Gießener Zamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1YZ8 Montag, den 4. Juli * Nummer 51 Lady Hefter Stanhope EINE FRAU OHNE FURCHT Von Marla Josepha Krück von poturzyn Copyright by Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart 11. Fortsetzung. „Madame! Sie werden als Königin in Jerusalem einreiten, wenn der Messias kommt!" Hefter horchte ... Noch einmal die gleiche Prophetie? „Es steht geschrieben, daß eine weihe Frau als Braut des Messias an seiner Seite nach einem neuen Jerusalem retten wird! Die Zeit ist da, wo aus stürzenden Thronen ein neuer errichtet werden soll .. „Wer sind Sie?" fragte Hefter. „Der Erbnachfolger Gottfrieds von Bouillon!" „Und woher hast du deine Weisheit?" „3n der Nacht steigen die Sterne nieder und sagen mir Geheimnisse, । ■ die gewöhnliche Menschen respektieren sollen!" „Er heißt Loustaunau und ist ein Narr, Mylady", ergänzte Pierre, der Koch, der keinen zweiten Propheten neben sich brauchen konnte. „Ich gehe nicht nach Jerusalem", meinte Hefter sanft. „Gehen Sie, wohin Sie wollen, Madame, und ich werde in Ihren Diensten sein. Was ich Ihnen sagte, ist so wahr wie das — daß Napoleon zu eben der Stunde, in der wir reden, aus Elba entwichen ist!" Er nahm den Hut langsam aus dem stolzen Gesicht, in dem der Wahnsinn einstige Schönheit verwüstet hatte, und schien in Betrachtung zu versinken. „Napoleon?" fragte Hefter, „Meryon, schreiben Sie den Tag ayf ..." Der Arzt nahm seine Brille und notierte, indes er spöttisch buchstabierte: „Am 26. Februar 1815 ... Napoleon aus Elba entflohen?" ,Lch nehme Sie beim Wort!" lächelte Hefter. Meryon sah zu seinem Entsetzen, daß Mylady Gold in die Hand des Narren gleiten ließ und ihm winkte zu folgen. — Regen, Regen, Regen. In der Nacht stülpt sich Hefters Zelt um, die Hälfte der Materialien wird weggeschwemmt. Aber Hefter kennt keine Hindernisse. Askalon ist Ziel. Und nach Askalon wird sie kommen. Eines Nachts, da der Sturm jeden Schlaf unmöglich macht, verlangt ein Bote Zutritt ins Zeltlager: er hat Nachricht für Mylady aus Britannien. Der Brief kommt von dem Vizeadmiral Sir Sidney Smith, einstigem Verteidiger Akkons gegen Napoleon — abgeschickt in Wien, wo der Kongreß der Mächte tagt. Er beginnt mit „Liebe Cousine" — berichtet von seinen Reiseplänen nach Beendigung des Kongresses, von dem kleinen König von Rom, der mit einem hölzernen Schwert in Schönbrunn herumläuft; er ersucht ferner Lady Hefter, sich den neuen Gouverneur von Algier anzusehen — und schließt mit der Bitte, die eingeschlossenen Depeschen an Emir Beschir, den Drusensürsten, mit ihrer Fürsprache weiterzuleiten —. Hefter läßt die Karawane drei Tage halten, denn was sie liest, so grollt sie zur Meryon, übersteigt ihre Vorstellungen von der Unfähigkeit der Nachfolger Pitts! m ,, Sir Sidney Smith wirft dem Emir vor, datz er seinen Neffen die Augen habe ausstechcn lassen, hofft, daß nunmehr für ihre Gesundheit gesorgt sei ... Ferner — verlangt er fünfzehnhundert Mann, die der Emir für England stellen soll, um in Algier dep Piraten nachzujagen; denn die in Wien versaynnclten Mächte haben eine internationale Jagd beschlossen, weil die Schiffe der Europäer ständig in Gefahr sind! .— Doch, obwohl Sir Sidney Smith, wie er an Hefter berichtet, in Ball- ' Töten und Konferenzzimmern die Zusicherungen der gekrönten Häupter erlangt hat — will niemand dafür Geld geben ... Diese Idee sei stupid, antwortet Hefter; der Emir, ständig selbst im Kampf, könne nicht fünfzehnhundert ~!Dlann einfach entbehren. Ferner ließen sich die Drusen nicht außerhalb ihrer Berge verwenden, und schließlich besitze der Emir in seinem Gebiet keinen Hafen — man müßte also zuerst die Einwilligung des Paschas von Akkon erhalten. ...... Was die mitgeschickten Geschenke betreffe, bewiesen sie nichts als tödliche Unkenntnis; an Abu Gosch eine persische Pistole — während er die Pilger nach europäischen durchsuche! Für Emir Beschir einen Kaftan aus schwarzer Seide — gleichbedeutend mit einer härenen Unterhose für einen englischen Lord; der — nicht vorhandenen — Bibliothek von Jerusalem eine Bibel; und der Kirche des Heiligen Grabes, um die sich die Sekten der Welt stritten — ein Papstbildl Smith erhielt den Brief nicht eben in guter Laune, aber er gab den Plan auf, sich kostenlos drusische Soldaten zu sichern — und Emir Beschir notierte, daß es Lady Stanhope war, die ihn vor der Unannehmlichkeit bewahrte, einem europäischen Herren zu trotzen ... Zur selben Zeit brachte ein reitender Beduine in goldenem Umschlag ein Schreiben Mahannahs für Lady Stanhope. „An unsere liebe Schwester, die Herrin Hefter, die der Allmächtige beschützen möge! Deren Tage er verlängere für uns, auf die sie