/ Nummer 2 Sreitag, den 7. Januar Jahrgang 1958 die Pinguine sie sich aber teuere statt. Dreizehntes Kapitel. entstanden ist. Manche Wege sind so breit wie eine Wagenspur, so daß ein halbes Dutzend Pinguine gut nebeneinander Platz hat, andere wieder so schmal, daß sie im Gänsemarsch gehen müssens wo das der Fall ist, liegt aber meist ein triftiger Grund vor. Die Pinguine hallen beispielsweise gelernt, was unsere Truppen während der ganzen Kriegsdauer nicht lernten: daß ein Uebergang von Marschkolonne zu „Reihen rechtsum" während des Marsches unweigerlich Durcheinander und Aufenthalt mit sich bringt. Folglich wird, sofern an einer Stelle des Fußsteigs ein HinterKinander- gshen durch einen engen Felsdurchgang nötig wird, diese Ordnung für die ganze Strecke gewählt und i>er Pfad durchweg nur „in Vogelbreite angelegt Dies sowie einige, andere Dinge, auf die ich gleich noch zu sprechen kommen werde, beweisen deutlich, daß die Pinguine einen ausgeprägten sozialen Sinn besitzen. Und zwar glaube ich nicht, daß es sich dabei nur um eine Auswirkung des Herdeninstinkts handelt, denn m: * führen ja ein ausgesprochen individuelles Dasein. Sobald t , auf ihren merkwürdigen Straßen befinden, werken sie für das allgemeine Wohl; es kann kein Zweifel fein, daß dann zwei oder drei sich zugunsten von hundert oder tausend andern mühen, von denen die Mehrzahl ihnen fremd sein mutz. Zuweilen verlangen die Wege steiles Klettern. Das Unangenehmste ist — wie jeder Fuhwanderer bestätigen wird — das Abwärtsgehen. Für die Pinguine, die über die Felskämme hinwandern, bedeutet es eine Reihe von Sprüngen. Die Pinguine springen immer kerzengerade, ohne sich vorzubeugen, und landen auch in aufrechter Stellung — was gut und fchön ist, wenn eine sichere Aufspringstelle da ist; ist aber der Fels sehr glattgescheuert, dann endet der Sprung leicht in einem raschen Ausgleiten und das Ausgleiten in einem plötzlichen Fall hintenüber, wobei die Füße nach vorn fliegen und der Kops heftig gegen den harten Fels schlägt. Doch ich muh hinzufügen, daß diese kleinen Sportsmänner sich selbst daraus nichts zu machen scheinen. Sie raffen sich einfach wieder auf und machen sich fertig zum nächsten Sprung. Wenn sie über Felsen aufwärts gehen, müssen sie sich oft ihrer Schnäbel bedienen, um Halt zu finden. Der Schnabel des Pinguins scheint geradezu für diese Betätigung gemacht zu fein. Die obere Hälfte springt über die untere vor und endigt in einer Spitze, wie eine Art gebogener Zange, so daß der Vogel sich damit in jede Kante und jeden Vorsprung, den der Fels bieten mag, fest einhaken kann. An manchen schwierigen Wegstellen weisen die Uferkiesel eine Reihe von Kerben auf, die einzig durch die jahrhundertelange Einwirkung der Pinguinschnäbel Das hat außer der Wegersparnis noch eine andere Ursache. Der Pinguin läuft nicht quer durch die Insel, aus dem triftigen Grunde, weil es keine Straße gibt, die er dazu benutzen könnte. Eine der sonderbarsten Tatsachen auf der eigenartigen Insel ist die, daß Pinguine sich stets an einen gebahnten Weg halten. Darin stehen sie freilich nicht allein da. Das Rhinozeros, um nur ein Beispiel zu nennen, macht es ganz ebenso. Doch dieses Tier lebt allein, bahnt sich einen Pfad und benutzt ihn dann ständig, während' die Pinguine sich nicht an individuelle, sondern an Stammeswege halten, die jahrhundertealt zu sein scheinen. r . Diese Wege liegen nicht beliebig über die Insel verstreut, sondern führen in jedem Fall von der Niststätte einer Kolonie zum Meer. Und ungeachtet der zahlreichen natürlichen Hindernisse, die sie kreuzen, verlaufen sie sozusagen in gerader Richtung. Auf der einen Seite der Insel wird eine Kolonie von der See durch eine Reihe großer runder Kiesel abgeschnitten; diese sind etwa dreißig bis neunzig Zentimeter hoch, liegen übereinandergetürmt und steigen so vom Wasser aus rasch bis zu einer Höhe von etwa zwölf Meter empor. In diesen Steinen ist etwa anderthalb Kilometer, lang keine Lücke, und folglich führt der Fußsteig der Pinguine quer über sie hinweg. Zunächst geht der Pfad dreihundert Meter weit über sandige Erde: von den Nisthöhlen bis zum Rande des Steinwalls. Dann hebt er sich deutlich auf den Steinen ab, die durch das häufige Darüberhintrippeln unzähliger Füße glattgewetzt find, denn feit altersher find die Pinguine diesen Weg gewandert, bis zur Spitze des höchsten Felsens und, bald laufend, bald hüpfend, wieder hinab bis zum Meer. Hin und wieder wird die Erde, wo sie niedere Stellen bedeckt, bei feuchtem Wetter schlammig und schlüpfrig. Wo ein solcher Zustand be- sonders gefährlich wird, machen sich die Pinguine daran, ihm abzuhelfen. Mit ihren Schnäbeln kerben sie Linien querdurch und häufen die Erde dazwischen zu kleinen Wällen auf. Ich habe in einem früheren Kapitel schon bemerkt, daß der Boden an diesen. Stellen wie ein Rost aussieht. Ob die Pinguine damit in der Hauptsache beabsichtigen, das Wasser abzuleiten oder sich einen besseren Halt für die Füße zu schaffen etwa in der Art, wie wir den Gleitschutz bei den Autoreifen, weiß ich nicht. Jedenfalls aber erreichen sie alles beides, denn der schlammige Boden trocknet bald zu einer Reihe harter Rippen aus. Straßenbau. — Die Wege. — Gleitschutz. — Klettern und Springen. — Der enge Pfad. — Das große Hindernis. — Dickköpfe. Obzwar auf der ganzen Insel kaum eine Stelle ohne Nester ist, sind naturgemäß manche Teile dichter bevölkert als andere. In der Tat bestehen,l abgesehen von den „verstreuten Gehöften", wie ich sie nennen möchte, sechs verschiedene Siedlungen, von denen sich jede ziemlich für sich hält. Die Pinguine — auch diejenigen, die der Insel ihren Jungfern- b: ach abftatten — scheinen schon vor ihrer Ankunft genau ^u wissen, i welcher Kolonie sie gehören, und