SietzenerZamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger Jahrgang <938 Zreitag, den November Nummer 86 ßljnftme von Roman von Rolf Brandt Lopprlght 6p August Scherl Nachfolger, Berlkn 13. Fortsetzung. Sie ging mit ihren langen, ausholenden Schritten die Lützowstraße hinunter zu Graeser & Co. Ein paar Herren sahen thr nach. Sie merkte es gar nicht. Ein junger, eleganter Mensch starrte sie an und blieb stehen. Sie lächelte ironisch über ihn fort. Er war gar nicht da. Es war niemand da. Widerlich diese Herren! Aber ganz so schlimm war es auch nicht, daß man sie ansehenswert fand, denn daß es so war, das hatte sie gewollt. Wenn man will, kann man auch gut aussehen! Der alte Graeser rieb sich die Hände, als Christine eintrat. „Frau von Rucktasch, Sie sehen aus!. Wie eine junge Göttin sehen Sie aus!" „Milotti, lieber Graeser, Milotti, Milotti!" »Ich kann nicht anders als ,Frau von Rucktasch' sagen! Sie sind dem Herrn Großvater doch wie aus dem Gesicht geschnitten, und Sie malen immer besser. Ihr letztes Porträt haben Sie aber nicht bei mir ausgestellt Waren Sie nicht zufrieden?" „Ich war zufrieden, lieber Graeser, deshalb komme ich ja auch zu Ihnen, um Ihnen ein großes Geschäft anzubieten. Wir haben noch drei größere Bilder von meinem Großvater, das eine, die schlafende grau, will ich verkaufen. Ich hatte schon ein Angebot von tausend Pfund .. »Das hätten Sie annehmen sollen, das ist heute ein Riesenvermögen." „Ich weiß, es zerschlug sich." „Ich könnte nicht ein Viertel davon bieten. Außerdem —", der alte Mann sah sie wohlwollend an, „müssen Sie verkaufen? Was machen Sie mit dem Selbe?" Ich kann Ihnen keine Valuta geben, so gern ich mochte." „Ich will sofort ein Haus dafür kaufen. Es ist möglich, daß das Atelier ungeeignet für meine Familie wird." Graeser fuhr scheu mit seiner auffallend kleinen Hand über ihren Arm: »Hch verstehe, ich verstehe! Was soll das für ein Haus fein, man hört so allerlei." Draußen in einem Vorort. In der Nähe müßte Wald fein, es müßte natürlich ein großes Atelierfenster haben. Es dürfte nicht teurer fein als der Erlös von dem Bild. Gibt es so etwas überhaupt?" „Fahren Sie nach Neubabelsberg. Von dort gehen Sie die Straße rechts herunter nach Kohlhasenbrück. Wissen Sie, dort hat der berühmte Pferdehändler gehaust und seine Rache bereite!! Ja, dort hat ein Bildhauer oor dem Kriege ein sehr schönes Eckhaus bauen taffen. Es liegt ein bißchen hoch, es hat vier Zimmer und einen sehr großen Atelier- raum. Garten ist dabei, man geht durch eine alte Unterführung, es Ist die älteste, die es in Preußen gibt, wissen Sie, die Potsdamer Eisenbahn, Frau von Rucktasch, und dann ist man Im Walde. Der Bildhauer ist, glaube ich, verrückt geworden, ich weiß es aber nicht. Dann hat ein Schriftsteller das Ganze übernommen. Der war bei mir, er will das Haus nicht mehr halten. Er hat mir ein paar Sachen zum Verkauf gegeben, er hatte ganz schöne Bilder, und er hat mich gefragt. Ich glaube, Frau von Rucktasch, das ließe sich machen! Für Ihr Bild finden wir natürlich sehr leicht einen Käufer! Wollen Sie mir beides an die Hand geben, das Bild und die Geschichte mit der Villa? Fahren Sie hin und sehen Sie sich das Haus an. Sagen Sie, Sie kämen von mir." Er strich ihr wieder über den Aermel des dunkelblauen, schweren Paletots: „Ich glaube, Sie würden sich dort wohlfühlen! Fahren Sie gleich morgen hin." Man mußte sich nur zusammennehmen, dann ging schon alles! Christine ging mit Milotti den schönen Weg vorn Bahnhof nach Kohlhasenbrück. Die Kastanien waren schon ganz entlaubt, nur ein paar gelbe Blätter standen noch gegen den ganz hellen Vormittagshlrnrnel. Zur rechten Seite neben dem Bahngleis begann hoher Kiefernwald. Eine blasse Sonne lag auf den schwingenden Kronen. Zur Linken lag ein großes zweistöckiges Wirtshaus, dann waren da ein paar Villen. Jetzt mußte das Haus gleich kommen. Es stand da auf einer kleinen Höhe, das breite Atelierfenster funkelte, man mußte von dort über die Sträucher und den Rasen hinweg bis zum Wasser des Kanals sehen können. „Wie ist es, Hans, wollen wir es nehmen?" „Aber Kind, wir müssen doch erst sehen, wie die Räume sind. Wir müssen doch erst über den Preis reden!" „Hans, ob man ein Haus nimmt, das weiß man in dem Augenblick, Jroujjen zu kümmern. Sie haben ja vielleicht rsehen. „Die Trommeln des Cisco", Sie wissen, Es schwankt ein bißchen bei uns, die wir für da man es lieht. Das ift bei mir bestimmt so. Alles andere ... Hans, du mußt nicht lachen: Alles andere kommt dann von selbst." Der Besitzer des Hauses war sehr höflich und sehr elegant. „Ich habe nämlich" sagte er, „gar nicht genug Zelt, mich um das "eine Anwesen hier draußen zu kümmern. Sie haben ja vielleicht meinen letzten Film gesehen. „Die Trommeln des Cisco", Sie wissen, es ist em Welterfolg. Es schwankt ein bißchen bei uns, die wir für den Film arbeiten, jedenfalls hat Amerika den Film in echten Dollars auch gekauft, und ich spiele mit dem Gedanken, hinüberzufahren Mich halt hier nichts. Es erzählt Ihnen ja doch jeder, also warum soll ich es Ihnen nicht erzählen, gnädige Frau, ich habe Unglück gehabt, meine Frau verliebte sich m einen anderen ... Schwelgen wirk Sie können bas Haus haben, der alte Graeser hat schon mit mir telephoniert. Die Anzahlung würde genügen. Schwierigkeiten mit dem Wohnungsamt gibt es auch nicht, wenigstens vorläufig nicht. Das wäre die Sachlage, bitte schon! Er führte das junge Paar durch die Räume. Da war ein sehr elegantes Arbeckszlmm-r mit einem riesigen Schreibtisch, in dessen Mitte eme djone alte Porzellangruppe stand. An den Wänden waren ein paar helle Vierecke auf der Tapete. »Da hoben ein paar Bilder gehangen. Ich habe sie schon zu Graeser gegeben, mich Interessiert das nicht mehr. Cs war vor dem Abschluß des Vertrages, aber ich will sowieso hier alles auslö en. Haben Sie Interesse für die Möbel?" 