SietzenerZamilieiMtter Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger Jahrgang 1938 Montag, den 5. September Nummer 69 w Ein Tierleben in afrikanischer Wildnis. Von Cherry Kearton. Copyright by 3. Engelhorns Nachf., Stuttgart. 9. Fortsetzung. Drum los auf den Feind, der schon kampfbereit aufgerichtet dasteht! Im nächsten Augenblick schon sind die beiden in einem wilden Knäuel verstrickt: jeder sucht zuzupacken und ZU beißen, wo es geht. Mit wütender Leidenschaft tobt der Kampf unter Schnappen und Zuschlägen, Gebell und Gekreisch. Nach jedem Biß lassen sie sofort wieder los, um wieder an andrer Stelle zuzubeißen. Von der Felsnase aus, wo der Alte gehockt hat, geht es jetzt nach rückwärts quer über den Gipfel des Hügels, dann wieder herunter zur Zacke, und — bauz! über deren Rand hinaus nochmals abwärts bis auf einen tiefer gelegenen Felsvorsprung. Sie achten nicht der Stürze, achten nicht des Bluts, das aus ihren Wunden strömt. Aber so ansehnlich die Körperkraft des Angreifers auch ist, der Alte verfügt doch immer noch über die außergewöhnliche Stärke und Behendigkeit, die ihm einst vor Jahren die FUhrerstellung unter den Seinen eingetragen haben. Mag sein Blick sich auch getrübt haben, mag ihn das Klettern schwerer ankommen, mag er gelegentlich nicht so tatkräftig austreten, wie die Sachlage es erheischt — einmal in Wut versetzt, ist er noch einer beispiellosen Wildheit fähig. Und allmählich gewinnt er dank seiner Stärke und seinem größeren Gewicht die Oberhand. Er drängt den Gegner zu einem Felsrand, hält ihn dort einen kurzen Augenblick fest und versucht, ihm einen mörderischen Biß in den Hals beizubringen. Der Pavian wehrt sich verzweifelt, aber er kann es nicht hindern, daß diese langen Zähne da ihm immer näher aus den Pelz rücken, daß sie ihn jetzt gleich an seiner verletzbarsten Stelle packen werden! Da — mit einer plötzlichen Drehung kneift er seitwärts aus und — — läuft davon. Das ist die Niederlage! Seine Herausforderung hat ein klägliches Ende gefunden: er hat den Kampf abgebrochen, um fein Leben zu retten! Die Aussicht, jemals der Anführer dieser Schar zu werden, ist auf ewig verwirkt, selbst dann, wenn der Alte sterben sollte. Als Schwächling, der im Kampf unterlegen ist, ist er von nun an der allgemeinen Perachtung preisgegeben! Ohne auch nur einen einzigen Blick mehr nach rückwärts zu tun, klettert er den Felsen weiter hinab. Die Paviane, an denen er vorbeikommt, machen ihm Platz, weichen ihm geradezu aus: kleine Paviankinder laufen weg vor ihm und klammern sich an ihrer Mutter Brust. Jetzt gesellt sich ein Weibchen zu ihm und folgt ihm: sie schleppt ein ganz Kleines mit sich und ein größeres läuft neben ihr her. So gehen sie in die Verbannung, sang- und klanglos, ausgeschieden aus der Gemeinschaft. Aber der Alte, bös zugerichtet zwar und immer noch blutend, nimmt mit Siegermiene seinen alten Platz auf der Felsnase Mieder ein, ohne daß ihm seine Vormachtstellung jetzt noch streitig gemacht worden wäre. Kein Pavian wagt jetzt mehr zu mucksen und auf dem Hügel wird es ruhig. Die Vertriebenen schlugen den Weg zum Fluß ein. Daselbst angekommen blieb das Männchen stehen und schickte erst spähende Blicke über das Wasser: dann trank es und wusch seine Wunden. Später entdeckten sie einen Felsen nahe beim Ufer und erkletterten ihn bis zur Spitze. Dieser Felsen wurde ihre neue Heimat. In der einzigen engen Höhle, die er aufwies, lebten sie von nun an, wenn sie nicht im Freien droben 3uf dem Gipfel hockten, von wo sie in den Fluß hinabschauten, oder in den Busch mit seinem Pfadgewirr, aus dem alle Tiere der Tränke zustrebten. Jeden Tag suchte der kleine vierköpfige Trupp sich seine Nahrung auf den zahlreichen Lichtungen, und begegneten sie dabei einmal ihrer alten Schar, kletterten sie geschwind in die Bäume oder -asten Hals über Kops davon. Des Nachts waren sie sehr wachsam: denn sie mußten damit rechnen, daß ihre Anwesenheit auf dem kleinen Felsen, der so viel leichter zu nehmen war als der große weiter draußen, den verschiedenen Feinden ^icht lange verborgen blieb. Sie spähten nach jenem berüchtigten gelb- chwarz gefleckten Fellstreifen aus, der das Nahen des Leoparden verriet. Beim leisesten Verdacht schrien sie los, und die Kleinen klammerten sich voller Angst krampfhaft an ihre Eltern. Obgleich die Paviane täglich auf Futtersuche auszogen, hockten sie doch oft und lange aus ihrem Ausguck, von wo aus sie Die dunklen Gestalten der Krokodile im Fluß sehen konnten, lange bevor die Tiere am Ufer auf eilig über den Wasserspiegel huschende Ringe aufmerksam wurden. Dann erhoben die Paviane jedesmal ihr Geschrei, und die Nachricht, daß Gefahr im Anzug sei, erreichte nicht nur ihre eigenen Jungen, sondern auch die andern Tiere bnyiten am Ufer. Immer und immer wieder ertönten die Warnungsschreie, wenn der Riese sich dem Ufer nahte, und Zebras, Gazetten und Wasserböcke schauten aus und stürmten davon. Unter diesem neuen Schutz konnten die Tiere jetzt in größerer Sicherheit trinken. Mit der Zeit gewöhnten sich die Herden daran, sich auf die Warnrufe der Paviane vom Felsen ebenso zu verlassen wie auf ihre eigenen Sinne. Der seichte Kanal auf der einen Seite der Sandbank konnte vom Felsgipfel aus gut übersehen werden, und sobald an der Oberfläche eine naßgraue Schnauze auftauchte, die unter Wasser in einen undeutlich wahrzunehmenden Rumpf mit Schwanz überging, brachen die Affen in ihr aufgeregtes Geschrei aus und die Tiere brachten sich schnell in Sicherheit. Keinem