GiehenerKmiliendMer Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger Jahrgang 1938 Zreitag, den 8. Juli Nummer 52 Lady Hesier Stanhope EINE FRAU OHNE FURCHT Von Marla Josepha Krück von poturzyn Copyright by Deutsche VerlagS-Anstalt Stuttgart 12. Fortsetzung. Das Felsenreich. Jerge ziehen von Nord nach Süd. Senkrecht erheben sie sich über dem Meer, ihr Rücken hat die Zedern getragen, die Gott selbst einst gepflanzt hat, noch vor der Sintflut, damit sie das Holz liefern sllr Hiram, den Baumeister des Tempels. Dunkelblau rollt das Meer in breiten Wogen heran, willig öffnen sich sonnige Buchten, in großen Melodien steigern sich die Gipfel bis zum ewigen Schnee. Feierlich ist der Name des ersten Berges, den Gott geschaffen: Libanon. An den Hängen kleben Dörfer, Klöster, Minarette, Mauern der Römer, Araber und Kreuzritter — denn hier stiegen durch die Jahrtausende alle Götternamen zum heiteren Himmel. Der Libanon ist eine Welt für sich, er trägt alle Gebiete der Erde verkleinert in seinem Schoß. In tausend Krümmungen unter gigantischen Masten kräuseln sich Meere von rötlichem Sand gleich der Wüste Aegyptens; Pinienwälder täuschen die süße Monotonie Italiens; in den düstern Schluchten gegen die Seite des Morgens, wo der Aar um die Kämme kreist, zeigt er die wilde Herrlichkeit der Alpen; und in ben Luchten, wo schmeichelnde Schlinggewächse die Mauern der Phönizier decken und der Hyazinthen brennendes Rot den Rasen durchhaucht, trägt die Erde zu Recht den Namen der Römer: Julia felix! — Von Saida, der lachenden Oase, aufwärts türmen sich schwarze und Deiße Felsen; Erdbeben haben das Innere der Erde zutage gebracht, kahle, zerrissene Kreidehügel steigen in Stufen hinan, Berge schließen lich an Berge in dichten Ketten; Skelette sind es, seit Jahrtausenden an >er Sonne Asiens gebleicht. Plötzlich streben sie auseinander, geben dem trüncn Tale Raum, darin erhebt sich ein Felsenkegel wie ein mächtiger Eurm, und seine Spitze ist von Mauern umschlossen. Sonderbarere Festung hat es nie gegeben; ein Labyrinth von Höu- !ern, Gängen, Mauern, Terrassen; dazwischen Ställe, Höfe, verhüllte Euren und Verliese. Alles überwuchert, umrahmt, verdeckt von wuchernden Blumenmassen. In tiefer Einsamkeit eine Burg, die feindlicher Be- ingerung trotzen und Hunderten von Menschen Obdach bieten kann: Där dschun, die Residenz von Lady Hefter Stanhope seit dem achten Jahr iEjrer asiatischen Wanderschaft. Das Ziel ist gefunden, das Reich ge- -ründet, die Proklamation erlassen. — Längs der Höhen des Libanon kämpfen Türken gegen Drusen, Dörfer flammen auf, Bauern fliehen in die Felsenhöhlen, unbeerdigt liegen »erstümmelte Leichen Arabische Pferde hetzen sich zu Tod, über die Abgänge der Schluchten fliehen sie in roten, grünen, violetten Gewändern. Emir Beschir, der Drusenfürst von des Sultans Gnaden, ist dabei, sich zum alleinigen Oberhaupt der vielsprachigen, oielgläubigen Völker des Libanon zu machen. , Der Sultan ist weit; sein Arm durch Kriege geschwächt; und Mehemet tli, der türkische Vizekönig Aegyptens, unterstützt Emir Beschir mit zehntausend Mann. Den' stammeigenen Scheich der Drusen hat Emir beschir im Gefängnis erdrosseln lassen, sein Leib gehört Hunden und byänen. Sein Weib aber ist, mit dem jüngsten Sohn an der Brust, iber den blutigen Schnee in die Berge entflohen. Emir Beschir, der sich Christ vor den Christen nennt und Moslem Mr den Mohammedanern, sitzt in seinem Mondpalast. Unter golddurch- »irktem Musselin sehen zwei helle Augen hervor, harte, helle, grausame Eugen wie die einer großen Katze. Der silbergraue Bart hängt über iie Jacke, fast bis zu den scharlachenen Hosen hinab. Seine kleine Hand lebkost den Diamanten auf dem goldenen Dolch. „Hamaady!" sagt der Emir, „veranstalte eine Xreibjago nach der ?rau des Scheichs. Sie kann nicht entkommen! Und laß den Sohn vor 'Eren Augen zerreißen." t Cs neigt sich ein knochiges Haupt, Hamaady, der Minister und Denker. — Tieser. Winter. Die Berge voller Truppen. Jede Spur wird entdeckt. Die Frau mit dem Knaben kann nicht entfliehen! Die Spur wird gefunden ... sie führt nach Dar Dschun. Nach Dar ljd)un, wo die Flüchtlinge verschwinden. Verwundete genesen, wo hinter befestigten Mauern, durch unterirdische Gänge, rebellische Drusen auf Schleichwegen entkommen — wo „die Silk", ein europäisches Weib, ganz allein mit farbiger Dienerschaft haust und dem Herrn des Libanon, Emir Beschir, zu trotzen wagt! Die Berge zittern vor der Rache des Emir. Er hat alle Drusen fürstlichen Blutes verschwinden lassen — nur die eine Frau lebt noch, mit dem jüngsten Prinzen — und sie wird von der „Sitt" beschützt! Emir Beschir denkt der Tage, da Lady Stanhope mit kleinem Gefolge sein Gast gewesen. Wie? Dieses schwache Weib, allein in fremdem Land' soll ihm ein Hindernis (ein? Er sendet einen Offizier nach Dar Dschun. Der- passiert die Tore der Felsenburg und wird von schlotternden Dienern in die Zimmer der Herrin geführt. In verdunkeltem Raum empfängt sie, einen Berberschal um den roten Turban gewickelt, die Seide umrahmt königliche Zütze. Ihre Augen sind unerbittlich. Sie raucht. Der Offizier legt Pistole und Säbel ab, von denen der Türke sich niemals trennt. „Legen Sie sie wieder