Jahrgang 1958 Sreitag, den 5. August Nummer 60 SieheiierZamilienbliitter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger w Ein Tierleben in afrikanischer Wildnis. Von Cherry Kearton. Copyright by 3. Engelhorns Nachf., Stuttgart. Vorwort. Einigen meiner Leser, die Afrika und seine Tierwelt nicht kennen, mögen manche besonders seltsame Berichte dieses Buches unglaubwürdig erscheinen. An sie ist dieses Borwort gerichtet. Es ist heutzutage üblich, daß der Verfasser seiner Geschichte die Versicherung vorausschickt, alle darin vorkommenden Personen sowie die ganze Handlung seien lediglich seiner Phantasie entsprungen. Nicht so hier! Ich habe zum Beispiel das beste aller Beweismittel dafür in Händen, daß das Riesenkrokodil nicht nur in meiner Einbildung existiert: denn als ich vor neunzehn Jahren Afrika von Ost nach West durchquerte, habe ich es photographiert, was ich übrigens mit allen anderen in diesem Buche auftretenden Tierarten ebenso gemacht habe. Und was die Begebenheiten anbelangt, so entsprechen sie vollkommen der wirklichen Natur, wie ich selbst sie im Zeitraum von zweiunddreißig Jahren in der afrikanischen Wildnis von Grund auf beobachtet und erlebt habe. Der Zweck dieses Berichtes ist: in Form einer Erzählung das natürliche Leben der Tiere Afrikas zu schildern, ehe es durch das Austreten des weißen Menschen in seiner Ursprünglichkeit beeinträchtigt wurde. Es wäre eine Genugtuung, wenn dieses Buch als eine Art Damm wirkte gegen die Flut der ständig neu erscheinenden Tiergeschichten, die häufig entweder aus gänzlicher naturwissenschaftlicher Ahnungslosigkeit heraus entstanden, wo nicht gar absichtliche Zerrbilder sind. Das gleiche gilt auch vom Film, der oft durch doppelte Aufnahmen und allerhand andre Kniffe die Tiere in völlig unnatürlichen Situationen zeigt und auf die Weise ganz falsche Vorstellungen über ihr eigenliches Wesen erweckt. Die Leute, die sich bemühen, uns in Büchern und Filmen „Sensationen" zu bieten, sind offenbar manchmal des Glaubens, daß der in dieser Hinsicht etwas mangelhaften Natur durch „Kunst" nachgeholfen werden müsse und daß das Leben der wilden Tiere gehörig der „Aufpulverung" bedürfe. Vielleicht gelingt es chiesem Buch zu zeigen, daß die Wirklichkeit unter den Tieren Afrikas nicht nur eigenartiger ist, als die landläufige Vorstellungswelt sie sich malt, sondern daß sie auch an Momenten atemraubender Spannung nichts zu wünschen übrig läßt. Ein Tal in Afrika. Tierparadies — aber dennoch kein Friede. Das Jagdrevier des Löwen. Der Mensch, der nach und nach von allen noch im Urzustand befindlichen Teilen der Erde Besitz ergreift, der Dschungel in Weideland verwandelt, der an der Stätte, wo einst Urwälder sich ausdehnten, Häuser und Straßen erstehen läßt, hatte damals jenem Tal noch nicht seinen Stempel aufgedrückt. Zwischen der durchbrochenen Hügelkette, die das Tal nach Süden begrenzt, und den Bergen auf der Nordseite gab es weder Wege noch Brücken geschweige denn Häuser. Viereinhalb Kilometer westlich über den letzten Hügel hinaus lag auf offener Ebene ein Eingeborenendorf. Ein anderes konnte man auf den Vorbergen des nördlichen Gebirgszuges liegen sehen. Ein jedes hatte Wasser und Nahrung in nächster Nähe, und wenn auch gelegentlich einmal eine Schar Eingeborener zum Fluß herabkam, der sich durch die Mitte des Tals wand, so blieben doch die welligen Abhänge zu beiden Seiten des Wassers der ungestörte Tummelplatz der wilden Tiere. Zwischen den beiden Bergzllgen neigte sich das Gelände zuerst allmählich, dann immer steiler zu den Flußufern herab. Der Boden war Zum großen Teil mit bräunlichgrünem Gras bewachsen: manchmal stand es so hoch, daß es einem Menschen bis zur Hüfte reichte. Hier und dort wuchsen vereinzelte Akazien. Stellenweise war das Land dicht bewaldet. Felsige Hügel vulkanischen Ursprungs erhoben sich jäh und unvermittelt aus dem Boden: durch die Mitte des Tals zog sich als langer schmaler gewundener Streifen ein dichtes Gewirr von Busch- und Baumwerk, durch das der Fluß strömte, hier gemächlich zwischen hohen Userrändern — dort munter in Stromschnellen sprudelnd. Auf den höheren Felshügeln lebten Nashorn und Leopard: auf tiefer gelegenen Vorsprüngen schliefen, schnatterten oder spielten die Paviane. In der Ebene hausten Löwen, Giraffen, Büffel, Zebras und viele Arten von Antilopen: Flußpferde, Krokodile und Schildkröten bevölkerten den Fluß, und überall wimmelte es von Vögeln und buntschillernden Insekten. Das Tal war noch ganz so, wie die Natur es geschaffen hatte; da grünte und wucherte es und die dort lebenden Geschöpfe hatten noch nichts von jenem unnatürlichen überscheuen Wesen, das ausnahmslos die Tiere dort befällt, wo der Mensch einmal Jagd gemacht hat. Aber dennoch herrschte hier kein Frieden. Das alte Nashorn, das auf dem Kamm einer Felsrippe nicht weit vom Fluh hauste, stand dann wohl dösend in der Hitze des Tages unter einer Akazie und war sicher vor Gefahr, solange es die Schmarotzervögel aus seinem Rücken spürte: aber wenn sie davonflogen, war es auf der Hut, — dann schnüffelte es unsicher umher, noch ganz im unklaren, welcher Art die Gefahr war und aus welcher Richtung sie drohte. Am Fuß des Hllgelrllckens weideten in der Ebene Kuhantilopen, Zebras und Pallahs: aber e i n Tier von jeder Herde stand immer abseits — das war die