Eichener LamilieMätter Nummer 87 ________Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Zahkgang Mittag, dm r November r it n :| Mi net lich >-r- ten ben um d)'.; gut (tut' unb öle urm (inn sich h^i er|t ati«, das lnb,t iiuir * un’ ar uf NV nb dien, ei )lb en. mb Er i h ch )* t. in m n, >st in 18 ch> teilt m 'S ,üen. . ein ein „2Iber Hans, t>u mußt doch wirklich nichts sagen oder erklären! Cs alles^" 9CnU9, ba& ld) bld) abt)0(e- Wir wollen heiterer sein, das Und ist es m ]te zu büß Sen langen traße zum Bahnhof. Um „Wenn du mein Herz nimmst, Christine, Vornan von Rolf Brandt Lopyrkght by August Scherl Nachfolger, Berlin 14. Fortsetzung. Und legst es^ auf hölzernen Schrein Und schlägst es mit Dornen und Ruten, Wie du tust, Christine. — du tust, Christine, Das Herz wird weinen Und bluten U..d sagen: Ich bin dein!" I. "^.^ine, es ist gar nicht langweilig bei uns, aber wenn man so seine wieder stugt, und dann sitzt man noch da ein bißchen herum es ist ."KJ- •* <" to* »»-> 5 Christine hatte sich einmal vorgenommen, die Sache durchzusetzen Sie kam durch die vielen Vorzimmer bis zum Minister. Ihre Augen flammten den Mann an, sie flehte förmlich um den Besuch. Der Minister sah auf ihre schönen, lange Beine, die im Sessel wippten, er sah auf die grauen Augen und diesen sprechenden Mund er hörte auch ein Wort von innerer Pflicht, dieses Werk zu sehen' Er versprach, zu kommen, — aber drei Tage später war er nickt mehr Minister. ’ kmit „ber Hand leicht über das Haar, wie sie liebte, aber sie schob den Arm nicht unter den seinen wie sie es beiff rritnf p In nfa nh stsd, wie die Zeit vor- /h, trS' l°, als ob man am Ufer eines Flusses stände, sehr breit und $ Ja?’’• b dos Wasser war nicht sonderlich klar. Wenn man den Fluß schwimmend kreuzen wollte, dann kam die Strömung, und wenn ^u stch e-n Zeichen gestellt hatte, dann zerbrach das Zeichen in Ihm Oh sie wußte sehr gut: Draußen war das Meer, und draußen war unter der purpurnen Sonne eine furchtbare Angst. ö Christine beschloß die kleinen Sorgen einfach nicht mehr zu glauben. 8» 2 SÄ«' if,rer a(ten Mitschüler und bat Rottenbach um Run lebte Christine von Milotti viele Jahre wie in einem Traum, r-£41e fer£ft mit< Erstatten bevölkerte. Da war der Kollege Heinrich Schuttewald aus der Zeit, als man noch am Sakrower See9 malte Er ging letzt mit selbstgemalten Postkarten von Tisch zu Tisch: den hatte sie ausgelesen, und er aß bei ihnen und steckte ihr zuweilen traurige Ge- oicyte zu: ö af«^irOtiidQn%^n\eiebcr .3ur ^ute. Cs war eine bessere Bezahlung als für edes Bild, das er je gemalt hatte. Er fang noch keine halbe Stunde lang, durfte die halbe Stunde laut Vertrag gar nickt über, hrif» ‘ hm Unbrr 2166116 für ^bend zwölf Mark.9 Der Herr Hann er vielleicht sogar zwanzig Mark für den Abend verschafft, wenn er unter seinem Namen ausgetreten wäre und wenn man hätte ver- erCnf*r °nnlnVes ’•'! £.e5 der Enkelin von Rucktafch'. Das wollte er nicht, ep hatte mit Christine gar nicht darüber gesprochen d-« »uweilen um zwölf Uhr an dem hinteren Ausgang 6 ne me 69alLen Kabaretts ab. Dann gingen sie zu Fuß den lam 8 2öeg am Ufer entlang durch die Potsdamer Straße zum Bahnhof L em Uhr ging der letzte Zug. Aber einmal trat Milotti mit einer Kollegin zusammen aus dem Eingang. Christine hörte sein Lacken die llinp° Tänzerin mußte einen Scherz gemacht haben. Als Milotti Chri- ^änjerin, sehr elegant, stutzte einen Augenblick, winkte dann firn Unb( rief: "B.uena nottel 24 sehe. Sie sind in guter f)ut. Achten Sie auf ihn, er sammelt Herzen, gnädige Frau!" 6 - "Ei"- ^bsche Person" sagte Christine. „Ich kann dich so verstehen, Hans, es ist auch langweilig bei uns." ' au Christine, was soll man darüber sprechen^ Ihr Herr Grosi- ?u^verli°ehpnb'^ E'genturnlichkeit, sich in fast jedes Modell, das er malte, h/tr m»ren Jcr er könne sonst gar nicht malen. Sie wissen ja ke.?denn er lüm!