an"", befiehlt die Frau! „ich fürchte mich nicht vor Ihnen oder Ihrem Herrn!" Der Türke verneigt sich: „Seine Herrlichkeit, der sich in Freundschaft, deines Besuchs auf dem Mondpalast erinnert, läßt dir melden, du möchtest die Güte haben, die Witwe des drusischen Scheichs auszuliefern, samt ihrem Sohn!" . Hefter raucht gemächlich weiter aus ihrer langen Pfeife. „Läßt er mir noch etwas sagen?" „Auch die Flüchtlinge sollst du wegjagen, die zu Dutzenden in deinen Häusern sind —" „Noch etwas?" „Wenn Mylady nicht Dar Dschun räumt ... besteht Gefahr für ihr Leben, spricht Seine Herrlichkeit!" Mylady lacht (aut. Gefahr für mein Leben? Du kannst deinem Herrn sagen, ich kümmere mich nicht so viel" — sie schnalzt mit den Fingern — „um feine Gifte! Ich weiß nicht, was Furcht ist. Geh! Sag ihm", ich wäre nicht die Nichte des großen Pitt, wenn ich mich beugte vor einem Untier, das die Augen auskratzt, Frauenbrüfte einklemmt und Kinder verstümmelt... Geh, melde es ihm!" Der Offizier grüßt nicht mehr und stürzt hinaus. Am Abend, als Flüchtlinge, Verwundete und Kinder gespeist und Tiere gefüttert werden, finden die Diener den kleinsten Hund mit ausgebrannten Augen... Das war die Drohung Emir Beschirs für die Sitt. „Heute der Hund, morgen die Herrin", schluchzt es durch Dar Dschun. „Der Dämon Emir Beschirs ist unter die Hunde gegangen", grollt Mylady. Emir Beschir mit dem blaßblauen Raubtieraugen sendet Boten zum britischen Generalkonsul nach Aegypten: ob Großbritannien hinter Lady Stanhope stehe in ihrem Trotz gegen den Herrn des Libanon? — So lange, bis die Antwort kommt, will er sie schonen, nicht einen Tag länger. Dar Dschun ist groß und hat Platz für alle. Immer hat Hefter gewußt, daß sie eines Tages für Hunderte von unglücklichen Menschen wird sorgen müssen. Bruce, Meryon, keiner der Europäer hat ihr geglaubt. „Ein Königreich? Königreiche liegen nicht mehr auf der Straße!" Aber sie hat recht behalten. Ihr Tag ist gekommen, die Aufgabe gestellt. Mit 1200 Pfund Sterling im Jahr läßt sich viel Getreide, Oel und Fleisch kaufen. Ganze Magazine füllen sich mit Vorrat. Hefters Diener werden in der Nacht ausgeschickt, retten Verwundete, Erschöpfte vor den Augen der Soldaten des Emirs, bergen Frauen und Kinder. Ueberall hat sie ihre Hände, ihre Augen. Dar Dschun ist Festung und Friedensreich, hinter seinen Mauern erlöschen die Greuel des Krieges; in Dar Dschun wird gepflegt, gerettet und geschwiegen — unter dem Befehl einer Frau, die nicht nach Namen, Sprache, Geschlecht ober Glauben fragt, deren Mut und Kampfgeist für Hunderte reicht und die hilft bis zur letzten Matratze und letzten Münze in ihrem Haus. Weit im Umkreis rufen alle Bedrängten zu ihr. Der Pascha von Sitton, der letzte, der noch bewaffneten Widerstand wagt, braucht Geld und sendet Boten zu „seiner Freundin". Ob sie ihm etwas leihen kann? In einunddreißig Tagen wird er zurückzahlen. Hefter hat ihr Vierteljahrgeld aufgebraucht, auf der Bank von Konstantinopel liegt nichts mehr. Sie kann nicht leihen. Sie bedauert. Die Wechsler von Beyruth hören davon. Was? Eine so große Frau soll sich mit Geldsorgen abgeben? Die hat doch anderes zu tun! Geld kann sie haben, soviel sie will, jeder leiht eine kleine Summe — einzig ihre Unterschrift braucht es. Hefter ist bei dem großen Pitt in die Schule gegangen, sie interessiert sich nicht für ihre eigenen Finanzen, Bisher hat sie keinen Pfennig Schulden gemacht, das genügt. Sie unterschreibt, was sie verlangen, die Wechsler der Hafenstädte, es sind unzählige Fetzchen Papier, auf arabisch geschrieben, das sie spricht, aber nur mühsam lieft. — Der Pascha von Akkon bekommt sein Geld. Aber einunddreihig Tage vergehen — niemand zahlt zurück. Die Bey- ruther Wechsler verlangen eine erste Rate — die Unverschämten! Bis zu hundert Prozent haben sie sich gesichert! Hefter lebt einen Monat lang ohne Geld, mit achtzig Flüchtlingen unter ihrem Dach. .Ihr Pelzmantel wandert nach Saida zur Bersteigerung, und die Vorräte, mühsam durch feindliche Soldaten hindurch mit Kamelen angeschleppt, gehen zur Neige; die letzten Guinees, die sie auf bloßer Haut im Schiffbruch vor Rhodos gerettet hat, wandern zu den Wechslern.,— Endlich kommt die neue Rate der Pension — wieviel davon bereits verschuldet ist: Mylady hat keine Zeit nachzurechnen. — Inzwischen langt in Kairo Emir Beschirs Frage an, ob Großbritannien Lady Stanhopes eigenmächtigen Widerstand decke? Der britische Generalkonsul für Aegypten und Syrien hat durch Hefter Stanhope mehr Unannehmlichkeiten gehabt als durch alle anderen Engländer feines G'ebiets zusammengenommen. Bereits hat Mehemet Ali, der ägyptische Vizekönig, angefragt, was geschehen könne, diese Dame seinem Günstling Emir Beschir geneigt zu machen? Aus England kommen Anweisungen, Mylady müsse unverzüglich ihren Widerstand aufgeben; der Konsul aus Saida meldet, Lady Stanhope fange an, für ihr Flüchtlingslager peinliche /Schulden zu machen, die Gläubiger bestürmten ihn und er wisse sich keinen Rat. Der Generalkonsul schreibt nach Dar Dschun, Mylady hahe zum mindesten Namen und Nationalität derer anzugeben, die sich bei ihr verstecken. .Konsuln sind für den Handel da und nicht für die Nobilität", lautet die Antwort. Der