GietzenerZamilienbliitter ________Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Christine von Äkstoiti Roman von Rolf Brandt Lopyrkght by August Scherl Nachfolger, Berlin 5. Fortsetzung. ^rtfüne schloß leise auf. Im gleichen Augenblick flammte bas Licht auf »er Diele. Der Vater in dem alten dunkelblauen Schlafrock und den schwarzen Lackschuhen, die er als Hausschuhe benutzte, stand da. „So, kommst du doch nach Hause? Du siehst aus wie eine Kokotte! Wir werden morgen darüber reden! Es ist jetzt vier Uhr!" „Ich habe es gar nicht gemerkt, Papa, sonst wäre ich eher gekommen!" „Wir werden morgen darüber sprechen! Sei, bitte, um acht Uhr beim Frühstück! Ich möchte dies erledigen, ehe ich in das Büro gehe!" Den Gutenachtgruß beantwortete er nicht. Christine riß die Fensterflügel auf und begann sich auszukleiden. Sie warf das Kleid In die Ecke. Es roch nach Parfüm und nach Rauch, ebenso wie ihre Haare. Sie wagte nicht, zu baden, weil sie fürchtete, das rinnende Wasser würde den Vater stören und noch zorniger machen. In ihrem dünnen Nachthemd stand sie da vor dem offenen Fenster. Ganz zart rann eine erste Helligkeit über den östlichen Himmel. Vater hat ganz recht, es ist ein Skandal! Aber er hat ganz unrecht, denn ich hätte das auch ohne ihn gemerkt! Hier ist man eingeschlossen wie in einem Käfig. Wenn man In dieses Haus tritt, kommt es einem vor, als habe man Essigsäure getrunken. Wie ich diese Unterredung hasse, die nun kommen wird! Er wird sich sonnen in seiner Unfehlbarkeit! Am besten wäre es, ich bliebe hier noch stehen, dann würde ich wahrscheinlich krank, und dann hört alles auf, die Lust, auch einmal zu tanzen, diese unerträgliche Luft, alles fortzuwerfen! Ach, die Männer haben es leichter, die trinken Wein! Die Männer sterben im Krieg und sind dann Helden. Die nehmen sich ein Mädchen und küssen es, und dann sind sie tüchtige Burschen! Alles gut, aber man brauchte ja nicht mit diesem blöden Schweizer in eine Bar zu gehen... Warum soll man eigentlich nicht in einer Var einkehren? Es kommt doch darauf an, daß man rechtzeitig fortgeht. Unverschämt, dieser Engländer! Ach, es liegt daran, daß ich damals nicht über die Elbe kam! - .Sie ließ die Fenster offen und kramte in dem kleinen weißen Schrank Zwischen den Iungmädchenerinnerungen. Da waren zwei Postkarten von Peter, da war ein einziger Brief von ihm und ein Brief von ihr. Der trug den kurzen Vermerk „Unbestellbar, da Adreffat vermißt. In der Nacht, nachdem sie diesen Brief erhalten hatte, war es ihr pl. lich. als habe Peter sie angesehen. Er hatte die guten unb treuen blauen Augen und winkte mit der Hand. Sie hatte über diesen Traum — es war mehr als ein Traum, es war wie eine Erscheinung — mit Erika, der Malerkollegin, gesprochen. Die sagte: „Wenn er mit der Hand gewinkt hat, dann ist er nicht tot." „Woher weißt du das?" hatte Christine gefragt. „Das ist so, dann ist er nicht tot, dann ist er In französischer Gefangenschaft." »Er hatte so traurige Augen, Erika!" „Das hat man auch, wenn man in französischer Gefangenschaft >st , sagte die Freundin. Da lag nun der Bries, und da lag eine Karte aus Konstantinopel, die hatte der Oberleutnant zur See Meroven geschickt, der mit der „Soeben" im Sckwarzen Meer herumgondelte, wie er schrieb. ,Hch habe Ihren Not befolgt", stand da. „Wir haben tüchtig geschosien und