kam es in den Sinn, die Berechtigung der Warnungsrufe anzuzweifeln oder etwas zu verweilen, um zu sehen, ob nicht noch genügend Zeit zum Trinken fei; beim ersten Laut machte alles kehrt und rettete sich in den Schutz der Büsche, um frühestens nach einer halben Stunde sich wieder hervorzutrauen, aber auch das nur zögernd, mit gespitzten Ohren, damit ihnen nur ja ein neuer Warnruf nicht entgehe. Im Anfang kam es den Krokodilen noch gar nicht zum Bewußtsein, daß hier eine tiefgreifende Widrigkeit ihr angenehmes Dasein bedrohte. Wohl hörten sie das Geschrei, wenn sie in den Kanal hineinschwammen, und wußten auch, daß die Aussicht auf Beule damit für den Augenblick verflogen war. Aber dann begaben sie sich an die allerfchmalste Stelle des Kanals, wo sie so liegen konnten, daß sie sich mit den Vorder- fühen am Uferrand gerade unter Wasser festkrallen konnten, während der Schwanz ins Wasser hineinhing. Und so lagen sie wartend auf der Lauer. Dann sahen ihre kleinen Augen wohl plötzlich das erste Tier wieder zaghaft aus den Büschen heraustreten; aber kaum schickten sie sich an, aus dem Wasser herauszukommen, da ging das verwünschte Paviangeschrei wieder los! Dieses Spiel des Wartens und des Warngeschreis setzte sich viele Tage hindurch fort. Hatten die Paviane ihre Kleinen nahe bei sich und lag die Sandbank verlassen da, so verhielten sie sich meistens ruhig, auch wenn die Krokodile in der Nähe waren und obgleich sie selber nie aus dem Zustand erregbarer Wachsamkeit herauskamen. Wenn aber eines der Krokodile sich nur regte oder der Schatten eines Blattes im Windhauch den Eindruck hervorrief, daß sich das Wasser da unten bewege — gleich wurde wieder Lärm geschlagen. Wirklichen Frieden kannten die Paviane nur bann, wenn die Kro- kobile nicht im Kanal lagen unb wenn auch im Fluß braußen nichts von ihren lautlosen grauen Gestalten zu sehen war. Und erst bann konnten auch bie kleineren Tiere zur Tränke gehen. kvskobil und Nashorn, ein Duell zwischen Riesen. Nagender Hunger. — Der verführerische Braten. Tageslauf eines Nashorns. — Gang zur Tränke. Ungehörte Warnung. — Sie furchtbare Klammer. Duell der Riefen. — Langsam aber unwiderstehlich. Besiegeltes Schicksal. Die Elefanten ließen sich's immer noch wohl fein mit Baden, Duschen, Panschen und Trinken. Was kümmerte es sie, ob Krokodile in der Nähe waren! Mochten sich die Affen drüber aufregen, soviel sie wollten! Bald darauf erschien eine Püfselherde, bei deren Anblick der Riese sich doch lieber in die Mitte des Flußbeckens zurückzog, denn so viel Büffel auf einmal schüchterten ihn doch ein bißchen ein; vergeblich hoffte er, es möchte später ein einzelnes Tier abgesondert von den übrigen noch am Ufer zurückbleiben. Jetzt kam auch das alte Nashorn, das als Nachbar des Leoparden weit dort drüben auf dem einen Hügel hauste, auf feinem eigenen stark ausgetretenen Wechsel zum Wasser herab. Es wollte sich nach des Tages Müh unb Arbeit, bie ganz feiner Nahrungssuche gewibmet waren, noch einen erfrifdjenben Trunk genehmigen. Der Riese belauerte es Tag für Tag; sah er boch, wie bie kleineren Tiere immer schwerer zu erwischen waren — würde ba dieses große Geschöpf nicht einen herrlichen Braten abgeben? Zwar kam ja auch der Löwe immer wieder ans Wasser, wenn es chm trotz der Scheu und Wachsamkeit der 5-rden gelungen war, ein Tier zu reißen; aber er war äußerst vorsichtig und gleichzeitig doch von einem solchen Selbstbewußtsein und Krajtge- fühl durchdrungen, daß es nicht ratsam wäre, mit ihm anzusangen. Auch ihn belauerte der Riese von weitem, aber er wagte sich nicht an ihn heran. Allen Reineren Tieren wie Zebras, Pallahs, Gazellen, Wasserdocken, Gnus und Kuhantilopen kam die Wachsamkeit der Paviane, die sich aus dem Felsen am Fluß angesiedelt hatten, zugute, und roenn diese Tiere jetzt weniger zum Trinken kamen, als sie gern gemocht hatten,fo sie doch in viel größerer Sicherheit und hatten viel weniger Verluste als früher. Während die beiden andern Krokodile und das Weibchen des Riesen sich von größeren Fischen aus dem Fluß nährten, sich bet Gelegenheit auch mal ein Fluhpserdbaby holten, dessen Mutter nicht gut acht gegeben batte und sich durch den Aussall von größeren Braten nicht wesentlich geschädigt fühlten, hatte der Riese es nicht leicht. Appetit und Sinn standen ihm nach Fleisch, und zwar Fleisch in Menge. Immer wenn einmal wieder mehrere Tage ergebnislos verlaufen waren, geriet er in eine ganz rabiate Stimmung. Dann ließ er alle Vorsichtsmaßregelnaußer acht und kroch manchmal, unbeirrt durch das aufgeregte Gekreisch der Baviane ganz auf die Sandbank hinaus, ja, sogar bis an den Rand des Gebüsch-, wo er liegen blieb und nach Beute umherspahte. Aber waren auch seine Augen scharf und verläßlich auf der Wasserfläche, so waren sie doch nicht an diese- verwirrende Licht- und Schattenspiel aus dem trockenen Lande gewöhnt, und so wurde er es immer bald müde, die Büsche zu beobachten, ohne die Gewißheit, daß überhaupt Tiere darin sind. Er watschelte dann wieder ins Wasser zuruck schwamm ein paarmal rings ums Becken herum und gedachte der fürstlichen Mahl reiten vergangener Tage, entsann sich auch jener seltsamen neuausgetauchten Gestalten bei der Brücke, nach denen es chn so gelüstete, und aus die er dann so unglücklich Jagd gemacht hatte. Mehr als einmal überlegte er, ob er wieder auswandern und sich in einer andern Gegend des Flusses ansässig machen solle, wo das Jagen einträglicher war. Oder wie wäre es mit der Rückkehr zu seinem