Generalkonsul ergrimmt; in unbedachtsamer Rede läßt er die Offiziere Emir Beschirs wissen, daß Lady Stanhopes Vorgehen als eigenmächtig zu betrachten sei ... „Sie hat keinen Freund auf Erden!" .interpretiert man vor Emir Beschir. Am nächsten Tag, gegen Sonnenuntergang, im Frühling 1827, durchlaufen Boten des Emirs die Dörfer des Libanon, klettern, auf die Dächer und schreien: „Alle Diener der Sitt haben chren Dienst zu verlassen! Niemand darf mehr Lebensmittel nach Dar Dschun bringen! Bei Todesfttafe!. Auf Befehl des Emirs!" Ein Murmeln läuft durch die Dörfer, die durch Jahre Grauen und und Schrecken gesehen. Die Sitt ist in Gefahr! Was wird geschehen, wenn ihr Unheil droht?" In der Felsenburg versammelt Hefter ihre dreißig Diener: „Ihr habt gehört, was der Emir euch sagen läßt. Ich gebe euch die Freiheit, zu gehen!" Ganz wenige nur, die jüngsten und schwächsten, fliehen in der Nacht. Alle andern bleiben. Sie stehlen Mar und betrügen — aber die Sitt verlassen — das werden sie nicht! Um die Basis des Felsenkegels legt sich ein Ring von des Emirs Truppen. Die Festung ist belagert. Dar Dschun hat wohl Vorräte, Mehl, Oel und Milchziegen. Aber Dar Dschun hat kein Wasser! Bis zum Fluß im Tal müssen die Maultiere Wasser holen ... Mylady, so flüstert die Dienerschaft, nimmt einen Dolch mit ins Bett — dann schläft sie so fest wie sonst. Dreihundert Reiter sind in der Umgebung gesichtet worden, schon fallen die ersten Opfer ihrer Gewehre. Und das Wasser fehlt auf Dar Dschun! „Sitt Mylady! Wir find verloren!" ruft es in der Festung. Beim Morgengrauen klopft es an eines der versteckten Tore. Ein alter Bauer aus dem nächsten Dorf hat Mehl gebracht und zwei andere schleppen Wasser. „Ihr riskiert euer Leben!" herrscht Hefter sie an. ,Kat die Sitt nicht oft schon-ihr Leben für uns gewagt?" antworten die Bauern. ' Eines Nachts läutet Hefter. Sie hat die strafbare Sitte der Glocken bis in den Libanon gebracht — mit besonderer Erlaubnis des Sultans, Jo meint man. Keiner der Diener kommt. Nur Elisabeth Williams, die Treue aus dem Hause Pitts, die ihr übers Meer gefolgt ist, erscheint mit gesträubten Haaren ... Das Haus ist leer, niemand antwortet — nur der kleine Neger ... „Soll ich ihn nachsehen lassen, was .. Hefter richtet sich auf. Es ist tiefe, mondlose Nacht. Da unten, sie weiß es. wachen die Soldaten des Feindes. „Elifabeth", sagt sie und streichelt ihr das Haar, „schick ihn nicht auch noch fort — vielleicht ist eine List des Emirs dahinter — uns allein jju überraschen . " Elisabeth Williams stöhnt. Aber die Hand der Herrin zittert nicht, ihre Stimme klingt fest wie immer: „Geh schlafen!" Der Morgen steigt — und Dar Dschun lebt noch! Eine alte Bäuerin aber stellt sich auf den Dorfplatz und schreit: „Der Fluch Allahs treffe Den Emir und alle Konsuln der Erde!" Emir Beschir ruft feinen Henker:" „Hamaady, ich kann sie nicht mehr dulden! Entledige mich Irgendwie von der Hexe." Hamaady steht hinter dem Thron, unbeweglich wie aus Stein. Aber er spricht. „Eure Herrlichkeit würden besser tun, sich nicht mit ihr zu beschäftigen. Ihr ist im Leben so geschmeichelt worden, daß kein Lob sie mehr erreicht. Geld kümmert sie nicht. Und was die Furcht betrifft — sie weiß nicht, was das ist. Ich, Herrlichkeit, möchte in diesem Fall meine Hände waschen." Der Emir zog tief an seiner Pfeife, erhob sich und ging mit großen Schritten schweigend spazieren, während die Wolken seines Rauches ihn einhüllten wie einen Gott des Zornes. „Gut, noch einmal will ich warten." Tags darauf langt Nachricht aus Konstantinopel ein: der britische Gesandte bei der Pforte hat erklären lassen, Lady Stanhope — einerlei wie immer sie sich verhalte, fei Pitts Nichte und auch als solche von jenem Emir zu respektieren — der sich zum Herrn des Libanon gemacht. Emir Beschir gab die Belagerung auf. Mochte Dar Dschun Asyl sein, mochte die Sitt tun, was sie wollte. Er hatte sich damit abgefunden. Wenn es sich gelegentlich machte, trug er die angelegentlichsten Komplimente auf für „Ihre Herrlichkeit die Sitt". Sein Henker aber, Hamaady mit dem Geiergesicht, erschien zuweilen selbst in Dar Dschun; er schätzte den französischen Champagner aus Myladys Keller... Allerdings ging das in voller Verschwiegenheit vor sich, denn Hamaady betete zum Propheten. — Hunderte von getrennten Köpfen hat sie auf ihr Schicksal genommen; Hunderte von geretteten Leben fallen in die andere Schale des wägenden Engels der Menschen. Weit über Syrien hinweg, bis an den Euphrat, bringt Myladys Ruf, die Kunde von ihrem Sieg über Emir Beschir; Kinder kennen ringsum ihren Namen, ihre Briefe gelten als Freipaß. Denn übermenschlich ist der Mut dieser Frau; Gott ist mit ihr. Aus der Wüste kommt, in goldgestickten Umschlag verhüllt, ein Schreiben von Nasfr, der Mahannah in der Herrschaft gefolgt ist: „Gruß von Nasfr, dem Löwen der Wüste, An Hefter, den Stern des Morgens, Mit Liebe und Dienst! Die welche dem Säbel Naffrs gehorchen, halten die ganze Wüste in ihrer Hand, wie ein Ring den Finger umschließt, Krieger ohne Zahl, Pferde, Kamele, Pulver und Blei wie was zur Nahrung nötig — alles ist bereit, du haft nur Befehl zu senden Deinem treuen Freunde Nassr." Und auch auf jenen Wegen, die