geatmet hat! Dieser Brief kommt mit unserer tiefsten Ehrfurcht grüßend: Amen, o Gott des Universums! Zunächst solltest du, unsere Schwester, nach uns fragen: Dein Bruder Nassr und wir sind, Gott sei Preis, wohlauf, aber immer in Sorge um Deine vollkommene Sicherheit, welche die Summe unserer Wünsche und Gebete ist. Seit der Zeit, da Du mit uns warst, geschahen blutige Dinge mit dem Pascha. Er hat unfern Sohn Farez und viele unserer Leute erschlagen. Das war Gottes Wille; aber wir schlugen den Angriff ab, und Gott, der Größte, zerstreute die Feinde, so daß wir jetzt für den Augenblick Ruhe haben. ... Doch wir sind ohne Nachricht, ob Du zu uns kämmst. Wenn Du eine Stute wünschst, laß es uns wissen; denn wir erwarten die Befehle Eurer Herrlichkeit. Mahannah-el-Fadel." Beigelegt war ein Brief von Nassr selbst; er bat um Vermittlung In dem Streit seines Stammes mit dem Pascha. Lady Stanhope schrieb nach Konstantinopel für den Veduinenfreund und hatte Erfolg. Der Arm welcher Frau reichte von Palmyra bis London? — Askalon. Am 1. April begannen die Ausgrabungen im Süden der Moschee. Man suchte die Plätze ab, die im Manuskript eines Klosters von Saida verzeichnet waren; nach wenigen Tagen schon kam eine riesige Kriegerstatue ans Licht, spätgriechische Arbeit. „Wahrscheinlich ein vergöttlichter König aus der Zeit des Herodes", sagte Meryon bewundernd. Danach, in einem unterirdischen Gewölbe, schwarze Granitsäulen, zwei riesige Steinplatten und verkittete Kugeln — ah! die Schätze! Fieberhaft gruben die Leute, noch in der Nacht schlugen sie die Kugeln auf — sie waren leer! „Das schadet nichts, die Statue ist allein schon die ganze Ausgrabung wert", tröstete Meryon. „Reisende werden aus allen Ländern kommen, um zu sehen, was eine Frau der Vergessenheit entrissen hat." „Mylady gräbt also doch nach Statuen für ihr Land — wie die andern Fremden auch!" murrten die Türken. „Ich werde sie in taufend Stücke zerschlagen lassen, um dem Sultan zu zeigen, daß ich nicht daran interessiert bin, mich zu bereichern", tobte Mylady. Es geschah; marmorne Splitter deckten die Fliesen des Tempels der Astarte. Aber nichtsdestoweniger verbreitete sich das Gerücht, die Statue sei voll Gold gewesen, der Pascha und Lady Stanhope hätten sich heimlich in die Beute geteilt. Und von dem Augenblick an erlosch der Eifer der Grabenden. ,T>a ich weiß, wie sehr die gefundene Statue von englischen Reisenden bewundert worden wäre, habe ich Befehl gegeben, sie zu zerbrechen, daß nicht böse Zungen erfinden, ich suche Statuen für meine Landsleute, anstatt Schätze für den Sultan", schrieb Hefter an den Staatssekretär Lord Bathurst; „nach mehrtägigem Graben kamen wir zu dem unterirdischen Gewölbe— aber ach! Es war schon geplündert worden. Es hat wahrscheinlich drei Millionen Goldstücke enthalten, die Summe, die im Manuskript angegeben war ..." Nach wie vor ist sie überzeugt, daß England die Kosten tragen wird. Stolz kehrt sie nach Mar Elias zurück; auch die vergebliche Expedition steigert nur ihren Ruhm durch ganz Syrien. Die Mohammedaner sind Fatalisten und immerhin — Mylady hatte Vollmacht vom Sultan selbst! Meryon muß noch andere Orte, die in dem Mönchsmanuskript verzeichnet sind, bereifen; aber auch er kehrt bald wieder zurück, ohne Ergebnis und skeptischer, als er gegangen. „Gestohlen! Alles gestohlen!" entscheidet Mylady. In jener Zeit, als europäische Zeitungen berichteten, die Nichte des großen Pitt sei auch in bezug auf die Schätzung klassischer Kunstwerke eine Türkin geworden, schrieb sie bereits an eine Unzahl von Gelehrten, Medizinern, Geographen. Eine große Liga sei zu bilden, um rings im ottomanifchen Reich alles Wissenswerte zu erforschen, zu entdecken. Größer sollte diese Akademie des Ostens werden, als Napoleons Aegyptisches Institut jemals geplant gewesen. _ , Aber die britische Regierung zeigte keinerlei Neigung, dieses Unter- nehmen zu finanzieren, ebensowenig wie Lady Stanhopes Ausgrabungen bezahlt wurden, Hefter konnte nicht umhin, eines Tages jeftzusteUen, daß es höchste Zeit war, eine Anleihe von dem britischen Konsul in Aleppo zu erwirken. Die groben Pläne mußten ausgeschoben werden. Europa wurde alt, und England war schlecht regiert. Um ein paar armselige Psunde versäumte man die Ausgaben der westlichen Kultur! — Nachrichten, die aus Europa kamen, besagten, daß der Korse vor Rochefort ein britisches Schiss betreten habe — als Gefangener. Pitts großer Gegner schmählich besiegt, verraten, verbannt! Nicht einem Großen, in ehrlichem Kampf, hatte der Große sich gebeugt; die Uebermacht von Völkern hatte ihn erdrückt, von denen jedes er einst besiegt; wie ein wildes Tier wurde der Dämon des Krieges gefangen und zermalmt. Hefter