Schildwache. Weiter weg vom Fluß — der Boden war hier wie übersät mit Akazien — knabberten Giraffen an Blättern oder streckten mit weit gespreizten Beinen ihre langen Hälse bodenwärts, um aus Wassertümpeln zu trinken; aber immer waren sie wachsam, ob nicht das Gras in ihrer Nähe von einem anschleichenden Feind bewegt wurde. Denn hier war das Jagdrevier des Löwen, und von einer Felszacke herab spähte der Leopard nach Beute aus; immer lauerten Hyäne und Schakal auf die Ueberbleibsel des Fraßes, und hoch in der Luft kreisten die Geier in ewiger Erwartung des Augenblicks, wo sie herniederstoßen konnten, ihr Amt als Strahenreiniger zu versehen. Der Gepard brüllte durch Wald und Ebene; die Pythonschlange lauerte im Geäst; der Waran buddelte Krokodileier aus, um sie zu verschlingen, Hyäne und Löwe schleppten die Straußenjungen davon. Kein Geschöpf konnte ohne Furcht Hunger und Durst stillen: die Tiere/ die zum Trinken an den Fluß oder an die Tümpel kamen, zögerten immer zuerst, standen eine Weile regungslos still, gingen oft sogar wieder, ohne ihren Durst gelöscht zu haben. Schrecken fährt unter Gazellen oder Paviane, wenn nächtlicherweile durch das Tal das Knurren des jagenden Löwen ober das Keuchen des Leoparden tönt; Schrecken packt sie, wenn eine Bewegung im Wasser das Krokodil ankündigt, das lautlos herannaht, um nach feiner Beute zu schnappen. Schallen Im Fluh. Marsch zur Tränke. — Die verräterischen Grashalme. Ein unheimlicher Fluß. — Das Riesenkrokodil. Aus dem Dorf, das mit feinen aus Lehm und Stäben gebauten Hütten auf einem niedrigeren Berghang liegt, kommt eine Schar Eingeborener herab. Die Sonne, die gerade über ihren Häuptern steht, läßt die Spitzen ihrer Lanzen und die kurzstieligen Aexte, die einige von ihnen tragen, auffunkeln und spiegelt sich auf der glänzenden Haut ihrer Schultern. Sie gehen im Gänsemarsch und treten das Gras zu einer schmalen unregelmäßigen Furche nieder, in der sich vielleicht bald hinter ihnen die leichter geknickten Halme wieder aufrichten werden, — und dann verrät nur noch eine schwach aufgerauhte Linie, daß hier Menschen gegangen sind. Sonst zeigt das Grasland überall eine ununterbrochene Oberfläche matten Grüns, das sich sanft im Winde bewegt. Die Männer bringen behutsam weiter vor; dabei halten sie Ausschau nach einer plötzlichen Bewegung im Gras, die vielleicht eine nahenbe Gefahr anzeigen könnte; benn bas Gras steht hier einen Meter hoch und bildet eine großartige Deckung für jedes jagende Tier. Einmal bleibt der Führer stehen, zeigt nach links, wo die- Grashalme sich heftiger zu bewegen scheinen als die in der Nähe; aber nichts zeigt sich über der Oberfläche, und jetzt läuft das kleine Wesen, welches das Gras in Bewegung gebracht hat, davon. Eine leicht wogende Zick-Zacklinie, die schließlich in der Ferne verschwindet, verrät seinen Weg. Jetzt setzen sich die Männer wieder in Bewegung und gelangen endlich durch einen Wall von Gestrüpp und Bäumen an eine Stelle, wo der Fluß auf eine Reihe kleiner Inseln stößt und sich in vier schmälere Arme teilt, die sich ihren Weg durch das höhere Gelände bahnen, um sich schließlich weiter unten wieder zu vereinigen. Hier läßt sich gut eine Brücke bauen! lieber jeden der vier Wasserarme braucht nur ein abgehauener Baumstamm gelegt zu werden. Und so wählen sie denn am Ufer stehend einen Baum, der mit seinen Aesten bis zur ersten der kleinen Inseln reichen wird, und machen sich mit ihren Aexten an die Arbeit. An dieser Stelle fließt der Strom von dichten Baumreihen eingefaßt zwischen steilen Ufern dahin, die an die zweieinhalb Meter hoch und ganz von üppiger Vegetation überwuchert sind. Lange schlanke Palm- zweige drängen sich durch die blaßrückigen Blatter der wilden Banane auslauern, gerade hier in dem Schatten--- Krokodil und Mensch. DielauerndeGefahr.-Angr iss.-Derr e t t enbe (Speer. Verlassene Sandbank. — Ein merkwürdiger Strauß. Kampfund Ende zweier Krokodile. Mit dem Bau der Brücke Hot sich das Leben in dieser Gegend des Flußes verändert. Männer und Weiber kommen jetzt fast täglich vorüber, manchmal in großer Eile, als gelte es, das Ziel der Wanderung, wo em guter Handel winkt, möglichst bald zu erreichen und die Bürde loszuwerden, die aus dem Sechs-Kilometer-Marsch in der Sonnenglut schier unerträglich schwer geworden ist. Manchmal aber rasten sie auch eine Weile angesichts des Wassers. , . . _ ., , . . Hin und wieder tritt einer von ihnen auf eine kleine Sandbank hundert Meter stromabwärts und bückt sich, um eine Kürbisflasche zu füllen- dann stehen zwei andre mit erhobenen Speeren Wache und spähen nach heran- kommenden Krokodilen aus. Und die Krokodile sind da — der Riese und noch zwei andre. Dort, wo die Schatten am tiefsten dunkeln, liegen sie und belauern mit ihren kleinen Augen jene Gestalten, die sich so verführerisch dort oben bewegen. — Oder cs kommt einmal eine Frau über die Sandbank gegangen, fast ganz bis zum Rand des Wassers kommt sie vor, bückt sich und eilt gleich wieder zurück: das Wasser schwappt über den Rand ihrer Kllrbisslosche heraus, die sie in ihrer Hast ganz schief hält. Eines Tages aber — es dämmert schon — da kommt eine mit einem irdenen Topf daher, füllt Ihn und verweilt noch ein wenig: sie taucht die Hönde in den Fluß und spritzt sich das kühle Wasser gegen die Beine. Schleunigst macht sich das