- Sn°'wt"- 6a\ü6ri9e können Sie sich schon dem reu, denn.er liebte den Wein, er liebte den Tanz, und er lieble den ftroh- ln"' &e b wrtrtente er eine Zeitlang, soviel er wollte. Ader bleiben von bin^nrn6ltlC " b^^6b^L^'1 Ewigkeit der Malerei bleiben — werden seine großen preußischen Bilder, die Schlachtenbilder und die Reai- kommt'' hilf! roi6sbiee2),:l'tärrnufif DOm Tempelhofer Feld zurück- ko mnii, diese Farben, die Kraft, man hört ja förmlich die Trompeten öatw £ n wir doch alles andere, Frau Christine! Als Ihr Groß- p Sie müssen so ein zwölfjähriges Kind gewesen fein, in den ( 5 präsentierten ste alle oben das Gewehr, die preußische Mn-n l"'kken sich - oh, es muß ein herrlicher Tag da oben im Blauen gewesen sein, als Ihr lieber Großvater einzog!" Christine schwieg. Sie sah das Selbstbildnis des Großvaters vor sich ^.der Hamburger großen Galerie hing, sie sah die grauen, frn.mh* h ben 2tu0en- die mächtige Stirn und hen großen, herrischen Mund. Ja, es muhte wohl nicht leicht gewesen sein, der Sohn dieses Mannes zu sein! Wahrscheinlich ebenso schwer wie seine Frau! Der Baier hatte ja nicht mehr davon gesprochen .. Ich muß mir Mühe geben, bei Milotti zu bleiben. Cs ist etwas Tolles m uns, da hoben die anderen schon recht. Mein Kind soll es anders haben roir alke-ol- der Vater und ich. Es soll glücklich werden, glücklich UNS mannha)! 7 Aus ihren Gedanken heraus sah sie Rottenbach dann aufmerksam an- rate sie es gewohnt war, nahm sie jede Falte seines Gesichts in sich auf, , , Zermürbten Anzugstoff, die Schuhe, denen man ansah, daß sie viel Zu lange getragen wurden. Ihr brauchte der Professor nichts zu sauen' „Wo wohnen Sie, Professor?" fragte sie. „Ich habe mir eben ein Zimmer in Potsdam angesehen, deshalb war ich dort. Aber es ist auch recht teuer. Es waren alte Bekannte ein 'Seirrm Wmrnl, -st, h°d.n dr<> Kinder und wenig Geld. flrofa genießerische =äE5=&-äws» Fingerchen und sag dazu: „Wittewittewit, der Finger blut, Steck ihn in die Tasche, Dann wird er wieder gut! „Und nun, Kinde?mM^"-in^n Augenblick allein sein, Mutti muß °^Si?n°hm das Geld, sah nachdenklich aus d.e S-H«ineunddiesewech. selten Slb«7münzen und sagte: „Hans, ich mochte nicht, daß es -o-'ter. geht, ich habe es fast satt, Hans! SS L-"s Ich"«,L'n«ch Ich«» ku l«nV. »U mch. ‘.tarn «»IW. »,-««> »>' mir M, «ich, a« !««<"■ ■nstÄ&Ä s>ä aw KÄS'» 'WäB&E VmÄS LlL"L? Ä Ä SÄ » WA? u -* Ä fe SÄÄÄÄÄ L K । freien Abendessen das er be. Christine 3 mietete tSfyriftitic einen |el)t I MMfiDZWMs »£:Siä?sifa=S==- = gäsSSSB- r?S-™ Stoe£jbi(WÄw S Rattenbach. SELS-GWKS-- ^sssaasses» - -M-MMSZZW1 «di« PBirmotUöt un« "grU„ AehnUchk.it und noch gröberer Kuhle. K Äl-nge«. d'! ‘■"lä’ÄÄ'ÄÄ ^KfrtihiSr^ÄÄ «" »Hit6*««“ & w «“• i“:’®< heimrat non Mierendors, der hat, wie ich genau we.b Gr°b°at°r n°ch gekannt. Du laßt dich von niemandem «abwesten, du wartest >n keine ""^DakwM ich vielleicht auch, Hansi Du gehst zu dem G-heimrat er ist ziemlich wohlhabend, und sagst, deine Frau Christine geboren« tai2 Hefte "ibn um ein Darlehen von zweihundert Mark bitten! Aber Cbristinchen", sagte Milotti, „zweihundert Mark! "A-M aar nickt so viel lieber Hans! Unter zweihundert Mark kann cerax* s gibst nfcht nach, wenn er das Geld Nicht be. sich hat, soll er d.r '"'"AZLm" |öü°7r 'noch Kops stehe» und mit de» Sem.» ».«« schreien!" I „Hans, bitte, sieh mich einmal an! , ZU-Si tfÄW&C*.« au 'Är'^iÜine ich bin mir vollkommen unklar, wie dieser sagen- haste^Geheimrat ^dazu zu bewegen ist, plötzlich zweihundert Mark aus ,Cinek$|ag^^a^^m:3yrr1)Sämrat, es muß sein! Christine läßt bitten!- saas't du Dann sahrst di. mit der Elektrischen zuruck, du nimmst. kern Auto, du bist so gut und frühstückst auch nicht ein bißchen, du bringst das Geld hierher Hans und wir müssen es ganz genau emteilen. Du mußt dich beeilen' es ist notwendig, daß du etwas nach zwölf Uhr im Amt bist, um dreiviertel zwols nämlich kommt der Geheimrat von emem Gabelsruh- | ftÜ'TOiiot« sah sie an. Ihre Augen brannten, ihr Mund war ein wenig geöffnet, als sauge sie Lust ein. ''ßaf^nur fein, Hans.