ehemaligen Wohnsitz bei der Brücke? Aber bei diesem Gedanken glaubte er plötzlich wieder seine alte Wunde am Vorderbein zu spuren; auch diese merkwürdige Muskelsteifheit war wieder da, ine er seit damals nie mehr ganz verloren hatte. Und er muhte sich gestehen, daß ihm die ganze Hungerleiderei und die mühselige Jagd auf scheue- Wild dann immer noch lieber waren als die Unannehmlichkeiten, die ihm von selten jener jagdgewandten Zweibeiner drohten, die Gleiches mit Gleichem vergalten und einem nach dem Leben trachteten. So blieb der Riese im Becken und wurde von Tag zu Tag tollkühner und bösartiger, in dem Maße, wie seine Beköstigung zu wünschen übrig ließ. Er machte sich jetzt oft ganz nah an die Büffel heran, überlegte, ob er es riskieren sollte, sich unter sie zu stürzen um den ersten besten zu packen und in- Wasser zu zerren, ehe die anderen noch Zeit fanden, auf ihn loszugehen und ihn aufzuspießen Aber dann zauderte er jedesmal zu lang: die Büfsel brachen plötzlich mit einem Ruck des Kopfes da- Geschäft des Trinkens ab und machten sich auf den Heimweg, noch ehe er zum Angriff vorgegangen war. Sogar an die Löwen traute er sich fetzt näher heran; im ersten Schein des Fruh- licht- war er ihnen manchmal so nahe, daß der Lowe, wenn er den Kopf zum Trinken niederbeugte, die ungefüge Schnauze sich gegen die silbrige Wasserfläche abheben sah und sich sogleich beunruhigt zuruckzog. So schlugen denn nach und nach alle großartigen Pläne fehl. Lautlos trieb der Riese an der Wasseroberfläche dahin, und wieder gaukelte des Nashorns gigantische Gestalt als lockendes Bild vor fernem inneren Auge. Was würde das für ein Fressen geben! Aus viele, viele Tage hinaus! Auf dem Leopardenhägel sah es immer noch unverändert aus. An der einen Seite des Gipfels, und zwar am meisten entfernt von der Höhle des Räubers und dem Felsvorsprung, von wo er die Ebene zu beobachten pflegte, war der kieselbedeckte Grund zu einem Wechsel ausgetreten. Dieser Pfad verschwand in einem Dicket das mit seinen Sträuchern und dornigen Zweigen einen richtigen Festungswall bildete — das mar die Behausung des alten Nashorns. Da- Nashorn war, obgleich es außer dem Löwen und den paar Eingeborenen, die ihm hin und wieder über den Weg liefen, keinen Feind zu fürchten hatte, mißtrauisch und legte großen Wert auf Sicherheit. Da es stets den gleichen Weg zum Ein- und Au-gehen benutzte — einen durch dichtes Gestrüpp gebahnten Tunnel — war es ben Wällen möglich im Lauf von vielen Jahren derart dicht zuzuwachsen, daß kein Tier hier mehr hätte durchschlüpsen können. Wie ich früher schon einmal sagte, war das Nashorn ein ausgemachtes Gewohnheitstier: cs hielt sich bei feinen täglichen Gepflogenheiten genau an bestimmte Zeiten und steuerte stets den gleichen Platzen auf stets den gleichen Wegen zu. Jeden Nachmittag, den Gott werden lieh, machte es sich daher, wenn die große Hitze etwas nachgelassen hatte, aus und trottete bis zum Rande des Steilhangs, ging in dre Hocke und rutschte bann aus bem Hinterteil hinunter. Drunten gab es sich sogleich ans Fressen, rupfte Gras ab, riß Wurzeln aus, streifte die Blätter von den Zweigen der Akazien, die rings zu Fußen des Hügels wuchsen, und trat höchstens einmal ein oder zwei Meter neben die selbstgebahnte Fährte hinaus. So wanderte es auf der Nordseite um ben ganzen Hügel herum, bis es die Gegenseite erreichte, bog dann auf ben ausgetretenen Pfad ein, dem es Tag und Tag und Jahr um Jahr gefolgt war, immer äsend und gleichzeitig langsam dem Fluh zustrebenb, wo bann ein Trunk das Mahl zu beschließen pflegte. (Sortierung folgt) Mißverständnis. Von vr. Owlglah. „Geh hin zur Ameise, fauler Knecht!" gebot der Weise ... ©in grüner Specht, mit rotem Schopf und leerem Magen, ließ sich das Ding nicht zweimal sagen und kam zum nächsten Aemsenhausen höchst lernb'eflissen angelaufen. „Fürwahr, hier geht es fleißig her!" durchschaute und vermerkte er. , Da woll'n wir denn nicht müßig bleiben und gleichfalls uns die Zeit vertreiben! Stieß feinen Schnabel, lang und groß, in ben Betrieb unb fraß drauflos. „He! Halt!" rief bah entfetzt der Weife, ,chu störst ja diese Lebenskreise! Sie soll'n doch bloß ein Beispiel geben! Kannst du bas nicht verstehn?" — „Nu eben: ein Beispiel ist bazu bestimmt", . versetzt der Specht, „daß man sich - nimmt! ... Und ist in einem Zickzackbogen ironisch wiehernd fortgeflogen. Das Herz. Erzählung von Andrä Baron Foelckersam. Nick fdilenberte über ben Hof. Nachts hatte es geregnet, der Hof ftanb voll Pfützen. Die Frühlingssonne schien heiß, und es roch wurmunb gut nach feuditer Erde Unter der großen Kastanie lag noch ein wenig Schnee, ein* kleisie schmutziggraue Insel, aber an ben Rotdornbuschen ftanben schon winzige blanke Knospen. Nick lief zur Kastanie und begann im brüchigen Schnee umherzustampfen. Dann ^tzte er sich auf die Fußspitzem nahm etwa- Schnee in die Hand, blickte rasch um sich, unb fühNe die Hand zum Munde. Der Schnee schmeckte körnig und leicht bitterhd). } Mis machst du da, Nick?" ries die Großmutter aus dem Fenster. „Sitz nicht auf der kalten Erde!" „Ich spiele!" rief N.ck ohne auszusehen. Er aß noch ein wenig vom Schnee. Dann begann er durch die Pfütze zu springen. E- war ein großartiges Spiel: von oben waren die Pfützen blau wie der Himmel, blickte man aber von der Seite hin, schienen sie von der Sonne versilbert, viele kleine und große Spiegelscherben. Und beugte sich Nick tief vor, konnte er sich selbst in ihrer blanken Flache Bald wurde es Nick