wählen demgemäß den entsprechenden Landungsplatz. Nie findet man, daß ein Pinguin, der auf der Ost- 'eite der Insel landet, üb erlaub nach der westlich gelegenen Nisistätte oanbert: will er sich im Westen nlebertaffen, so landet er in der bestimmten Bucht, die dieser Kolonie zu „gehören" scheint. Die Insel 6er fünf Millionen Pinguine Von Checcg Keacton Deutsche Rechte durch 3. Engelhorns Nachf., Stuttgart Nachdruck verboten 9. Fortsetzung. Endlich aber tarn, vermutlich durch ungewöhnlichen Hunger herbei- gesührt, die Stunde, wo der Gedanke, Spiel Spiel sein zu lassen und zu den Eltern zurückzukehren, mächtig lockte. So hielt sie einen Augenblick innt, um zu überlegen, wo der Ausgang sei, und sauste dann in voller Geschwindigkeit durch das Becken. Die Schranke gebot ihr unversehens Halt. Sie hob sich aus dem Wasser, um sie zu betrachten, nicht unähnlich einem Hunde, der sich beim Schwimmen in einem Teich plötzlich einer Steinmauer gegenübersieht, und schwamm dann von einer Seite zur andern auf der Suche nach einer Stelle, an der sie hinaus könnte. Die aber gab es nirgends — der Felsen bot für eine Robbe keinen Halt und, soweit ihr Blick reichte, überhaupt keinen Ausgang. Es schien ihr nicht in den Sinn zu kommen, daß sie nur wieder wie zuvor an Land zu klettern und bis zum Ende der Schranke zu gehen und dann zu ihrem Ziel zu schwimmen brauchte. Wahrscheinlich ging es ihr wie einem verirrten Kind: sie wurde von so heftigem Schrecken gepackt, daß ihr jede Denkfähigkeit verloren ging. Hier unmittelbar vor ihr war die Mauer, die sie beim Hereinkommen überschritten hatte, und natürlich mußte der Rückweg über dieselbe Mauer führen. Also fuhr sie fort, hin und her zu schwimmen, und geriet, je länger es dauerte, immer mehr außer sich. Nach einer Weile schrie sie vor Angst. Und schwach antwortete von der andern Seite der Mauer her ein anderer Schrei. Nun konnte die Robbenmutter zwar den Ruf zurückgeben, aber über die Felswand vermochte sie ebensowenig hinwegzusetzen wie ihr Junges. Sicher konnte sie ihm nicht einmal einen Rat geben, irgendwie aber schien das Gefühl ihrer Nähe dennoch einen besänftigenden Einfluß auf es zu haben, und es beruhigte sich, schwamm weniger aufgeregt im Becken umher, schaute nicht mehr so oft an der Wand in die Höhe und begann nach einer Zeit sogar von neuem ein vorübergehendes Interesse an den Pinguinen zu folgert. Spielen aber mochte es nicht mehr mit ihnen. Spielen macht einem keinen Spaß, wenn man gefangen ist. Auch ist man nicht Philosoph genug, um sich zürn Schlafen niederzulegen, bis die Stunde der Befreiung naht Die junge Robbe jedenfalls war es nicht. Sie fchwamm an der FKswand hin und her, und sobald das jetzt rasch steigende Wasser den Kamm beinahe erreicht hatte, stemmte sie die Nase auf den Fels, versuchte ihren Körper bis zum Rand emporzuziehen und begann mit den Flossen nach einem Halt zu suchen. Noch ein paar Minuten und sie fand mit großer Anstrengung wirklich diesen Halt, zog sich triumphierend an der Mauer in die Höhe, glitt darüber hinweg und tauchte endlich ins Meer, ohne ihren verflossenen Spielgefährten auch nur einen Abschiedsblick zu schenken. * Ich sah sie nicht wieder. Zwar eilte ich sogleich zu einem höheren Felsen, um wenn irgend möglich noch Zeuge zu werden, wie Vater und Mutter mit ihrem Ausreißer von Sohn zwischen sich davonfchwammen. Doch ich sah nichts. Die Auseinandersetzung darüber, ob die Schranke das erstemal durch Zufall oder mit Absicht überschwommen worden war, fand, wie es fchien, in weiter Entfernung vom Schauplatz des Aben- Siefjenerifamiliciiblätfer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger einer rii Vögel gleichzeitig schreien — Dutzende von Malen miterle Mitunter treffen auf einem solchen engen Pfad zwei aus verschiedener Richtung kommende Tiere zusammen. Da wäre es nun natürlich das Leichteste von der Welt, daß der eine höflich beiseite träte; das aber würde ein Abweichen vom Wege bedeuten und das kommt gar nicht in Frage. Also halten die beiden an, um den Fall auszutragen. Sie find einander vielleicht oben auf einem Felsblock begegnet, in welchem Fall fte einander nicht haben kommen sehen; jeder von ihnen ist zufrieden vor sich hingewatfchelt, auf den Stein gehüpft — und findet sich nun dem andern Dort ereigneten sich die meisten Schiffbrüche. Heute noch liegt in jenem Teil der Insel ein Stück Metallverschalung von einem gestrandeten Fahrzeug; zwei Pinguine pflegen ihre Brut darin aufzuziehen. Zweimal war ich auf der Insel, und jedesmal kam ich in Sturmes» Begleitung an. Das erste Mal war 1921; damals wurde das mit Delmotor getriebene Fischerboot, in dem ich fuhr, dreimal zurückgeworfen, bis es uns endlich gelang, in die kleine Bucht einzufahren. Damals hielt ich mich nicht lange auf, nur gerade lange genug, um dem — jetzt erfüllten — Ehrgeiz Genüge zu tun, die Inselbewohner eingehend zu studieren. Und als ich ein Ruderboot zu Wasser lieh, das uns zu dem Verhältnis» mäßig geschützt hinter dem Rifs verankerten Fischerboot zurücktragen ollte, [prang der Sturm plötzlich von neuem aus, so daß wir infolge einer riesigen Woge kenterten und fast ertrunken wären. Beim Durchblättern meiner Auszeichnungen über jenen ersten Besuch ist es mir interessant zu sehen, daß ich damals vieles, was mir der Eigentümer des Fischerbootes über die Pinguine mitteilte, mit derselben Skepsis beurteilte wie etwa seine Erzählung von einer Seejungfer — , mit Kopf und Brust wie eine Frau, durchsichtigen Augen und einem Fischschwanz" — die angeblich aus den Wogen aufgestiegen war und ihm über den Bootsrand geblickt hatte. Inzwischen aber habe ich mich überzeugt, daß die Lebensweise der Pinguine entschieden viel eigentümlicher ist als alles, was er mir davon