^es.ist ja ganz gut so! 3^ glaube, du kannst dich über mich nicht beklagen! Jetzt mußt du aber gehen. Es mar Milotti als habe man ihn auf ein Gleis geschoben, und er führe nun, eine menschliche Maschine, auf diesen Schienen geradeswegs "VLNS StoaSSiS» ta. .r m«6ck« geseh , I fragte fie Angela Mohwinkel. „Ich glaube, sie jagen damit iniber ®uf ■ Sie klopfte die Hunde zärtlich, sie flüsterte mit ihnen. Allmählich wur ^"Geduldig stand der Zollbeamte dabei und sah auf bi« hübsche Gruppe: die beiden mächtigen Tiere und die schlanke junge Frau, die vor ihnen kniete. teure Hund«, gnädige Frau" sagte dann der Zollbeamte Wir müssen das ja leider erledigen. Ich schfage uur. wir setz. hunderifüL Mark für jeden Hund als Zoll fest. Ich glaube, das .st "'^Christine" stand auf: „Davon leben wir einen ganzen Monat, mein Herr! Wie kommen Sie zu solch ungeheuren Summen? d°i bie Hammel, sie haben sozusagen überhaupt keinen Wert. (Fortsetzung folgt.) Auf eine Unbekannte. Von Friedrich Hebbel. Die Dämmerung war längst hereingebrochen. Ich hott' dich nie gesehn, du tratst heran. Da hat dein Mund manch mildes Wort gesprochen In heil'gem Ernst, der dir mein Herz gewann. Still, wie du nahtest, hast du dich erhoben Und sanft uns allen gute Nacht gesagt, Dein Bild war tief von Finsternis umwoben. Nach deinem Namen hab' ich nicht gefragt. Nun wird mein Auge nimmer dich erkennen. Wenn du auch einst vorübergehst an mir, Und hör' ich dich von fremder Lippe nennen. So sagt dein Name selbst mir nichts von dir. Und dennoch wirst du ewig in mir leben. Gleichwie ein Ton lebt in der stillen Luft, Und kann ich Form dir und Gestalt nicht geben, So reiht auch keine Form dich in die Gruft. Das Leben hat geheimnisvolle Stunden, Drin tut. selbstherrschend, d-ie Natur sich kund; Da bluten wir und fühlen kein« Wunden, Da freu'n wir uns und freu'n uns. ohne Grund, Vielleicht wird dann zu flüchtigstem Vereine Verwandtes dem Verwandten nahgerückt, Vielleicht, ich schaudrc, jauchze oder wein«, Jst's dein Empfinden, welches mich durchzückt! Oer Engel. Von Karl Heinrich Waggerl. Ich war zehn Jahre alt, als mir der Engel Johanna erschien. Einen Sommer lang umschwebte er mich, ein fremdartiges Wesen in meiner ärmlichen Kinderwelt, unirdisch zart und immer in eine Wolke von Dust gehüllt. Nie wieder im Leben ist mir ein Geschöpf begegnet, das so balsamisch duftete. Später freilich stürzte auch dieser Engel aus dem Himmel meiner Kinderträume, aber als er mir entschwand, hatte er doch wieder allen Glanz seiner geheimnisvollen Erscheinung um sich. Ein einziges Mal küßte er mich auf die fieberfeuchte Wange, und dann entschwand er mir, so war «s. Und ich weiß noch heute vor allen anderen Sterblichen, wie ein Engel küßt und lächelt und duftet. Der Engel Johanna erschien mir mitten in der Schlacht. Ich lag tn der staubdurchwölkten Schulstube rücklings über der Bank, mein Todfeind kniete auf meiner Brust, und ich hatte eigentlich nicht mehr viel von diesem Leben zu erwarten. Die Luft wurde mir knapp, ein letztes Mal drehte ich die Augen über mich, und da sah ich plötzlich den Engel weiß gewandet und gleichsam schwebend hinter mir, und seine Augen blickten voll milder Trauer auf mich herab. Der Dem versagte mir vollends, denu ich dachte, ich sei vielleicht unversehens gestorben und da stünde schon mein . Schutzengel, der, soviel ich wußte, verpflichtet war, mich nach meinem Hinscheiden ins Jenseits zu begleiten. Aber auch mein Widersacher hatte die gleiche Erscheinung, wir entwirrten eilig den Knäuel unserer Gliedmaßen, und erst, als wir endlich keuchend in den Bänken hockten, wandte sich der Engel schweigend von uns ab. Wir sahen mit Staunen, wie er auf das Podium stieg und sich hinter dem kanzelartigen Gestell auf den Stuhl setzte, auf eben den Stuhl, von dem ein paar Tage zuvor der Schnapsteufel unseren alten Lehrer weggeholt hatte. Das war ein seltsam zornmütiger Mann gewesen. Jeden Morgen, ehe er [ein wunderliches Tagewerk begann, ordnete er auf dem Tisch vor sich eine Reihe von Gegenständen, seinen ledernen Tabaksbeutel, das Feuerzeug, die kurze Pfeife und etliche andere Dinge, die nach der Jahreszeit wechselten, Fichtenzapfen im Sommer, Pslaumenkerne im Winter; das waren die Wurfgeschosse. Im Lauf des Tages schleuderte er sie mit der Geschicklichkeit eines Kunstschützen nach unseren Köpfen, wenn er uns aufrufen oder ermahnen