Jahrgang 1958 Montag, den r.März Nummer (9 SietzenerZamilienblätler Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger HeczlmLW Aoman von Hans^Äaspar von Zobeltitz Copyright by deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart S. Fortsetzung. Aber in der Nacht, als er in seinem alten, knarrenden Holzbett liegt, denkt er: Irene. Wie er auch oft in Berlin denken muß. Es hat ein Bild von ihr auf seinem Schreibtisch gestanden, eine Liebhaberaufnahme, die sie zwischen ihren beiden Kindern zeigt. Er hatte das Bild mit ihrem Apparat ausgenommen, als sie einmal einen Spaziergang durch den Tiergarten machten, und sie hatte ihm dann einen Abzug geschenkt. Bor niemand hat er das Bild verborgen. Aber als Hilde zum erstenmal in eine Wohnung kam, hat er es in ein Schreibtischschubfach eingeschlossen. Da liegt es jetzt noch, und er schämt sich, wenn er sich daran erinnert. Er ist sehr einsam gewesen, als Irene Czsh von Berlin fortzog. Er »at viele Briefe an sie geschrieben, aber nur einen abgeschickt: den Bei- Ileidsbrief, nachdem er die Anzeige vom Tode der Gräfinmutter erhalten )atte, und dieser Brief hatte nichts mit all den anderen zu tun. Manchmal hatte er gehofft: eines Tages werde ich ihr all diese Briese geben Tonnen. Jedoch seit er Hilde kennt, denkt er nicht mehr an diese Hoffnung, schreibt auch nicht mehr. Aber vergessen hat er Irene Czeh nicht. Wenn er in den letzten Monaten fein Schreibtischschubfach aufschloß, oh er die Rückseite des Bildes; es lag mit dem Glas nach unten, mit lern Metallrücken des Rahmens nach oben. Er wagte nie, es urnzu- irehen. Aber er konnte sich nicht von ihm trennen. * Lore Schillings weih feit Tagen, daß Bernd Wallnitz in Dapper ist. dieser Leutnant von Wallnitz reizt sie. Sie hat mit verschiedenen Bekannten Bernds über ihn gesprochen und die unterschiedlichsten Urteile uhört: die einen halten ihn für einen Streber und Leisetreter, die andern ür einen famosen Kerl und wirklich guten Kameraden. Daß er gut aus- feht, weiß sie von Augenschein. Pa — ihr Baier — scheint zu glauben, aß mehr hinter ihm stecke als hinter anderen, sonst hätte er sich nicht I» lange mit ihm unterhalten damals im Winter auf ihrem Ball. Es bmmt aber noch eines bei Lore hinzu: sie hat ihn einmal mit einem fingen Mädel beobachtet, ohne daß er es wissen konnte; sie war mit e nem Motorboot der Werke eines Sonntags auf die Oberspree gefahren — sie selbst, wie sie es gern tat, am Lenkrad —, da war in der Nähe ron Hankels Ablage ein kleines Segelboot vor ihr ausgetaucht, in dem die beiden im Heck nebeneinander sahen, er hatte die Segelleine, sie das Cieuer in der Hand, und sein Arm lag um ihre Schulter: ein richtiges Eiebespaar. Etwas wie Neid war in ihr aufgeftiegen, denn sie hatte feit Ürern siebzehnten Lebensjahr den Glauben an das, was die Menschen Liebe nennen, verloren. Mit siebzehn hatte sie den ersten Heiratsantrag bekommen, und dann hatten sich diese Anträge in einer fast ununterbrochenen Folge wiederholt, in allen Sprachen und von Menschen mit d n verschiedensten Titeln, Prädikaten und Kronen hatte sie Werbungen onhören müssen, eine ekelhafte Kette verlogener Beteuerungen. Und da sihr nun dieser Bernd von Wallnitz, der ihr nie ein Wort der Schmei- ijslei gesagt hatte, ausgerechnet bei Hankels Ablage vor ihr her in einer frnei'amteit, die sie an dieser Stelle lebhaft an Fontanes „Irrungen — Wirru. >n" erinnerte, deren verliebte Stimmungen sie für ein längst »-getanes Märchen hielt. Jetzt ärgert sie sich, daß dieser Wallnitz Tag um Tag verstreichen lögt, ohne seinen nachbarlichen Besuch zu machen, obgleich er wissen tufj, daß sie in Bleßdorf ist. Als eine Woche vorüber, läßt sie sich an einem sonnigen Bormittag leir früh den Sandschneider anspannen und fährt allein vom Bleß- dcrfer Hof. Sie versteht mit Pferden umzugehen, hat Reiten gelernt und iff bei den Eltern ihrer englischen Pensionsfreundin in Wales sogar hiiter Hunden galoppiert. Sie lenkt erst in die eigene Forst, schlägt dann 1(er einen Sogen und kommt durch eine Schneise im Königlichen in den Dipperschen Wald. Sie denkt sich: er wird bei dem Wetter nicht im i):uie hocken, sondern sich Vaters Rehbestand für den Abschuß im näch- Stri Jahr ans eh en, denn diese jungen Herren sind alle mehr oder minder xdwütig, eine Leidenschaft, die sie nicht im mindesten teilt oder billigt. Sie hat sich nicht verrechnet. Als sie an einen Waldrand kommt, k)t sie hundert Schritt abseits Bernd unter einer großen Buche stehen, t bat das Glas vor den Augen und beobachtet einen Sprung Rehe, die •u: der Stoppel die untergesäte Serradella äsen. Sie biegt vom Wege •b fährt auf das Feld und dicht bis aa ihn heran. Erst als die Rehe flüchtig werden, bemerkt er sie und ihren Wagen. Er zieht seinen alten Jagdfilz und kommt auf sie zu. „Guten Morgen, Herr von Wallnitz", sagt sie und fügt ehrlich hinzu: „Wenn der Prophet nicht zum Berge kommt, muß der Berg eben zum Propheten kommen. Ich habe Sie nämlich gesucht." Er tritt erst an das Pferd, greift verständnisvoll in die Fahrtrense, denn der Fuchs tänzelt ein wenig, und der Wagen ist leicht. Er klopft der Stute beruhigend den Hals. Dann erst erwidert er ihren Gruß. »Ich bekenne mich schuldig", fügt er hinzu, „und bitte um Verzeihung. Aber ich hatte bisher noch keine Zeit." Sie lacht. „Hören Sie, das ist nicht wahr. Ich finde zum Beispiel, daß Sie heute morgen ziemlich zwecklos hier herumstreichen. Ebensogut hätten Sie zu uns kommen können." »Ich muß widersprechen. Auf Heimatboden umherzustreichen ist nie zwecklos. Aber das können Sie natürlich nicht verstehen. Wenn Sie drüben in Bleßdorf