Stanhope, die Königin der Wüste, fühlte mit dem gestürzten Korsen, der nach St. Helena fuhr, obgleich er Pitts Widersacher gewesen; chr eigener Tyrannengeist stand aus für den Tyrannen, und sie verzieh Europa die Rache an Napoleon so wenig wie den Spott über ihre eigenen Pläne im Osten. Der gerächte Bruder. Seit vier Jahren ist ein Franzose, Oberst Boutin, in geheimer Mission im Orient, Hefter hatte chn bei einem Diner in Kairo getroffen und ihm lachend ins Gesicht gesagt: „Sie sind ein Spion Napoleons, nicht wahr?" „Mylady irren, ich bin Gelehrter und studiere im Auftrag der Französischen Akademie Völker und Rassen ..." Aber der Blick, mit dem er den ihren hielt, war voll Bewunderung. Oberst Boutin ist im Jahre 1814 bei Mylady in Mar Elias zu Gast gewesen, ehe er auf eine neue „Entdeckungsreise" ging. Seither hat man nicht wieder von ihm gehört. Bon Tripolis war er aufgebrochen und nie nach Antiochia gekommen. Zwischen Tripolis und Antiochia, in schwarzen Schluchten, versteckten Sümpfen, auf nackten Felfenspitzen mit verlassenen Kreuzritterburgen liegt die Heimat der Haschaschinen. Sie halten sich allein für die wahren Mohammedaner, von denen sie gehaßt werden so gut wie von den Christen; ein geheimsnisvoller Stamm grausamer, todesverachtender Rebellen. In den engen Tälern, wo die Sonne bald untergeht, in uraltem Gemäuer Hausen sie und sind von den Soldaten des Sultans gesürchtet. Kein Fremder wagt sich aus die Ziegenpfade, und von den Schlössern in die Schluchten herab gibt es einen sichern Tod. Sie kennen den Kamps in jeder Form, mit Massen, vergifteten Blumen, verseuchten Quellen. Seit siebenhundert Jahren haben die Haschaschin nicht ihre Waffen niedergelegt. Ueberall sitzen ihre geheimen Verbündeten, sie wissen alles, rächen alles. Und wenn sie etwas geringschätzen, so ist es ihr Leben. Ein wehrloser Europäer ist ermordet — ein Europäer, der bei ihr, Lady Stanhope, zu Gast gewesen ... Wenn der Mord an Oberst Boutin ungesühnt bleibt, wird kein Fremder mehr gesahrlos durch die Berge reiten. Hefter wartet, daß Frankreich Schritte unternimmt, die Konsuln Untersuchung verlangen. Monate vergehen; ein Jahr. Niemand rührt sich. Sie schickt drei ihrer Vertrauensleute aus, Pierre ist darunter, und erfährt, daß der Oberst beim Dors Eblatta verschwunden und zerstückelt worden ist, auf dem Gebiet der Haschaschin. Lady Stanhope schreibt an den Pascha von Akkon: ob er den Fall nicht rächen werde? Er antwortet höflich, im Winter könnten seine Truppen die Berge nicht vertragen, im Frühling werde er das Unmögliche für sie tun. Aber der Frühling kommt und Soliman rührt sich nicht. Daraufhin hat Lady Stanhope beschlossen zu handeln. Ist sie nicht Vertreterin des weißen Westens im ottomanischen Reich? Mit großem Gefolge bewaffneter Diener bricht sie nach Akkon auf, läßt sich mit einer ihrer Zaubergesten den Palast des Paschas öffnen und bringt bis in die Gemächer, wo er Rai hält mit den höchsten Offizieren. Mylady, die Sitt, braucht nicht erst um Schweigen zu ersuchen, sie sieht aus wie die rächende Göttin selbst, vor der Sterbliche verstummen. .Läßt du meine Brüder ermorden?" fragt sie laut. Soliman bietet Kaffee, Sorbet, Geschenke und schmeichelt über jede Vorstellung hinaus. Mylady setzt sich nicht. In Purpur und Gold gekleidet spielt sie mit großer Haltung einen großen Zorn, die Augen werden schwarz und keiner wagt zu widersprechen. Sie droht mit der Strafe des Sultans, verläßt den Palast; im Haufe des österreichischen Konsuls nimmt sie Wohnung. Am Morgen des nächsten Tages sendet der Pascha Boten: er bittet unterwürfig, ihn zu empfangen. Sie verweigert und zieht heimwärts. Auf dem Wege sprengt ein Bote ihr nach mit dem schriftlichen Versprechen, der tapfere Gouverneur von Tripolis, der Todfeind der Ha- jchaschin, erwartet mit feinen Truppen Myladys Befehle! Zwei Pistolen modernster Art und ein Schreiben gehen daraufhin nach Tripolis: „Mustapha! Ich wafsne Dich! Ich habe mich über die Haschaschin zu beklagen, die einen meiner Brüder gemordet haben. Ich hoffe, daß diese Pistolen nie jemand verfehlen werden, daß sie Deine Tage behüten und die Sache Deiner Freundin verteidigen! Hefter Stanhope." Die Haschaschin versteckten sich hinter jedem Felsen, jede Schlucht bedeutete Tod für die Türken; jedes Halls mußte einzeln niederfallen, jeder Baum, jeder Strauch. Greife und Kinder wurden gemetzelt, Frauen verkauft. Es gab keine Gefangenen. Mustapha drang vor, er erklärte den Krieg zur heiligen Sache der Mohammedaner; griff das Felfenschloß an, das durch drei Wasserfälle geschützt war, nahm es ein und schleifte die Mauern ... Schleifte auch die heiligen Gräber der Haschaschin und warf ihre Asche