Jahrgang <958 Montag, den April Nummer 27 Generalkommando, daß ih angreifen können, wißt ich aus- Die Nacht ist fast still. Freund und Feind haben das Schießen aus dem Boden rrt und kann Man ganz alles Tropfen brauchte nach der es gesagt. „Es hilft nichts", war die Antwort, „wir muffen die Russen hier festhalten und über die Weichsel zurückwerfen, sonst ziehen sie vor uns Kräfte ab und werfen sie weiter östlich gegen die Oesterreicher." Du hast nicht geweint, kleine Lexe, du hast gesagt: „Ich bin glücklich, Bernd." Ein Kopf hob sich mühsam um wenige Zentimeter: kein Blut war im Gesicht das verzerrt war von Schmerz. Bernd Sekunden, ehe er die Züge erkannte. Er kniete nieder, faßte Hand, die schlaff und kalt neben dem Körper lag. „Engstedt", jagte er erschüttert, „Gras Engstedt ..." „Ich habe einen Briefen der Brusttasche, Wallnitz. Der muß sicher befördert werden. Ziehen Sie ihn "raus." Stoßweise kamen die Worte, geflüstert warep sie, kaum verständlich. Mit zitternden Händen tastete Bernd nach der Tasche. Der Rock war geöffnet, er fand den Brief. Engstedt atmete schwer. „Nee, Wallnitz. Ich weiß Bescheid. Mir man nichts vormachen. Bauchschuß. Aus. Erledigt. Das ist vorbei. Muß an was anderes denken jetzt. Damals im Schloß, wissen Sie noch?" „Nicht soviel reden, es strengt Sie an." „Schadet nichts mehr. Sie hatten schon recht damals. Ich war rnanch- fial ein Schweinehund." Bernd trägt Lexes letzten Brief neben ihrem Bild und jetzt auch neben dem und der adressiert ist: „An Frau Grä vor Geschütze gespannt, Kolonnenfahrzeuge wurden aus Schuppen gezogen, wo sie lange Friedensjahre still bereitgestanden hatten, nun wurden sie voll Munition gepackt, die aus den Depots anrollte. Alles, wie es der allmächtige Mobilmachungskalender vorsah. Am achten Mobilmachungstage aber stand ein Zug da und führte mich davon. Auch fein Regiment steckt da vorn im Sumpf. Der Major von Ar- Husen hat ihn angeschrien: „Seid ihr denn wahnsinnig geworden beim Generalkommando, daß ihr uns hier in den Mist reinjagt? Daß wir angreifen können, wißt ihr ja wohl, aber dann müssen wir auch was zum Angreifen haben. Hier zieht uns der Modder die Stiebeln aus, und wenn wir vor wollen, bleiben wir im Morast stecken, daß uns der Russe abknallen kann, als ob wir Schießscheiben wären. Sagen Sie das den hohen Herren da oben." „Danke", sagte die Stimme. „Erst wenn die Feldpost wieder sicher ist ... ja ..." „Gewiß, Engstedt." Bernd versuchte zu trösten: „Es wird noch gut werden ..." waisyaus >>anirow pcu oas weneraikommando am Morgen seinen Gesechtsstand bezogen: es ist das einzige Steinhaus der ganzen Gegend. Zwei Stunden später ist der Generalarzt gekommen und hat gebeten, ihm ein Zimmer zu Lazarettzwecken abzutreten, wieder eine Stunde später hat er drei Räume gefordert und kurz nach zwölf Uhr mittags das ganze Gebäude. Der Stab ist in eine Scheune gezogen. Ehe Wallnitz abritt, hat ihn der Generalarzt beiseite gezogen. „Es will Sie jemand drüben bei uns sprechen. Haben Sie fünf Minuten Zeit? Da lagen sie nebeneinander auf Stroh, Berwundete: Mannschaften und Offiziere, wie sie gebracht worden waren: sie waren alle schon verbunden, sie schrien nicht mehr, sie waren meist stumm, nur einzelne, die den Schmerz nicht ganz unterdrücken konnten, wimmerten leise. Es roch nach Karbol und Medikamenten im Raume. In einer Ecke brannte eine Petroleumlampe. Ein Arzt führte Bernd durch die Reihen, er zeigte auf einen der Verwundeten: „Da!", Dann wandern die Gedanken andere Wege. Fünf Tage hat er Lexe nicht schreiben können, sonst hat er jeden Tag wenigstens ein paar Zeilen geschrieben, aber jetzt war keine Zeit: Gefecht auf Gefecht, Kampf um Kampf. Seit vierzehn Tagen hat er keinen Brief von Lexe erhalten: die Feldpost steckt irgendwo hinten im Dreck, die wenigen brauchbaren Wege müssen für wichtigere Fahrzeuge freigehalten werden: Munitions- kolonnen, Verpflegungskolonnen, Sanitätskolonnen. Ein verfluchtes Land, dies Polen. Und ein zäher Gegner, der Russe: er beißt sich in dem Boden fest und ergibt sich erst, wenn man ihm das Bajonett auf die Brust setzt. Im Gutshaus Janikow hat das Generalkommando am Morgen seinen Herz lm ÄW Roman von Hans-Eafpae von Zabeltitz Soptzrtght by Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 13. Fortsetzung. Kleine, liebe Lexe. Vier Tage waren wir verheiratet, eigentlich nur vier Abende und vier Nächte, kleine Lexe, denn tagsüber war Dienst, Mobilmachungsdienst: ein ganzes Armeekorps wurde 1 ' gestampft, ein Reservekorps: Männer strömten zusam: Er kann nicht traben, der Boden ist zu tief und schlammig, das Pferd zieht an ledern Schritt. Er hat keine Eile. Er hat gesagt: Ich furchte, ich werde den Befehl nicht rechtzeitiß übergeben können. "Ich kenne den Weg ich bin ihn zweimal heute geritten. In der Nacht ist kl ^m Wetter in drei Stunden kaum zu schassen." - „Es muß ne* werden , hat der Ches des Stabes erwidert. „ wird werden wenn er den Befehl rechtzeitig abliefert, so daß er noch bis in die vorderste Linie vordringen kann? Die braven Kerls werden, wenn die Zeit da ist, aus ihren Löchern im Sumpf aufstehen unb lobzusturmen versuchen: es wird aber kein Stürmen werden sondern ein Vorqualen durch den Schlamm. Drüben werden die Maschinengewehre in die Finsternis hineinrattern. Zehn Schritt Boden werden ae- wTnmT,!en' j£er un\ ba vielleicht fünfzig, vielleicht sogar hundert. Aber aus diesem Weg werden viele liegen bleiben; und weichen wird der *nu||e nicht. 