte ja solche dumme, herrliche Sehnsucht. Wenn Sie mich schon nicht Waten Sollten, um den Kuß hätten Sie mich wenigstens mcht betrugen dürfen. Die Menschen drängen sich. Alles dreht sich im Rhythmus des Walzers. Biel süßlickes Parfüm ist in der Luft, viel Zigarettendunst, Die verwirrende, verliebte Stimmen. Alle Paare sind mit sich beschäftigt, nur mtt5)Mroingt es Bernd: er beugt sich zu Lore und küßt sie. Küßt sie mitten aus den roten, geschminkten Mund. Und sie lacht. — Später kehrt Bernd an seinen Disch zurück. Er hat kein frohes Gesicht. Notz sitzt allein vor einem vollen Glas. „Wo sind die Holländer?" Bernd stellt die Frage nur, um überhaupt etwas zu fragen.' „Fortgegangen." „Allein?" Musck wirbelt mit einem Schlagzeug. Ein Ansager schreit ein paar Worte in den Lärm. Eine Balletttruppe tritt auf, Frauen wie in der Revue: nur Schleierfetzen bedecken ihre Körper. „Mit wem tanztest du vorhin?" fragt Notz. „Mit einer alten Bekannten aus der Friedenszeit. „Hast du gesehen, was auf der Zeitung stand? M>tz yig^au^bie Tänzerinnen, die plötzlich auch die letzten Schleier "EWS«™*. Seiten, Die Mw-, Een M. vieler auf und hüllen sich in den Stoff, als ob sie froren. Bernd sieht zu dem anderen Tisch. Auch Lore klatscht, klatscht wie toll. Er wendet seinen Blick ab. „Es kotzt einen an", sagt er. „So?" fragt Notz. „Ja! Alles!" # Wenige Tage später ziehen Truppen in Berlin ehr. die Brigade ,Das sind Soldaten", sagt Bernd zu Jürgen. „Wie du, Vater?" fragt der Fünfjährige. ,Za, Jürgen, wie ich einer war." Er tritt zu den Mannschaften; sie spüren sofort den alten Offizier in ihm, nehmen die Hacken zusammen und antworten kurz und militärisch. Es sind viele aus dem Baltikum unter ihnen; da gibt es gemeinsame Erinnerungen. Einige kennen ihn wieder. „Aber natürlich: das ist doch unser Hauptmann von Wallnitz, der banials in Riga beim Stab war. Wie qeht's denn, Herr Hauptmann?" Sie nehmen Jürgen auf den Arm. Na, Junge, du wirst auch mal Soldat, was?" Und Jürgens Augen leuchten. Si« wenden sich wieder an Bernd. „Wenn der soweit ist, Herr Hauptmann, dann sieht's in Deutschland schon wieder anders aus. Die Schweinerei biegen wir schon zurecht." Tadellos ausgerichtet stehen die Gewehrpyramiden. Wallmtz blickt die Reihe entlang, die Ordnung freut ihn. Plötzlich ruft er: „Da hat ja einer feinen Mündungsschoner auf der Flinte gelaßen. Die anderen sind fast erschrocken. „Wo?" fragen sie. „Bort in der achten Pyramide. Kinder, meinem militärischen Auge könnt ihr doch nichts vormachen. Befehle werden gerufen. „Auf Wiedersehen, Herr Hauptmann , heißt es noch, dann werfen sie die Tornister auf die Schultern. Kommandos ertönen: „Das Gewehr — über!" — „Mit Gruppen rechtsschwenkt — Kleine zarte Hilde. „Wollen wir sie Irene nennen?" hatte Lexe ge- schrieben, damals, als er in Flandern lag. In diesem Rock. W Im Schrank steht bas Gewehr, Munition liegt bei ihm. Wallnitz laßt fünf Patronen vom Streifen in die Kammer gleiten, dann wirst er das ^SJeVVon Sr“sÄ drückt die Klinke nieder. 'Was gibfs denn, Bernd? Du hast dich eingeschlossen?" „Ich habe zu tun." „Kommst du nicht beten, mit den Kindern l . Nein. Lere, ich kann nicht." . - .Mas hast du denn, Bernd? Dein« Stimme klingt so anders. „Nichts Besonderes, Lexe. Ich zieh mich nur um. Ich muß noch einmal weg." „Lange, Bernd?" „Vielleicht." N'ftMch "ÄÄnM U.r d.» »r«u,„ alte Feldmütze in die Tasche, einen Jagdfilz, den er früher in Dapp.er 0et™?nen Augenblick^steht er wie unschlüssig im Raum, blickt sich um, lieht noch einmal die Waschtische, die Schränke, Lexes Frisiertisch mit dem hohen Spiegel, vor dem silberbeschlagene Bürsten und Kamme liegen und Kristallschalen und geschliffene Fläschchen aufgebaut sind; er sieht die Betten lieber ihnen hängt der Schmerzensmann am Kreuz. 