erzählt hatte; vielleicht werde ich eines Tages wieder hingehen, um die Naturgeschichte der Meerjung- Ausweichen zu zwingen. Nach einer Weile tarnen die Ersten einer viele Hunderte starken Kolonne an. Ein paar Meter von mir machten sie halt, schauten mich an, sahen, daß es unmöglich war, um mich herumzukommen, ohne die Fährte zu verlassen, — und blieben einfach stehen, um zu warten, bis ich ihnen Platz machen würdeI Merkwürdig ist dabei, daß die weiter hinten Anrückenden gar nicht danach zu fragen schienen, was eigentlich den Aufenthalt verursachte. Die vorderen Reihen hatten den erstaunlichen Anblick meiner sitzenden Person vor sich; die Hinteren aber bis zu mehreren hundert Metern rückwärts jedoch Trennten unmöglich wissen, was ihnen den Weg versperrte. Dennoch blieben sie stehen. Ich entsinne mich gut, daß man im Krieg, wenn so etwas bei einer Marschkolonne vorkam, ziemlich ungeduldig wurde. Diese Pinguine aber, denen die Ursache des Halls doch nicht bekannt sein konnte, legten durchaus keine Ungeduld an den Tag und machten nicht den geringsten Versuch, zur Seite zu treten, um das Hindernis zu umgehen oder auch nur herauszufinden, welcher Art es überhaupt war. Ich glaube, wenn ich Geduld genug gehabt hätte, faßen die Pinguine und ich einander -itbd) heute gegenüber. Doch nach einer halben Stunde hatte ich genug davon, ich stand auf, zog mich zehn Schritt zurück und fetzte mich von neuem hin. Unverzüglich rückten die Pinguine diese zehn Schritt nach — und blieben dann wieder stehen, um zu warten, bis ich ihnen neuerdings Platz machen würde. Diese vorbildliche Geduld und Noch lobenswertere Entschlossenheit, sich nicht von dem einmal gewählten Wege abbringen zu lassen, gewannen meine wärmste Billigung. Ich ziehe den Hut vor jedem, sei er Mensch oder Pinguin, der sich durch Hindernisse nicht abschrecken läßt, das zu erlangen, wonach er strebt, und auf dem einmal für richtig befundenen Wege auf fein Ziel loszugehen. Also tat ich das einzige, was ein Sportsmann in solchem Falle tun konnte: ich gab mich besiegt. Vierzehntes Kapitel. Stürme. — Meerpferdchen und Meerjungfrauen. — Krebse. — Walfische. Nächtliches Erdbeben. — Ein gefährlicher Augenblick. — Die Wellenreiter. Die Insel der Pinguine liegt in einem Meeresgebiet, das feit Generationen den Seeleuten durch seinen gefährlichen Seegang, seine heftigen Stürme und zu gewissen Jahreszeiten durch seine Zyklone und Antizyklone bekannt ist. Vorherrschend ist mehr oder weniger ein Südwestwind, der von diesen Breiten bis zu den .cheulenden Vierzigern"* allmählich von Süden stärker nach Westen abdreht, aus welchem Grunde in den Tagen der Segelschifsahrt der Kurs nach Australien mit Hilse dieser Westwinde um das Kap der Guten Hoffnung führte, während auf der Rückreise Kap Horn umschifft wurde. Diesen ständigen Südwestwinden ist es zuzuschreiben, daß auf der Westseite der Insel die Seen schwerer sind und die Küste felsiger ist. * Gemeint sind die Gewässer südlich des 40. Breitengrades (Anmerkung des Ueberfetzers). gegenüber. .,, . , Wenn ich sage: „sie tragen den Fall aus", meine ich damit nicht, daß sie sich laut herumzanken. Zwar rufen die Pinguine einander gelegentlich etwas zu. Wenn das Pinguinweibchen allein auf dem Nest fitzt, schreit es oft um das Männchen heimzurusen, und dieses erkennt die Stimme seiner Gefährtin augenblicklich — mag es auch zwanzig Meter entfernt und durch eine Bodenerhebung von ihr getrennt sein oder mögen andere Vögel gleichzeitig schreien — und kehrt zum Nest zurück. Das habe ich Dutzende von Malen miterlebt. Im allgemeinen aber verständigen sich die Pinguine lautlos miteinander, indem sie dabei den Kops erst auf eine, dann auf die andere Seite legen, wobei sie in ihrem ganzen Gehaben große Aehnlichkell mll ein paar aufgeregten Franzosen zeigen. Wenn sich zwei Pinguine also in dieser Art auf einem Felsblock begegnen, machen sie zunächst ihren Gefühlen durch lautloses Kinngewackel Lust, und schließlich schubst einer den andern kräftig hinunter, um feinen Marsch ungehindert fortzusetzen. . Ich hatte leider nicht das Glück zwei ansehnliche Parteien auf einem Pfad zusammenftoßen zu sehen; in diesem Fall wäre zweifellos em heftiger Kamps entbrannt und schließlich die eine Partei gezwungen worden, kehrt zu machen. Zweimal aber stellte ich selber ein Experiment an, um zu sehen was sich bei gesperrtem Pfad begeben würde. Das erstemal spannte ich in geringer Höhe vom Boden, etwa in „Fußknöchelhöhe" für die Pinguine, einen Strick quer über den Pfad. Die Pinguine waren offensichtlich verdutzt und ziemlich ratlos. Zuerst versuchten sie darüber zu steigen, bei der außerordentlichen Kürze ihrer Beine war das aber schwierig. So erfaßte einer den Strick mit dem Schnabel und brachte ihn schließlich in der Mitte etwas in die Höhe, so daß viele darunter durchgehen konnten. Schließlich griffen sie zu viert den Strick an und rissen so lange daran hin und her, bis die Hvlzpflöckchen nachgaben, das Hindernis einstürzte und der Weg wieder frei war. Das nöchstemal stellte ich etwas mitten im Weg auf, von dem ich sicher war, daß die Pinguine es nicht fortschasfen konnten — nämlich mich selbst. Ich wählte einen ziemlich schmalen Psad und setzte mich mit ausgestreckten Beinen auf den Boden, so daß die gebahnte Fährte vollständig blockiert war. Rechts und links daneben war freier Raum. Diesmal war ich sicher, die Pinguine geschlagen zu haben und sie zum frauen zu erforschen! Meerjungfrauen sind, soviel ich mich erinnere, stets untrennbar mit Inseln, Felsen und Wracks verknüpft — und ebenso mit Kämmen und Spiegeln. Die Insel der Pinguine wäre darum ein idealer Aufenthalts- ort für sie. Ich kann genau sagen, in welchem Becken sie leben wurden; das Wasser ist dort seicht und spiegelt