7 „Nein", sagte Christine, „wir haben kein Interesse, Herr Doktor, wir haben selbst genug Möbel auf dem Speicher stehen." „Wohl noch von dem alten Herrn? Alle Hochachtung, meine gnädige grau! Der hat wenigstens etwas vom Leben verstanden!" „Vom Malen auch', sagte Christine. „Richtig, richtig, nur keinen Streit, vom Malen auch! Das wäre das Schlafzimmer." Fast in der Mitte des Zimmers stand ein riesiges französisches Bett, an den Wanden hingen ein paar Kopien von Watteau und ein paar Silber modernerer Franzosen, die ziemlich gewagte Schlafzimmerszenen darsiellten. Christine ging an eines der Bilder heran. Eine junge grau mit langen blonden Haaren lag auf einem Ruhesofa, in ihrer rechten Hand hielt sie einen Romanband, der Arm war herabgesunken, und die junge grau träumte. Christine lächelte: „Doktor, dies ist ein schlechtes Bild. Sehen Sie, draußen scheint Winter zu fein, es kommt ein ganz kaltes Licht durch das genfter. Ich weiß nicht, ich würde mich zur Lektüre eines Romans anders anziehen. Es Ist außerdem schlecht gemalt, Doktor." „Darum hängen die Bilder ja auch nicht hier", sagte der Filmschrlst- steller. „Man braucht so ein bißchen Anregung, wissen Sie." ,X> bitte", sagte Christine, „jeder muß haben, was er braucht! Mich zum Beispiel würden schlecht gemalte Bilder nie anregen." Milotti sagte leise zu Christine, während sie in die Küche gingen: „Warum ärgerst du den Doktor fo? Ich denke, du willst das Haus taufen?" »Hans, den ärgerst du nicht so leicht. Außerdem will er bestimmt verkaufen. Ick) werde Graeser sagen, daß er mit dem Preis herabgehen soll. Der hat ja schon die Passage für Amerika gebucht, das merkt man doch." Als sie sich verabschiedeten, sagte Milotti: „Also, meine grau und ich sind entschlossen, das Haus zu übernehmen. Ich glaube, bis Mitte November könnte die Angelegenheit in Ordnung kommen." »Nein, Herr Baron, frische Fische sind gute Fische! Das Haus steht da. Sie haben es gesehen, Herr Graeser hat mir gesagt, das Geld wäre da — schlechtes Geld, aber Immerhin in Aktien! Was In ein paar Tagen ist, weiß ich nicht, ich will hier absckilleßen." „Hans, ich glaube, bann entscheiden wir uns", sagte Christine. „Also treffen wir uns morgen im Beisein von unserem Freunde Graeser bei Justizrat Klein." „Es geht in Ordnung", sagte Christine. Christine und Milotti schritten durch den Bogen der alten Unterführung und gingen den breiten Waldweg entlang, der zu dem kleinen Jagdschloß führte. Die Kiefernstämme standen wie goldrote Säulen in weiten Abständen neben dem Weg. Von der Schonung zur Linken wehte ein kühler Wind. Milotti nahm ihren Arm: „Frierst du?" „Mir ist es ganz gut, Hans. Der Mann ist doof. Das Haus ift reizend Wenn es irgend geht, müssen wir neu tapezieren lassen. Der Garten ist ganz verwahrlost. Ach, weißt du, in der Nachbarvilla da hatten sie einen alten Gärtner! Es gab da eine ganz kleine Allee von Rosenstöcken, gelben und roten und hellroten. Sie hatten alle so schöne Namen nach Prinzen und Marschällen und Königen, und sie rochen alle anders. Sie hatten da auch Marschall-Nlel-Rosen, weißt du, diese gelben Rosen mit den gleblich- grünen Blättern. Sie riechen ganz süß und senken Immer ein wenig den Kopf. Man hat mir erzählt, daß alle Marjchall-Niel-Rosen in der ganzen Welt sterben müßten, wenn der Rosenstock einginge, von dem sie einmal alle stammten. Das ist merkwürdig, nicht wahr, Hans?" Milotti antwortete aus einer ganz anderen Gedankenreihe heraus: „Du liebst die Rosen so, ich sah sie bei uns stehen. Christine, tut es dir leid?" „Was soll mir leid tun?" „Daß du Beoeridge nicht näher kennengelernst hast? Sieh, Christine, wir wollen doch ehrlich sein, ich kann dir nichts bieten! Was kann ich schon tun!" „Hans, du bist ein alberner Junge! Ich bin ein Weltkind, das weißt du, ich will auch gar keine Heilige fein, mir sind die Heiligen greulich, weiht du! Also es ist selbstverständlich, daß es einer Frau ein bißchen in den Kopf geht, wenn ein Mann wie Beveridge ihr den Hof macht und ihr erklärt, wie er ihr das Leden ausgestalten wolle." „Das hat er getan? Der Mann ist wohl verrückt!" „Hans, du mußt nicht den Unvernünftigen spielen, es steht dir gar nicht. Unsere Kameradschaft..." „Ach, Ich soll immer vernünftig sein!" „Mußt du auch, Hans! Denkst du, ich habe es immer leicht?" Plötzlich stossen Tränen über Christines Gesicht. Milotti begriff sofort: „Armes Baby, was hast du für einen gräßlichen Kerl neben dir! Weißt du was, wir schießen diesen Milotti tot, und dann schmeißen wir ihn in den Kanal. Aber, Christine, du muht nicht meinen!" „Mir ist jetzt oft nahe daran. Jetzt