3urgens Stimme klingt herüber, wie an jedem Abend detet^er: „Und beschütze meine liebe Mutter und meinen heben Vater. Amen. „ Amen", wiederholt Bernd leise. „Schlafe gut, mein Junge. Dann geht er hinaus, eilt über den Flur zur Hintertreppe und auf die S^Der Stab des Schutzregiments Berlin liegt am Bahnhof Zoo. «Habt ihr Arbeit für mich?" fragt er. „Arbeit" nannten die Baltikumer es ja. Es werden gerade zwei Gruppen zusammengesetzt: VerstarkunMn für das Postamt in Weißensee; dort liegt der Mittelpunkt der Sertctb*9u"9 bes Nordostens, von diesem Postamt aus werden die Wachen gestellt für den Schlachthof, für die Gasanstalt, für ein Wasserwerk und für andere lebenswichtige Betriebe; fällt dieser Punkt, bricht die ganze fette zusammen. Und nun ist das Gebäude von Kommunisten eingeschlossen, und die Kerle versuchen es j>u stürmen. stehM)en™Zckilmante 1 aus, vertauscht den Filz mit der Feldmütze Unb(Ft5r,iftroe°ncObunt’e Gesellschaft: Mannschasten Unteroffistere Oftizi^e durcheinander; Infanteristen, Kavalleristen, Artilleristen; Uniformen mtt und ohne Abzeichen. Ein Leutnant führt das Kommando. Bernd nennt nicht seinen Namen, nicht seinen Rang. Als der Jünger» „Stillgestanden" kommandiert, strafst er sich wie ein Rekrut. Soldat. Mehr will er nicht fein. Sie marschieren durch den Tiergarten. Sie reden nicht viel, sie gehen In aleickem Schritt und Tritt, das Gewehr über Der Schulter. Es ist ein weiter Weg: das Brandenburger Tor, der Pariser Platz kommen. Da hat er mit Jürgen gestanden und ihm die Feldgrauen gezeigt: Mas sind Soldaten!" Jetzt steht er auch wieder in Reih' und Glied, und s° muß es fein. Alles andere war falsch. Soldatsein und dienen. Dem Vaterland, dem Volk Ordnung schaffen, Ruhe fchasfen, damit die Rader rollen> und die Felder blühen können. Arbeit für alle. Leben für alle. Damit der Krieg ni^"ßtnben" geht es hinab. Das Schloß steht da, mächtig und wuchtig- Die Gardinen wehen nicht mehr aus den Fenstern, sie haben neue.Scheibe eingesetzt. Aber kein Licht brennt in den Raumen wie einst. Kieme Lexe, weißt du noch? denkt Bernd. Aengstige dich nicht kleine Lexe. Notz ist ja da, Notz kann lachen, Klavierspielen und singen. Er liebt dich. Er wird es dir wohl sagen eines Tages. Und das ist gut so. Denn, kleine Lexe, ich bin dir ja doch nur wie ein Bruder. Ich habe mich geirrt, und du hast dich wohl auch geirrt damals, als wir auf der Treppe zur Schloßkapelle saßen. Ich dachte: du seiest wie Irene, ich dachte, ich konnte mein Herz auch vor dir hertragen, wie einst die Ritter die Farben ihrer Damen im Turnier trugen. Aber du bist nicht geschaffen, kleine Lexe, stummes Dienen hinzunehmen. Du bist sehr irdisch, kleine Lex«, und das 'st nicht fa ^ Das ist sogar besser und stärker. Du hast wohl me gefühlt, daß wir unirrten. Im Krieg waren die Wochen so kurz und der Rausch betörend, und jetzt war die Zeit so schwer und der Wechsel so groß. Du hast es nicht gespürt, noch nicht. Aber Irene weiß es, Irene Un er Kind, Lexe, unsere Tochter, sie wird einmal wie Irene werden. Das ist keine leichte Gabe. Du mußt ihr helfen, daß sie sie tragen lernt. Wir müssen ihr helfen! - Dann liegt bas alte Hohenzollemschloß hinter Bernd und mit ihm bie Gedanken an das Einst. Bald darauf kommt der rote Backstembau bes Rathauses. Weiter geht es, weiter. x Es rollt kein Zug über die Stadtbahnbrucke am Alexanderplatz, es brennt kaum ein Licht in der langen Greifswalder Straße. Aber Menschen stehen im Dunkel an den endlosen Häuserreihen. Schimpsworie fallen, Pfiffe gellen. Die beiden Gruppen