ins Wasser. Die Köpfe der Erschlagenen wanderten haufenweise nach Konstantinopel. Bis endlich der Befehl vom Sultan kam: Genug! Zwelundfünfzsg Dörfer lagen zerstört, Hunderte von Haschaschin er» chlagen. Keiner mehr würde wagen, das Haupthaar eines Reisenden zu berühren. — Lady Stanhopes Name ging in überraschten, befremdeten, scheu de- wundernden Artikeln durch die Presse Europas. „Es war ein Unter« nehmen, das den Aegyptern Hochachtung vor dem englischen Charakter einflößle, ihr beseuemdes und würdiges Verhalten beeindruckte die Syrier tief, und während Mylady fo für die eigene Sicherheit sorgten, leisteten Sie zu gleicher Zeit Ihrem Lande einen besonderen Dienst, schrieb Burckhardt, der bisher nie zu ihren Freunden gezählt. Die fran- zösi che Deputiertenkammer sandte eine Dankadresse im Namen des Staates, der Courier irangais ösfentliches Lob: „Ihre Durchlaucht hat durch ihren ganz persönlichen Einfluß und ihre Energie die Köpfe der Mörder gefordert und erhalten _..." Es waren Hunderte von Köpfen! Und Hefter selbst? Im Juli schiffte sie sich ein, ließ Meryon und die Zofe zurück, ritt mit eingeborenen Dienern nach Antiochia, wo der englische, der sran- zösische Konsul und der griechische Bischof sie in seltener Eintracht empfingen. Sie feien hocherfreut, daß Mylady in Antiochia Wohnung neh- men wolle. „Nicht in Antiochia, lieber Bischof, ich will ins Gebiet der Hafchafchm reiten, mich interessiert dort allerhand." „Mylady scherzen", lächelte Konsul Barker. „Ich spreche im Ernst, aber machen Sie sich keine Sorgen. Dem britischen Konsul wurde die Stirn feucht ... Sie, eine Frau, diese Frau, deren Rache die Haschaschin dezimiert, mitten in ihren Bergen — ausgeüefert der Glut ihres religiösen Hasses — und er oerant- wortli* für das Leben dieses britischen Untertans! Wenn er sich zum Mahl mit ihr niedersetzte, ließ er sorgfältig jede Speise prüfen — die Hafchaschin waren berühmt in der Kunst subtilster Gifte. Es gab für ihn kaum einen Zweifel mehr: Lady Stanhopes geistige Gesundheit war zerrüttet. Wahrscheinlich hatte schon ihre Rache für Oberft Boutin den ersten Austakt zu dem Wahnsinn bedeutet. Aber gerade diese Tat machte sie weltberühmt! Niemand würde ihm glauben, wenn er sie jetzt in die Haft eines Arztes zwänge ... Zwischen Antiochia und den Bergen der Haschaschin erkor Hefter eine einsame, verfallene Hütte zu ihrer Wohnung. Täglich sandte Konsul Barker bewaffnete Boten: er flehe sie an zurückzukommen! Ihr Leden fei in Gefahr! Aber 'meist kehrten die Reiter des königlichen Konsuln um, ohne Mylady zu Hause getroffen zu haben. Sie reite in den Bergen umher, sagten die Diener, erkläre den Haschaschin: sie fei „die Sitt", die ihre Brüder erschlagen ließ, ihre Dörfer verbrennen, die Gräber ihrer Heiligen verwüsten — denn feige fei der Mord an einem Wehrlosen! Es war ein düsterer Sommer für den Konsul von Antiochia. Woche um Woche verging; Lady Stanhope kehrte nicht zurück, und alles, was er erfahren konnte, war, daß sie noch am Leben fei. Damals, in den Bergen der Haschaschin, in der unendlichen Stille der heißen Nächte am Rand der Wüste, hat Hefter noch anderes gesucht. In der Höhle eines Derwisch schlief sie auf Laub und erwartete saftend Erleuchtung über Schicksal und Sein; das düstere Heiligtum der Deziden erzwang sie sich noch einmal in der brennenden Sehnsucht ihres zwiespältigen Herzens und schaute einen blutigen Kult, dessen Kunde allein schon jedem Ungeweihten Tod bedeutet. Niemandem hat sie davon erzählt. Spät erst vertraute sie ihr Geheimnis einem Menschen an, der nicht darüber lachte — es war ein Deutscher. ? Beinahe zwei Monate waren vergangen, ein Fegefeuer für Konsul Suiter. Dann, eines heißen Abends, erschien Mylady, ein wenig ungepflegter als sonst, aber heiter und seelenruhig, in Antiochia Sekundenlang glaubte der^Konsul, ihn narre sein Elend. Dann stammelte er gerührt ein Willkomm. Das Wunder war geschehen, die Haschaschin hatten ihr kein Haar gekrümmt. Vielleicht achteten diese Wilden eine Frau, die furchtlos war wie sie selbst; vielleicht verstanden sie, denen Blutrache heilig war, ihr erbarmungsloses Strafgericht für den europäischen Bruder. In Antiochia warf sich das Volk auf die Knie vor diesem übernatürlichen Wesen, das die wilden Haschaschin bezwungen. Konsul Barker fragte nicht mehr, ob Lady Stanhope eine Heldin fei ober eine Wahnsinnige. Erlöst gab er sich dem Zauber dieser Frau hin, die mit der Frische eines Mädchens und der Kenntnis eines Diplomaten nach England, dem Kontinent und asiatischen Vorposten fragte. Als Hefter nach Mar Elias zurückkam, war es Herbst, und Meryon empfing sie mit einem Abschiedsgesuch. Sieben Jahre lang hatte er Mylady gedient — als