haben wir das Haus auf dem Hals, und wenn man nicht tapfer ist..." „Ader, Christine, wir werden tapfer fein! Ich werde Steine klopfen, wenn es notwendig ist." „Das weiß ich, Hans." Sie drückt ihm die Hand, während sie den Arm in dem seinen ließ. „Nur: Steineklopfen bringt fo schrecklich wenig ein. Aber es ist schon gut. Komm, wir wollen umkehren, der Wind ist doch ein wenig scharf." Als sie durch die Unterführung schritten, blieb Christine einen Augenblick in dem mächtigen alten Torbogen stehen. Sie küßte Milotti, sie küßte ihn wie ein junges Mädchen mit fielen sanften, kleinen Küßchen, die schnell, wie die Schwingen eines Bogels fast, seine Wangen berührten. Milotti nannte dies: „Es sind deine Schwalbenküsse, Christine." „Wir werden nicht mehr von Beveridge sprechen, Hans, nein? So leicht war es für mich auch nicht." Christine saß in einem weißen losen Sommerkleide auf der Terrasse des neuen Hauses. Hinter den schmalen Säulen, die den Vorbau trugen, der wie ein Dach über der Terrasse ruhte, stand blauer Sommerhimmel. Ein leichter Luftzug kam vom Kanal und wehte den Duft von blühenden Linden heran. Christine hielt ihren kleinen Sohn in den Armen. Das Kind hatte einen Finger der jungen Muter sest umklammert. Es hatte hellblondes, dichtes Haar wie der Vater. Milotti stand vor der Staffelei und malte. Seine Lippen waren zu- fammengetniffen, feine Augen waren voll ungeheurer innerer Spannung. Er hatte lange darum bitten müssen, bis Christine sich ihm als Modell mit dem Kinde stellte. Sie hatte ihm gesagt: „Das Motiv Mutter und Kind ist so ungeheuer schwer, Hans." Sie wollte nicht, daß er sich unnütz abquälte, daß in sein gutes und helles Gesicht dieser harte Zug eines Kampfes tarn, von dem sie wußte, daß er thn verlieren mußte. Milotti malte mit Verbissenheit. Seine Augen sahen bas Blühen auf diesem Gesicht, sie sahen die kleinen, kleinen Hände, die an den Knöpfen des Kleides in der Hohe der Brust herumtasteten. Er sah diese Augen von Christine, wissend und gütig, er sah diese Haltung, wenn diese Augen S senkten,' so daß die dunklen Wimpern wie ein Schatten über den em lagen. Er sah das Lächeln um den großen, kühnen Mund, dies Lächeln, das plötzlich das ganze Gesicht wie von innen ausblühen ließ. Er arbeitete fieberhaft. Schweiß rann ihm über die Stirn. Er wischte, setzte wieder neu an, trat zurück, stampfte plötzlich mit dem Fuß auf: „Oh, Christine, ich habe eine solche Sehnsucht, dies Bild zu malen! Verdamme mich die Hölle, ich kriege es nicht!" „Du sollst nicht fo fluchen, Hans! Du hast ein reizendes Kind, du haft eine furchtbar nette Frau." „Ich weih, Christine, ich weih! Mir ist es aber gar nicht nach Scherzen zumute, ich muß bas Bild schaffen!" Er begann roieber zu arbeiten. Christine sang mit ihrer brüchigen, tiefen Stimme. Sie sang bas uralte Kinderlieb: „Schlaf, Kindlein, schlaf. Dein Vater ist ein Schaf,. Dein Vater ist ein Dufseltter . . . Was kannst du armes Kind dafür?" „Christine, ich bitte dich, du siehst, wie ich mich abquäle..." „Aber Hans! Wir hatten doch ausgemacht, daß man sich das Leben unter allen Umständen erleichtern soll! Sieh mal, es ist doch wirklich dreckig genug um uns. Die anderen haben Geld, wir haben keines. Bilder verkaufen wir nicht. Soll ich da nicht einmal mehr lachen, Hans? Ich denke nicht daran, und ich lache doch! Hans, solange wir noch ein Stückchen Brot haben, lache ich. Mir ist ganz gleich, und du bist weiter nichts ... als ein lieber bummer Kerl!" „Christine, mir ist es Ernst!" „Schön, Hans schweigen wir!" Er malte schweigend eine Stunde. Dann trat er zurück und zerbrach den Pinsel: „Du hast recht, Christine, lassen wir es!" Er lief in den Garten. Christine trug bas Kind behutsam in seine Korbwiege, deckte das kleine Wesen vorsichtig zu und trat bann hinter die Staffelei. Es war eine fremde Frau, die sie da anblickte, nur die Augenpartie war gut. Es ist gar nicht so schlecht, dachte ChrLCne, aber es fehlt irgend etwas! Er kann nicht zeichnen, das ist es. Das Kind liegt falsch. Oh, es ist ja lächerlich, daß er sich darauf kapriziert! Ich glaube, ich war begabter, und ich weiß ziemlich genau, was mit meiner Malerei los ist. Dieser blöde Architekt neulich hatte vielleicht sogar recht. Es ist mit der ganzen Malerei nicht viel los. Sie sind ja alle erschöpft von dem anderen Erlebnis. Er malt Muter und Kind, und in ihm brennt immer noch diese Hölle, er kann ja bas Trommelfeuer nicht vergessen, sie alle können es nicht vergessen! Sie können ben Hunger nicht vergessen, und ich ... wenn ich ein Junge wäre, würde ich vielleicht malen können. Sie ging Milotti in den Garten nach. „Hans, die Augen sind gut. Sie legte ihm die Hand auf die Schulter: „Hans, die ganze Geschichte mit der Malerei ist sehr schwer. Nimm's nicht so schlimm." „Was soll man denn tun, wenn man nur das gelernt hat, Christine! Schließlich..." t Ä . Christine blieb stehen: „Ich will dir etwas sagen, Hans, ich habe es mir in der letzten Nacht überlegt. Das Haus hier können wir nicht verkaufen, und ich will es auch nicht, wir bekommen ja außerdem nirgends eine Wohnung. Ich habe mir überlegt, Hans, fei nicht böfe und sieh es an, wie ich es ansehe. Du singst reizend zu deiner Laute. Geh zu Friedrich Hayn, weißt