5ßaUniö Öat gelernt: Befehl ist Befehl. Man hat nicht zu fragen: "Ist er richtig, ist er falsch?" Man hat zu gehorchen. Daran erinnert "sich- Er versucht es noch einmal. Er nimmt die Zügel auf, legt die n-ant.bl5 Sporen, und der brave Gaul gehorcht: zwei Schrrtte Trab, drei Schritte Trab — es geht nicht ’ 4 Moor ist unter Wallnitz. s sitzt ab mit der Taschenlampe leuchtet er nach rechts und links: oa stehen die Stamme des Hochwaldes, einer wie der andere. Er leuchtet auf den Boden: eine nasse schwarze Fläche, wasserbedeckt, Pfütze au Der Kürassier, der ihn begleitet, ist gleichfalls abgesessen. „Sliid wir überhaupt noch auf dem Weg, Finke?" 'M Staub’ schon, Herr Hauptmann." Er zeigt auf ein langgestreckte» Wasserloch. „Das ist wohl 'ne alte Wagenspur " „Wir müssen es schaffen, Finke!" „Jawohl, Herr Hauptmann, aber es ist man kein Vorwärtskommen in dem Mist." „Aber Engstedt." „Schadet nichts", sagte er wieder. „Bin nur ehrlich. Muß man fein »t. Wissen Sie, noch einmal Musik, noch einmal Tanz, Frauen. War ganz schön ... ist lange her, sehr lange." Er machte eine Pause. 05 stand etwas wie ein Lächeln um die verkniffenen blutleeren Lippen. '■Mber heute, war auch schön. Wie ich vorritt und als erster die Russen hnter der Höhe sah. Dann schoß ein Luder. Aber meine Meldung hab' ch noch geschrieben. Trotz der Kugel im Bauch." Der Atem quälte sich deisend aus der Brust. „Nun gehen Sie man, Wallnitz, Sie haben j>! tun." Bernd drückte die schlaffe Hand. „Mut, Engstedt. Nur den Mut nicht otrlieren." „Der Brief. Nicht vergessen. Sicher befördern." Vorsichtig trat Bernd zurück. Er sah noch einmal auf den Sterbenden. Ler lag mit gefchlossenen Augen, ganz friedevoll. Langsam reitet Bernd. gestampft, em Reservekorps: Männer strömten zusammen, kleideten sich in Feldgrau, nahmen Gewehre in die Hand, bildeten Kompanien, Regimenter: Pferde wurden von Pflügen und Geschäftswagen gefchii vor Geschütze gespannt, Kolonnenfahrzeuge wurden aus Schups sie lange Friedensjahre still bereitgestand I Munition gepackt, die aus den Depots in der Brusttasche bei sich. Er steckt t Brief, den ihm Engstedt gab, und der adressiert ist: „An Frau Gräfin Engstedt aus Larisch, Oberschlesien." Das ist seine Mutter. Sie wird nun bald schwarze Kleider tragen müssen wie viele, viele Frauen daheim. Lexe schreibt — der Brief ist vom 20. September —: „Ich pflege noch im Lazarett: aber- Mutter meint, ich sollte es nicht mehr tun, denn — Bernd, ich wage es kaum niederzuschreiben — ich bekomme vielleicht ein Kind, ein Kind von dir, du lieber, ferner, großer Mann. Es ist noch nicht ganz sicher, sagt der Arzt, aber ich fühle es, mein Herz sagt es mir. Ich habe es jetzt schon lieb, weil es doch dein Kind ist." Bernd kennt die Sätze auswendig. Er sagt sie sich vor. wenn er nachts , --Wir wollen eine Weile laufen, Finke, damit die Pferde sich ruhen können. Vielleicht geht's dann." „Gut, Herr Hauptmann." Bernd sieht auf die Armbanduhr. Die Leuchtzeiger stehen auf eins. In zwei Stunden soll der Angriff sein. JJie vcacyt i|t säst still. Freund und Feind haben das Schießen eingestellt. Nur ganz selten flackert weit links Maschinengewehr- ober Jn- fanteriefeuer in kurzen, nervösen Stößen-auf. Quatschenb im Modder quält sich Bernd vor. Bis über die Knöchel sinkt er bei jedem Schritt ein. Selbst wenn ich wollte, denkt er, es ginge nicht. Unb bann: Gott sei gebankt, daß es nicht geht. Viele werden leben bleiben. GiehenerLamilienbMer ________Unterhaltungsbeilage zum Siebener Anzeiger auf einer Schütte Stroh liegt, wenn er durch dies Land Polen rritet, | wenn er den Donner der Geschütze oder das Singen der Kugeln hort. Er mutz sich manchmal sehr stark machen, wenn er ins Strichfeuer der russischen Maschinengewehre kommt oder über Höhen reitet, aus denen Granaten zerstieben. Er hat keine Furcht gekannt, als sie vor Namur zwischen den Forts durchbrachen, als sie in Ostpreußen über die Alle stürmten, als ihn bei Opatow im Rücken des Feindes eine Kosaken- patrouille hetzte. Jetzt denkt er plötzlich: Mein Kind, und muh die Zahne zusammenbeitzen. Der große Friedrich wußte wohl, warum er es nicht wünschte, daß seine Ofsiziere heirateten. Nein, Lexe soll nicht mehr pflegen; er hat es ihr geschrieben. Sie soll nicht mehr dies Schreckliche sehen: die Wunden, das Blut und das Sterben sie soll fort von Berlin, soll nach Waldhausen oder noch besser: nach Dapper. Vater wird gut zu ihr sein, und Mutter wird sie pflegen. Der Boden unter seinen Füßen wird ein wenig fester. „Wir wollen wieder aufsitzen, Finke." Jetzt geht es, sie traben. Und der Regen, der Regen fallt. Kurz nach zwei Uhr erreicht Bernd den Brigadestab. Er liegt an einer Waldecke unter ein paar zwischen den Bäumen gespannten Zeltbahnen. Der General liest den Befehl >m Schein einer Taschenlampe. ,Zst das Ihr Ernst?" fragt er. — „Es ist Befehl des Generalkommandos." — „Dann melden Sie Ihrem Kommandierenden General, daß es mir unmöglich ist, den Befehl in der gegebenen Zeit so nach vorn weiterzuleiten, daß seine ordnungsgemäße Durchführung gewährleistet ist. Ich habe keine Fernsprechverbindung mit den Regimentern, die Strippen sind zerschossen. Und wenn ich welche hätte ..." Wallnitz unterbricht ihn: „Das ist auch meine Ansicht, Herr General." — „So sagen Sie das Exzellenz von Lassow." — „Das werde ich tun, Herr General." Bernd reitet ab. Wieder hinein in die Nacht, wieder hinein ta den Regen. Ihm ist leichter ums Herz. Biele werden leben bleiben. Plötzlich dröhnt vom linken Flügel der Front knatterndes Gewehr- seuer und gleich daraus beginnen die