Arzt, dem Namen nach; in Wirklichkeit war er nicht viel mehr als Sekretär, Bote oder gelegentlicher Unterhändler — indes die Herrin einheimische Pfuscher zu Rate zog! Sein Gehalt, an englischen Verhältnissen gemessen, war lächerlich klein, sein Leben unsicher, gefährdet. Meryon war entschlossen, nach England zurückzukehren. „Gehen Sie ruhig", meinte Mylady gnädig, „ich glaube kaum, daß Sie bei mir berühmt werden." , Dr. Meryon rückte an feiner Brille: „Mylady mißverstehen mich —" „3m Gegenteil, ich verstehe sehr gut, daß Sie eine Praxis gründen und Ihren Bart einer Frau verkaufen wollen. Ja oder nein?" „Mylady wissen, daß ich in den Harems von Konstantinopel mit Erfolg kuriert habe ... Ich komme ins Alter, wo der Mann nach einer sicheren Basis und eigener Häuslichkeit strebt." „Das sagte ich ja", nickte Mylady. Meryon saßt sich und beginnt neu: „Was mich bedrückt, Mylady, ist, daß Sie dann ganz allein sind." „Wenn es nur das ist", lacht Hefter, „kann ich Sie beruhigen. Ich sehe schon die Zeit vor mir wo Hunderte von Flüchtlingen zu mir kommen werden ..." Und sie gibt Tag, Stunde und Schiff für die Abreise an, sowie alle Gesche"« und Botschaften, die er mitzunehmen hat. (Fortsetzung folgt.) Neiselied. Von Josef von Eichendorff. Durch Feld und Buchenhallen Bald singend, bald fröhlich still, Recht lustig sei vor allen, Wer's Reisen wählen will. Wenn's kaum im Osten glühte, Die Welt noch still und weit: Da weht recht durchs Gemüts Die schöne Blütenzeitl Die Lerch' als Morgcnbote Sich in die Lüfte schwingt, Eine frische Reisenote Durch Wald und Herz erklingt. O Lust vom Berg zu schauen Weit über Wald und Strom, Hoch über sich den blauen. Tiefklaren Himmelsdom I Bom Berge Vöglein fliegen Und Wolken so geschwind, Gedanken überfliegen Die Vögel und den Wind. Die Wolken ziehn hernieder Das Vöglein senkt sich gleich, Gedanken gehn und Lieder Fort bis ins Himmelreich. hefte unter die Dank! Erdkunde kommt setzt dran ... H-ns und Kafpa^ Karte herholen! Und der neue Schüler soll sich setzen!" Zwei blonde Buben flitzten in die Ecke, brachten di« ausaerollte Karts und hängten sie an die Tafel. Da war Bayern mit den Alpen ausgebreitet, auch ein Stück Baden, Oesterreich und Schweiz. Die vielen Mädchen- und Bubenaugen blitzten freudestrahlend. Das war einmal ein Klassenkamerad! Beinahe doppelt so groß-wie der Lehrer war der. Aber in die Bank paßte er nicht so ohne weiteres, so sehr er sich auch abmühte. Die Kinder kreischten vor Vergnügen. „Ja, da werden Sie sich wohl auf die Schreibplatte setzen müssen", entschied der Lehrer. Das ging. „Sie wollen also wissen, wie man am schnellsten zum Bodensee wandert! Wer von euch weiß es und kann es auf der Karte zeigen r Jeder schien etwas zu wissen. ,Zch! Ich! Herr Lehrer!" riefen sie durcheinander. Der Lehrer winkte den Tumult ab und rief: „Wo befinden wir und ,Zn Hasenwies! In Hasenwies!" riefen sie alle auf einmal. „Du, Semmelchen, komm heraus!" Ein weizenblondes, schlankes Dorfpersönchen rutschte aus der Bank und nahm den Zeigestock aus der Hand des Lehrers. Sie stand vor der Karte, legte das Köpfchen schief und stochert« erst einmal °m bißchen m den Kalkalpen. Dann raste sie mit einem Husch über das Wetterstein- gebirqe und war auch schon im Allgäu drüben. Mit einer ungeschickten Handbewegung wischte sie flüchtig über München, sah den Irrtum em und fand die Stadt Wasserburg, wo sie einkehrte. „Wasserburg", piepst« sie mit ihrem Vogelstimmchen. „Wasserburg, richtig!" bestätigte der Lehrer. Dann flog Semmelchen weiter. Sie hüpfte über das Jnntal in bett Würmsee, mitten hinein. „Würmsee!" verkündete sie. „Würmsee, gut, weiter!" ermunterte der Lehrer. Auch den Würmsee prägte sich Silvester in sein Gedächtnis _ Jetzt schwang sich das Semmelchen wie eine Schwalbe ins Schwa- bische und sogleich wieder zurück. Kaufbeuren schien >hr nicht übel zu gesallen. „Kaufbeuren .meinte ste etwas zaghaft. Der Lehrer sand jetzt, Semmelchen fei weit genug gAhren, und winkt« es mit dem Finger noch Hasenwies auf feinen Platz.zuruck. Run wurde Emmeran vorgeschickt. Der Emmeran, kurzbeinig und rundlich, schätzte kurze Wege und keine langen Worte. Deshalb zog er auch das kürzere Kempten dem längeren Jmmenstadt vor. Endlich gelangte der Bummler nach Lindau. Er warf feinem neuen Mitschüler einen Lausbubenblick zu. Dann durste er sich wieder setzen Sie sehen", meinte der Lehrer stolz auf seine Schuler blickend, „ine nähere und weitere Heimat lernt man bei uns kennen. fierr Lehrer", fing Silvester an und stand wie ein Schuler auf, der sich "meldet. ,Aerr Lehrer, darf ich Ihnen und den Kindern etwas vor- P1 Ueber feine Frage kam die Klasse außer Rand und Band. „Ja, bitte, $CJffienn^ etwas