wollte. Oft genug reichte fein Vorrat nicht aus, er mußte hinterher schicken, was irgend in der Nähe greifbar war, Kreide und Schwamm, bis er zuletzt hilflos, aller Lehrmittel entblößt, den Kopf in die Arme legte und einschlief. Denn niemals verließ er feinen Thron, er war zu wenig sicher auf den Beinen. Der Engel aber hielt es anders, der schoß nicht mit Pflaumenkernen, sondern mit sanften Blicken. „Ich heiße Johanna", sagte er nach einer Weil« bänglidjer Stille, es war über uns weggesagt wie eine Verkündung, wie aus der Wolke gesprochen. Hernach begann der Engel uns der Reihe nach aufzurufen. Dabei blätterte er in einem kleinen Buch und schrieb unsere Namen hinein mit bedeutsamem Schweigen, als hielte er ein geheimnisvolles Gericht ab und schiede auf das bloße Ansehen hin die Sünder von den Frommen. Ich sah bekümmert, daß mein Name ganz hinten zu stehen kam, und also war ich wohl von Anfang an verworfen und verdammt. Es währte auch gar nicht lange, bis ich mit dem Engel Johanna in Händel geriet. Damals hatte ich ein hübsches Spiel erfunden, das man beliebig oft wiederholen konnte. Ich steckte den Federstiel so unter das Pult, daß er ein heftig schnarrendes Geräusch erzeugte, wenn man ihn auf gewisse Weise anstieß. Unser alter Lehrer fuhr dann auf und fragte verstört: „Was ist bas?" Ich erhob mich, zeigte zum Fenster hinaus und antwortete ernst: „Das ist ein Specht!" „Richtig", sagte der Lehrer jedesmal erstaunt und zugleich befriedigt. Aber der Engel Johanna wußte offenbar in der Welt des Geflügelten besser Bescheid, denn als ich aufftanb, um auch ihm meinen wunderbaren Vogel zu zeigen, schwebte er zürnend herab und gab mir eine so irdische Ohrfeige, daß ich sogleich wieder zu sitzen kam. Was aber dann geschah, werde ich zeitlebens nicht vergessen. Der Engel ging mit weggestreckter Hschd zum Waschbecken, goß Wasser ein und wusch sich, und dieser unge* wöhnliche Vorgang erschüttert« mich so, daß ich hemmungslos zu meinen anfing. Der Engel meinte natürlich, ich hätte irgendeinen Leibschaden davongetragen, aber das war es nicht, eine Maulschelle machte mir gati nichts aus. Ich verstehe selber nur dunkel, was mir eigentlich so zu Herzen ging, am meisten vielleicht doch die bittere Erfahrung, daß ein feinet; Mensch sich waschen muß, wenn er meinesgleichen anrührt. Bon dieser Zeit ab spürte ich einen sonderbaren Drang, mich denk Engel Johanna bemerkbar zu machen. Ich meldete mich auf jede Frage, aber gewöhnlich wußte ich gar nichts zu antworten, wenn ich aufgerufen wurde, und bann lieh ich mich in seliger Verwirrung einen Dummkopf schelten. Eine Weile später heckte ich boch wieder etwas Neues aus, uni bas Zauderwefen an mich zu locken. Ich fing an, bem Engel Johanna auch in ber freien Zeit nachzu- stellen. Stundenlang schlich ich auf den Promenaden hinter ihm her, oben ich lauerte irgendwo und grüßte vernehmlich, ohne jedoch jemals mehr als ein flüchtiges Erstaunen zck ernten, wenn ich den Weg flink unterlief und eine Strecke weiter von neuem auftauchte. An fchönen Abenden spielte die Musik für die Badegäste auf denk Platz. Da saß dann auch der Engel Johanna vorn in ber ersten Reihe, hübsch angetan, feiner als bie feinsten Leute, mit Spitzenhandschuhen, bic nur bis zur halben Hand reichten und die Finger freiließen. Wenn ein Stück zu Ende war, klatschte ber Engel, nicht grob unb laut wie bie andern, sondern unhörbar, mit einer zierlichen, gleichsam bittenden Gebärde. Der Kapellmeister verneigte sich bann eigens vor ihr, er warf {eine schwarze Locke zurück unb legte den Taktstock weg, als sei er nun erst ganz zufrieden. Ich mochte den Kapellmeister nicht leiden, denn er war unser Zinw merherr. Seinetwegen stopfte bie Mutter ben Sommer über bie ganze! Familie in bie Küche, bamit er in unserer Schlafstube wohnen konnte Aber sie sagte selber, baß er ein leichter Vogel sei, «in Windmacher, wenn nicht etwas noch Schlimmeres. Ich haßte ihn, weil er den Mann mit ber Baßgeige so schlecht behandelte. Neben dem hatte ich nämlich meine« Platz, nicht, weil mir bas, was er spielt«, besonders gut gefiel, sondern! weil dieser Mann