du, wir haben ihn vor einem Jahr tennengelernt, das ist der große Vermittler für Kabarette. Grütze ihn von mir." „Hat er auch mit dir geflirtet?" „Ja, das hat er, Hans, aber ich nicht mit ihm! Grütze ihn und spiele ihm gleich ein kleines Programm vor. Du hast entzückende Programme. „Ich habe keine Lust, Christine!" , „Du hast Lust, Hans! Du hast eine Frau und ein Kind, du hast sehr große Lust, Hans! Willst du gleich fahren, ober wollen wir es auf morgen verschieben?" „Nein", sagte Milotti, „ich will es nicht verschieben, du hast recht. „Wollen wir einteilen", sagte Christine. „Du gehst vielleicht besser am Bormittag zu Hayn, bann sahre ich heute nachmittag zu Graeser unb verlause ihm bie Palette." „Welche Palette?" „Die Palette von Grahvater." „Du bist verrückt, Christine, dein Herz hängt daran!" „Deswegen habe ich sie auch kopieren lassen." „Aber Christine!" , „ . „Hans, wir besitzen, glaube ich, noch eine Mark fünfunbzwanzig. Die Palette ist sofort zu verkaufen. Trennen wollte ich mich nicht von ihr. Dem amerikanischen ober sranzösischen ober holländischen Snob, der sie kaust, ist es schnuppe, ob bas Holz ein paar Jahre älter ist. Er hat bas Bewußtsein, bie Palette bes großen Christoph von Rucktasch in feinem wahrscheinlich gräßlichen Salon hinlegen zu können." „Du, das nennt man ..." „Deine Benennungen interessieren mich nicht, Hans. Patz auf das Kind auf, ich fahre in die Stabt!" Milotti starrte sie an: „Du hast also auf beutsch die Palette kopieren lassen?" „Nein, Hans, ich habe nur eine ebensolche Palette anfertigen lassen, und bas Kopieren habe ich bann selbst besorgt. Nun wollen wir aber wirklich nicht mehr bavon sprechen, zu oft kann man es überhaupt nicht machen. Ich beeile mich, so sehr ich kann. Wenn ber Mann mit der Milchrechnung kommt, sage ihm, wir würden morgen bezahlen, alles andere hat Zeit!" Christine machte einen kleinen Dauerlauf zum Bahnhof. Wie oft war sie diesen Weg heruntergerast mit schnellen, langen Schritten, wie oft war sie die Treppen ber Unterführung hinuntergestürzt und hatte im letzten Moment noch ben Zug erwischt. Sie hörte schon bas brausende Näherkommen der Lokomotive, als sie die Kontrolle passierte. Sie hastete die Stufen wieder empor, die zum Bahnsteig sührten. Beinahe wäre sie Ich falle Ihnen beinahe in die gefallen. Mein Gott, dachte sie, das hätte wieder ein paar Strümpfe gekostet, und außerdem soll ich mich nicht aufregen, das schadet dem Kind! Der Zug war schon eingefahren. Sie sprang in bas erste Abteil britter Klasse, dicht hinter bem Packwagen. Ein Herr öffnete ihr bie Tür und schloß sie wieder, als sie atemlos aus die Sitzbank sank. Der Zug fuhr schon wieder an. Christine fühlte vorsichtig nach ber Palette. Gott sei Dank, es schien ihr nichts passiert zu sein! Dann sah sie aus unb sagte flüchtig: „Danke! Der Atem stockte noch ein wenig, als sie bas Wort formte. „Immer bie alte! Mit einem Ruck in den fahrenden Zug, mit einem Ruck in die Ehe! Wie geht es Ihnen, Frau von Milotti?" Christine erkannte jetzt ibr Gegenüber: „Lieber Rottenbach! Professor, wie ich mich freue! Die Welt ist ja so klein und komisch! Werden wir hier in dieses Abteil zusammengeweht! Arme." „In die Arme leider nicht." „Warum hat man nichts von Ihnen gehört, Professor? Sie sind ja wie verschwunden und verschollen." „Es ist keine Zeit für Maler", sagte Rottenbach. „Sie wissen ja, dah ich mein Atelier aufgegeben habe ...." „Nichts weih ich! Ich hatte so ein bißchen mit mir selbst zu tun. Eine Zeitlang war ich — wie sagt man schon, lieber Professor — so etwas wie ein Star in der großen Welt." „Ich habe Porträts von Ihnen gesehen. Man hat mir gesagt, daß sie alle außerordentlich ähnlich seien. Außerdem, Sie können ja wunderbar zeichnen, wie Ihr Großvater übrigens auch." Draußen flog die Sommerlandschaft vorbei, Kiefernwälder, über denen ein Heller Dunst lag, am Rande ein paar Birten, die ihre Blätter schwer herabhängen ließen, als seien es große grüne Trauben. „Sie haben mir einmal gesagt, Professor, mein Großvater habe ein wildes Leben mit Frauen geführt. Ich wollte Sie damals nicht fragen, heute kann ich es ja nun wohl. Sie brauchen nur ein paar Sätze zu sagen, ich möchte nämlich nadjträglid) noch meinen Vater verstehen lernen. Der war die Korrektheit in Person." X (Fortsetzung folgt.) auf i Borg Erch wird, toi ! fo sei lagen mufif kW roter Erbe wutzi Haber ratior Sljao: „Äh Sorbe »Sin einet l'einb 111 bie 6 ®C Mtnn Ui der ä fonbe: der S gutes leben für d was tuung ienfeii Blüte werde , W Io len mögli Melo! lonfp auf, j getan. Inline eiftfjei Mts, «lusd, M V Mts1 L: Vbt Am ""Ich „ $e 'M i November. Non Joses W e i n h e b e r*. Im Kirchhos brennt das stille Licht. Die Toten ruhen, weine nicht. Geborgen In der Erd, vergeht der Sc-im, um daß er aufersteht. Martini Reis, Andrea Schnee, die Magd tragt aus ihr süßes Weh. Nom Hochwald dröhnt der Biichsenhall, es stampft das Vieh im warmen Stall, der Nebel hüllt das stille Land, die Kerze ist herabgebrannt. Lah frosten, las; vergehn, laß schnein! Der Mensch muss wach und einsam sein. Deutsche Musiker der Gegenwatt. Von Dr. Erwin Kroll. 