Geschütze zu bellen. Bernd hält den Gaul an. Drei Uhr, denkt er. Jetzt greifen sie dort an, wo andere den Befehl hinbrachten. Er lauscht, er weiß: das Feuer kann nicht lange währen, denn der Angriff muß sterben, fast ehe er begonnen hat zu leben. Hab' ich recht getan, daß ich so langsam ritt, daß ich es nicht zwang, nicht versuchte zu zwingen? Hätte der Angriff drüben gelingen können, wenn er auch hier losgebrochen wäre? Er horcht in die Finsternis der Nacht hinein. Sein Herz schlägt unruhig, angstvoll. Schon wird der Lärm des Feuers schwächer. Mißlungen! Bernd weih es. Mißlungen dort, wie es hier mißlungen wäre. „Weiter, Finke", ruft er. Und dann nach einer Weile — er muß es sagen, dem einzigen Menschen, der in seiner Nähe ist, denn es preßt ihm fast den Hals zu —: „Wir haben heute eine Schlacht verloren." Sie müssen von der Weichsel zurück. / Bernd hat am Morgen des 13. Oktober seine Meldung gemacht. „Ich bin zu spät gekommen, ich hätte schneller ..." General von Lassow ließ ihn nicht ausreden. „Es ist gut. Ich will nicht mehr hören. Es hat auch so genug Opfer gefordert. Aber wir haben zwei russische Korps festgehalten. Sie sind nicht umsonst gefallen." Berklow ist geblieben uhb Renkhausen auch, die beiden Freunde. Und mancher andere, der damals mit am Karnin im Kasino saß, als die Worte vorn armen Adel fielen, der nicht zu gebrauchen fei. Die Regennacht von Janikow frißt in Bernd weiter; sie würgt wie eine Schuld in ihm. Er geht zu feinem unmittelbaren Vorgefetzten, dem Chef des Stabes. „Ich bitte um meine Verwendung in der Front, Herr Oberst." — „Reden Sie keinen Unsinn, Wallnitz." — „Es fehlt an aktiven Offizieren in meinem Regiment, Herr Oberst, fast alle sind gefallen oder verwundet." — „Ich weiß, was Sie drückt, Wallnitz, Ihr Ritt in der Nacht an der Weichsel. Wir tragen alle unsere eigene Verantwortung in uns. Was Sie mit dieser voll decken können, braucht Sie nicht zu belasten. Und dann: glauben Sie, daß wir uns die ausgebildeten Generalstäbler aus dem Nichts holen können? Wenn Tausende zu Helden werden, ist es schwer, auf Mut, auf Taten verzichten zu müssen, aber wir müssen es lernen. Ich würde auch lieber ein Regiment vorne sichren, als hier hinten Befehle schmieden. Aber hier bin ich hingestellt, weil ich für diese Arbeiten ausgebildet wurde. Wir sind nicht so schnell zu ersetzen. Wir haben unsere Arbeit zu leisten und dürfen die Nerven nicht verlieren. Ich hoffe, Sie haben mich verstanden." Im November, als der Rückzug beendet ist und sie wieder dicht an der schlesischen Grenze stehen, kommt Ersatz aus der Heimat, um die zu- sammengeschostenen Reihen der Regimenter aufzufllllen. Die Züge führen ihn bis Czenftochan vor, wo der Stab des Generalkommandos liegt. Die Tür von Bernds Arbeitszimmer öffnet sich. Bernd, der Truppenbewegungen in eine Karte zeichnet, blickt auf. Ein Offizier in der Uniform feines Regiments steht vor ihm. „Conradi" ruft er. Die Brüder liegen sich in den Armen. „Wo kommst du her, Conrad?" Der andere lacht. „Von Berlin, mein Junge. Ich habe mich reaktivieren lassen. Das machen sie dort jetzt schnell. Sie fragen auch nicht weiter, ob man Schulden hätte ober ob Wechselchen umliefen." „Wie bist du denn 'rübergekommen?" „Mit falschen Papieren über Stockholm. Als Kohlenschipper. Es war keine Heldentat. Die Engländer haben mir meinen Berus geglaubt, als sie meine Hände sahen. Ich habe drüben auch nichts anderes getan. Brauchst gar nicht fo erstaunte Augen zu machen." „Cs ist dir nicht gut gegangen?" „Nee, mein Junge. Ihr wißt gar nicht, wie gut ihr's hier im alten Europa habt. Das Geld liegt drüben auch nicht auf der Straße, das bilde dir nur nicht ein. Ein Mistland ist das, [age ich dir. Einer hetzt den anderen. Schuften, schuften und wieder schuften heißt es. Und Gauner ribt's da, alle Achtung! Ich paßte eigentlich ganz gut hin, aber ich war doch nicht gerissen genug für die Kerle. Deshalb bin ich wohl unten geblieben. Aber ich wäre auch zurückgekommen, wenn ich nach oben getrudelt wäre. Den ersten Siegeskoller habt ihr ja nun hinter euch — was? Jetzt müssen auch so 'ne Kerle 'ran, wie ich einer bin." „3mmer noch bitter, Conrad?" „Glaubst du, ich wäre heiter geworden drüben? Irrtum, my boy. Ader Schaden habe ich nicht genommen, keine Angst. Ich habe keinen totgetolagen, und ich sause nicht mehr als früher. Stehlen kann ich auch immer noch nicht. Aber wie man einen Zug Infanterie übern Rinnstein führt, hoffe ich nicht verlernt zu Haden. Also zum Frontschwein wie ge- } Bernd sieht den Bruder an. Er ist breit und kräftig, fein Gesicht ift gebräunt, aber zerfallet und hart. Die Stimme ist rauh geworden, sie quetscht die Worte mit englischem Unterton. Bernd weih nicht, was er noch sagen soll, er denkt zurück: wie klein scheint jetzt, was damals un- Überwindlich schien: Spielschulden, Abschied. „Warst du in Dapper?" „Nein, mein Bester. Der Weg war mir noch ein bißchen zu weit, ver- stehst du. Aber eine Karte habe ich geschrieben, als sie mich wieder zum Leutnant gemacht hatten und ich beim Ersatzbataillon in der Chaussee- straße gütigst einrücken durste. Da tarnen sie gleich angefahren, Vater und Mutter. Das gab eine herrliche Versöhnungsszene. Wir haben sogar eine Pulle Schampus bei Habel getrunken. Sie hat mir ausgezeichnet geschmeckt. Es war die erste seit Straßburg, Anno dazumal. Drüben gab's nur Fusel. Die Alten lassen überdies grüßen. Es geht ihnen gut. Vater lieft die Kriegsberichte und weiß alles besser. Er hätte an der Marne die Schlacht gewonnen, und