GiehenerZamilienblStter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1938___________________________Zreitag, ben 8. April Nummer 28 Herz lm BW . Aoman von ^ans^Äafpar von Zabeltitz Copgrighl bu deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 14. Fortsetzung. Am 8. Mai 1915 gebiert im alten Schloß Waldhausen Alexandrine von Wallnitz, geborene Gräfin Czeh, einen Sohn. Er kommt ganz leicht zur Welt, es bedarf keines Arztes, die Hebamme aus dem Dorf besorgt alles aufs beste. Er hat einen festen Schopf auf dem Schädel, blond wie das Haar seines Vaters, aber die Augen finb dunkel wie die der Mutter. Er schreit, als er in sein erstes Bad gesteckt wird, und weiß sofort, was er zu tun hat, als die weife Frau ihn der Mutter an die Brust legt. Die Brust ist prall und voll, er wird keine Not leiden in feinen ersten Wochen. , Irene hat keine Angst um die Tochter gehabt: Lexe ist jung und gesund, was sollte ihr geschehen? Sie hat in den letzten Monaten in den Dörfern ringsum viele Frauen beobachtet, die ein Kind unter dem Herzen trugen und um die sie sich sorgen mußte, weil sie die Arbeit der Männer verrichteten, fast bis zur letzten schweren Stunde. Die Männer stehen im Feld, kämpfen und sterben; die Frauen stehen in der Heimat, arbeiten und gebären. Auch Lexe hat arbeiten muffen. -Nicht draußen auf den Aeckern, um die Ernte miteinzubringen, um die sie in diesem Jahre gebangt haben wie nie zuvor, denn noch nie war das Brot so heilig für das ganze Volk, sondern am Schreibtisch im Rentamt. Irene hat ihr die Bücher anoertraut, denn der Rentmeister ist eingezogen wie die Inspektoren von Prichterdorf und Merzbach. Nur auf (Eilgut ist noch der alte Vogt da, und im Böhmischen hat man ihr den Verwalter gelassen. Sie selbst steigt fast jeden Tag in den Sattel, nicht im langen Reitkleid wie einst in Wien, sie hat sich Hofen schneidern lassen und gelernt, quer über dem Gaul zu sitzen, nach Münnerart. Der Damensattel taugt nichts für die Wälder, für die Wiesen. Es ist auch kein Knecht da, der ihr Helsen könnte qufzusteigen. Sie muß sich meist selbst das Pferd aus dem Stall ziehen und ihm die Trense ins Maul legen. Es ist kein Staatsroß, es ist ein alter Klepper; die jungen Pferde tun Dienst vor dem Feind, und was noch trecken kann, geht oorm Ackerwagen im Geschirr und wird bald wieder vor den Pflug müssen. Irene ist eine Landfrau geworden. Sie dankt dem Schicksal, das sie einst zwang, vor der lauten Welt nach Waldhausen zu fliehen. So lernte sie wenigstens das Notwendigste. Mit Rat steht ihr dann und wann Onkel Claus zur Seite, aber er ist hoch in den Siebzigern und hat mit feinen eigenen Gütern genug zu schaffen. Im Frühjahr, zur Zeit der Bestellung, ist Vater Wallnitz aus Döpper für drei Tage herüber- getommen, aber er hat wenig helfen können. Die Verhältnisse hier und bei ihm sind zu verschieden. Gut war nur, daß einmal ein Mann mit ihr über die Felder ritt, damit die Leute sahen, daß sie nicht ganz allein ist. Irene hat gelernt, was Arbeit heißt. Gewiß: sie hat auch in jenen Jahren gearbeitet, die sie ehedem in Waldhausen zubrachte. Aber das war wie eine Spielerei: ein Nachprüfen, ein Ueberrechnen, ein Entgegennehmen von Vorschlägen, ein Besprechen. Jetzt heißt es: Prüfe, rechne, entschließe dich allein. Und trage allein die Verantwortung, die tausendmal schwerer wiegt als im Frieden. Ging damals etwas nicht den rechten Weg, kostete es ihr Geld, heute aber kostet jeder Fehlschlag Brot, Brot für das Volk, Brot für das Heer. Der Blick morgens zum Himmel ist ein anderer geworden: fällt end- lich Regen, die Felder dursten — scheint die Sonne, das Korn will in die Scheune. Ernst und flehend ist der Blick, fast ein Gebet. Und die Müdigkeit abends ist eine