wäre, was ich auch fenne". bemerke der Lehrer „ÄÄ - Taften und Metallbeschläge blitzten. Der Lehrer aber langte Geige und Bogen vom Nagel. Mäuschenstill sahen die Kinder zu. Da standen nun die beiden Musikanten vor der großen Landkarte mit dem Bodensee. Der Lehrer stimmte die Saiten, der Wandermusikant ließ Lust in den Balg einströmen. Die Schuler aber waren eine ge- nannte großäugige Zuhörerschaft. Die Mädchen fließen einander ver- Kien unter der Bank an, und ihre Blicke glänzten, wahrend d,e Buben sich ihre Freude nicht anmerken lassen wollten. «w. * ml. ---«-m »oaen wartete auf seinen Einsatz. Die Mädchen, die gerne mitstngen mnllten rundeten die Mäulchen schon, die Buben spannten die Brust. Draußen ^vordem Fenster über der stillen Dorfstraße zitterte d.e Sommerlust. Dorf und Land verhielt den Atem. „ Dann klang es geschwisterlich aus Harmonika und Geige , den jungen Kehlen: ^aßaben Sie noch eine weite Reise. Zu Fuß?" fragte der Lehrer. "Zu Miß5“, "“meinte der Lehrer bedächtig. ..Und ich soll Ihnen jetzt den"kürzesten Weg zum Bodensee beschreiben. Ja oder nein? Mn I- .1« »««• -»I «->»- 6d>"'- ''■ÄS'Ä.«*,-;* stehe mich auch noch etwas auf die «la^ne • e;n scheinen WÄStf SföWW 'L.n. Später Schüler. Von Friedrich Schnack. Wie gut wanderte es sich! Die Wälder und Hügel schlugen grüne Tore für ihn auf. Wipfel winkten. Die ganze Welt schien auf der Wanderschaft zu sein. Vögel gaben ihm ein Stuck weit das Geleite. Wolken zogen mit. Ein Kirchturm mit Zwiebeldach reckte sich ubw e’ne gelbe Bodenwelle nach ihm und versank tn Sonne und Mittagsschlaf. Wenn er in der ländlichen Flur an Teichen oder kleinen Seen oor- übertam, malte er sich aus, um wieviel prächtiger und stolzer der große $ Mit den Gedanken war Silvester schnell dort — aber wanderte er ■ftt I. w°d< f-.«r ?"f »'"« sich befand. Aber der kürzeste schien es nicht $uJem. Um I«des kleine Waldstück machte er einen Umwog. Manchmal schien .er den Fasanen nachzulausen, die in den Wiesen und im Dickicht krähten. Es wurde halber Vormittag, als Silvester zur H?upth^ahe kam und dann auch bald in ein ansehnliches Dorf gelangte. Das Wirtchaus hieß ,Lum Landreiter". Der Wirt stand auch gleich da. Den fragte Silvester geradeheraus nach dem Bodensee. o„hr<>r frnnpn Der Wirt kratzte sich am Kopf. Da muffe er besser den Lehrer fragen, sagte er — oder: ob er vielleicht den Chiemsee meinte ? D^Leh/er"'halte gerade Schule ...„„Der Lehrer wird es schon wissen! Um die Ecke steht das Schulhaus. nibiae Silvester aina daraus zu. Durch ein offenes Fenster tonte die ruhig Stimme des Lehrers in den Hellen Dorffrieden. Von den vielen Kindes fiißen der Jahre waren die Stufen der Stemtreppen ausgetreten. I schmalen Hausgang an der ersten Tür Hopfte er. hoherxt die Von innen hörte er .Herein!" rufen, und da druckte er beherzt Cte RhBie Buben und Mädchen reckten die Hälfe als sie den! Landstreicher mit Koffer und Rucksack sahen, und manche lachen über den Eintreten ""iL'S LNÄ«r."L ->U-V°U-U° Frage ..." JK SWÄ* ,-ch bl- «ch -ul ».m W-, ,um „Wenn ich ein Vöglein wär Und auch zwei Flügel hätt, Flög ich zu dir ..." Bis hierher war es Silvester aus dem Herzen gespielt und gesungen. Dann tönte es weiter: „Da 's aber nicht kann sein. Da 's aber nicht kann sein, Bleib ich allhier ..." Di- zweite Liedhälste ging das tiefinnerfte Herz des Harmonika. ESEäEffiffite's für groß und klein war die Schule aus. Frau He-ekka. Bon Matthias Claudius. Wo war ich doch vor dreißig Jahr, Als deine Mutter dich gebar? Wär' ich doch dagewesenl — Gelauert hätt' ich an der Tür Auf dein Geschrei und für und für Gebetet und gelesen. Und kam's Geschrei — nun marsch, hinein: „Du kleines, liebes Mägdelein, Mein Reis'gefährt, willkommen!" Und hätte dich daun weich und warm Zum erstenmal auf meinen Arm Mit Leib und Seel' genommen. Und hätte dich dann weich und warm Mit Leib und Seel' auf meinen Arm Zum erstenmal genommen ... „Du frommes, liebes Mägdelein, Ich hab' dich sonst noch nicht gesehn, Willkommen, bist willkommen!" — Wie bist du, lieber Reis'gefährt', In deinen Windeln mir so wert! O werde nicht geringer! Du, Mutter, lehr' das Mägdlein wohl! Und wenn ich wiederkommen soll. So pfeif nur auf dem Finger." Oer glückliche Bruder. Von Per Schwenzen. Ragnar Pedersen war vergnügt. Er trommelte den Takt des „Sternenbanners" auf die Reling. Er strich sich den kurzen weißen Backenbart, den er nach der Art alter Amerikaner trug, jener festen, wortkargen Kanadier, mit denen er Schulter an Schulter gestanden hatte im Kampf um das Oedland, um Jagd, um Felle, um die ersten hundert, die ersten tausend Dollar, um den ganzen gesegneten Reichtum, zuletzt der herr- Uchen Silberfuchsfarm, die ihn über alle Sorgen gehoben hatte, an den Goldhimmel, den die Flagge der USA. dem Einwanderer zu verheißen scheint. Aver Ragnar Pedersen war nicht in USA. geblieben. Nordwärts war er gegangen, nach Kanada, dem Lande, das dem Skandinavier verwandt dünkt, Heimat der gleichen Zone auf fremden Kontinent. ,...