ausgewachsen wären, würden Sie wohl anders urteilen." Er will das eigentlich wie einen Scherz leicht hinsagen, aber es gelingt ihm nicht, die Worte werden ernst, fast grob. Sie gibt sich nicht geschlagen. „Trotzdem muß ich bei meiner Meinung bleiben. Es hätte sich gehört, daß Sie bei uns vorgesprochen hätten." Auch in ihrem Ton ist Aerger. Er läßt das Pferd, los und tritt einen Schritt zurück. „So werde ich pflichtschuldigst meinen Besuch heute nachmittag zur üblichen Berliner Teestunde nachholen. Wollen Sie bitte die Güte haben, mich Ihrer verehrten Frau Mutter anzukündigen." Er wartet einen Augenblick und denkt, sie wird nun anfahren, aber es geschieht nichts. Da verbeugt et sich, setzt seinen Filz wieder auf und tritt in den Wald zurück. Er hört noch, daß sie seinen Namen ruft, aber er beachtet es nicht. Er ist verärgert. Sie wendet den Wagen und fährt auf dem nächsten Weg nach Bleß- dorf. Auch sie ist verstimmt: nicht einmal einen Scherz versteht er, sagt sie sich. Von Bleßdorf aus läßt sie durch den Diener nach Dapper telephonieren: Frau von Schillings bäte den Herrn Leutnant von Wallnitz, heute nicht zum Tee zu kommen. Zwei Tage später fährt er dann doch nach Bleßdorf hinüber, trifft aber nur die Frau des Hauses. Lore sei leider nach Morgenitz hinüber» geritten, um sich bei Brandts die Zwillinge anzusehen, sagt sie. Allerhand Ächtung, denkt Bernd; von Bleßdorf nach Morgenitz sind gute dreißig Kilometer, hin und zurück also sechzig. Immerhin eine Leistung für eine Dame im Sattel. Ueberdies, stellt er fest, und es ist ihm fast eine Beruhigung, hat der dicke Schrnersow wieder einmal schrecklich übertrieben: natürlich ist in Bleßdorf vieles erneuert, der eine Flügel ist ausgebaut und hat ein neues Dach bekommen, aber sonst ist alles schlicht und einfach geblieben. Wenn etwas aus dem märkischen Rahmen herausfällt, so sind es die neuen Ställe. Ich wünschte, ich könnte Vater auch solche Kästen hinsetzen, muß er denken. Am Abend vor Bernds Abreise holt der Vater ihn in fein Arbeitszimmer. „Ich habe noch etwas Ernstes mit dir zu besprechen, mein Junge, leider etwas recht Ernstes. Ich wollte dir deinen Urlaub nicht verderben, deshalb habe ich es bis heute verschoben." Bernd ahnt, um was es sich handelt: Conrad. Wenn Vater so spricht, dreht es sich immer um ihn. Aber diesmal ist es schlimmer, als es je war. Conrad hat neue Schulden gemacht. Es ist dem Vater ein Wechsel über achtzehntausend Mark vorgelegt worden; ein Straßburger Winkelbankier hat ihn an den Getteidehändler ßabanter in Steppen weitergeschoben, und der ist nach Dapper gekommen, um sich zu erkundigen, wie der Herr Baron sich die Einlösung des Papierchens denke; es wäre doch eine Kleinigkeit für den Herrn Baron. Diese Kerle stecken alle unter einer Decke, von Königsberg bis Metz und von Schleswig bis München, weiter noch: über die Grenzen des Reichs hinüber. Der ßabanter hat dem Vater erzählt: seinem Geschäftsfreund in Straßburg wären eine ganze Reihe Wechsel, die Conrad ausgestellt hätte, angeboten worden; da hätte er Conrad noch einmal eine Summe zur Verfügung gestellt und bann alle Wechsel in einem vereint, nachdem er bei ßabanter angefragt hatte, ob der Herr von Wallnitz auf Dapper für achtzehntaufend gut fei, denn Conrad hätte gesagt, daß der Vater für diese Summe geradestehen würde. „Und was schreibt Conrad, Vater?" Der alte Wallnitz zieht einen Brief aus der Tasche: „Da — lies den Wisch!" Bernd liest. Der Brief ist voller Ausflüchte und voll teeren Entschuldigungen: es hätten sich Rechnungen aufgehäuft beim Schneider und beim Schuster, auch im Kasino hätte Conrad Außenstände gehabt, und bann sei er einmal nach Straßburg gefahren, und da wäre gespielt worden, er wüßte selbst nicht, wie er mit hineingerissen worden sei, er hätte wohl zuviel getrunken. Der alte, verfluchte Satz steht natürlich auch da: „Spielschulden sind Ehrenschulden", und endlich die Versicherung: mit große Summe zur l bleibst hoffentlich und etwas anderes ro'trb. „Muffen wir darüber reden? Du bist doch da ein gefährliches Wort. Die große Summe, Grunseld, di« Brennerei: das stnd Träume aus dem Fenster hinaus ins herbstliche Land. Woher sollte man das Geld nehmen? Früher, als Vater noch lachen konnte, fugte er gern: „Wer nifcht erheiratet und nischt ererbt, der bleibt ein armes Luder, bis er sterbt." Jetzt hat er das Lachen verlernt. Auf dem Bahnsteig wartet Hilde. Bernd hat ganz vergessen, daß sie verabredet haben: sie solle chn abholen. Nun ist er erstaunt, daß sie vor ihm steht, und ist fast unfreundlich, weil sie so gar nicht in sein Denken hineinpaßt. Sie fühlt seine schlechte Stimmung anfangs kaum, sie freut sich viel zu stark, daß sie chn wieder hat. „Wie schön, daß du da bist, mein Junge, mein großer Junge", sagt sie. Sie gehen in chr Bräu essen, sitzen am gewohnten Ecktisch, und sie fragt nach der Jagd, nach dem Haus, den Eltern, der Schwester. Sie kennt ja jeden Winkel in Dapper, denn die Heimat ist doch sein liebster Gesprächsstoff. Er gibt Antwort, aber sie muh um jede Silbe kämpfen: und sie kämpft, denn sie denkt: er ist müde von der Fahrt, es wird mir schon gelingen, ihn aufzuheitern; sie will sich den Abend, aus den sie sich so lange gefreut hat, nicht verderben lassen. Schließlich fragt sie auch nach Blehdorf, denn er hat chr auch von der neuen Nachbarschaft erzählt. Da hält er sich beide Ohren zu: ,chör auf, Hill«, hör auf. Ich kann das Gequassel nicht mehr ertragen." Sie erschrickt über diesen Ausbruch- „Was ist denn, Bernd? Hast du Sorgen?" Da bleibt er stumm, verbissen sieht er aus den halbleeren Teller, der vor ihm steht, greift