langweilig, durch die Psutzen zu f^mgen Er blieb unentschlossen stehen und überlegte, er jetzt tun sollte. Er sah wie Anna, die Köchin, zum Geflugelhof ging, breit und mächtig m ihrer blauweißkarierten Schürze. Nick beschloß, zu ben ©* 311 ge^en. Gr liebte es, zuzuschauen, wenn Anna b>e Ganse futterte. Eilig und laut schnatternd kamen sie herangewackelt, steckten d'° Kopse in der Schussel dicht zusammen, und schon erklang das e'fnge Tack-tack-taäk ihrer orange farbenen Schnäbel. Nick stand noch eine Weile da und blinzelte in die Sonne. Dann lief er um den Holzschuppen zum Geslugelhof. Als er um die Ecke bog, blieb er überrascht stehen. „ Vor dem Schuppen saß Anna auf einem Holzklotz und h'«" °me Gans auf dem Schoß. Sie hielt die Gans mit einer Hand an den Flügeln m der anderen hatte sie einen kurzen Knüppel Sie ließ jetzt ten Knüppel fallen und hemmte die Gans fest zwischen ihre Knie. Die Gans streckte den Kopf weit vor und bewegte ihn auf ihrem langen Halse sonderbar hin und her. Nick fand, daß °r sehr komisch aussah w.e 'ie den Kops hin- und herbewegte, als wäre ihr schwindlig. Er sah, bah Anna etaa Langes unb Blitzendes in der Hand hielt, aber er konnte nicht genau sehen, was sie damit machte. Plötzlich begann d,e Gans laut mit den Flügeln zu schlagen. Nick wurde ganz heiß. „Worum schlagt sie so mit ben Fliiaeln?" rief er Aber er wagte nicht, näher heranzutreten. Anna ant «oL nicht. '„Warum macht sie so?" rief Nick, seine Stimme war ganz hoch vor Erregung. Er preßte die Beine fest aneinander und blickte neu gierig auf die ©ans. Die Gans hörte plötzlich auf, mit ben Slugeln ju . schlagen. Anna ftanb auf, nahm die ©ans bei den Flügeln, und ging über ben Hof. Die Gans war jetzt ganz still, ihr Kopf baumelte auf bem langen Halse hin unb her. Nick trabte neben Anna. "Worum schlagt sie nicht mehr mit den Flügeln? Ist sie ganz tot? Ist sie tot? Wird sie n e mehr mi ben Flügeln schlagen?" Anna lachte nur. „Frag nicht so viel! Morgen gibt’s Gänsebraten." Sie schob Nick beiseite und trat ins Haus. Nach bem Mittag spielte Nick im Wohnzimmer, Er saß unter bem Schreibtisch bes Vaters. Es war em gewaltiger Schreibtisch, rechts un links reichten die Schubfächer bis zum Fußboden, dazwischen wor ein leerer Raum wie ein winziges dunkles Z.mmen Nick hatte M ganz klein gemacht. Er laß reglos, mit angezogenen Beinen auf dem dicken Teppich und hatte den Papierkorb vor die Oeffnung geschoben. Der pa pierkorb war die Tür. Am Papierkorb vorbei konnte N'ck die Großmutter setzen ■ sie saß auf dem Sofa unb sprach leise mit dem Vater. Der Vater ging im Zimmer auf unb ab. Zuweilen blieb der Vater vor dem Schreib- ttsch stehen und Nick sah nur (eine Beine. Dann gingen bie 'Be>ne wwber im Zimmer auf unb ab. „Sie hat trotz allem ein Recht, ihn zu seh«« , sagte bie Großmutter. „Du solltest ihr erlauben, herzukommen. Der Vater antwortete nicht. Er ging im Zimmer auf unb ab und Nick sah bu Beine vorüberkommen, stehenbleiben, und wieder weitergehen. C# 1 9 sonderbar aus, wie sie so hin- und hergingen. „Du hast kein Herz, Franr, sagte bie Großmutter. Die Beine bes Vaters gingen vorbei, zur xur. Die Tür schlug zu. Die Großmutter saß unbeweglich auf bem Sofa« war plötzlich sehr still im Zimmer, und Nick horte bas laute und e l'ge Ticken der großen Wanduhr „Du hast kein Herz", hatte d>- Großmutter zum Vater gesagt. Nick zog die Knie noch fester an sich und blickte zu Großmutter hinüber. Nach einer Weile ftanb (ie auf, ihr Äleib rasche Nick hörte sie hinausgehen. Schlafengehen hinaus, er sollte noch draußen ein wenig spielen, bis sie ihn holte. Sie ging in die Küche und schloß die Tür hinter sich, Nick ging in den Garten hinaus. Er ging an der großen Kastanie vorüber und setzte sich aus die Küchenbank. Durchs offene Fenster fiel ein blasses Viereck aus den verdämmerten Rasen. In der Küche sah Anna und sang und klapperte mit Geschirr. Manchmal erschien ihr breiter großer Schatten auf dem Rasen: zwei schwarz« Arme fuchtelten und streckten sich endlos über die Rasenfläche, als hängten sie Kochtöpfe und Pfannen an Sträuchern und Bäumen aus. Dann verschwand der Schatten wieder. Nick saß an dem einen Ende der dunklen Bank, seine winzigen Sandalen ragten in die Luft. Irgendwo tief im Magen spürte Nick ein sonderbares ungemütliches Gefühl, als läge darin ein großer schwerer Stein. Es ist das Gänseherz, dachte Nick. Er wollte zurück ins Haus. Aber er wagt« nicht, sich zu rühren. Geschirrgeklapper und Gesang verstummten. Eine Tür schlug. Dann war es still. Nick saß auf der Bank und blickte in den dunkelnden Garten. Der Garten sah viel größer aus, als am Tage und ganz anders. Di« Pfützen waren geheimnisvolle dunkle Seen, die Büsche wuchsen in der Dämmerung zu drohenden Gestalten zusammen, und die Bäume reckten ihre Aeste wie Hunderte von gierigen schwarzen Armen in den Himmel. In den Hecken raschelte und flüsterte es. Ein Windstoß riß die vorjährigen Blätter vom Erdboden unt> wirbelte sie mit einem trockenen Knistern durch die Luft. Und im Lichtschein, der aus der Küche fiel, sah Nick eine kleine schneeweiße Feder wie ein winziges flaumiges Wölkchen in die Luft steigen. Er sah ihr nach, wie sie immer höher und höher in den abendblauen Himmel stieg, höher als das Haus und höher als alle Bäume, und plötzlich verschwand. z Di« Großmutter kam, um Nick zum Schlafengehen zu holen. „Warum sitzt du hier?" fragte sie erstaunt. „Du wolltest doch spielen?" — „Ich habe schon gespielt", sagte Nick. — Nachdem Nick sich gewaschen, die