euer Rückmarsch von der Weichsel war auch Blödsinn. Zur Zeit ist er nicht gut zu sprechen aus die OHL. ,^aft du auch Lexe ..." , „Natürlich, mein Junge. Läßt dich grüßen, sehr sogar. Vernünftiges Mädel, flennt nicht, wenn man von dir spricht, wie Muttern, redet keinen Ouatfch wie der alte Herr. Hat mir gefallen. Gratuliere. Und Geld hat sie auch, habe ich gehört." „Das spielte keine Rolle, Conrad." „Na, geschadet hat's sicher nicht. Tu man nicht fo. Kinder, Kinder, «Md) wünsche ich allen fünf Jahre Amerika. So feste: Hafenarbeiter in Hoboken oder Treppenfcheuern in der Subway. Wenn alle Diplomaten in die Schule gegangen wären, den ganzen Krieg hätten sie nicht an- gedreht." Conrads Abteilung soll erst am nächsten Morgen zum Regiment weiterrücken. So können die Brüder den Tag über jufammenbleiben. Am Abend nimmt Bernd Conrad mit zum Essen beim Stabe des Generalkommandos. Er muh neben dem Kommandierenden General Platz nehmen, wie stets die Gäste. Die militärische Anrede in der dritten Person geht ihm nur schwer über die Lippen. „Ich muh mich an den äußerlichen Kram erst wieder gewöhnen, Exzellenz, entschuldigt er sich. Lassow winkt ab. „Den Kram brauchen Sie vorne nicht, vorn entscheiden andere Dinge." — „Will ich hassen, Exzellenz." Sie wollen viel von ihm wissen: von der Stimmung in Amerika, von seiner Flucht, von dem, was er in der Welt sah. Aber er ist wortkarg. Später, als der General und die Stabsoffiziere gegangen sind und nur noch die Jüngeren zusammenhvcken, wird er einmal sogar grob. „Kümmert euch doch um euren eigenen Kohl und laßt mich mit eurer Fragerei in Ruh. Was gestern war, ist Wurst, was morgen fein wird, darauf kommt's an. Habt ihr das noch nicht gelernt in eurem Krieg hier? Merkwürdig, drüben hatten wir das verflucht fchnell fpitz." Er trinkt heftig, er trinkt viel Bernd mahnt ihn, aber er lacht ihn aus. „Laß mich doch saufen, Junge, wer weiß, wie oft ich's noch kann." Schließlich find sie beide allein. „Nun noch ’ne letzte Pulle, Bernd, noch eine Schampus. Habt ihr Schampus?" Der Wein wird gebracht. Conrad hebt fein Glas.- „Prost Bernd." Er lehnt sich weit zurück. „Ist doch gut fo — wieder zu Haus, wieder Deutschland. Prost, Bernd." Seine Zunge ift nicht mehr ganz sicher. „Manchmal, weißt du, kriegte man das Heulen da drüben. War aber Ouatfch. Großer Quatsch. Sehnsucht. Kam immer nur, wenn fick) zwei Deutsche trafen." Er trinkt aus. „Schenk ein, Junge, schenk ein, ganz voll. Krieg ist gut. Kann euch gar nichts schaden. Ist mal aus mit dem Vornehmtum und dem Katzbuckeln und dem Angsthaben vor den lieben Vorgesetzten. Haben jetzt auch Angst, die hohen Herren. Kunststück, roenn’s schießt. Werdet viel lernen dabei, ihr seinen Hunde. Im Dreck lernt man fchnell. Ich kann ein Lied davon singen. — Prost, Bernd, sauf doch mit. Bist noch ein bißchen weich, Brüderchen. Rote Streifen an den Buxen. Oeneralftab. Große Sache. Aber nutzt nischi fürs Geben. Geh ruhig mal nach vorn, in die Schweinerei da. Wird fein wie in Hoboken, denk' ich mir." Er singt. „Da tritt kein anderer für ihn ein, auf sich selber steht er da ganz allein ... Groh^ artiger Kerl, der Schiller. Der wußte immer, worum sich's dreht . • • Wieder singt er: ;,Wer dem Tod ins Angesicht schauen kann, der Soldat allein ..." Seine Stimme kippt über. „Willst du nicht schlafen gehen, Conrad?" „Was ich fage: zu weich, mein Junge. Kannst nicht durchhalten. Schämst dich wohl. Scham ist schlimm. Fast fo schlimm wie Angst. Hab beides verlernt. Mußt du auch. Wovor'denn Angst? Vorm Tod? Nee — nifcht zu machen. Vorm Leben vielleicht — ja." Er legte beide Arme aus den Tisch und hebt sein Glas. „Nee — auch nicht", spinnt er den Gedanken weiter. ,,Geben ist schon. Geben ist der Sinn vom ganzen. Tod ist Unsinn." Er zeigt aus den Wein, in dem die Perlen höchsteigen. „Siehst du, fo: kuller — kuller — kuller nach oben. Dann pitsch -* aus. Prost, mein Junge." Die Flasche ist leer. „War schön", sagt Conrad. „Und jetzt — Krieg." Er steht aus und steht plötzlich wieder sest und grabe. Er reckt sich- „Das muß man können, my boy. Wenn du das kannst, immer kannst, bann schaffst bu's." (Fortsetzung folgt ) Aackt in den Alpen. Bon Hans Leifhelm. Silberwolken schwingen zart Ihren Reigen durch den Abend, Schattenpferde, lautlos trabend, Heben an die nächtige Fahrt, Gleiten weithin an den Hängen, Wehen durch die Fichtenkronen — Ferne rauscht es von Gesängen, Wo die Wassergeister wohnen. Im Gebirge sind erwacht Dunkle Stimmen aus den Steinen, Die sich fern und nah vereinen. Singend durch die Sommernacht. Und die Wälder stehen lauschend. Wenn die Tiefen sich verkünden, Wenn die wilden Wasser rauschend Strömen aus den Felsengründen. Namenloser Nachtgesang, Endlos durch die Täler schallend, Bon den Wänden widerhallend, Erdgebundener Stimmen Klang. Brandend schwillt es zu den Firnen — Heute wie am ersten Tage Braust empor zu den Gestirnen Des Gebirges dunkle Sage. Oesterreichische Alpenländer. Von Professor Dr. Karl Heinz Dworczak, Graz. Tirol und Kärnten. Wer die österreichischen Alpenländer bereist, wird überall diesen einen Eindruck bestätigt finden: alles, was Menschengeist erdacht und Menschenhand geschaffen hat, steht im engsten Zusammenhang mit der Natur und kann nur aus der Landschaft und dem Klima heraus erklärt werden. Diese enge Verbundenheit tritt dem Beschauer in gleicher Weise entgegen bei einer Stadt ober einem winzigen Dorf, einem vornehmen Palais ober einer armseligen Berghütte, einer großangelegten Fabrik ober einer