^as Schiff ging durch die Schären des Hardangerfjords. Höher und hoher türmten sich die Felsen, immer schneller wurde die Durchfahrt, die engen Felsentore lenkten den Blick in immer wilder« Formationen, und ^st'n sich die Schneehäupter über die dunkleren Ringwälle der Ragnar Pedersen sog die Luft der Heimat ein. Allerdings sog er sie durch die kurze Shagpfeife, aber das machte sie nicht minder würdig! Er war ganz warm vor Freude trotz der Prise, die den Fjord kräuselte, er ging in den Rauchsalon und ließ sich einen Whisky bringen. Ach,' er konnte es kaum erwarten! Und was Olas sagen würde, wenn der Bruder Ragnar da unangemeldet ins Zimmer treten und die Kinder — ja Kinder sollte Olaf ja haben — beschenken und von seinem Millionen- vermogen in Kanada erzählen würde! Ragnar versuchte sich Rechenschaft darüber abzulegen, warum er sich dreißig Jahre lang nicht um seine Angehörigen in Norwegen gekümmert habe. Ja, wie war denn das eigentlich? Hatte er nicht an sie gedacht? Doch mitunter. Als er auf dem Konsulat den schwarzgeränderten UI}b b.en Tod der Mutter erfahren hatte, da hatte es ihn geschüttelt. Damals gmg er nach Alaska. Ein hartes Leben war das ge- Äh A°?d für Tränen. Die wären erfroren. Und dann kam viel eS f fr?m el1er Ehe. Nun hatte er die Seinen drüben in Kanada- war dort festgewachsen mit allen Fasern seines Herzens, und erst letzt, angesichts der heimatlichen Berge, fühlte er, daß eine tiefe Ber- undenheit ihn an das Land angeschlossen hielt, wie ferne er auch weilte. Und auch Olaf hatte niemals geschrieben... Was sie doch alles für seltsame Dickschädel waren, ganz verrannt in das bißchen Gegenwart gelber hatte sich ja geschämt, damals zu schreiben, als es ihm drüben so schlecht ging — da hatte er gewartet, immer wieder hatte er es hinausgeschoben, die Verbindung mit der Heimat aufzunehmen, nicht etwa wie ein Unangenehmes, nein, wie ein Lest, das noch reifen will. mnrLn xn Tr Angst gekommen, er könne vielleicht zu lange warten, der traurige Brief auf dem Konsulat war ihm eingefallen und er hatte sich auf die Reise gemacht, um Olaf und seine Familie hinüber m t ^nn b£& ^laf noch in dem kleinen Fischerdorf im Bärenfjord 9nnf i n!n«f^mi le l'rlb seinen sechs Kindern, soviel hatte er durch das Konsulat erfahren, und auch das noch, daß Olaf mitunter fehr hart 3u kam;sien gehabt habe, um seine Familie zu erhalten. Ragnar rieb sich feme Augen spielten gütig-verschmitzte Falten, er war 9 “ff- und Berechchast, vom Wirbel bis zur Sohle ein Bruder .. (, 'a, e Kinc Ankunst erst von der nächsten Station aus mitqeteilt. 0^r fieberte wie ein Kind, als die Häuser des kleinen ^seimaiortes in Silhouette des Bergkegels, die weiße, gewundene Linie des Wasserfalls waren dieselben geblieben. Der Ort war gewachsen Ein peuer roter Schuppen stand am Kai, und die Landungsbrücke war be- ,Mutend vergrößert worden Ragnar drehte nervös am Feldstecher. Wer unter diesen sonntäglichen Nocken war sein Bruder? Aattp er hip seine sechs Kinder mit? Nein? Er h'atte jetzt die riW BrennsKrfe festgestellt, die Gläser geputzt. Drei Männer kamen In die engere Wahl, i einer davon mußte Olaf sein. Das Schiff legte umständlich an, die Trossen : klangen, das Spill ratterte, bis der schwarze Bauch des Bootes an die Psähle drückte, daß der Schuppen zitterte und die Leute aus dem Steg zu wackeln schienen. Ragnar ging die Landungsbrücke hinab und sah sich um; Menschen grüßten und umarmten sich, wohlbekannte Augen tauchten ineinander. Der rote Postkasten wurde am Bordsteg aufgestellt. Allmählich wurde es leerer. Erst ging der eine, dann der zweite der drei Männer, die er in die „engere Wahl" gezogen hatte, mit einem Ankömmling fort, der dritte j wurde, hoch von der Kommandobrücke, vom Kapitän angeprait: „Hallo Jversen, Sie haben Kabine 17!" — Jversen ging an Bord. Wo war Olaf? Da —? Ja, da kam ein Mann, grau, ein wenig gebeugt, mit einem Strauß Blumen in der' Hand. Er suchte gleich ihm, seine Augen schweiften in die Runde. Ragnar ging auf ihn zu: „Bist du es, Olas?" „Ragnar?" Und bann erkannten sie einander, an diesen Augen die sie von der Mutter hatten, zuerst. Ja, im Gedränge sieht man keine Augen, wenigstens nicht die eines Bruders.....Was hast du denn um Himmels- willen da in der Faust, Olaf?" „Ach Gott, Ragnar, die Blumen. Anna — das ist meine Frau — wollte es absolut. Sie hat sie für dich ae- pflückt." Dann gingen sie heim. Und Olaf sagte