andere geworden: schöner, denn sie trägt die Schwere erfüllter Pflicht in sich. Irene hat auch gelernt, die Arbeit um sich her zu schätzen. Früher iah sie die Männer auf den Feldern werken und nahm es als etwas selbstverständliches: ihr sät, ihr mäht, ihr ackert — ich gebe euch ein Dach, gebe euch Land, gebe euch Lohn. Die Arbeit lief fast von allein durch die vier Zeiten des Jahres; die Hände, sie zu tun, waren da. Aber hinter den Sinn dieser Arbeit hatte Irene nie gesehen. Nun steht der Sinn groß und herrlich da: Brot! Und sie begreift nicht, daß sie jemals an diesem Sinn vorübergehen konnte. Einst fetzte sich die Arbeit der fremden Hände auf dem Feld für sie in Geld um, in Geld, das ihr im Grunde gleichgültig war, weil ihr von ihm stets mehr zufloß, als sie verbrauchen konnte. Wenn ein Feld einmal brachgelegen hätte, weil die Hände fehlten, es zu bestellen, wer hätte Schaden genommen? Niemand, denn es wuchs ja genug Frucht auf der weiten Erde, alles, was lebt, zu nähren. Schiffe fuhren über die Meere, ihre Frachten glichen jeden Mangel aus. Jetzt fahren keine Schiffe mehr zu Deutschlands Hafen, und das große Begreifen ist da, daß jede Furche Ackers heilig ist um des Brotes willen und daß nur eines sie segnen kann: die Arbeit. Jede Hand am Pslugsterz möchte Irene leiten: fetz das Eisen dichter an den Rain, damit unser Feld eine Furche größer werde; jede säende Hand möchte sie mahnen, laß kein Korn auf den Weg fasten, denn jeder Samen muß Frucht tragen; jede mähende Hand möchte sie bitten, schneide sanft, damit der Segen nicht ausfällt aus der Aehre; jeder dreschenden Hand möchte sie danken, weil sie der Frucht den Weg ans Licht weist. Sie denkt nicht an sich, nicht an den Besitz der Czehs, wenn die Säcke abgewogen werden, um zu den Mühlen zu wandern, sie denkt nicht an das Geld, was für die Fuder zurückfließt zu ihr, sie denkt an Brot, das gewachsen ist für alle. Ein Trotz ist in ihr: William Bruce, du hast gesagt, daß wir verhungern werden, weil dein England die Wege des Meeres beherrscht; wir werden euch zeigen, daß wir nicht verhungern werden, weil wir arbeiten für unser Deutschland. Wenn bann die Nacht sich senkt und das Pflichtenrad zur Ruhe gekommen ist, denkt sie: Günter, es ist dein Land. Ihn möchte sie jetzt an ihrer Seite haben, ihm die heilige, fruchtspendende, nimmermüde Erde zeigen und ihm sagen, was sie selbst erst jetzt begriffen: den Sinn von Saat und Ernte und den Sinn der Aufgabe dessen, dem sie anoertraut sind; sie möchte ihn einführen in sein Erbe, damit er es dereinst verwalte nach den inneren Gesetzen des Ganzen, die zu erkennen sie dieser Krieg hier auf dem Boden der Heimat gelehrt hat. Aber Günter ist fern am Feind. Er hat noch das Gesicht eines Kindes und trägt doch schon die Achselstücke eines Offiziers auf den Schultern. Es ist so schnell gegangen, daß Irene dem Geschehen kaum folgen konnte; es rollte ab in wenigen Wochen: Notabitur, feldgrauer Rock, Ersatzbataillon, Beförderung. Einmal hielt sie ihn in den Armen. ,Lunge, kannst du das denn schon: befehlen, Offizier fein?" Er fah sie mit strahlenden, leuchtenden Augen am „Wir haben es ja gelernt als Kadetten, Mutter, und was wir nicht wissen, haben wir im SBlut." Im Blut: Soldat der Vater, Soldaten die Großväter, die Urgroßväter. Da ist einer unter ihnen aus dem Geschlechte der Eberhardts, der hat sich mit siebzehn Jahren in der Unglücksschlacht von Jena den Pour le merite erworben. Bon ihm hat der Knabe Günter am letzten Abend gesprochen, den er mit ihr, seiner Mutter, verbrachte, ehe er ins Feld ging; immer nur von ihm: wie er die Fahne ergriffen hatte und vorgestürmt war gegen die Franzosen, wie er eine preußische Batterie gerettet hatte. „Wenn alle gewesen