ein aufgeklärtes Jahrhundert nicht müde wird zu leugnen, verbreitete sich ihr Ruf. Ein ärmlich gekleideter Beduine ritt zur Zeit des Aufstandes gegen Emir Beschir durch di« Küstenstadt Saida. „Wo ist die Straße nach dem Libanon?" fragt er. Der Muselman, den er anredet, betrachtet die Züge des Mannes, feine Hände und Füße, dann sagt er: „Du bist ein vornehmer Fremder und kannst nur zur Sitt wollen, nach Dar Dschun." Der Fremde lächelt und folgt dem deutenden Finger über die Felsen- grate. Es ist nicht leicht, Einlaß zu gewinnen in die Burg Dar Dschun. Der Fremde nennt feinen Namen: Gras Rewiczky. Daraufhin öffnen sich die Tore der Sitt. Rewiczky beugt sich über ihre Hand, küßt sie lange und innig in der warmen, verehrungsvollen Art des Polen. Er sieht nicht das kahle Gemach und verstaubte Sofa, die Fensternische voll Spinnweb, Kram und gehäuften Briefen. Er sieht nur die Frau, die gegenüber sitzt, das schöne, leise welkende Antlitz und die Lohe einer brennenden Sehnsucht darin. „Endlich bin ich gekommen Mylady." > Hefters roitbe'blaue Augen senken sich voll Freude in die seinen: „Wir kennen uns schon lange, auch wenn wir uns zum erstenmal sehen." Rewiczky preßt die nervigen Hände zusammen: „Darf ich erzählen feit wann? Vor zwei Jahren verlangte der Zar von. mir eine Handlung, die ich nicht vor meinem Gewissen verteidigen konnte. -Ich bat um Frist für eine Nacht. Mylady — ich habe Familie, ich wußte, es drohte Sibirien, wenn ich widerstand. Mein Schlaf mag unruhig gewesen sein. Ich träumte deutlich von einer Frau, sie stand vor mir, mit einem Stern auf der Stirn, und sagte: ,Folge dem Weg, den dein Gewissen dir zeigt, und fürchte nichts!' — Der Zar empfing mich am folgenden Morgen: ,Nun, ich hoffe, Sie haben Vernunft angenommen...' Ich zögerte mit der Antwort — da zerstreute sich plötzlich sein Blick, er wechselte die Stimme und fragte leichthin nach einem Pferd, das ich kürzlich geritten. Er kam nicht mehr auf die Forderung zurück. Später, viel später, sah ich zufällig, ein Bild von der Nichte des großen Pitt — und erkannte die Frau, die mir im Traum, geholfen hat... Ich schrieb Ihnen. Und nun bin ich hier. Ihr Stern hat mein Schicksal geführt." Rewiczky blieb durch drei Tage Gast von Dar Dschun, und Mylady sprach zu dem Menschen, der aus Polen kam, um sie nach Gott zu fragen, durch alle Stunden, die der Dienst an den Flüchtlingen ihr übrig ließ — während der schweigsamen Nächte in den Felsen des Libanon. Europa. Und Europa? Europa war neugierig geworden auf eine Frau, die als Lady Stanhope in einem Bergschloß unter Wilden lebte, gefürchtet vorn Sultan, von Arabern als Königin geehrt, durch ganz Syrien mit allen Scheichs vertraut; von der es hieß, sie glaube an den Einfluß der Sterne, an- Wiederverkörperung der Seelen; bestimme die Politik Englands in der asiatischen Türkei und sei wahrscheinlich Agentin einer gewissen geheimen Bruderschaft... Wie muhte man sich solche Frau vorstellen? War sie noch schön? Wie stand ihr dos gestutzte Haar? Rauchte sie wirklich aus einer langen Pfeife? Und — war nicht doch ein Mann dahinter — jener Beduinenhäuptling vielleicht, mit dem sie nach Palmyra gezogen?! Für Orientfahrer wurde es Reisepflicht, sich Lady Stanhope anzusehen — genau wie die Pyramiden in Aegypten oder die Hagia Sophia zu Konstantinopel. (Fortsetzung folgt.) Oie Mutter -ei der Wiege. Von Matthias Claudius. Schlaf, süßer Knabe, süß und mild! Du deines Vaters Ebenbild! Das bist du; zwar dein Vater spricht, Du habest' seine Nase nicht. Nur eben itzo war er hier Und sah dir ins Gesicht Und sprach: Viel hat er zwar von mir, Doch meine Nase hat er nicht. Mich dünkt es selbst, sie ist zu klein, Doch muß es seine Nase sein; Denn wenn's nicht seine Nase wär, Wo hättest du denn die Nase her? Schlaf, Knabe; was dein Vater spricht. Spricht er wohl nur im Scherz; -j)ab immer/seine Nase nicht Und habe nur sein Herz! sammen trinken. Im spanischen Hafen nachher begann ein mächtiges Aufrusten der Schiffe, mit denen nach den Molukken gesegelt werden sollte. An dieser Arbeit beteiligte sich der Loisl mit aller Emsigkeit. Und da das Geschäft sich unter unendlichen Schwierigkeiten und Behinderungen über zwei Jahre hinzog, erlernte er so viel von der Sprache des Landes, daß er seinen Spruch von Wasserburg zur Not auch auf Spanisch sagen konnte Die Spanier aber hatten noch weniger Verständnis für seine Gedanken als seine Landsleute, was nur ihn allein wunderte. Schließlich waren alle Vorbereitungen getroffen, und die kleine Flotte konnte den Hafen verlassen, mit lauter Spaniern bemannt, ausgenommen den Faktor und den Loisl. Wenn dieser dann am Mast sah und auf die hohe See hinausschaute, sagte er sich: „Ich bin mein Tag nur auf dem Inn gefahren, der zwar auch ein wildes Wasser ist, aber doch zu beiden Seiten nahes Land hat. Und fühl mich auch hier wohl und am Platz, • * jchts sieht als Wasser und noch einmal Wasser. . Bloß daß wir kein Reich haben, das hinter wo man rechts und links nichts sieht als Wasser und noch einmal Wasser. Wir habend doch in uns. Bloß daß wir kein Reich haben, das hinter uns steht, wenn wir die Welt gewinnen wollen — wie diese Spanier ""^VUle^^Monate dauerte die Fahrt, bis sie endlich