schließen sich fester Zusammen und treten härter auf, damit sie ihre eigenen Schritt« hören, ihr« Maa- “ - sind achtzehn Mann und ein Führer: das die, bie in den Türen und hinter den Ecken r zu Bett. Er yon iyre ruyige t. , , v u ™' — „Soldaten!" ruft der Junge. Freiheit, die lastenden Mauern sind fort. 1 (Fortsetzung folgte Der Totentanz. Von I. 2B. v o n Goethe. Der Türmer, der schaut zu Mitten der Nacht Hinab aus die Gräber in Lage; Der Mond, der hat alles ins Helle gebracht. Der Kirchhof, er liegt wie am Tage. Da regt sich ein Grab und ein anderes dann: Sie kommen hervor, ein Weib da, ein Mann, In weißen und schleppenden Hemden. Das reckt nun, es will sich ergötzen sogleich. Die Knöchel zur Runde, zum Kranze, So arm und so jung und so alt und so reich; Doch hindern die Schleppen am Tanze. Und weil hier die Scham nun nicht weiter gebeut, So schütteln sich alle, da liegen zerstreut Die Hemdelein über den Hügeln. Nun hebt sich der Schenkel, nun wackelt das Bein, Gebärden, da gibt es vertrackte; Dann klipperts und klapperts mitunter hinein, Als schlüg man die Hölzlein zum Takte. Das kommt nun dem Türmer so lächerlich vor; Da raunt ihm der Schalk, der Versucher, ins Ohr: «Gehl hole dir einen der Catenl" Getan wie gedacht! Und er flüchtet sich schnell Nun hinter geheiligte Türen. Der Mond, und noch immer er scheinet so hell Zum Tanz, den sie schauderlich führen. Doch endlich verlieret sich dieser und der. Schleicht eins nach dem andern gekleidet einher. Und husch I ist es unter dem Rasen. Nur einer, d^r trippelt und stolpert zuletzt Und tappet und grapst an den Grüften; Doch hat kein Geselle so schwer ihn verletzt, Er wittert das Tuch in den Lüften. Er rüttelt die Turmtür, sie schlägt ihn zurück, Geziert und gesegnet, dem Türmer zum Glück; Sie blinkt von metallenen Kreuzen. Das Hemd muß er haben, da rastet er nicht. Da gilt auch kein langes Besinnen, Den gotischen Zierat ergreift nun der Wicht Und klettert von Zinne zu Zinnen. Nun ist's um den armen, den Türmer getan! Es ruckt sich von Schnörkel zu Schnörkel hinan. Langbeinigen Spinnen vergleichbar. Der Türmer erbleichet, der Türmer erbebt. Gern gab er ihm wieder, den Laken. Da häkelt — jetzt hat er am längsten gelebt — Den Zipfel ein eiserner Zacken. ,, Schon trübet der Mond sich verschwindenden Scheins, Die Glocke, sie donnert ein mächtiges Eins, Und unten zerschellt das Gerippe. Die wahre Wett. Eine Erzählung von Bruno Brehm. Im ersten Sommer nach dem großen Kriege packte Susann«, ein Mädchen von zwanzig Jahren, den Rucksack prall voll mit gehamstertem, bröcklig-gelblichem Maisbrot und fuhr, auf dem Trittbrett eines überfüllten Zuges hockend, an den See chrer Kindheit ins Salzkammergut. Zwar hatte die Mutter nach des Vaters Tod das kleine Anwesen am See verkaufen müssen und wollte, da chr einziger Sohn am Jsonzo gefallen war, weder See noch Haus, die im Glück einst geliebten, wiedersehen. Aber dem von Sehnsucht ergriffenen Mädchen war weniger daran gelegen, die Stätten vergangenen Glückes zu meiden, als wieder einmal die Lust des Sees zu atmen und den Kranz der blauen Berge zu sehen. Gegen Abend erst langte der Zug am Ziel der Fahrt an. Susanne eilte durch den langgestreckten Ort. Aus den beiden großen Gasthosen raunzte und dudelte die zerquetschte, alberne neue Musik. Sie fragte hier und fragte dort; aber alles war besetzt, nirgends ein Plätzchen frei. An ihrem einstigen Haus dort unten am See eilte sie rasch vorbei, aber sie hörte doch das Plätschern des Wassers, im Bootshaus und das leichte Klirren der Ketten. , . Wohin sollte sie sich, da eine Rucksacktouristin un Ort kein Nachtlager bekam, nun wenden? Da entsann