getroffen." Christine begann zu frösteln. „Quatsch!" sagte sie und schloß das Fenster. „Man kriegt ja doch keine Lungenentzündung, sondern einen Schnupfen!" . Sie stellte den Wecker auf einhalb acht Uhr. Kaum hatte sie die Decke über sich gezogen, fielen ihr auch die Augen schon zu. Sie schlief fest und traumlos bis zum Morgen. ce „Henriette stellte den Kaffee und die englische Büchsensahne aus den Frühstückstisch. Es war eine der wenigen Konzessionen, die der Hausherr gemacht hatte, daß er erlaubte, echten Kaffe und englische Sahne in den tleinen Blechbüchsen einzukaufen. Christine erkannt« plötzlich, wie blaß und erschöpft der Vater aussah. ^>>e ging aus ihn zu und stteichelte seine Hand. Aber der Vater zog sie zurück: „Laß das, Christine! Du bist nicht mehr jung genug, um nicht 2Boro£ft^9g?fltetrnf?"mit ®trei$e(n tann man !° etwas nicht erledigen! Christine segle sich in den Sessel am Fenster. Sie hatte das Gefühl, daß ihr von draußen, wo die Sonne über den kahlen Zweigen glänzte,' Hilfe und Trost käme: „Ich habe dir ja gesagt, Vater daß Vrolellor ?°"e"d°ch em kleines Atelierfest gegeben hat, weil er sein Bild an die roe^a [uftia®al€r 6 Dertauft i)at ®lr sind ja jung, und wir wurden rin ' flt'LnS Iu.fti8 za fein!" sagte der Oberregierungsrat. f hatte gemeint, wir Jungen könnten ja nun nicht ein ganzes ßeben lang trauern, weil die Alten den Krieg verloren hätten" »hoben ihn alle zusammen verloren, wir haben mehr verloren auch Khriftinrir"C9' "" sind dabei, uns selbst zu verlieren! Du dich x c."?ati.er hoben getanzt und Bowle getrunken. Aber ich möchte nickt daß du denkst. Ich sei von dem Professor so spät gekommen ..." „Sondern? in Hn? «u? nLnid)t öeÄeL9en' D werde es auch nicht wieder tun, ich finde es Oberregjenmg^srat W 5 bort bUebftl" fQgte der „Das kam so", sagte Christine, „ich hatte gar kein Gefühl für die steil Eä:,'X? ™ •'»- ä „Nein, ich kann nicht verstehen, daß meine Tochter nachts in eine ?0"zbar geht! Du wirst ja in ganz kurzer Zeit einundzwanzig Jahre, da habe ich auch formell nicht mehr die Verantwortung für dich Ich mnrf mnr^nmcr-ritibenk 1Ur. wo.ch.te ich mir selbst nicht einmal den 93or= “JflL w uff en, baß ich deine vielleicht ererbten Neigungen noch geforbert habe. Ich verbiete dir also, weiter diesen sogenannten Mal- unterrlcht bei Herrn Professor Rottenbach zu nehmen! Der Herr hat nicht war Offizier. y »fo schlimmer!" sagte der Oberregierungsrat. ,Zch brauche keinen Bestich zu machen, um zu sehen, wie die Luft sein muß, in der du bort von Parfüm geschminkte Lippen, flackrige Augen, widerlicher Geruch , ^hesitine sprang auf: „Was hat das mit Professor Rottenbach zu tun. Ich habe dir ja gesogt, daß ich leider in eine Tanzbar gegangen bin. Du hast recht ich hatte das nicht tun sollen! Auch Rottenbach würde genau so darüber denken wie du!" ' „Das kann Ich nicht beurteilen", sagte der Regierungsrat. ,Lch glaube es auch nicht. Wer täglich zwischen nackten Modellen lebt, hat über solche Dinge andere Auffassungen als wir bürgerlichen Menschen." „Ich will aber gar kein bürgerlicher Mensch sein!" "Du scheinst nicht zu wissen, daß du vor deinem Vater stehst, Christine! sagte der Regierungsrat. „Mädchen, geh doch in dich! Was oll aus dir werden? « 1 „Eine gute Malerin, Vater, sonst gar nichts!" „Ich nxiß nicht, ob das der Weg zur Kunst fein muß, ob der Weg über