bei den Molukken oder Gewürzinseln anlangten. Bei einer der größeren Inseln fanden sie eine treffliche Bucht. Dort ging der größte Teil der Besatzung an Land um mit den Eingeborenen Verbindung zu suchen. Die aber hatten sich ins Innere zurückgezogen, weshalb man zunächst ein Lager ausschlug und sich häuslich einrichtete. Ein paar Tage darauf aber war mit dem Morgengrauen plötzlich eine große Flotte der Portugiesen vor der Bucht, eröffnete das Feuer auf die spanischen Schiffe und nahm sie, da sie von Bemannung fast entblößt waren, leicht in Besitz. Zugleich drangen die Eingeborenen, die es mit den Portugiesen hielten, vom Land her gegen das Lager vor, so daß auch alle, die ausgeschifft worden waren, in Gefangenschaft gerieten. Die Spanier fanden nichts zu lachen, weil die Portugiesen ihnen jedes Recht zur Gewürzfahrt bestritten und sie um ihres Anspruchs willen haßten. Sie wurden in Ketten gelegt und ms Innere der Insel geschasst. Der Faktor Herr Hinzig hätte es besser haben Oer Schiffmeister von Wasserburg. Von Otto An th es. In Wasserburg am Inn lebte ums Jahr 1520 ein Mann, der hieß Aloisius Sternhuber und war ein Schifsmeister. Er hatte in jungen Jahren noch die guten Zeiten gekannt, da Wasserburg ein wichtiger Hasen- und Handelsplatz war. Damals ging der Welthandel von Venedig Über die Alpen ins deutsche Land. Dort nahmen die Wasserburger Schiffer ihren Anteil in Empfang und brachten ihn auf dem Inn in ihre Vaterstadt, wo noch heute die großen, jetzt leeren Gewölbe unter den Häusern von dem einstigen Umfang des Betriebs künden. Denn von hier aus wurden dann die Gewürze, Spezereien, Seide und Baumwolle weiterverfrachtet und das ganze bayerische Oberland damit versorgt. Als Aloisius Sternhuber so weit gekommen war, daß er ein eigenes Schiff erworben und sich damit unter die Meister seines Fachs eingereiht hatte, lieh der Handel mehr und mehr nach. Immer weniger vom Reichtum des Ostens, der sonst seinen Weg auch nach Wasserburg gefunden hatte, kam Über die Alpen, und auf der Zunftstube, wo unendlich viel über die neue Lage gesprochen wurde, stellte man fest, daß alles Unglück von der Entdeckung des neuen Landes Amerika herrllhrte. Seit dieses ferne Wunderland gefunden war, hatte der Welthandel mit einemmal eine andere Richtung eingeschlagen und ging nicht mehr übers Mittelmeer nach den italienschen Seestädten, sondern Über die große See nach Portugal und Spanien. Die Wasserburger Schissmeister zogen allesamt, mit einer Ausnahme, aus dem 'Wandel der Dinge dem Schluß, daß es mit ihnen und ihren Fahrten auf dem Inn vorbei sei, legten ihre Schiffe auf und richteten sich darauf ein, das verdiente Geld zu Ende zu leben und dann still zu sterben. Nicht so Aloisius Sternhuber. Er war ein versonnener Mann, der nicht viel sprach. Wenn er nach längerer Abwesenheit zu seiner Frau Liesl in die Stube-trat, sagte er nur: „So so!" und fügte erst nach einer größeren Pause noch hinzu: „Da bin ich wieder." ,Hst gut", sagte dann die Frau, die es von chrem Mann angenommen hatte, nicht viele Worte zu machen. Aber hinter solcher Wortkargheit stand bei beiden ein treues Gemüt und ein fester Sinn, der sich nicht leicht mutlos machen ließ. So konnte Aloisius — Loisl nannte ihn seine Frau und alle Welt — sich nicht damit abfinben, daß alles aus und zu Ende sein solle. Er dachte auch gar nicht an sich selbst allein, sondern seine Sorge galt in gleichem Maße der Vaterstadt, die unter sotanen Umständen verarmen und verkümmern müßte, wenn nicht einer wäre, der neuen Rat schaffte. So sah er wochenlang über Büchern und Landkarten und sann darüber nach, wie man ein Stück des neuen Welthandels auch nach Wasserburg leiten könne. Als er damit ins Klare gekommen war, packte er eines Tages fein Felleisen und sagte zu seiner Frau: „So so!" und nach einer Weile: „Ich geh fort, Liesl." ,Lst gut, Loisl", sagte die Frau. „Es kann lange dauern, bis ich wiederkomm. ,Zst gut", sagte sie. „Behüt dich Gott, Loisl!" Und so ging er weg. Er fuhr mit dem Botenwagen nach München und suchte den Schreiberherren in der herzoglichen Kanzlei vorzustellen, was geschehen Grüßte, damit Wasserburg nicht in tödliche Armut falle. Aber sie hörten ihn gar nicht an. Sie hatten gerade zu viel daran zu denken, wie das Geld beschafft werden sollte, damit der Herzog auf dem Reichstage, der in diesem Jahr ftattfanb, glanzvoll und herrlich auftreten könnte. Was war ihnen' ba Wasserburg und seine Kümmernisse? Loisl Sternhuber machte sich also auf die Socken unnb lief zu Fuß naa) •Augsburg. Dort stand damals das Handelshaus der Fugger in seiner höchsten Blüte. Denn das war dem Schiffmeister klar, daß nur em Großer, der Macht und Geld in seinen Händen hielt, die Pläne verwirklichen konnte die er sich in versonnenen Tagen und schlaflosen Nachten ausgedacht ^atßoisl Sternhuber war in seiner Heimat ein angesehener Mann, dem jeder das Ohr gönnte, wenn er schon einmal reden wollte. Nun mußte er sich daran gewöhnen, daß man ihn kaum beachtete wenn er eintrat, und kaum anhörte, wenn er zu sprechen begann. Denn die „Schreibknechte im Fuggerhaus- waren ebenso großmachtig und hochnäsig wie in der herzoglichen Kanzlei zu München die Herren Aber ein ober- bayerischer