Zähne geputzt und sich gekämmt hatte, brachte ihn die Großmutter ins Bett und stellte sich daneben. „Und jetzt wollen wir beten, Nick." Nick kniete hin und faltete die Hände. Mitten im Gebet blieb er stecken, besann sich einen Augenblick und sagte es von neuem aus. .. v , „Amenl" rief Nick und streckte sich aus dem Rucken aus, und di« Großmutter deckte ihn zu. Sie beugte sich über das Bettgitter und küßt« ihn. Nick schlang beide Arme um ihren Hals. Er stieß seine winzige kalte Nase an ihre Wange und er spürte den vertrauten Geruch ihrer welken, weichen Haut Dann log er still da und sah zu, wie die Großmutter im Zimmer hin und her ging, die Waschschüssel ausgoß, sein« Kleider aus dem Stuhl zusammenlegte und die Vorhänge zuzog. Dann ging sie zur Tür und löschte das Licht. „Großmama!" rief Nick leise. N Die Großmutter blieb an der Tür stehen. „Schlaf jetzt, Nick. „Hast du ein Herz?" fragte Nick. „Jeder Mensch hat ein Herz", sagte die Großmutter. „Aber du sollst jetzt nicht mehr sprechen." „Und Vati?" fragte Nick. „Hat er auch «in Herz? Die Großmutter trat ans Bett. „Bati auch. Alle Menschen haben ein ,^,Darf man ein Herz essen?" Nick hob den Kopf und hielt den a,emffias sprichst du für einen Unsinn", sagte die Großmutter. „Das ist eine Sünde, so etwas zu sagen. Mach jetzt die Augen zu und schlaf. Nick. Tüe'l^oßmutter ging hinaus und schloß die Tür hinter sich. Nick lag mit offenen Augen da. Im Zimmer war es dunkel und still, und Nick hörte plötzlich in der Stille sein Herz schlagen. Er lag still da und horte zu, wie sein Herz schlug. Ihm schien, daß es mit ,edem Schlage wuchs, daß es größer und größer wurde und immer lauter und lauter schlug. Er preßte fest die Augenlider zusammen und versuchte, einzuschlasen. Aber sein Herz klopfte so laut und hart, daß er nicht schlafen konnte. Er öffnete wieder di« Augen. Nebenan hörte er die Großmutter umhergehen und leise mit jemandem sprechen. Nick drehte sich zur Wan-, schlang beide Arme fest ums Kopfkissen und steckte den Kopf tief hinein. So war es ein wenig besser. v Nach einer Weil« hörte er sein Herz immer leiser und leiser schlagen, und dann hörte er es überhaupt nicht mehr. Sein« Hände entspannten sich er stieß einen kleinen zufriedenen Seufzer aus. Er lag jetzt auf dem Rücken, mit halbgeöffnetem Mund. Er schlief. — Zwischen gestern und morgen. Erzählung von Edith Zübert. Als Barbara die Tür des Hutsalons hinter sich schloß, fiel ihr Leder- pompadour krachend zu Boden, und all die blühende Unordnung, die sich in Handtaschen breitzumachen pflegt, ergoß sich durch die geöffnete Verschlußklappe auf die Straße. Blitzschnell und beschämt hob Barbara die bunten Döschen und Büchsen vom feuchten Pflaster auf Hoffentlich hatte fie alles erwischt. Sie wollte weitergehen. Da meldete sich hinter ihr jemand: „Halt! Hier liegt noch etwas — Augenblick mal!" Ein junger Mann, der bisher unverzagt und hoffnungsvoll versucht hatte, eine rührende Scheußlichkeit von uraltem 2Iuto roieber flottzumachen hob eine flache Puderdose empor, die bis zur Bordschwelle gerollt war. „Bitte!" Er putzte das beschmutzte Silber kurz entschlossen am hellen Mantel blank und hielt Barbara die hübsche Buchse auf der flachen franb entgegen. Aber sie machte keinerlei Anstalten, ihr Eigentum an sich zu nehmen. Völlig verstört, anzusehen wie ein Mensch, dem ein Gespenst begegnet, stand sie und starrte aus weit aufgerissenen Augen vor sich hin. Das ist doch Alarich!" sagte sie, ganz außer Atem Das muß Alarich sein! Der junge Mann machte eine gekränkte Miene. -Alarich? Gott behüte! Mit dem Namen hätte ich die Schule vermutllch als Krupps verlassen — wegen der Beleidigungsprugeleien, wissen Sie. Nicht Alarich | jjt foer Petter Ihrer Puderdose, sondern Hans — ganj einfach und Es hotte ein wenig geregnet. Dann hörte der Regen plötzlich auf, unb I die Sonne schien, heiß und strahlend. Die Großmutter schickte Nick hinaus. Nick lief an der Küche vorüber. Auf der Bank unter dem Küchenfenster sah Anna; rechts und links von ihr standen zwei große Pappkartons. Anna warf mal in den einen, mal in den anderen eine Handvoll weißer Federn. Nick trat neugierig hinzu. Auf der blauweißkarierten Schürze lag die Gans. Nick erkannte fie im ersten Augenblick nicht. Sie sah jetzt, ohne Federn, ganz anders aus. Ihr Hals war mit Papier umwickelt. Nick fuhr vorsichtig mit dem Finger über die Gans. Sie war rauh und kalt. Anna rupfte wortlos weiter. Ihre mächtigen Arme waren voll zarter weißer Federn. Wenn sie eine Handvoll in einen Karton warf, flogen viele klein« Federn in die Luft und schwebten langsam, langsam zu Boden. Nick hob das Kinn, schob die Lippen vor, und blies auf die Federn. Die Federn flogen nach allen Seiten. „Geh spielen!" sagte Anna ärgerlich, ohne den Kops zu heben. „Was machst du mit den Federn?" fragte Nick. „Kissen", sagte Anna und rupfte weiter. Nick fuhr mit der Fingerspitze über die traurig herunterhängenden apfelfinenfarbenen Krallen. „Und mit den Füßen?" „Du sollst spielen gehn, hast du nicht gehört?" Anna warf eine Handvoll Federn in den Karton. Nick ging in den Garten. Winzige Halme stachen hier und dort wie kleine grüne Lanzen durch di« schwarze Erd«. Cs roch nach vorjährigem Laub, nach Wasser und Sonne. Nick hatte deine Lust, zu spielen. Er muhte an die Gans denken. Ob es ihr gar nicht weh tat, wenn man ihr die Federn ausrih? Aber er wagte nicht, Anna zu fragen. — Am Nachmittag sah Nick, wie di« Großmutter sich zum Ausgehen ankleidete. „Nimmst du mich mit?" fragte