Tanzbars und merkwürdige Professoren führt!" „Laß doch, bitte, den Professor aus dem Spiel, Vater!" _ "Deine Verteidigung ist viel zu lebhaft, deine Verteidigung ist so, daß ich d.r letzt endgültig verbiete, über dieses Thema noch zu sprechen! Du wirst diesen famosen Professor nicht mehr besuchen, solange ich In diesem Haufe hier zu sagen habe! Vielleicht kannst du dich in irgendeiner Schule im Modezeichnen ausbilden, wenn du durchaus zeichnen willst. Hast du mir noch etwas zu sagen?" ,, Ehristine iah ihren Vater lange unb schwrigerck an: „Du siehst so schlecht aus, Vater, ich habe dich nicht kränken wollen." Sie ging auf ihn zu, machte dann kurz kehrt, blieb an der Tür noch einen Augenblick halten und sagte: „Vater, du solltest vielleicht einen Arzt fragen, es gibt doch so gute Sanatorien!" . V'Sorge tfich nicht um mich, ich halte schon durch! Meine Medizin heißt Arbeit! 0 Er schenkte sich Kaffee ein. Seine Hand zitterte, als sie die dünne Tasse hielt. „Lebe wohl!" sagte Christine. Christin packte ihre paar Sachen in den großen Reisekoffer ihre Bücher, ein paar Bilder unb ein paar Kleider. Diesen großen' schweren Koffer würde man nicht unbemerkt die Treppe hinunterbekommen das wußte sie. Einen Wortwechsel mit der alten Henriette wollte sie nicht haben, die wurde sie mit anklagendem Blick unb mit verständnislosen mar er mit »einen, kleinen Schritten wieder in das Haus ««UNgen zu der der Frechling schon Straße umbog Schlacht gewonnen hatte. % m hai Dann kamen die letzten Bilder vor der Krankheit. In dem Gestcyl stand ein tiefer Leidenszug über dem Munde. Da war auch dos schwarz umränderte Blatt, das den Meister auf dem Totenbett zeigte. Da war sein Grabstein mit der Inschrift, die er selbst ongeordnet hatte: „E!N deutscher Maler". Kein Wort weiter. Christine nahm.zwei von den Heften, das Bild des Toten und dos Bild auf der Bank Im Garten mit dem kleinen Mädchen. Es weht« plötzlich zu ihr hin durch die Zeit, och. durch die graue, lange Zeit kam der süß« Wind der Erinnerung! Der Grossvater konnte auch singen — was konnte der Großvater nicht! So war dos Lied ... ja, so war dos Lied: „Ehristinchen wollte Wasser holen In einem Irdenen Topf ..." Sie »eß die Hände sinken und schloß die Augen. So blieb sie eine ganze Weile vor der geöffneten Kommodenlade sitzen. Dann wrang sie aus Nicht bange werdenl Man muß nun durch! Von dem Wandbrett nahm sie die große, verschmierte Palette, die der alte Rucktasch bis zum Vorabend seines Todes in der Hand gehalten hatte. Sorgfältig umwickelte sie die Reliquie und verschnürte das leichte Paket. Das wollte sie auch mitnehmen Bon der anderen Wand nahm sie ein kleines Aquarell, das ein schlafendes Kind zeigte. Der Ausdruck eines aliicklichen Traumes lag über dem kleinen Gesichtchen. Das Werk strahlte Zärtlichkeit aus. Ach, man würde sich wohl davon trennen müssen, denn man mutzte sa etwas haben, um leben zu können! So, also Handtasche, Palette, das Bildchen, den Mantel, den Schirm und dann noch die große Mappe mit den eigenen Malsachen. Es war reichlich Das Stativ mußte man hier- lassen. Aber es war in nicht weit bis zum Vororlbahnhos und man konnte den Koffer, die Palette und das Mnlgerät an einem Gepäckschalter ab- neben • Sie trat ans Fenster. Bon diesem Fenster war sie einmal hinunter aus den kiesigen Has gesprungen, hinter diesem Fenster