sich Susanne eines kleinen Gasthauses, ein wenig abseits, ein wenig bäuerlich und muffig, von wo sie als Kind öfters der Mutter Eier und Butter geholt hatte. Der Mond stand schon hoch. Die Wirtin erkannte Susanne gleich wieder, sie rönne keine Sommergäste nehmen, sie habe kein Geld, das Anwesen richten zu taffen, alles fei ein wenig zerfallen, der Mann fehle, er sei noch in Sibirien gefangen. Aber endlich gelang es Susanne doch, die sich sträubende Frau zu Überreden; sie wurde in eine kleine Kammer geführt, zur Schlafftatt der Haustochter, die im Kriege in eine Munitionsfabrik gelaufen unb dann in der Stadt geblieben war. Susanne reichte der Wirtin, die nun das Bett mit rotweißem Zeug Überzog; die Lebensmittelkarten, öffnete, um die schlechte Luft loszuwerden, das Fenster und blickte Über die dunklen Tannen hinweg auf den See. . Am nächsten Tag muhte sich Susanne auf dem Gemeindeamt an« melden. Die Menschen, die sie auf der Straße am Ufer und in den Gasthausgärten sah, nahmen sich aus, als hätte ein böser Spaßvogel st» aus Bars und Nachtcafes, aus Börsen und Banken zusammengetrieben, in seidene, übergrelle Dirndlkleider und krachneue Lederhose» gesteckt unb hier wieder ausgelassen. Hinter hastig geblätterten Zeitungen hervor lugten Geierschädel und Hyänenrachen, schwammiges Fleisch quoll unter Brusttüchern, schleimige Blicke krochen ihr nach; die Lemuren des Krieges, das furchtbare Gesindel der Zeit, hatten sich als biederes Landvolk verkleidet und diesen einst so stillen Ort mit ihrem Geld, ihrem Lärm unb ihrem Geschrei erobert. Sie eilte, als brenne der Boden unter ihren Füßen, wieder in da» kleine Wirtshaus zurück, bat die Frau um das alte, morsche Boot und ruderte langsam in den See hinaus. Am anderen Ufer legte sie an einer verfallenen Landungsbrücke an. Hier war der Strand verschilft und »er« moost, hierher tarnen die Leute nicht, hier war west und breit teilt Badeort. Die Ruhe tat ihr wohl, sie setzte sich auf die warmen, grauen Bretter und lieh die Füße baumeln. Hier war sie in einer anderen Welt. Seltsam, dachte sie, mit den bloßen Füßen leicht über das Wasfer streichend, daß sie in der Zeit des Glücks mit ihrem Bruder niemals den Weg hierherüber gefunden hatte. Dieser alte Landungssteg mochte wohl zu dem unweit hinter einem Obstgarten gelegenen weißgetünchten Gehöft gehören, aus dem nun ein Heiner, etwa siebenjähriger Junge trat, und langfam auf Susanne zukam. Es war ein weißblondes Kind mit großen Augen in dem blaffen, nicht gerade sauberen Gesicht, in einem zerrissenen Höschen, barfüßig und scheu, dem Sonnenlicht des Tages abgekehrt wie ein grauer, kleiner Nachtfalter. Susanne erhob sich langsam, um sich dem Kind zu nähern und ihm mit der Hand leicht über das zerraufte Haar zu streicheln, aber der Bub ging, ohne ein Auge von ihr zu wenden, langsam, ohne sich umzusehen, die bloßen Füße geräuschlos in das feuchte Gras setzend, nach rückwärts, gab auf die Frage nach Namen und Alter keine Antwort, stand, wenn das Mädchen stehen blieb, und trat hinter sich, „wenn Susanne sich nähern wollte, immer die großen, grauen Augen unverwandt auf sie gerichtet. Mit leichtem Schmerz in der Brust bestieg das Mädchen wieder ihr Boot, ruderte in die Mitte des Sees, ließ sich dort ins Wasser gleiten, schwemmte den sanften Kummer über das Mißtrauen des Kleinen fori, und dann sonnte sie sich im Boot. Die Wirtsfrau konnte über das Kind Auskunft geben, den kleinen Loisl kenne sie wohl, das fei ein schwacher Wurm, scheu wie eine Waldtaube, aber weder krank noch blöde. Am anderen Tag fuhr Susann« wieder zu dem einsamen Haus hinüber, diesmal aber, um den scheuen Buben zu locken mit