die Umgebung prachtvoll wieder; hohe glattgewaschene Felswände umsäumen es auf drei Seiten, die vierte Seite aber steigt ganz sanft an, und dort würden dann die Seejungfern sitzen, den Schwanz im Wasser, und sich bas Haar kämmen und in das Becken hinabblicken, das ihr Antlitz wie ein Spiegel zurückwürfe... Doch bevor ich etwas mehr Gewißheit über ihr Vorhandensein habe, darf ich nicht über die Meerjungfrauen schreiben. Und das ist auch gar nicht notig, denn die Insel beherbergt allerorten Geschöpfe genug, die es an Eigenart und Romantik durchaus mit ihnen aufnehmen können. Da sind zum Beispiel die Seepferdchen — diese unglaubhaften Schup- pentiere, die wir erstaunt im Aquarium zu betrachten pflegen und die uns immer so unwirklich Vorkommen. Um wieviel merkwürdiger noch erscheinen sie, wenn man sie wie ich im offnen Meer nahe der Pinguininsel sieht! ... , , Dann ist da der Polyp, der sich in Felstümpeln aufhalt und manchmal nur ein paar Zoll weit zu greifen vermag, oft aber auch erheblich größer wird. Ich muß bekennen, daß er ein Geschöpf ist, das ich nicht liebe. In der Art, wie er seine Greiser ausstreckt, um alles, was in feinen Bereich kommt, zu umklammern, liegt etwas Unheimliches. Und grausig wie ein Albdruck ist die Borstellung, daß in der Nähe von Durban einmal ein — glücklicherweise toter — Polyp gesunden wurde, der zwöls Meter lange und mannsdicke Fangarme hatte. Schon ein kleiner Polyp reißt einen sich sträubenden Pinguin hinunter — welche Stärke muß dieser Riese gehabt haben, als er noch den Meeresgrund beherrschte! Auch Krebse gibt es an den Rändern der Pinguininsel, und zwar nicht die kleine Art, wie sie immer in den bretonischen Gasthöfen serviert zu werden pflegt, sondern Geschöpfe nahezu von der Größe der Pinguine, die wie riefenhafte und bösartige Hummern aussehen. Dann sind da Delphine und Tümmler. Und Walfische. Von Fischern in jenen Gewässern wurde mir erzählt, die Walfische schlängen die Pinguine „immer gleich ein ganzes Maulvoll auf einmal" hinunter und schätzten diese nahrhafte Speise sehr. Darum suchten sie die Insel auf. Es mag sich so verhalten, wenn ich auch geneigt bin, e5 zu bezweifeln, da ja bekanntlich die Schlingfähigkeit des Wals nicht übermäßig groß ist. Fest steht jedenfalls das eine: daß es ungeheuer viele Walfische in diesem Meeresgebiet gibt. Ich habe sie in fünfhundert Meter Entfernung von der Jnselküste „blasen" sehen. Und an der sturmgepeitschten West- lüfte liegen die mehr oder weniger vollständigen Skelette von vier solchen Ungetümen. Ein riesiger Flossenknochen ragt einem Denkmal gleich dort auf, und daneben liegen mehrere Schädel, die die stets erfindungsreichen Pinguine sich als Unterschlupf zunutze gemacht haben. Natürlich werden die Wale bei Sturm an Land gespült, und ich bedauerte sehr, daß während meines Inselaufenthaltes nichts so Großes und Aufregendes ankam. An Aufregung anderer Art fehlte es uns hingegen nicht. Eines Nachts saß ich vor meinem Zelt, weil mich der Mißklang des Pinguingeschreis wieder einmal nicht schlafen lieh. Ich weih noch, wie seltsam ich es sand, daß die Tiere sich von ihrem eigenen scheußlichen Lärm nicht stören ließen, obwohl ich mit Hilfe meines Grammophons herausgefunden hatte, daß wirtliche Musik sie sichtlich über die bloße Neugier hinaus feffelte. Plötzlich verspürte ich, wie ich fo dasaß und eine finstere Wolke be- trachtete, ein deutliches Beben der Erde — und im Augenblick war das ganze Pinguingeschrei verstummt. Fast zehn Minuten lang ertönte fein Laut. Man konnte sich vorstellen, daß all die Tausende von Pinguinen sich gleich afrikanischen Eingeborenen angesichts einer solchen Naturerscheinung schreckexsüllt zur Erde geworfen hatten. Endlich rief einer fein Weibchen und allmählich setzte das Konzert von neuem ein. Ein aufregender Zwischenfall, der mich selber in Mitleidenschaft zog, trug sich einmal zu, als ich mich auf der Jagd nach Photos bei sehr stürmischem Wetter auf ein Felsriff hinauswagte, das nur wenige Fuß aus dem Wasser ragte. Es lag in jenem Teil der Insel, den ich mit der Küste oon Cornwall verglichen habe: zu beiden Seiten des Riffs kochte buchstäblich der Brandungsgischt. In diesem Wasser konnte es unmöglich ein Lebewesen aushalten. Ich selbst bin ein recht kräftiger Schwimmer, dort aber wäre ich augenblirfs gegen den Felsen geschleudert worden, hätte das Bewußtsein verloren und wäre ertrunken. (Forts, folgt.) Mein Jahr. Bon Conrad Ferdinand Meyer. Nicht vom letzten Schlittengleise Bis zum neuen Flockentraum Zähl ich auf der Lebensreise Den erfüllten Jahrestraum. Nicht vom ersten frischen Singen, Das im Wald geboren ist, x Bis die Zweige wieder klingen, Dauert mir die Jahresfrist. Von der Kelter bis zur Kelter Dreht sich mir des Jahres Schwung, Nein, in Flammen werd ich älter Und in Flammen wieder jung. Von dem ersten Blitze Heuer, Der aus dunkler Wolke sprang, Bis zu neuem Himmelsfeuer ' Rechn ich meinen Jahresgang. Besuch in der kaiserlichen Fechtakademie zu Kioto. Von Max Dauthendey. An einem Nachmittage fuhr ich mit einem Rikschawagen zur kaiserlichen Dfchiudschitsu-Schule hinaus, wo das Kämpsen in einem eigens dafür bestimmten japanischen Haus gelehrt wird. Ich erwartete ein paar Kämpfer in einem kleinen Saal zu sehen und wurde erstaunt, als mich der Rikschamann durch ein rotes Shintotor in einen weiten Park suhr. Der Mann kam mir schwerhörig vor, und ich befahl ihm von neuem: zur Fechtakademie zu fahren. Mein Rikschamann nickte und deutete auf ein großes rotes Haus unter grünen Bäumen gelegen, mit einem geschwungenen Dachfirst, der fast in den Himmel ragte. Bald darauf überraschte mich ein Gekläff, ein Geheul, wie von einem raufenden Tierhaufen und ein grelles Gewinsel wie von schnaufenden Bestien. Viele