so erbarmungsvoll viel zu tun hatte. Das Herz tat mir weh, wenn ich ihn so verzweifelt arbeiten sah, auf unb ab an [einem Geigenungetüm, der Helle Schweiß glänzte ihm auf der Stirn. Und et war doch so willig, nur feiten gönnte er sich «in paar Augenblicke Ruhe, Aber nein, ber Kapellmeister ließ ihn nicht zu Atem kommen, gleich stach er wieder mit seinem Taktstock nach ihm, unb der Arme mußte sich von neuem ins Zeug legen. Und dabei stand er ganz hinten, kein Mensch beachtet« ihn. Ach, ich wünschte so sehr, der (Engel mochte einmal Herkommen und sehen, wem eigentlich ber Beifall gebührte! Denn was bet Mann mit ber Locke zum besten gab, war wirklich nur Windmacherei. Aber offenbar ziehen auch Engel die gelockten Häupter den kahlen vor, mein Freund blieb mißachtet, und wir mußten beide mit ansehen, wie der Kapellmeister, sobald die Musik zu Ende war, herbeigeschwänzelt kam und den Engel entführte. Dem Baßgeiger ging es nicht weiter nahe, ep legte feine Geige in den Sarg und tröstete sich mit einem Glas Bier, Ich aber ließ bas Paar nicht aus ben Augen, mochten feine Wege noch so verschlungen unb abseitig fein. Wilber Groll faß mir in der Brust, ein unklarer, schmerzender Zorn. Nicht, daß ich etwa selber neben bem Engel hätte Hergehen mögen, mir wäre doch kein Wort aus der Kehle gekommen. Nein, aber daß ber Kapellmeister schwatzen unb vertraulich tun durfte, bas war widerlich unb aufregend zugleich. Einmal lachte der Engel so sehr, daß er sich verschluckte. Der Kapellmeister klopfte ihm auf den Rücken, und weil bas nicht gleich half, umschlang er ben Engel unb nahm ihn völlig in die Arme. Da litt ich es nicht mehr, ich schickte einen messerscharfen Pfiff zwischen ben Bäumen heraus. Damals konnte ich großartig pfeifen, mit Hilfe einer Zahnlücke, bie ich leider nicht mehr besitze. Die beiden fuhren auseinander unb sahen sich um und gingen sittsam weiter. Genug für biefes Mal. Ich mußte eilig nach Hause laufen, damit die Prügel, die mich dort erwarteten, nicht gar zu sehr anwuchsem Aber Pfiffe aus dem Wald konnten den Kapellmeister nicht viel an» fechten. Er war ein betriebsamer Mann, nun nagelte er einen Zettel an die Haustür, auf dem zu lefen stand, er fei Konzertmeister, unb wer Lust hätte, könne bei ihm bas ©eigenfpielen erlernen. Nur eine neue Gaukelei, unb boch gab es Leute, bie sich betören liehen, auch ber Engel ging ihm auf den Leim. Er trug zwar keinen Geigenkasten unterm Arm wie die anoern jungen Damen, aber der (Engel war ja auch kein Anfänger mehr- Vielleicht wollte er nur noch einige besonders schwere Kunststücke lernen, und bas gelang ihm nicht, es war rein zum Verzweifeln. Auch ber Kapellmeister verior bie Geduld, man konnte ihn durch die. Wände schelten hären, und einmal sah ich, wie der Engel weinend aus der Tür schlüpfte. Als ich die Mutter danach fragte, fuhr sie mich heftig an. Ich wollte Gott bitten, sagte sie, daß er mich dereinst ein ehrbares Handwerk lernen ließe. Ja, ich wollte auch tausendmal lieber ein Baßgeiger werden unb mir bas Brot ehrlich verdienen. Am andern Morgen schrieb ich cs auf die große Schultafel, daß ber Kapellmeister ein Windmacher sei, es war, wenn schon nicht recht geschrieben, so doch wahr gesprochen. Gefaßt wartete ich auf die Ohrfeige, die ich dafür bekommen mußte, ich war sogar frisch gewaschen, damit der Engel diesmal keine Mühe hätte. Aber es geschah mir nichts, der Engel errötete nur und sah einmal forschend nach mir hin, unb bann löschte er meine Inschrift roieber von ber Tafel. Erst später strich er mir einmal im Vorbeigehen mit ber Hand übers Haar, ich fühlte es überrascht unb beglückt. Der Sommer schritt voran, unb die Ferien begannen, ich mußte dem Vater auf dem Zimmerplatz helfen. Das war immer meine schönste Zeit gewesen. Ich durfte auf den langen Holzern reiten, die damals noch alle von Hand behauen wurden, oder ich hielt die Favbschnur, wenn der Vater die Kanten anriß, unb ich hatte auch einen Leberschurz umgebun- ben wie ein richtiger Zimmergesell. In diesem Jahr ober war mein Meister nicht mit mir zufrieden. „Was ist das mit dir?" fragte ber Vater wohl in