einer Tüte Süßigkeiten. Das Kind mochte auch schon gewartet haben, denn von weitem sah sie es schon auf dem Steg stehen. Als sie aber näher kam, zog sich der Bub wieder wie am Tag vorher langsam zurück. Abermals wandte er seine großen Augen nicht von ihr, abermals ließ er sich weder durch Worte noch durch die auf den Steg gestellten Süßigkeiten bewegen, näher zu kommen. Wenn dieses kleine Leben'dort doch endlich näher käme! Das struppige Haar wollte sie ihm kämmen, das schmierige Gesichtlein ein wenig waschen, und in die Augen wollte sie ihm dabei sehen, o, ganz behutsam nur. Märchen wollte sie ihm erzählen, einen kleinen Freund wollte sie haben in ihrer Einsamkeit. Nun schlug der Hund an der Kette an. Eine große, knochige Fran kam durch den Obstgarten, sah das Mädchen, sah das Zuckerwerk vorn« auf dem Steg, lachte, grüßte Susanne, nahm die Süßigkeiten auf und wollte sie dem Buben reichen, aber der wurde über und über rot, flitzt» wie ein Echslein an der Mutter vorbei hinter das Haus und war weder durch Rufe noch durch Schelte hervorzulocken. . Als das Mädchen diesmal in der Mitte des Sees kopfüber m das Waffer sprang, linderte die Kühl« ihren Kummer nicht. Em Stachel sah in ihrem Herzen, sie legte sich mit ausgebreiteten Armen, nur hi« und wieder die Beine regend, stach aufs Wasser und schloß die Augen. Am gleichen Abend lernte sie einen jungen Mann kennen, der zwar nicht zu den Geiern und Hyänen unten im Orte gehörte, aber doch mit ihnen Frieden geschlossen oder sich wenigstens mit der Zeit und ihrem Schick« [al abgefunden zu haben schien. So sei es nun einmal, sagte der jung« Mann es werde sich sobald nicht ändern. Es sei nicht so arg. Man tonn« sich an diese Musik ebenso gewöhnen als wie an die Schieber. Eines Abends gab es eine Tombola; draußen auf dem See stiegen aus tarn» pionqeschmückten Booten leuchtende Raketen auf, Gäste und Einheimisch« drängten sich auf den Tanzboden. Susanne flog, alles vergessend, vv« Arm zu Arm und ließ sich bewundern. . , . . Aus dem Heimweg begleitete sie der junge Mann und trug chr bea Heinen, in der Tombola gewonnenen, buntbemalten Schubkarren nach, ein lustiges, mit Alpenrosen, Enzian und Edelweiß bemaltes Kindersahr« zeug, wie es die Bauern dort in der langen Winterzeit schnitzen, bemalen und auf den Jahrmärkten verkaufen. , , o . _ Die Nacht mar mild, vom See herauf klang das hohe, schrille Lachen von Frauenstimmen, weiter draußen spielte eine Ziehharmonika. Der junge Mann ließ ihre heiße Hand nicht mehr los und schlang seinen Arm um ihre Hüfte. Nein, nein, nicht heute, nicht jetzt, sträubte sich Susanne morgen werde man sich wiedersehen, und nun gute Nacht! Als sie am nächsten Morgen spät und mit wirrem Kops erwacht«, fiel ihr Blick auf den kleinen, bunten, neben der Türe lehnenden Schub« ^sJe kleidete sich an, nahm den bunten Schubkarren, schöpfte das Wasser aus dem Boot und ruderte mit kräftigen Zügen hinüber zu dem einsamen Haus. Als sie näher kam, traute sie ihren Augen nicht. Dort, auf dem Stege stand, di« Augen mit der Hand schirmend, mit dieser kleinen, schmierigen Hand, das Büblein, das sich nun, mit jedem Ruder- schlag langsam zurückzog. Das mußte ein Zufall sein Das Kind durste doch nicht all die vielen, vielen Tage hier auf sie gewartet haben. Das konnte sie dem Kinde doch nicht angetan haben. Sie legte an, sie stieg aus, der Bub wich vom Steg zurück, sie hob den Schubkarren hoch, drehte das Rad mit dem Finger und stellte das Spielzeug neben den Steg. Sie rief ihm zu, daß der Schubkarren nun ihm gehöre, sie schenke ihn dem Loisl. Wie von einer Schnur gezogen kam der Bub näher heran/ seine großen Augen auf den bunten