hatten die Flocken getanzt, hinter diesem Fenster waren weiße, schöne Sommerwolken gesegelt. Da stand der Baum, von dem sie jeden Zweig kannte —- ein lieber Baum Eben sloß die Sonne warm und zärtlich über die kahlen Zweige, bald würden die ersten grünen Knafpen kommen und dann die weift- raten Blüten . Dann würde sie nicht mehr hier sein. Was war das Hier alles gewesen? Ein Marten, ein Nichtwissen um sich selbst. Es war gut, daß man ging. Nickit bange werden! Sie trat über die Schwelle, laulckite, horte die alte Henriette In der Küche hantieren, schon stand sie im Flur, die Haustür schnappte ganz leise zu. Sic^chrilt die breite Allee zum Bahnhos, die Februarsonne meinte es „Es ist zuviel." X». ■*'•«.'« “«< «'"!«• Denn Sie verkaufen doch das Bild nicht aus Spahl "Ich werde etwas hungern", -sagte Christine. ..wissen Sie. Aber man ist daran schon so gewöhnt, das, es säst gar nichts mehr aumuach» „Es ist ein Skandal zwischen Himmel und Erd«! sagt«! Sraeser. „Die Enkelin vom alten Rucktasch hungert Sagen Sie Fräulein ...^ Er beendete den Satz nicht, zuckte die Achseln und sagte dann. „Herr £1"" Zwanzigmarkscheine zu dem kleinen Bündel "vn Banknoten. „So, mein Kind, es ist überzahlt. Aber Sie haben recht, Rucktasch wird steigen! Merken Sie sich das, mein Fraulein, Rucktasch steigt! „Ja, Rucktasch steigt", sagte Christine, „ich hasse, daß Rucktasch "X» ging sie über den Lützowplatz, bog in die Fried^lch-Wllhelm- Straße ein und schritt dann die Allee im Tiergarten zum Großen Stern '""Es^war drei Uhr geworden, die frühlingswarme »ust lag über den Sträuchern und dem Rasen. Ach, es war der erste Hauch, der trugerstch« Gruß des Frühlings. Wie ein ganz heller Schimmer wehte es schon über die Fliederbüsche, aus einigen Bänken saßen schon ein paar Leute U"^hriflTriüberlegte^Geld hatte sie nun, setzt mußte man ein billiges Zimmer suchen und dann gegen sechs Uhr zum Prosessor gehen. Ne n, nicht um sechs Uhr zum Prosessor gehen, d-nn dort onnte gerade um fl?c(e Zeit der Vater eintreten, wen er vom Amt gekommen war Ich gehe nicht mehr zurück, dachte Christine. Dort verkomme ich, ich kann es nicht, und ich will es nichtl . ... . Sie verlieh die breite Strafte und bog nach links In einen ^arf weg ein. der zum Neuen See führte. Vor einer Bankreihe, W am Waller stand ein Maler und arbeitet«. Christine schritt über das niedrige eiferne' Gitter und stellte sich neben den Kollegen. Der junge Mensch hatte einen kleinen Ausschnitt des Sees 3um Motiv gewählt. In dem ganz hellblauen Waller spiegelten sich die kahlen Zweige einer Eiche, ein Erlenbaum halte schon ein paar Kätzchen. ge- trieben die spiegelten sich auch in der leuchtenden Helle des Wassers. Der Maler stand da, ohne Mantel und Hut, und arbeitete eifrig. Er nahm von Christine keine Notiz. ~ „ ,,, ... . Sie sah aufmerksam aus das sanfte Bild der Landschaft und sah, wie die schmalen Hände Strich für Strich fetzten und wie nun n sparsamer Wirkung dies lichte Blau gegen ein ganz helles Grün gesetzt wurde. Sie vergaß, das, sie eigentlich in den Tiergarten gegangen war um ben Kopf für eine letzte Ueberlegung freizubekommen, sie vergaß>, daß sie wie ein sunger Spatz ohne Nest und ohne sicheren Futterplatz lebte. Sie sali zu, wer der sremde junge Mann arbeitete. (Fortsetzung folgt.) schon gut. Es war um diese Mittagszeit so, oks wäre da zu einem