seiner geruhigen Art, wenn ich ihm die Suppe kalt auf ben Werkplatz brachte, — „treibst du dich herum?" Englands letzte Revolution. Von Annemarie von Puttkamer. Schon von der Thronbesteigung Jakobs II. im Jahre 1685 an hatten die mit der Stuart-Herrschast unzusriedenen englischen Großen die Blicke auf Jakobs Schwiegersohn Wilhelm III. von Oranien, den Generalstatthalter der Niederlande, gerichtet. Da Jakob aus der ersten Ehe nur zwei Töchter und aus zweiter Ehe bei der Thronbesteigung keine Kinder hatte, so war Wilhelm der nächste Anwärter auf den Thron. Das wurde anders, als Jakob am 10. Juni 1688 ein Sohn geboren wurde. Oer König hatte in diesen drei Jahren alles getan, um sich mit seinem Volke gu verfeinden. Dieser persönlich tapfere und aufrichtige Fürst verstand den englischen Volkscharakter noch weniger als irgendein Stuart vor ihm. Er versuchte, nach den Grundsätzen des Absolutismus zu regieren, der im ganzen übrigen Europa in feiner höchsten Blüte stand, und er begünstigte offen die katholische Kirche. Für die entgegengesetzten Prin- " Nun, Ich konnte ihm nicht sagen, daß ich den Topf unterwegs hinter «eine» Busch gestellt hatte und weggelausen war, um nach dem Engel °US^agetong suchte ich vergeblich. Auch bei der Abendmusik sah ich eine (remde Dame aus dem Stuhl in der ersten Reihe, vor ihr verbeugte sich >er Kapellmeister jetzt, es machte ihm nichts aus. Eines Mittags aber, als ich mit dem Ehkorb am Arm nach Hause schlenderte, saß der Engel Johanna auf einer Bank am Weg. Er ries mich an, ob ich etwas für ihn besorgen möchte, einen Brief. Den sollte ich dem Herrn zustellen, der bei uns wohnte. Aber nur ihm selbst, und wenn ich ihn etwa mcht träfe, dann sollte ich den Brief gleich wieder zurückbringen. Ob ich das tun wolle?, fragte der Engel. Ach ja, ich hätte dem Teufel Persönlich eine Botschaft ins Haus getragen, falls der Engel vielleicht noo) mehr jo anrüchiger Bekanntschaften hatte. Als ich beim Kapellmeister eintrat, stand er vor dem Spiegel und bestäubte sich aus einer Flasche. Hier sei ein Bries für den Herrn, sagte ich. „So?" sagte er, „gib ihn her!" . ' Da hielt er das rosenfarbene Kleinod in der Hand drehte es um und vm und roch daran wie ein Affe, und dann warf er es auf sein Bett. „Es ist gut", sagte der Kapellmeister und nickte mir zu, als bekäme er jeden Tag Briefe von Engeln, aber er gab mir doch ein Nickelstück aus seiner Westentasche. Ich stahl mich aus dem Hause und lief in den Park zuruck, um den Hergang zu berichten. Nein, der Kapellmeister las den Brief nicht gleich, er legte ihn auf das Bett, es fei schon gut, sagte er. Aber es lagen noch mehr Briefe dort, fugte ich zum Trost hinzu, weil der Engel mit einemmal so blaß und vergrämt aussah, vielleicht liest er sie dann alle mitsammen. Das war freilich bloß erfunden, es half auch nicht viel. Der Engel sagte kein Wort mehr, er stand plötzlich auf und ging fort. Mich selber kam es bitter traurig an, als ich ihn so den Weg entlang gehen sah, ganz langsam und ein wenig schwankend, einmal trat der Engel sogar in den Graben und kam beinahe zu Fall. Gewiß war er kränk, oder er hatte sonst einen argen Kummer zu leiden, wer konnte das wissen? Ich ging bedrückt zu meiner Arbeit auf den Zimmerplatz zurück. Unterwegs aber schleuderte ich das Nickelstück in den Weiher, daß es weithin über das Wasser hüpfte. In der folgenden Woche geschah allerlei Seltsames. Der Kapellmeister packte den Koffer und reiste ab, obwohl der Sommer ja noch lange währte. Tags darauf kam der Wachtmeister und durchsuchte Kisten und Kasten in unserer Schlafkammer, und die Mutter jagte mich aus der Tür, als ich mich auch ins Gespräch mischen wollte. Und am gleichen Abend erzählte der Vater bei Tisch, die junge Lehrerin sei in den Fischteich gesprungen, man habe sie aber noch herausziehen und retten können. Dieser Vorfall erschreckte mich furchtbar. Ganz plötzlich und zum erstenmal in meinem Leben hatte ich ein ahnendes Gesicht von der dunklen Gewalt des Schicksals, das geheimnisvoll zwischen den Menschen wirkt und sie unversehens überfüllt und gnadenlos vernichtet. Von