Nick. „Nein. Heute geht das nicht, Nick." Die Großmutter lächelte, aber Nick sah, daß sie dabei weinte. Sie weinte stumm, und ohne das Gesicht zu verziehen. „Warum weinst du Großma?" fragt« Nick. Die Großmutter wandt« sich ab und trocknete die Augen. „Ich weine nicht, Kind." Nick sah, daß sie meinte, aber er fragte nicht mehr. „Soll ich dir den Hut aufsetzen?" Er lief zur Kommode, holte den kleinen Hut mit dem Veilchenstrauß, schleppte einen Stuhl vor den Spiegel, stieg hinauf, und setzte der Großmutter den Hut auf. Dann legte er ihr beide Arme um den Hals und versuchte, die Schleifenenden zu binden. „Latz es mich diesmal selbst machen", sagte die Großmutter. „Ich habe heute kein« Zeit, Nick." , Di« Großmutter küßte Nick und ging hinaus. Er horte, wie sie im Vorhaus leise mit Anna sprach. „Er hat kein Herz", sagte die Großmutter, und Nick hörte sie meinen. Nick kletterte aufs Fensterbrett. Er fah die Großmutter in ihrem langen schwarzen Mantel und dem Hut mit dem Neilchenstrauß mit kleinen eiligen Schritten durch den Garten gehen, wie sie aus der Pforte trat, die Straße hinaufging und immer kleiner und kleiner wurde. Einmal blieb fie stehen und holte ihr Taschentuch hervor, dann ging sie weiter. Plötzlich mar sie verschwunden . Nick saß noch lange da und blickte hinaus. Hinter der großen Kastanie war der Himmel ganz rosa, als blicke man durch eine rote Gelatinescheibe. Vor dem Fenster sangen die Vögel. Sie kamen aufs Fenstersims geflogen, hüpften ein paarmal wie kleine bunte Bälle auf und ab, und flitzten davon. Dann wurde der Himmel hellgrün, die Straßenlaternen flammten auf; zwei lange Ketten winziger goldener Kugeln, die in der Ferne ineinanderschmolzen, und die Kastapie streckte wie ein Scherenschnitt ihre schwarzen Aeste in den bleichen Himmel. Nebenan sprach eine laute Stimme. Der Vater war nach Hause gekommen Nick horte ihn . im Nebenzimmer umhergehen; eine Zeitung knisterte. Sann öffnete sich di« Tür, und der Bater trat ins Zimmer. Nick glitt von der Fensterbank. Der Vater stand in der Tür und lachte. „Bist du auch artig gewesen. Nick?" Nick sah zum Vater hinaus. Er hatte kein Herz, hatte die Großmutter zum Vater gesagt. Und nun stand er vor Nick und lachte. „Na, was antwortest du nicht?" sagte der Vater. „Oder bist du nicht artig gewesen?" „Ja, ... nein, ich war artig, Vati!" sagte Nick und wurde rot. Der Vater hob ihn auf und küßte ihn. Nick stieß feine Nase an eine glattrasierte rauhe Wange. Er spürte einen fremden und strengen Geruch. Beim Mittagessen sah Nick dem Vater gegenüber. Der Vater aß schweigsam und las dabei die Zeitung. Anna saß neben Nick wo sonst die Großmutter faß, und schnitt ihm das Fleisch auf. „So un- ietzt 'h , fagte Anna. „Was ist das?" fragte Nick. „Gänsebraten! lachte Anna. „Ist das die Gans, die mit den Flügeln schlug? ragte Nick Anna nickte. Nick sah plötzlich wieder die Gans vor sich, und wie sie laut nut den Flügeln schlug und ihr Kops auf dem langen Hal e so sonderbar hm und her schwankte. Und Anna hielt etwas Langes und Blitzendes m der Hand... Nick legte die Gabel wieder aus den Teller zurück „Iß letzt! sagte Anna streng und hielt ihm die Gabel hm. Der Vater sah von der Zeitung auf. Nick öffnete den Mund. Er kaute und kaute, aber er konnte das Fleisch nicht hinunterwürgen. Endlich schluckte er est'punter.»f^as schon hielt ihm Anna die Gabel hin. Am Ende der Gabel war etwas Kleines, Dunkles.- „Was ist das?" fragte Nick. „Das? Das ist das Herz!" sagte Anna und lachte. Nick preßte die Lippen fest zusammen und wandte den Kopf fort. „Mach den Mund auf!" sagte Anna. Nick preßte die Lippen noch fester zusammen und schüttelte den Kopf. Der Vater sah Nick an. „Was ist. Nick?" .-Ich kann nicht, Vati .sagte Nick. „Es ist dos Herz und ..." „Du wirst sofort essen , !aSte ^r $ater. Nick sah den Vater flehend an. „Aber Vati, ich .... gönn zu zittern. „Ich will fein Wort mehr h°ren! Mach den Mund auf und iß'" Nick öffnete den Mund und schloß rasch die Augen. Er würgte den Bissen hinunter. In seine Augen traten Tranen. „Steh auf", sagte der Vater, „unb geh in dein Zimmer. Du sollte,t ^Nick^litt vom Stuhl und ging in s-in Zimmer. Er börte mie ber Vater nebenan umherging. Aber er tarn nicht zu Nick ^f.^mmer Dann schlug die Haustür. Der Vater war fortgegangen. W faß Fensterbrett und sah hinaus. Hoch am taghellen Himmel ftanb em «einer blasser Mond. Nick hörte Anna in der Küche fingen Als die Großmutter nach Hause kam, schickt« sie ihn noch vor dem schlicht Hans. Der Zuname ist fo ungemein selten, daß Sie sofort von selbst daraus kommen werden ..." Barbara schien überhaupt nicht zuzuhören. Sie streckte zögernd die Hand aus und fuhr dem strahlend rot lackierten Monstrum zärtlich über die viel zu große Kühlerhaube. ,Lch wußte ja, daß ich den Alarich noch einmal treffen würde!" Zweifellos kämpfte dieses befremdende Mädchen mit den Tränen. Hans mit dem noch ungenannten seltenen Namen bemerkte es und verlor nach Männerart sofort die Fassung. „Sie meinen den ,Poldi', wie?" erkundigte er sich verlegen. Nicht ohne Anstrengung öffnete er den Schlag. „Hat der mal Ihnen gehört?" „Mir nicht!" Nun schienen die Tränen doch zu strömen! Scheu spähte der junge Mann umher, ob etwa jemand diese peinliche Szene beobachtete. „Wollen Sie nicht einsteigen?" schlug er vor. „Sie dürfen Ihren .Alarich' gern ein bißchen steuern, wenn es Ihnen Spaß macht. Mir will das Untier heute fowiefo nicht parieren." Sie fuchtelte verstohlen mit dem Taschentuch herum und kletterte ohne