dann nach seinem Glas, trinkt es hastig aus und ruft den Kellner heran: „Nehmen Sie das Essen weg, und bringen Sie mir noch ein Bier und einen Steinhäger dazu." Als der Kellner sich entfernt hat, faßt si« nach feiner Hand. „Willst du mir nicht sagen, was dich drückt? Red's runter vom Herzen, das erleichtert." Er sieht sie an, dankbar, und seine Augen sind wieder weich und gut. „Später, Hille, vielleicht fpäter." (Fortfetzung folgt.) kabinett in die Behrenstraße gegangen und hat mit dem ,betreffenden Referenten gesprochen. In viecundzwanzig Stunden war alles erledigt. Der alte Dransow hat den Sohn nach Hamburg gebracht ui^aufs Schiff gefetzt. Hundert Dollar soll er ihm noch für drüben in die Hand 6<*ru(ft haben. Sie haben ihn beim Regiment gar nicht mehr gese^n und auch nichts mehr von ihm gehört. In der Rangliste des nächsten ^res ftani) hinter der Namensliste des Offizierskorps unter „Abgang . „Abschied be- miUiat Leutnant von Dransow"; so blieb der Makel des schlichten Abschieds der Familie und dem Regiment erspart. Und nun soll Conrad das aleicke treffen. Der Gedanke ist furchtbar. v , r, , 0 Eine lange Pause dehnt sich zwischen Vater und Sohn, st- lastet drückend im alten Dapperschen Herrenzimmer. Beide denken wohl das gleiche: hier ist Conrad geboren, hier ist er aufgewachsen: und nun soll er ausqelöfcht werden aus der Reihe der Wallnitz«. „Weiht du einen anderen Weg?" fragt der Alte endlich. ''Sprich noch einmal mit ihm, Vater." , ........ , „ Der Vater atmet auf. Es ist >a doch noch ein Schnnmer der Hoffnung in seinem Herzen. „Gut. Ich will es versuchen. Aber wenn er sich herausfchwindeln will, Bernd, rote in dem Bries da, wenn er mich belügt ..." Er bricht ab; er will das letzte nicht aussprechen. Es ist später Abend, als Bernds Zug in den Bahnhof Friedrichstraße einläuft. Noch nie ist Bernd die Fahrt nach Berlin (o lang erschienen; ex hat in feiner Ecke im Abteil dritter Klasse gesessen durch du Fen.er gestarrt und an Conrad gedacht. Di« Schanis Er hat gestern noch lang« mit Vater weitergesprochen. Vater will in Mülhausen mit Conrads Regimentskommandeur reden, aber Bernd fürchtet, daß der taum für Conrad eintreten wird; er weiß ja: Conrad leistet auch als Soldat wemg, es ist kein Streben in ihm, keine Pünttlichkeit, keine äußere und deshalb auch keine innere Ordnung. Später ist Vater dann noch einmal auf den G^mmkt zurückgekommen: es langt in Dapper nicht hm und nidjt her, bald feblt das Geld zum Kunstdünger, bald für eine neu« Maschine, tu« Gebäude müssen gründlich ausgebessert werden; immer kann Vater nur flicken statt wirklich erneuern. Ganz alt und verfallen sah Vater aus, als sie endlich das Gespräch abbrachen und ins Wohnzimmer gingen, roo Mutter und Lotte sahen und Bettücher stopften. Mutter sagte nur: „Was sagst du, Bernd? Was sagst du?" Dann kamen ihr di« Tranen. Das Geld, das verfluchte Geld. Andere scheffeln es, anderen flieht es wie von selbst zu. Ueberoll in Deutschland wird groß verdient: um Berlin wachsen Fabriken wie Pllze aus der Erde, alle Kaufhäuser und Banken bauen um, im Grünewald entstehen neue Villenviertel, in denen sich Geldleute und Industrielle Schlösser hrnstellen lasten, die Hundert- tausende kosten; nur in Dapper sshli es am nötigsten. Woran liegt das? Vater ist ein guter Landwirt, heißt es Er ist frich schon auf den Aeckern und abends meist der letzte in Stallen und Scheunen. Er ist sparsam und rechnet mit jedem Groschen; aber vielleicht genügt das alles nicht, vielleicht fehlt ihm die Gab«, im großen zu rechnen, statt nur im kleinen. Gewiß: der Boden in Dapper ist arm, aber die Bauern der Gegend haben doch keinen anderen Boden, und von ihnen haben es trotzdem manch« zu ansehnlichem Wohlstand gebracht. Sie haben allerdings nicht die Lasten der Hypotheken, sie haben auch keine Sohne, denen sie Zulagen geben müssen, und ihre Töchter bekommen keine Ausstattungen, die viele Tausende kosten wie die von Leu« und Lief«. Sie passen sich chrem Boden an, die Wallnitze haben ihm wohl seit Generationen zuviel abgefordert. Da liegt anscheinend der Fehler. Wenn man Vater einmal unter die Arme greifen, ihm einmal eine große Summe zur Verfügung stellen könnt«, mit der sich die Hypothek abdecken und eine eigene Brennerei bauen ließe, dann würde die Wirt- sck'aft wohl auch in Dapper laufen, auch nach dort das Geld fließen. Man kennt,- Grunseld mit feinen fünfhundert Morgen zur Abrundung hmM- kaufen, das einst als Vorwerk sowieso zu Dapper gehört hatte. Der Urgroßvater hatte es verkauft, wohl auch um Schulden abzuzahlen oder um (eine Töchter standesgemäß auszustatten. Standesgemäß — das ist hen achtzehntausend Mark wäre nun alles beglichen, und er wolle «in ganz neues Leben anfangen. „Was willst du tun, Vater?" « Der Alte ringt ein« Weile mit sich, dann sagt er: „Den Wechsel muß ich einlösen, das heißt, abbezahlen. Der Labanter hat sich alles schon hübsch zurechtgelegt: drei Jahresraten zu je sechstausend Mark und das Außenstehende jeweils zu sieben Prozent verzinst. Er weiß ia genau, was Dapper tragen kann. Ich steh' ihm dafür immer mit der Ernte gut. Da braust Bernd auf. „Laß den Hund doch sitzenl „Und Conrad?" fragt der Vater. Daraus hat Bernd keine Antwort. Siehst du, Bernd, über Conrad wollte ich mit dir sprechen. Der Wechsel ist nun einmal hier in der Gegend, und hier lasse ich das Gerücht nicht aufkommen, daß ein Wallnitz feine Schulden nicht bezahlt hätte Aber Conrad? Soll ich chn noch einmal halten? Noch einmal? Zum letztenmal? Mutter will es natürlich, sie ist immer weich zu Conrad gewesen, er ist ja ihr Aeltester. Aber glaubst du das, was er da