Riefenkrokodil aus feinem Schattenverließ auf; es bleibt unsichtbar bis auf Augen und Rüstern, nur ein leichtes Ge- kräusel auf dem Wasserspiegel entsteht bei seinem Herannahen. In der nächsten Sekunde schon hätte es den Rachen aufgerissen und wieder zugeklappt: aber da gellt der heisere Schrei eines Menschen — noch einer: kreischen!) flüchtet das Weib, und der Topf fällt ins Wasser. Schon trifft ein Speer den Kopf des Krokodils, das halb betäubt in die Mitte des Flusses zurückschießt; im wiederkehrenden Bewußtsein spürt es plötzlich einen scharfen Schmerz hinter dem Ansatz seines rechten Vorderbeins. Eilig schwimmt es davon und achtet anfangs kaum auf ein Gefülch als wenn es da an seiner rechten Seite immer etwas nut sich zöge, doch al- es m der Sicherheit eines weiter abwärts gelegenen Flußabschmtts angelangt ist und langsamer schwimmt, spürt es bei jeder Bewegung des ®ems den Schmerz und entdeckt, daß etwas Dünnes und Hartes: aus seiner Haut herausragt, das ihm mit der Spitze im Körper steckt. Und wahrend es „staunt im Wasser liegt, wird das Bein steif und beginnt zu schmerzen. Tage vergehen. Endlich gelingt es, den seststtzenden Speer an einem Felsstück am User abzubrechen; aber die metallene Spitze bleibt fest m der Haut sitzen und bildet dort eine eiternde Wunde. Mit der Zeit laßt der Schmerz nach und der Riese gewinnt säst den vollen Gebrauch seines Beines wieder. Aber eine gewisse Steifheit und em hm und wieder sich meldender Schmerz bleiben zurück; bann kommt ihm die Erinnerung, und er wird nun noch vorsichtiger als vorher. Auch die andern Tiere — die am User und die in der Ebene — hatten bald heraus, daß das Erscheinen des Menschen e,ne Gefahr mehr m ihrem Leben bedeutete. Diese Menschen liehen sich keine Gelegenheit zum Beute- machen entgehen. Ost, wenn sie em paar kleine Antilopen entdeckten, unterbrachen sie ihren Marsch; leise schwärmten sie in einem weiten Halbkreis aus und schlichen durch das Gras vor, bis sie so em Tier von der Herde abgeschnitten hatten; dann umstellten Ne es und brachten es um. Saum e tn Tag Verging, wo zu der Bürde der Lastträger Nicht noch em Tier hmzu- gekommen wäre, das die Speerträger, die den andern vorausmarschierten, für ihren Kochtops erlegt hatten. . .... . .. Eine Herde Wasserböcke, die schon mehrere Tiere emgebuht hatte, wanderte eines Tages aus zu einer Baumgruppe, die etwa einen Kilometer von der Baumbrücke entfernt lag. Ganz in der eine andre Sandbank in den Fluß hinab; dort konnten d.e Bocke zetz m größerer Sicherheit trinken. Rach wenigen Tagen gesellte sich eine Gazellenherde zu ihnen; danach folgten Zebras und Kuhantilopen, die von den sicheren Verhältnissen Wind bekommen hatten. Bald war die Gegend bei der Brücke verlassen; nur Paviane, Klippschliefer, Vogel und Warane, alles Tiere, die sich auf ihren Bäumen ober in ihren gut gebauten Festen sicher fühlen konnten, blieben zurück. Das Riesenkrokodil stellte zu seiner Verwunberung sest, daß tein T'er mehr zu ber Sandbank kam, von der es sich «umschon seit vielen Jahren feinen Tribut geholt hatte. Es mußte sich seine Beute letzt sowohl stromaufwärts als stromabwärts suchen, und dabei entdeckte es emes Tages auch den neuen Trinkplatz; aber der Fluh war hier seichter und strömte chneller und das wenige überhängende Laubwerk sorgte nur ungenügend für schutzbietende Schattenflecke auf dem Wasser. Dreimal Hintere,nander geschah es, als das Krokodil geräuschlos und lebesmal mit größter Behüt- amkeit auf die Sandbank zufchwamm, bah ein wachsamer Pavian auf- chrie ober ein scheues Zebra plötzlich am Uferranb kehrtmachte unb entfloh; auf bas Signal hin stoben Böcke, Gazellen und alle anbern Ziere in wildem Galopp davon ins offene Weideland und überließen den Fluh der Einsamkeit, der Dunkelheit und---einem hungrigen Krokodil. Bald wurde die Rahrungssrage immer dringlicher. Sogar die beiden kleineren Krokodile vermißten den gewohnten Gazellen- und Antilopenbraten, den sie sich ab und zu verschasft hatten. Dem Riesen dagegen drohte schon nahezu ber Hungertod. Wenn einmal — was übrigens selten geschah — ber Körper eines verendeten Fluhpserdes stromabwärts trieb, wurde er sogleich unter Wasser gerissen, um als Krokodilspeise zu bienen Aber bas lebenbtge ausgewachsene Flußpserb war nicht zu haben. Unb als nun die Tiere nicht mehr zum Trinken an bie Stellen kamen, die sur beutelusterne Krokodile so praktisch gelegen waren, blieben uls einzige Hoffnung nur noch der seltene Glückstrefser eines Fluhpserdmahles unb bann diese in keiner Weise (ättigenben Fische. Sonst aber winkte weit und breit nichts — es sei denn bie Möglichkeit, einmal vielleicht nach den blanken schwarzen Beinen bieser Geschöpfe ba bei der Brücke zu schnappen. Immer ärger wirb bie Hitze des Tages. Da schiebt sich bas Riesen- krokobil langsam aus bem Wasser herauf an bas ber Sanbbank gegen- überliegenbe Flußufer. Ein paar Meter vom Rand entfernt bleibt es hegen, aerobe neben einem gestürzten Baumstamm, von bem es aus der Entfernung gesehen nicht zu unterscheiben ist; da liegt es, ohne sich zu rühren, ist aber ganz gespannte Aufmerksamkeit und lauernde Erwartung. Im Gegensatz zu seinen beiden Gefährten, die im Wasser liegen und von denen nur die Nüstern und die Augen (die übrigens nicht minder tätig sind als die seinen) gerade eben über ber Wasserlinie