Schreie folgten, als stürzten plötzlich Tierhorden unter Blutspeien und das Maul voll Schaum aus dem Garten hervor, als bissen sich Jaguare und Tiger einander ins Genick, als krähten Hähne, als flögen plappernde Papageien auf, als jagten hufklappernde Pferde mit fliegenden Mähnen vorbei. Ich springe von dem fahrenden Rikjchawagen herunter und fasse den Rikschamann mit energischer Gebärde am Leinwandkragen und sage: „Nein, ich will nicht den Zoologischen Garten besuchen. Ich will zur kaiserlichen Akademie, wo man das Fechten lehrt." Der Rikschamann hört es, läßt sich aber nicht stören. Er will, scheint es mir, nicht aus dem Garten herausfahren, weist mit dem Kopf auf das Haus hinter den Bäumen und sagt: „Das ist der Fechtboden dort, wovon man von weitem die Fechter schon hört." Das Geheul tobte rings um mich. Ich traute mich fast nicht näher heran, denn mein Rikschamann hatte sich sicher geirrt. Wahrscheinlich werde ich eine Tierzähmung zu sehen bekommen, wo Löwen brüllend, durch Pechreisen setzen. Ich konnte meinen Rikschakuli nicht begreifen und mußte nun glauben, daß er im Saka-Rausch mich an einem falschen Tor absetzen wollte. Dann sah ich schon Türflügel offen stehen und drinneir in einem großen gelben Holzsaal, der das ganze Riesenhaus einnahm, tobten auf der ebenen Erde ringende Menschen und stießen die ohrenbetäubenden Riesenlaute aus. Spiegelblank wie in einem Tanzsaal war der Fußboden dieses hohen Raumes, der einem hellen polierten Schrank aus Zedernholz glich. Man sah keinen Stein und kein Eisen, man sah nur zartes gelbes Naturholz bis unters Dach. Kämpfer in altmodischer Rüstung, jeder mit einem großen Holzspeer bewaffnet, mit Drahtmaske und Schwert, und mit Dolch im Gürtel, springen sie einer auf den andern zu. Immer paarweise fegen die Speerstangen gegeneinander. Das ganze Haus ist in allen Fugen in Lärm eingehüllt: Schreie wie von heiseren Hähnen, Gebrüll wie von Tigern und dazwischen das Knirschen und Zischen zusammengebissener Zähne. Die Speere krachen aufeinander und das ununterbrochene Rufen der Kämpfer setzt sich fort, als könnte nichts mehr auf der Welt das Haus von den wütenden Kehlen befreien. Drei Türen, jede wie ein Kirchenportal lang und hoch, führen hinaus ins Freie. Rings um den Saal, einen Fuß höher als der Fußboden, laufen Dielen, von wo aus die Kampflehrer den Kampf mit Genuß anfeuern, roo ich mich niedersetze und immer wieder von neuem staunen muß. Denn die Menschen, die vor mir wie wilde Tiere sich gebärden, die sich wie Kampshähne gesträubt anschauen, sind, wenn sie die lackierte schwarze Fechtmaske heben, junge adelige Mädchen, junge Samuraifrauen. Es war mir unmöglich zu glauben, daß dieses Wutschnauben, dieses Hähnekrähen, diese Bestienschreie den Kehlen japanischer Damen entschlüpfen könnten, daß diese Muskeln, die sich vor mir im Speerkampf stählen, Frauenglieder seien. In Staunen versunken betrachte ich die Kämpfer, die immer kampf- trunkener die Speere gegeneinander schlagen. Die eben kaum zu zähmen gewesen waren, nehmen jetzt ihre Masken von den erhitzten Gesichtern, wischen sich den Schweiß ab und reihen sich friedlich unter die Zuschauer ein. Diese kleinen Krieger sind japanische Frauen, mit Arm- und Beinschienen bewaffnet. Ich wollte, meinen Augen gar nicht trauen. Das Kämpfen geschieht nach alten Kampsregeln. Wenn zwei gewappnete Kämpfer auseinander zugehen, legen sie den Speer vor sich nieder, knien voreinander und berühren mehrere Male mit der Stirn den Boden zum Gruß. Dann springen sie auf und nun schlägt Speer auf Speer. Jeder Schlag wird von einem gewaltigen Geschrei begleitet, von einem Geheul, wodurch sich der Kämpfer gefürchtet machen machen will. Darauf folgt der Anprall, der mit einem Hochsprung wie bei Kampfhähnen geschieht, dann prasselt Speer gegen Speer, und die Armschienen krachen, so daß es klingt, als ob die Kämpfer vor Eifer Blut speien. Noch hat man das Speergehämmer in den Ohren, da hört der Kamps plötzlich auf. Beide Frauen stehen regungslos und halten die Speere voreinander hin. Die eine duckt sich dann, und schnell schießt ein blankes Dolchmesser wie ein Blitz durch die Luft. Die andere, die bedroht wird, scheint wehrlos in die Knie gesunken, ih, Ende zu erwarten. Dies ist dann der Schluß voni Uebungsspiel. Beide knien nun aus ihre Hände nieder, berühren wieder einige Male mit der Stirn den Boden zum Abschiedsgruß, lüften ihr« Masken und setzen sich unter die Zuschauer ober verlassen mit lässigem Gang die Kampfdiele. Vor mir hatten sich zwanzig Frauenpaare zugleich gegenüber gestanden, deren Kampfeifer so stark gewesen war, daß ich aus ihretl Schreien alle Tierlaute der Erde zu erkennen meinte. Dieser Frauenspeerkamps nimmt aber nur die Hälfte des großen Raumes ein. Die andere Hälfte des spiegelglatten Fußbodens ist mit dicken Binsenmatten bedeckt. Dort wird von fast fünfzig Männern zugleich der Kampf des Dschiudschitsu geübt. In losen weißen Hemdjacken und losen weißen Kniehosen kämpften die Paare und überklugen sich rote Akrobaten lautlos auf den Binsenmatten. Nur ein leises Geächze uni) Gestöhne konnte ich vernehmen und den dumpfen Fall' der stürzenden Leiber. Der Lehrer sah dabei, tadelte und lobte, während nebenan auf derselben Diele die Speerweiber schrien und heulten. Die fünfzig Männer, die dort alle zugleich, zwei und zwei, miteinander rangen, waren von allen Altern, Männer, Burschen und Knaben. Es war mit schwer aus den Haufen weißer Gestatten eine einzelne Kampfweise festzustellen. Ich sah nur ein lautloses Gewühl von Gliedmaßen, die sich wie Stricke zu ver- Zwickeln schienen und nie wieder auseinander gehen wollten. Mein Blick fiel dann auf den Thron des Mikado, das ist ein poliertet! Holzboden, nur zwei Fuß hock), ohne jeglichen