schreibt: von einem neuen Leben und so weiter?" Meder wagt Bernd nicht zu antworten. „Du glaubst es also nicht. Ich auch nicht. Nach einem Jahr oder nach zweien sind wieder die Wechsel da. Ich glaube nicht einmal, daß jetzt der Tisch bei ihm rein ist. Es laufen wahrscheinlich noch andere Wechsel Er hat beftimmt niemals die vollen achtzehntaufend bekommen, vielleicht fünf oder sechs. Wahrscheinlich hat er die Wechsel immer prolongieren lassen und jedesmal mehr geschrieben. Man kennt die Art dieser Halsabschneider. Zahl' ich jetzt die drei Raten, so müssen wir trummliegen iros heißt- noch krummer. Sind die Ernten nicht so gut wie dieses Jahr, muh der Wald dran glauben: die Kiefern im Schwarzen Grund und der Buchenschlag vom Ziegenberg. Oder ich müßte eine zweit« Hypothek aufnehmen Ich bekomm« sie natürlich, nur kann Dapper eine weitere Belastung auf die Dauer nicht tragen. Es wäre also ein Betrug an dem Gläubiger und an uns, und so etwas mache ich nicht." Bernd fühlt, wie der Vater mit jedem Wort kämpft. In wieviel schlaflosen Nächten mag er sich diese Berechnungen immer und immer wieder durchdacht haben. Und alles nur, weil Conrad leichtsinnig ge- roefen. Diese verfluchte Spielerei! Es ist immer das gleiche: es fängt ganz harmlos an, die Karten liegen plötzlich auf dem Tisch, und es geht um das, was die Beteiligten bar in der Tasche haben, das sind meist kleine Beträge. Dann aber ist der erste ausgefleddert, bann der zweite; ein Zettel wird geschrieben: „Gut für zwanzig Mark" und der Name darunter; der nächste Zettel lautet schon über hundert Mark. Jede lieber« sicht geht verloren, und wenn die Nacht vorüber, laufen Schuldscheine um, die über Tausend« lauten. Alle Vorgesetzten kämpfen gegen diese „9euerei", wie man es beschönigend nennt, weil man sich vor dem wahren Wort „Glücksspiel" schämt. Der Kaiser hat eine scharfe Kabinettsorder gegen sie erlassen, die sie mit dem schlichten Abschied bedroht, aber sie ist nicht aus der Armee auszurotten; sie ist eine Seuche, die alle Schwachnervigen befällt, und das furchtbarste ist: wer einmal gejeut hat, kann die Finger nicht vom Spiel lassen, und wenn er noch so ost und noch so viel verlor; er hofft immer wieder, daß eines Tages der ganz große Gewinn für ihn käme, mit dem er sich „gesundmachen" könne. Bei Conrad wird es nicht anders fein. „Ich kann das mit Conrad nicht mehr allein tragen und verantworten", sagt der Vater, ,chu bist jetzt alt genug, um da mittrogen und mitbeftimmen zu müssen. Es geht schließlich um euer Erbe, um deines und um bas der Schwestern. Ihr seid vier, und er ist einer. Soll unser altes Dapper zum Teufel gehen, weil er das Geld verjuxt? Dapper ist über fünfhundert Jahre in der Familie, es rft der Rest von viel größerem Besitz. Schließlich hat Blehdorf uns auch mal gehört, bis es ein Wallnitz an einen Conzheim nerjeute; das war in einem Feldlager während des Siebenjährigen Krieges, wo die Kerle sich langweilten. Der Conzheim war sächsischer Offizier gewesen und nach seiner Gefangennahme bei Hohenfriedeberg vom Alten Fritz in die preußische Armee übernommen worden. Er hatte einen Dreck was mit diesem Preußen und unserer Mark zu tun." Bei Hohenfriedeberg fallen Bernd der General von Lassow und Wald- Hausen ein, und bei Blehdorf denkt er an die Schillings. Für die Czehs und für die Schillings wären die achtzehntausend Mark eine Kleinigkeit. Wenn er die Gräfin um di« Summe bäte oder den Herrn von Schillings, vielleicht würden sie emfpringen, die Gräfin Czeh sogar sicher. Ader so etwas tut man nicht, lieber verreckt man. „Don meinem Erbteil sollst du nicht reden, Vater. Und was das Krummliegen betrifft, da streiche mir ruhig einen Teil der Zulage. Ich fresse mich auch mit weniger durch." „Weiß ich, mein Junge. Ich denke aber nicht bran, dir was abzuziehen. Ich muß dich knapp genug halten. Grade, weil du ordentlich bist, muß ich an dich denken und nicht an Conrad. Deshalb muh ich dich jetzt fragen: Willst du später Dapper übernehmen?" Das ist eine ganz schwere Frage, auf die Bernd gar nicht vorbereitet ist. Für ihn stand seit jeher fest: der Aetteste bekommt das Gut. und ich bleibe Offizier. Das ist immer fo bei den Wallnitzen gewesen. Und er ist Offizier mit Leib und Seele; er kann sich gar nicht denken, daß er noch recht lange. Und wenn Conrad erst zehn ober fünfzehn Jahre älter ist ..." Da sagt der Vater, und Bernd weiß sofort, daß dieser Entschluß ttotz dieser Aussprache schon lange in ihm feststeht: „Conrad muß fort." „Nach Amerika?" fragt Bernd. Der Vater nickt nur. „Amerika." Bernd sagt das Wort noch einmal, sehr langsam, sehr gedehnt. Auch bas kennt er: vor brei Jahren ist der Dransow von seinem Regiment über ben großen Teich geschickt worden, wie man so sagt. Er hat fein Abschiedsgesuch geschrieben, dann ist (ein Batet iw Militär- Im Vorfrühling. Von Hedwig Forstreuter. Dunkler Ton der Frühlingsstürme Summt und singt schon nachts ums Haus, Mondlicht geistert auf den Dächern, Schmale Sichel, schräg gestellt, Segelt sanft durch Himmelsbläue, — Wolken ziehen hoch vorbei. Zwischen Winterlicht und Frühling Ruht das Land ... Dunkle Schwingen meiner Träume Flattern mit dem Sturm ums Haus, Aufwärts strebend über Dächer, lieber Sichelmond und Feld, Schweben sie durch Himmelsbläue, An der Wolken Kamm vorbei, lieber Wälder bis zum Meer hin. Rufen sie den jungen Frühling In das Land? Vorfrühling im JRiei). Von Paul Appel. Es ist kurz nach Mittag. Eben bin ich, mit der Riedbahn von Darmstadt her, in Goddelau ausgestiegen. Ein Gespräch im Zug hat mich gehindert, der Landschaft in konzentrierter Weise, wie es eigentlich sein