verfallenen Hammerschmiebe, einer stattlichen Klosterkirche ober einer bescheidenen Kapelle in zweitausend Meter Höhe, einer modernen asphaltierten Autostraße ober einem steinig-holprigen Gebirgspsab. Aus ber Lanb- schaft heraus würbe Graz die verträumte Gartenstadt ber Pensionisten, Salzburg bie Stadt ber vielen schönen Kirchen und Festspiele, Innsbruck die romantische Alpenstadt der internationalen Touristik, Klagenfurt die Tochter des vielbesungenen Wörthersees. Aus der Landschaft heraus wurden Anmut, Weichheit und Duldsamkeit das Wesen der Bewohner der Ebene, Zähigkeit und Verschlossenheit aber das des Aelplers. Aus der Landschaft heraus erklärt sich auch bie ausgesprochen künstlerische Begabung bes Österreichers, sein Geschmack, seine Vorliebe für bas Unauffällige, sein feines Gefühl für Takt, fein Sinn für gleichmäßige, soviel als möglich geräuschlose Arbeit, seine treue, ja rährenbe Anhänglichkeit an alte Sitten unb Gewohnheiten. Ueberall finden wir Urwüchsigkeit. In ber Mundart, in alten Trachten und Gebräuchen, alten Liedern und Tänzen, überzeugtes Festhalten an ehrwürdigen Formen. Wie selbstverständlich sind die Provinzialhauptstädte hineingebaut — fast möchte man sagen „hineingezaubert" — in die herrlichsten Bergkulissen. Und selbst das österreichische Gasthaus, in dem mit einer gewissen Liebe und Andacht gekocht wird, ist aus seiner Umgebung herausgewachsen. Die Worte „Behaglichkeit und Ehrlichkeit" sind über seiner Eingangstür geschrieben. In Oesterreichs Kunst haben wir eine Kreuzung, eine Mischung verschiedener geographischer unb geschichtlicher Einflüsse zu erblicken. Wir sinben Denkmäler im romanischen Stil unb solche ber Spätgotik wie bie zauberhafte Franziskanerkirche in Salzburg. Die Barock-Kultur Oesterreichs aber, bie so ganz Musik ist unb so viel von theatralischem Schwung ausstrahlt, die sich an unsere Seele, an unser Herz wendet, sie ist ebenso innig wie leidenschaftlich unb verrät eine fast kinbliche Freude am Schmuck. Man sehe sich auf das hin nur einmal die prachtvollen Bibliotheksäle unserer Klöster (so im steirischen Stift Admont) an. Freude am Schmuck spricht auch aus wohlklingenden Namen der Siedlungen und Flüsse, der Berge und Täler. Grün, weiches Grün herrscht vor in ber österreichischen Lanbschaft, wenn es gegen bie Ebene geht. In Oesterreich gibt es ja über brei Millionen Hcklar Wald, was 38 v. H. seiner Gesamtfläche ausmacht. Dunkel und trotzig dagegen wirken die Berge des Urgesteins auf den Beschauer. Auf-alten Salz- und Eisenstraßen, mit interessantem geologischen Stufenbau, auf Straßen, die zum Teil von den Römern angelegt wurden geht es, an modernen Papierfabriken und elektrischen Turbinenanlagen vorbei jn die einzelnen Täler hinein, von denen jedes seine ureigensten charakteristischen Eigenschaften hat. Schon auf dieser Fahrt begegnen uns als Folge der bedeutenden Höhenunterschiede Hunderte von Wasserfallen, die einem einzigen großen Naturwunder gleichen. Und wenn wir hören, daß von den vorhandenen 3,7 Millionen Pferdekräften 1,7 Millionen zur Ausnützung geeignet sind, können wir uns einen Begriff von der wirtschaftlichen Bedeutung der österreichischen Wasserkräfte machen. Die Straßen in den österreichischen Alpenländern verlausen meist längs ber wasserreichen Flüsse, bie es zufolge bes starken Gefälles immer eilig haben unb in beren halb btaugrünem, balb weißlich-grauem Wasser sich Forellen unb Aeschen, Huchen unb Hechte tummeln: bie österreichischen Alpen- länber sinb das gelobte Land für Sportsischerl Die zahlreichen Berg- und Talseen aber erzählen uns, wie jung diese Landschaft geologisch eigentlich ist. Vom Bodensee, dem 538 Quadratmeter großen „Schwäbischen Meer" mit den interessanten Resten von Pfahlbauten, bis zu ihren letzten Ausläufern bei Wien durchziehen die Ostalpen Oesterreich, die eine mächtige Wind- und Wetterscheide Europas bilden. Einheitlich und In sich geschlossen ist bie zentrale Urgkblrgszone, an bie sich die nörblichen unb süblichen Kaltalpen anschließen. Die höchsten Erhebungen weisen Tirol unb Kärnten mit ihren schneebebeckten Ets- gipfeln auf: Die Oetz- unb Zillertaler Alpen, bie Hohen Tauern mit bem Grohvenebiger (3660 Meter) unb bem Großglockner, ber mit feinem 3798 Meter hohen schlanken Horn ben höchsten Gipfel Oesterreichs darstellt. An seinen 31,5 Kilometer großen Pafterzengletscher und den seltsamen hochgelegenen Ufermoränen führt jetzt eine kühn angelegte, aber bequem fahrbare Autostraße heran, von der aus man ohne Anstrengung die Wunderwelt bes Hochgebirges genießen kann. Die öfter* reichischen Alpen enthalten wahre Prunkstücke von glazialen Formen, zerhackten Eistreppen, unheimlichen Eisfalten unb Gletscherspalten, Mittelmoränen und Kartreppen mit prachtvollen kleinen Seen. Der Reichtum an gegensätzlichen Eindrücken ist ungeheuer: steil abfallende Felsmauern unb schroffe Grate, eiserfüllte Mulden, gähnende Schluchten und Abgründe, weißglänzende Firne. In den Oetztaler Alpen allein gibt es; zwanzig Talgletscher. Auf weiten Almen weidet das Vieh, wir vernehmen bis in die höchsten Hohen hinauf die anheimelnde Melodie der Kuhglocken und die von „Jodlern" gekrönten Lieder der Hirten und Sennhüterinnen. Vis in 1900 Meter Höhe find unsere Alpen besiedelt und die mit Steinen beschwerten Holzdächer der schmucken Bauernhäuser, die farbensatten Bergblumen, die süß duftenden Heuschober und einfachen Stege über den tosenden Gebirgsbäche geben der Landschaft ein in sich geschlossenes einheitliches Gepräge. Wie schwer