sichtbar sind, zieht es der Riese vor, vom Land aus anzugreifen; denn er weih aus Erfahrung, daß er da höchst gefährlich ist. Früher, wenn sich die Tiere einmal scheuer als gewöhnlich zeigten, hatte er sie oft gerade durch dieses regungslose Daliegen in Sicherheit gewiegt; waren sie dann aus ein paar Meter heran- ciekommen, so hatte er mit einer urplötzlichen Wendung seinen macytigen Schwanz herurngeschleudert — konnte er doch damit einem Gnu die Beine unter bem Leid zusammenschlagenI — und innerhalb einer Minute war das erbeutete Tier unter Wasser gezerrt worben. Während der heißesten Stunden trocknete die Nässe auf seinem Hautpanzer ein und seine Farbe wurde dann fast völlig zu dem stumpfen Grau des schlammigen Grundes, aus dem er lag. Dies Herumliegen außerhalb des Wassers bot aber um so weniger Reize, je mehr die Hitze nachließ; er liebte es gar nicht, sich außer der heißesten Tageszeit am Lande aufzuhatten. Aber dennoch rührt er sich jetzt nicht vom Fleck; er weiß zu gut: soll sein Wunsch sich erfüllen, so muh er standhaft weiter verharren in listiger Unbeweglichkeit. Da — an sein Ohr schlägt ein Saut, ber allmählich an Stärke zunimmt. Eine lange Reihe von Männern unb Weibern kommt auf bie Brücke zu — bie einen beloben mit Kürbisflaschen ober irbenen Zöpfen, bie andern mit Tabakballen, der Ausbeute des tags zuvor getätigten Handels Zwei von den Speerträgern, die immer vorausmarschieren, waten durch den Fluh. Noch haben sie ihn kaum zur Hälste durchquert, ba bleiben sie stehen unb spähen stromabwärts. Flüstern!) beraten sie, geben Zeichen nach hinten ; — die Folgenden machen halt. Jetzt gehen die beiden Manner wieder । zurück, wie sie gekommen find, und für geraume Zeit herrscht wiever , stille. (Fortsetzung folgt.) und neigen sich zum Wasser herab, und zwischen den Baumstämmen breitet lieh wildes Gestrüpp aus, unter dem die Ujerranöer sich oer- beiaen. Zhe größeren Bäume recken ihre Zweige über das Wasser und begegnen denen vom gegenüberliegenden User, so dah dort oben em Spitzenwerk aus Braun unb Grün entsteht, bas tiese Schatten auf ben Wafferspiegel darunter wirft. Wie durch das Dunkel eines tiefen Kanals ftrömt der Fluh — fchwarz und schweigsam. Etwas Unheimliches scheint in ber Lusi zu hangen. Ist da nicht unsichtbar etwas Böses, etwas Ge- fOi,Ueber ben^ferfpügel geht ein leichtes Zittern. So geräuschlos daß die oben am Ufer arbeitenden Menschen mcyts vernehmen können bewegt sich da ein dunkles ungleichmäßiges kleines Viereck, lost sich aus der Dunkelheit, kreuzt hier einen grauen Fleck 'w Wasser, dort emen Sonnenstrahl und verschwindet plötzlich wieder im Schatten. Endlich scheint es tn einem großen Strudel hundert Meter flußabwärts zu hcckten, Da, — 1-tzt gibt es einen Wirbel, als wenn ein riesiger Körper sich langsam unter Wasser drehe — und schon erscheinen Kops und Rumpf eines Krokodils an der Oberfläche. Nur wenige Sekunden bleiben fte über Wasser, bann sinken sie langsam wieber unter, bis nur noch bie plumpe Schnauze unb die kleinen mongolisch geschlitzten Augen zu sehen sind. Das Krokodil liegt vollkommen regungslos auf einer schmalen Leiste, die unter Wasser vom Ufer oorspringt. Die mit Schwimmhäuten versehenen Zehen an seinen kurzstumpigen Fußen krallen sich m,ben• Sani), der sich bünn aus bem Stein abgelagert hat, der Rumps ruht schwerlastend auf der Leiste, der riesige Schwanz hangt tn bie Tiese hinab. Van der Schnauze bis zur Schwanzspitze mißt es über sieben Meter - mehr als doppelt soviel wie alle andern Krokodile in dieser Gegend des Muffes. Em Riese ist's, sogar unter seinesgleichen — häßlich und ungeschlacht — aber bie verkörperte Kraft unb Unverwundbarkeit. Er kann sich bei seiner ungeheuren Größe nicht wie seine kleineren Artgenossen mit Fischen allem begnügen, einer Nahrung, die nur ab und zu mit etwas Fleisch vervollständigt wird. Er braucht Fleisch als Hauptnahrung und verleibt sich nur mal gelegentlich, halb achtlos im Vorbeifchwimmen, auch noch einen Fifch ein So begibt er sich denn häufiger an die Sandbank um ben Zieren auszulauern, bie dort zum Zrinten hinkommen. Seme Anwesenheit bildet eine ständige Gefahr für Antilopen, Gazellen und andere Ziere, bie sich ^310* Vor*’einigen Minuten hat er schlafend an der Oberfläche des Wassers gelegen, gestärkt durch ein herzhaftes Mahl. Vermutlich war s ein Laut vom Ufer über ihm, der ihn aufgeweckt hat. Emporblinzelnd bemerkt er, daß sich da am Ufer etwas bewegliches Schwarzes vom mmklen Hintergrund der Baumstämme und des Unterholzes abhebt, em Schatten, ber sich regt — unb bann — fonberbar, denn es geht boch nur em schwacher Luftzug — kracht ein Baum unb legt sich quer über ben Fluß, so daß er mit bem Wipsel aus das jenseitige User zu liegen kommt, wahrend einige der Zweige das Wasser ausrühren, wo das Krokodil liegt. Der Riese weih nicht, was den Baum zu Fall gebracht hat, auch bringt er dies Ereignis nicht gleich in Zusammenhang mit den Gestalten am Ufer; aber sein Instinkt sagt ihm, daß es hier gefährlich geworden ist, und er halt es für geraten, sich ein Stück stromabwärts in größere Sicherheit ju begeben. Da liegt er jetzt im schützenden Dunkel, unb feine Gedanken beschäftigen sich weniger mit dem umgestürzten Baum als mit jenen Lebewesen, von benen er eins sicher weiß: baß es nämlich roeber Antilopen noch Paviane