Schmuck. Alle die in den Saal zu einem Uebungskampf kommen, verneigen sich zuerst vor der Thronerhöhung, als ob sie beteten. Ein hundertfaches Schweigen empfing mich draußen, als Ich nachdenklich wieder in den Park hinaustrat. Ich sah über der Rasenmatte ein Japan aufsteigen, von dem ich bis dahin keine Ahnung gehabt hatte. Sugenherinnerurgen eines alten Keilers. Von C. W e i g e l - R ö ß l e r. Auch er hatte feine „gute Kinderstube", der alte griesgrämige Grobian, der kapitale Basse, der den pilzsuchenden Weibern und Kindern und den ahnungslos dahingehenden Slusflüglern als schreckhafter Waldteufel, den Sonntagsjägern aber als flüchtige Traumgestatt jagdlicher Hoffnungen zufällig einmal erschien. Keiner noch indes hat ihn bisher auf die Schwarte legen können. Es war das Glück feines vierschrötigen, wilden Aussehens, haß denen bei seinem Anblicke das Staunen meist näher lag als das Schießen, wenn sich der ungeheuerlich schwarze Klumpen mit zornigem Grunzen, Pottern und Brechen vor ihren Büchsen noch immer rechtzeitig in Sicherheit brachte. Da, wo das undurchdringliche, große Fichtendickicht auf unwegsamen, schwankenden Moorboden zum Seeufer auslief, hatte er in der Obhut 'der wachsamen Mutter mit der unruhigen Sippschaft feiner Brüder und Schwestern die ersten Wochen frühester Kindheit verbracht. Allein — „was ein Häkchen werden will, krümmt sich beizeiten"! DaS galt auch für ihn schon am massigen, milchstrotzenden Gesäuge der duldsamen Mutter. Wie immer sie es anstellte, sich den hungrigen Mäulern ihrer Kleinen zu überlassen — immer zapfte er da, wo die Milch am reichlichsten quoll. Kein Wunder, wenn er unter all den acht Geschwistern zusehends bald der stattttchste war. Zugleich aber auch der zappligste und frechste von ihnen — das Sorgenkind der alten Bache. Wußte sie auch noch so geschickt jegliche Gefahr ihrem krabbelnden Nachwuchse fernzu- halten, so konnte sie es doch nicht immer verhindern, daß ihr der früh erwachte Tatendrang des Kleinen mancherlei zu schaffen machte. Früher als die anderen ratfelte er sich aus dem Lager davon, und Schmalzbacke fiel in ein seichtes 'Wasserloch, aus dem ihn die scheltende Alte quiekend und zappelnd herciushotte. Ein andermal, — es war an einem sonnenhellen frühen Sommermorgen — war die Mutter mit ihnen höher hinaufgezogen zum lichteren Hochwalde,, um ihnen weitere Anleitungen in der Handhabung ihres Gebreches (Rüssel) beim Suchen nach Erdmast, Gewürm und Bucheln zu geben. Lustig ahmten sie der Mutter nach, Laub und Humus zu heben. , Wieder war es Schmalzbacke, der sich in seinem jugenblidjen lieber- mut weiter von der trippelnden Gefellschast bis an einen Ort entfernt hatte, wo sich der hochstämmige Wald in allerlei Buschwerk und Boden- kraut verplemperte: fein ängstliches Geschrei brachte die alte Bache außer Rand und Band. Wie der leibhaftige Gottseibeiuns war sie in grenzen- loser Aufregung und Wut mit hochgesträubten Rückenborsten und zornfunkelnden Lichtern herangefaust, um ihn zu schützen. Noch ehe der rote Waldschrat seine blitzenden Haken (Reißzähne) tiefer in seine zarte, hell- gestreifte Schwarte hauen konnte, hieb ihn die unheimlich hlafende Bache in die Luft daß der Fuchsrüde weitab im Gebüsch landete und hinkend flüchtig wurde. Unglaublich schnell war das Verhängnis über den Frisch- ling hereingebrochen. Wie hätte er auch, der noch so Lebensunerfahrene, darauf achten sollen, daß sich zwischen Schachtelhalmen und Strauchwerk ein schlankes rotes Etwas ruckweise auf ihn zufchlich. Und zumal bei so köstlichen, ihm bisher noch völlig unbekannten leckeren Delikatessen, die er im Erdneste eines brütenden Vogels sand. Welch ein Genuß nach all den Tagen einförmigen Fraßes an quabbligen Maden, Larven und Käfern, die er aus Mutters freigelegten Erdfurchen schnappte. Da durfte auch sie ihm nicht grollen, wenn er im panischen Schrecken beim Ansprunge des roten Räubers plötzlich jämmerlich zu klagen und schreien begann. So wie damals hatte er die fürsorgliche Alte nie wieder gesehen! Zornig funkelten ihre Lichter, und geifernd knirschte und wetzte sie mit ihrem mächtigen Gebreche, daß er wie seine Geschwister sich beinahe fürchteten. Dann aber mahnte sie alle mit unwirschem Rülpsen augenblicklich zum Ausbruch ins Lager. _ „ . Dieser teuflische Ueberfall und die paar Schrammen an seiner Drossel (Hals und Kehle) waren ihm, dem heute fast sagenhaften starken Keiler, die stischeste und bemerkenswerteste Erinnerung an seine I^nst so ungetrübte, frohe Kinderzeit. Der Haß gegen das schleichende, rote Gelichter im Walde aber war durch all die Jahre feines Werdegangs vom zarten Frischling zum sürwitzigen Ueberläufer, von diesem zum angehenden Münster, Bild einer deutschen Stadt. Von Dr. Hans Pflug. Unter den deutschen Städten ist kaum eine zweite, die da» eigentliche Wesen einer Stadt, lebendige und allseitige Mitte eines großen Gebiets zu sein, so schön und sinnfällig verkörpert, wie Münster, die alte Westfalenhauptstadt und das Herz einer Landschaft, die ihren Namen trägt: Münsterland. Etwas von der behäbig schweren, bewahrenden Kraft dieses Landes der bäuerlichen Einzelhöfe und umbuschten Wasserburgen des Adels ist auch der Stadt eigen, deren Türme wie ein Zinnenkranz über der weiten Ebene stehen, und in der alle Kräfte der Landschaft zufam- mengeströmt sind zu einem einzigartigen baulichen Gebilde, das in seltener Unversehrtheit bis auf unsere Tage erhalten blieö. Jahrhunderte haben daran gebaut, und jede Zeit hat ihr Bestes dazugegeben. So erwuchs ein Gemeinwesen, das durch die Geschlechterfolgen hin als eine edle Frucht menschlichen Seins, geworden und geformt zugleich, Natur und Kunst zu einem schönen Ganzen vereinigt. Wie bei vielen mittelalterlichen Gründungen ist das geistliche