sollte, näher zu kommen. Ich habe die schönen Blicke in die Kiesern- bestänbe zwischen Darmstadt und Griesheim verpatzt, diese Blicke, zwischen rüielrosa Stämmen, durch das Schwarzgrün der Kronen in ein silbenzitterndes Blau hinein. Ich habe das Griesheimer Gartenland nicht gesehen und auch nicht die braunschöne Wolsskehler Gemarkung. Und nun stehe ich schon auf der kleinen Chaussee, nach Erfelden zu. Es ist so, als sei ich bisher im Zug wie vor dem Theatervorhang gesessen. Nun hebt sich der Vorhang mit einemmal, und man ist ein bißchen verlegen, auch ein bißchen unzufrieden mit sich, weil Aug und Gefühl der sich aufbreitenden Szene noch nicht gewachsen sind. Aber horch nur! Bleib einen Augenblick stehnl Sind das nicht Rabenschreie? Und jetzt die Finken? Und das grotze Lerchengetön? Im Nu, wie die Sinne den Laut aufnehmen, ist der Einklang vollzogen, die Vögel der Landschaft haben mich gerufen, ich bin aufgeweckt, bin eingeschaltet, kann merken, hören, riechen, sehen. Es ist nicht der freieste Punkt, auf dem ich gerade stehe, aber er genügt. Ich sehe und fasse die flache Himmelsglocke, die sich weit in den Horizont verschimmert, im Süden grau, im Norden blauviolett. Blicke ich näher im Kreis, tauchen ganze Bilderserien auf: die staubbraunen Aecker, entzückend parzelliert, dort am Altrhein die Kurve der Pappelallee, dahinter die Kühkopfwaldungen, nach Norden zu die kleinen Forstungen von Wolfskehlen und Dornheim, und überall Fahrzeuge, Tiere und die Menschen dieses Bodens. Aber so klar gesondert sich jedes einzelne Bild auch bietet, die große flache Glocke führt es aus der Ber- einzelung ins Ganze zurück: das ist ihr Wille, und das ist ihr Geheimnis, aus dem heraus sie jedes ruhige und genaue Blicken mit Entzücken belohnt. Langsam geh ich voran auf der Chaussee. Ich trotte und halte das Gesicht in die Sonne, wie man den Kopf unter die Pumpe hält. Wie schön das tstl Und wie gut es einem gehen kann, denk ich, wenn man nur merkt, daß es einem gut gehen kannl Die ersten Fuhrwerke kommen mir von Erfelden her entgegen. Die Leute Haben gegessen, und nun muß es weitergehen. Dünger, Eggen, Sämaschinen bringen sie in die Gewannen hinein. Die Pferde haben schon leichten Schweiß, feuchtglänzende Spiegelstellen an Bauch und Schenkel. Langsamer, idyllisch-mild anzusehen, folgen die Kuhfuhrwerke. Die ockrigen Felle der Tiere geben alle Farbe her unter dem hohen Licht. Der Gemarkungsteil ist nicht groß, und so kann ich, ohne muh zu verspäten, warten, bis die Fuhrwerke in den Gewannen angelangt sind. Gleich, int Verlauf von zehn Minuten, erweitert sich das Bild der Landschaft zum Ausdruck einer großen, tätigen Heiterkeit. Die Pflüge gehen und werfen den Boden, der mit seinen Sprüngen wie von Tausenden von Maulwurfsgängen unterwühlt scheint, die Sämaschinen klappern, die Eggen schleifen das Land und zeichnen Muster in den Dodengrund rote die ausgebogten Ränder einer Stickerei. Bescheiden, aus Sicherhen bescheiden, geht diese Arbeit vor sich, gleichweit entfernt von kleinlicher Geistesart wie von der falschen Pathetik, in der manche mauernmaler zu idealisieren lieben. Ruhe, beinah anmutige Ruhe ist ihr schönstes Kennzeichen. Nur die Jugend bleibt auch hier die Jugend. Em ganz junger Bauer führt die Düng-rschüssel, als übe er strammen Schritt. Wie nach dem Chronometer setzt er den Fuß und überholt den Vater, der die Tiere in der Egge hat. „Langsam, Meister", rufe ich ihm zu: er aber zeigt nur die Zähne in dem fast braunlosen, sonnenroten Gestcht, sagt „ja, ja", und weiter geht sein Exerzieren den Acker hinunter. Nach Erfelden ift’s nun nicht mehr weit. Ich durchguere den Ort, an ballspielenden kleinen Mädchen vorüber, um mtch, vor mir und hinter mir das träg-jubelnde Gegacker der Hühner, das aus den Hofen schallt. Eine Greisin und ein wohl zehn Jahre altes krankes Kind fuhren em- ander und sehen sich ins Gesicht. Ein Junge, mit einer Kappe gefärbt wie überwintertes Gras, fährt Schleifen und Achter auf dem Rad. 2115 ich das Dorf passiert habe und auf den Rheindämmen bin, ist s nach 1 Uhr geworden. Hier ist eine eigene Provinz, die mit dem bauer- kichen Ried nur den Namen gemeinsam hat. Der Wasserarm des 2Lu- rhems prägt das Bild. Aber alles trägt noch den Stempel des Verharrens. Die Klub- und Bootshäuser sind noch geschlossen, Baggei* Schlepper, das weiße Motorboot feiern. Auch sonst ift’s wenig belebt Ich sehe drei alte Männer, die zwischen Damm und Ufer in der Sonne sitzen und zwei Anglern zuschauen. Die Bambusruten, die diest halten, strecken sich in einer entzückenden Kurve über den Wasserspiegel. Nun zieht der eine die Angel, der Schwimmer geht hoch und flimmert flamingorosa in der silbrigen Lust. Hat er was erwischt? Nein, nichts mar’sl Und wieder dehnt sich der Bambusstab über dem Wasserspiegel, und wieder gucken die drei Alten mit zu. Nach ein paar Minuten erscheint ein jüngerer Mann bei ihnen, so um die Vierzig, den rechten Arm in der Binde, drei Finger der Hand dick verbunden. „Nun, was ist passiert?" „Stanzmajchinel" sagt der Jüngere lakonisch, und da er sich von mir beobachtet fühlt, setzt er hinzu: ,Ha, das sind Knochenmühlen, da kann man nichts machen." Verlegen und wissend zugleich lächelt er dabei, und, als habe er schon zuviel geäußert, wendet er sich gleich wieder den anderen zu. Ich gehe weiter den Fluh fang, nach Südwesten. Die Kraft des Wassers treibt mich in geheimer Weise, daß ich rascher ausgreife. Kaum bin ich hundert Schritte entfernt von dem kleinen Hafenbild, nimmt mich schon wieder breiterer Raum auf. Wiesen und Schlammgelände wechselt. Der Schlick liegt fprüngig unter mir