'ft e'” cro'9 flutender Begriff, zumal, wenn er aus die Kunst bezogen wird. Das Heute ist hier ohne das Gestern und Vorgestern nicht denkbar. Auch im Reiche der Musik leben und wirken Großväter, Väter und Söhne nebeneinander, und was immer geschossen wird, es ist irgendwie generationsmäspg bedingt, jo jehr den Schassen- den Persönlichkeit und Können über Umwelt und Mode hinaushcben, so sehr die Grenzen der Generationen sich ineinandcrschicben Und überlagern mögen. Im Folgenden werden führende deutsche Gegenwartsmusiker geschildert. Die Auswahl beschränkle sich aus besonders charakle- ristische Vertreter der drei Generationen. Den Anfang machen die „Gros,- väter", die noch lebenden Spütromantiker, die, mit dem ungeheuren Erbe Wagners belastet und im Kulturboden des Zweiten Reiches wurzelnd, zu eigenen Prägungen gelangten, die auch heute noch Geltung haben. Ihnen folgen die „Väter", d. h. Schaffende der mittleren Gene- ration, die von der „Krisis" der Spätromanlik aus über Atonalität und Chaos hinweg Brücken zu Neuem schlugen. Den Beschluß bilden die „Söhne", die mit diesem Neuen ausgewachsen sind und er gemäß den Forderungen des Tages weiterzuführen haben. Richard Strauß. Unter den deutschen Komponisten ist Richard Strauß nicht nur einer der ältesten — voller Schassenspläne schreitet er rüstig ins 75. Jahr —, sondern auch der am weitesten hin berühmte. Der große Orchesterzauiierer, der Vollender der sinfonischen Dichtung, der Mehrer deutschen Opern- gutes nimmt eine unvestrittene Führerstelluna iln europäischen Musikleben ein. Er hat Jahrzehnte hindurch als Dirigent und Vorkämpfer für die Standesinteressen (einer Berufsgenossen das Seine getan, und was fein kompositorisches Schaffen angeht, jo haben wir die Genugtuung, daß sich die deutsche Spätromantik nicht allein in Psißners jenseitiger, ganz verinnerlichter Kunst erfüllt, sondern daß sie auch die Bllltenträume eines froh i!eben9bejaf)en'bcn hat leuchtende Wirklichkeit werden lassen. Wie es Maler gibt, denen die Farbe wichtiger ist als die Zeichnung, so leuchtet das Straußsche Orchester tausendfältig bunt auf. Es ist nicht möglich, sich der Magie seines Klanges zu entziehen. Dazu eignet dem Melodiker Strauß die bezwingende große Geste des Ausdrucks Seine Tonsprache weist eine bis dahin noch nicht erreichte Ausdrucksfähigkeit auf, die vom Blöken einer Hammelherde bis zum brünstigen Liebes- gefang eine» Schürzenjägers, vom Klirren zerbrochener Zöpfe bis zu kulinarischen Schlemmereien, vom Skatklopfen bis zur Raserei hysterischer Weiber reicht. Es gibt im Bereiche des Lebenden wie Leblosen nichts, was Strauß nicht überzeugend in Töne sehen könnte. Zu solchem Ausdrucksreichtum kommt ein echt bajuwarischer Witz, der getragen wird von jenem Willen zum Spielerijchen, das stets den Ausgleich des Sehn- suchtsftrebens der Romantik bildete. So sührten „D o n I u a n" und „Till E u l e n s p i e g e l" in die Welt der Abenteuer, und hinter ihnen steht ein Komponist, der sein Ich auch sonst — man denke an die „S i n f o n i a d o m e s t i c a" und die Oper „Intermezzo" — in seiner Musik widerspiegelt. Es ist das Ich des Lebenskünftlers, der feinen Weg von Anfang an zielbewußt ging und jeden Umweg mied. Man versteht es, daß dieser Künstler, mag ihm auch nichts Menschliches sremd sein, doch lieber den farbigen Abglanz alles Irdischen sucht, als in die Tiefen der Welträtfel taucht. So hat Strauß uns jein Bedeutendstes nicht in intimer Lied- und Kammermusik, sondern auf den großen Feldern der slnfonifchen Dichtung und der Oper geschenkt. Er trat davei das Erbe Liszts an. Nicht nur, öah er die Sprache des Orchesters bereicherte, er baute die Form der sinfonischen Dichtung auch fester in die absolute Musik ein, als es seinem Vorgänger möglich gewesen war. Ist bei Liszt die Uebereinftimmung Zwischen Programm und musikalischer Anssormung oft noch äußerlich, (o gelingt dem Nachfolger die Gestaltung des Inhalts aus dem Geiste der Musik bedeutend besser. Im „Don Juan" und in den folgenden sinfonischen Werken sind musikalische Elementarsormen wie Sonate, Rondo und Variationen vrogrammatisch geradezu genial angedeutet. „Till Eufenspiegel" bietet das Beispiel eines im Wollen und Können, in Form und Gehalt wertbeständigen Meisterwerkes. Hier ist das Spielerische auch inhaltlich die ideale Lösung. Der Musiker, nicht der Musikdramatiker Strauß hat denn auch der nach Wagner stark versandenden deutschen Oper vom Sinfonischen her • Au» dem „erbaulichen Kalenderbuch für Stadt- und Landleut", *'em bei Albert Langen/Georg Müller in München erfchienenen Gedichtband ,,O Mensch, gib acht" von Joses Weinheber. durch seine uncrfchäpsliche Musizierfreude neue Antriebe gegeben Von i*nilÄrQl en o»cm fivjvnischen Dichtung gespeist, erreichte das Opern- chafsen des Meisters über „G untra n?, „Feuernot" und „Sa- ' ° m .in. ° ktr a" einen Gipset, der hinsichtlich des ganz und gnr sinfonisch bedingten, unendlich verfeinerten unb üppigen Orchesterklan- fles sowie hinsichtlich der Borherrschast musikalischer Schilderung nicht -U Oberhohe" war. „Elektra" und „Salome" mit ihre,,, musika- lischen Blutrausch konnten zudem nur in der unheilschwangeren Zeit des letzten Borknegsjahrzehnts entstehen. Es musste eine Umkehr zur .Einfachheit, eine Besinnung auf die Eigenart der -Opernform erfolgen. Sic ist schon in den. 1910 