haben die Alpenbewohner mit dem Boden zu ringen! Unb doch reicht die obere Grenze des Getreidebaues bis 1300 unb 1400 Meter, im Oetztal sogar bis 1900 Meter. Dann aber werben die kargen kleinen Felder von ber Zirbelkiefer abgelöst, von zwerghaftem Krummholz, wie den Bergföhren unb Latschen, bie im Winter bie wuchtige Schneelast tragen müssen. In den einsamen Hütten der Hirten und Sennen herrscht fast neun Monate Winter. Noch etwas höher hinauf, unb wir sind im Gebiet ber nackten Felsen, bie noch stellenweise mit Moos unb Flechten bedeckt sind. Nach ihnen aber beginnen bie weiten, weißschimmernden Schneefelder, beginnt die Region des ewigen Eises. Auch diese können heute schon mit Seilbahnen leicht erreicht werden. Diese Zyklopenbauten ber Bergriesen halten Wache über bas Land; die achtundneunzig Gletscher der Ortlergruppe, schon in der Eiszeit geformt, sind ewige Denkmäler der österreichischen Alpenwelt. Steiermark. Aber nicht nur Tirol, das trotz seiner Pässe von außen so schwer zugänglich ist und dessen fteiheitliche Bauern deshalb ihre altftänbige Denkungsart, ihre Sitten, Trachten und alten Sonderrechte in Verfassung unb Verwaltung so zäh erhalten haben; nicht nur Tirol ist ein klassisches Land der Berge. Die Obersteiermark steht ihm an Schönheiten wild- zerrissener Felsengebirge unb poesieumslossenen Almlebens in nichts nach. Das 2996 Meter hohe, gewaltige D a ch st e i n m a s s i v bilbet bie vielbesungene Grenzwarte. Der übrige Teil (über bie Hälfte) der „Grünen" Steiermark, bie so oft ein Bollwerk gegen die Türken unb die anderen kriegerischen Einfälle des Ostens bildete, unb von ber aus in ben letzten Wochen ber erste Stoß gegen bas verräterische System Schuschniggs erfolgte, ber übrige Teil ist Wald, träumerisch stiller Wald, sind garbenschwere Felder unb Fluren, sind sanft wogendes Hügelland unb erntereiche Obstbäume. Auf ben saftigen Matten unb Halden weidet das berühmte steierische Vieh, bie Bergschnecken, bas Murbodner und Mürztaler Rind sowie bas weit unb breit wegen seiner Zugkraft geschätzte norische Pferd. Da gibt es prachtvolle Jagdgebiete mit Gemsen, Hirschen, Rehen und Auerhähnen sowie Flüsse, bie bem Sportangler ein wahres Parabies bebeuten. Im „Rauchstubenhaus" fingen bie Holzknechte unb -Jäger ihre uralten Lieder („Gstanzeln"), in den stillen Tälern hat sich noch ein altväterliches Leben erhalten. Sanftes Mittelgebirge zaubert dann Anmut unb Behaglichkeit über; das Heimatland Peter Roseggers, einsame Wege führen hügelauf, hügelab in Milde, in Heiterkeit und Sonne. Die schlanken Kirchtürme, die einen Dornröschenschlaf träumenden Schlösser, das Blumengold der Felder und Wiesen, der schone Frühling und der von Rudolf Hans Bartsch so oft besungene zauberhafte Herbst erklären die Wesensart des. Steirers, der sich im Waldfrieden seine Seele gesund erhalten hat, unberührt von aller Uederzivilisation. Der südliche Teil ber Steiermark aber ist bas Land der sonnigen Weinberge. Hügel reiht sich an Hügel, Wellenberg wechselt mit Wellental. Verträumte Häuschen ducken sich art besonnte Lehnen, Holzhäuschen, von einem morschen Bretterzaun umgeben, mit Blumen in ben kleinen Fenstern. Manchmal stehen ihrer zwei ober brei beisammen, gleichen kleinen Nestern, in denen man sich wohlig und geborgen fühlt. Die stoische Ruhe ber Brunnen, bie schmalen, von Gehöft zu Gehöft führenben Gehsteige unb bie sanft sich hinausfchlängeln- ben Höhenwege geben ein ganz eigenartiges Bilb, bas Behaglichkeit und ein gelassenes Sichbesinnen ausstrahlt und zum Verweilen einlabet Weich, ausgeglichen gleiten bie Reihen der vielen Kuppen an unseren Bücken vorüber; Blicke in die Fernen, in leuchtendes Land, in bie „süb- steirische Unenblichkeit" bie „bas segnenbe Ausbreiten ber Arme des Vaters" preist. Das Schweigen der einsamen Gipfel, der wohltuende Ernst der Koralpe unb bie Verträumtheit ber Bergbauernhöfe senden uns stille Grüße. In den Seitentälern, in denen es versteckte Winkel gibt, an welchen bie Gegenwart spurlos vorüberging, finden wir Einsiedeleien und bedachtsame Menschen, bie Beharrlichkeit unb Unberührtsein verkünden. Wenn wir dann bie verschwiegenen Wege verlassen, die durch Tiefeinsamkeit und beglückende Waldesdammerung führen, bringt an unser Ohr bas gleichförmige Dengeln ber Sensen unb bie melancho« lich-traute L'ylophonmelodie ber Winbränber (Klapotez), beren Klingklang der steirische Komponist Joseph Marx in seinen Liebern unb Symphonien eingefangen hat. An den Südhängen aber sonnen sich kostbare Weingärten, bie Reben ringeln sich an ben Stöcken unb goldgelbe (Barben« selber erzählen von Arbeit unb roirtenber Kraft. Wir sind in der Heimat des Schilcherweines. * Am Alpenrand aber, wie Salzburg, liegt Graz, die 150 000 Einwohner zählende Hauptstadt der Steiermark, zugleich bie zweitgrößte Stabt Desterreichs. Im Norden grüßen diese Stadt der Gärten die BergkuUfsen, nach Süden und Osten aber weitet sich der Blick in das Flachland, in die Ebene. Diese Stadt ist ganz Natur. In ihrer Mitte erhebt sich die Waldkuppe des Schloßberges mit seinen alten Festungsmauern, dem romantischen Glockenturm (von den Einheimischen „Liesel" genannt), und den Weingehegen an seinem Südabhang. Im Stadtpark turnen zahme Eichkätzchen auf den Schultern der Spaziergänger herum und knabbern Nüsse und Pignoli. Dem Kunstfreund bedeutet die Stadt ein kostbares Juwel: durch ihre alten Häuser und Höfe, durch den Renaissancebau der alten landesfürstlichen Burg mit ihrer gotischen Wendeltreppe, dem düsteren Barockbau