finb, fonbern etwas, bas ihm bis heute noch nicht vor bie Augen gekommen ift. Eines Zages könnte man sich mal eine Kostprobe verschossen Vielleicht schmeckte so was ganz anders als Gazelle ober Zebra, unter Umstanden auch wesentlich besser als Flußpferdaas. Ohne Zweifel werden diese Ge- schöpse ja früher oder später wieder zum Fluß kommen zum Zrinten, wie es die anderen Ziere am Ufer auch machen; dann könnte man ihnen Abendlied. Von Matthias Claudius. Der Mond ist ausgegangen, Die goldnen Sternlein prangen Am Himmel hell und klar; Der Wald steht schwarz und schweiget, Und aus den Wiesen steiget Der weiße Nebel wunderbar. Wie ist die Welt so stille Und in der Dämmrung Hülle So traulich und so hold! Als eine stille Kammer, Wo ihr des Tages Jammer Verschlafen und vergessen sollt. Seht ihr den Mond dort stehen? — Er ist nur halb zu sehen Und ist doch rund und fchön! So sind wohl manche Sachen, Die wir getrost belachen. Weil unsre Augen sie nicht sehn. Wir stolze Menschenkinder Sind eitel arme Sünder Und wissen gar nicht viel; Wir spinnen Lustgespinste Und suchen viele Künste Uni) kommen weiter von dem Ziel. Gott, laß uns dein Heil schauen, Auf nichts Vergänglichs trauen. Nicht Eitelkeit uns steun! Laß uns einfältig werden Und vor dir hier auf Erden Wie Kinder fromm und fröhlich sein! Wollst endlich sonder Grämen Aus dieser Welt uns nehmen Durch einen sanften Tod! Und, wenn du uns genommen, Laß uns in Himmel kommen, Du unser Herr und unser Gott! So legt euch denn, ihr Brüder, In Gottes Namen nieder; Kalt ist der Abendhauch. Verschon uns, Gott, mit Strafen Und laß uns ruhig schlafen! Und unfern kranken Nachbar auch! Oesterreich in der deutschen Musikgeschichte. Von Hans Joachim Moser. Nicht nur dank der Begünstigung durch Klima und Natur, sondern it allem auch durch glücklichste Mischung der Stämme und Rassen- tyitn ist die Ostmark an der Donau seit fast tausend Jahren zu einer bedeutendsten Musiklandschaften des deutschen Kulturreichs, ja der Bit geworden: der Hauptmasse der im Stromtal abwärtsdrängenden Bibern gesellten sich von Sudetendeutschland und Schlesien her Oberin* mittelfränkische Kolonisten, und wenn das bajuvarifche Jodelstnger- über den Brenner südwärts wanderte, so kamen ihm ebenso mustk- nndige Alamannen vom Engadin, aus Allgäu und Vorarlbergs in die sinke — Dinarisches, Ostisches und Nordisches gaben fick tonendes ^lldichein vom Bregenzer bis zum Wiener Wald, bis ins Burgenland ’-r* nach Gottfchee hinüber. Und immer wieder, wenn Türkeneinsalle Üi^derösterreich und Steiermark verheerten, rückten liedgewohnte Sieö- sskcharen aus Pfalz und Schwaben, aus Franken und Hessen ms itnaubetfen nach — die Zuzügler Gluck (aus dem Bayrischen -Bolo), 8 ethoven (aus dem Kurkölnischen), Schubert laus Oesterreichisch- ^lesien), Brahms (von der niederdeutschen Waterkant) können wie ichträgliche Symbolträger jener Anziehungskraft gedeutet werden, die 1 Oesterreichertum der deutschen Musik hat entstehen lassen Dabei Ken sich (unter geringer Einstrahlung der vorgefundenen slawischen magyarischen Anrainer) deutlich unterscheidbare Stammesmerkmale M) im Volksgcsanq entwickelt, die steirischen, falzburgischen, kartne- sishen, Tiroler, ober- und niederösterreichischen Sonderarien des Vieber- tzes, seiner Ausführungsformen, seines Grundklanges drangen sich hellhörigen sofort entgegen, obwohl die gleichen Dominanten überall K«usschauen, die das „bairisch-Aelplerische" und das „osterreichisch- »ewelgerische" vielleicht am ehesten heißen dürfen. ,/Südostmärkischer Gesang meldet sich seit spatkarolmgischer Zeck da !>Öer aus den Tod Herzog Erichs von Friaul erklingen, und der Bischof ?>»>ther von Bamberg sich auf seinen kärtnerlschen Gutnn w " ks elleuten über Dietrich von Bern und die Rabenschlacht vorsingen Mit dem Kürenberger, der seine Burg bei Linz hatte, er- '>t sich der deutsche Minmsang, über dessen Anfänge der Qeftrenge limricf; von Melk grämelte, und in »Kurenberges Werse ward die 1* Gestalt des Nibelungenliedes für Bischof P'lgram von Passau ver- A, nachdem schon jahrhundertelang die Blinden aus der osterreich) sch elungenstrahe von Kriemhild und Rüdiger von Pöchlarn gesungen Viten. Am Wiener Hose Leopolds von Babenberg sangen »die fuße WigaU von Hagenau" und der junge Walter von der Bogel 'ube, ebenfalls dann der derbe Neichart von Neuental und der Stuttgart und — bis hinauf 86jähriger Hofkapellmeister Ferdinands I. die müden Augen, und fein Schüler Arnold von Bruck („Dechant zu Laibach") folgt ihm im Amt nach, in ganz Deutschland wegen seiner Liedsätze und Motetten bewundert. Bald danach empfängt das Reich aus Wien bk lustigste, aller Ouodlibet- fammlungen, die dort ein rheinpfälzischer Schulmann, Wolfgang Schmeltzl, mit Hilfe österreichischer Kleinmeister herausgegeben hat, und man singt schmunzelnd die „Bauren von Sankt Pölten". In Prag aber beginnt der Krainer Jakob Handl (Gallus) seine mehrchörig- glanMvllen Kirchenwerke zu schreiben, die ihn zum „deutschen Gabrieli" stempeln, während in Salzburg und Innsbruck der Freisinger Joh. Stadtmayr sich zu einem „deutschen Palestrina" entwickelt und der Tiroler Franziskaner Blasius Amon den Wienern treffliche Motetten schreibt. Am Anfang des Barockjahrhunderts liefern Isaac Posch in Laibach und Paul P e u r l in Steyr reizende Beiträge zur deutschen Tanzsuite