Schubkarren im grünen Gras gerichtet. „Nimm es nur, Loisl", lockte das Mädchen, „nimm es nur, es gehört dir, du darfst es behalten." . Und nun geschah etwas, was dem Mädchen auf dem Steg durch und durch ging. Hatte der Anruf und die Nennung des Namens den Knaben erwachen und seine Scheu überwinden lassen, sie hörte einen, sich selbst Überschlagenden gellenden Schrei aus dieser kleinen Brust aufsteigen, sie sah, wie sich das Kind auf das Spielzeug stürzte und es an feine Brust preßte, sie vernahm, wie es hervorstieß: „I hab's do gwußt, daß d' komm'» wirstl" Das war das einzige Wort, das an sie gerichtet war, denn nun sah das Büblein nur noch den bunten Schubkarren, den es unter Jauchzen, Lachen und Hüpfen vor sich her schob, vor dem es niederkniete, dessen bunte Blümlein es streichelte, dessen Rad es mit dem Finger herumtrieb, als wäre es eine Mühle des Glücks. Dann. sprang es auf, rollte den Schubkarren tanzend vor sich her und stieß kleine, schrille Schreie der Freude aus. Das Mädchen wollte das Kind in seiner Freude nicht stören. Leise ging es an das Ende des Steges, band das Boot los, stieg ein und ruderte still fort, immer wieder das holde Jubslftimmchen hörend und das Büblein hinter dem Schubkarren springen und tanzen sehend, dieses Büblein aus der anderen, aus der einzig wahren Welt, die nie versinkt, die immer da ist, die wartet und hofft, auch dann,, wenn wir sie mit unseren blinden, törichten Augen nicht mehr sehen können. Den Äärinern. Von Friedrich Rückert. Ich zog eine Wind' am Zaune; Und was sich nicht wollte winden Von Ranken nach meiner Laune, Begann ich dann anzubinden, Und dachte, für meine Mühen Sollt' es nun sröhlich blühen. . Doch bald hab' ich gefunden, Daß ich umsonst mich mühte; Nicht, was ich angebunden. War was am schönsten blühte, Sondern was ich ließ ranken Nach seinen eigenen Gedanken. .ui höchsten Gipfel Großdeuischlan^. Von Hermann Otto Vaubel. Wir hatten uns den Großvenediger erkämpft und wollten nun auch noch auf den Großglockner. Wir waren von Windifch-Matret über das Kals-Matreier Törl hinübergestiegen nach Kals. Ein schweres Gewitter hing in den Bergen. Blitze zuckten um die wolkenoerhangenen kahlen Gipfel in der Runde. Träge dahinrollend folgte ihnen der Donner. In mehrere Teile zerstreut lag das Dorf mit seinen dunkelbraunen Holzhäusern auf dem Talboden. Wir schlossen gerade die Tür des Glockner- wirtshauses hinter uns, als der Regen mit aller Gewalt — wie er es nur in den Alpen vermag — niederzurauschen begann. Der nächste Tag war als Ruhetag vorgesehen. Der Regen plätscherte lustig weiter auf die feuchte Welt. Eine bunte und vielseitige Gesellschaft uzar in unserem Hause versammelt. Ein junges Paar, das anscheinend noch nicht allzu lange verheiratet war, machte uns viel Spaß. Sie war eine rundliche und zärtliche Slawin, er lang, dunkel, mit großer Nase. Sie schmachtete ihn an, er ließ es sich, gerne gefallen. Um ihrer Tischgewohnheiten willen und weil wir von der Vision eines rosigen Marzipan-Schweinchens nicht loskamen, nannten wir sie nur das „Schweinchen". — Das Publikum wäre vielleicht noch vielseitiger gewesen, wenn das Postauto wie gewöhnlich nach Kals hinaufgekommen wäre. Das war aber in diesen Tagen nicht möglich. Das letzte Gewitter hatte mit seinen Regengüssen die Schutthalden an den Berghängen in Bewegung gesetzt. An drei Stellen hatten Muren die neue Autostraße vollkommen zugefchüttet. Wir blätterten im Kaiser Gästebuch. Da fanden wir auch eine schwarz eingerahmte Eintragung, bei der nachträglich drei Kreuze hinzugefügt waren. Sie enthielt die Namen der Männer, die von hier aus die erste Winterbesteigung des Großglockners