vollendeten „R o s e n k a v a l i e r" zu spüren. .OisOet sich uns kein Musikdrama mehr, fondern nur noch eine „Komödie für Musik". In diesem blühendsten unb absichtslosesten Bühnenwerke, das Strauß geschasseu hat, triumphiert ivieder die Oper, und ein Triumph des Musikers ist auch die musikalisch noch feinere „ZIriaöne auf Naxos". Ihr folgt noch nahezu ein Dutzend meister- lief) geformter Bühnenwerke — es fei hier nur an die „F rau ohne S ch a l t e n und „A r a b e t I a" erinnert — die den Hörer durch ihre vollendete Formung immer wieder zu fesseln wissen. Ihr Schöpfer, der einst als Kapellmeister in Weimar, Berlin München und Wien die Welt hinriß, hat in feiner Garmischer Villa nie Korn- ponift bis heute nicht gefeiert. Er sah musikalische Moden kommen und gehen, aber er ist sich selbst treu geblieben: ein Grandseigneur seiner werten bc| C** Spuren in 6er deutschen Musikgeschichte nicht vergehen <£. Jl. v. Rejnicek. ffimil Nikolaus v. Reznicek ist nicht ohne Schwierigkeiten zum Musikerberufe gekommen. Der Sohn eines österreichischen Feldmarschall- Leutnants und einer rumänischen Fürstin sollte eigentlich die Musik nur (orocit pflegen, als sie seine Karriere nicht störte. So zwang er sich in Graz zur ersten juristischen Staatsprüfung, dann aber mußten die Eltern dem jungen Brausekopf nachgeben. Ein vorzüglicher Lehrer, Meyer- R e in y , der damals auch B u f o n 1 und Weingartner unterrichtete, nahm sich seiner an. Der einundzwanzigjährige Student bezog das Leipziger Konfervatoriiiin, um hier zusammen mit Freunden wie 21 n [ o r g e und Georg S ch n in a n n das musikalische Handwerk des Dirigenten und Somponifteii zu erlernen. Vor allem lockte ihn das Theater, Graz, Zürich, Stettin, Bochum, dos Wallnerthealer in Berlin, Mainz — das waren einige Stationen seines Wanderlebens Er hatte haniols mehrere Opern fertig, für die sich M n ck in Prag begeistert einfetzte. Aber erst feine „Donna Diana" (1894) hob ihn „aus der Finsternis seiner 'Boheme". Der erfolgreiche Komponist fand nun auch als Dirigent Beachtung. Um die Jahrhundertwende zog sich der vom „Betrieb" fast Aufgeriebene nach 'Wiesbaden zurück, und hier entstand eine neue Oper, „Till Eulenspiege 1", die Mottl in Karlsruhe aus der Taufe hob. In den Jahren 1909 bis 1911 war er Kapellmeister der sich sur alles Neue einsetzenden Komischen Oper in Berlin. Hier leitete er noch große italienische Maiscstspiele, um dann den Taktstock endgültig nieder- zulegen. Den EinundsUnfzigjährigen ries bas eigene Schassen. Mit gewaltigen sinfonischen Werken wie „Sch le mihi", „Der Sieger", „Frieden" stellte er sich neben feinen Freund Richard Strauß, schrieb aber auch Siusonik „in altem Stil" unb tiefernste Chorwerke. Die Berliner Hochschule berief ihn als Lehrer für Instrumentation: 1919 wurde er von der Preußischen Akademie der Künste zum Mitglied unb später zum Senator gewählt. Im 'Weltkriege entstand sein „6 c i u a 1 a", „Spiel und Ern st", „Der Gondoliere des Dogen" und (19.3.3) eine Umarbeitung der Jugendoper „Donna Dian a". „B enzi n" (1929) und „O p s e r!‘ (19.32) harren noch der Ausführung. Daneben schuf der Unermüdliche neue Instrumental- unb Chormusik, z. B. die köstlichen Orchestervaria- tionen „Tragt sch e Geschichte", eine Tanzsinfonie, den „Steinernen Psalm" unb meisterliche 'Bearbeitungen von alten deutschen Volksliedern. Bis in die jüngste Zeit hinein hat Reznicek sich sein Interesse für die Musik der anderen zu wahren gejucht. Sein weißhaariger Aristokratenkopf taucht in den Berliner Konzertfäten immer wieder auf, wenn es etwas Neues zu hören gibt, unb als deutscher Delegierter des „Ständigen Nates für die internationale Zufammen- arbeit der Komponisten" versteht der Künstler das Ansehen seines Vaterlandes zu wahren. Es geht nicht an, diesen Komponisten mit der Bezeichnung „begabter Straußnachahmer" abzulun. Auch wer in ihm nur einen geistreichen „Verwandlungskünstler" sieht, wird seiner befonberen musikalischen Art nicht gerecht. Bekennt er doch selbst: ,Hch habe mir niemals gesagt: jetzt will ich ein Quartett, eine Sinfonie ober Lieder schreiben — es wäre an der Zeit, wieder einmal eine Oper zu komponieren. Ich habe immer nur nach Inspiration, aus innerer Notwendigkeit ge- schassen." Reznicek ist ein viel nervöserer und dabei viel weniger naiver Künstler als Richard Strauß. Scherz, Ernst unb Satire haben bei ihm viel öfter „tiefere 'Bedeutung", unb dem Spielerischen feines Wesens paart sich eine dunkle Ausdrucksdämonie. So schrieb er nach den ausdrucksgeladenen Opern „Holofernes" und „6 a f u a l er den entzückend parodierenden, kammermustkalifch feinen Einakter „Spiel und Ern ft". Der 3nffrumenta(tomponift anberfells schuf bie elnfätzige stn- onischo Dichtung „Schlemihl", die Lebensbeichte eines an der 'Welt zerbrochenen Künstlers. Tritt der Künstler hier als Pechvogel auf, so erscheint er in der Tondichtung „Der Sieger" als (Eroberer, der aber gleichfalls dem Tode feinen Tribut zahlen muß. Muten jene sin» onischen Dichtungen mit ihrer zerwühlten und überhitzten Musik wie Vorzeichen emes nahenden Westbebens an, fo erscheint das Völkermorden in der sinfonischen Vision „Frieden" prophetisch vorgeahnt. Der satanische Hohn des Hexensabbats im Scherzo