Dickkopf ist nicht so leicht zu schlagen. Und wirklich gelang es dem Wasserburger Schiffmeister zuletzt doch, in der berühmten g - denen Schreibstube am Rindermarkt vor dem großen Jakob Fugger zu stehen, den man den. Neichen nannte, und der der größte Handelcherr der Zeit war, nicht nur in Deutschland, sondern in der ganzen Welt. Und Sternhuber fing alsbald an, dem gewaltigen Mann auseinander« zusetzen, was man tun müsse, um Wasserburg zu helfen. Es fehle nur, daß man zu Schiff aus dem Main in die Donau gelangen könne. Zu dem Ende müsse ein Kanal gegraben werden, der die beiden Ströme verbinde, was mit Benützung der Seitenflosse wohl auszuführen sei. Dann könne man den neuen Handel aus der großen See über Rhein, Main und Donau leiten und auch den Wasserburger Schiffmeistern wieder ihren Teil daran geben. Der Fugger hörte ihm aufmerksam zu, aber er lächelte dabei. Denn die Sorge um Wasserburg schien auch ihm klein neben den großen Sorgen, die die neue Weltlage nicht minder ihm selbst machte. Aber der Mann gefiel ihm. Drum ließ er ihn zu Ende reden. Dann sagte er: „Lieder Meister, Euer Plan ist nicht dumm, aber zur Zeit nicht auszuführen. Denkt nur daran, durch wie vieler Herren und Städte Gebiet solcher Kanal führen würde, die allesamt zu klug ober nicht klug genug find, um Euerm Plan dienstbar zu fein. Und wie viele Jahre sollte dieser Bau dauern? Inzwischen wären wir alle tot und unser Handel auch. Dies also schlagt Euch aus dem Sinn! Aber hört zu! Durch den neuen Weg sind die Portugiesen und die Spanier an die volle Krippe gekommen, daran vordem wir und die italienischen Städte saßen, und es besteht Gefahr, daß sie uns gänzlich an die Wand drücken, von wo aus mir,fein Krämlein Futters mehr erreichen können. Darauf alfo kommt es an, daß wir uns in ihr Geschäft hineinspielen. Die Portugiesen haben einen König, der alles Gewürz aus Indien in feiner Hand hält und es alleinig verkauft. Von ihm ist nichts zu hoffen. Dix Spanier aber haben auch einen König, der sogar zugleich unser Kaiser ist. Der macht auch Anspruch auf die Gewürzinseln, und auf ihn hab ich Einfluß, weil er mein Geld braucht. So hab ich von ihm schon die Zusage, daß ich mich an einer Flotte von sechs Schiffen beteiligen darf, die von Spanien abfegeln soll. Nur muh diese Flotte erst gerüstet werden. Darum geht dieser Tage ein Faktor meines Hauses in die Hansestädte an der See, um Kupfer, Mastholz, Teer, Pech und Werg dort einzukaufen, damit die Schiffe fegeifertig gemacht werden. Wollt Ihr mit ihm gehen? Ich hätte gern einen schiffskundigen Mann an seiner Seiko, der nur ein Kamf- mann ist." Loisl Sternhuber bedachte sich eine ganze Zeit, ehe er seine Antwort gab. Denn von Wasserburg war in der ganzen langen Ansprache des großen Fugger nicht die Rede gewesen. Aber er sagte sich: wenn Deutschland einen Teil des neuen Handels an sich zieht, warum sollte bann nicht auch Wasserburg einen Teil des Teils für sich gewinnen? „So so!" jagte er also schließlich. Und nach einer Weile: „Ich mache mit." So reifte er denn mit dem Faktor Herrn Hinzig nach Hamburg und Lübeck und kaufte, was die im Entstehen begriffene Flotte noch zum Fertigwerben brauchte. Das heißt: Herr Hinzig kaufte, er aber besichtigte und prüfte zuvor die Ware. Dabei benutzte er jede Gelegenheit, auch den Hänfen barzustellen, was für Wasserburg von bem Gelingen der großen Fahrt abhinge. Die aber hatten den Namen der Stabt noch nie gehört, waren auch allzu beschäftigt mit ben Schwierigkeiten, die die Zeit ihnen selbst auferlegte, und nur daraus bedacht, recht hohe Preise für den benötigten Schiffsbedarf herauszuholen. Was ihnen Loisl Sternhuber indes, nicht nur zur Strafe für ihre Ahnungslosigkeit, hes öfteren vereitelte. Darüber vergingen Wochen und Monate. Endlich aber fuhren acht vollbeladene Schiffe von Lübeck nach Spanien ab. Loisl war mit dem Faktor auf dem führenden Schiff untergebracht. Sie faßen auf der langen Fahrt oft mit bem lübeckfchen Kapitän in besten Kajüte zusammen. Wenn Loisl dann zum soundsovielten Male feine Pläne barlegte, sagte wohl der Faktor gelangweilt: „Meister, Ihr habt nicht den Blick ins Weite. Ihr hängt im Engen." „So so", sagte bann der Sternhuber. Und nach einer Welle: „Ja, ich häng an meiner Stadt." Der Kapitän aber meinte, sie sollten noch einen steifen Grog zu- können, wenn er nicht das große Maul gehabt und allzu hitzig für die Fuggerfchen Belange eingetreten wäre. Er muhte mit den Spaniern wandern. Einzig an Loisl Sternhuber fanden die Portugiesen Gefallen, weil er in keinem Betracht für einen Spanier angesehen werden konnte und ruhig und gefaßt erwartete, was mit ihm geschehen würde. Als er ihnen zu erklären suchte, weshalb und wieso er nach den Molukken gekommen sei, hörten sie aus seinem Kauderwelsch nur das Wort „Wasserburg" heraus, das immer wieder vorkam. Und es klang ihnen Jo komisch, daß sie aus vollen Hälsen darüber lachten. Da lachte der Loisl auch, und es entwickelte sich aus gegenseitigem Unverstand eine herzliche Freundschaft, der es Loisl verdankte, daß er wohl behandelt wurde und so gut wie frei war. Und als nach einem halben Jahr ein portugiesisches Schiff in die Heimat segelte, durfte er darauf zurückkehren. Von Lissabon