Wesen Such der Ursprung Münsters: Dom und Haus des Bischofs, Bibliothek und Kloftergarten, Schule und Spital, die aus den großen Ueberliefe- rungen des Abendlandes im Umlauf eine vielseitige kulturelle Tätigkeit entfalteten. Mimigardevord hieß der Ort in der germanischen Vorzeit, bis christliche Mönche das „Monasterium" gründeten, das der Stadt den Namen gab und den steinernen Kern in dem herrlichen romanifch^gotischen Dom, »dessen helles Grau durch die hohen Linden des Domplatzes schimmert. Aus dem geistlichen Bereich erwuchsen hier auch die schwersten Nöte, das Wiedertäuserwesen, an das noch die eisernen Käfige gemahnen, in denen die gerichteten Aufrührer zur Abschreckung am Thurm von Lamberti aufgehängt wurden. Und geistlichen Ursprungs war der erhabenste Augenblick in der Geschichte Münsters, der Friedensschluß von 1648, der dem dreißigjährigen Völkerringen um die Glaubensfragen ein Ende setzte. Noch ist in dem Rathaus der Friedenssaal zu sehen mit den Erinnerungen an die große Stunde Europas. Die Friedensboten aber gingen von einem Hause der Bürger aus. Diese hatten sich im Mittelalter neben Adel und Bischof kräftig entfaltet und in dem gotischen Rathaus mit seinem mächtigen Staffelgiebel und dem zierreichen Renaissancekleinod des Stadtweinhauses Sinnbilder ihrer Macht und zugleich Zeugnisse ihrer Kultur geschaffen. Den stolzen Bllrgergeist Münsters', das einst Hansestadt gewesen war, verkünden auch die stattlichen Patrizierhäuser am Prinzipalmarkt, der prächtigen Hauptstraße; hoch und schmal steigen hier die Giebel über den hellen Fensterreihen auf, unter denen die dunklen Laubengänge sich hinziehen. An Markt- und Festtagen kommen wie seit alters die Bauern aus dem Münsterland, wo die roten Höfe aus dem Gebüsch leuchten, umgeben vom braunen Acker und sattgrüner Weide, über die das gescheckte Vieh geht, das den Wohlstand des Landes begründet hat. Die vom Wind gewürzte Luft gibt allen Farben eine tiefe Leuchtkraft; diese strahlende Buntheit teilt sich an schönen Tagen auch der Stadt mit, wenn ihre Straßen da, fröhliche Gewoge der Menschen erfüllt. Die feinsten und edelsten Kräfte des Landes strömten in seiner natürlichen Mitte zusammen. Sie ist nicht nur der Sitz des weltlichen und geistlichen Regiments, ihre Mauern hegen auch die hohe Schule des Landes und manche Stiftung, die dem Wohl der Bürger und Landleute dient. Von besonderer Pracht sind die zahlreichen Kirchen, voran der Dom nfit seinem gewaltigen Gewölbe, daneben die hohe Halle von Lamberti, dann Ueberwasser und Ludgeri und die kleineren alle bis hin zu der reizvollen Rotunde der Klemenskirche. Künstlerisch sind die weltlichen Bauten nicht von geringerem Rang. Der münsterländische Adel errichtete sich in der Hauptstadt seine großartigen und doch würdig schlichten Paläste, die winters ein reges geselliges und geistiges Leben erfüllte. War doch Münster unter Fürstenberg und der Fürstin G a l l t131 a zeitweise ein zweites Weimar und das Ziel vieler Reisenden von Welt. Was kann sich aber auch dieser adligen Kultur vergleichen, wie sie sich am vornehmsten und eindrucksvollsten im Erbdrostenhof kundgibt, der in enger Straße hinter dem schmiedeeisernen Gitter die architektonische Pracht entfaltet, die ihm Meister S ch l a u n verliehen hat. Mancher andere Adelshof stammt ebenfalls von feiner seinbildenden Hand, wie auch das mächtige Barockschloß, hinter dem sich der idyllische Schloß- garten dehnt mit alten Baumgruppen und lebhaft bunten Beeten zwischen verschlungenen Wegen. Nicht wenige schon haben gefunden, daß es sich ■ in dieser Stadt wohl leben läßt. Fast alles dies ist in dem nicht sehr großen Ring vereinigt, den der einstige Festungswall, heute die lindenbestandene Promenade, um die ältere Stadt zieht. In der Nähe des Aasees, wo ein Stück neues Münster entstanden ist, gibt es einen schönen Blick über Graben und Mauer auf die patinagrünen Dächer des Doms, den dunklen Turmstumpf von Ueberwasser und die feingliebrige Pyramide von Lamberti. Nicht weit davon ist der Zoologische Garten, dessen Schöpfer, der Professor Lands i s, sich selbst ein Denkmal setzen ließ. Er war einer jener Käuze, die mit ihren oft seltsamen tiefgründigen Einfällen das Salz der Erde und das Ergötzen ihrer Mit- und Nachwelt find. Das Münsterland ist reich an solchen Naturen, doch wer kommt darin der barocken Fülle des Barons von Romberg glich, jenes letzten Junkers, der mit seinem Uebermut den ererbten Reichtum unter die Leute brachte und mit seinen Streichen die Stadt in Atem hielt. Bedürfte es noch anderer Beweise, um darzutun, daß diese Stadt sich auch auf das Leben versteht? Wo man für Zeit und Ewigkeit baute, war man dem Dasein in allen seinen Bereichen aufgeschlossen, war kräftig und zupackend in seinen Genüssen. Die guten alten Gasthäuser der Stadt, die kleinen gemütlichen Kaffees, die nicht den Ehrgeiz haben, modern zu sein, sondern noch die Atmosphäre früherer Zeiten hegen, sie haben manches zu bieten, wovon man schon in Büchern gelesen, von dem sich der Besucher aber mit seiner Zunge überzeugen muh, die zarten westfälischen Schinken, schwärzlichen Pumpernickel, die weichen Stuten (ein Weizengebäck), der guten Getränke nicht zu vergessen, unter denen der klare Korn obenan steht. Kraftvoll und offen sind die Züge der Stadt und des Landes, breit und wohlhiibig die Gesichter; und das Weftsalentum, das den Deutschen manchen bedeutenden Kopf schenkte, ist klug und schlagfertig. Eine reiche Vergangenheit spiegelt sich im Bilde der Stadt und wird lebendig auf den Plätzen und in den Straßen, durch die wir schweifen, Fürstenbergs Denkmal auf dem Domplatz betrachtend, oder das Sentschwert am Rathaus, das alte Zeichen des Marktes; in den. lauschigen Gäßchen mit den sonderbaren Namen