und wirkt wie das Fliegerphoto eines Schützengrabensystems. Aus den Sprüngen bringen Sumpfpflanzen hoch, zart wie Suppenkräuter. In dem Wiefenstück pflück ich das erfe Gänseblümchen des Jahres, und da ich nahebei eine kleine Muschel finde, leg ich's hinein. Nun ift’s ein bescheidenes Blumenschiffchen geworden: das will ich dem ersten kleinen Mädchen schenken, das mir begegnet. Als ich über die tieferen feuchten Stellen nicht weiterkomme, retiriere ich wieder auf den Damm, und von da aus breitet sich mir nun die Landschaft weiter nach Norden zu aus. Links gewinne ich Sicht über die schönen Ausschnitte drüben auf der Kühkopsinsel. Weidenbestände in allen Farbschattierungen, vom zartesten Gelb, wie es die Schwimmfühe neugeborener Gänschen zeigen, bis zu Blutkorallenrot wechseln mit hübschen Schilffeldern. Das Rohr steht wie Getreide, seine seidigen Büschel haben die Farbe verwitterter Hasenfelle. Rechts, eingekreist von Zwischen- dämmen, liegen große Apfelbaumwiesen. Noch sind sie fern vom Leben; die Stückchen Fruchtholz, auf denen die Blüten sitzen werden, sind ein» geschrumpft wie ein Stückchen zusammengeschobener Darm. Aber nur noch eine Frist von Wochen: und aus den unscheinbaren Verpuppungen färbt sich ein Blütengefilde auf, daß es dem Auge schwer sein wird, die ganze Fülle aufzunehmen. Dis ich die Nordspitze des Kühkopfs, ungefähr in Höhe von Knob- lochsau, erreiche, blaut sich der Himmel auf, schärfere Konturen entwickeln sich, und jedes flenne Ereignis wird von dem Licht in eine tiefer scheinende Lebens- und Todeswolluft hineingehoben. Da streichen die Grünspechte am Boden hin und sitzen dann, würmersuchend, wie heraldische Figuren an den Stämmen. Amseln und Meisen fliegen in Schwarzdorn- hecken ein und aus, in heftiger Lust. Ein Winterwiesel, von mir ertappt, drückt sich an den Damm und wittert, den runden festen Schädel hochgehoben. Und auch der Tod gibt feine Zutat: eine verendete Maus liegt da, still, rein, hinaufgehoben in notwendige Heiligung. Die Aengelchen sind eingefchrumpft, was da einmal Glanz war, sieht jetzt wie trockenes Gummi aus. Ein Scheinchen Blut klebt an der Schnauze, das Fellchen oberhalb des Brustbeins ist schon zerweht von der beginnenden Verwesung und zeigt die schiefergraue Haut. Nur die Pfoten haben noch Wesen vom Leben her. Sie sind schmal beisammen wie die Finger eines Heinen Hündchens, und auf ihnen liegt dasselbe tauende Glimmern wie auf einem schönen Stück Marmor. Ich bücke mich, ich bin mir nicht sehr viel im Augenblick und setze das kleine Llumenschiff, das einem kleinen Mädchen gehören sollte, neben das Leichlein. Aber der Geist der Andacht kann, soll er je tragend wirken, nicht zurück in dunkleres ©innen, er kennt nur den Weg in die schaffende Freude. So heb ich denn das Herz in eine höher gewonnene Lust und versuche das Ange weiter an dem großen Arsenal dieser tausendfältig bebilderten Welt. Um 4 Uhr komme ich. Skilla pflückend und froh, auf Forsthaus Knoblochsau an. Seit ich ihn kenne, ist mir das ein liebster Ort. Hier sah ich das höchste Gras in dem großen Baumgarten und die wundervollsten Margareten. Geistluft wie aus Goethes Wanderergedicht webt um das Anwesen. Die Gebäulichkeiten sind, wegen Wossergefahr hochsundamentiert, der Dorratsschuppm ruht auf Pfeilern, die Scheunenauffahrt zeigt schöne Sandsteinroagen in leicht barocker Schweifung, und bei der Treppe des Hauses steht, benfmalartig, eine Zypresse. Auch die Frau, die in dem Wanderergedicht so gütig-hell bewirtet, ift zugegen. Im Flur, neben dem Blumenständer mit feuchtglänzendem Spargelkraut, steht sie und begrüßt dm Gast: es ist die junge Försterin. Aus meine Bitte bringt sie Brot und Käse, Apfelwein dazu, und geht gleich wieder, in schöner heimlicher Weise die Freude der Gastgeberin mit dem Beruf der Wirtsfrau verbindend. Ich möchte länger bleiben: gute Menschen sind ja eine Kraft, die man dankbar genießen soll, sooft und solange man kann. Aber ich mochte, eh die Sonne sinkt, das freie Feld im Norden gewinnen. Noch einmal geht's nun durch die Eschenwaldungen. Noch einmal pflücke im Skilla- blüten, die teppichhaft den Weg eingrenzen. Noch einmal steh ich vor efeuumfponnenen Bäumen und nehme mir das Aug voll von dm grünen und blutbraunen Büscheln. Und dann bin ich, zur Abendstunde, wieder in dem Blachfeld des Rieds. Es ist eine gute Stunde. Noch tiefer hat sich der Himmel verblaut, völlig entbunftet gibt er die weitesten Blicke frei. Die Ferngebirge der Landschaft, Taunus, Odenwald und die rheinhessischen Berge treten vor und fonturieren m mildem Azur das gewaltige Becken. Und vor mir, hinter mir, nach jeder Richtung hin, nichts als Aecker, Aecker, Aecker. im Frühlingsbraun, und über ihnen die feelenoerrocindelnde Stille des kommenden Abends. Willig, in halb schmerzlicher Lust, füg ich mich der bildenden Gewalt der Elemente, nur wünschend, daß neben Wasser, Lust und Erde mir auch das geisterhaltendste, das Feuer, immer gegönnt fein möge. Dann wende ich heimzu, nach Westen. Und nun, als wollte die Natur mir zu dem schönen Tage auch diese kühnste Bitte nicht versagen, glüht vom Rhein her ein 21benbfeuer aus den 21 edem auf. Oie Trommel. Von Josef Weinheber. Im Traum ein dröhnender Trommelton erreichte rufend das Ohr. Die da ruhig gehn, die da fromm verwehn, blieben taub, mich riß es empor. Und die Trommel dröhnt in der anderen Ruhn, und sie treibt und sie trifft mir das Herz. Was ich tat, ist vertan, und ich mußte es tun, daß der Turm sich vollende dem Schmerz. Und die Trommel dröhnt, und sie tönt von Gott, und Gott ist noch namenlos weit. Durch die Nacht, durch die Not, in den