fuhr er mit einem Italiener nach Venedig und pürschte sich von da zu Fuß über den Brenner und den Inn hinab nach Wasserburg. Rach mehr als fünfjähriger Abwesenheit trat er wieder zu seiner Frau Liesl in die Stube. „Sa so", sagte er. Und nach einer Weile: „Da bin ich wieder." „Ist gut", sagte die Frau. Einen halben Tag später erst fragte sie: „Hast was ausgericht?" „Nein", sagte er. „Die Welt ist größer, als man sich in Wasserburg denkt. Und es sitzen viel Völker drin, von denen keins dem andern was gönnt. Und wer stark ist, kann zugreifen. Die Portugiesen haben einen König, der den ganzen Handel seines Landes in seiner eigenen Hand hält. Und die Spanier haben auch einen, der es ebenso macht. Was haben wir? Wir haben zwar einen Kaiser, der aber nicht einmal ein Deutscher ist. Und daneben haben wir Kurfürsten und Herzöge und Grasen und Ritter und Städte, die ebensoviel zu sagen hoben wie der Kaiser und vielleicht noch mehr. Und jeder will was anderes und jeder nur was für sich. Wenn wir einmal ein einig Haupt Hüsten, das nur ein Einiges dächt und wollt und fönnt’s auch durchsetzen, dann möcht Deutschland auch in der Welt sein Wörtletn mitreden. Und dann möcht auch für Wasserburg wieder bessere Zeit kommen." „Geb'? Gott!" sagte die Frau. Erlebnisse in Saloniki. Von Heinrich Hauser. Saloniki ist heute eine Stadt von fast 300 000 Einwohnern, ein Halbmond weißer Häuser um die Bucht, landeinwärts bis zu der ersten Hügelkette reichend. Das Stadtbild ist ganz uneinheitlich: zwischen Villenvierteln am Strand liegen alte Fischerdörfer, zwischen neuen Vorstädten große, unbebaute Flächen, vor allen Dingen jüdische Friedhöfe, weit, kahl und verfallen. Die byzanthinische Stadtmauer steigt vom Hasen zu den Bergen hinaus, folßt dem Hügelkamm und biegt zum Meer zurück. Sie ist stark verfallen, zeigt aber, wie groß die Stadt schon im Altertum gewesen ist. Halb Saloniki ist Ausbau: Baugerüst, aufgeriffene Straße, Hochhäuser, noch etwas gespenstisch mit Kalkflecken in den Fenstern und Zementstaub auf den Mauern. Hier tut ein starker Wille zum Modernen, zur Zivilisation sich künd. Halb Saloniki ist Verfall, ist rostiges Wellblech, Baracke, Budenstadt, Quartier des Elends, ein trauriger, häßlicher Orient. Anderthalb Millionen Flüchtlinge. Im Jahre 1922, nach dem unglücklichen Krieg Griechenlands mit der Türkei, kamen aus Klein-Asien anderthalb Millionen griechische Flüchtlinge. Sie kamen entblößt von fast allen äußeren Mitteln. Hunger und Seuchen wüteten unter ihnen. Anderthalb Millionen kamen in ein Land, das von Natur arm, vom Krieg ausgesogen war. Die viereinhalb Millionen Einwohner dieses Landes wurden durch die anderthalb Millionen Flüchtlinge plötzlich um ein Drittel vermehrt. Das ist das große griechische Problem, auch heute noch. Und die Art, wie man mit ihm fertiggeworden ist, und wie man es heute Immer besser meistert, hat mir einen starken Eindruck von der Lebenskraft dieses Volkes gegeben. Saloniki empfing die erste Welle des ungeheuren Flüchtlings-Elends. > lieber Nacht wurden Schule«, Kasernen, Banken zu Notquartieren. Im Theater hauste in jeder Loge eine Flüchtlingsfamilie (wohl nie haben sich dort ergreifendere Szenen abgespielt). Ader die Häuser reichten nicht. Man beschlagnahmte die öffentlichen Parks, Straßen, Höhlen in den Bergen. Man schlug Baracken auf, Zelte, Laubhütten, Buden. Zwischen Elend und Ausbau. Ja, und so, in Zelten, in Buden, in Baracken lebt ein Rest der Flüchtlinge auch heute noch, fünfzehn Jahre später. Ich fuhr zu den Flüchtlings-Stadtvierteln, sah, avas geleistet worden ist, aber auch, was noch zu leisten bleibt. Mein Führer war ein deutschsprechender Grieche, ein älterer, gebeugter Mann, feingebildet und von großer Zuverlässigkeit. Er war Kaufmann und arbeitslos. „Finden Sie denn keine Möglichkeit, in ihrem Beruf zu arbeiten?" „Wie kann ich? — In Saloniki haben wir ungefähr 40 000 Juden.. Sie treiben saft alle Handel: wenige sind Handwerker und Arbeiter. Wir haben noch etwa 60 000 Flüchtlinge: Stadtbevölkerung, sie haben in Klein-Asien in den Städten gelebt und Handel getrieben. Sie wollen und können nicht Bauern werden. Mehr als die Hälfte von ihnen betreibt auch hier irgendeinen Handel. Nur ein kleiner Teil wendet sich dem Handwerk zu. Wie soll eine Stadt leben, wenn jeder nur Handel treiben will?" Man brauchte nicht sehr lange im Flüchtlingsviertel zu weilen, um zu bemerken, daß es nichts gab, womit nicht gehandelt wurde; auch mit Dingen, die als heilig gelten sollten. Wir sahen die neuen Quartiere, von der Regierung erbaut. Kleine, saubere Häuschen, sehr bescheiden, aber keineswegs schlecht gebaut. Sie hatten die Größe von Schrebergartenhäuschen. „Ein solches Haus kann man hier für 30—40 000 Drachmen Herstellen." (Das sind 800—1000 Mark.) Aber es fiel mir auf, wie kahl und ungepflegt die kleinen ©arten waren. Daß man die Zäune aus alten Blechkanistern gemacht hatte, aus rostigem Wellblech, aus Stacheldraht noch aus dem Krieg. Sinn für das Schöne schien zu fehlen, das Streben, aus dem Gegebenen etwas zu machen. Es wollte mir fast scheinen, als gehöre ein gewisser Grad des Verfalls zum Wohlbefinden jener armen Menschen, die in einer Atmosphäre des Verfalls gelebt