unterwegs: „Höre, Ragnar, «s ist gut, daß du zu mir kamst. Es ist nicht gut, in die Fern« schweifen, da bringt man es zu nichts. Du bist doch kein Junge mehr..." „Nein, du aber auch nicht ", verteidigte sich der Aeltere. Aber Olaf spann seinen Faden weiter, unermüdlich wie eine Spinne: „Dreißig Jahre bist du stumm geblieben, die ersten zehn Jahre, als du noch in Neuyork in der Fabrik arbeitetest, hast du noch geschrieben. Warum? Weil es dir gut ging, weil du feste Stellung hattest. Und dann begann natürlich ein Wanderleben Sage mir gar nichts, das mag fein Gutes haben, aber das Ende ist nun, daß du reumut’ig in die Heimat zurückkehrft. Erzähle, erzähle mir alles, was es auch fei Haft du nichts als dein Köfferchen da? Ah, du sollst es gut haben. Ich habe es zu etwas gebracht, ich habe drei Kühe und vier . Ziegen. Der Obstgarten im Windschutz des Möoensteins ist ein gesegnetes Stuck Erde Du kannst hier wohnen, solange du willst. Meine Frau freut sich io darauf, dich kennenzulernen, und meine Kinder, hahaha, sie glau- den, du hattest für jeden ein Schaukelpferd mit! Sieh, das ist mein Haus!! Sie traten unter das niedrige Dach des schweren Blockhauses. Ragnar umarmte Anna, das war nicht leicht, denn Anna war klein und rundlich und Ragnar lang und dürr. Dan nahm er alle sechs Kinder bei der Hand, lernte ihre Namen und strich ihnen über das Flachshaar Man ging zu Tisch. Olaf war ganz glücklich. Er regierte alles, Frau, Kinder, den brüderlichen Saft, Suppe, Braten und Speise, alles mußte neu placiert, serviert und die Blumen beiseite gestellt werden, damit er oesser sehen könne, wie es Ragnar schmecke. „Hau ein, mein Lieber!" jagte er und goß Ragnars Glas so voll, daß es einen Rotweinfleck auf Mutters weißer Decke gab... Nach dem Esten mußte Ragnar die Tiere besehen und befühlen, den Garten bewundern, und vor allem das Bootshaus, das Olaf selbst ge- ?kn^rLf,atte' *lnb ouf der Fischereibank hatte er noch ein Konto von 10 000 Kronen, die auf Annas Namen bei der Sparkasse lagen. Oho! Es wurde die Leute noch staunen machen! Und das Schönste an dem ganjen Segen war, daß jeder Oere verdient war. Nicht wie bei Lore stn, dem Backer, der in der Staatslotterie 50 000 Kronen gewonnen vaste — das wäre nichts für einen Mann wie Olas Pedersen —, kein Gluck wolle er vom Himmel, nur daß Gnade ruhe auf redlichem Der- tnenft! Und wenn es goldene Eier regnen würde, er würde sie Stück für ©tuet wieder in die Wolken zurückwerfen und den verschwenderischen Himmel mahnen: Sperr deine Glückshenne ^n, aber lass' es bitte sehr auf meinen selbstgepflanzten Rhabarber regnen! — . Beim Abendessen, wie Olaf (aut und fröhlich anordnete, welcher Käse letzt dran käme, und wieviele Waffeln ein jeder vertragen könne, begriff Jiagnar, daß er eine große Gefahr für dieses vollkommene Glück bedeute. Und schweren Herzens unterdrückte er den heißen Wunsch, mit der qlück- Uchen Wahrheit, den anderthalb Millionen Dollar und den prächtigen Silberfuchsfarmen herauszurücken. Er war auch nicht böse, daß Olaf in leinem Eifer, fein Gluck und seine Habe zu zeigen und ihm alles Gute dieser Erde anzutun, vollkommen vergessen hatte, einiges Interesse für miL beS ®rub«»aLu Zeigen. Er hatte sich nicht nach Ragnars Fa- milie, Vermögen, nach seinen Planen und dem Grund der Reise erfun- .gutmütigen Eitelkeit hatte er sich sofort als Helfer in Der Slot gefühlt, sein kleines Leben und Wirken dargestellt, gelobt und ge- p/'esen, Ragnar suhlte, daß Glück und Güte oft kleinen Umkreis haben, ür fürchtete, einen Schatten auf diesen kleinen Sonnenslecken zu werfen, wenn er die Segel seines Glückes aufspannen würde. Zweifel an der eigenen Kraft, em versteckter Neid, zumindest das Unvermögen, hilfreich und überlegen zu sein würden das kindliche Herz des einfacheren Bru- mThS ? s ?nnn.a ’1)n endlich nach seinem fernen Heim, nach ^x3 0 frQ0tc' kratzte, er sich verlegen am Kopf „Na , sagte er, „Das Billett war teuer, aber Da es eine reine S* w°r, euern glücklichen Wohlstand zu sehen, so werde ichs im Ä Lb,a^r Mit Freude zu eriparen wissen, und Mary, meine & ? ?lm „unb Tom werden mir gerne Helsen, wenn ich so gute Macyncyt bringe. r,?^8 s'ch bIr 8!^kiche Olaf auf den Schenkel und verkündete: fSn r^U58l' r?‘r b>e. Rückfahrt." Und obgleich Anna einen KArnnP^E.. zurück. Er hatte sich eine große Freude versagt um em bescheidenes Gluck nicht zu stören. Und sein Gewissen DiÄ« für axUe Fälle ein Testament machte, in dem auch Die feche Kinder Olafs standen, jedes mit einer Zahl, groß genug, um einem glücklichen Bruder Den Schlaf zu rauben. 8 08 8 Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. - Druck und Verlag: Drühlfche Univerfitätsdruckeret A.Lange, Gießen.