des „Schlemihl", der urchtbare Tanz um das goldene Kalb im „Sieger", die Schilderung des über das blutige Schlachtseld reitenden Todes im „Frieden" — sie Hk! „Es klappert jenem Holze Wenn er i Einmal bena! „Im Wlnter ist gut Müller sein, im Wlnter friert das Mühlrad ein, da kann ich stehn und lungern; die Bauern mögen hungernl" S)i bei Abendgefühl. Von Friedrich« Hebbel. Friedlich bekämpfen Nacht sich und Tag. Wie das zu dämpfen, Wie das zu lösen vermag! Der mich bedrückte, Schläfst du schon, Schmerz? Was mich beglückte, Sage, was war's doch, mein Herz? Freude wie Kummer, Fühl' ich, zerrann, Aber den Schlummer Führten sie leise heran. Und im Entschweben, Immer empor, Kommt mir das Leben Ganz wie ein Schlummerlied vor. er sich dagegen: — ein anderer?!" Er griff alle Arbeit nicht wehe tue, und wenn der Mei! weil auf der Bärenhaut liefen! s Verantwortlich: Dr. Han« Thhriot. — Druck und Verlag: Brühlsche Universitätsdruckerei R.Lange, Gießen. rannten. . , ... ... der moosalten, buckligen Mühle zog der Stllzel oft in tiefer 31c- t die Schütze und leerte den Weiher; von dem Donner des fallenden A ’.'ts erschrocken, sprangen dann die Müllersleute aus den Betten. Dl - bmal wieder zauberte der Rumpelgeist einen Gestank, der ver° dc - 1 nach Brand roch, und der Müller suchte ängstlich durchs ganze , wo es brenne, und er schaufelte das schwarze Buch, das er vor Grenzwächtern immer unter einem Kornhausen verborgen hielt, v,,vnr und las den Segen daraus, womit man das grimmige Feuer bezw'-rnzt. Und wenn die Mllllersdirn trinksarnes Wasser holte und es mitte!- der Kette aus dem tiefen Felsbrunnen haspelte, wurde oft der Eimer immer schwerer und schwerer, und schließlich hockte das boshafte Schrätel darin, grinste und sprang heraus. Und wie er einst als Hirt zeigen den Komponisten als einen Meister der i und Satire, wie er kaum noch einma in ^r - . f treffen ist, als Realisten, der vor nichts zuruckfchrecktz „Ich wollte Fratzen schildern", sagt er in bezug auf feinen „Sieger ° Aber eben dieser Künstler sand immer wieder zum „a hm Stil zurück. Bezeichnend, daß unter seinen Sinfonien eine --tragische tm< eine ironii'be" ist- ferner daß sich der Ironiker in den Orchestervariationen über C H ° m > i foT „Tragische Geschichte" nach dem Weltkriege »um Humoristen mausert, der die innere Idee des Gedichtes schalkhaft ab- wandelt 0d^ steckt etwas Selbftironle in dieser entzückenden Parti- tur? Will der Komponist sagen, daß ihm trotz aller ueutönerischer Scitenfprünge „der Zopf noch immer hinten hängt? Das einsach Melodische bleibt nämlich schließlich doch Sieger. Der Komponist des „Donna-Diana -Spiels dringt In bte 9thariinb.e des Ritter Blaubart , der Ironiker schreibt eine Raskolnlkosf-Ouvertüre und eine visionäre Musik zu Strindbergs Traum plel". Das Weltkind wendet sich immer wieder zu Goth Ein Requiem, eine Messe, geistliche Gesänge sur Orchefter, ein großes ffhnrm-rP tum Andenken an die im Weltkrieg Gefallenen, ein Baier des Blumentopfes. Frohgemut trollte sich jetzt der Knecht in seine Kammer Raum aber war er eingeschlafen, hörte er es rufen: ,Hol mich! Hol mich! und die Stimme scholl so herzbezwlnglich hold, daß der Jockel, so gut ihm auch der Schlaf schmeckte, sich aufrappelte und ihr folgte. Da war er auf einmal nimmer in der staubigen, spinnverwobenen Muhle sondern In einem blitzblank gefegten Schloß mit weiten Gangen und artigen Bildern an den Wänden, mit köstlich geschnitzten Türrahmen, schimmernden Treppen und hohen, bogtgen Fenstern, durch die die Sterne listig blinzelten. „Hol mich! Hol mich!" lockte es, und schlaftrunken betrat der Jockel eine steile, enge Treppe, die in einen Turm hinaufführen mochte, und wie er ein paar Schritte getan hatte, sah er plötzlich das böse Mißgeschick des Stilzel vor sich, und die Stiege begann zu zittern, und sie drehte sich auf einmal, und der Jockel bückte sich schreiend und klammerte sich an und wußte nicht, was mit ihm geschah. Doch schon schüttete es sich eisig über seinen Leib nieder, und jetzt erst erwachte er aus dem Blendnetz, das ihm der Stilzel geflochten hatte, und gewahrte, daß er an dem Gefchäufel des Mühlrades hin, und das ging rundum und rundum, und er wurde drunten durch das strudelnde Wasser getaucht und wieder in den kalten, stürzenden Schwall hinaufgetragen. Siebenmal drehte sich das unheimliche Ringelspiel mit ihm, dann erst stellte der Müller, der ihn zetern hörte, das Werk ab und half dem nassen Jockel vom Rad herunter. Der Jockel aber, noch triefend von seiner Reise auf dem Mühlrad, riemte sich den Schuh, schnürte sein Bündel und winkte: „Behüt' dich Gott, Stilzelmühlel" Doch auch das Geistlein zeigte sich seither nimmer in der moosalten, buckligen Mühle. Ich weiß wohl, wo es heute umgeht. Aber nur ein Schwätzer plaudert alles aus. »s i BSSJsffiäsea W - kbreift. „Ich wo! I a-^’’n9 der Müller einmal einen Knecht gedungen, der hieß Jockel und war sehr faul. Wurde ihm eine Arbeit geschafft, so sträubte - ' Warum soll just ich, der Faulste, das tun und nicht griff alle Arbeit fein und sacht an, daß er sich daran hn schalt: „Du sollst nicht alle- er Bärenhaut liegen! Wer lange schläft, der lebt wenig. Schäm dich!", da gähnte der Jockel wie ein Nußknacker und