ersten Besuch. Christine wandt« nicht den Kopf, als sie am Ende und in das Bahnhofsgebäude eintrat. ni(l,t$erftehen SU es möglichst bald, mein liebes Fräulein! Davon hangt ihr Wohlergehen In der nächsten Zeit ab, daß Sie "verstehen. Schön", sagte Christine, „ganz habe ich es nicht verstanden! Soviel habe ich ober verstanden, daß ich für dieses Aquarell mindestens sei) hundert Mark haben möchte." Sehr viel, sehr viel", sagte der Kunsthändler. "gelien Sie, dieses Aquarell Ist nämlich echt. In einer, Woche wird es 'allo nach Ihren eigenen Worten noch mehr wert sein „ Einen klugen Kops haben Sie, mein Fräulein, einen tlugen . ffir schloh sorgfältig und langsam den kleinen eisernen Geldschrank au! der im Hintergrund des Ladens stand, und legte zehn Funfzigmark- scheine, die alle aussahen, als ob sie eben aus der Notenpresie kamen, Dl>r„ffis fehlen nod) hundert Mark", Tagte Christine. «uaen ansehen und würde „Kind! Kind!" sagen. Dann würde sie den Vater antelephonieren, sie würde die ganze Gegend °^rm,eren d«se komische alte" Person, die den Oberregierungsrat als den Statthalter ^°'Muft°te'mmi° überhaupt fort? Der Baler konnte Zwangsmaftnahmen treffen In seiner einsamen Verbitterung war er dazu , Ader würde es vielleicht auch nicht tun. Vielleicht schrieb er an den Profesior, und dann würde der sich weigern, weiter Unterricht zu geben. Nein, man mußte gehen ganz gleich, wohin. Hier vertrocknete man, hier war es so, als sei ^ie Zeit aus Flaschen gefüllt und stände in den Winkeln herum. Man konnte alles tun, die neue Regierung hassen und gegen sie kampsen man konnte die Zeit ablehnen - aber das war eswasdenVar ° unbillla machte ihn |o zerstörte: Er diente weiter, er blieb im Zimt, er haßte L Ärung. ®r lehnte die Zeit ab - e- auch das Leben ab. Ich will aber leben! dachte Christine. Sie nahm den Handkoffer, den sie einmal zu ihrer Einsegnung geschenkt bekommen hatte^ streichelte ub bas schöne, fefte Leder. Lieber Onkel Paul! dachte sie. Svllte man nach bem Gut fahren? Ach, in drei Tagen war der Vater da, und dann gab es wieder Auseinanderfetzungen mit Onkel Paul, und Onkel Paul war so sehr alt und so sehr müde. Er hatte beim letztenmal gesagt als sie ab- uhr: „Du wirst mich nun wohl nicht mehr Wiedersehen, Mir wäre es lieber gewesen, ich wäre während des Krieges gestorben, aber sie haben mich da oben vergessen! So viele haben sie nach oben gern en, mitten aus dem Sturm ihres Lebens, mich hat man vergessen, Christine. Aber ich glaube, ich glaube, der Rus kommt jetzt bald, ich erwarte ihn so!" Seine guten Hellen Augen hatten sie angeblickt: „Loft " dir man gut gehen, Ehristinchen, laß dir niemals bangen machen! Du b ft e ne Ruck . v .'Jj. ________ Qhhno liifnmmenheint Donr fterr Graeser in der Firma Edmund Graefer & Co. hielt das Aquarell mit ausgeftreefter Hand von sich. Dann nahm er die Lup und prüfte den Namen. „Ich glaube Ihnen ja, mein liebes Fraulein "ch glaub« Ihnen ja, haft Sie die Enkelin lind, aber es ist unvorstellbar was heute geschoben wird. Was soll ich Ihnen sagenI Da kam vor acht Taaen ein General, ein oeritabler General, der brachte m.r em B Id ÄrÄ»is' fi " ■*< *" । UL «e 1 Bte ÄSM.’