für Orchester, und ein Andreas Hofer liefert Salzburger Messen — hier blüht die Kirchenmusik durch E b e r l i n, Leopold Mozart, Adlgasser, Michel Haydn. Daß Wien allnächtlich von dem Lautengeklimper der Ständchenmusikanten widerhallte, berichten Fremde ebenso aus dem 15. wie 17. Jahrhundert, und der Pater Abraham a Santa Clara hat ihr Ausrücken vor der Polizei in ergötzlichen Versen geschildert. Eine unvergleichliche Musikstadt von der Heurigenkapelle (Vratlgeiger) der Volks- musikanten — man denke an den armen Augustin! — bis hinauf zum Kaiserhaus: von Leopold I. bis zu Karl VI. sind die Majestäten gelernte Tonsetzer gewesen, die kleine Maria Theresia fang in öffentlicher Messe die Soli, und die Erzherzöge sahen am Generalbaß. Größten Glanz entfaltete die Hofopfer, die alle venezianischen Meister auffuhrte und in Heinrich Schweitzer einen trefflichen Ballettkornponisten besaß — dieser und Ignaz Franz v. Biber eröffnen auch die österreichische Violinvirtuosenschule, die über Dittersdorfs, May- f eb er, Element (ben Empfänger von Beethovens Violinkonzert), Jakob D o n t und Joseph Böhm bis zu den Hellmesbergers reichen sollte. Die Wiener Klavier- und Orgelmeister dagegen waren meist Zugereiste: Froderger, ein Stuttgarter, Poglietti^ den 1683 die Türken erschlugen, ein Italiener, K e r l l, Bayer, Pachelbel, Franke Muffat, Elsässer, aber der alte treffliche Wagenseil, den sich das Kind Mozart zum Umblättern erbat, echter Wiener. Zu Beginn des Rokokojahrhunderts beherrschte die österreichische Musik der noch heute verehrte Kontrapunktlehrer Joh. Jos. Fux, ein Steirer der ebenso in Messen von altem und neuem Stil wie mit Orchestertänzen und Opern geglänzt hat. Heber die beiden Reutter, die an Sankt Stephan die Kantorei regierten, geht es dann zu Antonio Caldara und Joh. Adolf Hasse, die den italienischen Opernprunk gleichermaßen beherrschten. Ihre Herrschaft brach erst Gluck, dessen O r f e o" (1763) die große Opernreform zum Musikdrama hin eröffnete, während er für den kaiserlichen Familiengebrauch in Schönbrunn die Fülle seiner „reschen" sranzösischen Spielopern schrieb. Welch herrlichen Aufschwung erlebte die österreichische Symphonik und Kammermusik mit Joseph Haydn aus Rohrau im Burgenland, der zu Eisenstabt wirkte und in Wien starb! Und welche Segenskräfte erwuchsen ber Welt aus der Vereinigung augsburgischen und salzdurgischen Geblüts >n Wolfgang Amadeus Mozart! Das deutsche „Nationalsingspiel" des Patrioten Kaiser Joseph II., mit den „Bergknappen" von Umlauf 1778 eröffnet (un gleichen Jahr beginnt auch mit Anton Steffan bas Wiener Lied), erlebte in Mozarts „Entführung" den künstlerischen Höhepunkt —; als bald danach bei Hofe die Italiener siegten, mit deren Kräften immerhin Figaro" „Don Giovanni" und „Cosi fan tutte" in die Welt traten, mußte die ,Äauberflöte" sich mit dem volksnahen Vorstadttheaterchen Sckikaneders begnügen — kein Papageno ohne den Wiener Volks- qeist! Dittersdorf, Schenk, W. Müller führten das Bolks- finqfpiel weiter. Die gleiche Hochkultur des österreichischen Adels aber, bie den Streichquartetten Haydns, den Sonaten und Klavierkonzerten Mozarts Heimat und Voraussetzung geboten, schirmte auch die steile Aufwärtsentwicklung des jungen Beethoven bis zum napoleonischen närrisch verliebte Ulrich von Liechtenstein ihre dörperlichen „reie", denen aus Tirol der von Sunnburg und (nach soviel Typisierendem) als der erste große Realist der deutschen Lyrik der wüste und doch geniale Oswald von Wolkenstein antworteten, mit dem die deutsche Mehrstimmigkeit ihren ersten Meister gewinnt. Kurz vor ihm, Ende des 14. Jahrhunderts, hatte Hermann der „Münch von Salzburg" am Minnehof des Salzburger Erzbischofs die alten Falkenmotive der Küren- bergzeit aus Spielmannsbrauch erneuert und Tageliedszenen, plastisch dramatisiert — bei ihm begegnet als jennerischer Singtanz ber erste taktwechselnde „Zwiefaltige" von merkbarer Alphornmelodik. In den Klöstern zu Mondsee und Lambach sang man luftige TOartin-jtanons. Um die Mitte des 15. Jahrhunderts aber taucht ein erster Eigenwuchs geistlicher Polyphonie in Wien auf — von dem Stephanskantor Hermann Edlerauer sind erst jüngst Motetten und Mesfensätze entdeckt worden. Dann entsteht zu Graz und Wiener-Neustadt die Hoskavelle Kaiser Friedrichs III., und ihr reiches Repertoir wandert zum beutschen Domkapitel nach Trient, wo es ber Bischof Hinderbach in unschätzbaren Folianten auffdjreiben läßt — bie Messe über das beutschmährische Lied „Nun laube, ßinblein, taube" ist eines der schönsten Beispiele unter fast zweitausend Stücken jenes-Schatzes. Um 1490 ist Innsbruck Mittelpunkt des österreichischen Musiklebens: in der Kapelle des durch den Schwazer Silberbergbau reichgewordenen Erzherzogs Sigismund prangt ber aus Radstatt in ben Touren gebürtige Orgelmeister Paul Hofhaimer, beffen „engelhafte" Hofweifensätze heute wieder in ber Jugendmusik leben, und der Flame Heinrich Isaac singt hier (vielleicht in des jungen Kaiser Maximilians Namen) das unsterbliche „Innsbruck, ich muß dich lassen". Wenige Jahre spater, und der junge Schustergesell Hans Sachs aus Nürnberg dichtet und melodiert zu Braunau am Inn seine edle „Silberweise" (1516). Auch in Oesterreich blüht die altdeutsche Liebbearbeitung au,= höchste — Heinrich Finck, der Meister gewaltiger, spätgotischer