wie Krummer Timpen, Katthagen, Bispinghaf, beim alten Buddenturm oder dem launigen Denkmal des Kiepenkerl. In einem jener stillen Winkel steht noch das Häus, das die größte deutsche Dichterin, Annette von Droste-Hülshoff, bewohnte, die wie eine zarte Blume auf diesem kräftigen Boden gewachsen ist. Der Zauber Münsters liegt in der eigentümlichen Geschlossenheit seines Wesens, die sich in den Bauten nicht weniger kundgibt als in dem Volkstum und der Lage der Stadt in der Landschaft. Sie ist wie ein kostbares Geschmeide, aus dem Erbe der Jahrhunderte geschmiedet, von vornehm-stiller Art, verhalten in ihrem Wesen und doch durchpulst von einem starken Lebensstrom. Wer Deutschland da kennenlernen will, wo das Land noch im Atem des Meeres liegt, und die Berge der Mitte fern sind, mag nach jener Stadt fahren, die ihrer urwüchsigen bäuerlichen Landschaft vorsteht und dabei dem höheren Dasein nicht abhold war, die sich allseitig ausbildete als ein Gemeinwesen, das jedem, . der seine Schritt nicht zu flüchtig in seine Mauern setzt, von seinen geheimen Kräften mitteilt, die aus ewigen Quellen fließen. Schweine, vom angehenden zum hauenden Keiler und groben kampf- gewohnten, urigen Bossen lebendig in ihm geblieben, Doch auch für ihn war der Weg zum kapitalen Hauptschwein viel- / geftaltig an Widerwärtigkeit, Gefechten und Leid. Welcher ganze Kerl von einem Jäger hätte sich nicht auch mit jenem Ungetüm von einem hauenden Schweine befaßt, von dem bekannt war, was er an schneidigen und braven Hunden im Lause der Jahre schon ins bessere Jenseits beförderte! Oder, wem hätte es im Umkreise der Reviere unbekannt bleiben können, wie oft erfolglos auf ihn schon Dampf gemacht Korden war. — Konnte es da ausbleiben, daß man ihm ehrgeiziger als sonst einem feiner Sippe nachstellte mit Hatz und Trieb, Sitz und Pursch? So wurde der alte Basse ganz von selbst zum Objekt heißen Wettbewerbs unter den Männern der Grünen Gilde. Tod und Gefahr warteten seiner hundertfältig auf Weg und Steg, in Busch und Feld. Wars auch oft knapp für ihn zugegangen, so war er verhältnismäßig gut dabei weggekommen — wenn auch nicht immer mit heiler Schwarte. Das eine Mal erwischte es ihn nach einer „Neuen" im Winter vor vier Jahren, als der mutige Kämpe im Trieb-von einem halben Dutzend schneidiger Hunde gestellt, kein Vor- und Rückwärts mehr hatte und von feinen schnittigen spannenlangen Gewehren notgedrungen Gebrauch machen mußte. Nun, das tat er kampfgeübt und gründlich. Erst als die zuckenden Leiber der hitzigsten Backer den zerstampften Kampfplatz rot um ihn färbten und eine knappe Gefechispause für ihn gekommen war, brachten ihm feine stämmigen, schnellen Läuse die Rettung durch den Rückwechsel. Da aber durchschlug ihm in voller Fahrt beim Durchbruch durch die Treiberkette die erste Kugel den hinteren Lauf. Und auch den einen Teller (Ohr) hatten ihm die Hunde zerfetzt wie ein Ahornblatt. Wochenlang suchte er im kühlen Schnee und Eiswasser Linderung des beißenden Schmerzes, vergaß bei aller Qual die nahenden Freuden des Hochzeitsfestes und verließ verbittert und enttäuscht seinen heimatlichen Bergwald. Lahmend wanderte er nach eingetretener Vernarbung weit ab und zog talwärts — Groll und^unver- söhnlichen Haß gegen alle Menschlichkeit im Herzen. Doch auch hier blieb er nicht lange unbemerkt. Denn wo der Basse seine Wechsel zog und brach, da sah es trostlos aus, und weder der rücksichtsvolle und wildliebende Forstmann, noch der an Wildschaden gewöhnte Bauer konnten für die Güte seiner gründlichen Kulturarbeiten Verständnis aufbringen. Für halbe Arbeit war der Seiler nicht! Und da gefchahs zur Sommerzeit, als die Milch in den Hafer schoß und der Keiler allnächtlich schmatzend und klatschend seiner Vorliebe für diesen billigen und vegetarischen Stoss reichlich Genüge tat. Das Vollmondlicht mochte in jener Nacht seiner Völlerei ein plötzliches Ende. Langsam wechselte er dem nahe Walde zu, wo es bei seinem gesetzten Alter vorsichtig und ratsam schien, sich im Schlagschatten der Bäume unterzustellen. Da plötzlich erstarrte er: Witterung — Gefahr! Mit „Ruff" und „Wuff" wirft er sich herum und vertraut sich wie oft in seinem bedrohten Leden der Stärke und Schnelligkeit seiner Läuse an. Die beiden Bauern im „Halbstock" der Randbuche waren aus dem Posten. Doch die waren nur Schießer mit rostigen Schrotspritzen — keine Jäger, denen es jederzeit eisernes Gebot ist, ein hauendes Vierzentnerschwein mit Schildern, so dick wie eine Hand, nicht mit Schrot anzubleien wie einen Hasen. Um den Bassen prasselte und hagelte es und mehrfach zwickte ihm auch seine wetterfeste Schwarte, doch seinem Leben taten diese lächerlichen Körner alle nichts. Schlimm wars freilich mit dem Stechen im rechten Lichte (Auge). Das lief aus — und der alte Haudegen blieb darauf fortan blind. Wie immer, wenn es einmal hart auf hart gegangen und er Linderung irgendwelcher Art bedurfte, trieb ihn fein Sehnen ins Bad, das Junten im Bruche zwifchen Erlen- und Weidenbeständen lag, und in dem sich alle Jahrgänge feiner Sippe das tägliche Rendezvous gaben. Hier hatte kühles Grundwaffer und balfamifcher Moorboden schon so manche Wunde heilen helfen. Der tot auch feiner arg mitgenommenen Schwarte gut und für das brennende Gesicht war die kalte Flut mehr als Labfal. Und gewiß würde ihm die Zeit und die ihm eigene kernige Gesundheit auch über den häßlichen Schabernack der Nacht wieder glücklich hinweg- helsen. So schob er sich ganz vorn, wo der Bruch für die Schwächeren unzu- Sänglidj war, tief in den Morast ein und verträumte bald behaglich das hmerzliche Erlebnis, bas ja doch nicht das letzte für ihn fein follie. Verantwortlich: Dr. Hans Thyrlot. — Druck und Verlag: Drühlfchs UniversitätSdruckerei 2L Lange, Dießen.