ÄÄ Hellen Sie sich, bitte, vor: Der Frans Hals war falsch 1 Das wird der General nicht gewußt haben , sagte Christine, di« nicht recht wagte, den Redefluß des alten Mannes emzudammen. Das wäre ,a auch noch schöner gewesen! Ich meine nur, was sind das" schon für Sachen, wenn ein General einen falschen Frans Hals "Natürlich ^nich1l°Jch''dhabe°'lhm dreitausend^ Mark gegeben und habe *Ü^"roone^Sk bann, warum klagen Sie bann?" fragte ^rchme. Der alle Graeser sah Christine lächelnd an: ,Jch, mein liebes^ Qra.u- Msch"' Man "kommt' durch, wen» man die Zähne zusammenbelftt!" Dann I * c in - ™(c de 1^ Jage uh Mark sind schon heute nicht mehr war er mit kleinen, kleinen Schritten wieder in bas Haus «W°ngen zu .^ie, wert wie vor acht Tagen. Aber ber Frans Hals, wenn der echt seinem Lieblingsplatz auf ber Veranda, von der man nach ber Elbe sehen 1° märej der wäre noch mehr wert gerne enI konnte .. r * , ö’hriftine lab den alten Mann an unb dachte nach: ,^ch verstehe e Nein zu Onkel Paul konnte man nicht. Es gab ba außerdem nach | ^Christme ,ay oen ein Geheimnis um bas Haus, von bem der Onkel nie gesprochen hatte, ein Geheimnis, bas ber Vater aber kannte. Der Vater sprach ja überhaupt nicht von all den Dingen, nicht von der Großmutter und nicht von der Mutter. Zur Cinsegnunq hatte ber Vater versprochen, ihr mehx zu erzählen, aber er hatte geschwiegen, immer geschwiegen. Richtig, wcchr- fchelnlich mürbe er gesprochen haben in zwei Monaten, wenn sie einundzwanzig Jahre märe. Bann märe sie aber nicht mehr hier, und es hatte ja auch keinen Zweck mehr, es zu hören. Der Vater haßte den Groß- „ater, das war klar. Sie versuchte, sich das Gesicht des großen Malers vorzuftellen, aber es gelang ihr nicht. Sie kniete vor der Schublade ihres Schrankes nieder und zog die alten Zeitschriften heraus. Da sah man den Großvater stehen im Gespräch mit bem alten Kaiser, ba stand er vor einem (e ner berühmten Bilder, da verlieft er seine Billa, ach, und da saß er auf ber Bank, die mäklige Hand ganz fest um eine kleine, zarte Schulter geschlungen, den Kops mit den strahlenden Augen geneigt. Das kleine Mädchen im weiften Kleide mar Christine. Da mar ber Professor auf feinem berühmten Pferde, da fuhr er in feinem Wagen, hier war er beim Rennen, und dort saft er am Steuer einer Segeljacht. Immer strahlten die Augen aus dem groften, starken Gesicht, immer war der Ausdruck des G-sichtes jo eigentlich, wie man sich einen Feldherrn vorstellt, der soeben eine grofte Herbst. Don Ruth Schaumann. Aus meinem Haus, vor seine Tiir Tret' ich heraus, den Herbst Ich spür: Der Nebel schwebt die Mauern her. Die Espe bebt und welkt sich leer. O Zeit, wer setzt sich dir zur Wehr? Aus meiner Hand das Lämpchen scheint, Vom Giebelrand ein Käuzchen weint, Laub rauscht so sacht gleich altem Brief, Kein Stern erwacht, der Wind entschlief. O Nacht, was bist du groß und tiesl Ein kleiner Hund trabt still herzu Als sei er wund und ich die Ruh. Des Lämpchens Rauch schwelt aus wie Gier, Mein eigner Hauch verlöscht in mir. O Gott, was bin denn ich vor dir? _ Oie zweiräumige Werkstatt. Eine Betrachtung über Dichter und Maler. Von Georg von der Bring. Die Borerlebnisse eines Dichters und eines Malers sind durchaus voneinander verschieden; das ist eine alte Weisheit. Es erlebt zum Bei- Ipiel ein Dichter einen Weidenbaum anders als ein Maler. Den Dichter wird vielleicht der Ton des leise hindurchstreichenden Windes anrühren, dm Maler möglicherweise der silbrige Schein der Blätter, die dieser Wind umwendet. Zwischen