des mittelalterlichen Zeughauses mit seinen 30 000 Ritterrüstungen, dem im Zopfstil gehaltenen Mausoleum des Kaisers Ferdinand HL, dem Glockenspiel und den zahllosen anderen Schönheiten, die wieder in Rudolf Hans Bartsch einen begeisterten Lobredner gefunden haben. Natur und Kunst in Oesterreich: sie sind unzertrennlich verbunden. Und wer sich die Mühe nimmt, sie aufzusuchen und zu verstehen, wird gern wiederkehren. Tag im April. Von Hermann Hesse. Wind im Gesträuch und Vogelpfiff Und hoch im höchsten süßen Blau Ein stilles stolzes Wolkenschiff ... Ich träume von einer blonden Frau', Ich träume von meiner Jugendzeit, Der hohe Himmel blau und weit Ist meiner Sehnsucht Wiege, Darin ich still gesinnt Und selig warm Mit leisem Summen liege. So wie in seiner Mutter Arm Ein Kind. Lopetzchen Eine Wiener Kindergeschichte von Bruno Brehm. Warum der Jüngste Lopetzchen heißt, weiß vielleicht nur die Mutter, wenn sie es nicht auch schon vergessen hat. Kaum konnte er lallens wußte er schon, wo alle Dinge zu finden waren: ein Kamm, eine Uhr, ^eine Füllfeder, ein Hut, ein Stock, ein Spiegel, eine Rasierseife. Wenn jemand etwas suchte, nahm ihn Lopetzchen bei der Hand, seine ruhelosen Fin- gerchen kribbelten, seine großen Augen funkelten, seine Füße, die immer viel zu große Schuhe trugen, tappten sicher ihren Weg. Mit seinem breiten Mund und den großen Augen sah er einen dann an wie ein kleiner Vogel, der auf das Futter des Lobes wartet. Erhielt er es, dann nickte er kurz, versagte man es ihm, dann lobte er sich selbst. Einmal kriecht Lopetzchen im Garten auf einem jungen Apfelbaum herum; der Vater sieht es, er tadelt Lopetzchen, das dürfe er doch nicht tun, das tue dem Bäumchen doch weh, wenn man die biegsamen jungen Acste mit den großen schweren Schuhen trete. „Gar nicht weh", widerspricht Lopetzchen, „tut dem Baum gar nichts". „Sehr weh", sagte der Vater, „horch mal zu: ,Du, Baum, tut es dir weh, wenn Lopetzchen immer so auf dir herumsteigt?' (und mit verstellter Fistelstimme, als Baum, gibt der Vater die Antwort:) ,Sehr weh tut mir das, Lopetzchen, sehr weh!' Lopetzchen runzelt die Brauen, prüft streng den Vater, prüft ernst den Baum mit je einem knappen Blick und sagt dann, daß er selbst den Baum fragen wolle: „Du, Baum, tut es dir weh, wenn Lopetzchen aus dir herumsteigt?" (Und ebenso in der Fistel, wie vorhin der Vater, antwortet nun Lopetzchen als Baum:) „Bleib nur schön oben bei mir, Lopetzchen, es tut mir gar nicht weh." Der Vater kratzt sich hinter dem Ohr, er schaut, ob Lopetzchen auf- trumpse, aber das Männlein tut gar nicht dergleichen, es schlürft in seinen zu großen Schuhen, zu denen es, damit sie passen, immer drei Paar Socken anziehen muß, zu feinem Roller hinüber und fährt, das linke Sein weit von sich streckend, schnell über ein Hügelchen hinab. Wieder ein paar Wochen später hat Lopetzchen von der Mutter einen Schilling bekommen, nicht zum Vernaschen, zum Aufheben, für die Sparbüchse. Eines Tages kommt er von der Straße herein und sagt traurig: „Hab ihn verloren, den Schilling." Sogleich schlägt der biedere ältere Bruder vor, mit Lopetzchen hinaus auf die> Wiese zu gehen und den Schilling zu suchen. „Wirst ihn nicht finden", wehrt Lopetzchen ab, „hab schon gesucht, ist nicht mehr da." Der Mutter fällt aber auf, daß der kleine Mann die Faust so fest ballt, sie fragt, was er denn darin halte. Lopetzchen öffnet arglos die Faust, da liegen auf dem kleinen Handteller neun warme Zehngroschenstücke. Wo das Geld her sei, will die Mutter wissen. „Hab ich auf der Wiese gefunden, wie ich den Schilling gesucht hab." Der ältere Bruder reißt den Mund auf über so viel Unverfrorenheit, aber Lopetzchen ahnt die Falle noch nicht, in die er nun tappt, wie die Mutter fragt, ob er beim Eis- tnann gewesen sei. „Dort steht er," sagt Lopetzchen, „soll ich dir ein Eis holen?" Und ob er sich für zehn Groschen ein Eis gekauft habe? „Vanilli und Erddeer", sagt Lopetzchen. „Ja, und dieses Geld", die Mutter deutet aus die neunzig Groschen, „das hast du nicht gesunden, und deinen Schilling hast du nicht verloren und deine Mutter hast du angelegen!" Da wird Lopetzchen über und über rot, schlingt der sich sträubenden Mutter seine langen mageren Arme um den Hals und flüstert: „Sag mir, woher du das alles so genau weißt!" Nebenan ist gleich der Kindergarten, in den Lopetzchen geht. Dort fetzt er sich neben Gretel, die junge Kindergärtnerin, erzählt ihr Geschichten und bringt ihr Blumen, die er sich selbst im Garten pflückt. Ein paar Beete aber muß er der Muster verschonen. Einmal aber kommt er zur Mutter gelaufen: „Weißt du, der Argo, der döse Hund, ist in deinen Alpenganen gerannt, ich hab'? ihm gesagt, aber mir folgt er ja nicht, das Scheusal." Lopetzchen führt sie hin, die Steinnelken sind ein wenig gerupft. Zwilchen den Steinen, im weichen Boden, sieht man aber nicht Argos Pfotenspur, sondern den Abdruck von Lopetzchens Schuhen. „Aber Lopetzchen!" sagt die Mutter, nimmt den kleinen Fuß im großen Schuh und stellt ihn in die Spur, „bas ist doch ein Abdruck von dir und nicht von einer Hundepfote." Lopetzchen fährt sich mit feinen zehn Fingern durch den Haarschopf: „Hab halt vergessen zu sagen, daß der Argo meine Schuh davongetragen hat, weil ich barfuß gewesen bin, grab noch im Maul hat er sie gehabt, wie ich ihn gesehen hab." „Weißt bu, mein kleiner Freunb", sagt bie Mutter, „wir werben bem Argo verbieten, baß er Blumen abreißt und sie ber Gretel bringt." Da wird das Lopetzchen über und über rot und