Heldentod dröhnt es, schreit, durch die Zeit, durch die Zeit! Oie Wache in Howli. Eine Geschichte aus Indien von Rudyard Kipling. Als Bote, wenn das Herz Euer Gnaden mir es gönnen will. Und für sechs Rupien. Ja, Sahib, denn ich habe drei ganz, ganz kleine Kinder, deren Mägen immer leer sind, und es gibt jetzt nur vierzig Pfund Korn für eine Rupie. Ich will ein so kluger Bote fein, daß Ihr den ganzen Tag mit mir zufrieden sein und mir am Ende des Jahres einen Turban schenken sollt. Ich kenne alle Wege um die Station und viele andere Dinge. Ach, Sahib! Ich bin klug. Gebt mir einen Dienst. Ich bin früher bei der Polizei gewesen. Ein schlechter Charakter? Das Märchen hat sicher ein Feind erzählt. Ich bin nie ein Gauner gewesen. Ich bin ein Mann mit reinem Herzen, und meine Worte sind alle wahr. Sie wußten das, als ich bei der Polizei war. Sie sagten: „Afral Khan ist ein Sprecher der Wahrheit, und auf sein Wort kann man vertrauen." Ich bin ein Pathan von Delhi, Sahib — alle Pathans von Delhi sind gute Menschen. Ihr habt Delhi gesehen? Ja, es ist wahr, es gibt viele Gauner unter den Pathans von Delhi. Wie der Sahib weise ist! Nichts ist vor seinen Augen verborgen, und er wird mich zu feinem Boten machen, pnd ich will alle seine Nachrichten geheim und unauffällig besorgen. Nein, Sahib, Gott ist mein Zeuge, daß ich nichts Schlechtes meinte. Ich habe mich lange danach gesehnt, einem wirklichen Sahib zu dienen — einem tugendhaften Sahib. Viele junge Sahibs sind wie losgelassene Teufel. Bei solchen Sahibs würde ich keinen Dienst nehmen — auch wenn alle Mägen meiner kleinen Kinder nach Brot schreien würden. Warum ich nicht mehr bei der Polizei bin? Ich will wahre Rede sagen. Es kam ein Unheil über die Wache — über Ram Baksh, den Haoil- dar, und Maula Baksh und Jugqut Ram, und Bhirn Singh und Suruj Pul. Rant Baksh sitzt für eine Weile im Gefängnis, und ebenso Maula Baksh. Es war auf der Wache in Howli, an der Straße, die nach Gokral- Se nun führt, wo viele Räuber sind. Wir waren lauter tapfere Kerle — Rustums. Deshalb hatte man uns auf diese Wache geschickt, die acht Meilen von der nächsten Wache entfernt war. Tag und Nacht paßten wir auf Räuber auf. Warum lacht der Sahib? Nein, ich will ein Geständnis machen. Die Räuber waren zu schlau, und da wir das sahen, machten wir uns weiter keine Arbeit. Es war in der heißen Zeit. Was kann ein Mensch in den heißen Tagen tun? Ist der Sahib, der doch so kräftig ist, — ist er wohl start in der Zeit? Wir machten eine Berein- barung mit den Räubern um des Friedens willen. Der Havildar, der sehr dick war, brachte das zustande. Ho, ho! Sahib, er wird jetzt dünn im Gesängnis beim Teppichknllpsen. Der Havildar sagte: „Macht ihr uns keine Mühe, und wir wollen euch keine Mühe machen. Nach der Ernte schickt uns einen Kerl zum Abliefern fürs Gericht, einen Mann von schwachem Geist, und schafft eine Klage gegen ihn, die wieder zusammen- fälli. So werden wir unsere Ehre wahren." Mit dieser Rede waren die Räuber zufrieden, und mir hatten keine Arbeit auf der Wache und konnten in Frieden Melonen essen und den ganzen Tag auf unseren Pritschen sitzen. Süß wie Zuckerrohr sind die Melonen von Howli. Nun war da ein Hilfskommissar — ein Unter-Sahib im Distrikt, der hieß Dunkum-Sahib. Aha! Er war streng — so streng, wie der Sahib selber ist, der mir gewiß den Schatten seines Schutzes geben wird. Viele Augen hatte Punkurn-Sahib und flitzte schnell durch den Distrikt. Die Leute nannten ihn den Tiger von Gokral-Seetarum, denn er erschien unerwartet und schlug zu, und noch vor Sonnenuntergang kam er schon über die Tehsildars, dreißig Meilen weiter. Niemand wußte von dem Kommen und Gehen des Punkum-Sahib. Er hatte kein Zelt, und wenn fein Pferd müde war, dann ritt er auf feinem Teufelswagen. Ich weiß nicht, wie er heißt, aber der Sahib saß mitten auf drei silbernen Rädern, die nicht knarrten, und trieb sie mit feinen Seinen und sauste wie ein Noß, das Bohnen gefressen hat — so. Der Schatten einer Krähe auf dem Felde ist nicht lautloser als der Teufelswagen des Pakum-Sahib. Er war hier, er war da, er war weg, und der Bericht war fertig, und es gab Krach. Fragt den Tehfildar von Roheftri, wie der Hllhnerdisbstahl herauskam. Sahib. Es geschah eines Nachts, daß wir in der Wache wie gewöhnlich auf unseren Pritschen schliefen, nachdem wir das Abendbrot gegessen und Tee getrunken hatten. Als wir am Morgen erwachten, war, weiß Gott, von unseren sechs Gewehren keins mehr da. Auch das große Polizeibuch, das der Havildar verwahrte, war weg. Als wir das sahen, waren wir voller Angst und dachten uns, daß die Räuber ehrvergessen bei Nacht gekommen seien und uns in Schande gebracht hätten. Dann sagte Ram Baksh, der Havildar: Seid still! Die Sache ist übel, aber sie kann noch gu! ausgehn. Wir wollen den Tatbestand vervollständigen. Bringt ein Zicklein und meinen Säbel. Hört ihr noch nicht, ihr Esel! Ein Hieb fürs Pferd, dem Manne genügt ein Wort." Wir von der Wache begriffen rasch, was der Havildar im Sinne hatte, und hatten große Angst, den Dienst zu verlieren; so eilten mir, die Ziege ins Zimmer zu schaffen und aufzupassen, was der Havildar sagte. „Zwanzig Räuber kamen , sagte der Havildar, und wir nahmen eine Worte und sprachen sie ihm nach, wie es die Sitte ist. „Es gab einen großen Kampf", sagte der Havildar, „und keiner von uns kam unverwundet davon. Die Fenstergitter wurden zerbrochen. Suruj Bul, besorge das; und, o ihr Männer, macht schnell mit eurer Arbeit, denn ein Läufer muß mit der Nachricht zum Tiger von Gokral-Seetarun." Darauf lehnte sich Suruj Bul mit seiner Schulter gegen die