Stund' an brach eine Krankheit, die schon eine Weile in mir gesteckt haben mochte, heftig hervor. Ich mußte in das Spital gebracht werden. Die Mutter wehrte sich verzweifelt dagegen, aber schließlich gab sie doch nach und zog mit mir, des festen Glaubens, daß wir nun beide stürben und verdürben. Wann immer ich aus meinem Fieberfchlas erwachte, fand ich die Mutter neben dem Bett, sie saß wohl Tag und Nacht auf dem harten Stuhl, und ihre hohle Hand hatte sie über meine Stirne gelegt, wie man ein schwaches Flämmchen hütete, damit es nicht erlischt. Ich wurde sehr von schreckhaften Träumen geplagt. Oft lag ich halb wach und sah alles genau, das unbewegte Gesicht der Mutter, die nüchternen Wände meiner Krankenstube. Aber draußen rauschte wildes Wasser, und der Engel Johanna stand am Fenster und winkte herein und rief mir zu, er spränge jetzt in den Teich, um das Goldstück zu holen, das ich hineingeworsen hatte. Ich schrie dann laut und verlangte stürmisch, der Engel sollte hereinkommen, damit ich ihm sagen könne, es sei nur ein Groschen gewesen, und den sände niemand wieder. In diesen Wochen ging es mir hart ans Leben. Eines Morgens aber, nach der jchlimmsten Nacht, trat der Engel leibhaftig in das Zimmer. Vielleicht erschien er ungeheißen, vielleicht bestand auch längst ein stilles Einverständnis zwischen den beiden Frauen. Weißgekleidet und himmelschön schwebte der Engel an mein Bett und beugte sich herab, ich sah seine Augen wie große blaue Lichter über mir. Und dann küßte er mich, mir war es unbeschreiblich weh und lustvoll zugleich. Es währte nicht lang. Die Mutter, aufrecht und streng, wie sie sich immer hielt, meine Mutter nahm den weinenden Engel an sich und führte ihn wieder hinaus. . „Nein", erklärte sie sväter auf mein ängstliches Fragen, „sie kommt nicht wieder. Gott straft den Leichtsinn", sagte die Mutter ernst. zlpien war kn England Generationen lang gekämpft worden, und es waren in diesen Kämpfen in der Seele des Volkes lebendige Kräfte erwachsen, die der König nicht erkannte und nicht begriff. Seine Gegner vermehrten sich beständig, aber sie schwiegen, solange Jakob keinen mann- lichen Erben hatte und sie also seine Herrschaft für eine vorübergehende Episode ansehen konnten. Nach der Geburt des Prinzen von Wales aber traten sie offen mit Wilhelm in Verbindung. Für den Dränier war England die höchste Karte in dem Spiel großer europäischer Politik, dessen Sinn der Kampf gegen Ludwig XIV. und die Brechung der französischen Vorherrschaft in Europa war. Er bereitete ich vor, dem englischen Ruf zu folgen. Für den ersten Vollmond nach den Herbstäquinoktien war der Aufbruch beschlossen. Aber wahrend der ganzen ersten Hälfte des Oktober verhinderten Stürme aus Westen die Ausfahrt. Endlich legte sich der Sturm, und am 15. Oktober nahm Wil- Helm Abschied von den Generalstaaten, denen er seine Gemahlin empfahl für den Fall, daß ihm etwas zustoßen sollte. Am 17. wurde ein feierliches Fasten gehalten, und am 19. segelte die Flotte von Helle» voetsluis ab. In der Nacht aber kam ein schwerer Sturm auf, zer. streute die Flotte und zwang sie, wieder in ihre Heimathäfen zurückzukehren. Dieser nicht gerade glückverheißende Ansang schreckte den Dränier nicht ab. Er wartete geduldig auf günstigen Ostwind, der denn auch am 1. November einsetzte und diesmal die endgültige Ausfahrt erlaubte. Die niederländische Flotte bestand aus 60 Kriegsschiffen und 700 Transportschiffen, die ein Heer von 4500 Reitern und 11 000 Mann Fußvolk nach England hinüberbrachten, aber Waffen für eine weit größere Zahl. Außerdem befanden sich 800 französische Refugies und eine Schar Verbannter aus dem höchsten englischen Adel an Bord. Der Prinz segelte zuerst nordwärts, mit der Absicht, in Porkshire zu landen. Dann aber änderte er plötzlich seinen Kurs, und am 3. November passierte er Dover. Wind und Flut verhinderten den englischen Admiral, ihn anzugreifen. Mit gemischten Gefühlen bestaunten die Leute an d?r englischen Küste das prächtige Schauspiel dieser Flotte, die sich 20 Seemeilen weit hinzog und das Schicksal Englands aus ihrem Rücken trug. Am 