Messen für ~ ' Salzburg, schließt 1527 im Wiener Schottenkloster als apeUmeifter Ferdinands I. die müden Augen, und sein Zusammenbruch. Dann setzte das österreichische Bürgertum diese stolze lleoerlieierung fort, und Schuberts Schassen darf als sein schönster Ausdruck verstanden werden, obwohl sein Liedergeist die Grenzen des Wienerischen und Oesterreichischen ebenso gewaltig ins Gemeindeutsche überwuchs wie Beethovens weltumspannende Symphonik und Sonatendichtung. Dies Gesamtdeutsche im Oesterreicher aber verkörperte später unvergleichlich herb und stark der Liedmeister Hugo Wolf. Zahlreiche treffliche Kleinmeister der Jahrhundertwende wie des Bindermeier wären zu nennen, die in jeder andern Landschaft ausgefallen wären — hier bleiben sie bloße Hintergrundgestalten vermöge des kaum übersehbaren Reichtums der „Wiener Klassik". Aber wieder ist es das Volksmusikantentum, das bis ganz nach oben durchschlägt: Lanner, der alte Strauß, dann die Genies Johann, Joseph und Edi Strauß, die vor allem den Wiener Walzer auf dem Untergrund des Ländlers und Deutschen zum Welterfolg entwickelten. Und Johann, den man den „musikalischsten Schädel des 19. Jahrhunderts" genannt hat, schafft die Wiener Operette zu einem Machtfaktor des Unterhaltunas- fpielplans, dem Franz Lehar den zweiten Gipfel geschenkt hat. „An der schönen blauen Donau", „Geschichten aus dem Wiener Wald", „Wiener Blut", „Rosen aus dem Süden" — sie sind zwar nicht in dem Maße wie Schuberts „Deutsche Tänze" Ausdruck des Oesterreichertums schlechthin, sondern höchstens Spiegelungen des Zeitalters Franz Josephs geworden, als solche aber höchste Beispiele schwungvoller Inspiration. Wie haben ein Brahms und Richard Wagner diese Kunst geschätzt und' bewundert ... Einer jedoch hat das Oesterreichertum nicht nur von der Barockzeit bis zur letzten Romantik, sondern geradezu die ewige Slldost- mark seit „heidnischen" Dörperzeiten aus unsterbliche Weise zusammengeballt und uns bezaubernd, ja erschütternd vor die Herzen und Sinne gestellt: der Schulmeister von Windhag in Oberösterreich, der Stiftsorganist von Sankt Florian: Anton Bruckner. In seinen neun Symphonien und drei Messen, dem Streichquintett und den Männerchören mit Hörnern und Jodlerstimmen lebt die Urstimme der herrlicken Landschaft vom Schneeberg und Kahlenberg, vom Mühlviertel und den prunkvollen Donaustiften herabgesehen, jauchzen und necken die fröhlichen weingesegneten Gesellen aus der Wachau und aus dem Bandlkramer- landl, hier sprechen Alpenstürme, der düstere Hallstadtersee schaut auf, und der deutsche Michel träumt ins Land hinaus. In den Tagen der Schlacht auf dem Marchfeld, da der Unverzagte sein Spottliedchen auf den Geiz Rudolfs von Habsburg fang, bestaunte freundlich der gelehrte Benediktiner-Abt Engelbert von Admont (im nordsteirischen Ennstalj das Gottesgeschenk der österreichischen Spielleute, die ohne kirchliche Musiktheorie „ganz richtig kadenzieren"; es ist im Grunde noch dasselbe, wenn der treffliche Wiener Hofkapellmeister über den freiwilligen Prüfling Bruckner staunend sagte: „Er hätte uns prüfen sollen!" Und so steht das schwerer zum Sprechen zu bringende Deutschland dem unerschöpflich quellenden Musiziergeist Oesterreichs, den heute etwa W. Kienzl, Reznicek, Bittner, Jos. Marx, Jos. Reitter, Frischenschlager, Jos. Meßner, Franz Schmidt, Franz Moser, Richard Stöhr verkörpern, in freudiger Anerkennungsbereitschaft gegenüber, stolz darauf, daß auch hier das gemütvolle Anzengruber-Wort Wirklichkeit werden soll: „Heimgefunden". Der römische Brunnen. Bon Conrad Ferdinand Meyer. Ausfteigt der Strahl, und fallend gießt er voll der Marmorschale Rund, die, sich verschleiernd, überfließt in einer zweiten Schale Grund; die zweite gibt, sie wird zu reich, der dritten wallend ihre Flut, und jede nrtnmt und gibt zugleich und strömt und ruht. Ser Tod der Annette von Droste-Hülshoff*). • Von Hans Franck. ... Co kommt das Jahr 1848 heran. Die Welt ist in Aufruhr. Unterstes wird noch oben, Oberstes nach unten gekehrt. Fürstenthrone stürzen. Ueberall wird die Republik erklärt. Vor dem Rathaus in Meersburg ruft ein Konstanzer Revoluzzer die neue Staatsform aus. Ein aufgewiegelter Volkshaufe stürmt zur Burg. Man fordert Herausgabe aller Waffen. Die Frauen fliehen in die hintersten Gemächer. Lahberg tritt den Frei- fchürlern entgegen und weigert ihnen fein Eigentum. Vor dem aufrechten Mannestum des fast Achtundsiebzigjährigen ducken sich die Aufrührer und ziehen wieder ab. Als der Burgherr zu den Frauen kommt, liegen sie auf den Knieen und beten für die Erhaltung feines Leibes; wenn aber »ie wüsten Menschen ihn doch erschlagen sollten, bann für eine gnädige Heimfahrt feiner Seele. Lachend hebt Joseph, Freiherr von Laßberg die verwirrten Droste-Schwestern vom Boden auf. ort Al) öiefem 2Ibenb packt Annette ihre Koffer und richtet alles zur Abreise her. -sie will bereit sein zu jeder Stunde. Wenn noch einmal bewaffnete Manner über die Schloßbrücke stürmen, bann wirb sie auf einem nur wenig bekannten Wege bie Burg verlassen und abfahren. * Wir entnehmen diesen Abschnitt dem Werke „Annette", Droste- Roman von Hans Franck, 50. Tausend, Adolf Sponholtz Verlag, Hannover, mit freundlicher Genehmigung des Verlages. Nicht nach Deutschland. Dort ist keine Ruhe, kein Frieden. Sondern nach der Schweiz. Nach drüben. Ans andere Ufer. Der 10. April kommt, Laßbergs achtundsiebzigster Geburtstag. Der Husten quält Annette so, daß sie dem Schwager ihre Glückwünsche nicht persönlich überbringen kann. Sie schickt ein Gedicht nach oben. „Liebe", heißt das Wort, in das es ausklingt. Immer heiterer, immer ruhiger, immer friedlicher wird Annette. Am 16. Mai schreibt Lahberg der Mama nach dem Rüschhaus, dah es Nette gutgehe, so gut wie seit Jahr und Tag nicht mehr. Gesund sehe sie jetzt aus. Geschafft! Das kann man auch füglich verlangen von dem Kiekindiewelt. 