versucht hatten. Darunter folgte der Bericht der Rettungsexpedition, die die Leichen zu Tal ge- vracht hatten. Als ich am Abend noch einmal vor die Tür trat, hing der Nebel dicht über dem Talboden. In den höheren Lagen mußte dichter Neuschnee gefallen sein. Am anderen Morgen waren die Wolken den Hängen entlang in die Höhe geglitten. Die Gipfel lagen unschuldig und weih in frischem Schnee. Während des Vormittags erschien ein paarmal die Sonne, zog sich aber immer wieder zurück. Wir entschlossen uns trotzdem, zum Glöckner aufzubrechen. — An diesem Tage stiegen wir noch das Ködnitztal aufwärts bis zur Lucknerhütte (2200 Meter). Diese große Almhlltte liegt unmittelbar am Fuße einer Talwand, die in riesigen Felsäbstürzen auf sie niederzukommen scheint. Gegenüber, aus der anderen Talseite, fanden wir an einer steilen Wand Edelweiß. Es war ein herrlicher klarer Abend, nur etwas kalt. Wie Zuckerhüte stachen die verschneiten Gipfelzacken ringsum in den leuchtenden Himmel. Kein Wälkcken war zu sehen. So war es auch in der Frühe des nächsten Tages. Die Sonne wurde Ichon so stark durch den Neuschnee zurückgeworfen, daß wir bald die Schneebrille aufsetzen mußten. Bis zur Stüdlhütte (2800 Meter) brauch- len wir nur kurze Zelt. Am Horizont breitete sich die ganze Kette der Dolomiten. Von hier aus stiegen wir über den untersten Teil des Teischnitz-Gletschers hinüber auf den Luisengrat, der vom Glöckner herunterkommt und über ihn hinüber auf den Ködnitz-Gletscher. Dort seilen wir uns an, obwohl der Gletscher im ganzen, wenn man die Route kennt, ungefährlich ist. Nun machte uns der Neuschnee zu schaffen. Die Sonne hatte ihn aufgeweicht und wir sanken tief, stellenweise bis über das Knie, ein. Es war ein mühseliges Schneestapfen; doch von eigener Schönheit war die Geschlossenheit des Bildes, das sich uns bot: Links von uns stieg steil der Glocknergipfel empor, schwarz und weiß sich abhebend von dem dunkelblauen Himmel. Vor uns war der Grat, auf dem die Adlersruhe liegt, hinter uns zog sich der Luisengrat zum Gipset. Dazwischen aber breitete sich das flimmernde, glänzende, weiche Weih des Ködnitz-Gletschers aus. Es war eine unendliche, kalte Ruhe über allem. Das Bild aus einem alten indischen Epos kam mir in den Sinn, wo die Gletscherpracht des Hochgebirges „das gefrorene Lachen des Gottes" genannt wird. Daran änderten auch nichts die starren Schneefahnen, die der Sturm von den Graten in die dunkele Himmelsbläue blies Bald kamen wir mit ihnen in Berührung, als wir zur Adlersruhe hinaufkletterten. Der Schneestaub flog uns in dichten Massen ins Gesicht, der Sturm wehte uns beinahe vom Grat. Noch über ein paar Felsen empor, und wir standen vor der Erzherzog-Johann- Hütte auf der Adlersruhe (3465 Meter). Sie ist die höchste Hütte Oesterreichs. Der Blick war nach fast allen Seiten grenzenlos. Im Norden und Süden sah man bis über die Vorberge der Alpen hinaus. Bergkette reihte sich an Kette, Gletscher an Gletscher und Gipfel an Gipfel. Ueber die Gipfel in der Nähe hob sich stolz die spitze Pyramide des Miesbachhornes hinaus. Da das Wetter gut war, entschlossen wir uns, noch an demselben Nachnnltag den Glocknergipfel zu besteigen. Eine Kette von Menschen stieg gleichzeitig mit uns hinauf. Es waren mindestens dreihig, davon der größte Teil nur wenig — oder gar nicht — geübt und ohne Führer. Zuerst bis zum Grat hinauf ging alles sehr schön. In dem tiefen Schnee zog sich eine breit ausgetretene Spur in Serpentinen hinauf. Oben auf dem Vorgipfel aber, dem Klein-Glockner, wo vereister Fels, der selbst dem Steigeisen kaum Halt bot, und ein überhängender Wüchtengrat miteinander abwechselten, wurden die Leute