weiteres in den Wagen. „Es liegt am Wetter!" meinte sie. „Ob Sie das glauben oder nicht: .Alarich' ist empfindsam. Regen macht ihn trübsinnig." Hans verkniff ein Lächeln. „Kalte Füße wird er haben. So ein alter Herr nimmt das übel!" stellte er fest. In diesem Augenblick sprang .Alarich' mit entrüstetem Aufheulen an. Sein Besitzer konnte gerade noch feinen Platz einnehmen, da wetzte das beleidigte Auto mit dem Temperament eines feurigen Renners die breite Straße hinauf, von Barbara sicher durch das Gewühl des nachmittäglichen Verkehrs gelenkt. Eigentlich hatte sie es abschlagen wollen, aber dann faß sie am Nächsten Abend doch wieder hinter dem vertrauten Steuer und ließ .Alarich', den frisch geputzten, munter die Heerstraße heraufrumpeln. „An der Gatower Landstraße gibt es ein braunes Holzhaus, dicht am Wald —" überlegte sie und sah sehnsüchtig aus. „So ein richtiges Traumhaus, wissen Sie! Alkohol können Sie da allerdings nicht bekommen. Bloß Tee, Kaffee, Kakao oder Milch. Aber das tut einem ja auch mal gut! Und es gibt riesige Brote mit Katenwurft und Schinken —und wunderbare felbftgebackene Torte. Wollen wir dahin?" Von ziemlich gemischten Gefühlen geplagt, beobachtete Hans im Kontrollspiegel, wie angeregt sie nun war. „3n dieser trauten Jylle wollen Sie vermutlich ohne Rücksicht auf mich in seligen Erinerungen wühlen?" fragte er gereizt. Sie nickte bloß. „Ich sollte es vielleicht nicht tun —" Aus bekümmerten Augen sah sie ihn an. Plötzlich hatte er sie schrecklich gern, und deswegen konnte er nicht anders: er mußte grob werden. „Wie hieß denn der Kerl?" überrumpelte er sie. „Peter!" (Diese Zärtlichkeit für einen Namen mußte einen erbittern!) „Alle Wellensittiche heißen so", bemerkte er gehässig. „Und alle Pferde Hans!" entgegnete sie prompt. Jetzt hypnotisierten beide, etwas gekränkt, die Landstraße. Bis Hans sacht über Barbaras Arm streichelte und reuevoll zugab: „Männer sind in sogenannten Gefühlsangelegenheiten Elefanten. Aber wozu baut ihr Frauen euch immer solchen Porzellanladen auf? Lauter Nippeszeug, verstaubt, veraltet und ganz lächerlich. Entschuldigen Sie, wenn ich noch einmal darauf komme: Peter ist doch vermutlich nicht mehr da? Längere Zeit schon nicht mehr, oder?' Und was mich betrifft—" Er griff nach einem Der wehenden, braunen Löckchen, die fo nett unter ihrem Turmbau von Hut hervorquollen. „Ich hoffe, rund heraus gesagt, daß .er niemals Mehr zurückkommt. Denn wenn einer es fertig bringt, Ihnen fo viel Kummer zu bereiten — Sie ganz einfach fitzen zu lassen — pfifi, nicht wahr? Das muß jeden richtigen Mann erbosen." „Das verstehen Sie nicht!" sagte sie sofort und hatte ein rührend eifriges Gesicht. „Schuld an allem bin einzig und allein ich. Sie kennen Mich ja nicht. Ich bin ein ganz schreckliches Ding. Launisch, zänkisch, furchtbar eiferfuchtig. Und immer mußte ich recht haben. Wenn etwas zu reden war, redete ich. Er hatte überhaupt nichts zu sagen. Aber das allerschlimmste: ich habe ihn dauernd in seiner Berussehre gekränkt! Wie soll ich Ihnen das erklären: Er war Bankangestellter — verdiente nicht viel. Und ich hatte so ehrgeizige Pläne. Immer habe ich gestichelt und ihn madig gemacht. So in dem Tonsall: „3a, andere Männer ..." das hat ihm eines Tages den Rest gegeben. Ich habe lange genug Zeit gehabt, über alles nachzudenken." Sie seufzte schwer und hatte verräterisch feuchte Augen. „Aber was hilft das nun? Ich habe ihn eben viel zu lieb gehabt. Das hat er bloß nicht verstanden. War ja auch schwer, hinter all diesen schrecklichen Szenen, die ich ihm um jede Kleinigkeit machte, eine so große Liebe zu vermuten, nicht? Sagen Sie selber: bei so einem Zusammenleben hätten Sie auch alle Zuneigung vergessen?" „Ich? Nein!" Er hatte energische Augen. „Ihr guter Peter hat Sie falsch behandelt! lieber das Knie hätte er Sie legen müssen und ordentlich durchhauen. Dann wären Sie vermutlich längst verheiratet — zu meinem Pech!" „Ich verbitte mir das!" sagte sie böse. „Das sollte sich mal einer erlauben — mich durchhauen!" Sie ballte die Hände und funkelte ihn kriegerisch an. Es rührte ihn keineswegs. „Fürchte, ich werde es sein!" bemerkte er gelassen. „Sie gefallen mir nämlich soweit ganz gut. Es würde sich schon lohnen, eine stachlige Seele zu retten." Er runzelte die Stirn und beobachtete kränkend lange Barbaras hochragende, allem Anschein nach streng moderne Kopfbedeckung. „Warum tragen Sie eigentlich so scheußliche Hüte?" lenkte er ab. „Sieht aus wie eine Teepuppe ohne Kopf!" Diesmal hatte er sie restlos aus der Fassung gebracht In bezug auf ihre Hüte sind schließlich die allerwenigsten Frauen ganz sicher! „Trinken Sie nur Ihren Kakao ans", meinte er begütigend. „Er hat ja schon Haut. Und erzählen Sie mir dabei ganz ehrlich, ob Sie diesen Wellensittich noch immer lieben." ' Sie überhörte die neuerliche Kränkung. „Man liebt wohl nur einmal!" sagte sie. Es klang pathetisch. „Richtig!" Und wenn es vorbei ist, soll man die Leiche nicht ein» balsamieren und immer wieder anstarren, sondern den Deckel fest zumachen und abschließen mit dem, was war und nicht mehr sein kann. Nichts zu ändern. Also vernünftig! Das Leben geht auf jeden Fall weiter, mein Mädchen!" „Sie sind ein Rohling!" sagte sie empört. „Ich glaube, Sie wissen gar nicht, was es bedeutet: richtig lieben!" „Zum Glück nicht!" Er sah verschmitzt aus. „Immerhin — man kann nie wissen. Seit wann ist übrigens Ihr lieber Peter nicht mehr da?" „Seit zwei Jahren!" Ihre Stimme war kleinlaut. „Und denken Sie, die