51 Jahre! Wenig mehr als die Hälfte des Weges zurückgelegt, den es hinter sich zu bringen gilt! Er habe vor kurzem Obstbäume gepflanzt und rechne mit Sicherheit darauf, dah sie beide im Schatten dieser Bäume sitzen und sich ihre Früchte wohl schmecken lassen werden. Am 19. Mai machte Annette einen Spaziergang im Burggarten. Sechstausend Schritt zählt sie. Mehr als seit langem. Und sie ist trotzdem nicht müde. Auf ihren Wunsch singt Jenny mit ihr, wie in alter Zeit, ein Duett. Sie begleitet es an ihrem Spinett. Drei Nächte darauf wird Annette von Bluthusten überfallen. Nicht schlimm! Wird vorübergehen. Dennoch weckt sie die Jungfer, welche ständig im Nebenzimmer schlafen muh, und bittet, den Arzt zu rufen. Dr. Kraus ist schnell zur Stelle. Denn er weilt noch als Gast bei Lahbergs auf der 'Burg. Der Kranken zeigt er ein hofsungsvolles Gesicht. Den Verwandten verhehlt er nicht, dah es ernst steht. Auch in den nächsten Tagen Bluthusten. Aber der Auswurf nimmt ab. Am 24. Mai, nach durchschlafener Nacht, ist Annette wohler als seit vielen Wochen. Der Atem geht leichter. Der Husten quält sie nicht. Das Blut bleibt fort. Die Schwester ist während des ganzen Vormittags bei ihr und matt.an einem Bilde. Annette bewundert es sehr. Um bie Mittagszeit geht Jenny nach oben zum Essen. Hildegund und Hildegard bleiben bei der Kranken. Dann geht auch Gundel. Nur Hillala, ihr Liebling, ihr Kind, ist bei Annette. Das Mädchen bringt etwas zu essen. Annette kostet, als es wieder gegangen ist, die Speise. Bekommt einen HustenaAfall. Wirft Blut aus. Nicht viel. Aber sie schickt Hildegard nach oben. Der Arzt, der mit den Eltern zu Tisch sitzt, soll kommen. Keinesfalls sogleich. Sondern erst wenn die gemeinsame Mahlzeit vorüber ist. Dr. Klaus aber eilt unverzüglich nach unten. Jenny folgt ihm auf dem Fuße. Lahberg humpelt hinterdrein. Als der Arzt das Zimmer betritt, atmet Annette nicht mehr. Allein — von keinem Menschen betreut, beweint, bebetet — hat das große leidenschaftliche Herz Annette von Drofte- Hülshosfs feinen letzten Schlag getan. Des selben Tages schreibt Joseph, Freiherr von Laßberg an seinen Freund Ludwig Uhland: „Die Droste ist entschlafen. So ruhic und schnell starb di übe Nette, daz si, eh sie es selber dachte, schon an der tuer des Himmels stand". Der Wunsch Thereses von Droste-Hülshoff, daß Nette vor ihr zu Grabe getragen werden möge, hatte sich erfüllt. Als sie im Rüfchhaus die Kunde von dem Tode ihrer jüngsten Tochter erhielt, sagte sie: „Ihr ist wohl". Dann richtete die Sechsundsiebzigjährige sich aus und ging an ihr Tagewerk. Jenny aber, Hildegund und Hildegard weinten viel. In dem weihen Brautkleid der Schwester, dem Tode anoerlobt, lag Annette auf ihrem Lager. Weiße Rosen hatte man in ihre Hand gegeben; unberührte Rosen, die am Morgen vor ihrem Fenster erblüht waren, so daß man nicht auf die Suche nach ihnen zu gehen brauchte, sondern nur nötig hatte, den Blumen, die sich drängten, bei Annette zu sein, die Fenster aufzumachen, daß sie im Sterbezimmer waren. Am 26. Mai, einem sornrnerhellen Tage, wurde die Droste zur letzten Ruhe gebracht. Man trug den Sarg über die Burgbrücke, durch verwinkelte Stadtgaffen, an Weingärten, blütenüberfäten Hängen, am Fürstenhäusle vorbei durch Felder zum Friedhof aus der Höhe. Joseph, Freiherr von Laßberg und sein'nunmehr einziger Sohn aus erster Ehe folgten ihm. Aus der Umgegend waren adlige Bekannte gekommen, um der Schwägerin des Burgherrn das letzte Geleit zu geben. Einwohner Meersburgs schloffen sich an; erst einige, dann mehr, immer mehr, zumeist Leute aus dem Volk. Denn allen war das kurzsichtige gebückte Fräulein, von dem es hieß, daß sie ein wenig wunderlich sei, lieb gewesen. Aus dem Begräbnisplatz der Familie Laßberg wurde als erst« Annette von Droste-Hülshoff beigefetzt. Nicht etwa mitteninne, fo daß alle Späteren den Kreis um sie schloffen. Sondern seitab. Wie im Leben — so im Tode. Der Grabstein Annettes zeigt das Wappen der Droste, den geflügelten himmelanspringenden gekrönten Fisch. Unter Namen und Daten steht zu lesen: „Ehre dem Herrn!" In ihrem dichterischen Lebenswerk hat Annette sich mit den „Letzten Worten" einen anderen Todesspruch gesetzt. Diesen: „(Beliebte, wenn mein Geist geschieden. So weint mir keine Träne nach; Denn, wo ich weile, dort ist Frieden, Dort leuchtet mir ein em’ger Tag! Wo aller Erdengram verschwunden, Soll euer Bild mir nicht vergehn. Und Linderung für eure Wunden, Für euern Schmerz will ich erstehn. Weht nächtlich feine Seraphsflügel Der Friede übers Weltenreich, So denkt nicht mehr an meinen Hügel, Denn von den Sternen grüß' ich euch!" Friede--Friede---Gott schenke ihn uns allen! Amen. Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Vrühlsche Universitätsdruckerei A.Lange, Gießen.