nervös. Denn sie klebten an dem schmalen Grat und sahen rechts über den Rand der Mächte hinab auf das 1500 Meter tiefer liegende breite Gletscherfeld der Posterze, während links 1000 Meter tief in unschuldigem Weiß der Schnee des Ködnitz-Gletschers heraufleuchtete. Die Angst erreichte ihren Höhepunkt, wenn eine solche Partie — zu Heil oder Unheil durch das Seil verbunden — die Glocknerscharte (zwischen Klein- und Großglockner) passierte. Es ist nur ein kleines Wegstück, diese berüchtigte Scharte, je nach den Schneeverhältnissen 4 bis 6 Meter lang,- aber nur 20 bis 30 Zentimeter breit. Das Drahtseil, das dort angebracht ist, lag abermals mehrere Meter tief im Neuschnee. Uns wurde das Ueberschreiten dieser Stelle etwas erleichtert durch eine Fllhrerpartie hinter uns, vor der wir „Führerlosen" uns nicht blamieren wollten. Wir hatten dafür bann bas Vergnügen, vom G'ock- nerkreuz (3800 Meter) aus zuzusehen, wie ber Führer seinen Schützling sorgsam festbanb, dann ein Seitgelänber herstellte unb ihn am Seit um bie Brust langsam hinüberzog. Lange konnten wir auf bem Gipsel nicht b(eiben, benn unterhalb warteten schon anbere auf unseren Ab- ftXf bem Rückweg machte bie Scharte gar keinen Einbruck mehr auf uns. Inzwischen waren an den Gipfeln des Horizonts verschiedentlich Wolken aufgezogen. Schlechtes Wetter schien beoorzustehen. In langer Reihe klebten nun vor unb hinter uns die Partien am Grat des Kleinglockners. Alle wollten so schnell wie möglich bie Hütte erreichen. Minutenlang, fa viertelstunbenlang mußten wir an manchen Stellen warten, bis es ben Vorausgehenden gelungen war, irgendeine, ihnen gefährlich erscheinende Stelle zu überwinden. Manchmal machte eine Partie den Versuch, die anderen zu überholen. Das hatte nur den Erfolg, daß die Seile sich verwirrten unb bann erst roieber entknotet werben mußten. Das verlangsamte bas Tempo natürlich nur noch mehr. Die Leute wurden immer nervöser. Es war ja auch nicht schön, auf einer Schneewächte zu stehen, durch deren Spalten man auf bie Pasterze hinuntersah unb bie {eben Augenblick mit allen Menschen darauf in die Tiefe stürzen konnte. Es war beinahe unglaublich, daß an diesem Tage auf bem Glöckner kein Unglück geschah. Als wir endlich wieder vor ber Hütte waren, hatten wir bie dreifache Zeit wie gewöhnlich gebraucht. Von Westen her zogen dunkle Wolkenmassen heran. Der Großvenediger mit seinen Gletschern lag in schwefelgelbem Lichte. Um bie bieten Mauern ber Hütte heulte ber Wind. An unserem Schlaframn bedeckte ber Schnee außeii bie Fenster bis zur halben Höhe. Durch die offen gebliebene Hälfte konnte man auch nichts mehr erkennen. Dichter Nebel hüllte alles ein. Unser Atem rauchte. Auch am nächsten Tage war das Wetter noch gleich schlecht, aber es hatte wenigstens nicht über Nacht geschneit. So' konnten wir trotz des brauenden Nebels den Abstieg über Hofmanngletscher unb Pasterze wagen. Wir konnten uns auf bie Spur verlassen, die unsere Vorgänger an ben vorhergehenden Tagen getreten hatten. Als wir an die Pasterze tarnen, war der Nebel so weit gestiegen, daß wir gerade bis zu bem anberen Ufer dieses größten Eisströmes ber Ostalpen sehen konnten. Es war ein arktisches Landschaftsbild: Eine weite, kilometerbreite, fast ebene Eisfläche, über die die Schmelzbö-be kmbin- ftossen, ber Nebel barüber unb bie schwarzgrauen Ansätze ber Felsw inde an beiben Ufern. Es war bie grenzenloseste, göttlichste Einsamkeit, bie bentbar ist. Wir stiegen nach Heiligenblut ab. Fern, verhüllt unb nur vom Wls- senben geahnt, lag ber Glöckner Im Nebel. Verantwortlich: vr.-Hans Thhriot. — Druck unb Verlag: Brühlsche UniversttätSbruckerei R.Lange, Gießen.