erwiderte, eirf. hab’ mich dreißig Jahre lang geschämt, jetzt brauch ich mich mmmer zu schämem Änd soll ich in die Arbeit fahren wie ein Narr in den KachAosen? Nur alles mit Bedacht!" Sein liebstes L,ed war mcht etwa - die Mühle am rauschenden Bach" oder „Dort nieden in liegt eine Mühle stolz", sondern er sang: Vslll JvV'A Ul V II*» vlllv v | I l / — I v’ ' f Chorwerk zum Andenken an die im Weltkrieg Gefallenen, unser für gemischten Chor und Orgel bezeugen das. Man sieht: Rezniceks Künstlererschemung ist in ihrer Bielfalt nicht auf eine Formel zu bringen, es fei denn, man nimmt de» Komponisten als einen der letzten großen Spätromanliker vom Stamme jenes durch E. T. A. Hoffmann unsterblich gewordenen Kapellmeisters Kreisler, den er übrigens 1922 in einer Schaufpielmustk verherrlicht hat. Ironie und Mystik, Spiel und Ernst find ja feit Kreisler, der in st'ner Zwiespältigkeit bezeichnende Wesensinhalt der deutichen Musikromantik, und es ist teln Zufall daß sich von E. T. A. Hoffmann und Weber em gewaltiger Bogen zu unterer Gegenwart wölbt, an dessen Ende mit Psttzner und SI..-8 °°ch ->«»»>«> Wl. ($<||m Buf|as, Oer Stilzel und der Mühlknecht. Eine Geschichte aus dem Böhmer Wald von Hans Watzlik. Mitten int kühlen Böhmer Wald stand einmal eine moosalte, bucklige Mühle und die klapperte und mahlte und murmelte ganz weltfern, und darum kehrte dort der Waldgeift Stilzel mit Vorliebe ein und trieb (einen Unfug. Der Stilzel war einst Roßbub gewesen, einsam in den Waldern hatte er den Bauern die Füllen gehütet, und nach seinem jähen Tod — niemand weiß recht, wie es dabei zuging — lebte er als Rumpelgeist Wieder auf, und wie jedes Geschöpf irgendein Freudletn haben muh, übte er feine Schwänke an den Leuten der Einöde. . ... So nahm er des öfteren eine weiche, liebliche ötimme an und r-ief vom Wald lier in die Dörfer hinab: „Such mich! Such mich!" Und da folgte dann und wann ein verlocktes Bauerntlnb dem Ruf, und wie es bald dort und bald wieder da, hübscher als der Schrei des Kuckucks, Hang: „Hol mich! Hol mich!" verirrte sich das Kind in die Wildnis, und des- "keines dort verloren ging und verhungerte, das rührte davon her, Daß der Stilzel schließlich mit greulichem Geheul das genarrte Kind ins S?or; zurückscheuchte. Zu anderen Zeiten wieder neckte und schreckte er , ist wildem Wolf schrei die Schwärzer, daß sie die Ware, die sie ver- ftdhien über die Grenze schleppten eilends von sich warfen und davon- nicht hätte müssen, hätte er weder Hand noch Fuß gerührt, ihm er sich ganz wunderlich; er sagte: „Gott, der mich erschaffen hat, soll mich auch ernähren!" und er fegte sich in tue Schauer unb tat drei Tage lang keinen Griff, und erst am dritten Tag, als jein Magen wild aufbegehrte und knurrte, erhob er sich wieder aus dem Heu und sah vorwurfsvoll gegen den Himmel und brummte: „Da schau Herl Er töt’ mich gar verhungern lassen!" An diesem faulen Mühlknappen büßte der Stilzel ganz besonders seinen Mutwillen. Schleppte der Jockel einen Sack und seufz e. „O weh und o weh! Wie schwer ist die Last und wie heiß der Tag! — flugs riß der Stilzel ein Loch in den prallen Sack, daß das Korn tjeraus' rieselte und der Knecht hernach fluchend es zusammen chaufe n mußte. Schlief der Jockel, so fetzte der Kobold das gellende Mahlglocklein in Schwung, bis der Knecht erwachte und widerwillig dem mahnenden Glocklein folgte; kam er aber zu dem Trichter, neues Korn aufzuschütten so war der Trichter noch ganz voll, und wollte er letzt den Neckgeift packen, so blies ihm dieser jählings Mehl in die Augen. Zuweilen wieder polterte es so ungestüm, als malmten die Mühlsteine nichts als groben Bachfchutt, und wenn der Jockel bestürzt den Meister weckte und holte war alles in bester Ordnung und malten die Steine ganz gelinge und der Müller fchalt den Gesellen: „Was der Taufend hat dir geträumt, du Happerdidel?" Darum nahm sich der Jockel vor, es dem Geist zu gelegener Zelt einmal tüchtig einzutränken. Nun rastete einmal der Stilzel auf dem Söller der Mühle, es war ein ruhiger Abend, nur der Bach belebte die Stille. Der Stilzel saß auf dem Geländer mitten unter den Blumenstöckeln, fchnuvperte dann und wann daran, freute sich an dem feisten, behaglich aufsteigenden SDlonb und schnurrte dazu wie eine Katze in der Wärme. Er hatte ein zündel- rotes Röckieln an, einen grellgelben Brustfleck und dlitzblaue Hofen, das struppige Haar war von Waldpech verklebt, die Nase kurz und keck und himmelwärts aufgeworfen; glotzäugig und schlitzohrig, riß er bald Die Oberlippe rechts, bald die Unterlippe links und zahlte feine Zehen. Und plötzlich fiel ihm ein Spiel ein: wechselnd hob er die Beine unb | brummte tölpisch dazu: „Jetzt das eine Knie, jetzt das andere Knie. Er glaubte wohl, niemand schaue ihm zu. Aber der Jockei lümmelte auf dem Rasen unter einer dammerllchen Ulme und belauschte das Rumorgeistlein und dachte sich: „Warte nur, du Spottbub du donnerschlächtiger Kerl, du großer Lump in einer kleinen Haut! Deine Schelmenstücke zahl' ich dir heim!" Und heimlich schlich er sich auf den Söller und stieß den Stilzel von hinten unoer- ehens in die Rippen. Rumpumps! purzelte das Geistlein in ben ©arten hinunter. Hernach war drunten aber nichts zu finden als die Scherben