bei der Bank geben mir seine Anschrift? Ich weiß nur, daß man ihn ins Ausland geschickt hat. Und ich weiß, daß er nicht wiederkommen wird. Mehr nicht." Hans griff nach ihren unruheoollen Händen und umschloß sie fest. „Wie lange wollen Sie nun noch treue Solveig spielen?" fragte er. „Eines Tages haben Sie nichts als Runzeln, niemand schaut Sie mehr an, alles ist vorbei." „Es schaut mich ja schon die ganze Zeit über keiner mehr an", gestand sie unglücklich. „Das soll sicher meine Strafe fein für meine ganze Scheußlichkeit, denke ich mir. Keiner will etwas von mir wissen." Trotzig setzte sie hinzu: „Dann bleibe ich eben mein ganzes Leben lang allein. „Wenn niemand etwas von Ihnen wissen will, dann sind Sie selber schuld daran!" bemerkte er weise. „Was meinen Sie, wie das einen Mann, der sich für Sie interessiert, eiskalt über das Herz braust, wenn Sie da dauernd von Ihrer unvergänglichen Liebe zu dem Wellensittich reden. Das will man nun wirklich nicht hören. Es macht so wenig Hoffnung! Wir Männer von heute sind schließlich keine Troubadoure, nicht wahr? Die Zeit hat das so mit sich gebracht. Wir wollen wissen, ob eine Frau für uns da fein will oder nicht. Mit feinen (Erinnerungen muß jeder ganz für sich fertig werden. Aber das wollen Sie wohl gar nicht? Und wenn ich merke, daß es fo ist, bann dürfen Sie mit unserem .Alarich' keinen Tag länger spazieren fahren. .Alarich' und ich haben Grundsätze." Sie wollte aufbegefjren, aber es wurde nicht so recht etwas daraus. Dieser junge Mann, dessen Zuname man inzwischen herausbekommen hatte — Müller war er —, hatte eine unbegreiflich sichere und nachdrückliche Art, das letzte Wort zu behalten. Dagegen gab es fein An- rennen. Verstohlen musterte Barbara ihren neuen Freund. Und nun bemerkte sie erst, wie nett er aussah. Besser als Peter — viel männlicher! Barbara hatte das Gefühl, mit diesem Zugeständnis bereits einen Verrat begangen zu haben Hastig stand sie auf. „Es ist so heiß hier, finden Sie nicht?" Das klang nicht sehr ehrlich. „Wollen wir nicht gehen?" „Und die Erinnerungen?" fragte er spottend, aber sie hörte es nicht mehr. Sie stand schon draußen, auf diesem stillen, weiten Platz. Ganz allein war sie hier mit dem guten alten Autochen, das friedlich im Mondlicht döste. Beide Hände legte sie auf die lächerlich große Kühlerhaube und versuchte, die Vergangenheit lebendig zu machen. Da war der Weg, über den sie mit Peter gegangen war. Dunkel war es gewesen wie jetzt. Und so still, daß man leise sprechen muffte. Barbara versuchte, sich Peters braunej», weiches Gesicht zurückzu- rufen. Seltsam! Die vertrauten Züge waren verwischt — waren überhaupt ganz anders. Viel härter, viel männlicher. Es war gar nicht mehr Peter, an den sie dachte. Und alle (Erinnerungen, die sie sonst so gequält hatten, taten plötzlich überhaupt nicht mehr weh! Betulich rumpelte .Alarich' durch die Gegend. Silbern schwebte der Mond in einem unendlich fernen Himmel. Diesmal saß Hans am Steuer. Ganz langsam fuhr er, denn er hatte den Arm um Barbara gelegt und hielt sie zärtlich fest. „Zu einem Mädchen, das einen fo komischen Hut trägt, kann man nur du sagen!" meinte er hoffnungsvoll. „Barbara, was bi ft du nett — und dumm. Dein Wellensittich ist sicher längst verheiratet oder fo. Vielleicht hat er bereits Kinder und denkt überhaupt nicht mehr an dich. Kann doch feinl Und du lebst töricht in der Vergangenheit. Sieh dir .Alarich' an! Ist das nicht ein Symbol? Gestern ist er dir in den Weg gerollt. Mit mir! Das Schicksal meint schon etwas damit!" „Das Schicksal hat ganz sicher nicht soviel Zeitz ‘mit jeder Kleinigkeit etwas zu meinen!" widersprach sie eigensinnig. „Schade, daß ich jetzt nicht abkömmlich bin!" Er musterte sie streng. „Es wäre bereits an der Zeit, pädagogische Maßnahmen zu ergreifen." Und hier gab es wohl eine, letzte, verzweifelte Auflehnung, unbeabsichtigt hart — ein ganz schlimmer Rückfall in alte, böse Fehler. „Sie sind sehr unverschämt!" schrie Barbara. „Fahren Sie mich auf der Stelle nach Hause. Ich bin doch nicht Ihr Popanz, merken Sie sich das!" Er gab sofort Gas, und das klapprige Autochen flitzte brummend davon. Da faßen sie nun beide mit verstockten Mienen. Nur im Sontrollfpiegel wagte Barbara, ihren schweigsamen Nachbarn flüchtig zu beobachten. Da war gar keine Zärtlichkeit mehr in dem netten, offenen Gesicht. Da war alles, alles ausgelöfcht, was so wunderbar zart an Barbaras verirrtes, absonderliches Herz gerührt chatte. Weinen konnte man nun, weil man in feiner schrecklichen Unbeherrschtheit so etwas angerichtet hatte. Aber um keinen Preis wollte sie den Mund austun und bitten. Viel zu schnell war Barabaras Haus erreicht. „Also: Leben Sie wohl!" Wie fremd und kühl feine Stimme klang. Ob er ein Telephon hatte? Lieber Himmel! Haus Müller — die gab es sicher in wilden Mengen. Und es ging doch nicht, es ging auf gar keinen Fall, daß er nun fortfuhr. Wenn man nur nicht fo bockig wäre — wenn man doch — „Barbara!" Sie hob die Augen. „Schkkmst du dich?" Und da floffen die Tränen jammervoll über das Gesicht. — „Sehr!" sagte sie so leise, daß er es kaum verstand. „Es war zuviel — zwischen gestern und —" Sie hielt seinen Mantel sehr fest und ließ sich küssen. Die Tränen flössen immer noch, aber sie war glücklich wie nie. Irgend etwas Schweres löste sich endgültig von ihrem Herzen. Dieses Gestern — nun war es ein für allemal überwunden! Verantwortlich: Dr. HanS Thhrivt. — Druck und Verlag: Brüh Ische Untversitätsdruckeret R. Lange, Gießen.