hatten seit vielen Generationen. Die „neuen Wilden". War immerhin in diesen neuen Vierteln ein Beispiel, eine Möglichkeit zum Ausstieg gegeben, so wirkten die Barackenviertel niederschmetternd trostlos. In jeder Großstadt auf der ganzen Welt findet man einen gewissen , verkommenen Menschentyp, der auf den Schutthaufen dieser Städte fiedelt, der im Müll stochert und von Abfällen lebt. Dieser Typ ist der „neue Wilde", ein Primitiver auf dem Rückzug aus dem Menschentum. Man stelle sich vor, wie ein ganzes Stadtviertel solcher Buden und ihrer Bewohner wirken muß. Der Anblick dieser eingesunkenen Baracken, dieser faulenden Bretter mit Zeitungsfetzen verklebt, diese» armen Weiber, Säuglinge an der schlossen Brust, dieser Kinder, die in schlammigen Pfützen mit Hündchen und Katzen spielten, die ebenso elend waren wie sie selbst — dieser Anblick war so jammervoll, daß mir der Mut verjagte, die Kamera zu gebrauchen. Im deutschen Klub. Wir kauften Fische für wenige Drachmen und ließen sie uns braten im „deutschen Klub", der sehr schön am Strand liegt hinter der deutschen Schule und heben dem deutschen Konsulat. Sie schmeckten herrlich zusammen mit Tomatensalat, Weißbrot und leichtem Wein. Ein junger deutscher Lehrer war unser Gast. Er war erst seit kurzer Zeit an der Schule in Saloniki. Er war noch einigermaßen erschüttert über die Tatsache, daß er einen Schüler mit dem guten deutschen Namen „Müller" hatte, der kein Deutsch verstand. Nachkommen von Deutschen, die Griechinnen heiraten, gehen dem-Deutschtum leicht verloren. Diese deutsche Schule ist ein großer Erfolg, besonders in den letzten Jahren. Angesehene Griechen schicken ihre Kinder in schnell wachsender Zahl zur deutschen Schule: die Zahl der deutschen Kinder ist vergleichsweise gering. Der alte Grieche kochte uns selbst den Kaffee eigenen Fabrikats, wie er mit bescheidenem Stolz erzählte: seine Erfindung. Dieser Kaffee bestand aus gemahlenen Rosinen: er schmeckte gar nicht schlecht. Er hoffte auf dieser Erfindung eine Fabrikation und eine neue Existenz aufzubauen. Besuch in einer Katakombenkirche. Wir besuchten eine Katakombenkirche, eine der ältesten christlichen Kirchen überhaupt. Man hatte sie entdeckt, als man die Fundamente eines großen Neubaus aushob. Es berührt sympathisch, daß man daraufhin auf den Neubau verzichtet hat. Nun liegt diese Höhlenkirche in einem Hof, der etwa fünf Meter unter die Höhe der Straße versenkt ist. In den engen, niederen Gewölben, die an Grabkammern erinnern, steht das Grundwasser, es füllt auch das große Taufbecken. Man geht über schwankende Bretter; ich berührte einen Totenschädel, dessen Kinnbacken sofort zu Staub zerfiel. Zum erstenmal wurde das Lebensgefühl der ersten Christen mir deutlich, ihr geheimes, unterirdisches Wesen, das den Machthabern so notwendig als verschwörerisch erscheinen mußte. Eine moderne Verschwörung müßte man, um sie wirksam geheimzuhalten, wahrscheinlich in vollster Oeffentlichkeit führen. Odysseus ist nicht tot! Auf einem Platz standen viele Dutzende von kleinen Autobussen; es war der Autobus-Bahnhof für das Landvolk, das in die Stadt zum Einkäufen kommt. Die Karosserien zeigten die gleiche Stellmacherarbeit wie die Pferdekarren. Die Fahrer, auf ihre Fahrgäste wartend, saßen vor den Kaffees oder sie flickten Reifen und schraubten an den Motoren herum. Die meisten der Wagen waren mit Paketen, Bündeln, Fässern, Kisten bis hoch übers Dach beloben. Vor dem Kühler war meist auch noch ein Bettgestell festgebunden, ein Hühnerstall oder eine Rolle Maschinendraht. Ich sah einen Chauffeur, der feinen ganzen Motor ausgebaut hatte. Der lag nun im Strafjenftaub, ziemlich wrack anzusehen. Einen anberen sah ich eine Benzinleitung „reparieren". Er befeuchtete einfach ein Zigarettenpapier und wickelte es um die lecke Stelle. Es hielt tatsächlich dicht. Sie sind ein listenreiches Volk, die Griechen, Odysjeus lebt auch heute noch unter ihnen in vielerlei Gestalt. Von ihren Atttosahrten wären neue Odysseen zu erzählen. Zwischen Orient und Okzident. Es war mir aufgefallen, daß von den Flüchtlingen, auch von den Bauern auf dem Land, manch einer den Turban getragen hatte. „Bedeutet das nun. daß diese Menschen Mohammedaner sind?" „Nein, aber man hat solange mit den Tzirken zusammengelebt, jahr- junbertelang, daß man einiges von ihren Trachten und Eiltest angenommen hat. Hören Sie die Musik aus dem Kaffeehaus dort drüben? Es ist türkische Musik." „Gibt es eigentlich noch einen Nationalhaß zwischen diesen beiden Völkern, die sich soviel Leid zugefügt haben?" '„Seltsamerweise durchaus nicht. Sie wissen, man hat einen Freundschaftspakt geschlossen zwischen der Türkei und Griechenland. Das ist mehr als eine politische Geste. Es geht den Nationen, die jetzt sauber voneinander geschieden sind, wie den Partnern einer geschiedenen Ehe: nach der Scheidung^erinnert man sich wieder, daß man auch gute Zeiten miteinander gehabt hat. Die griechischen Flüchtlinge denken mit Sentimentalität an Kleinasien, wo es ihnen wirtschaftlich besser ging, und umgekehrt auch die 300 000 Türken, die aus Griechenland weiche» mußten." Verantwortlich: Dr. Hans Thhriot. — Druck und Verlag: Brühlsche Universitätsdruckerei A. Lange. Gießen.