5. November ankerte die Flotte sicher vor Tor Bay in Devon. Die Hoffnung Wilhelms und seiner Anhänger, daß ganz England sogleich geschlossen zu ihm übergehen würde, erfüllte sich keineswegs. Es waren im Gegenteil zunächst nur einzelne Große, die zögernd kamen und ihm eine geringe Mannschaft zubrachten, so daß der Prinz bereits daran dachte, das ganze Unternehmen abzubrechen und nach Holland zurückzukehren. Eine entschlossene Kriegführung hätte Jakob vielleicht noch retten können. Aber durch sein Zögern verlor er kostbare Zeit und verwirrte die Gemüter jener, die ihm noch treu geblieben. Auf das Beispiel einiger einflußreicher Persönlichkeiten hin nahm nun die Abfallbewegung rasch zu, und fast über Nacht sah Jakob sich von nahezu allen verlassen, sogar von seinen eigenen Verwandten. Unter diesen Umständen entschloß er sich, in Frankreich Zuflucht und womöglich Hilfe zu suchen. Unterwegs aber wurde er erkannt und fest- gehalten. Halb freiwillig, halb gezwungen kehrte er nach London zurück, wo er vom Volk — ein erschütterndes Beispiel für die Wankelmütigkeit der großen Masse — mit begeisterten Freudenkundgebungen empfangen wurde. Aber mit den Leuten, die ihm aus der Straße zujubelten, konnte er keinen Krieg führen. Als die Abgesandten des Prinzen von Oranien bei ihm erschienen und verlangten, daß er die Hauptstadt verließe, gab er ohne Widerstand nach. Am hellen Mittag eines Dezembertages bestieg er die königliche Barke und fuhr themseabwärts, gefolgt von niederländischen Wachen in ihren Booten. Verstört stand das Volk am Ufer und sah dieser rühmlosen Abreise ihres Königs zu. Jakob begab sich nach Rochester, entwich aber von dort roegige Tage später nach Frankreich, allerdings ahne seinen Ansprüchen auf den Thron zu entsagen, den er im Gegenteil mit französischer Hilfe zurückzuerobern hoffte. Für Wilhelm von Oranien lag nun der Weg frei. Es gab kaum jemand, der ihm das Recht auf den Thron noch zu bestreiten wagte. Meinungsverschiedenheit herrschte nur darüber, ob er als Regent ober als König herrschten sollte, ob die Krone nicht dem Namen nach auf seine Gemahlin zu übertragen fei, als der Tochter des letzten Königs. Der Prinz selbst gab hier die Entscheidung, indem er erklärte, nur als König oder gar nicht regieren zu wollen, und zwar in feinem eigenen Namen, nicht in dem seiner Frau. So bestieg am 13. Februar 1689 Wilhelm III. zusammen mit seiner Gemahlin Maria den englischen Thron, unter feierlicher Beobachtung all der alten Bräuche, die feit Jahrhunderten bei der Thronbesteigung englischer Könige überliefert waren. Am Tage zuvor war von beiden Häusern des Parlaments in historischer Sitzung die berühmte „Bill of Rights" angenommen worden, die ein für allemal mit dem Absolutismus in England ein Ende machte, die Rechte von Krone und Parlament gegeneinander abgrenzte und jenes konstitutionelle Königtum ichuf, das in den 250 Jahren seitdem die Grundlage des englischen Reiches geblieben ist. Die Engländer nennen die Revolution 1688 die „glorreiche". Für den Außenstehenden ist dieser Ehrenname nicht ohne weiteres verständlich, da es keineswegs besonders glorreich dabei zuging. Nichts von Sieg und Triumph wie bei jenem anderen Wilhelm, der 600 Jahre früher als „Eroberer" in Enaland gelandet war. Hauptsächlich durch berechnende Klugheit hatte Wilhelm von Oranien die Herrschaft gewonnen, die Herzen feiner Untertanen gewann fein kühles- und karges Wesen nie. Die Rechtfertigung der Bezeichnung der „glorreichen" Revolution liegt für den Engländer in der einfachen Tatsache, daß es seine lebte Revolution war. Das Werk, das im 13. Jahuhundert auf der Wiese von Runymede begonnen wurde, als die englischen Barone König Johann die Magna Charta abnötigten, wurde mit der „Bill of Rights" vollendet. Es ist Englands größter Stolz, daß diese Verbindung von Freiheit und Ordnung so vollkommen ist, daß sie alle politischen und sozialen Erschütterungen dieser zweieinhalb Jahrhunderte überlebte, ohne jemals mehr angetastet zu werden. Derantwörtlich: vr. Hans Thyriot. — Druck und Derlag: Brüh Ische Universitätsdruckerei R. Lange, Gießen.