Gitterstangen der Fenster und brach sie, ich trieb die Stute des Havildar mit einer Peitsche durch die Melonenbeete, bis sie ganz von Hufspuren zertrampelt waren. . . Nachdem das fertig war, kehrte ich zur Wache zurück, und die Ziege wurde geschlachtet, und einige Teile der Wand wurden mit Feuer ge« schwärzt, und jeder Mann tunkte seine Kleider ein bißchen in das Blut der Ziege. Wißt, o Sahib, die Wunde, die ein Mann sich am eigenen Leibe macht, kann von einem Kenner leicht unterschieden werden von einer Wunde, die ein anderer gemacht hat. Deshalb nahm der Havildar seinen Säbel und hieb den einen von uns sachte auf den Unterarm ins Fett, und den andern ans Bein und einen dritten auf den Rücken der Hand. So machte er es mit uns allen, bis Blut kam; und Suruj Bul, der am eifrigsten war, riß sich viele Haare aus. O Sahib, nie hat es bessere Vorbereitungen gegeben. Ja, ich selbst hätte geschworen, daß es der Wache so gegangen sei, wie wir sagten. Rauch war da und Einbruch und Blut und zertrampelte Erde. „Reite nun los, Maula Baksh", sagte der Havildar, „nach dem Hause des Unter-Sahib und bring' ihm die Nachricht vom Ueberfall. Und du auch, o Afzal Khan, laufe hin und eile dich, daß du triefst von Schweiß und Staub, wenn du hinkommst. Das Blut auf den Kleidern wird trocknen. Ich bleibe hier und schicke sofort einen Bericht an den Ober- Sahib, und wir wollen einige von den Dorfleuten fangen, die ihr kennt, damit alles für die Ankunft des Ober-Sahib bereit ist." So ritt also Maula Baksh los, und ich hängte mich an den Steigbügel und rannte mit, und mir kamen in einem üblen Zustand vor den Tiger von Gokral-Seetarun in Bohestri. Unsere Geschichte war lang und ganz genau, Sahib, denn wir nannten sogar die Namen der Räuber und den Ausgang des Kampfes und flehten ihn an, zu kommen. Aber der Tiger rührte sich nicht und lächelte nur, wie die Sahibs lächeln, wenn sie eine Hinterlist int Herzen haben. „Könnt ihr den Bericht beschwören?" sagte er, und wir sagten: „Deine Diener schwören. Das Blut des Kampfes ist kaum getrocknet auf uns. Seht selbst, ob es das Blut von Euer Gnaden Dienern ist ober nicht." Und er sagte: „Ich sehe, ihr habt eure Sache gut gemacht." Aber er dachte nicht dran, nach seinem Pferd ober seinem Teufelswagen zu rufen und durch die Gegend zu sausen wie gewöhnlich. Er sagte: „Erholt euch und eßt Brot, denn ihr seid müde. Ich will warten, bis der Ober-Sahib kommt." Nun ist befohlen, daß der Havildar, der die Wache hat, einen direkten Bericht von allen Räubereien an den Ob^w-Sahib schickt. Um Mittag kam er, ein dicker, alter und sehr strenger Mann; aber wir von der Wache hatten keine Angst vor seinem Zorn, wir fürchteten mehr bas Schweigen bes Tigers von Gokral-Seetarun. Mit ihm kam Ram Baksh, der Hm- vildar, und die anderen und führten zehn Leute aus dem Dorfe Howli vor, lauter übelberüchtigte Kerle vor der Polizei bes Sirkars. Sie kamen als Gefangene mit Eisen an ben Hänben und flehten um Gnabe — Imam Baksh, der Bauer, der dem Havildar seine Frau abgeschlagen hatte, und andere bösartige Spitzbuben, die wir Wachtleute nicht ausstehen konnten. Es war gut gemacht, und der Havildar war stolz. Der Ober-Sahib aber war wütend auf ben Unter-Sahib wegen seines Mangels an Eifer und sogt- „Dam-Dam" nach Art der Engländer und rühmte den Havildar. Nunkum Sahib lag immer noch in seinem langen Stuhl. „Haben die Leute geschworen?" sagte der Uunkum-Sahib. „Jawohl, und zehn Uebel- täter gefangen", sagte der Ober-Sahib. „Und draußen sind noch mehr für Sie. Nehmen Sie Ihr Pferd — reiten Sie und scheren Sie sich im Namen Sirkars!" „Sicher gibt es draußen noch mehr Uebeltäter", sagte Iun- kum-Sahib, „aber ein Pferd ist nicht nötig. Kommt alle mit." Ich sah die Spur einer Peitsche an der Schläfe des Imam Baksh. Kennen Euer Gnaden die Qual des kalten Strichs? Ich sah auch das Gesicht des Tigers von Gokral-Seetarun, das schlimme Lächeln war drauf, und ich hielt mich zurück für den Fall, daß was passieren könnte. Es war gut, Sahib, baß ich bas tat. Punkum-Sahib sperrte bie Tür von (einem Babezimmer auf und lächelte aufs neue. Drinnen lagen die sechs Gewehre und bas große Polizeibuch der Wache von Howli! Er war bei Nacht auf seinem Teufelswagen gekommen, der lautlos ist wie ein Ghoul, und war zwischen uns herumgegangen, während wir schliefen, und hatte bie Gewehre unb bas Buch weggenommen! Zweimal war er Zur Wache gekommen unb hatte jebesmai brei Gewehre genommen. Die Leber des Havilbar würbe zu Wasser, unb er fiel hin unb streichelte den Staub um bie Stiesel des Uunkurn-Sahib unb schrie: „Habt Erbarmen!" Unb ich? Sahib, ich bin ein Pathan von Delhi unb ein junger Mann mit kleinen Klnbern. Die Stute bes Havilbar staub im Hof. Ich lief zu (hr unb ritt davon: die schwarze Wut bes Sirkar war hinter mir, unb ich wußte nicht wohin. Bis sie tot umfiel, ritt ich die Fuchssfute, und durch den Segen Goffes, der gewiß mit allen gerechten Menschen ist, entkam ich. Der Havildar aber unb ber Rest sitzt jetzt im Gefängnis. Ich bin ein Gauner? Wie es Euer ©naben gefällt. Gott wirb aus (Fuer ©naben einen ßorb machen unb ihm eine reiche Memfahlb, so schon wie eine Peri, zum Weibe geben und viele starke Sohne, wenn er Wiener macht. Die Gnade bes Himmels sei über bem bah io! Ja, ich will nur zum Basar gehen unb meine kleinen Kinber zu diesem palastahnllchen Hause bringen und bann — Euer ©naben sind mein Vater unb meine Mutter, und ich, Afzal Khan, fein Sklave. Dhe, Sirdarji! Nun gehöre ich auch zum Haushalt des Sahib. Derantwortlich: Dr. HanS Thhrko4 — Druck und Verlag: Drühlfche UniverfitälSdruckerei R. Lange. Gießen.