wären wie er, Mutter ... wenn ich werden könnte wie er, Mutter." Wie ein Kind Märchen erzählt oder Heldensagen. Das Blut. Das Erbe der Väter. Soldatenkind. Es ift gut, daß es fo viel Arbeit gibt auf Waldhausen, Arbeit für das Vaterland, sonst würde Irene wohl ersticken vor Angst um den Knaben, der schon Ossizier ist, aber doch ein Kind bleibt, ihr Kind. Sie wartet jeden Morgen aus die Post, auf eine gekritzelte Karte, auf einen Fetzen Papier mit ein paar elenden Worten darauf: „Ich lebe, ich bin gesund, ich denke an dich, ich habe dich lieb"; aus einen schmutzigen Umschlag, der die Spuren trägt von fremder, feindlicher, umstrittener Erde, auf der kein Brot wächst. Und sie fürchtet jeden Morgen die Post, weil ja auch andere Nachricht kommen kann, Nachricht, wie sie viele schon erhielten unten in den Häusern um die Kirche und in Merzbach, in Prichterdorf und Eilgut. Die Frau, die jetzt Briefbote ist, berichtet dann: „Der Klantten ihr Mann ist nun auch gefallen, in Galizien soll er gewesen fein, da wo sie neulich den Durchbruch gemacht haben, Gorlice oder so hieß es wohl in der Zeitung." Oder: „Der ßennerten ihr Aeltester" — oder: „Was der Frieda Pückert ihr Bräutigam ist ..." Irene zieht sich nach solcher Botschaft ein schwarzes Kleid an und geht ins Dorf. Sie versucht zu trösten. Meist ist es schwer, es kostet Kraft und Mut. Da läßt sich nichts gutmachen mit Geld, an dem die Menschen sonst hängen, da tun es auch nicht Worte, du hilft nur Liebe. Das Herz muß geben und ist doch selbst voll Sorge und Angst: wann trifft es dich ...? Es gibt Verzweifelte, die keinen Weg aus ihrem Schmerz hinaus finden. Manchmal aber ist das Haus auch leer, an das Irene klopft, und die Frau, die eben erfuhr, daß sie Witwe ist, steht schon wieder bei ihrer Arbeit auf dem Feld. „Das ist nu mal so, Frau Gräfin. Er war ein guter Mann und ein guter Vater, aber der Roggen kann doch nicht warten deshalb. Nee, nee, er wär' auch 'rausgegangen." * \ Der Roggen wächst, der Roggen reift. Im Osten drängen die Heere vor, im Westen steht eine stählerne Front. Im Osten galoppiert Bernd über Schlachtfelder, im Westen stegt Günter im Graben. „Willst du deinen Sohn nicht taufe» lassen, Lexe?" fragt Irene. „Wenn Bernd kommt." „Wann wird er kommen?" Müder Zweifel ist in Irenes Stimme. Man kann schon müde werden, wenn man soviel trösten mutz, soviel mahnen muh, soviel aufrichten muß; immer Kraft haben für andere, die einfältiger denken, weil ihr schlichtes Hirn nicht begreifen kann, warum das da ist: Krieg und Tod, Entbehrung und Arbeit. Aber Lexes Stimme ist noch hell und jung. „Einmal kommt er, einmal bestimmt." Liebe, Hoffnung und Glauben sind in den Worten, diese drei. Andere Männer kommen auch auf Urlaub. Sie strecken sich am ersten Tag lang und sind faul, aber am zweiten ober spätestens dritten packen sie draußen mit an, auf dem Hof, im Stall oder auf dem Feld. Sie sind von bäuerlichem Blut, das keine Faulheit kennt. „Das ist aber schön von Ihnen, Witiken, daß Sie Ihrer Frau so helfen", sagt Irene. „Soll ich im Haus Pfeife rauchen, Frau Gräfin? Die Arbeit macht Spaß. Ist mal was anders. Faul kann ich draußen wieder sein. Gibt Langeweile genug im Graben." „Aber die Granaten, Witiken .,." Davon sprechen sie nicht gerne, sie, die von draußen kommen. „3ft man halb so schlimm, Frau Gräfin." Sie erzählen, daß sie Schafskopp spielen im Unterstand und daß einer seine Ziehharmonika bei sich hat unt> ihnen neue Lieder beibringt, sie haben gute Quartiere gehabt und schlechte, das Feldküchenessen hat sie sattgemacht, und manchmal haben sie auch hungern müssen; sie machen ihre Frauen eifersüchtig auf Französinnen oder Polackenmädels. Aber vom Krieg, vom eigentlichen Krieg sprechen sie nicht. Da