den Bor-Erlebnissen der beiden liegt eine Grenze; sie ist fließend. Nun habe ich in all den Jahren Künstler rennengelernt, die diese.Grenze fortwährend überschritten: sie brachten, soweit es Maler betraf, Dichterisches in ihre Bilder, oder sie gerieten, als Dichter, in den Bereich der Maler, malten in Worten usw. Andere malten sogar in Klängen und befanden sich somit in der Domäne der Musiker. In diesem Punkte hat es manche- Verwirrung gegeben; und da die menschliche Seele ein Schauplatz von Verwirrungen gewesen ist und aarlausig wohl bleiben wird, so gilt es, in diesem Falle für den Künstler, »le Aufmersamkeit zu schärsen. Um die fließende Grenze zwischen Dichtung und Malerei weiß 1 einer so genau Bescheid wie jener Künstler, den man eine Doppel« eaabuNg nennt. Doppelbegabung hat es mehrere gegeben. Man Imke an Keller und an Koplsch; die Reihe ließe sich verlängern, »hre Zahl wird übrigens leicht überschätzt: es gibt nur wenige bedeu- vnde Dichter, die wirklich Gewichtiges auch als Maler geschassen haben, «nd umgekehrt. Selbst bei Goethe wirken die an sich sehr inter- i|(anten Zeichnungen episodisch, wie Zwischenspiele. Keller, der ein bedeutender Maler war, entschied sich rechtzeitig für He Dichtung; früher oder später werden alle wirklichen Doppelbe- (öbungen vor diese Entscheidung gestellt, denn niemand kann zween Rusen dienen. Das Leben ist kurz. Das Leben des Künstlers ist meistens, »eil (o sehr bedroht, noch kürzer. Da gilt es hart arbeiten, um das »lel zu erreichen. Wer von ihnen erreicht es? Die meisten sterben vor- ftiitg aus ihrer Werkstatt hinweg. Der Dichter, von dem hier die Rede ist. hat lange — von ihm aus fefehen: wohl oder übel •— in einer zweiräumigen Werkstatt gearbeitet. *r entstammt einer Familie, in Ihr es Maler yab, Maler, die gelegen!« M; Verse machten; so gab es für ihn kein Entrinnen. Er will nicht oer« mroeigen, daß das Los eines solchen Künstlers, „doppelt begabt" zu hn, doppelt schwer ist. Der so Betroffene entscheide sich möglichst früh. Wieso aber — er entscheide sich? Wofür? Wenn ihm das eine so f»b ist wie das andere, wenn die Verlockung von beiden Seiten ihm Jid)t Ruhe läßt — wie soll er sich entscheiden? Die Bor^krlebnisse, von brnen vorhin die Rede war, sie gaben sich ja in ihm verdoppelt! Das Pißt soviel, er besitzt die Fähigkeit, Vor-Erlebnisse zu empfangen und 8» verwerten, die zu Dichtungen führen müssen, und andere, die nur t'mait werden können. Dadurch ist seine Müye eine doppelte. Er geht äoei Wege zugleich. Es ist fast unausdenkbar. Er wechselt, nachdem er tue Strecke auf dem einen Wege fürbaß gegangen ist, auf den anderen M hinüber. Um dorthin zu gelangen, hat er das Dornen- und Distel- 'Id einer radikalen Umstellung zu durchmessen. Diese fortwährenden Umstellungen von der einen Art zu erleben auf die andere sind überaus Mtraubenb und schmerzhaft. So ist ihm wirklich anzuraten, er möge ich frühzeitig für den für ihn gangbarsten Weg entscheiden und sich den -Veiten aus dem Sinn schlagen. Der Dichter, von dem gesprochen wird, scheint es getan zu haben. Seine Zeichnungen von kleinen schlafenden Buben liegen schon Jahre iKürf. Seine Wiegenlieder, die aus der gleichen Zeit flammen, mögen ufioctfen, wie [eine Wege vorn gleichen Objekt [schlafendes Kind) durch i«ci verschiedene Vor-Erlebnisse zum Bild und zum Liede sührten. Das “