schleicht sich verlegen davon. Nun aber soll Lopetzchen mit dem Kindergarten und der lieben Gretel in ein Ferienlager gehen, er freut sich schon sehr darauf, daß er zum erstenmal von daheim fort darf, er wird langsam ein kleiner Mann. Und wie der Tag nun näherrückt, an dem er in bie weite Welt hinaus soll, flüstert er ber Mutter ins Ohr: „Ich kann ja boch nicht nach bem Auhof fahren." Da nimmt bie Mutter ihn um ben Hals unb zieht ihn an sich: „Du kannst also boch nicht von mir fortgehen, mein kleiner, wilber Freunb!" Nun rollen auch schon über bie haselnußbraunen Wangen Lopetzchens bie großen runben Tränen, und da es stumme Tränen find, machen sie ber Mutter bas Herz ganz weich. „Hab' mich so auf ben Auhof gefreut", klagt Lopetzchen, „aber es geht halt nicht." Die Mutter tröstet ihn, nun werde er eben mit ihr aufs Land fahren. Aber sie will doch wissen, warum es auf einmal nicht gehe. „Es geht nicht", flüstert Lopetzchen, „weil lch mich noch nicht allein aufknöpfeln kann." — „Was denn aufknöpfeln?" — Da birgt Lopetzchen fein errötendes Gesicht an ber Brust ber Mutter unb haucht: „Du weißt es ja eh'." — Unb nun versteht bie Mutter unb muß ein Lächeln verbergen. „Ach so, wenn bu ba hinaus mußt?" — Lopetzchen nickt sehr ernst: „Wenn ich hinaus muh. Ich kann's halt nicht." — Die Mutter versucht zu trösten: „Da wirb dir halt bie Gretel helfen, es finb ja boch lauter so kleine Kerle bort wie bu." — Aber diesen Vorschlag lehrch Lopetzchen ab; er blickt ber Mutter ernst, fast streng in bie Augen: „Ja schon, aber bas geht boch nicht, weil ich ber Gretel jeben Tag Blumen gebracht hab'." — Die Mutter lacht: „O, bu kleiner, stolzer Kavalier, vielleicht lernst bu es noch bis zur Abreise. Dann wirst bu ein flottes Bursch sein, ber sich schnell wie ber Winb auf- unb zuknöpfeln kann." Währenb Lopetzchen also im Lager ist, fahren bie Eltern fort, unb wie sie Heimkommen, ist Lopetzchen schon ein paar Tage vom Auhof zurück. Unter ber Gartentür erwartet er bie Eltern, ertunbigt sich, ob sie ihm auch etwas mitgebracht haben, unb verrät bann, baß auch er ihnen seinerseits eine befonbere Ueberraschung, bie ihnen sicher sehr große Freube bereiten werbe, zugebacht habe. Er nimmt mit ber einen Hand bie Mutter unb mit ber anberen ben Vater, unb nun führt er bie beiben in bas Schlafzimmer ber Mutter. „Hier, bitte!" sagt er sto^z unb beutet auf einige Blätter Papier, die an der frisch getünchten Wand kleben: „Das hab ich für dich geschrieben!" Die Mutter besieht den Brief an der Wand, sie versucht ihn herunterzunehmen, aber Lopetzchen lächelt stolz, er versichert, daß dies nicht so leicht gehen werde, bas sei fest angeklebt: „mit Kleb- gummi, oben auf dem Schreibtisch ist er gelegen!" Unb nun kommt bas Mäbchen, sieht bie Bescherung unb sagt, bas müsse Lopetzchen gerabe vor einer Stunbe getan haben, als sie in ber Küche unten zu tun hatte. Ja, Lopetzchen ist nicht wenig stolz, baß ber Bries nicht heruntergeht, er hebt eine Ecke bes Papieres ein wenig hoch unb erklärt, wie er bas gemacht habe: „Das ist nicht nur so ein Papier, barunter habe ich noch ein wenig vom Schlauch bes Radreifens geklebt, damit es. besser hält." Er reißt an, er zeigt, daß der Brief festhält, er schreibt bas hauptsächlich bem Stück Schlauch zu. Denn er liebt bas Einfache durchaus nicht. Er hat sich eine Fliferve (Reserve) angelegt, einen Schub, in bem er Schrauben, Nägel, Gummistücke, ausgebrannte unb auch nicht ausgebrannte Glühlampen, Binbfaben, Wollknäuel, Knöpfe unb Glaskugeln aufbewahrt. Wer etwas sucht, wird es leicht, wenn auch nicht immer ganz, in der Fliserve finden. Aber damit der Vater nicht am Ende gekränkt ist, weil Lopetzchen ihm keinen Brief geschrieben hat, so führt er ihn jetzt, während die Mutter zwischen Aerger und Lachen ben Schaben besieht, hinaus in bas Arbeitszimmer. Dort kleben, allerbings ohne Schlauchzutaten, einige Briefe an ben Wänben, rote, blaue und gelbe, alle mit einer wirren Krickelkrackel- schrift bedeckt, unb in gehörigen Abständen voneinander. „B-i dir hab' ich nur Gummi genommen, Radelschlauch war keiner mehr ba. unb ben Schlüssel zur Kammer, wo bie Nabeln eingesperrt finb, bat mir bie Jtzi nicht gegeben." Nun, ber Vater begnügt sich mit ben einkachen an ber Wanb tlebenben Blättern, zumal ja Lopetzchen beteuert, daß sie auch lehr festhalten und nicht so schnell herunterfallen wie bie Blätter vom Ka- (ertber. Lopetzchens Hand mochte bei der Freude, eine Ueberraschung bereiten zu können, ein wenig gezittert haben, er scheint mit der KlebstaG- tube nicht immer richtig gezielt zu haben, denn rings um bie Briefe sind noch andere Spuren, bie auch nicht so leicht zu beseitigen sein werben. Einen Bries hat ber Vater an ber Wanb gelassen, ben grünen, benn in ihm, ober besser auf ihm, stehen, wie Lopetzchen versichert, bie al(cr= schönsten Geschichten, bie man sich nur ausbenten kann. Vielleicht wirb d-r Vater später noch oft biesen Brief betrachten müssen, wenn er die ®eh”lb mit Lopetzchen verlieren könnte. Denn baß man viel Gebuld mit dem kleinen Mann wird haben müssen, das weiß ber Vater schon heute. Mit bem Vater, ber ähnliche Dummheiten in Hülle und Fülle sein Leben lang gemacht hat, hat man sie nicht gehabt. Und vielleicht wird auch der liebe Gott diesen Bries dann und wann lesen und wissen, daß er diesen kleinen Mann beschützen muß aus seinem weiteren und vielleicht gar nicht so mühelosen Weg durchs Geben. Verantwortlich: Dr. Hans Thhrloi. — Druck unb DerlagtVrühlscheUniversitätSbruckereiR. Lange, Gieße».