soll niemand fragen, sie werden nur stumm Einmal kommt einer und bringt Grüße von Pfarrer Müller. „Er ist unser Divisionspfarrer, Frau Gräfin. Er hat mich doch eingefegnet damals, bald nachdem der Herr Graf gestorben war. Er hat mich gleich erkannt, als er durch den Graben kam. Er ist ost vorne bei uns. Ein seiner Herr." , Müller, Peter Müller! Wie lange ist das her, daß er mit ihr hier über die Fel her ging und versuchte, sie Acker und Menschen kennen zu lehren. Der Krieg ist ein besserer Schulmeister und ein härterer. Lotte Müller wohnt noch immer in Potsdam nahe der Friedenskirche, drei Kinder sind da: zwei Jungen und ein Mädel. Lexe schnürt oft Pakete für sie: Butter, Mehl, Eier, Honig. In Potsdam ist manches schon knapp, und Kinder haben immer Hunger. Im Oktober ist Bernd wirklich da. Auf zweimal vierundzwanzig Stunden. Sein Korps wird vom Osten nach dem Westen befördert. Die Arbeit im Osten scheint abgeschlossen, aber der Westen flammt neu auf und stärker. Die Transportzüge fahren langsam, er holt sie wieder ein, wenn er O-Züge benutzt. Irene wagt gar nicht in den ersten Stock des Schlosses zu gehen, wo Lexe und der Junge ihre Zimmer haben und wohin Bernd setzt zu- gezogen ist. Die beiden brauchen ja jede Minute für sich. Sie will sie nicht stören. Er sieht sein Kind zum erstenmal, und sie ist doch, seit er ging, eine wirkliche Frau geworden, ein ganz anderer Mensch, den er erst kennenlernen muß, neu lieben lernen. Er hat ein verliebtes törichtes Mädel verlassen und findet eine junge Mutter wieder. Das ist nicht so einfach. Und er ist auch anders geworden: älter, reifer. Seine Augen blicken ruhig, sie flackern nicht mehr wie früher, als sie alles erfassen, alles aufnehmen wollten. Er hat den Tod gesehen, denkt Irene. Sie geht nicht nach oben, sie setzt sich unten in die Halle. Der alte Joseph hat ein paar Buchenscheite in den Kamin gelegt. Das Feuer lodert. Draußen pfeift der Herbststurm. Und über ihr lachen zwei Menschen und vergessen den Krieg, weil sie ihre Liebe haben und ihr Kind. Am zweiten Tag gehen sie in die Kirche mit dem Knaben auf dem Arm Den Berg hinunter, den vor zwölf Jahren die Träger hinaufstampften, die Alexanders Sarg trugen. Damals war die Last schwerer. „Jürgen Alexander Conrad." Die Namen gibt der Pfarrer dem Jungen. Jürgen heißt fein Großvater auf Dapper. Alexander hieß fein Großvater hier, der in der Czehschen Gruft ruht für ewig. Und Conrad? Bernd hat sich einen Feldgrauen, der feine Wunden in der Heimat heilt, aus dem Dorf geholt, damit er feinen Sohn an des Bruders Statt über die Taufe halte. „Er ist ein Mann geworden", sagt er, „ein ganzer Mann, ein Bater seiner Leute. Wir können stolz auf ihn sein." Schnee fällt und deckt die Saat zu, di« der Erde anoertraut ist. Schnee schmilzt, und Grün bricht aus der Scholle. Ein neuer Frühling kommt. Hinter den Pslügen gehen Gestatten in grünbraunen Röcken. Russische Gefangene lösten die letzten Männer ab. In den Ställen schütten Einbeinige Futter, und Blinde haben melken gelernt, und Einarmige legen Saaikartofseln. Als die Veilchen blühen, kommt die Nachricht, daß Ferdinand Czeh gefallen ist. An der Jsonzosront. Irene fällt der Brief an Olli schwer. 'Bier Söhne ohne Vater, und die beiden Aeltesten auch schon draußen mit ihren neunzehn und siebzehn Jahren. „Wenn du nicht in Wien bleiben willst, komm zu uns, Olli, mit dem Franze! und dem kleinen Ferdi. Bei uns ist viel Platz..." Sie muß meinen, es klingt ihr immer Meder im Ohr, was Olli damals jagte in Wien: „Ich kann doch nichts dafür, daß ich ihn jo lieb hab', daß es immer Buben werden." Der Tod nimmt keine Rücksicht auf Liebe, und fei sie noch so stark. Einmal muß Irene nach Breslau. Sie sährt nicht gern in die Stadt.